Kapitel 59: śvetamādhavamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Śvetamādhava und die Erzählung von König Śveta
Nach dem Abschluss der Narasiṃha-Sādhanā-Ordnung wendet sich der Text dem im selben Puruṣottama-Kṣetra verehrten Bildnis „Śvetamādhava“ zu und erzählt dessen Ursprung: König Śveta rettet mit Śivas Hilfe das tote Kind des Weisen Kapālagautama, errichtet danach am Meer einen Tempel für Mādhava, vollzieht einen einmonatigen Japa des zwölfsilbigen Mantras und trägt eine ausgedehnte Namensreihe (Stotra) an Viṣṇu-Kṛṣṇa vor (V34-64), gefolgt von einer persönlichen Bitt-Hymne (V65-72). Kṛṣṇa erscheint, gewährt ihm den unvergänglichen Viṣṇu-Ort oberhalb Brahmās Wohnstatt und benennt den dortigen Teich „Śvetagaṅgā“; eine abschließende Phala-śruti preist den Verdienst der Berührung des Wassers und des Anblicks des Bildnisses.
Brahmā sprach: Nachdem er den mit Namen „Ananta“ [genannten] Vāsudeva gesehen und ihn mit Hingabe verehrt hat, gelangt der von aller Sünde befreite Mensch zum höchsten Ort.
Der Mensch, der in der Śvetagaṅgā [„weiße Gaṅgā“] gebadet hat und den Śvetamādhava erblickt, sowie den Mādhava mit Namen „Matsya“ [Fisch] – der gelangt zur Śvetadvīpa [„weiße Insel“].
Wort für Wort
śvetagaṅgām
die Śvetagaṅgā (Akk.)
naraḥ
der Mensch
snātvā
gebadet habend
yaḥ
welcher
paśyet
er sähe/erblickt
śvetamādhavam
den Śvetamādhava (Akk.)
matsyākhyam
mit Namen Matsya
mādhavam
Mādhava (Akk.)
ca eva
und auch
śvetadvīpam
zur Śvetadvīpa
saḥ
er
gacchati
geht/gelangt
[Anm.: Śvetagaṅgā, Śvetamādhava und Śvetadvīpa – die Ätiologie dieser 'weißen' Namen wird sogleich durch König Śveta erklärt.]
Die Weisen sprachen: Du solltest die Größe (Māhātmya) des Śvetamādhava vollständig verkünden, ausführlich, o Herr der Welt, [ebenso] das Bildnis jenes Hari.
Brahmā sprach: Im Kṛtayuga gab es, o Brahmanen, einen mächtigen König namens Śveta – klug, des Dharma kundig, tapfer, wahrhaftig in seinem Versprechen, fest in seinen Gelübden.
suto 'syājātadantaś ca mṛtaḥ kālavaśād dvijāḥ / tam ādāya ṛṣir dhīmān nṛpasyāntikam ānayat // BrP_59.9 //
Dessen Sohn, noch ohne Zähne [ein Kleinkind], starb, o Zweifachgeborene, durch die Macht der Zeit; ihn nahm der weise Seher und brachte ihn in die Nähe des Königs.
Als der König so das schlafende(=tote) Kind sah, dessen Bewusstsein gewichen war, legte er da, o Brahmanen, ein Gelübde ab, um das Leben des Kindes [wiederzuerlangen].
Der König sprach: Solange ich dieses Kind, das in Yamas Wohnstatt gegangen ist, nicht binnen sieben Nächten zurückhole, [solange] will ich den brennenden Scheiterhaufen besteigen.
Wort für Wort
yāvat
solange als
bālam
das Kind (Akk.)
aham
ich
tu enam
aber dieses
yamasya sadane
in Yamas Wohnstatt
gatam
gegangen
na ānaye
nicht zurückhole
saptarātreṇa
binnen sieben Nächten
citām dīptām
den brennenden Scheiterhaufen
samāruhe
werde ich besteigen
[Anm.: Ein Selbstopfer-Gelübde – der König droht, sich selbst zu verbrennen, falls er das Kind nicht rechtzeitig zurückholt.]
Brahmā sprach: Nachdem er so gesprochen hatte, verehrte der König Mahādeva [Śiva] mit dunkelblauen Lotosblumen zu Hunderten, mehr als tausend, und murmelte darauf wiederum die [heilige] Formel (Vidyā).
In Anbetracht der überaus großen Hingabe des Königs kam der Herr der Welt, zufrieden [gestimmt], in seine Nähe (Sāṃnidhya) und sprach zusammen mit Umā: „... ich bin [dir gnädig]“ [?].
Wort für Wort
atibhaktim
die überaus große Hingabe (Akk.)
tu saṃcintya
aber bedenkend
nṛpasya
des Königs (Gen.)
jagadīśvaraḥ
der Herr der Welt
sāṃnidhyam agamat
kam in die Nähe
tuṣṭaḥ
zufrieden
śmi iti [?]
'... ich bin' [Text unklar]
uvāca
sprach
saha umayā
zusammen mit Umā
[Anm.: Die Textstelle „śmīty“ ist im Quelltext offensichtlich verderbt/unklar (wohl aus „asmi iti“ oder ähnlichem verkürzt); hier ohne sichere Rekonstruktion mit [?] belassen.]
Als er so die Stimme des Herrn gehört und plötzlich Hara [Śiva] erblickt hatte – mit Asche beschmiert, mit ungewöhnlichem Auge, von der Farbe des herbstlichen Jasmins und des Mondes,
Wort für Wort
śrutvā evam
so gehört habend
giram
die Stimme (Akk.)
īśasya
des Herrn (Gen.)
vilokya
erblickt habend
sahasā
plötzlich
haram
Hara/Śiva (Akk.)
bhasmadigdham
mit Asche beschmiert
virūpākṣam
mit ungewöhnlichem/entstelltem Auge (Epitheton Śivas)
Śveta sprach: Wenn du, mein Mitleid ansehend, [mir] gnädig bist, o Herr – [höre:] das kleine Söhnchen des Brahmanen ist in die Gewalt der Zeit geraten,
‚Möge dieses Kind wieder leben!‘ – so wurde das Gelübde festgesetzt. Und das plötzlich verstorbene Kind, bezähme [den Tod] selbst, o Erhabener, und mache es heil, versehen mit der zuvor genannten Lebensspanne, o Maheśvara.
Wort für Wort
jīvatu
er möge leben
eṣaḥ punaḥ bālaḥ
dieses Kind wieder
iti evam vratam āhitam
so wurde das Gelübde festgesetzt
akasmāt
plötzlich
ca mṛtam bālam
und das verstorbene Kind
niyamya
bezähmt habend
bhagavan
o Erhabener (Vok.)
svayam
selbst
yathoktāyuṣyasaṃyuktam
versehen mit der wie zuvor genannten Lebensspanne
kṣemam kuru
mache heil
maheśvara
o Maheśvara (Vok.)
[Anm.: Dreizeiliger Vers (drei Pādas statt der üblichen zwei Halbverse) – wie an anderen Stellen dieses Werks unregelmäßig überliefert.]
Nachdem er den unbezwingbaren Tod, den Vollstrecker von Yamas Befehl, gebändigt hatte, o Zweifachgeborene, belebte er das Kind wieder, das schon in den Rachen des Todes geraten war.
kṛtvā kṣemaṃ jagat sarvaṃ muneḥ putraṃ sa taṃ dvijāḥ / devyā sahomayā devas tatraivāntaradhīyata // BrP_59.20 //
Nachdem er das Wohlergehen der gesamten Welt hergestellt und jenen Sohn des Weisen [wiederbelebt] hatte, o Zweifachgeborene, verschwand der Gott dort zusammen mit der Göttin Umā.
Die Weisen sprachen: O Gott der Götter, Herr der Welt, unvergänglicher Urgrund der drei Welten – sag uns nun die höchste Wahrheit über den mit Namen Śveta.
Brahmā sprach: Hört, ihr Tiger unter den Weisen, [die Geschichte,] die allen Wesen zuträglich ist. Ich werde der Wahrheit gemäß verkünden, was ihr mich fragt, ihr Makellosen.
[Sie wurde] einst von den Sehern gehört, [die Geschichte] des mit Namen Mādhava, o Brahmanen. Hört jene göttliche Erzählung, die Furcht, Kummer und Schmerz vernichtet.
Wort für Wort
śrutavān
gehört habend (bezogen auf die vorangehende Erzählsituation)
sa kṛtvā rājyam ekāgryaṃ varṣāṇāṃ ca sahasraśaḥ / vicārya laukikān dharmān vaidikān niyamāṃs tathā // BrP_59.26 //
Nachdem er [Śveta] tausendfach Jahre lang mit ungeteilter Aufmerksamkeit regiert und die weltlichen Dharmas sowie ebenso die vedischen Vorschriften erwogen hatte,
hundertundeins Dhanus [Bogenlängen] südlich des Gottes der Götter; und daraufhin [ein Bildnis] aus weißem Gestein durch Śveta, o Fürsten der Brahmanen –
Wort für Wort
dhanvantaraśatam ca ekam
hundertundeins an Dhanus-Längen [?]
devadevasya dakṣiṇe
südlich des Gottes der Götter
tataḥ
daraufhin
śvetena
durch Śveta (Instr.)
viprendrāḥ
o Fürsten der Brahmanen (Vok.)
śvetaśailamayena
aus weißem Gestein bestehend (Instr.)
ca
und
[Anm.: „dhanvantaraśataṃ caikam“ = wohl „hundertundein Dhanus [Bogenlängen, ein Längenmaß]“; die genaue Maßangabe bleibt unsicher [?], vgl. ähnliche Maß-Komposita in früheren Kapiteln.]
kṛtaḥ sa bhagavāñ śveto mādhavaś candrasaṃnibhaḥ / pratiṣṭhāṃ vidhivac cakre yathoddiṣṭāṃ svayaṃ tu saḥ // BrP_59.30 //
wurde jener erhabene [Gott], „Śveta-Mādhava“ [genannt], mondgleich [im Glanz], gestaltet. Und er selbst vollzog die Weihe (Pratiṣṭhā) vorschriftsgemäß, wie es angegeben war.
Nachdem er den Zweifachgeborenen, den Elenden, Schutzlosen und Asketen Gaben gegeben hatte, [begab sich] der König darauf unmittelbar in die Gegenwart des Mādhava,
Wort für Wort
dattvā dānam
eine Gabe gegeben habend
dvijātibhyaḥ
den Zweifachgeborenen (Dat.)
dīnānāthatapasvinām
der Elenden, Schutzlosen, Asketen (Gen., wohl für Dat. [Anm.])
atha anantarataḥ
darauf unmittelbar
rājā
der König
mādhavasya ca saṃnidhau
und in die Gegenwart des Mādhava
[Anm.: Der Kasus von „dīnānāthatapasvinām“ (Gen.Pl.) passt nicht direkt zum vorangehenden Dativ „dvijātibhyaḥ“ – vermutlich ist ein weiterer Dativ (etwa „dīnānāthatapasvibhyaḥ“) gemeint; hier sinngemäß als weitere Empfängergruppe übersetzt.]
mahīṃ nipatya sahasā oṃkāraṃ dvādaśākṣaram / japan sa maunam āsthāya māsam ekaṃ samādhinā // BrP_59.32 //
Sich plötzlich zur Erde niederwerfend, den zwölfsilbigen Oṃkāra [das Zwölfsilben-Mantra] murmelnd, verharrte er einen Monat lang in Schweigen, in Versenkung (Samādhi),
{śveta uvāca:} oṃ namo vāsudevāya namaḥ saṃkarṣaṇāya ca / pradyumnāyāniruddhāya namo nārāyaṇāya ca // BrP_59.34 //
Śveta sprach: Oṃ, Verehrung sei Vāsudeva, Verehrung sei Saṃkarṣaṇa, Pradyumna [und] Aniruddha, Verehrung sei Nārāyaṇa.
Wort für Wort
oṃ namaḥ vāsudevāya
Oṃ, Verehrung dem Vāsudeva
namaḥ saṃkarṣaṇāya
Verehrung dem Saṃkarṣaṇa
ca
und
pradyumnāya aniruddhāya
dem Pradyumna, dem Aniruddha
namaḥ nārāyaṇāya
Verehrung dem Nārāyaṇa
[Anm.: Die vier hier genannten Namen Vāsudeva-Saṃkarṣaṇa-Pradyumna-Aniruddha bilden die klassische Pāñcarātra-„Caturvyūha“ (vierfache Emanation Viṣṇus).]
Verehrung sei [dir], dem Vielgestaltigen, dem Allgestaltigen, dem Schöpfer (Vedhas), dem Eigenschaftslosen, dem Unbegreiflichen, dem Reinen, dem von lichtem Wirken.
oṃ namaḥ padmanābhāya padmagarbhodbhavāya ca / namo 'stu padmavarṇāya padmahastāya te namaḥ // BrP_59.36 //
Oṃ, Verehrung dem Lotosnabligen, und dem, aus dessen Lotoskeim [Brahmā] entstanden ist; Verehrung sei dir, dem Lotosfarbenen, dem Lotoshändigen, dir Verehrung.
oṃ namo 'stu varāhāya varadāya sumedhase / variṣṭhāya vareṇyāya śaraṇyāyācyutāya ca // BrP_59.38 //
Oṃ, Verehrung sei dem Eber(-Avatāra), dem Gabenverleihenden, dem Klugen, dem Erhabensten, dem Verehrungswürdigen, dem Zuflucht-Gewährenden, und dem Unvergänglichen (Acyuta).
oṃ namo bālarūpāya bālapadmaprabhāya ca / bālārkasomanetrāya muñjakeśāya dhīmate // BrP_59.39 //
Oṃ, Verehrung dem in Kindesgestalt Erscheinenden, und dem im Glanz einer jungen Lotosblüte, dessen Augen [wie] die junge Sonne und der Mond sind, dessen Haar [rötlich] wie Muñja-Gras ist, dem Weisen.
Wort für Wort
oṃ namaḥ bālarūpāya
Oṃ, Verehrung dem in Kindesgestalt Erscheinenden
bālapadmaprabhāya
dem im Glanz einer jungen Lotosblüte
ca
und
bālārkasomanetrāya
dessen Augen die junge Sonne und der Mond sind
muñjakeśāya
mit Haar wie Muñja-Gras [?]
dhīmate
dem Weisen
[Anm.: „muñjakeśāya“ – wörtl. „mit Haar wie Muñja-Gras [Saccharum munja]“, vermutlich ein Bild für rötlich-goldenes Haar; Deutung unsicher [?].]
oṃ namo viṣṇave nityaṃ devāya vasuretase / madhusūdanāya namaḥ śuddhāyāṃśudharāya ca // BrP_59.41 //
Oṃ, stets Verehrung dem Viṣṇu, dem Gott, dessen Same die [kosmischen] Güter (Vasus) sind; Verehrung dem Madhusūdana [Töter des Dämons Madhu], dem Reinen, und dem Strahlenträger.
namo anantāya sūkṣmāya namaḥ śrīvatsadhāriṇe / trivikramāya ca namo divyapītāmbarāya ca // BrP_59.42 //
Verehrung dem Unendlichen (Ananta), dem Feinstofflichen; Verehrung dem Träger des Śrīvatsa-Zeichens; und Verehrung dem Trivikrama [Vāmana-Avatāra], und dem in göttlich-gelbe Gewänder Gekleideten.
sṛṣṭikartre namas tubhyaṃ goptre dhātre namo namaḥ / namo 'stu guṇabhūtāya nirguṇāya namo namaḥ // BrP_59.43 //
Dem Schöpfer der Schöpfung sei Verehrung dir, dem Beschützer, dem Ordner (Dhātṛ) Verehrung, Verehrung; Verehrung sei dem, der zu den Eigenschaften geworden ist, dem Eigenschaftslosen Verehrung, Verehrung.
Wort für Wort
sṛṣṭikartre namaḥ tubhyam
dem Schöpfer der Schöpfung Verehrung dir
goptre dhātre namaḥ namaḥ
dem Beschützer, dem Ordner Verehrung, Verehrung
namaḥ astu guṇabhūtāya
Verehrung sei dem, der zu den Eigenschaften geworden ist
namo ramyāya pūjyāya namo 'stv avyaktarūpiṇe / apratarkyāya śuddhāya namo bhayaharāya ca // BrP_59.45 //
Verehrung dem Anmutigen, dem Verehrungswürdigen, Verehrung sei dem, dessen Gestalt unmanifest ist; dem Unbegreiflichen, dem Reinen, und Verehrung dem, der die Furcht nimmt.
Dem Schiff über den Ozean des Weltenkreislaufs, dem gänzlich Beruhigten, dem seiner eigenen Wesensform Gemäßen; dem Heilbringenden (Śiva), dem von milder Gestalt, dem Furchtbaren (Rudra), und dem, der hinüberführt.
Wort für Wort
saṃsārārṇavapotāya
dem Schiff über den Ozean des Weltenkreislaufs
praśāntāya svarūpiṇe
dem gänzlich Beruhigten, seiner eigenen Wesensform Gemäßen
Und dem, der das [weltliche] Werden zerbricht, und dem, der die Genüsse des Werdens gewährt, dem, dessen Gestalt die Gesamtheit des Werdens ist, dem Schöpfer des Werdens sei Verehrung.
Wort für Wort
bhavabhaṅgakṛte
dem, der das Werden zerbricht
ca eva
und auch
bhavabhogapradāya ca
und dem, der die Genüsse des Werdens gewährt
bhavasaṃghātarūpāya
dem, dessen Gestalt die Gesamtheit des Werdens ist
oṃ namo divyarūpāya somāgniśvasitāya ca / somasūryāṃśukeśāya gobrāhmaṇahitāya ca // BrP_59.48 //
Oṃ, Verehrung der göttlichen Gestalt, und dem, dessen Atem Mond und Feuer sind, dessen Haar aus den Strahlen von Mond und Sonne [besteht], und dem, der Kühen und Brahmanen zuträglich ist.
Wort für Wort
oṃ namaḥ divyarūpāya
Oṃ, Verehrung der göttlichen Gestalt
somāgniśvasitāya ca
und dem, dessen Atem Mond und Feuer sind
somasūryāṃśukeśāya
dessen Haar aus den Strahlen von Mond und Sonne besteht
oṃ nama ṛksvarūpāya padakramasvarūpiṇe / ṛkstutāya namas tubhyaṃ nama ṛksādhanāya ca // BrP_59.49 //
Oṃ, Verehrung dem, dessen Wesensform der Ṛgveda ist, dem, dessen Wesensform Pada und Krama [die Rezitationsweisen] sind; dem durch den Ṛgveda Gepriesenen sei Verehrung dir, und Verehrung dem, dessen Mittel der Ṛgveda ist.
Wort für Wort
oṃ namaḥ ṛksvarūpāya
Oṃ, Verehrung dem, dessen Wesensform der Ṛgveda ist
padakramasvarūpiṇe
dem, dessen Wesensform Pada und Krama [Rezitationsweisen] sind
oṃ namo yajuṣāṃ dhātre yajūrūpadharāya ca / yajuryājyāya juṣṭāya yajuṣāṃ pataye namaḥ // BrP_59.50 //
Oṃ, Verehrung dem Ordner der Yajus-Sprüche, und dem, der die Gestalt des Yajurveda trägt; dem im Yajus zu Verehrenden, dem Geliebten, dem Herrn der Yajus-Sprüche sei Verehrung.
oṃ namaḥ śrīpate deva śrīdharāya varāya ca / śriyaḥ kāntāya dāntāya yogicintyāya yogine // BrP_59.51 //
Oṃ, Verehrung, o Gott, dem Gemahl der Śrī, dem Träger der Śrī, und dem Vortrefflichen; dem Geliebten der Śrī, dem Selbstbeherrschten, dem von den Yogis Erdachten, dem Yogin.
Oṃ, Verehrung dem, dessen Gestalt der Sāmaveda ist, und dem vortrefflichen Klang des Sāman; Oṃ, Verehrung dem im Sāman Milden, Verehrung dem im Sāman-Yoga Kundigen.
Wort für Wort
oṃ namaḥ sāmarūpāya
Oṃ, Verehrung dem, dessen Gestalt der Sāmaveda ist
namas tv atharvaśirase namo 'tharvasvarūpiṇe / namo 'stv atharvapādāya namo 'tharvakarāya ca // BrP_59.54 //
Verehrung aber dem Haupt des Atharva[veda], Verehrung dem, dessen Wesensform der Atharva[veda] ist; Verehrung sei den Füßen des Atharva[veda], und Verehrung dem, der den Atharva[veda] bewirkt.
Wort für Wort
namaḥ tu atharvaśirase
Verehrung aber dem Haupt des Atharva[veda]
namaḥ atharvasvarūpiṇe
Verehrung dem, dessen Wesensform der Atharva[veda] ist
oṃ namo vajraśīrṣāya madhukaiṭabhaghātine / mahodadhijalasthāya vedāharaṇakāriṇe // BrP_59.55 //
Oṃ, Verehrung dem, dessen Haupt wie ein Blitzkeil (Vajra) ist, dem Töter von Madhu und Kaiṭabha; dem im Wasser des großen Ozeans Weilenden, dem Bewirker der Wiederherbeischaffung der Veden.
Wort für Wort
oṃ namaḥ vajraśīrṣāya
Oṃ, Verehrung dem, dessen Haupt wie ein Blitzkeil ist
nārāyaṇa namas tubhyaṃ namo lokahitāya ca / oṃ namo mohanāśāya bhavabhaṅgakarāya ca // BrP_59.57 //
O Nārāyaṇa, Verehrung dir, und Verehrung dem, der den Welten zuträglich ist; Oṃ, Verehrung dem Vernichter der Verblendung, und dem, der das Werden zerbricht.
gatipradāya ca namo namo bandhaharāya ca / trailokyatejasāṃ kartre namas tejaḥsvarūpiṇe // BrP_59.58 //
Und Verehrung dem Gewährer des [rechten] Weges/Ziels, und Verehrung dem Nehmer der Fesseln; dem Schöpfer der Glutkräfte der drei Welten, Verehrung dem, dessen Wesensform Glut ist.
Dem Herrn der Yogis, dem Reinen, dem Rāma[-gleichen], und dem, der hinüberführt; dem Glückseligen, dem Führer zum Glück, Verehrung dem Träger der guten Tat.
vāsudevāya vandyāya vāmadevāya vai namaḥ / dehināṃ dehakartre ca bhedabhaṅgakarāya ca // BrP_59.60 //
Dem Vāsudeva, dem Verehrungswürdigen, dem Vāmadeva fürwahr Verehrung; und dem Schöpfer der Körper der Verkörperten, und dem, der die Unterschiede/Trennung zerbricht.
devair vanditadehāya namas te divyamauline / namo vāsanivāsāya vāsavyavaharāya ca // BrP_59.61 //
Dem, dessen Leib von den Göttern verehrt wird, Verehrung dir, dem mit göttlichem Diadem; Verehrung dem, der die Wohnstatt der Kleidung [?] ist, und dem, der wie Vāsava [Indra] handelt [?].
Wort für Wort
devaiḥ vanditadehāya
dem, dessen Leib von den Göttern verehrt wird
namaḥ te divyamauline
Verehrung dir mit göttlichem Diadem
namaḥ vāsanivāsāya [?]
Verehrung dem, der die Wohnstatt der Kleidung/des Wohnens ist [?]
vāsavyavaharāya ca [?]
und dem, der wie Vāsava/Indra handelt [?]
[Anm.: „vāsanivāsāya“ und „vāsavyavaharāya“ sind ungewöhnliche, schwer eindeutig auflösbare Komposita; sinngemäß, aber mit Unsicherheit übersetzt.]
oṃ namo vasukartre ca vasuvāsapradāya ca / namo yajñasvarūpāya yajñeśāya ca yogine // BrP_59.62 //
Oṃ, Verehrung dem Schöpfer der Vasus, und dem Gewährer der Wohnstatt der Vasus; Verehrung dem, dessen Wesensform das Opfer ist, dem Herrn des Opfers, und dem Yogin.
yatiyogakareśāya namo yajñāṅgadhāriṇe / saṃkarṣaṇāya ca namaḥ pralambamathanāya ca // BrP_59.63 //
Dem Herrn, der den Yoga der Asketen bewirkt, Verehrung dem Träger der Opferglieder; und Verehrung dem Saṃkarṣaṇa, und dem Zermalmer des [Dämons] Pralamba.
Wort für Wort
yatiyogakareśāya
dem Herrn, der den Yoga der Asketen bewirkt
namaḥ yajñāṅgadhāriṇe
Verehrung dem Träger der Opferglieder
saṃkarṣaṇāya ca namaḥ
und Verehrung dem Saṃkarṣaṇa
pralambamathanāya ca
und dem Zermalmer des Pralamba
[Anm.: Ab hier (Saṃkarṣaṇa, Pralamba-Bezwinger) richtet sich die Anrufung erkennbar zunehmend auch an Balarāma/Saṃkarṣaṇa.]
meghaghoṣasvanottīrṇavegalāṅgaladhāriṇe / namo 'stu jñānināṃ jñāna nārāyaṇaparāyaṇa // BrP_59.64 //
Dem Träger des Pfluges, dessen Wucht dem Getöse der Wolken-Donner-Stimme entströmt, sei Verehrung; o Wissen der Wissenden, o [du,] dessen höchstes Ziel Nārāyaṇa ist.
Wort für Wort
meghaghoṣasvanottīrṇavegalāṅgaladhāriṇe
dem Träger des Pfluges, dessen Wucht dem Getöse der Wolken-Donner-Stimme entströmt
namaḥ astu
Verehrung sei
jñānināṃ jñāna
o Wissen der Wissenden (Vok.)
nārāyaṇaparāyaṇa
o [du,] dessen höchstes Ziel Nārāyaṇa ist (Vok.)
[Anm.: Die Anrede „nārāyaṇaparāyaṇa“ passt zur Deutung, dass hier Balarāma/Saṃkarṣaṇa als der auf Nārāyaṇa Ausgerichtete angesprochen wird.]
na me 'sti tvām ṛte bandhur narakottāraṇe prabho / atas tvāṃ sarvabhāvena praṇato natavatsala // BrP_59.65 //
Ich habe außer dir keinen Verwandten, der [mich] aus der Hölle herausführt, o Herr; deshalb verneige ich mich mit ganzem Sein vor dir, o Liebender der sich Verneigenden.
Welcher Schmutz auch immer körperlich oder auch geistig sei, o Keśava – für ihn gibt es, o Herr der Götter, keinen anderen Reiniger außer dir, o Acyuta.
Leidvoll, ein Unglück, sehr schwer zu überqueren – so kenne ich den Weltenkreislauf (Saṃsāra), o Keśava; von den dreifachen Leiden (Tāpatraya) gequält, bin ich deshalb zu dir als Zuflucht gegangen.
eṣaṇābhir jagat sarvaṃ mohitaṃ māyayā tava / ākarṣitaṃ ca lobhādyair atas tvām aham āśritaḥ // BrP_59.69 //
Durch [die dreifachen] Begierden ist die ganze Welt durch deine Māyā verblendet und durch Gier und dergleichen fortgezogen; deshalb habe ich bei dir Zuflucht gesucht.
desto mehr erlangt man ein von [weiterer] Frucht freies, endgültiges Glück. Ich bin verloren, ohne Unterscheidungsvermögen; die Welt erscheint [mir] leidend.
O Govinda, rette [mich] aus dem Saṃsāra, du solltest mich emporheben – der ich versunken bin im Wasser der Verblendung, im unüberquerbaren Ozean des Werdens; einen Emporheber außer dir, o Lotosäugiger, gibt es nicht.
Wort für Wort
govinda
o Govinda (Vok.)
trāhi saṃsārāt
rette aus dem Saṃsāra
mām uddhartum tvam arhasi
du solltest mich emporheben
magnasya mohasalile
für den im Wasser der Verblendung Versunkenen
niruttāre bhavārṇave
im unüberquerbaren Ozean des Werdens
uddhartā
ein Emporheber
puṇḍarīkākṣa
o Lotosäugiger (Vok.)
tvām ṛte anyaḥ na vidyate
außer dir gibt es keinen anderen
[Anm.: Dreizeiliger Vers (drei Pādas), wie an mehreren Stellen dieses Werks unregelmäßig überliefert.]
pakṣirājadhvajaḥ śrīmān gadāśārṅgāsidhṛk prabhuḥ / uvāca sādhu bho rājan yasya te matir uttamā / yad iṣṭaṃ vara bhadraṃ te prasanno 'smi tavānagha // BrP_59.77 //
mit dem Vogelkönig [Garuḍa] auf seinem Banner, prächtig, Keule, Bogen Śārṅga und Schwert tragend – der Herr sprach: „Wohlgetan, o König, dessen Sinn so vortrefflich ist; erbitte, was du wünschst – Heil dir, ich bin dir gnädig, o Makelloser.“
Wort für Wort
pakṣirājadhvajaḥ
mit dem Vogelkönig [Garuḍa] auf dem Banner
śrīmān
prächtig
gadāśārṅgāsidhṛk
Keule, Bogen Śārṅga und Schwert tragend
prabhuḥ uvāca
der Herr sprach
sādhu bho rājan
wohlgetan, o König
yasya te matiḥ uttamā
dessen Sinn vortrefflich ist
yat iṣṭam vara
erbitte, was gewünscht ist
bhadram te
Heil dir
prasannaḥ asmi
ich bin gnädig
tava anagha
dir, o Makelloser
[Anm.: Dreizeiliger Vers (drei Pādas), wie an mehreren Stellen dieses Werks unregelmäßig überliefert.]
Brahmā sprach: Als er so das Wort des Gottes der Götter gehört hatte, jenen höchsten Nektar, verneigte sich Śveta mit dem Haupt und sprach, den Sinn darauf gerichtet.
Śveta sprach: Wenn ich, o Erhabener, [dein] Hingebungsvoller bin, gewähre [mir] die höchste Gabe: den unvergänglichen Ort Viṣṇus, oberhalb der Wohnstatt Brahmās gelegen,
Wort für Wort
yadi aham bhagavan bhaktaḥ
wenn ich, o Erhabener, [dein] Hingebungsvoller bin
yāsyasi paramaṃ sthānaṃ rājyāmṛtam upāsya ca / sarvāṃl lokān atikramya mama lokaṃ gamiṣyasi // BrP_59.82 //
zu jener höchsten Stätte wirst du gehen; und, nachdem du den Nektar der Königsherrschaft genossen hast, wirst du, alle Welten überschreitend, zu meiner Welt gelangen.
Wort für Wort
yāsyasi paramam sthānam
du wirst zur höchsten Stätte gehen
rājyāmṛtam upāsya ca
und den Nektar der Königsherrschaft genossen habend
śvetagaṅgeti gāsyanti sarve te devadānavāḥ / kuśāgreṇāpi rājendra śvetagāṅgeyam ambu ca // BrP_59.84 //
‚Śvetagaṅgā‘ werden all die Götter und Dānavas [dies] besingen; und [wer] mit der Spitze eines Kuśa-Grashalms, o Fürst der Könige, dieses Wasser der Śvetagaṅgā [berührt],
spṛṣṭvā svargaṃ gamiṣyanti madbhaktā ye samāhitāḥ / yas tv imāṃ pratimāṃ gacchen mādhavākhyāṃ śaśiprabhām // BrP_59.85 //
werden, es berührt habend, zum Himmel gelangen – meine gesammelten Hingebungsvollen. Wer aber zu diesem Bildnis geht, das Mādhava genannt wird, mondgleich im Glanz,
von der Farbe der Muschel und der Kuhmilch, die alle Sünde restlos vernichtet – wer jenes [Bildnis], dessen Augen Lotosblüten gleichen, [auch nur] einmal mit Hingabe verehrt,
reich an Elefanten, Pferden, Wagen und Fahrzeugen, umgeben von Reichtum und Getreide, rein, schöngestaltig, von vielem Glück, und mit Söhnen und Enkeln versehen.
Nachdem er wiederum Puruṣottama am Fuß des Banyanbaums, am Meer, erlangt hat, geht er, seinen Leib aufgebend und Hari gedenkend, danach zum Ort des Friedens.