Kapitel 163: sārasvatatīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Sārasvata-Tīrtha (Der Muni Śākalya, der Rākṣasa Paraśu und die Gnade der Sarasvatī)
Auf dem Berg Śubhra am Südufer der Gautamī übt der Brahmane Śākalya Askese. Der gestaltwandelnde, brahmanenfeindliche Rākṣasa Paraśu sucht ihn wiederholt heim, um ihn zu töten, wird aber immer wieder durch Śākalyas Tugend und Gastfreundschaft daran gehindert. Als Bettel-Brahmane verkleidet, erhält Paraśu Gastmahl von Śākalya, gibt sich dann als Rākṣasa zu erkennen und will ihn verspeisen. Śākalya bietet sich gelassen dar und spricht eine Schutzformel (die Glieder seines Körpers den verschiedenen Formen Viṣṇus zugeordnet); daraufhin erblickt Paraśu in ihm eine kosmische Viṣṇu-Gestalt, bereut und bittet um Erlösung. Auf Śākalyas Rat verehrt Paraśu an der Gaṅgā die Göttin Sarasvatī und durch ihre Gnade Janārdana (Viṣṇu), der ihm einen Wunsch gewährt. Durch die vereinte Gnade Śākalyas, der Gautamī, Sarasvatīs und Narasiṃhas gelangt der sündige Rākṣasa in den Himmel. Ursprung des Sārasvata-Tīrtha und weiterer Tīrthas an jenem Berg.
netuṃ hantuṃ pravṛtto 'pi na śaśāka sa pāpakṛt / sa kadācid dvijaśreṣṭho devān abhyarcya yatnataḥ //
Obwohl er sich anschickte, ihn wegzuführen und zu töten, vermochte der Sündentäter es nicht. Einst, nachdem jener vortreffliche Brahmane eifrig die Götter verehrt hatte…
Wort für Wort
netuṃ hantuṃ pravṛtto 'pi na śaśāka sa pāpakṛt
obwohl er sich anschickte, ihn wegzuführen und zu töten, vermochte der Sündentäter es nicht
sa kadācid dvijaśreṣṭho devān abhyarcya yatnataḥ
einst, nachdem jener vortreffliche Brahmane eifrig die Götter verehrt hatte
…zum Essen bereit sein wollte, o Muni, da kam Paraśu dorthin; er nahm die Gestalt eines gebrechlichen, greisen, kraftlosen Brahmanen an, führte ein Mädchen mit sich und sprach zu Śākalya folgende Worte.
Wort für Wort
bhoktukāmaḥ kilāyātas tatrāyāt paraśur mune
zum Essen bereit sein wollte, o Muni, da kam Paraśu dorthin
brahmarūpadharo bhūtvā śithilaḥ palito 'balī
er nahm die Gestalt eines gebrechlichen, greisen, kraftlosen Brahmanen an
kanyām ādāya kāṃcic ca śākalyaṃ vākyam abravīt
führte ein Mädchen mit sich und sprach zu Śākalya folgende Worte
Paraśu sprach: Wisse, dass ich um Speise bitte, ich und dieses Mädchen, o Brahmane. Da wir zur rechten Zeit der Gastfreundschaft angekommen sind, hast du dein Ziel erreicht, o Ehrenspender.
Wort für Wort
bhojanasyārthinaṃ viddhi māṃ ca kanyām imāṃ dvija
wisse, dass ich um Speise bitte, ich und dieses Mädchen, o Brahmane
ātithyakāle saṃprāptaṃ kṛtakṛtyo 'si mānada
da wir zur rechten Zeit der Gastfreundschaft angekommen sind, hast du dein Ziel erreicht, o Ehrenspender
Brahmā sprach: Dies gehört habend, sprach Śākalya: ,Ich gebe (es).' Und er ließ, ohne es zu wissen, jenen Paraśu in Brahmanengestalt auf einem Sitz Platz nehmen.
Wort für Wort
etac chrutvā tu śākalyo dadāmīty evam abravīt
dies gehört habend, sprach Śākalya: ich gebe es
āsane copaveśyāthājñānāt taṃ paraśuṃ dvijam
und er ließ, ohne es zu wissen, jenen Paraśu in Brahmanengestalt auf einem Sitz Platz nehmen
Nachdem er ihn ordnungsgemäß geehrt hatte, gab Śākalya ihm Speise. Nachdem er das rituelle Wasser in die Hand genommen hatte, sprach Paraśu folgende Worte.
Wort für Wort
yathānyāyaṃ pūjayitvā śākalyo bhojanaṃ dadau
nachdem er ihn ordnungsgemäß geehrt hatte, gab Śākalya ihm Speise
āpośanaṃ kare kṛtvā paraśur vākyam abravīt
nachdem er das rituelle Wasser in die Hand genommen hatte, sprach Paraśu folgende Worte
{paraśur uvāca:} dūrād abhyāgataṃ śrāntam anugacchanti devatāḥ / tasmiṃs tṛpte tu tṛptāḥ syur atṛpte tu viparyayaḥ //
Paraśu sprach: Dem von fern Angekommenen, Ermüdeten folgen die Gottheiten; ist er gesättigt, sind sie gesättigt, ist er nicht gesättigt, ist das Gegenteil der Fall.
Wort für Wort
dūrād abhyāgataṃ śrāntam anugacchanti devatāḥ
dem von fern Angekommenen, Ermüdeten folgen die Gottheiten
tasmiṃs tṛpte tu tṛptāḥ syur atṛpte tu viparyayaḥ
ist er gesättigt, sind sie gesättigt, ist er nicht gesättigt, ist das Gegenteil der Fall
Meine Glieder vertrocknen wie wenig Wasser im Sommer; darum werde ich dich nicht mit deinem Gefolge wegführen, sondern verspeisen, o vortrefflichster Brahmane.
Wort für Wort
śuṣyanti mama gātrāṇi grīṣme svalpodakaṃ yathā
meine Glieder vertrocknen wie wenig Wasser im Sommer
tasmān neṣye sānugaṃ tvāṃ bhakṣayiṣye dvijottama
darum werde ich dich nicht mit deinem Gefolge wegführen, sondern verspeisen, o vortrefflichster Brahmane
{śākalya uvāca:} ye mahākulasaṃbhūtā vijñātasakalāgamāḥ / tat pratiśrutam abhyeti na jātv atra viparyayam //
Śākalya sprach: Diejenigen, die aus großem Geschlecht entstammen und alle heiligen Überlieferungen kennen, bei denen trifft das Versprochene stets ein, niemals gibt es hierin ein Gegenteil.
Wort für Wort
ye mahākulasaṃbhūtā vijñātasakalāgamāḥ
diejenigen, die aus großem Geschlecht entstammen und alle heiligen Überlieferungen kennen
tat pratiśrutam abhyeti na jātv atra viparyayam
bei denen trifft das Versprochene stets ein, niemals gibt es hierin ein Gegenteil
Ich bin ein Brahmane mit einem Körper wie ein Diamant; von allen Seiten sei Hari mein Beschützer; meine Füße schütze Viṣṇu, mein Haupt der Gott Janārdana.
Wort für Wort
brāhmaṇo 'haṃ vajratanuḥ sarvato rakṣako hariḥ
ich bin ein Brahmane mit einem Körper wie ein Diamant; von allen Seiten sei Hari mein Beschützer
pādau rakṣatu me viṣṇuḥ śiro devo janārdanaḥ
meine Füße schütze Viṣṇu, mein Haupt der Gott Janārdana
Mein Antlitz schütze der Herr der Rede, meine Augen schütze der Vogelreitende; mein Gehör schütze der Herr des Reichtums, von allen Seiten schütze mich Bhava (Śiva); in den mannigfachen Nöten sei der Gott Nārāyaṇa selbst meine einzige Zuflucht.
Wort für Wort
mukhaṃ rakṣatu vāgīśo netre rakṣatu pakṣigaḥ
mein Antlitz schütze der Herr der Rede, meine Augen schütze der Vogelreitende
śrotraṃ rakṣatu vitteśaḥ sarvato rakṣatād bhavaḥ
mein Gehör schütze der Herr des Reichtums, von allen Seiten schütze mich Bhava
nānāpatsv ekaśaraṇaṃ devo nārāyaṇaḥ svayam
in den mannigfachen Nöten sei der Gott Nārāyaṇa selbst meine einzige Zuflucht
Paraśu sprach: Ich sehe dich, o vortrefflichster Brahmane, mit Muschelhorn, Diskus und Keule in Händen, mit tausend Füßen und Häuptern, tausend Augen und Händen, als den Alldurchdringenden.
Wort für Wort
śaṅkhacakragadāpāṇiṃ tvāṃ paśye 'haṃ dvijottama
ich sehe dich, o vortrefflichster Brahmane, mit Muschelhorn, Diskus und Keule in Händen
sahasrapādaśirasaṃ sahasrākṣakaraṃ vibhum
mit tausend Füßen und Häuptern, tausend Augen und Händen, als den Alldurchdringenden
Als die einzige Wohnstatt aller Wesen, in Gestalt der Versmaße, die Welt durchdringend – so sehe ich dich heute, o Brahmane; deine frühere Gestalt ist nicht mehr da.
Wort für Wort
sarvabhūtaikanilayaṃ chandorūpaṃ jaganmayam
als die einzige Wohnstatt aller Wesen, in Gestalt der Versmaße, die Welt durchdringend
tvām adya vipra paśyāmi nāsti te pūrvakaṃ vapuḥ
so sehe ich dich heute, o Brahmane; deine frühere Gestalt ist nicht mehr da
Darum stimme ich dich gnädig, o Brahmane; sei du selbst meine Zuflucht. Gib mir Erkenntnis, o großer Weiser, nenne mir das Tīrtha zur Tilgung der Sünde.
Wort für Wort
tasmāt prasādaye vipra tvam eva śaraṇaṃ bhava
darum stimme ich dich gnädig, o Brahmane; sei du selbst meine Zuflucht
jñānaṃ dehi mahābuddhe tīrthaṃ brūhy aghaniṣkṛtim
gib mir Erkenntnis, o großer Weiser, nenne mir das Tīrtha zur Tilgung der Sünde
Die Berührung des Eisens mit dem (verwandelnden) Stein führt eben zur Verwandlung in Gold.
Wort für Wort
ayasaḥ sparśasaṃsparśo
des Eisens Berührung mit dem (verwandelnden) Stein
rukmatvāyaiva jāyate
führt eben zur Verwandlung in Gold
[Anm.: Im Quelltext nur eine Zeile, mit * als unvollständiger Halbvers markiert (Fortsetzung von Paraśus Rede, ohne erneuten Sprechertag); für die wfw-Darstellung in zwei Sinnabschnitte geteilt. Gleichnis für die verwandelnde Kraft der Begegnung mit den Großen.]
Bald wirst du (Erfolg erlangen), o Herr der Daityas – darum preise Janārdana; zur Erlangung der Frucht deines Herzenswunsches gibt es nichts anderes als das Lob Nārāyaṇas.
Wort für Wort
tavācirād daityapate tataḥ stuhi janārdanam
bald wirst du, o Herr der Daityas, Erfolg erlangen – darum preise Janārdana
manorathaphalaprāptau nānyan nārāyaṇastuteḥ
zur Erlangung der Frucht deines Herzenswunsches gibt es nichts anderes als das Lob Nārāyaṇas
Brahmā sprach: ,So sei es', sprach jener Paraśu, und nachdem er in der die drei Welten reinigenden Gaṅgā gebadet hatte, stand er rein, mit gezügeltem Geist, der Gaṅgā zugewandt.
Wort für Wort
tathety uktvā sa paraśur gaṅgāṃ trailokyapāvanīm
so sei es, sprach jener Paraśu, (und ging) zur die drei Welten reinigenden Gaṅgā
snātvā śucir yatamanā gaṅgām abhimukhaḥ sthitaḥ
nachdem er gebadet hatte, stand er rein, mit gezügeltem Geist, der Gaṅgā zugewandt
{paraśur uvāca:} guruḥ śākalya ity āha mākāntaṃ stuhi vidhvajam / tava prasādāt sā śaktir yathā me syāt tathā kuru //
Paraśu sprach: Der Lehrer Śākalya hat gesagt: ,Preise [?] den mit dem Zeichen versehenen (Gott).' Mache es durch deine Gnade so, dass mir jene Kraft zuteilwerde.
Wort für Wort
guruḥ śākalya ity āha mākāntaṃ stuhi vidhvajam
der Lehrer Śākalya hat gesagt: preise [?] den mit dem Zeichen versehenen (Gott)
tava prasādāt sā śaktir yathā me syāt tathā kuru
mache es durch deine Gnade so, dass mir jene Kraft zuteilwerde
[?: ,mākāntaṃ' und ,vidhvajam' sind lexikalisch/syntaktisch unklar; hier vorläufig als Bezeichnung/Epitheton des zu preisenden Gottes (Viṣṇu/Janārdana) gedeutet.]
…gelangte der Rākṣasa Paraśu, obwohl höchst sündig, damals in den Himmel, durch die Gnade der Lotosfüße des mit dem Śārṅga-Bogen (bewaffneten Viṣṇu), aus denen alle Tīrthas (entstammen).
Wort für Wort
pāpiṣṭho 'pi tadā rakṣaḥ paraśur divam eyivān
gelangte der Rākṣasa Paraśu, obwohl höchst sündig, damals in den Himmel