Kapitel 174: gautamīsāgarasaṃgamatīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe der Tīrthas am Zusammenfluss von Gautamī und Ozean (Gautameśvara, Brahmeśvara, Cakrapāṇi, Soma-Tīrtha mit vedischem Soma-Hymnus, Āgneya-, Āditya-, Bārhaspatya- und Adri-Tīrtha)
Ein Hymnus (teils im Versmaß, pādaweise gezählt) beschreibt, wie die mit dem Ozean vereinigte Gaṅgā von zahlreichen namentlich aufgezählten Weisen gepriesen wird und sich Śiva und Viṣṇu den Weisen offenbaren. Es folgt ein Katalog der sieben Tīrthas an den Zusammenflüssen von Gautamī und Ozean: das Gautameśvara-Tīrtha (Śiva/Mādhava-Ramā), das von Brahmā selbst gestiftete Brahmeśvara-Tīrtha, das Cakrapāṇi-/Aindra-/Hayamūrdhaka-Tīrtha und das Soma-Tīrtha - bei letzterem eingebettet ein an vedische Soma-Pavamāna-Hymnen (Ṛgveda 9) anklingender Lobgesang mit dem traditionellen Refrain 'indrāyendo pari srava' und einem wörtlichen Zitat des berühmten ,Berufe'-Verses (Ṛgveda 9,112) -, das Āgneya-Tīrtha (Agnis Opfer), das Āditya-Tīrtha (die Sonne in wechselnder Mittagsgestalt), das Bārhaspatya-Tīrtha (Bṛhaspatis Verehrung, Besänftigung der Planeten) und das Adri-Tīrtha (ein von Himālaya selbst aufgestelltes Liṅga). Das Kapitel schließt mit der Feststellung, dass selbst Viṣṇu und Śiva die volle Größe der Gautamī nicht auszusprechen vermögen, da sie - anders als andere, nur zeitweise wirksame Tīrthas - stets und überall heilig ist; ihr gebührt nur schlichte Verehrung.
sā saṃgatā pūrvam apāṃpatiṃ taṃ
gaṅgā surāṇām api vandanīyā
devaiś ca sarvair anugamyamānā
saṃstūyamānā munibhir marudbhiḥ // 174.1 //
Sie, die sich zuvor mit jenem Herrn der Gewässer (dem Ozean) vereinigt hatte, die Gaṅgā, auch von den Göttern verehrungswürdig, von allen Göttern begleitet, von den Weisen und den Marut gepriesen -
Wort für Wort
sā saṃgatā pūrvam apāṃpatiṃ taṃ
sie, die sich zuvor mit jenem Herrn der Gewässer vereinigt hatte
gaṅgā surāṇām api vandanīyā
die Gaṅgā, auch von den Göttern verehrungswürdig
devaiś ca sarvair anugamyamānā
von allen Göttern begleitet
saṃstūyamānā munibhir marudbhiḥ
von den Weisen und den Marut gepriesen
[Anm.: Hymnenmetrum, pādaweise gezählt (a/b/c/d); der Abschnitt V.1-6 bildet syntaktisch einen fortlaufenden Satz.]
Vasiṣṭha, Jābāli, zusammen mit Yājñavalkya, Kratu, Aṅgiras, Dakṣa, Marīci, die Vaiṣṇavas, Śātātapa, Śaunaka, Devarāta, Bhṛgu, Agniveśya, Atri, Marīci und die Vornehmsten -
Wort für Wort
vasiṣṭhajābālisayājñavalkya
Vasiṣṭha, Jābāli, zusammen mit Yājñavalkya
kratvaṅgirodakṣamarīcivaiṣṇavāḥ
Kratu, Aṅgiras, Dakṣa, Marīci, die Vaiṣṇavas
śātātapaḥ śaunakadevarāta
Śātātapa, Śaunaka, Devarāta
bhṛgvagniveśyātrimarīcimukhyāḥ
Bhṛgu, Agniveśya, Atri, Marīci und die Vornehmsten
[Anm.: Marīci erscheint in dieser Namensliste zweimal (Pāda b und d) - im Original so vorhanden, nicht bereinigt.]
von Sünde geläutert, Manu, Gautama und andere, die Kauśikas, Tumburu, Parvata und andere, Agastya, Mārkaṇḍa, zusammen mit Pippalāda und anderen, samt Gālava, und die dem Yoga Ergebenen -
Wort für Wort
sudhūtapāpā manugautamādayaḥ
von Sünde geläutert, Manu, Gautama und andere
sakauśikās tumbaruparvatādyāḥ
die Kauśikas, Tumburu, Parvata und andere
agastyamārkaṇḍasapippalādyāḥ
Agastya, Mārkaṇḍa, zusammen mit Pippalāda und anderen
savāmadevāṅgiraso 'tha bhārgavāḥ
smṛtipravīṇāḥ śrutibhir manojñāḥ
sarve purāṇārthavido bahujñās
te gautamīṃ devanadīṃ tu gatvā // 174.4 //
samt Vāmadeva, die Āṅgirasas und die Bhārgavas, in der Smṛti bewandert, durch die Śruti geistvoll, alle des Purāṇa-Sinns kundig, vielwissend - sie, zur Götterflut Gautamī gegangen,
werden sie mit Mantras, mit zahlreichen Śruti-Sprüchen preisen, mit herzerfreuenden, zufriedenen, frohen Gedanken. Als Śiva und Hari sie, die Vereinigte, erblickten, zeigten sie sich selbst den Weisen.
Wort für Wort
stoṣyanti mantraiḥ śrutibhiḥ prabhūtair
werden sie mit Mantras, mit zahlreichen Śruti-Sprüchen preisen
cakrapāṇir iti khyātaḥ stuto devair mayā saha /
tatra saṃnihito viṣṇur devaiḥ saha marudgaṇaiḥ // 174.11 //
Als Cakrapāṇi (der Diskus-Träger) bekannt, von den Göttern zusammen mit mir gepriesen, ist dort Viṣṇu gegenwärtig, zusammen mit den Göttern und den Scharen der Marut.
Wort für Wort
cakrapāṇir iti khyātaḥ
als Cakrapāṇi bekannt
stuto devair mayā saha
von den Göttern zusammen mit mir gepriesen
tatra saṃnihito viṣṇur
ist dort Viṣṇu gegenwärtig
devaiḥ saha marudgaṇaiḥ
zusammen mit den Göttern und den Scharen der Marut
aindratīrtham iti khyātaṃ tad eva hayamūrdhakam /
hayamūrdhā tatra viṣṇus tanmūrdhani surā api /
somatīrtham iti khyātaṃ yatra someśvaraḥ śivaḥ // 174.12 //
Als Aindra-Tīrtha bekannt, ist eben dies auch das Hayamūrdhaka-Tīrtha: dort ist Viṣṇu Hayamūrdhan (Pferdekopf), und an seinem Haupt auch die Götter; als Soma-Tīrtha ist ein weiterer Ort bekannt, wo Someśvara-Śiva weilt.
Wort für Wort
aindratīrtham iti khyātaṃ
als Aindra-Tīrtha bekannt
tad eva hayamūrdhakam
ist eben dies auch das Hayamūrdhaka-Tīrtha
hayamūrdhā tatra viṣṇus tanmūrdhani surā api
dort ist Viṣṇu Hayamūrdhan, und an seinem Haupt auch die Götter
somatīrtham iti khyātaṃ yatra someśvaraḥ śivaḥ
als Soma-Tīrtha ist ein weiterer Ort bekannt, wo Someśvara-Śiva weilt
sapta diśo nānāsūryāḥ sapta hotāra ṛtvijaḥ /
devā ādityā ye sapta tebhiḥ somābhirakṣa na /
indrāyendo parisrava // 174.14 //
Die sieben Richtungen mit ihren verschiedenen Sonnen, die sieben Hotṛ-Priester, die sieben Götter, welche die Ādityas sind - durch sie, o Soma, beschütze uns! [Refrain:] O Soma-Tropfen, fließe für Indra ringsum!
Wort für Wort
sapta diśo nānāsūryāḥ
die sieben Richtungen mit ihren verschiedenen Sonnen
sapta hotāra ṛtvijaḥ
die sieben Hotṛ-Priester
devā ādityā ye sapta tebhiḥ somābhirakṣa na
die sieben Götter, die Ādityas - durch sie, o Soma, beschütze uns
indrāyendo parisrava
[Refrain:] o Soma-Tropfen, fließe für Indra ringsum
[Anm.: Vedisches Zitat mit angehängtem Refrain (als eigene Pāda 'e' markiert).]
yat te rājañ chṛtaṃ havis tena somābhirakṣa naḥ /
arātīvā mā nas tārīn mo ca naḥ kiṃcanāmamad /
indrāyendo parisrava // 174.15 //
Was dir, o König Soma, als gekochte Opferspende dargebracht wurde - damit, o Soma, beschütze uns; kein Missgünstiger überwältige uns, und nichts schade uns. [Refrain:] O Soma-Tropfen, fließe für Indra ringsum!
Wort für Wort
yat te rājañ chṛtaṃ havis
was dir, o König Soma, als gekochte Opferspende dargebracht wurde
tena somābhirakṣa naḥ
damit, o Soma, beschütze uns
arātīvā mā nas tārīn mo ca naḥ kiṃcanāmamad
kein Missgünstiger überwältige uns, und nichts schade uns
indrāyendo parisrava
[Refrain:] o Soma-Tropfen, fließe für Indra ringsum
O Ṛṣi, mit den Preisliedern der Mantra-Verfasser die Reden mehrend, verehre Kaśyapa, den König Soma, der als Herr der Pflanzen geboren wurde. [Refrain:] O Soma-Tropfen, fließe für Indra ringsum!
Wort für Wort
ṛṣe mantrakṛtāṃ stomaiḥ
o Ṛṣi, mit den Preisliedern der Mantra-Verfasser
kaśyapodvardhayan giraḥ
Kaśyapa, die Reden mehrend
somaṃ namasya rājānaṃ yo jajñe vīrudhāṃ patir
verehre den König Soma, der als Herr der Pflanzen geboren wurde
indrāyendo parisrava
[Refrain:] o Soma-Tropfen, fließe für Indra ringsum
[?: Die syntaktische Verbindung dieser knappen vedischen Zitatstrophe bleibt stellenweise unsicher.] [Anm.: Vedisches Zitat mit angehängtem Refrain.]
kārur ahaṃ tato bhiṣag upalaprakṣiṇī nanā /
nānādhiyo vasūyavo 'nu gā iva tasthima /
indrāyendo parisrava // 174.17 //
'Ich bin ein Dichter, mein Vater ein Arzt, meine Mutter eine Kornmüllerin - mit verschiedenen Absichten, nach Reichtum strebend, folgen wir unseren Berufen wie Rinder der Weide.' [Refrain:] O Soma-Tropfen, fließe für Indra ringsum!
Wort für Wort
kārur ahaṃ tato bhiṣag upalaprakṣiṇī nanā
'ich bin ein Dichter, mein Vater ein Arzt, meine Mutter eine Kornmüllerin'
nānādhiyo vasūyavo 'nu gā iva tasthima
'mit verschiedenen Absichten, nach Reichtum strebend, folgen wir wie Rinder der Weide'
indrāyendo parisrava
[Refrain:] o Soma-Tropfen, fließe für Indra ringsum
[Anm.: Wörtliches Zitat des berühmten „Berufe"-Verses aus Ṛgveda 9,112, hier in den Soma-Preisungs-Abschnitt eingebettet.]
evam uktvā ca ṛṣibhiḥ somaṃ prāpya ca vajriṇe /
tebhyo dattvā tato yajñaḥ pūrṇo jātaḥ śatakratoḥ // 174.18 //
Nachdem die Ṛṣis so gesprochen und den Soma erlangt und dem Träger des Vajra (Indra) gegeben hatten, wurde daraufhin das Opfer des Śatakratu (Indra) vollständig.
Wort für Wort
evam uktvā ca ṛṣibhiḥ
nachdem die Ṛṣis so gesprochen hatten
somaṃ prāpya ca vajriṇe tebhyo dattvā
und den Soma erlangt und dem Träger des Vajra gegeben hatten
tato yajñaḥ pūrṇo jātaḥ śatakratoḥ
wurde daraufhin das Opfer des Śatakratu vollständig
tat somatīrtham ākhyātam āgneyaṃ puratas tu tat /
agnir iṣṭvā mahāyajñair mām ārādhya manīṣitam // 174.19 //
Das ist als Soma-Tīrtha verkündet; davor aber liegt das Āgneya-Tīrtha: Agni, nachdem er mit großen Opfern geopfert und mich verehrt hatte, erlangte das Erwünschte.
Darum ist es als Āgneya-Tīrtha bekannt; unmittelbar danach folgt das Āditya-Tīrtha, wo Āditya, aus dem Veda bestehend, stets kommt, um dort verehrt zu werden.
in anderer Gestalt, zur Mittagszeit, um mich, Śaṃkara und Hari zu erblicken; dort soll ihm zur Mittagszeit stets von allen Menschen Verehrung erwiesen werden.
Weil ungewiss ist, in welcher Gestalt Savitṛ (die Sonne) herankommt, darum ist es als Āditya-Tīrtha bekannt; unmittelbar danach folgt das Bārhaspatya-Tīrtha.
Wort für Wort
rūpeṇa kena savitā samāyātīty aniścayāt
weil ungewiss ist, in welcher Gestalt Savitṛ herankommt
Schon durch die bloße Erinnerung an jenes Tīrtha wird Besänftigung der unheilvollen Planeten eintreten; von dort aus liegt noch ein weiteres Tīrtha, am Indragopa, dem vortrefflichsten Berg.
vede purāṇe ṛṣibhiḥ prasiddhā
yā gautamī lokanamaskṛtā ca
vaktuṃ kathaṃ tām atisuprabhāvām
aśeṣato nārada kasya śaktiḥ // 174.29 //
Im Veda und im Purāṇa von den Ṛṣis gerühmt, die Gautamī, die von der Welt verehrt wird - wie sie, von überaus großer Macht, vollständig zu beschreiben, o Nārada - wessen Kraft reichte dazu?
Wort für Wort
vede purāṇe ṛṣibhiḥ prasiddhā
im Veda und im Purāṇa von den Ṛṣis gerühmt
yā gautamī lokanamaskṛtā ca
die Gautamī, die von der Welt verehrt wird
vaktuṃ kathaṃ tām atisuprabhāvām
wie sie, von überaus großer Macht, zu beschreiben
aśeṣato nārada kasya śaktiḥ
vollständig, o Nārada - wessen Kraft reichte dazu?
bhaktyā pravṛttasya yathākathaṃcin
naivāparādho 'sti na saṃśayo 'tra
tasmāc ca diṅmātramatiprayāsāt
saṃsūcitaṃ lokahitāya tasyāḥ // 174.30 //
Für den, der aus Hingabe, wie auch immer, sich dem Lob zuwendet, gibt es hierbei weder ein Vergehen noch einen Zweifel; darum wurde, mit nur andeutungsweiser, nicht übermäßiger Anstrengung, ihre Größe zum Wohl der Welt nur angedeutet.
Wort für Wort
bhaktyā pravṛttasya yathākathaṃcin
für den, der aus Hingabe, wie auch immer, sich zuwendet
naivāparādho 'sti na saṃśayo 'tra
gibt es hierbei weder ein Vergehen noch einen Zweifel
tasmāc ca diṅmātramatiprayāsāt
darum, mit nur andeutungsweiser, nicht übermäßiger Anstrengung
saṃsūcitaṃ lokahitāya tasyāḥ
wurde ihre Größe zum Wohl der Welt nur angedeutet
[Anm.: Hymnenmetrum, pādaweise gezählt; letzter Metrum-Vers des Kapitels.]
kas tasyāḥ pratitīrthaṃ tu prabhāvaṃ vaktum īśvaraḥ /
api lakṣmīpatir viṣṇur alaṃ someśvaraḥ śivaḥ // 174.31 //
Wer aber wäre imstande, ihre Macht an jedem einzelnen Tīrtha zu verkünden - selbst Viṣṇu, der Gemahl der Lakṣmī, oder Someśvara-Śiva vermöchten es kaum.
Wort für Wort
kas tasyāḥ pratitīrthaṃ tu prabhāvaṃ vaktum īśvaraḥ
wer wäre imstande, ihre Macht an jedem einzelnen Tīrtha zu verkünden