Kapitel 194: kaṃsottarakāryāṇi sāṃdīpaniśiṣyatvaṃ guruputrānayanaṃ ca
Die Nachfolge nach Kaṃsas Tod, die Schülerschaft bei Sāṃdīpani und die Rückholung des Lehrersohnes
Kṛṣṇa entschuldigt sich bei Vasudeva und Devakī für die durch Kaṃsas Herrschaft erzwungene Vernachlässigung, tröstet Kaṃsas trauernde Frauen und Mütter, befreit und krönt Ugrasena und lässt durch Vāyu die Halle Sudharmā von Indra erwirken. Kṛṣṇa und Balarāma gehen als Schüler zu Sāṃdīpani nach Avantipura, meistern in 64 Tagen den gesamten Dhanurveda, und erfüllen als Lehrerlohn den Wunsch ihres Lehrers, indem sie dessen im Meer verschwundenen Sohn aus der Gewalt des Daitya Pañcajana (dessen Muschelgestalt zur Muschel Pāñcajanya wird) und schließlich aus Yamas Reich zurückholen.
tau samutpannavijñānau bhagavatkarmadarśanāt / devakīvasudevau tu dṛṣṭvā māyāṃ punar hariḥ //
Vyāsa sprach: Als Hari die beiden, Devakī und Vasudeva, sah, in denen durch das Erblicken der Taten des Erhabenen [wahre] Erkenntnis entstanden war, [da breitete er] wieder [seine] Māyā [aus] —
Wort für Wort
tau samutpannavijñānau
die beiden, in denen [wahre] Erkenntnis entstanden war
bhagavatkarmadarśanāt
durch das Erblicken der Taten des Erhabenen
devakīvasudevau tu dṛṣṭvā
als er Devakī und Vasudeva aber sah
māyāṃ punar hariḥ
[da breitete] Hari wieder [seine] Māyā [aus] —
[Anm.: Der Satz setzt sich in V.2 fort ('vitatāna sa vaiṣṇavīm' = 'er breitete seine vaiṣṇavī [Māyā] aus'); da Vasudeva und Devakī nun Kṛṣṇas wahre Natur erkannt haben, hüllt er die Beziehung wieder in seine täuschende Māyā, damit die gewöhnliche Eltern-Kind-Beziehung fortbestehen kann.]
'ihr beide wurdet von mir, der ich mich vor Kaṃsa fürchtete, und von Saṃkarṣaṇa [nur selten] gesehen — jene Zeit, die für die vergeht, die die Verehrung von Mutter und Vater versäumen,'
Wort für Wort
bhavantau kaṃsabhītena dṛṣṭau
ihr beide wurdet von [mir], der ich mich vor Kaṃsa fürchtete, gesehen
saṃkarṣaṇena ca
und von Saṃkarṣaṇa
kurvatāṃ yāti yaḥ kālo
jene Zeit, die vergeht für die, die es tun
mātāpitror apūjanam
[nämlich] die Nicht-Verehrung von Mutter und Vater
sa vṛthā kleśakārī vai sādhūnām upajāyate / gurudevadvijātīnāṃ mātāpitroś ca pūjanam //
'wird für die Guten fürwahr nur vergebliches Leid bringen — [dagegen] die Verehrung von Lehrer, Gottheit, den Zweifachgeborenen, und von Mutter und Vater,'
Wort für Wort
sa vṛthā kleśakārī vai
diese [Zeit] bringt fürwahr nur vergebliches Leid
sādhūnām upajāyate
sie entsteht für die Guten
gurudevadvijātīnāṃ
[dagegen die Verehrung] von Lehrer, Gottheit, den Zweifachgeborenen
'macht für den, der [sie] übt, o Vater, die Geburt des verkörperten Wesens fruchtbringend. Dies alles — was an Übertretung begangen wurde, o Vater, durch Kaṃsas Macht und Kraft, da wir beide [ihm] unterworfen waren — möge verziehen werden.'
Wort für Wort
kurvataḥ saphalaṃ janma
für den, der [sie] übt, [wird] die Geburt fruchtbringend
dehinas tāta jāyate
des verkörperten Wesens, o Vater, entsteht [dies]
tat kṣantavyam idaṃ sarvam
dies alles möge verziehen werden
atikramakṛtaṃ pitaḥ
was an Übertretung begangen wurde, o Vater
kaṃsavīryapratāpābhyām
durch Kaṃsas Macht und Kraft
āvayoḥ paravaśyayoḥ
da wir beide [ihm] unterworfen waren
[Anm.: Unregelmäßiger dreizeiliger Vers (drei Pāda-Paare statt zwei) im Original.]
Vyāsa sprach: So gesprochen habend, verneigten sich beide der Reihe nach vor den Alten der Yadus, und durch liebevollen Fußfall gewannen sie das Herz der Stadtbewohner.
'Durch Yayātis Fluch ist diese Linie nun auch der Königsherrschaft unwürdig; da ich [selbst] als Diener zur Verfügung stehe, möge er [sogar] den Göttern befehlen — was [bedarf es da noch] der Könige?'
Wort für Wort
yayātiśāpād vaṃśo 'yam
durch Yayātis Fluch [ist] diese Linie
arājyārho 'pi sāṃpratam
nun auch der Königsherrschaft unwürdig
mayi bhṛtye sthite
da ich als Diener zur Verfügung stehe
devān ājñāpayatu kiṃ nṛpaiḥ
möge er den Göttern befehlen; was [bedarf es] der Könige
[Anm.: Anspielung auf den Fluch des Yayāti, wonach seine Nachkommen aus der Linie des Yadu (im Unterschied zu Pūru) nicht regieren sollen — der überlieferte Grund, weshalb Kṛṣṇa selbst nie König wird, sondern Ugrasena als Regenten einsetzt und sich ihm als 'Diener' unterordnet.]
ity uktvā cograsenaṃ tu vāyuṃ prati jagāda ha / nṛvācā caiva bhagavān keśavaḥ kāryamānuṣaḥ //
So zu Ugrasena gesprochen habend, wandte sich der erhabene Keśava, der [seiner angenommenen Rolle gemäß] als Mensch handelte, mit menschlicher Rede an Vāyu.
Śrī-Kṛṣṇa sprach: 'Geh, o Vāyu, und sprich zu Indra: Du, Vāsava, [lass es] genug sein mit [deinem] Hochmut — die Halle Sudharmā möge von dir dem Ugrasena gegeben werden.'
'Kṛṣṇa lässt sagen: Dieses unübertreffliche Juwel, die Halle namens Sudharmā, ist eines Königs würdig — es ist geziemend, dass die Yadus in ihr weilen.'
Wort für Wort
kṛṣṇo bravīti
Kṛṣṇa lässt sagen
rājārham etad ratnam anuttamam
dieses unübertreffliche Juwel [ist] eines Königs würdig
Und diese von Vāyu hergebrachte, göttliche, an allen Juwelen reiche Halle genossen die Stiere der Yadus, die [ihrerseits] Schutz in Govindas Armen fanden.
viditākhilavijñānau sarvajñānamayāv api / śiṣyācāryakramaṃ vīrau khyāpayantau yadūttamau //
Obwohl sie alle Erkenntnis kannten und aus allem Wissen bestanden, wollten die beiden Helden, die Besten der Yadus, die Ordnung von Schüler und Lehrer [der Welt] vorführen.
Wort für Wort
viditākhilavijñānau
obwohl [sie] alle Erkenntnis kannten
sarvajñānamayāv api
obwohl [sie] aus allem Wissen bestanden
śiṣyācāryakramaṃ vīrau khyāpayantau
wollten die beiden Helden die Ordnung von Schüler und Lehrer verkünden
tasya śiṣyatvam abhyetya guruvṛttiparau hi tau / darśayāṃ cakratur vīrāv ācāram akhile jane //
Zu ihm die Schülerschaft antretend, ganz dem [rechten] Verhalten gegenüber dem Lehrer hingegeben, zeigten die beiden Helden [ihr vorbildliches] Verhalten der ganzen Welt.
Wort für Wort
tasya śiṣyatvam abhyetya
zu ihm die Schülerschaft antretend
guruvṛttiparau hi tau
die beiden, ganz dem [rechten] Verhalten gegenüber dem Lehrer hingegeben
Den Dhanurveda samt seinen Geheimnissen und samt Zusammenfassung studierten die beiden in vierundsechzig Tag-und-Nächten — das war wunderbar, o Zweifachgeborene!
astragrāmam aśeṣaṃ ca proktamātram avāpya tau / ūcatur vriyatāṃ yā te dātavyā gurudakṣiṇā //
Und die beiden, die die gesamte Menge der Waffen sogleich nach [ihrer] bloßen Nennung erlangt hatten, sagten: 'Wähle, was dir als Lehrerlohn gegeben werden soll.'
Wort für Wort
astragrāmam aśeṣaṃ ca
und die gesamte Menge der Waffen
proktamātram avāpya tau
die beiden, [sie] sogleich nach [ihrer] bloßen Nennung erlangt habend
Auch er, der Hochgesinnte, erblickte ihre übersinnliche Tat und erbat [von ihnen] seinen Sohn, der in Prabhāsa im Salzmeer [ertrunken und] gestorben war.
Jenen Knaben, [zuvor] in Qual befindlich, [nun aber] wieder mit seinem früheren Körper versehen, übergaben Kṛṣṇa und Bala, der Beste der Starken, dem Vater.
Und wieder in Mathurā angekommen, dem [nun] von Ugrasena beschützten [Mathurā], kehrten die beiden, Rāma und Janārdana, heim, durch die Männer und Frauen [der Stadt] freudig [begrüßt].
Wort für Wort
mathurāṃ ca punaḥ prāptāv
und wieder in Mathurā angekommen
ugrasenena pālitām
dem [nun] von Ugrasena beschützten [Mathurā]
prahṛṣṭapuruṣastrīkāv
[von] freudigen Männern und Frauen [begrüßt]
ubhau rāmajanārdanau
die beiden, Rāma und Janārdana
[Anm.: 'prahṛṣṭapuruṣastrīkau' ist ein Bahuvrīhi im Dual, das entweder 'die beiden, durch die Männer und Frauen [der Stadt] erfreut wurden' oder 'begleitet von frohen Männern und Frauen' bedeuten kann; hier im ersten Sinn wiedergegeben.]