Kapitel 50: vṛkṣacchedanapratimātrayanirmāṇavarṇanam
Der Traum Vāsudevas, das Fällen des Wunderbaums und die Erschaffung der drei Bildnisse durch Viśvakarman
Viṣṇu erscheint dem schlafenden Indradyumna im Traum in seiner vierarmigen (hier: achtarmigen) Gestalt und weist ihn an, am Meeresufer einen bestimmten, keiner bekannten Art zuzuordnenden Baum zu fällen und daraus ein Bildnis fertigen zu lassen. Der König findet den Baum und beginnt ihn zu fällen, als Viśvakarman und Viṣṇu selbst in Brahmanengestalt erscheinen. Auf Viṣṇus Anweisung fertigt Viśvakarman binnen eines Augenblicks drei Bildnisse: eine dunkle Kṛṣṇa-Gestalt, eine weiße Gestalt namens Ananta (identifiziert mit Balabhadra/Balarāma) und Subhadrā, die Schwester Vāsudevas - der Ursprungsmythos der berühmten Kultbild-Trias von Puri (Jagannātha, Balabhadra, Subhadrā). Der erstaunte König fragt die beiden Brahmanengestalten nach ihrer wahren Natur.
Brahmā sprach: Nachdem er, ihr Tiger unter den Munis, so gepriesen und sich vor dem ewigen Vāsudeva, dem Herrn der Welt, der die Frucht aller Wünsche gewährt, verneigt hatte,
legte sich der von Sorge erfüllte Herrscher der Erde, nachdem er Kuśa-Gras und ein Gewand auf dem Boden ausgebreitet hatte, mit darauf gerichtetem Sinn, schlief er auf dem Erdboden ein,
sa dadarśa tu saprema devadevaṃ jagadgurum / śaṅkhacakradharaṃ devaṃ gadācakrograpāṇinam //
er sah aber liebevoll den Gott der Götter, den Lehrer der Welt, den Gott, den Träger von Muschelhorn und Diskus, mit Keule und schrecklichem Diskus in der Hand,
suparṇāṃse tam āsīnaṃ ṣoḍaśārdhabhujaṃ śubham / sa cāsmai prābravīd dhīrāḥ sādhu rājan mahāmate //
ihn, auf der Schulter Garuḍas sitzend, mit acht Armen, schön - und er sprach zu ihm: 'Wohlgetan, o König von großem Verstand,' - ihr Standhaften.
Wort für Wort
suparṇāṃse
auf der Schulter Garuḍas
tam āsīnam
ihn, sitzend
ṣoḍaśārdhabhujam
mit acht Armen
śubham
schön
saḥ
er
ca asmai
und zu ihm
prābravīt
er sprach
dhīrāḥ
ihr Standhaften (an die Munis)
sādhu
wohlgetan
rājan
o König
mahāmate
von großem Verstand
[Anm.: "ṣoḍaśārdhabhujam" wörtlich "mit der Hälfte von sechzehn Armen" = acht Armen; ungewöhnliche Zahl für eine Viṣṇu-Ikonographie (meist vier Arme), evtl. eine besondere Erscheinungsform im Traum. "dhīrāḥ" (Vokativ Plural "ihr Standhaften") richtet sich an die zuhörenden Munis und unterbricht kurz die direkte Rede Brahmās.]
kūlānte hi mahāvṛkṣaḥ sthitaḥ sthalajaleṣu ca / velābhir hanyamānaś ca na cāsau kampate drumaḥ //
denn am Ende des Ufers steht ein großer Baum, sowohl auf Land als auch im Wasser, und obwohl er von den Wellen geschlagen wird, erzittert dieser Baum nicht,
dṛṣṭvā tenaiva saṃcintya tato bhūpāla darśanāt / kuru tāṃ pratimāṃ divyāṃ jahi cintāṃ vimohinīm //
nachdem du ihn gesehen hast, bedenke ihn genau eben dadurch, o Herrscher der Erde, und mache dann jenes göttliche Bildnis nach diesem Anblick - lass die verwirrende Sorge fahren.
Brahmā sprach: So gesprochen habend, entschwand der hochbeglückte Hari dem Blick; und auch er (der König), nachdem er den Traum erblickt hatte, geriet in höchstes Erstaunen,
pragatāyāṃ rajanyāṃ tu utthito nānyamānasaḥ / sa snātvā sāgare samyag yathāvad vidhinā tataḥ //
Als die Nacht vergangen war, stand er auf, ohne einen anderen Gedanken, und nachdem er sich im Ozean vollständig, wie es sich gehört, nach der Vorschrift gebadet hatte,
mahotsedhaṃ mahākāyaṃ prasuptaṃ ca jalāntike / sāndramāñjiṣṭhavarṇābhaṃ nāmajātivivarjitam //
von großer Höhe, mit großem Stamm, dicht am Wasser wie schlummernd, von dichter, Māñjiṣṭha-gleicher Farbe, ohne bekannten Namen oder Art (Gattung),
Wort für Wort
mahotsedham
von großer Höhe
mahākāyam
mit großem Stamm/Körper
prasuptam
schlummernd
ca
und
jalāntike
dicht am Wasser
sāndramāñjiṣṭhavarṇābham
von dichter Māñjiṣṭha-gleicher Farbe
nāmajātivivarjitam
ohne bekannten Namen oder Art
[Anm.: "prasuptam" (schlafend) wird hier metaphorisch für den ruhig-unbewegten Baum gebraucht; "nāmajātivivarjitam" - der Baum ist keiner bekannten botanischen Art zuzuordnen, ein wunderbares Merkmal.]
dvaidhīkartumanās tatra babhūvendrasakhaḥ sa ca / nirīkṣyamāṇe kāṣṭhe tu babhūvādbhutadarśanam //
und der Freund Indras (der König) beabsichtigte dort, ihn in zwei Teile zu spalten; als das Holz betrachtet wurde aber, geschah ein wunderbarer Anblick:
leuchtend von ihrem eigenen Glanz, mit göttlichen Girlanden und Salben - da traten die beiden, nachdem sie sich dem König, dem Freund Indras, genähert hatten,
{brahmovāca:} tayoḥ śrutvā vaco viprāḥ sa tu rājā mudānvitaḥ / babhāṣe vacanaṃ tābhyāṃ mṛdulaṃ madhuraṃ tathā //
Brahmā sprach: Nachdem er das Wort der beiden gehört hatte, o Brahmanen, sprach der König, von Freude erfüllt, zu den beiden ein sanftes und süßes Wort,
dṛṣṭvā tau brāhmaṇau tatra candrasūryāv ivāgatau / namaskṛtya jagannāthāv avāṅmukham avasthitaḥ //
nachdem er die beiden Brahmanen dort gesehen hatte, wie Mond und Sonne herangekommen, verneigte er sich vor den beiden Herren der Welt und stand mit gesenktem Antlitz,
Der König sprach: 'Um den Gott der Götter, den Anfangs- und Endlosen, den unendlichen Herrn der Welten zu verehren, mache ich ein Bildnis' - das ist meine Absicht;
ahaṃ sa devadevena parameṇa mahātmanā / svapnānte ca samuddiṣṭo bhavadbhyāṃ śrāvitaṃ mayā //
ich wurde von dem höchsten, hochgesinnten Gott der Götter am Ende eines Traumes angewiesen, und ich habe es euch beiden mitgeteilt.'
Wort für Wort
aham
ich
saḥ
dieser
devadevena
vom Gott der Götter
parameṇa
höchsten
mahātmanā
hochgesinnten
svapnānte
am Ende eines Traumes
ca
und
samuddiṣṭaḥ
angewiesen
bhavadbhyām
euch beiden
śrāvitam
mitgeteilt/hören lassen
mayā
von mir
[Anm.: Die Konstruktion "bhavadbhyāṃ śrāvitaṃ mayā" ("von mir euch beiden mitgeteilt/hören lassen") wirkt syntaktisch unrund - gemeint ist wohl, dass der König den beiden soeben von seinem Traum erzählt.]
Viṣṇu sprach: Wohlgetan, wohlgetan, o Herrscher der Erde, dass dies dein vortrefflicher Entschluss ist! In dem schrecklichen Ozean des Saṃsāra, gleich einem Bananenblatt,
bist du glückselig, o Tiger unter den Königen, mit allen Tugenden geschmückt; glückselig ist die Erde mit ihren Untertanen, mit ihren Bergen, Wäldern und Hainen,
ayaṃ mama sahāyas tu āgataḥ śilpināṃ varaḥ / viśvakarmasamaḥ sākṣān nipuṇaḥ sarvakarmasu / mayoddiṣṭāṃ tu pratimāṃ karoty eṣa taṭaṃ tyaja //
Dieser mein Gefährte hier, der gekommen ist, ist der Beste der Handwerker, leibhaftig gleich Viśvakarman, geschickt in allen Arbeiten; er wird das von mir bestimmte Bildnis anfertigen - verlasse das Ufer.
Brahmā sprach: Nachdem er so das Wort jenes Zweifachgeborenen (Brahmanen-gestaltigen Viṣṇu) gehört hatte, verließ der König das Ufer des Ozeans und ging in seine Nähe,
dem vornehmsten der Handwerker, o beste der Brahmanen: 'Mache die Bildnisse!' - eine schwarze (dunkle) Gestalt, höchst friedvoll, mit Augen lang wie Lotosblätter,
mit dem Śrīvatsa-Zeichen und dem Kaustubha-Juwel geschmückt, mit Muschelhorn, Diskus und Keule; eine zweite, hellgliedrig, von der Farbe der Milch, mit dem Svastika-Zeichen versehen,
Wort für Wort
śrīvatsakaustubhadharam
mit dem Śrīvatsa-Zeichen und dem Kaustubha-Juwel geschmückt
na vijñāto hi tasyāntas tenānanta iti smṛtaḥ / bhaginīṃ vāsudevasya rukmavarṇāṃ suśobhanām //
wurde dessen Ende nicht erkannt, deshalb wird er 'Ananta' (der Endlose) genannt; und die Schwester Vāsudevas, von goldener Farbe, sehr schön,
Wort für Wort
na vijñātaḥ
nicht erkannt
hi
denn
tasya antaḥ
dessen Ende
tena
deshalb
anantaḥ
Ananta (der Endlose)
iti smṛtaḥ
so wird er genannt
bhaginīm
die Schwester
vāsudevasya
Vāsudevas
rukmavarṇām
von goldener Farbe
suśobhanām
sehr schön
[Anm.: "Ananta" ist üblicherweise der Name der kosmischen Weltenschlange (Śeṣa), auf der Viṣṇu ruht; hier wird die zweite, weiße Bildnis-Gestalt (in der Jagannātha-Tradition als Balabhadra/Balarāma identifiziert) mit diesem Namen und dieser Ätiologie versehen.]
eine dritte, wahrlich Subhadrā, mit allen Merkmalen gekennzeichnet.
Wort für Wort
tṛtīyām
eine dritte
vai
wahrlich
subhadrām
Subhadrā
ca
und
sarvalakṣaṇalakṣitām
mit allen Merkmalen gekennzeichnet
[Anm.: einzeilige "Halbvers"-Zeile, im Original mit "//*" markiert; die Satzkonstruktion zieht sich von V.43-47 (Aufzählung der drei anzufertigenden Bildnisse: Kṛṣṇa/Jagannātha, Ananta/Balabhadra, Subhadrā - der Ursprungsmythos der berühmten Kultbild-Trias von Puri).]
Brahmā sprach: Nachdem er dieses Wort von ihm gehört hatte, fertigte Viśvakarman, der Gutes-Werk-Schaffende, sogleich die Bildnisse mit den günstigen Merkmalen an,
zuerst eine weißfarbene, gleich dem Glanz des Herbstmondes, mit gerötlichen Augen, großem Körper, mit ausgebreiteter, gewaltiger Kapuze,
Wort für Wort
prathamam
zuerst
śuklavarṇābham
weißfarben
śāradendusamaprabham
gleich dem Glanz des Herbstmondes
āraktākṣam
mit gerötlichen Augen
mahākāyam
großem Körper
sphaṭāvikaṭamastakam
mit ausgebreiteter, gewaltiger Kapuze/Haube
[Anm.: Die Ausführung Viśvakarmans beginnt hier mit der weißen (Schlangen-/Ananta-)Gestalt, während die Ankündigung in V.43-46 mit der schwarzen Kṛṣṇa-Gestalt begann - eine gewisse Unschärfe in der Reihenfolge "erste/zweite/dritte" zwischen Ankündigung und Ausführung.]
mit buntem Schmuck ausgestattet, mit herabhängenden Juwelenketten, mit vollen, erhabenen Brüsten, lieblich - diese drei Bildnisse fertigte Viśvakarman an,
sa tu rājādbhutaṃ dṛṣṭvā kṣaṇenaikena nirmitāḥ / divyavastrayugacchannā nānāratnair alaṃkṛtāḥ //
Der König aber, nachdem er das Wunder gesehen hatte - in nur einem einzigen Augenblick angefertigt, mit einem Paar göttlicher Gewänder bedeckt, mit mancherlei Juwelen geschmückt,
Indradyumna sprach: 'Seid ihr beide Götter, die hierher gekommen sind, beide in Brahmanengestalt gekleidet, beide von wunderbarem Wirken, göttlichem Verhalten, übermenschlich,
na vedmi satyasadbhāvau māyārūpeṇa saṃsthitau / yuvāṃ gato 'smi śaraṇam ātmā tu me prakāśyatām //
Ich weiß nicht, ob ihr in wahrer Wesenheit oder in einer Māyā-Gestalt besteht; ich bin zu euch beiden als Zuflucht gegangen - möge mir aber euer wahres Selbst offenbart werden.'