Kapitel 100: suparṇāsaṃgamamāhātmyavarṇanam (madhyameśvaratīrtham)
Die Größe des Suparṇā-/Kādravā-Saṃgama (Madhyameśvara-Tīrtha)
Die Vālakhilya-Weisen, von Indra geschädigt, erhalten von Kaśyapa gegen die Hälfte ihrer Askese das Versprechen eines indra-bezwingenden Sohnes; Kaśyapa zeugt Keime in seinen Gattinnen Suparṇā und Kadrū und verbietet ihnen vor seiner Abreise jedes Fehlverhalten. Berauscht und stolz stören sie eine Opfersitzung der Weisen, die sie daraufhin verfluchen, zu Flüssen zu werden. Auf Anraten der Vālakhilyas preist Kaśyapa Śiva/Maheśvara (der als Madhyameśvara inmitten der Gaṅgā residiert) mit einem dreiteiligen Hymnus; Śiva gewährt, dass die beiden Flussgattinnen durch das Zusammenfließen mit der Gaṅgā ihre menschliche Gestalt zurückerhalten. Nach ihrer Wiedervereinigung mit Kaśyapa verspottet Kadrū die Brahmanen mit den Augen und wird zur Strafe einäugig ('Sarpamātā', Mutter der Schlangen) – die Weisen versprechen jedoch, dass die Gautamī vor tausend weiteren Vergehen schützen werde. Ursprung des Suparṇā-/Kādravā-Saṃgama- bzw. Madhyameśvara-Tīrtha.
agnikuṇḍaṃ ca tatraiva raudraṃ vaiṣṇavam eva ca /
sauraṃ saumyaṃ tathā brāhmaṃ kaumāraṃ vāruṇaṃ tathā //
Und ebendort sind die Feuergruben: die Raudra-, die Vaiṣṇava-, die Saura- (Sonnen-), die Saumya- (Mond-), ebenso die Brāhma-, die Kaumāra- und die Vāruṇa-Feuergrube.
Wort für Wort
agnikuṇḍaṃ ca tatraiva
und ebendort (sind) die Feuergruben
raudraṃ vaiṣṇavam eva ca
die Raudra- und die Vaiṣṇava-(Feuergrube)
sauraṃ saumyaṃ tathā brāhmam
die Saura-, die Saumya-, ebenso die Brāhma-(Feuergrube)
apsarā ca nadī yatra saṃgatā gaṅgayā tathā /
tattīrthasmaraṇād eva kṛtakṛtyo bhaven naraḥ //
Und der Fluss Apsarā, der dort mit der Gaṅgā zusammenfließt – allein durch das Gedenken an dieses Tīrtha wird ein Mensch zum Vollbringer seiner Pflicht.
Höre eifrig, Nārada, wie die Besänftigung aller Sünden geschah: Einst, von Indra geschädigt, sprachen die Großweisen Vālakhilyas – bereit, die Hälfte ihrer Askese herzugeben – alle zu dem Weisen Kaśyapa.
Wort für Wort
sarvapāpapraśamanaṃ śṛṇu yatnena nārada
höre eifrig, Nārada, die Besänftigung aller Sünden
indreṇa hiṃsitāḥ pūrvaṃ
einst von Indra geschädigt
vālakhilyā maharṣayaḥ
die Großweisen Vālakhilyas
dattārdhatapasaḥ sarve
alle bereit, die Hälfte ihrer Askese herzugeben
procus te kāśyapaṃ munim
sprachen sie zu dem Weisen Kaśyapa
[Anm.: Dreizeiliger Vers; 'dattārdhatapasaḥ' ('die die Hälfte der Askese gegeben hatten') wird hier proleptisch verstanden, da der eigentliche Hingabe-Beschluss erst in der folgenden direkten Rede (V5) ausgesprochen wird.]
{vālakhilyā ūcuḥ: }
putram utpādayānena indradarpaharaṃ śubham /
tapaso 'rdhaṃ tu dāsyāmas tathety āha munis tu tān //
Die Vālakhilyas sprachen: 'Durch das Zeugen eines Sohnes, der Indras Stolz bricht und heilvoll ist, werden wir dir die Hälfte unserer Askese geben.' 'So sei es', sprach der Weise zu ihnen.
te garbhiṇyāv ubhe āha gantukāmaḥ prajāpatiḥ /
aparādho na ca kvāpi kāryo gamanam eva ca //
Zu jenen beiden Schwangeren sprach der fortgehen wollende Prajāpati: 'Keine Verfehlung soll irgendwo begangen werden, und auch kein Weggehen von hier.'
{brahmovāca: }
ity uktvā sa yayau patnyau gate bhartari te ubhe /
tadaiva jagmatuḥ sattram ṛṣīṇāṃ bhāvitātmanām //
Brahmā sprach: Nachdem er dies gesagt hatte, ging er fort. Als der Gemahl fortgegangen war, gingen jene beiden Gattinnen sofort zur Opfersitzung der geistig gereiften Weisen.
Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
ity uktvā sa yayau
nachdem er dies gesagt hatte, ging er fort
patnyau gate bhartari te ubhe
als der Gemahl fortgegangen war, jene beiden Gattinnen
nivāryamāṇe bahuśo munibhis tattvadarśibhiḥ /
vikurvatyau tatra sattre samāni ca havīṃṣi ca //
obwohl vielfach von den die Wahrheit erkennenden Weisen zurückgehalten, verhielten sich dennoch ungebührlich bei jener Opfersitzung und bezüglich der gleichmäßig verteilten Opfergaben.
Wort für Wort
nivāryamāṇe bahuśo
obwohl vielfach zurückgehalten
munibhis tattvadarśibhiḥ
von den die Wahrheit erkennenden Weisen
vikurvatyau tatra sattre
verhielten sich (dennoch) ungebührlich bei jener Opfersitzung
samāni ca havīṃṣi ca
und bezüglich der gleichmäßig verteilten Opfergaben
Wer ist mächtig genug, das schlechte Treiben von Frauen einzudämmen? Als die Brahmanen jene beiden sahen, die sich dem Irrweg erfreuten, wurden sie erregt.
ta ūcuḥ kaśyapaṃ vipraṃ gatvā gaṅgāṃ tu gautamīm /
tatra stuhi maheśānaṃ punar bhārye bhaviṣyataḥ //
Sie sprachen zu dem Brahmanen Kaśyapa: 'Geh zur Gaṅgā, zur Gautamī, und preise dort den großen Herrn – dann werden deine Gattinnen wieder menschliche Gestalt annehmen.'
Wort für Wort
ta ūcuḥ kaśyapaṃ vipraṃ
sie sprachen zu dem Brahmanen Kaśyapa
gatvā gaṅgāṃ tu gautamīm
'geh zur Gaṅgā, zur Gautamī'
tatra stuhi maheśānaṃ
'preise dort den großen Herrn'
punar bhārye bhaviṣyataḥ
'dann werden (deine) Gattinnen wieder (menschliche Gestalt annehmen)'
brahmahatyābhayād eva yatra devo maheśvaraḥ /
gaṅgāmadhye sadā hy āste madhyameśvarasaṃjñayā //
dort, wo der Gott Maheśvara eben aus Furcht vor der Brahmanenmord-Sünde stets inmitten der Gaṅgā verweilt, unter dem Namen Madhyameśvara ('Herr der Mitte').
'So sei es', sprach auch Kaśyapa, und nachdem er, sein Gelübde bewahrend, in der Gaṅgā gebadet hatte, lobte er mit heilvollen Lobpreisungen den Gott der Götter, Maheśvara.
Wort für Wort
tathety uktvā kaśyapo 'pi
'so sei es', sprach auch Kaśyapa
snātvā gaṅgāṃ jitavrataḥ
nachdem er, sein Gelübde bewahrend, in der Gaṅgā gebadet hatte
{kaśyapa uvāca: }
lokatrayaikādhipater na yasya
kutrāpi vastuny abhimānaleśaḥ
sa siddhanātho 'khilaviśvakartā
bhartā śivāyā bhavatu prasannaḥ //
Kaśyapa sprach: 'Er, der alleinige Herrscher der drei Welten, der bei keinem Dinge auch nur einen Hauch von Eigendünkel hat, er, der Herr der Vollendeten, der Schöpfer des gesamten Universums, der Gemahl der Śivā (Pārvatī) – möge er gnädig sein.'
Wort für Wort
kaśyapa uvāca
Kaśyapa sprach
lokatrayaikādhipater na yasya
er, der alleinige Herrscher der drei Welten, der ... nicht
kutrāpi vastuny abhimānaleśaḥ
bei keinem Dinge auch nur einen Hauch von Eigendünkel (hat)
sa siddhanātho 'khilaviśvakartā
er, der Herr der Vollendeten, der Schöpfer des gesamten Universums
bhartā śivāyā bhavatu prasannaḥ
der Gemahl der Śivā – möge er gnädig sein
[Anm.: Vierzeiliger Hymnenvers in eigenem Versmaß (Pādas a-d).]
tāpatrayoṣṇadyutitāpitānām
itas tato vai paridhāvatāṃ ca
śarīriṇāṃ sthāvarajaṅgamānāṃ
tvam eva duḥkhavyapanodadakṣaḥ //
'Für die von der Glut der dreifachen Qual Versehrten, die hierhin und dorthin umherlaufen, für die verkörperten Wesen, die unbeweglichen wie beweglichen – du allein bist fähig, ihr Leid zu vertreiben.'
Wort für Wort
tāpatrayoṣṇadyutitāpitānām
für die von der Glut der dreifachen Qual Versehrten
itas tato vai paridhāvatāṃ ca
die hierhin und dorthin umherlaufen
śarīriṇāṃ sthāvarajaṅgamānām
für die verkörperten Wesen, die unbeweglichen wie beweglichen
tvam eva duḥkhavyapanodadakṣaḥ
du allein bist fähig, (ihr) Leid zu vertreiben
[Anm.: 'tāpatrayoṣṇadyutitāpitānām' kompakt/ungewöhnlich gebildet; sinngemäß auf die klassische Lehre der 'drei Arten von Leid' (tāpatraya) bezogen.]
'Er, dessen dreifache Verbindung mit Sattva usw. selbst von Indra und den anderen Göttern nicht auszusprechen ist, der, das wandelbare Wesen des Mondes bedenkend, stets glückselig, freigebig, der Erwählte – (sei uns gnädig).'
Wort für Wort
sattvādiyogas trividho 'pi yasya
er, dessen dreifache Verbindung mit Sattva usw.
śakrādibhir vaktum aśakya eva
selbst von Indra und den anderen (Göttern) nicht auszusprechen ist
vicitravṛttiṃ paricintya somam
das wandelbare Wesen des Mondes bedenkend
sukhī sadā dānaparo vareṇyaḥ
stets glückselig, freigebig, der Erwählte
[Anm.: Syntaktisch sehr verdichteter Vers, Satzbezüge unsicher; 'somam paricintya' evtl. Anspielung auf die Mondsichel auf Śivas Haupt.]
Brahmā sprach: Durch solche und weitere Lobpreisungen gepriesen, wurde der Gott Śiva, der Gemahl der Gaurī, zufrieden, und Śambhu gewährte Kaśyapa viele Segensgaben.
bhāryārthinaṃ tu taṃ prāha syātāṃ bhārye ubhe tu te /
nadīsvarūpe patnyau ye gaṅgāṃ prāpya saridvarām //
Zu ihm, der seine Gattinnen zurückwünschte, sprach er: 'Jene deine beiden Gattinnen, die in Flussgestalt sind, sollen, sobald sie die Gaṅgā, die beste der Flüsse, erreicht haben,'
Wort für Wort
bhāryārthinaṃ tu taṃ prāha
zu ihm, der seine Gattinnen zurückwünschte, sprach er
syātāṃ bhārye ubhe tu te
jene deine beiden Gattinnen sollen
nadīsvarūpe patnyau ye
die Gattinnen, die in Flussgestalt sind
gaṅgāṃ prāpya saridvarām
sobald sie die Gaṅgā, die beste der Flüsse, erreicht haben
Der erfreute Prajāpati vollzog für die beiden das Sīmantonnayana-Ritual (das 'Scheitelscheiten', ein Schwangerschaftsritus) und verehrte die Brahmanen gemäß der vorgeschriebenen Handlung.
tataḥ kadrūr ṛṣīn akṣṇā prāhasat te ca cukṣubhuḥ /
yenākṣṇā hasitā pāpe bhajyatāṃ te 'kṣi pāpavat //
da verspottete Kadrū die Weisen mit einem Augenzucken; und sie wurden erzürnt und sprachen: 'Mit welchem Auge du uns verspottet hast, du Sünderin, jenes Auge soll dir, sündhaft, zerstört werden.'
Wort für Wort
tataḥ kadrūr ṛṣīn akṣṇā prāhasat
da verspottete Kadrū die Weisen mit einem (Zwinkern des) Auges
te ca cukṣubhuḥ
und sie wurden erzürnt
yenākṣṇā hasitā pāpe
'mit welchem Auge du verspottet hast, du Sünderin'
So handelte Kaśyapa, der beste der Weisen, zusammen mit seinen Gattinnen. Seitdem kennt man jenes Tīrtha als den Zusammenfluss der beiden Flüsse, das alle Sünden besänftigt und die Frucht aller Opfer gewährt.
Wort für Wort
bhāryānvitas tathā cakre
so handelte, zusammen mit seinen Gattinnen
kaśyapo munisattamaḥ
Kaśyapa, der beste der Weisen
tataḥ prabhṛti tat tīrtham
seitdem kennt man jenes Tīrtha
ubhayoḥ saṃgamaṃ viduḥ
als den Zusammenfluss der beiden (Flüsse)
sarvapāpapraśamanaṃ sarvakratuphalapradam
das alle Sünden besänftigt und die Frucht aller Opfer gewährt