Kapitel 101: purūravastīrthamāhātmyavarṇanam (brahmatīrtham)
Die Größe des Purūravas-Tīrtha (Brahma-Tīrtha)
König Purūravas erblickt am Hofe Brahmās die Götterflüssin Sarasvatī und lässt sie durch Urvaśī zu sich holen; nach einem Verdacht auf Untreue verflucht Brahmā (als Erzähler in der ersten Person) sie, ein großer Fluss zu werden. Aus Furcht vor dem Fluch flieht Sarasvatī zur Gautamī; die Gaṅgā selbst mahnt Brahmā, seinen Fluch zu mildern, mit dem Argument von der unbeständigen, von Kāma bestimmten Natur aller Frauen. Brahmā mildert den Fluch: Sarasvatī bleibt fortan zugleich sichtbar und unsichtbar. Am Ort ihres Zusammenflusses mit der Gaṅgā übt Purūravas Askese, verehrt Śiva als Siddheśvara und erlangt alle Wünsche. Ursprung des Purūravas-Tīrtha und des mit ihm verbundenen Sarasvatī-Saṃgama-/Brahma-Tīrtha.
purūravasam ākhyātaṃ tīrthaṃ vedavido viduḥ /
smaraṇād eva pāpānāṃ nāśanaṃ kiṃ tu darśanāt //
Das als 'Purūravas' bezeichnete Tīrtha kennen die Kenner der Veden – allein durch Gedenken daran erfolgt die Vernichtung der Sünden, um wie viel mehr durch den Anblick.
Wort für Wort
purūravasam ākhyātaṃ tīrtham
das als 'Purūravas' bezeichnete Tīrtha
vedavido viduḥ
kennen die Kenner der Veden
smaraṇād eva pāpānāṃ nāśanam
allein durch Gedenken (erfolgt) die Vernichtung der Sünden
Purūravas, zur Versammlung Brahmās gelangt, sah dort zufällig die Götterflüssin Sarasvatī, wie sie in der Nähe Brahmās lachte. Als er sie, die schönheitsbegabte, erblickt hatte, sprach der Erdenherrscher zu Urvaśī:
Wort für Wort
purūravā brahmasadaḥ prāpya
Purūravas, zur Versammlung Brahmās gelangt
tatra sarasvatīm
(sah) dort Sarasvatī
yadṛcchayā devanadīṃ hasantīṃ brahmaṇo 'ntike
zufällig die Götterflüssin, wie sie in der Nähe Brahmās lachte
Der König sprach: 'Wer ist diese schöne, tugendhafte Frau, die hier in der Nähe Brahmās steht, die vortrefflichste aller Frauen, die diese Versammlung erstrahlen lässt?'
{brahmovāca: }
urvaśī prāha rājānam iyaṃ devanadī śubhā /
sarasvatī brahmasutā nityam eti ca yāti ca /
tac chrutvā vismito rājā ānayemāṃ mamāntikam //
Brahmā sprach: Urvaśī sprach zum König: 'Dies ist die heilvolle Götterflüssin, Sarasvatī, Brahmās Tochter, die ständig kommt und geht.' Als er dies gehört hatte, erstaunt, (sprach) der König: 'Bring sie zu mir her!'
Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
urvaśī prāha rājānam
Urvaśī sprach zum König
iyaṃ devanadī śubhā
'dies ist die heilvolle Götterflüssin'
sarasvatī brahmasutā nityam eti ca yāti ca
'Sarasvatī, Brahmās Tochter, die ständig kommt und geht'
tac chrutvā vismito rājā
als er dies gehört hatte, erstaunt, (sprach) der König
tāṃ gacchantīṃ nṛpagṛhaṃ nityam eva sarasvatīm /
sarasvantaṃ tato lakṣma jñātvānyeṣu tathā kṛtam //
Als sie, Sarasvatī, ständig zum Königshaus ging, und man dann bei anderen ebenfalls ein dem Sarasvant entsprechendes Kennzeichen bemerkte,
Wort für Wort
tāṃ gacchantīṃ nṛpagṛhaṃ nityam eva sarasvatīm
als sie, Sarasvatī, ständig zum Königshaus ging
sarasvantaṃ tato lakṣma
das dem (Sohn) Sarasvant entsprechende Kennzeichen dann
jñātvānyeṣu tathā kṛtam
bemerkte man, ebenso bei anderen geschehen
[Anm.: Vers stark verdichtet und syntaktisch unsicher; 'sarasvantaṃ ... lakṣma jñātvānyeṣu tathā kṛtam' evtl. eine Andeutung, dass Sarasvatīs Verhalten (bzw. ein entsprechendes Merkmal/Kennzeichen) auch bei anderen (Männern) festgestellt wurde – Vorgeschichte zu Brahmās Verdacht/Fluch in V11.]
zu ihr, die aus dem Wasserkrug entstanden, rein, die Mutter, die Welt-Reinigende, die die dreifache Qual besänftigende, die diesseitige und jenseitige Frucht gewährende.
Wegen jenes Fluches ist Sarasvatī in der sterblichen Welt ein Fluss, sichtbar und unsichtbar zugleich; wo diese vom Fluch erschütterte Göttin mit der Gaṅgā zusammentraf,
Wort für Wort
tasmāc chāpān nadī martye
wegen jenes Fluches (ist sie) in der sterblichen Welt ein Fluss