idānīṃ brūhi yogaṃ ca duḥkhasaṃyogabheṣajam / yaṃ viditvāvyayaṃ tatra yuñjāmaḥ puruṣottamam //
Die Weisen sprachen: Erkläre uns nun auch den Yoga, das Heilmittel gegen die Verbindung mit dem Leid, durch dessen Erkenntnis wir uns dort mit dem unvergänglichen Puruṣottama vereinigen.
Vyāsa sprach: Ich werde den Yoga darlegen, oh Brahmanen, hört ihn, den Vernichter des weltlichen Daseins, durch dessen Übung der Yogin die höchst schwer erreichbare Erlösung erlangt.
Nachdem er zuerst die Yoga-Lehrschriften gehört und den Lehrer mit Hingabe verehrt hat — und der Kluge (nachdem er) Itihāsa, Purāṇa und auch die Veden (studiert hat) —
Wort für Wort
śrutvā ādau
nachdem zuerst gehört
yogaśāstrāṇi
die Yoga-Lehrschriften
gurum ārādhya
den Lehrer verehrend
bhaktitaḥ
mit Hingabe
itihāsam purāṇam ca
Itihāsa und Purāṇa
vedān ca eva
und auch die Veden
vicakṣaṇaḥ
der Kluge
[Anm.] Der Satz setzt sich über V.4-5 fort; das Hauptverb ('samabhyaset', 'er soll üben') folgt erst in V.5.
āhāraṃ yogadoṣāṃś ca deśakālaṃ ca buddhimān / jñātvā samabhyased yogaṃ nirdvaṃdvo niṣparigrahaḥ //
— und, die rechte Nahrung, die Fehler des Yoga sowie Ort und Zeit kennend, soll der Verständige den Yoga eifrig üben, frei von den Gegensatzpaaren, ohne Besitz.
Indem er Mehlspeise, Gerstenbrei, Buttermilch, Wurzeln, Früchte, Milch, Gerstenschrot und Ölkuchen-Rückstände isst — dies ist die Nahrung, das Mittel des Yoga.
na manovikale dhmāte na śrānte kṣudhite tathā / na dvaṃdve na ca śīte ca na coṣṇe nānilātmake //
Nicht bei gestörtem Geist, nicht bei Erregung [?], nicht bei Erschöpfung, ebenso nicht bei Hunger, nicht in den Gegensatzpaaren, nicht in Kälte, nicht in Hitze, nicht bei starkem Wind —
Wort für Wort
na manovikale
nicht bei gestörtem Geist
dhmāte
bei Erregung [?]
na śrānte
nicht bei Erschöpfung
kṣudhite tathā
ebenso bei Hunger
na dvaṃdve
nicht im Gegensatzpaar
na śīte ca
und nicht in Kälte
na uṣṇe ca
und nicht in Hitze
na anilātmake
nicht bei starkem Wind
[?] 'dhmāte' unsicher übersetzt (etwa 'aufgeblasen/erregt'). [Anm.] Die Aufzählung der zu meidenden Zustände und Orte setzt sich über V.7-9 fort; das regierende Verb 'yuñjīta' ('man soll üben') steht erst am Ende von V.9.
saśabde na jalābhyāse jīrṇagoṣṭhe catuṣpathe / sarīsṛpe śmaśāne ca na nadyante 'gnisaṃnidhau //
— nicht an lärmerfülltem Ort, nicht in der Nähe von Wasser, in einem verfallenen Kuhstall, an einer Kreuzung, an einem von Kriechtieren bewohnten Ort, auf dem Leichenverbrennungsplatz, nicht am Flussufer und nicht in der Nähe von Feuer —
na caitye na ca valmīke sabhaye kūpasaṃnidhau / na śuṣkaparṇanicaye yogaṃ yuñjīta karhicit //
— nicht bei einem Kultbaum, nicht bei einem Ameisenhügel, an einem gefährlichen Ort, in der Nähe eines Brunnens, nicht bei einem Haufen trockener Blätter — an all diesen Orten soll man niemals den Yoga üben.
In einer Einsiedelei, an einem einsamen, verborgenen, geräuschlosen, gefahrlosen Ort, auf einem Berg, in einem leeren Haus, an einem reinen, lieblichen, abgeschiedenen Ort oder in einem Gottestempel —
Wort für Wort
āśrame
in der Einsiedelei
vijane
am einsamen Ort
guhye
am verborgenen Ort
niḥśabde
am geräuschlosen Ort
nirbhaye
am gefahrlosen Ort
nage
auf dem Berg
śūnyāgāre
im leeren Haus
śucau ramye
am reinen, lieblichen Ort
eka-ante
am abgeschiedenen Ort
devatālaye
im Gottestempel
[Anm.] Der Satz setzt sich über V.13-20 fort und beschreibt in einer Kette von Ortsangaben, Körperhaltungen und Übungen den vollendeten Yogin; das regierende Verb 'yuñjīta' ('er soll sich vereinigen') folgt erst am Ende von V.20.
— sitzend, nach Osten gewandt, auf einem angenehmen, bequemen, festen Sitz, weder zu niedrig noch zu hoch, frei von Begierde, wahrhaftig redend, rein —
— mit gemäßigtem Schlaf, den Zorn bezwungen, am Wohl aller Wesen erfreut, alle Gegensatzpaare ertragend, standhaft, mit Rumpf, Füßen und Kopf in gerader Linie —
— die beiden Hände auf den Nabel gelegt, ruhig, im Lotossitz verweilend, den Blick auf die Nasenspitze gerichtet, die Atemzüge zurückhaltend, schweigend —
— nachdem der Weise die Gesamtheit der Sinne mit dem Geist im Herzen gesammelt hat, die Silbe Praṇava (OM) lang anhaltend rezitierend, mit geschlossenem Mund, völlig unbewegt —
— nachdem er die Wirkung des Tamas durch Rajas und ebenso die des Rajas durch Sattva überdeckt hat, im makellosen, friedvollen Zustand verweilend, mit geschlossenen Augen —
— soll der Yogin sich stets mit dem im Innern des Herzenslotos verborgenen, alldurchdringenden, makellosen, erlösungsspendenden Puruṣottama vereinigen.
karaṇendriyabhūtāni kṣetrajñe prathamaṃ nyaset / kṣetrajñaś ca pare yojyas tato yuñjati yogavit //
Die Sinnesorgane, Sinne und Elemente soll er zuerst im Kṣetrajña (dem 'Feldkenner', der individuellen Seele) verankern, und der Kṣetrajña ist sodann mit dem Höchsten zu vereinigen — so vereinigt sich der Yogakundige.
Wort für Wort
karaṇa-indriya-bhūtāni
Organe, Sinne und Elemente
kṣetrajñe prathamam nyaset
im Kṣetrajña soll er zuerst verankern
kṣetrajñaḥ ca pare yojyaḥ
und der Kṣetrajña ist mit dem Höchsten zu vereinigen
Nachdem er durch die Kraft des Yoga den reinen, die drei Zustände (Wachen, Traum, Tiefschlaf) übersteigenden, 'Turīya' genannten Puruṣottama erlangt hat, wird der Yogin befreit — daran besteht kein Zweifel.
Frei von Begierde nach allen Wünschen, überall mit freundlichem Blick, überall vom Bewusstsein der Vergänglichkeit erfüllt — nur so, nicht anders, wird der Yogin befreit.
Wort für Wort
niḥspṛhaḥ sarvakāmebhyaḥ
frei von Begierde nach allen Wünschen
sarvatra priyadarśanaḥ
überall mit freundlichem Blick
sarvatra anityabuddhiḥ tu
überall aber vom Bewusstsein der Vergänglichkeit erfüllt
evaṃ mayā muniśreṣṭhā yogaḥ prokto vimuktidaḥ / saṃsāramokṣahetuś ca kim anyac chrotum icchatha //
So wurde von mir, oh ihr Besten der Weisen, der die Befreiung schenkende Yoga verkündet, der die Ursache der Erlösung aus dem Saṃsāra ist. Was anderes wünscht ihr noch zu hören?
Lomaharṣaṇa sprach: Nachdem sie seine Worte gehört hatten, riefen sie „Gut, gut!“ und, Vyāsa lobend und verehrend, machten sie sich bereit, wiederum zu fragen.