Kapitel 33: sūryāṣṭottaraśatanāmastavavarṇanam
Die Weltentstehung aus Savitṛ, der große Lobpreis der Sonne und ihre 108 Namen
Die Weisen bitten um weitere Sonnen-Erzählungen. Brahmā berichtet eine kurze Kosmogonie (aus den finsteren, formlosen Welten entstehen Buddhi, Ahaṃkāra, die Elemente und das Weltei; Brahmā selbst weilte darin als Viṣṇu Maheśvara) und wie aus jener Finsternis der Finsternis-Vertreiber - Savitṛ - erschien und durch Dhyānayoga erkannt wurde (V.1-8). Es folgt ein ausführlicher Lobpreis (V.9-23) mit Identifikationen der Sonne mit allen Göttern, Elementen und Weltprinzipien, dem Puruṣa-Motiv 'überall Hände und Füße' (Parallelstelle zu Kap.30/Bhagavadgītā 13,13) und abschließenden vierzeiligen Namo-Versen. Die Sonne, so gepriesen, nimmt ihre feurige Gestalt an und gewährt den Göttern auf deren Bitte eine erträgliche Form, wodurch sie zur Geberin von Hitze, Regen und Kälte für die Aufgaben der Welt wird (V.24-26). Es folgen Verse über die Frucht der Sonnenverehrung (Meditation der Sāṅkhyas/Yogis, Überwindung aller Sünde, Vorrang vor Agnihotra/Veda/Opfer, höchste Pilgerstätte, Eingang in die Sonnenwelt, V.27-31). Auf erneute Bitte der Weisen verkündet Brahmā die 108 Namen der Sonne (aṣṭottaraśatanāman, V.32-46) und schließt mit einem vierzeiligen Lobpreis samt Phalaśruti (Frucht des Rezitierens: Nachkommen, Reichtum, Erinnerung früherer Geburten, Befreiung von Kummer, Erfüllung der Wünsche, V.47-49).
Die Weisen sprachen: Erzähle uns doch noch mehr die auf die Sonne bezogene Erzählung; wir gelangen nicht zur Sättigung, während wir diese schöne Erzählung hören.
Brahmā sprach: Als die Welten zu Finsternis geworden und Unbewegliches wie Bewegliches vergangen war, entstand zuerst, als Wirkursache aus den Guṇas der Urmaterie (Prakṛti), die Buddhi (die Erkenntniskraft).
ahaṃkāras tato jāto mahābhūtapravartakaḥ / vāyvagnir āpaḥ khaṃ bhūmis tatas tv aṇḍam ajāyata //
Daraus entstand das Ich-Bewusstsein (Ahaṃkāra), das die großen Elemente hervorbringt; Wind, Feuer, Wasser, Äther und Erde - daraus entstand dann das (Welt-)Ei.
tatraivāvasthito hy āsīd ahaṃ viṣṇur maheśvaraḥ / vimūḍhās tāmasāḥ sarve pradhyāyanti tam īśvaram //
Eben dort war ich, Viṣṇu, der große Herr, verweilend; alle in Tamas Verwirrten sinnen über jenen Herrn nach.
Wort für Wort
tatra eva avasthitaḥ hi āsīt aham
eben dort war ich fürwahr verweilend
viṣṇuḥ maheśvaraḥ
Viṣṇu, der große Herr
vimūḍhāḥ tāmasāḥ sarve
alle in Tamas Verwirrten
pradhyāyanti tam īśvaram
sinnen über jenen Herrn nach
[Anm.: Brahmā, der Sprecher, identifiziert sich hier zugleich mit Viṣṇu Maheśvara - Ausdruck der in den Purāṇas geläufigen Austauschbarkeit/Einheit der großen Götter als Erscheinungsformen des Einen.]
tato vai sumahātejāḥ prādurbhūtas tamonudaḥ / dhyānayogena cāsmābhir vijñātaḥ savitā tadā //
Dann erschien der von großer Glut Erfüllte, der Finsternis-Vertreiber, und wurde von uns damals durch die Vertiefung in Meditation (Dhyānayoga) als Savitṛ erkannt.
tvaṃ kālaḥ sṛṣṭikartā ca hartā bhartā tathā prabhuḥ / saritaḥ sāgarāḥ śailā vidyudindradhanūṃṣi ca //
Du bist die Zeit, der Schöpfer, ebenso der Vernichter, der Erhalter, der Herr; du bist die Flüsse, die Ozeane, die Berge, die Blitze und die Regenbögen.
pradīptaṃ dīpanaṃ divyaṃ sarvalokaprakāśakam / durnirīkṣaṃ surendrāṇāṃ yad rūpaṃ tasya te namaḥ //
Die entflammte, leuchtende, göttliche Gestalt, die alle Welten erhellt, die selbst für die Herren der Götter schwer anzuschauen ist - welche Gestalt das ist, dieser sei Verehrung dir!
surasiddhagaṇair juṣṭaṃ bhṛgvatripulahādibhiḥ / stutaṃ paramam avyaktaṃ yad rūpaṃ tasya te namaḥ //
Die von den Scharen der Götter und Siddhas verehrte, von Bhṛgu, Atri, Pulaha und anderen gepriesene, höchste, unoffenbare Gestalt - welche Gestalt das ist, dieser sei Verehrung dir!
vedyaṃ vedavidāṃ nityaṃ sarvajñānasamanvitam / sarvadevātidevasya yad rūpaṃ tasya te namaḥ //
Die den Vedakundigen ewig erkennbare, mit allem Wissen ausgestattete Gestalt des höchsten Gottes über allen Göttern - welche Gestalt das ist, dieser sei Verehrung dir!
viśvakṛd viśvabhūtaṃ ca vaiśvānarasurārcitam / viśvasthitam acintyaṃ ca yad rūpaṃ tasya te namaḥ //
Die alles erschaffende, in allem seiende, von Vaiśvānara (dem Feuer) und den Göttern verehrte, in allem verweilende, unfassbare Gestalt - welche Gestalt das ist, dieser sei Verehrung dir!
paraṃ yajñāt paraṃ vedāt paraṃ lokāt paraṃ divaḥ / paramātmety abhikhyātaṃ yad rūpaṃ tasya te namaḥ //
Die höher als das Opfer, höher als der Veda, höher als die Welt, höher als der Himmel, als 'höchstes Selbst' bekannte Gestalt - welche Gestalt das ist, dieser sei Verehrung dir!
avijñeyam anālakṣyam adhyānagatam avyayam / anādinidhanaṃ caiva yad rūpaṃ tasya te namaḥ //
Die unerkennbare, unwahrnehmbare, durch Meditation erreichbare, unvergängliche und anfang- wie endlose Gestalt - welche Gestalt das ist, dieser sei Verehrung dir!
namo namaḥ kāraṇakāraṇāya / namo namaḥ pāpavimocanāya / namo namas te ditijārdanāya / namo namo rogavimocanāya //
Verehrung, Verehrung dir, der Ursache der Ursache! Verehrung, Verehrung dir, dem Befreier von Sünde! Verehrung, Verehrung dir, dem Bedränger der Diti-Söhne! Verehrung, Verehrung dir, dem Befreier von Krankheit!
Wort für Wort
namaḥ namaḥ kāraṇakāraṇāya
Verehrung, Verehrung der Ursache der Ursache
namaḥ namaḥ pāpavimocanāya
Verehrung, Verehrung dem Befreier von Sünde
namaḥ namaḥ te ditijārdanāya
Verehrung, Verehrung dir, dem Bedränger der Diti-Söhne
namaḥ namaḥ rogavimocanāya
Verehrung, Verehrung dem Befreier von Krankheit
[Anm.: Vers in vierzeiliger Anordnung (Pāda a-d) statt der sonst üblichen zweizeiligen Form - Wechsel des Versmaßes; wörtlich als eigener Vers wiedergegeben.]
namo namaḥ sarvavarapradāya / namo namaḥ sarvasukhapradāya / namo namaḥ sarvadhanapradāya / namo namaḥ sarvamatipradāya //
Verehrung, Verehrung dir, dem Geber aller Segensgaben! Verehrung, Verehrung dir, dem Geber alles Glücks! Verehrung, Verehrung dir, dem Geber allen Reichtums! Verehrung, Verehrung dir, dem Geber aller Einsicht!
Wort für Wort
namaḥ namaḥ sarvavarapradāya
Verehrung, Verehrung dem Geber aller Segensgaben
namaḥ namaḥ sarvasukhapradāya
Verehrung, Verehrung dem Geber alles Glücks
namaḥ namaḥ sarvadhanapradāya
Verehrung, Verehrung dem Geber allen Reichtums
namaḥ namaḥ sarvamatipradāya
Verehrung, Verehrung dem Geber aller Einsicht
[Anm.: ebenfalls vierzeiliger Vers, s. Anm. zu V.22.]
'So sei es', so sprach auch er, der Erhabene, der Urschöpfer, der Herr, und wurde, zur Erfüllung der Aufgaben der Welten, zum Geber von Hitze, Regen und Schnee/Kälte.
Oṃ! Sūrya, Aryaman, Bhaga, Tvaṣṭṛ, Pūṣan, der Strahlende (Arka), Savitṛ, Ravi, der Strahlenreiche, der Ungeborene, die Zeit, der Tod, der Ordner (Dhātṛ), der Lichtbereiter (Prabhākara).
der Strahlenreiche, der Ungeborene, die Zeit, der Tod, der Ordner, der Lichtbereiter
[Anm.: Beginn der 108-Namen-Reihe (aṣṭottaraśatanāman) der Sonne; im Folgenden überwiegend Namen ohne durchgehende wörtliche Analyse, da reine Namensaufzählung.]
indro vivasvān dīptāṃśuḥ śuciḥ śauriḥ śanaiścaraḥ / brahmā viṣṇuś ca rudraś ca skando vaiśravaṇo yamaḥ //
Indra, Vivasvat, der Glutstrahlige, der Lautere, der Heldenhafte [?], der Langsamschreitende (Saturn); Brahmā und Viṣṇu und Rudra, Skanda, Vaiśravaṇa, Yama.
Wort für Wort
indraḥ, vivasvān, dīptāṃśuḥ, śuciḥ
Indra, Vivasvat, der Glutstrahlige, der Lautere
śauriḥ [?], śanaiścaraḥ
der Heldenhafte [?], der Langsamschreitende (Saturn)
[?: 'śauriḥ' hier unklar - wörtlich 'der Heldenhafte/Sohn des Śūra', evtl. Bezug auf Śani (Saturn) als Sohn der Sonne (vgl. die Chāyā-Erzählung in Kap.32); kontextnah, aber nicht sicher übersetzt.]
Der Blitzhafte, der im Bauchfeuer Wirkende und das Feuer, der durch Brennstoff Genährte, der Herr der Gluten; dessen Banner die Rechtsordnung ist, der Schöpfer der Veden, der die Glieder der Veden verkörpert, dessen Fahrzeug der Veda ist.
Wort für Wort
vaidyutaḥ, jāṭharaḥ, agniḥ
der Blitzhafte, der im Bauchfeuer Wirkende, das Feuer
aindhanaḥ, tejasāṃ patiḥ
der durch Brennstoff Genährte, der Herr der Gluten
dharmadhvajaḥ, vedakartā, vedāṅgaḥ, vedavāhanaḥ
dessen Banner die Rechtsordnung ist, der Schöpfer der Veden, der die Vedāṅgas verkörpert, dessen Fahrzeug der Veda ist
kṛtaṃ tretā dvāparaś ca kaliḥ sarvāmarāśrayaḥ / kalākāṣṭhāmuhūrtāś ca kṣapā yāmās tathā kṣaṇāḥ //
Das Kṛta-, Tretā-, Dvāpara- und Kali-Zeitalter, die Zuflucht aller Unsterblichen; die Zeiteinheiten Kalā, Kāṣṭhā und Muhūrta, die Nacht, die Nachtwachen und die Augenblicke.
Der Jahrschöpfer, der heilige Aśvattha-Baum, das Rad der Zeit, der Glanzreiche; der Puruṣa, der Ewige, der Yogin, der Offenbar-Unoffenbare, der Immerwährende.
Der Aufseher der Zeit, der Aufseher der Geschöpfe, Viśvakarman, der Finsternis-Vertreiber; Varuṇa und das Meer und Aṃśa, die Wolke, das Leben, der Feindevernichter.
Die Zuflucht der Wesen, der Herr der Wesen, der von aller Welt Verehrte; der Schöpfer, der Weltzerstörer, das Feuer, der Anfang von allem, der Unbegehrliche.
Wort für Wort
bhūtāśrayaḥ, bhūtapatiḥ, sarvalokanamaskṛtaḥ
die Zuflucht der Wesen, der Herr der Wesen, der von aller Welt Verehrte
Der Endlose, Kapila, der Glanzvolle (Bhānu), der Wunscherfüller, der überall Gesichter Habende; der Sieg, der Gewaltige, der Segenspender, der von allen Wesen Verehrte.
Wort für Wort
anantaḥ, kapilaḥ, bhānuḥ, kāmadaḥ, sarvatomukhaḥ
der Endlose, Kapila, der Glanzvolle, der Wunscherfüller, der überall Gesichter Habende
jayaḥ, viśālaḥ, varadaḥ, sarvabhūtaniṣevitaḥ
der Sieg, der Gewaltige, der Segenspender, der von allen Wesen Verehrte
Der Geist, der Schönbeflügelte, der Uranfang der Wesen, der Schnellziehende, der Träger des Lebensatems; Dhanvantari, der Rauchbannerträger, der Urgott, der Sohn der Aditi.
Der Zwölfgestaltige, Ravi, Dakṣa, der Vater, die Mutter, der Großvater; das Tor zum Himmel, das Tor zu den Geschöpfen, das Tor zur Befreiung, der Himmel selbst.
Wort für Wort
dvādaśātmā, raviḥ, dakṣaḥ, pitā, mātā, pitāmahaḥ
der Zwölfgestaltige, Ravi, Dakṣa, der Vater, die Mutter, der Großvater
Der Leibbildner, der von befriedetem Wesen, die Weltseele, der überallhin Gewandte; die Seele des Beweglichen und Unbeweglichen, die feinstoffliche Seele, der Freundliche, der mit Mitleid Begabte.
Wort für Wort
dehakartā, praśāntātmā, viśvātmā, viśvatomukhaḥ
der Leibbildner, der von befriedetem Wesen, die Weltseele, der überallhin Gewandte
carācarātmā, sūkṣmātmā, maitreyaḥ, karuṇānvitaḥ
die Seele des Beweglichen und Unbeweglichen, die feinstoffliche Seele, der Freundliche, der mit Mitleid Begabte
Dies ist fürwahr die liebliche 108-Namenreihe der preisenswerten Sonne von unermesslicher Glut, von mir verkündet, o Beste der Zweifachgeborenen.
Wort für Wort
etat vai kīrtanīyasya sūryasya
dies ist fürwahr des preisenswerten Sonne
amitatejasaḥ
von unermesslicher Glut
nāmnām aṣṭaśatam ramyam
die liebliche 108-Namenreihe
mayā proktam dvijottamāḥ
von mir verkündet, o Beste der Zweifachgeborenen
[Anm.: Die tatsächliche Anzahl der in V.34-45 aufgeführten Einzelnamen übersteigt bei wörtlicher Zählung geringfügig 108; dies ist bei solchen Nāmastotras üblich - die traditionelle Zahl 'aṣṭottaraśata' (108) wird unverändert beibehalten.]
Der von den Scharen der Götter, der Ahnen und Yakṣas verehrt wird, der von Asuras, dem Mond und den Siddhas gepriesen wird, der wie bestes Gold und wie loderndes Feuer glänzt - vor dieser Sonne (Bhāskara) verneige ich mich, zum Heil (der Welt).
Wort für Wort
suragaṇapitṛyakṣasevitam hi
von den Scharen der Götter, Ahnen und Yakṣas verehrt, fürwahr
asuraniśākarasiddhavanditam
von Asuras, Mond und Siddhas gepriesen
varakanakahutāśanaprabham
wie bestes Gold und loderndes Feuer glänzend
praṇipatitaḥ asmi hitāya bhāskaram
ich habe mich verneigt, zum Heil, vor der Sonne
[Anm.: Ab hier Wechsel des Versmaßes - vierzeilige Verse (Pāda a-d) statt der bisherigen zweizeiligen Ślokas, wie schon in V.22-23; abschließender Lobpreis mit Phalaśruti (V.47-49).]
sūryodaye yaḥ susamāhitaḥ paṭhet / sa putradārān dhanaratnasaṃcayān / labheta jātismaratāṃ naraḥ sa tu / smṛtiṃ ca medhāṃ ca sa vindate parām //
Wer dies bei Sonnenaufgang wohlgesammelt rezitiert, der erlangt Söhne und Gattin, Anhäufungen von Reichtum und Juwelen; jener Mensch erlangt die Erinnerung an frühere Geburten, und er findet höchstes Gedächtnis und höchste Geisteskraft.
Wort für Wort
sūryodaye yaḥ susamāhitaḥ paṭhet
wer bei Sonnenaufgang wohlgesammelt rezitiert
saḥ putradārān dhanaratnasaṃcayān
der erlangt Söhne, Gattin, Anhäufungen von Reichtum und Juwelen
labheta jātismaratām naraḥ saḥ tu
jener Mensch erlangt die Erinnerung an frühere Geburten
smṛtim ca medhām ca saḥ vindate parām
und er findet höchstes Gedächtnis und höchste Geisteskraft
Welcher Mensch diesen Lobpreis des besten der Götter mit reinem Geist und gesammelt verkündet, der wird aus dem Ozean des Kummer-Waldbrandfeuers befreit; er erlangt die Wünsche, wie sie im Geiste erwünscht sind.
Wort für Wort
imam stavam devavarasya yaḥ naraḥ
welcher Mensch diesen Lobpreis des besten der Götter
prakīrtayet śuddhamanāḥ samāhitaḥ
verkündet, reinen Geistes und gesammelt
vimucyate śokadavāgnisāgarāt
wird befreit aus dem Ozean des Kummer-Waldbrandfeuers
labheta kāmān manasā yathā īpsitān
er erlangt die Wünsche, wie sie im Geiste erwünscht sind