Kapitel 6: brahmapurāṇam, ṣaṣṭho 'dhyāyaḥ
Saṃjñā und Vivasvant, Yamas Fluch und die Geburt der Aśvins (Verse 1–54, vollständig)
Die berühmte Erzählung von Saṃjñā, Tochter des Tvaṣṭṛ, die den übermäßigen Glanz ihres Gatten Vivasvant/Mārtaṇḍa nicht ertragen kann, ihren Schatten-Doppelgänger Savarṇā an ihrer Stelle zurücklässt (mit einem an eine Bedingung geknüpften Schweigegelübde) und selbst als Stute zu den Nord-Kurus flieht; Savarṇā gebiert mit dem getäuschten Vivasvant Manu Sāvarṇa und Śanaiścara (Saturn) und bevorzugt sie gegenüber Saṃjñās älteren Kindern Manu Vaivasvata und Yama; Yamas kindliche Fußdrohung und Savarṇās harter Gegenfluch (v.1-27); Vivasvant durchschaut die Täuschung, mildert seinen unerträglichen Glanz mit Tvaṣṭṛs Hilfe auf der Drehscheibe, findet Saṃjñā in Pferdegestalt wieder und zeugt mit ihr, selbst als Hengst, über die Nüstern die Aśvin-Zwillinge (Nāsatya und Dasra); Yama wird zum gerechten Dharmarāja und Herrn der Ahnen, Śanaiścara zum Planeten Saturn, der abgeschliffene Glanz wird zu Viṣṇus Cakra, und die jüngere Tochter Yamī zum Fluss Yamunā (v.28-54).
Lomaharṣaṇa sprach: Vivasvant wurde von Kaśyapa mit einer Tochter Dakṣas (Aditi) gezeugt, o beste der Brahmanen; dessen, Vivasvants, Gattin war die göttliche Saṃjñā, Tochter des Tvaṣṭṛ,
Wort für Wort
vivasvān
Vivasvant
kaśyapāt
von Kaśyapa
jajñe
wurde gezeugt
dākṣāyaṇyām
mit einer Tochter Dakṣas
dvija-uttamāḥ
o beste der Brahmanen
tasya
dessen
bhāryā abhavat
die Gattin war
saṃjñā
Saṃjñā
tvāṣṭrī
Tochter des Tvaṣṭṛ
devī
die göttliche
vivasvataḥ
Vivasvants
Beginn der berühmten Saṃjñā-Vivasvant-Erzählung, die den Ursprung von Manu Vaivasvata, Yama, den Aśvins und weiteren zentralen Figuren erklärt. Vivasvant ("der Ausstrahlende", einer der zwölf Ādityas aus Kap. 3) ist hier mit dem einen der 12 Ādityas identisch.
Mit der Gestalt ihres Gatten war sie nicht zufrieden, sie, die an Schönheit und Jugend reich war – Saṃjñā, ausgestattet mit [ihrem eigenen] starken, hellglänzenden Glanz,
Wort für Wort
bhartṛ-rūpeṇa
mit der Gestalt des Gatten
na atuṣyat
war nicht zufrieden
rūpa-yauvana-śālinī
an Schönheit und Jugend reich
saṃjñā nāma
namens Saṃjñā
su-tapasā sudīptena
mit starkem, hellglänzendem [Glanz]
samanvitā
ausgestattet
Saṃjñā ist mit dem überwältigenden Glanz/der Gestalt ihres Gatten Vivasvant (der Sonne) unzufrieden – Ausgangspunkt der gesamten Erzählung.
„Fürwahr, dieser [Sohn] des Eis ist nicht tot“ – so sprach [Kaśyapa] einst aus Zuneigung, unwissend; deshalb wird der Sohn Kaśyapas „Mārtaṇḍa“ genannt.
Wort für Wort
na khalu
fürwahr nicht
ayam mṛtaḥ
dieser ist tot
aṇḍasya
des Eis
iti snehāt
so aus Zuneigung
abhāṣata
sprach
ajānan
unwissend
kāśyapaḥ
der Sohn Kaśyapas
tasmāt
deshalb
mārtaṇḍaḥ iti ca ucyate
wird „Mārtaṇḍa“ genannt
Etymologie "Mārtaṇḍa" von "mṛta-aṇḍa" ("aus dem toten Ei") – Anspielung auf einen (hier nicht ausgeführten) Mythos, wonach Vivasvant zunächst als totgeglaubtes Ei geboren wurde und Kaśyapa liebevoll versicherte, das Ei sei nicht tot.
śyāmavarṇaṃ tu tad rūpaṃ saṃjñā dṛṣṭvā vivasvataḥ / asahantī tu svāṃ chāyāṃ savarṇāṃ nirmame tataḥ // BrP_6.9 //
Als Saṃjñā aber jene dunkelfarbige Gestalt Vivasvants sah, [und] sie nicht ertragend, schuf sie darauf ihren eigenen Schatten von gleicher Farbe (Savarṇā),
Wort für Wort
śyāma-varṇam
dunkelfarbig
tu
aber
tat rūpam vivasvataḥ
jene Gestalt Vivasvants
saṃjñā
Saṃjñā
dṛṣṭvā
gesehen habend
asahantī
nicht ertragend
tu svām chāyām
ihren eigenen Schatten
savarṇām
von gleicher Farbe
nirmame
schuf
tataḥ
darauf
Saṃjñā, die den überwältigenden Glanz nicht länger erträgt, schafft einen magischen Schatten-Doppelgänger namens Savarṇā, um ihre Pflichten zu übernehmen, während sie selbst flieht.
Jene Saṃjñā aber, illusionshaft geschaffen, [wandte sich] an sie, die aus dem Schatten Entstandene; mit gefalteten Händen sich verneigend sprach der Schatten zu Saṃjñā, o beste der Brahmanen,
Wort für Wort
māyāmayī tu
illusionshaft aber
sā saṃjñā
jene Saṃjñā
tasyām chāyā-samutthitām
zu ihr, der aus dem Schatten Entstandenen
prāñjaliḥ praṇatā bhūtvā
mit gefalteten Händen sich verneigend
chāyā
der Schatten
saṃjñām
zu Saṃjñā
dvija-uttamāḥ
o beste der Brahmanen
[Anm.: Satzbau in v.9-11 etwas verschachtelt; Sinn: Saṃjñā erschafft die illusionäre Schattengestalt Savarṇā, die sich ihr ehrerbietig unterordnet.]
imau ca bālakau mahyaṃ kanyā ceyaṃ sumadhyamā / saṃbhāvyās te na cākhyeyam idaṃ bhagavate kvacit // BrP_6.13 //
Und diese meine beiden Knaben und diese Tochter von schöner Taille sollen von dir umsorgt werden; und dies soll dem Erhabenen (Vivasvant) niemals mitgeteilt werden.“
Wort für Wort
imau ca bālakau
und diese beiden Knaben
mahyam
meine
kanyā ca iyam sumadhyamā
und diese Tochter von schöner Taille
saṃbhāvyāḥ te
sollen von dir umsorgt werden
na ca ākhyeyam
und soll nicht mitgeteilt werden
idam
dies
bhagavate
dem Erhabenen
kvacit
jemals
Saṃjñā bittet Savarṇā, auch ihre drei Kinder (Manu, Yama, Yamunā) zu versorgen, und verlangt strengstes Stillschweigen gegenüber Vivasvant.
Savarṇā sprach: „Bis zum Ergreifen [meines] Haars, o Göttin, bis zum Fluch – niemals werde ich es jemals mitteilen. Verehrung dir! Geh, o Göttin, wie es dir beliebt.“
Wort für Wort
ā kaca-grahaṇāt
bis zum Ergreifen des Haars
devi
o Göttin
ā śāpāt
bis zum Fluch
na eva karhicit
niemals
ākhyāsyāmi
werde ich mitteilen
namaḥ tubhyam
Verehrung dir
gaccha devi
geh, o Göttin
yathāsukham
wie es beliebt
Savarṇā verspricht Schweigen, allerdings mit einer entscheidenden Einschränkung: nur solange, bis sie selbst grob behandelt oder verflucht würde – dies wird später (v.22-23) genau zum Auslöser, der die Wahrheit ans Licht bringt.
samādiśya savarṇāṃ tu tathety uktā tayā ca sā / tvaṣṭuḥ samīpam agamad vrīḍiteva tapasvinī // BrP_6.15 //
Lomaharṣaṇa sprach: Nachdem sie Savarṇā angewiesen hatte und von dieser „So sei es“ zur Antwort erhalten hatte, ging sie, die Asketische, wie beschämt, in die Nähe des Tvaṣṭṛ,
Wort für Wort
samādiśya savarṇām tu
Savarṇā angewiesen habend
tathā iti uktā
„So sei es“ zur Antwort erhalten
tayā ca sā
von dieser sie
tvaṣṭuḥ samīpam
in die Nähe des Tvaṣṭṛ
agamat
ging
vrīḍitā iva
wie beschämt
tapasvinī
die Asketische
Saṃjñā verlässt Vivasvants Haus und begibt sich, gleichsam beschämt über ihr Vorhaben, zum Haus ihres Vaters Tvaṣṭṛ.
pituḥ samīpagā sā tu pitrā nirbhartsitā śubhā / bhartuḥ samīpaṃ gaccheti niyuktā ca punaḥ punaḥ // BrP_6.16 //
Sie, die Glückverheißende, in die Nähe des Vaters gelangt, wurde vom Vater aber zurechtgewiesen: „Geh in die Nähe deines Gatten!“ – so wurde sie immer wieder ermahnt.
Wort für Wort
pituḥ samīpagā
in die Nähe des Vaters gelangt
sā tu
sie aber
pitrā nirbhartsitā
vom Vater zurechtgewiesen
śubhā
die Glückverheißende
bhartuḥ samīpam gaccha
geh in die Nähe deines Gatten!
iti niyuktā
so ermahnt
ca punaḥ punaḥ
immer wieder
Tvaṣṭṛ weist seine Tochter zurück und besteht darauf, dass sie zu ihrem Ehemann zurückkehrt – ein weiterer Grund für Saṃjñās Verzweiflung.
Sie, die Untadelige, [floh und] kam, ihre Gestalt verhüllend, in Stutengestalt verwandelt, [dorthin]; zu den Nord-Kurus gegangen, weidete sie dann Gras.
Wort für Wort
āgacchat
kam
vaḍavā bhūtvā
zur Stute geworden
ācchādya rūpam
die Gestalt verhüllend
aninditā
die Untadelige
kurūn athottarān gatvā
zu den Nord-Kurus gegangen
tṛṇāni atha cacāra ha
weidete dann Gras
Statt zu ihrem Ehemann zurückzukehren, verwandelt sich Saṃjñā heimlich in eine Stute und flieht ins mythische Land der Nord-Kurus, wo sie als Tier lebt.
Mit der zweiten [Frau, der als] Saṃjñā [ausgegebenen Savarṇā], in der Meinung „Dies ist Saṃjñā“, zeugte der Āditya (Vivasvant) da einen Sohn, ihm selbst gleich,
Wort für Wort
dvitīyāyām tu saṃjñāyām
mit der zweiten [als] Saṃjñā [geltenden]
saṃjñā iyam iti cintayan
in der Meinung „Dies ist Saṃjñā“
ādityaḥ
der Āditya
janayām āsa
zeugte
putram ātmasamam
einen Sohn, ihm selbst gleich
tadā
da
Vivasvant, der die Täuschung nicht bemerkt und Savarṇā für seine echte Gattin Saṃjñā hält, zeugt mit ihr weitere Kinder.
„Dieser ist dem erstgeborenen Manu ähnlich“, [so dachte] der Herr [Vivasvant], o Brahmanen; er wurde eben zu einem Manu, mit Namen „Sāvarṇa“ genannt.
Wort für Wort
pūrvajasya manoḥ
dem erstgeborenen Manu
viprāḥ
o Brahmanen
sadṛśaḥ ayam iti
„dieser ist ähnlich“
prabhuḥ
der Herr
manuḥ eva abhavat
wurde eben zu einem Manu
nāmnā sāvarṇaḥ iti ca ucyate
mit Namen „Sāvarṇa“ genannt
Der neue Sohn (dem ersten Manu Vaivasvata ähnlich, da von "gleicher Farbe/Art" wie die echte Saṃjñā) wird selbst zu einem künftigen Manu bestimmt: Sāvarṇa – dies erklärt den Namen des in Kap. 5 bereits als achtes/zukünftiges Manvantara genannten Sāvarṇa-Manu.
dvitīyo yaḥ sutas tasyāḥ sa vijñeyaḥ śanaiścaraḥ / saṃjñā tu pārthivī viprāḥ svasya putrasya vai tadā // BrP_6.20 //
Der zweite Sohn von ihr ist als Śanaiścara (Saturn) zu erkennen. Die irdische (falsche) Saṃjñā aber, o Brahmanen, zeigte da ihrem eigenen Sohn
Wort für Wort
dvitīyaḥ yaḥ sutaḥ tasyāḥ
der zweite Sohn von ihr
saḥ vijñeyaḥ śanaiścaraḥ
ist als Śanaiścara zu erkennen
saṃjñā tu pārthivī
die irdische Saṃjñā (Savarṇā) aber
viprāḥ
o Brahmanen
svasya putrasya
ihrem eigenen Sohn
vai tadā
da fürwahr
Ein zweiter Sohn Savarṇās und Vivasvants wird zu Śanaiścara (dem Planeten Saturn) – Beginn der Erzählung, wie Savarṇās Bevorzugung ihres eigenen Sohnes den Konflikt mit Yama auslöst.
sa vai roṣāc ca bālyāc ca bhāvino 'rthasya vānagha / padā saṃtarjayām āsa saṃjñāṃ vaivasvato yamaḥ // BrP_6.22 //
Er, aus Zorn und Kindlichkeit, oder wegen der bevorstehenden [schicksalhaften] Sache, o Sündloser, drohte Saṃjñā mit dem Fuß – [nämlich] Yama, der Sohn des Vaivasvant.
Wort für Wort
saḥ vai roṣāt ca bālyāt ca
er aus Zorn und Kindlichkeit
bhāvinaḥ arthasya vā
oder wegen der bevorstehenden Sache
anagha
o Sündloser
padā saṃtarjayām āsa
drohte mit dem Fuß
saṃjñām
der Saṃjñā (Savarṇā)
vaivasvataḥ yamaḥ
Yama, der Sohn des Vaivasvant
Yama, in kindlichem Zorn (oder von Schicksal getrieben), macht eine drohende Fußgeste gegen die vermeintliche Mutter (Savarṇā) – der entscheidende Auslöser für den folgenden Fluch.
Da verfluchte ihn aus Zorn die Mutter des Sāvarṇa (Savarṇā): „Dieser dein Fuß soll abfallen!“ – so [sprach sie], heftig betrübt.
Wort für Wort
tam śaśāpa
ihn verfluchte sie
tataḥ krodhāt
daraufhin aus Zorn
sāvarṇa-jananī
die Mutter des Sāvarṇa
tadā
da
caraṇaḥ patatām eṣaḥ tava
dieser dein Fuß soll abfallen
iti
so
bhṛśa-duḥkhitā
heftig betrübt
Der entscheidende Fluch: Savarṇā verflucht Yama, seinen Fuß zu verlieren – ein für eine (vermeintliche) Mutter ungewöhnlich harter Fluch, der später (v.30) als Ursprung der Würmer erklärt wird, die den Menschen das Fleisch von den Füßen (der Erde) nehmen.
yamas tu tat pituḥ sarvaṃ prāñjaliḥ pratyavedayat / bhṛśaṃ śāpabhayodvignaḥ saṃjñāvākyair viśaṅkitaḥ // BrP_6.24 //
Yama aber berichtete dies alles seinem Vater, mit gefalteten Händen, heftig von der Furcht vor dem Fluch beunruhigt, durch Saṃjñās (Savarṇās) Worte beargwöhnt,
Wort für Wort
yamaḥ tu
Yama aber
tat pituḥ sarvam
dies alles dem Vater
prāñjaliḥ
mit gefalteten Händen
pratyavedayat
berichtete
bhṛśam śāpa-bhaya-udvignaḥ
heftig von Furcht vor dem Fluch beunruhigt
saṃjñā-vākyaiḥ viśaṅkitaḥ
durch Saṃjñās Worte beargwöhnt
Yama, erschrocken über den ungewöhnlich harten Fluch einer Mutter gegen ihr eigenes Kind, wendet sich an seinen Vater Vivasvant.
„Möge dieser Fluch sich abwenden!“ – so sprach er zum Vater, o Brahmanen; „von einer Mutter sollte doch mit Zuneigung gegenüber allen Söhnen gehandelt werden,
Wort für Wort
śāpaḥ ayam vinivarteta
möge dieser Fluch sich abwenden
provāca pitaram
sprach zum Vater
dvijāḥ
o Brahmanen
mātrā snehena
von einer Mutter mit Zuneigung
sarveṣu suteṣu vai
gegenüber allen Söhnen fürwahr
vartitavyam
sollte gehandelt werden
Yamas Argument gegenüber seinem Vater: eine wahre Mutter sollte alle ihre Kinder gleich lieben – der ungewöhnlich harte, ungerechte Fluch erregt Vivasvants Misstrauen.
seyam asmān apāsyeha vivasvan saṃbubhūṣati / tasyāṃ mayodyataḥ pādo na tu dehe nipātitaḥ // BrP_6.26 //
sie aber wünscht, uns hier zu vertreiben, o Vivasvant; gegen sie habe ich zwar den Fuß erhoben, ihn aber nicht auf [ihren] Körper fallen lassen.
Wort für Wort
sā iyam
sie aber
asmān apāsya
uns vertreibend
iha
hier
vivasvan
o Vivasvant
saṃbubhūṣati
wünscht zu sein (beabsichtigt)
tasyām
gegen sie
mayā udyataḥ pādaḥ
von mir der Fuß erhoben
na tu dehe nipātitaḥ
aber nicht auf den Körper fallen gelassen
Yama verteidigt sich: er hat den Fuß nur gedroht erhoben, ihn aber nicht tatsächlich gegen die (vermeintliche) Mutter geschlagen – der Fluch sei daher unverhältnismäßig.
bālyād vā yadi vā laulyān mohāt tat kṣantum arhasi / śapto 'ham asmi lokeśa jananyā tapatāṃ vara / tava prasādāc caraṇo na paten mama gopate // BrP_6.27 //
Sei es aus Kindlichkeit, sei es aus Unbeständigkeit, aus Verblendung – das solltest du verzeihen können; ich bin von [meiner] Mutter verflucht worden, o Weltenherr, Vorzüglichster der Glühenden; durch deine Gnade möge mein Fuß nicht abfallen, o Hüter [der Welt].“
Wort für Wort
bālyāt vā yadi vā laulyāt
sei es aus Kindlichkeit, sei es aus Unbeständigkeit
mohāt
aus Verblendung
tat kṣantum arhasi
das solltest du verzeihen können
śaptaḥ aham asmi
ich bin verflucht worden
lokeśa
o Weltenherr
jananyā
von der Mutter
tapatām vara
o Vorzüglichster der Glühenden
tava prasādāt
durch deine Gnade
caraṇaḥ na patet mama
möge mein Fuß nicht abfallen
gopate
o Hüter
Yama bittet seinen Vater um Vergebung für sein eigenes Fehlverhalten und um Schutz vor dem mütterlichen Fluch.
Vivasvant sprach: „Ohne Zweifel wird hier ein großer Grund vorliegen, wodurch dich, den Dharma-Kundigen, den Wahrheitsredner, der Zorn [deiner Mutter] befiel.
Wort für Wort
asaṃśayam
ohne Zweifel
putra
o Sohn
mahat bhaviṣyati atra kāraṇam
wird hier ein großer Grund vorliegen
yena
wodurch
tvām āviśat krodhaḥ
dich befiel der Zorn
dharmajñam satyavādinam
den Dharma-Kundigen, den Wahrheitsredner
Vivasvant beginnt zu ahnen, dass etwas nicht stimmt, da Yama als gerecht und wahrhaftig bekannt ist.
na śakyam etan mithyā tu kartuṃ mātṛvacas tava / kṛmayo māṃsam ādāya yāsyanty avanim eva ca // BrP_6.29 //
Dies, das Wort deiner Mutter, kann aber nicht ungültig gemacht werden; Würmer werden, Fleisch nehmend, [von deinem Fuß] zur Erde gehen,
Wort für Wort
na śakyam
es kann nicht
etat mithyā kartum
dies ungültig gemacht werden
tu
aber
mātṛ-vacaḥ tava
das Wort deiner Mutter
kṛmayaḥ
Würmer
māṃsam ādāya
Fleisch nehmend
yāsyanti avanim eva ca
werden zur Erde gehen
Vivasvant erklärt, dass der Fluch nicht rückgängig gemacht, sondern nur gemildert werden kann: statt den ganzen Fuß zu verlieren, werden nur Würmer etwas Fleisch davon nehmen.
So wird das Wort deiner Mutter wahr gemacht werden, und du wirst durch die Milderung des Fluches gerettet werden.
Wort für Wort
kṛtam evam vacaḥ tathyam
so wird das Wort wahr gemacht
mātuḥ tava
deiner Mutter
bhaviṣyati
wird werden
śāpasya parihāreṇa
durch die Milderung des Fluches
tvam ca trātaḥ bhaviṣyasi
und du wirst gerettet werden
Vivasvant findet eine Lösung: der Fluch wird technisch erfüllt (durch Würmer, die geringfügig Fleisch nehmen), Yama selbst aber bleibt im Wesentlichen unversehrt.
Und der Āditya (Vivasvant) sprach zu Saṃjñā (Savarṇā): „Warum wird bei den [doch] gleichrangigen Söhnen von dir gegenüber einem übermäßige Zuneigung gezeigt?
Wort für Wort
ādityaḥ ca abravīt saṃjñām
und der Āditya sprach zu Saṃjñā
kimartham
warum
tanayeṣu vai tulyeṣu
bei den doch gleichrangigen Söhnen
abhyadhikaḥ snehaḥ
übermäßige Zuneigung
ekasmin kriyate tvayā
wird bei einem von dir gezeigt
Vivasvant konfrontiert nun Savarṇā direkt mit ihrer ungleichen Behandlung der Kinder.
tāṃ śaptukāmo bhagavān nāśapan munisattamāḥ / mūrdhajeṣu nijagrāha sa tu tāṃ munisattamāḥ // BrP_6.33 //
Der Erhabene, der sie verfluchen wollte, verfluchte sie [doch] nicht, o beste der Weisen; er aber packte sie an den Kopfhaaren, o beste der Weisen,
Wort für Wort
tām śaptukāmaḥ
sie verfluchen wollend
bhagavān
der Erhabene
na aśapat
verfluchte nicht
muni-sattamāḥ
o beste der Weisen
mūrdhajeṣu nijagrāha
packte an den Kopfhaaren
saḥ tu tām
er aber sie
muni-sattamāḥ
o beste der Weisen
Vivasvant, obwohl zunächst zornig genug, um Savarṇā zu verfluchen, hält sich zurück, ergreift sie aber grob am Haar – dies ist der in v.14 vorausgesetzte Auslöser ("bis zum Ergreifen des Haars"), der Savarṇā von ihrem Schweigegelübde entbindet.
Darauf berichtete sie [Savarṇā] Vivasvant alles, wie es sich zugetragen hatte; Vivasvant aber, dies gehört habend, ging erzürnt zu Tvaṣṭṛ,
Wort für Wort
tataḥ sarvam yathāvṛttam
darauf alles, wie es sich zugetragen hatte
ācacakṣe vivasvate
berichtete sie Vivasvant
vivasvān atha tat śrutvā
Vivasvant aber, dies gehört habend
kruddhaḥ
erzürnt
tvaṣṭāram abhyagāt
ging zu Tvaṣṭṛ
Savarṇā, nun von ihrem Schweigegelübde entbunden (vgl. v.14), enthüllt die gesamte Wahrheit; Vivasvant sucht daraufhin zornig seinen Schwiegervater Tvaṣṭṛ auf.
dṛṣṭvā tu taṃ yathānyāyam arcayitvā vibhāvasum / nirdagdhukāmaṃ roṣeṇa sāntvayām āsa vai tadā // BrP_6.35 //
Als er ihn (Vivasvant, den Feuerglänzenden) sah, verehrte er ihn gebührend; und ihn, der [alles] aus Zorn verbrennen wollte, besänftigte er da fürwahr,
Wort für Wort
dṛṣṭvā tu tam
ihn sehend
yathānyāyam arcayitvā
gebührend verehrt habend
vibhāvasum
den Feuerglänzenden (Vivasvant)
nirdagdhukāmam
der verbrennen wollte
roṣeṇa
aus Zorn
sāntvayām āsa vai tadā
besänftigte da fürwahr
Tvaṣṭṛ empfängt seinen zornigen Schwiegersohn ehrerbietig und versucht ihn zu beruhigen, bevor dessen Zorn Schaden anrichtet.
tavātitejasāviṣṭam idaṃ rūpaṃ na śobhate / asahantī ca saṃjñā sā vane carati śāḍvale // BrP_6.36 //
Tvaṣṭṛ sprach: „Diese deine, von übermäßigem Glanz durchdrungene Gestalt ist nicht schön; und weil sie [sie] nicht ertragen konnte, wandert deine Saṃjñā im grasreichen Wald umher.
Wort für Wort
tava ati-tejasā āviṣṭam
von deinem übermäßigen Glanz durchdrungen
idam rūpam
diese Gestalt
na śobhate
ist nicht schön
asahantī ca saṃjñā sā
und weil sie, Saṃjñā, nicht ertragen konnte
vane carati śāḍvale
wandert im grasreichen Wald umher
Tvaṣṭṛ erklärt Vivasvant den wahren Grund für Saṃjñās Flucht: sein eigener übermäßiger, unerträglicher Glanz.
Denn du wirst sie heute sehen, deine eigene, glückverheißend wandelnde Gattin, die lobenswerte, mit Yoga-Kraft ausgestattete, wenn du selbst Yoga anwendest, o Hüter [der Welt] –
Wort für Wort
draṣṭā hi tām bhavān adya
denn du wirst sie heute sehen
svām bhāryām śubhacāriṇīm
deine eigene, glückverheißend wandelnde Gattin
ślāghyām yoga-bala-upetām
die lobenswerte, mit Yoga-Kraft ausgestattete
yogam āsthāya
Yoga anwendend
gopate
o Hüter
Tvaṣṭṛ versichert Vivasvant, dass er Saṃjñā durch eigene Yoga-Kraft wiederfinden kann.
tato 'bhyupagamāt tvaṣṭā mārtaṇḍasya vivasvataḥ / bhramim āropya tat tejaḥ śātayām āsa bho dvijāḥ // BrP_6.39 //
Lomaharṣaṇa sprach: Darauf, mit Zustimmung [Vivasvants], setzte Tvaṣṭṛ jenen Glanz Mārtaṇḍa-Vivasvants auf die Drehscheibe und schliff ihn ab, o Brahmanen,
Wort für Wort
tataḥ abhyupagamāt
darauf mit Zustimmung
tvaṣṭā
Tvaṣṭṛ
mārtaṇḍasya vivasvataḥ
Mārtaṇḍa-Vivasvants
bhramim āropya
auf die Drehscheibe gesetzt habend
tat tejaḥ śātayām āsa
schliff jenen Glanz ab
bhoḥ dvijāḥ
o Brahmanen
Tvaṣṭṛ, als göttlicher Handwerker (vergleichbar mit Viśvakarman aus Kap. 3), "schleift" Vivasvants überschüssigen Glanz auf einer Drehscheibe ab, wie ein Juwelier einen Edelstein bearbeitet.
tato nirbhāsitaṃ rūpaṃ tejasā saṃhatena vai / kāntāt kāntataraṃ draṣṭum adhikaṃ śuśubhe tadā // BrP_6.40 //
Darauf erstrahlte seine Gestalt mit gebändigtem Glanz, fürwahr, und war da noch schöner anzuschauen als [zuvor schon] schön, noch mehr erstrahlend.
Wort für Wort
tataḥ nirbhāsitam rūpam
darauf erstrahlte die Gestalt
tejasā saṃhatena vai
mit gebändigtem Glanz fürwahr
kāntāt kāntataram
schöner als schön
draṣṭum adhikam śuśubhe tadā
war noch mehr anzuschauen erstrahlend
Ergebnis: Vivasvants Gestalt wird gemildert und dadurch sogar noch schöner als zuvor – eine für die spätere Ikonographie der Sonne bedeutsame Ätiologie.
Yoga anwendend, erblickte er darauf seine eigene Gattin in Stutengestalt, unangreifbar für alle Wesen durch [ihren eigenen] Glanz und [ihre] Selbstbeherrschung,
Wort für Wort
dadarśa
er erblickte
yogam āsthāya
Yoga anwendend
svām bhāryām vaḍavām
seine eigene Gattin in Stutengestalt
tataḥ
darauf
adhṛṣyām sarvabhūtānām
unangreifbar für alle Wesen
tejasā niyamena ca
durch Glanz und Selbstbeherrschung
Vivasvant findet mittels Yoga die verwandelte Saṃjñā (als Stute).
die sich [zunächst] wehrte, aus Argwohn gegen einen fremden Mann, [ihn] zur Paarung [glaubend]; sie stieß jenen Samen Vivasvants durch [ihre] beiden Nüstern aus.
Wort für Wort
maithunāya viceṣṭantīm
sich [zunächst] wehrend gegen die Paarung
parapuṃsaḥ avaśaṅkayā
aus Argwohn gegen einen fremden Mann
sā tat niravamat śukram
sie stieß jenen Samen aus
nāsikābhyām vivasvataḥ
durch die beiden Nüstern, [den] Vivasvants [Samen]
Saṃjñā, die den vermeintlichen fremden Hengst zunächst abwehrt, nimmt seinen Samen ungewöhnlich über die Nüstern auf und stößt ihn dort wieder aus – Ursprung der Aśvin-Zwillinge.
Aus ihr wurden die beiden Aśvin-Götter geboren, die vorzüglichsten der Ärzte; Nāsatya und Dasra, so werden die beiden Aśvins genannt.
Wort für Wort
devau tasyām ajāyetām
aus ihr wurden die beiden Götter geboren
aśvinau
die Aśvins
bhiṣajām varau
die vorzüglichsten der Ärzte
nāsatyaḥ ca eva dasraḥ ca
Nāsatya und Dasra
smṛtau dvau aśvinau iti
so werden die beiden Aśvins genannt
Geburt der Aśvin-Zwillinge (die göttlichen Ärzte), aus dem über die Nüstern ausgestoßenen Samen entstanden – daher ihr Name ("Nāsatya" wird volksetymologisch mit "nāsikā", Nase, assoziiert).
Diese beiden sind Söhne Mārtaṇḍas, des achten Prajāpati (Āditya); ihr aber zeigte sich der Sonnenglanzträger (Bhāskara) [nun] in [seiner neuen,] angenehmen Gestalt.
Wort für Wort
mārtaṇḍasya ātmajau etau
diese beiden Söhne Mārtaṇḍas
aṣṭamasya prajāpateḥ
des achten Prajāpati
tām tu
ihr aber
rūpeṇa kāntena
in angenehmer Gestalt
darśayām āsa bhāskaraḥ
zeigte sich der Sonnenglanzträger
Nach der Geburt der Aśvins offenbart sich Vivasvant Saṃjñā schließlich in seiner neuen, gemilderten Gestalt.
sā tu dṛṣṭvaiva bhartāraṃ tutoṣa munisattamāḥ / yamas tu karmaṇā tena bhṛśaṃ pīḍitamānasaḥ // BrP_6.46 //
Sie aber, kaum dass sie ihren Gatten sah, wurde erfreut, o beste der Weisen. Yama aber, durch jene Tat (seinen Fußfluch) heftig in seinem Sinn gequält,
Wort für Wort
sā tu dṛṣṭvā eva bhartāram
sie aber, kaum dass sie den Gatten sah
tutoṣa
wurde erfreut
muni-sattamāḥ
o beste der Weisen
yamaḥ tu
Yama aber
karmaṇā tena
durch jene Tat
bhṛśam pīḍita-mānasaḥ
heftig im Sinn gequält
Versöhnliches Ende: Saṃjñā erkennt und akzeptiert ihren nun gemilderten Gatten freudig. Übergang zu Yamas weiterem Schicksal – trotz der Milderung bleibt er von der Erfahrung geprägt.
dharmeṇa rañjayām āsa dharmarāja imāḥ prajāḥ / sa lebhe karmaṇā tena śubhena paramadyutiḥ // BrP_6.47 //
erfreute durch Dharma, als Dharmarāja (König des Rechts), diese Untertanen; er erlangte durch jene glückverheißende Tat, der höchst Glanzvolle,
Wort für Wort
dharmeṇa rañjayām āsa
erfreute durch Dharma
dharmarāja
als Dharmarāja
imāḥ prajāḥ
diese Untertanen
saḥ lebhe
er erlangte
karmaṇā tena śubhena
durch jene glückverheißende Tat
parama-dyutiḥ
der höchst Glanzvolle
Yama wandelt sein Trauma in positive Herrschaftstätigkeit um: Er wird zum "Dharmarāja" (dem gerechten König/Richter der Toten), berühmt für seine gerechte Herrschaft.
pitṝṇām ādhipatyaṃ ca lokapālatvam eva ca / manuḥ prajāpatis tv āsīt sāvarṇiḥ sa tapodhanāḥ // BrP_6.48 //
die Oberherrschaft über die Ahnen (Pitṛs) und ebenso den Rang eines Weltenhüters (Lokapāla). Manu Sāvarṇi aber war [selbst] ein Prajāpati, o Askesereiche,
Wort für Wort
pitṝṇām ādhipatyam
die Oberherrschaft über die Ahnen
ca lokapālatvam eva ca
und ebenso den Rang eines Weltenhüters
manuḥ prajāpatiḥ tu āsīt
Manu war aber ein Prajāpati
sāvarṇiḥ
Sāvarṇi
saḥ tapodhanāḥ
o Askesereiche
Yamas Belohnung: Herrschaft über die verstorbenen Ahnen und Rang als einer der Weltenhüter (Lokapāla, vgl. bereits Kap. 4). Übergang zu Manu Sāvarṇi (dem Sohn Savarṇās).
bhrātā śanaiścaras tasya grahatvaṃ sa tu labdhavān / tvaṣṭā tu tejasā tena viṣṇoś cakram akalpayat // BrP_6.50 //
Sein Bruder Śanaiścara (Saturn) aber erlangte den Rang eines Planeten (Graha). Tvaṣṭṛ aber gestaltete aus jenem [abgeschliffenen] Glanz die Diskuswaffe (Cakra) Viṣṇus,
Wort für Wort
bhrātā śanaiścaraḥ tasya
sein Bruder Śanaiścara
grahatvam saḥ tu labdhavān
erlangte aber den Rang eines Planeten
tvaṣṭā tu tejasā tena
Tvaṣṭṛ aber mit jenem Glanz
viṣṇoḥ cakram akalpayat
gestaltete die Diskuswaffe Viṣṇus
Śanaiścara wird zum Planeten Saturn; der von Vivasvant abgeschliffene überschüssige Glanz (vgl. v.39-40) wird von Tvaṣṭṛ weiterverwendet, um Viṣṇus berühmte Diskuswaffe (Sudarśana-Cakra) zu schaffen.
und sie wurde zur vorzüglichsten der Flüsse, der weltreinigenden Yamunā. [Der Sohn Savarṇās] wird in der Welt „Manu“ genannt, [und] auch „Sāvarṇa“ genannt,
Wort für Wort
abhavat ca sarit-śreṣṭhā
und sie wurde zur vorzüglichsten der Flüsse
yamunā loka-pāvanī
die weltreinigende Yamunā
manuḥ iti ucyate loke
wird in der Welt „Manu“ genannt
sāvarṇaḥ iti ca ucyate
auch „Sāvarṇa“ genannt
Yamī wird zum heiligen Fluss Yamunā; Rückkehr zur Bezeichnung des Sāvarṇa-Sohnes als künftiger Manu.
ya idaṃ janma devānāṃ śṛṇuyān narasattamaḥ / āpadaṃ prāpya mucyeta prāpnuyāc ca mahad yaśaḥ // BrP_6.54 //
Welcher vorzüglichste der Menschen diese Geburt der Götter hört, der wird, in Not geraten, [aus ihr] befreit werden und wird großen Ruhm erlangen.
Wort für Wort
yaḥ idam janma devānām
welcher diese Geburt der Götter
śṛṇuyāt
hört
nara-sattamaḥ
der vorzüglichste der Menschen
āpadam prāpya mucyeta
wird, in Not geraten, befreit werden
prāpnuyāt ca mahat yaśaḥ
und wird großen Ruhm erlangen
Abschließende Phalaśruti des Kapitels: das Hören dieser Erzählung von der Geburt der Götter (Aśvins, Śanaiścara, Manu Sāvarṇa usw.) schützt in Notlagen und bringt Ruhm.