Kapitel 11: Āyor Vaṃśānucaritam
Das Geschlecht des Āyus: Rajī und Indra, die Kāśī-Linie und Dhanvantari
Die Genealogie der Mondlinie (Candravaṃśa) wird über Purūravas' Sohn Āyus fortgeführt: dessen fünf Söhne Nahuṣa, Vṛddhaśarman, Rambha, Rajī und Anenas. Im Zentrum des ersten Teils steht die Erzählung von Rajī, der im Krieg zwischen Göttern und Dānavas siegt, nachdem Brahmā verkündet hat, wem er beisteht, werde gewinnen; durch eine List Indras (Śatakratu), der sich als sein Sohn ausgibt, verliert Rajīs eigene Nachkommenschaft dennoch am Ende die Herrschaft wieder an Indra. Anschließend beginnt die Linie des Anenas über Pratikṣatra, Saṃjaya, Jaya, Vijaya, Kṛti, Haryatvata, Sahadeva, Nadīna, Jayatsena und Saṃkṛti, die zu Kṣatravṛddha und der Kāśī-Dynastie führt (Fortsetzung in Teil 2).
Götter und Asuras sprachen: Herr, wer wird in unser beider Krieg der Sieger sein? Sag es uns, Herr aller Wesen; wir wünschen es der Wahrheit gemäß zu hören.
Brahmā sprach: Für wessen Sache im Kampf der Herr Rajī, die Waffen ergriffen habend, kämpfen wird, jene werden die drei Welten erobern, daran ist kein Zweifel.
yato rajir dhṛtis tatra śrīś ca tatra yato dhṛtiḥ / yato dhṛtiś ca śrīś caiva dharmas tatra jayas tathā // BrP_11.7 //
Wo Rajī ist, dort ist Standhaftigkeit, und dort, wo Standhaftigkeit ist, ist Glanz; wo Standhaftigkeit und Glanz sind, dort ist Dharma, und ebenso dort der Sieg.
Da gingen die Götter und die Dānavas, erfreut, von dem Gott (Brahmā) angesprochen, zu Rajī, den Sieg begehrend, jenen Stier unter den Männern erwählend.
Rajī sprach: „Wenn ich, nachdem ich alle Scharen der Daityas durch Tapferkeit besiegt habe, an Stelle des Vāsava rechtmäßig Indra werde, dann werde ich in der Schlacht kämpfen.“
Wort für Wort
yadi daityagaṇān sarvān
wenn [ich] alle Scharen der Daityas
jitvā vīryeṇa vāsavaḥ
durch Tapferkeit besiegt habe, [an Stelle] des Vāsava
Die Götter stimmten sogleich zu, frohen Sinnes: „So, wie gewünscht, o König, möge dein Wunsch in Erfüllung gehen.“
Wort für Wort
devāḥ prathamataḥ viprāḥ
die Götter, o Weise, sogleich
pratīyuḥ hṛṣṭamānasāḥ
stimmten zu, frohen Sinnes
evam yathā iṣṭam nṛpate
so, wie gewünscht, o König
kāmaḥ saṃpadyatām tava
möge dein Wunsch in Erfüllung gehen
[Anm.: „viprāḥ“ (o Weise/Brahmanen) ist hier vermutlich eine an die Zuhörerschaft gerichtete Einschub-Anrede des Erzählers Lomaharṣaṇa, wie öfter in solchen Purāṇa-Passagen.]
Die Dānavas sprachen: „Unser Indra ist Prahrāda, für dessen Sache wir siegen; in dieser Schlacht aber, o König, stehe du auf unserer Seite, o Bester der Könige.“
sa tatheti bruvann eva devair apy aticoditaḥ / bhaviṣyasīndro jitvainaṃ devair uktas tu pārthivaḥ // BrP_11.17 //
Er, gerade „So sei es“ sagend, von den Göttern auch heftig angetrieben – „Du wirst Indra sein, wenn du diesen (Prahrāda) besiegt hast“ – so wurde der König von den Göttern angesprochen.
Wort für Wort
saḥ tathā iti bruvan eva
er, gerade „so sei es“ sagend,
devaiḥ api aticoditaḥ
von den Göttern auch heftig angetrieben
bhaviṣyasi indraḥ jitvā enam
„du wirst Indra sein, wenn du diesen besiegt hast“
jaghāna dānavān sarvān ye 'vadhyā vajrapāṇinaḥ / sa vipranaṣṭāṃ devānāṃ paramaśrīḥ śriyaṃ vaśī // BrP_11.18 //
Er erschlug alle Dānavas, die für den Blitzträger unbesiegbar waren; er, von höchstem Glanz, der Beherrschte, gab den Göttern ihren verlorenen Glanz zurück.
Wort für Wort
jaghāna dānavān sarvān
er erschlug alle Dānavas
ye avadhyāḥ vajrapāṇinaḥ
die für den Blitzträger unbesiegbar waren
saḥ vipranaṣṭām devānām
er [gab] den Göttern ihren verlorenen [Glanz zurück]
nihatya dānavān sarvān ājahāra rajiḥ prabhuḥ / tato rajiṃ mahāvīryaṃ devaiḥ saha śatakratuḥ // BrP_11.19 //
Nachdem er alle Dānavas erschlagen hatte, nahm der Herr Rajī ihre Herrschaft an sich; danach kam Śatakratu (Indra) zusammen mit den Göttern zu dem hochtapferen Rajī.
yasyāham indraḥ putras te khyātiṃ yāsyāmi karmabhiḥ / sa tu śakravacaḥ śrutvā vañcitas tena māyayā // BrP_11.21 //
„Ich, dessen Sohn ich, Indra, bin, dein, werde durch Taten zu Ruhm gelangen“ – er aber, nachdem er Śakras Worte gehört hatte, wurde durch dessen Trugbild getäuscht.
Wort für Wort
yasya aham indraḥ putraḥ te
[ich,] dessen Sohn ich, Indra, [bin], dein
khyātim yāsyāmi karmabhiḥ
werde durch Taten zu Ruhm gelangen
saḥ tu śakravacaḥ śrutvā
er aber, nachdem er Śakras Worte gehört hatte,
vañcitaḥ tena māyayā
wurde durch dessen Trugbild getäuscht
[Anm.: Der listige Indra (Śatakratu) redet Rajī als „Vater“ an und behauptet, dessen Sohn zu sein, um sich die Herrschaft über die Welten zurückzuerschleichen, die Rajī rechtmäßig erkämpft hatte.]
samākrāmanta bahudhā svargalokaṃ triviṣṭapam / te yadā tu svasaṃmūḍhā rāgonmattā vidharmiṇaḥ // BrP_11.24 //
Sie besetzten auf vielfache Weise die Himmelswelt Triviṣṭapa; als sie aber, durch sich selbst verblendet, von Leidenschaft rasend, unrechtmäßig wurden,
hatvā rajisutān sarvān kāmakrodhaparāyaṇān / ya idaṃ cyāvanaṃ sthānāt pratiṣṭhānaṃ śatakratoḥ / śṛṇuyād dhārayed vāpi na sa daurgatyam āpnuyāt // BrP_11.26 //
nachdem er alle Söhne Rajīs, die Begierde und Zorn verfallen waren, erschlagen hatte. Wer dieses Erzählen vom Sturz aus der Stellung und der Wiedereinsetzung des Śatakratu hört oder im Gedächtnis bewahrt, der wird kein Unglück erlangen.
Wort für Wort
hatvā rajisutān sarvān
nachdem er alle Söhne Rajīs erschlagen hatte
kāmakrodhaparāyaṇān
die Begierde und Zorn verfallen waren
yaḥ idam cyāvanam sthānāt
wer dieses [vom] Sturz aus der Stellung
pratiṣṭhānam śatakratoḥ
und der Wiedereinsetzung des Śatakratu
śṛṇuyāt dhārayet vā api
hört oder auch im Gedächtnis bewahrt
na sa daurgatyam āpnuyāt
der wird kein Unglück erlangen
Phalaśruti (Hörfrucht) zum Abschluss der Rajī-Episode. Wie einige frühere Verse (z.B. 7.95, 8.95) besteht dieser Vers aus drei statt zwei Halbversen (Padas).
{lomaharṣaṇa uvāca: } rambho 'napatyas tv āsīc ca vaṃśaṃ vakṣyāmy anenasaḥ / anenasaḥ suto rājā pratikṣatro mahāyaśāḥ // BrP_11.27 //
Lomaharṣaṇa sprach: Rambha aber war ohne Nachkommen; und nun werde ich das Geschlecht des Anenas verkünden. Anenas' Sohn war König Pratikṣatra, von großem Ruhm.
Auch Saṃkṛtis rechtschaffener Sohn war Kṣatravṛddha, von großem Ruhm. Damit sind die Nachkommen des Anenas dargelegt; und Kṣatravṛddha hatte noch einen weiteren Sohn:
āyurvedaṃ bharadvājāt prāpyeha sa bhiṣakkriyaḥ / tam aṣṭadhā punar vyasya śiṣyebhyaḥ pratyapādayat // BrP_11.38 //
Nachdem er hier von Bharadvāja den Āyurveda erlangt hatte, lehrte er, in der Heilkunst wirkend, diesen, ihn wieder in acht Teile gegliedert, seinen Schülern.
Wort für Wort
āyurvedam bharadvājāt
den Āyurveda von Bharadvāja
prāpya iha sa bhiṣakkriyaḥ
nachdem er ihn hier erlangt hatte, er, in der Heilkunst wirkend,
tam aṣṭadhā punaḥ vyasya
diesen, ihn wieder in acht [Teile] gegliedert habend,
Nachdem er sie erschlagen hatte, gründete die Stadt neu Divodāsa, der Herrscher der Menschen; Bhadraśreṇyas jenes Königreich wurde von dem Stärkeren geraubt.
Wort für Wort
hatvā niveśayām āsa
nachdem er sie erschlagen hatte, gründete er [neu]
haihayasya tu dāyādyaṃ hṛtavān vai mahīpatiḥ / ājahre pitṛdāyādyaṃ divodāsahṛtaṃ balāt // BrP_11.47 //
Der Erdherrscher (Divodāsa) aber hatte das Erbe des Haihaya an sich gerissen; er (Durdama) nahm gewaltsam das väterliche Erbe zurück, das von Divodāsa geraubt worden war.
Wort für Wort
haihayasya tu dāyādyam
das Erbe des Haihaya aber
hṛtavān vai mahīpatiḥ
hatte der Erdherrscher an sich gerissen
ājahre pitṛdāyādyam
er nahm das väterliche Erbe zurück
divodāsahṛtam balāt
das von Divodāsa geraubte, mit Gewalt
[Anm.: Der Bezug von „Haihaya“ bleibt hier knapp; vermutlich ist Divodāsa selbst gemeint, der (nach anderen Puranen) mit den Haihayas verfeindet war, oder ein mit ihm verbündeter Haihaya-Fürst, dessen Erbe er beanspruchte.]
divodāsād dṛṣadvatyāṃ vīro jajñe pratardanaḥ / tena bālena putreṇa prahṛtaṃ tu punar balam // BrP_11.49 //
Von Divodāsa wurde in Dṛṣadvatī der Held Pratardana geboren; durch diesen noch kindlichen Sohn aber wurde die feindliche Streitmacht wieder geschlagen.
alarkas tasya putras tu brahmaṇyaḥ satyasaṃgaraḥ / alarkaṃ prati rājarṣiṃ śloko gītaḥ purātanaiḥ // BrP_11.51 //
Alarka aber war dessen (Saṃnatis) Sohn, den Brahmanen zugetan, wahrhaft im Versprechen; über den königlichen Weisen Alarka wurde von den Alten ein Vers gesungen:
Wort für Wort
alarkaḥ tasya putraḥ tu
Alarka aber war dessen Sohn
brahmaṇyaḥ satyasaṃgaraḥ
den Brahmanen zugetan, wahrhaft im Versprechen
alarkam prati rājarṣim
über den königlichen Weisen Alarka
ślokaḥ gītaḥ purātanaiḥ
wurde ein Vers von den Alten gesungen
[Anm.: Hier erscheint ein zweiter „Alarka“ – Enkel des in v.50 genannten ersten Alarka über dessen Sohn Saṃnati. Dieser jüngere, langlebige Alarka ist offenbar der Held der folgenden, aus alter Zeit überlieferten Verse (52-54), ein ähnlicher Fall von Namenswiederholung wie bereits bei den beiden Nala-Gestalten in Kap. 8.]
vatsasya vatsabhūmis tu bhārgabhūmis tu bhārgajaḥ / ete tv aṅgirasaḥ putrā jātā vaṃśe 'tha bhārgava // BrP_11.60 //
Vatsas Sohn aber war Vatsabhūmi, und Bhargas Sohn war Bhārgabhūmi; diese sind die Söhne des Aṅgiras, geboren in dieser Linie, o Bhārgava.
Wort für Wort
vatsasya vatsabhūmiḥ tu
Vatsas [Sohn] aber war Vatsabhūmi
bhārgabhūmiḥ tu bhārgajaḥ
und Bhārgabhūmi war Bhargas Sohn
ete tu aṅgirasaḥ putrāḥ
diese aber sind die Söhne des Aṅgiras
jātāḥ vaṃśe atha bhārgava
geboren in [dieser] Linie, o Bhārgava
[Anm.: Die Bezeichnung „Söhne des Aṅgiras“ ist auffällig, da die gesamte hier dargelegte Linie (Kāśa, Śala, Gṛtsamada usw.) in v.61 als „Kāśyapas“ (Nachkommen Kāśyapas) bezeichnet wird. Möglicherweise spielt dies auf die – auch andernorts belegte – doppelte gotra-Zugehörigkeit des Gṛtsamada an, der sowohl den Āṅgirasas als auch (durch Adoption) den Bhārgava/Śaunaka-Brahmanen zugerechnet wird; die Stelle wird hier unaufgelöst wiedergegeben.]