Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 35: śivavikṛtarūpaparīkṣābālagrāhalīlāvarṇanam Śivas Werbung um Umā in entstellter Gestalt und das Kinderspiel am See mit dem Krokodil

Śiva nähert sich Umā in der Gestalt eines entstellten, hässlichen Brahmanen, um ihre Beständigkeit zu prüfen; sie erweist ihm gastfreundliche Ehrung, erklärt aber, ihr Vater müsse gefragt werden (V.1-10). Himavat, aus Furcht vor einem Fluch, verweist auf eine bereits angesetzte Svayaṃvara (Selbstwahl); Śiva, weiterhin verkleidet, stellt Umās Entschlossenheit noch einmal in Frage, doch sie wählt ihn trotz seiner hässlichen Gestalt, indem sie ihm einen Blütenstrauß überreicht (V.11-21). Er segnet daraufhin den Aśoka-Baum des Āśramas (der fortan Citrakūṭa heißen und Aśvamedha-Frucht bzw. Erlösung gewähren wird) und verschwindet (V.22-29). Es folgt die Erzählung vom Kinderspiel Śivas: Als scheinbar hilfloses Kind lässt er sich von einem Krokodil im See verschlingen; Umā eilt auf den Hilferuf herbei und bittet um seine Freilassung, doch das Krokodil verlangt als 'Lösegeld' ihr gesamtes angesammeltes Askese-Verdienst (angeblich seit jeher als Bestimmung des sechsten Mondtags, Ṣaṣṭhī); sie gibt bedingungslos ihr gesamtes Verdienst, woraufhin das Krokodil, davon selbst verklärt, den Knaben freigibt und ihr das Verdienst zurückschenken will, was sie als bereits gegeben ablehnt (V.30-59). Aus Sorge um den Verlust ihrer Askese will sie erneut Buße üben, doch Śiva selbst hält sie davon ab mit dem Versprechen, das ihm geschenkte Verdienst werde ihr tausendfach zurückkehren (V.60-63). Ein abschließender Vers verheißt demjenigen, der diese Geschichte vom 'Kinderspiel des Śambhu' rezitiert, nach dem Tod den Rang eines Gaṇa-Herrn, dem Kumāra (Skanda) gleich (V.64) - erkennbar als Ursprungserzählung des Ṣaṣṭhī-Kultes.

{brahmovāca:} tatas tām abruvan devās tadā gatvā tu sundarīm / devi śīghreṇa kālena dhūrjaṭir nīlalohitaḥ //

Brahmā sprach: Darauf, dorthin gegangen, sprachen die Götter zu ihr, der Schönen: 'O Göttin, in Kürze wird Dhūrjaṭi, der Blauhalsige,'

Wort für Wort
tataḥ tām abruvan devāḥ tadā gatvā tu sundarīm
darauf, dorthin gegangen, sprachen die Götter zu ihr, der Schönen
devi śīghreṇa kālena
o Göttin, in Kürze
dhūrjaṭiḥ nīlalohitaḥ
Dhūrjaṭi, der Blauhalsige

sa bhartā tava deveśo bhavitā mā tapaḥ kṛthāḥ / tataḥ pradakṣiṇīkṛtya devā viprā gireḥ sutām //

- er, der Göttergebieter, wird dein Gatte werden; übe keine Askese mehr.' Darauf, die Bergtochter umschreitend, die Götter, die Brahmanen -

Wort für Wort
saḥ bhartā tava deveśaḥ bhavitā
er, der Göttergebieter, wird dein Gatte werden
mā tapaḥ kṛthāḥ
übe keine Askese
tataḥ pradakṣiṇīkṛtya devāḥ viprāḥ gireḥ sutām
darauf, die Bergtochter umschreitend, die Götter, die Brahmanen

jagmuś cādarśanaṃ tasyāḥ sā cāpi virarāma ha / sā devī sūktam ity evam uktvā svasyāśrame śubhe //

- entschwanden ihrem Blick; und auch sie hielt inne. Jene Göttin, nachdem sie so 'wohlgesprochen' erwidert hatte, in ihrer eigenen, heilvollen Einsiedelei -

Wort für Wort
jagmuḥ ca adarśanam tasyāḥ
entschwanden ihrem Blick
sā ca api virarāma ha
und auch sie hielt fürwahr inne
sā devī sūktam iti evam uktvā
jene Göttin, so 'wohlgesprochen' gesagt habend
svasya āśrame śubhe
in ihrer eigenen heilvollen Einsiedelei

dvāri jātam aśokaṃ ca samupāśritya cāsthitā / athāgāc candratilakas tridaśārtiharo haraḥ //

- sich an den am Tor gewachsenen Aśoka-Baum lehnend, verweilte sie. Da kam Hara, der die Mondsichel als Zeichen trägt, der Leidvertreiber der Götter,

Wort für Wort
dvāri jātam aśokam ca samupāśritya ca āsthitā
sich an den am Tor gewachsenen Aśoka-Baum lehnend, verweilte sie
atha āgāt candratilakaḥ
da kam der die Mondsichel als Zeichen Tragende
tridaśārtiharaḥ haraḥ
Hara, der Leidvertreiber der Götter

vikṛtaṃ rūpam āsthāya hrasvo bāhuka eva ca / vibhagnanāsiko bhūtvā kubjaḥ keśāntapiṅgalaḥ //

- eine entstellte Gestalt annehmend, klein und mit verkrüppelten Armen, mit gebrochener Nase, buckelig, mit rötlich-gelbem Haar an den Schläfen,

Wort für Wort
vikṛtam rūpam āsthāya
eine entstellte Gestalt annehmend
hrasvaḥ bāhukaḥ eva ca
klein und mit verkrüppelten Armen
vibhagnanāsikaḥ bhūtvā
mit gebrochener Nase geworden
kubjaḥ keśāntapiṅgalaḥ
buckelig, mit rötlich-gelbem Haar an den Schläfen

uvāca vikṛtāsyaś ca devi tvāṃ varayāmy aham / athomā yogasaṃsiddhā jñātvā śaṃkaram āgatam //

- und mit entstelltem Gesicht sprach er: 'O Göttin, ich werbe um dich.' Da erkannte Umā, durch Yoga vollendet, dass Śaṃkara gekommen war,

Wort für Wort
uvāca vikṛtāsyaḥ ca
und mit entstelltem Gesicht sprach er
devi tvām varayāmi aham
o Göttin, ich werbe um dich
atha umā yogasaṃsiddhā
da Umā, durch Yoga vollendet
jñātvā śaṃkaram āgatam
erkennend, dass Śaṃkara gekommen war

antarbhāvaviśuddhātmā kṛpānuṣṭhānalipsayā / tam uvācārghapādyābhyāṃ madhuparkeṇa caiva ha //

- innerlich reinen Herzens, aus dem Wunsch, gastfreundliches Ritual zu erweisen, sprach sie zu ihm, Arghya- und Pādya-Wasser sowie Madhuparka darbietend,

Wort für Wort
antarbhāvaviśuddhātmā
innerlich reinen Herzens
kṛpānuṣṭhānalipsayā
aus dem Wunsch, (gastfreundliches) Ritual zu erweisen
tam uvāca arghapādyābhyām madhuparkeṇa ca eva ha
sprach sie zu ihm, Arghya- und Pādya-Wasser sowie Madhuparka darbietend

saṃpūjya sumanobhis taṃ brāhmaṇaṃ brāhmaṇapriyā //*

- nachdem sie, die die Brahmanen liebt, jenen Brahmanen mit Blumen verehrt hatte.

Wort für Wort
saṃpūjya sumanobhiḥ
mit Blumen verehrend
tam brāhmaṇam brāhmaṇapriyā
jenen Brahmanen, sie, die die Brahmanen liebt

[Anm.: Im Original einzeiliger Halbvers, durch Asterisk (//*) gekennzeichnet, wie mehrfach in Kap.34.]

{devy uvāca:} bhagavan na svatantrāhaṃ pitā me tv agraṇīr gṛhe / sa prabhur mama dāne vai kanyāhaṃ dvijapuṃgava //

Die Göttin sprach: O Erhabener, ich bin nicht selbständig; mein Vater ist der Erste im Haus; er ist der Herr über meine Vergabe, denn ich bin nur eine Tochter, o bester der Zweifachgeborenen.

Wort für Wort
bhagavan na svatantrā aham
o Erhabener, ich bin nicht selbständig
pitā me tu agraṇīḥ gṛhe
mein Vater ist der Erste im Haus
saḥ prabhuḥ mama dāne vai
er ist der Herr über meine Vergabe
kanyā aham dvijapuṃgava
ich bin (nur) eine Tochter, o bester der Zweifachgeborenen

gatvā yācasva pitaraṃ mama śailendram avyayam / sa ced dadāti māṃ vipra tubhyaṃ tad ucitaṃ mama //

Geh und bitte meinen Vater, den unvergänglichen Herrn der Berge; wenn er mich dir gibt, o Brahmane, ist das für mich angemessen.

Wort für Wort
gatvā yācasva pitaram mama
geh und bitte meinen Vater
śailendram avyayam
den unvergänglichen Herrn der Berge
saḥ cet dadāti mām vipra tubhyam
wenn er mich dir gibt, o Brahmane
tat ucitam mama
ist das für mich angemessen

{brahmovāca:} tataḥ sa bhagavān devas tathaiva vikṛtaḥ prabhuḥ / uvāca śailarājānaṃ sutāṃ me yaccha śailarāṭ //

Brahmā sprach: Darauf sprach jener erhabene Gott, der Herr, noch immer entstellt, zum Bergkönig: 'Gib mir deine Tochter, o Bergkönig.'

Wort für Wort
tataḥ saḥ bhagavān devaḥ tathā eva vikṛtaḥ prabhuḥ
darauf jener erhabene Gott, der Herr, noch immer entstellt
uvāca śailarājānam
sprach zum Bergkönig
sutām me yaccha śailarāṭ
gib mir deine Tochter, o Bergkönig

sa taṃ vikṛtarūpeṇa jñātvā rudram athāvyayam / bhītaḥ śāpāc ca vimanā idaṃ vacanam abravīt //

Er, ihn trotz der entstellten Gestalt als den unvergänglichen Rudra erkennend, aus Furcht vor einem Fluch und betrübten Sinnes, sprach folgendes Wort:

Wort für Wort
saḥ tam vikṛtarūpeṇa jñātvā rudram atha avyayam
er, ihn trotz der entstellten Gestalt als den unvergänglichen Rudra erkennend
bhītaḥ śāpāt ca vimanāḥ
aus Furcht vor einem Fluch und betrübten Sinnes
idam vacanam abravīt
sprach er folgendes Wort

{śailendra uvāca:} bhagavan nāvamanye 'haṃ brāhmaṇān bhuvi devatāḥ / manīṣitaṃ tu yat pūrvaṃ tac chṛṇuṣva mahāmate //

Der Bergkönig sprach: O Erhabener, ich verachte nicht die Brahmanen auf Erden, die Götter; doch höre, was zuvor beabsichtigt wurde, o Großgesinnter.

Wort für Wort
bhagavan na avamanye aham brāhmaṇān bhuvi devatāḥ
o Erhabener, ich verachte nicht die Brahmanen auf Erden, die Götter
manīṣitam tu yat pūrvam
doch was zuvor beabsichtigt wurde
tat śṛṇuṣva mahāmate
das höre, o Großgesinnter

svayaṃvaro me duhitur bhavitā viprapūjitaḥ / varayed yaṃ svayaṃ tatra sa bhartāsyā bhaviṣyati //

Für meine Tochter wird eine Selbstwahl stattfinden, von den Brahmanen geehrt; wen sie dort selbst wählt, der wird ihr Gatte sein.

Wort für Wort
svayaṃvaraḥ me duhituḥ bhavitā
für meine Tochter wird eine Selbstwahl stattfinden
viprapūjitaḥ
von den Brahmanen geehrt
varayet yam svayam tatra
wen sie dort selbst wählt
saḥ bhartā asyāḥ bhaviṣyati
der wird ihr Gatte sein

tac chrutvā śailavacanaṃ bhagavān vṛṣabhadhvajaḥ / devyāḥ samīpam āgatya idam āha mahāmanāḥ //

Als er dieses Wort des Bergs gehört hatte, kam der Erhabene mit dem Stier im Banner zur Göttin und sprach, großgesinnt, folgendes:

Wort für Wort
tat śrutvā śailavacanam
dieses Wort des Bergs gehört habend
bhagavān vṛṣabhadhvajaḥ
der Erhabene mit dem Stier im Banner
devyāḥ samīpam āgatya
zur Göttin gekommen
idam āha mahāmanāḥ
sprach dies, großgesinnt

{śiva uvāca:} devi pitrā tv anujñātaḥ svayaṃvara iti śrutiḥ / tatra tvaṃ varayitrī yaṃ sa te bhartā bhaved iti //

Śiva sprach: O Göttin, vom Vater wurde, wie man hört, eine Selbstwahl gestattet; dort wirst du wählen, und wen du wählst, der werde dein Gatte.

Wort für Wort
devi pitrā tu anujñātaḥ svayaṃvaraḥ iti śrutiḥ
o Göttin, vom Vater wurde, wie man hört, eine Selbstwahl gestattet
tatra tvam varayitrī
dort wirst du die Wählende sein
yam saḥ te bhartā bhavet iti
und wen (du wählst), der werde dein Gatte

tad āpṛcchya gamiṣyāmi durlabhāṃ tvāṃ varānane / rūpavantaṃ samutsṛjya vṛṇoṣy asadṛśaṃ katham //

Nachdem ich dich, die Schwerzuerlangende, o Schönantlitzige, um Erlaubnis gebeten habe, werde ich gehen; wie könntest du, einen Schönen verschmähend, einen Unpassenden wählen?

Wort für Wort
tat āpṛcchya gamiṣyāmi
dies erbittend, werde ich gehen
durlabhām tvām varānane
dich, die Schwerzuerlangende, o Schönantlitzige
rūpavantam samutsṛjya
einen Schönen verschmähend
vṛṇoṣi asadṛśam katham
wie könntest du einen Unpassenden wählen

{brahmovāca:} tenoktā sā tadā tatra bhāvayantī tadīritam / bhāvaṃ ca rudranihitaṃ prasādaṃ manasas tathā //

Brahmā sprach: Von ihm so angesprochen, erwog sie damals dort das von ihm Gesagte sowie die in Rudra gegründete Gesinnung und die Gnade des Geistes,

Wort für Wort
tena uktā sā tadā tatra
von ihm so angesprochen, sie damals dort
bhāvayantī tat īritam
das von ihm Gesagte erwägend
bhāvam ca rudranihitam
und die in Rudra gegründete Gesinnung
prasādam manasaḥ tathā
und ebenso die Gnade des Geistes

saṃprāpyovāca deveśaṃ mā te 'bhūd buddhir anyathā / ahaṃ tvāṃ varayiṣyāmi nādbhutaṃ tu kathaṃcana //

- und, dies erlangend, sprach sie zum Göttergebieter: 'Möge dein Gedanke nicht anders werden - ich werde dich wählen, und das ist keineswegs verwunderlich.'

Wort für Wort
saṃprāpya uvāca deveśam
dies erlangend, sprach sie zum Göttergebieter
mā te abhūt buddhiḥ anyathā
möge dein Gedanke nicht anders werden
aham tvām varayiṣyāmi
ich werde dich wählen
na adbhutam tu kathaṃcana
und das ist keineswegs verwunderlich

athavā te 'sti saṃdeho mayi vipra kathaṃcana / ihaiva tvāṃ mahābhāga varayāmi manogatam //

'Oder, falls du irgendeinen Zweifel an mir hast, o Brahmane - eben hier wähle ich dich, Hochbeglückter, den im Geiste Gewünschten.'

Wort für Wort
athavā te asti saṃdehaḥ mayi vipra kathaṃcana
oder falls du irgendeinen Zweifel an mir hast, o Brahmane
iha eva tvām mahābhāga varayāmi
eben hier wähle ich dich, Hochbeglückter
manogatam
den im Geiste Gewünschten

{brahmovāca:} gṛhītvā stabakaṃ sā tu hastābhyāṃ tatra saṃsthitā / skandhe śaṃbhoḥ samādhāya devī prāha vṛto 'si me //

Brahmā sprach: Einen Blütenstrauß mit beiden Händen ergreifend, dort stehend, legte die Göttin ihn auf Śambhus Schulter und sprach: 'Du bist von mir gewählt.'

Wort für Wort
gṛhītvā stabakam sā tu hastābhyām tatra saṃsthitā
einen Blütenstrauß mit beiden Händen ergreifend, dort stehend
skandhe śaṃbhoḥ samādhāya
auf Śambhus Schulter legend
devī prāha vṛtaḥ asi me
sprach die Göttin: 'du bist von mir gewählt'

tataḥ sa bhagavān devas tayā devyā vṛtas tadā / uvāca tam aśokaṃ vai vācā saṃjīvayann iva //

Darauf sprach jener erhabene Gott, damals von der Göttin gewählt, zu jenem Aśoka-Baum, ihn gleichsam mit dem Wort belebend:

Wort für Wort
tataḥ saḥ bhagavān devaḥ
darauf jener erhabene Gott
tayā devyā vṛtaḥ tadā
damals von der Göttin gewählt
uvāca tam aśokam vai
sprach zu jenem Aśoka-Baum
vācā saṃjīvayan iva
ihn gleichsam mit dem Wort belebend

{śiva uvāca:} yasmāt tava supuṇyena stabakena vṛto 'smy aham / tasmāt tvaṃ jarayā tyaktas tv amaraḥ saṃbhaviṣyasi //

Śiva sprach: Weil ich durch deinen sehr verdienstvollen Blütenstrauß gewählt wurde, deshalb wirst du, vom Alter verlassen, unsterblich werden.

Wort für Wort
yasmāt tava supuṇyena stabakena vṛtaḥ asmi aham
weil ich durch deinen sehr verdienstvollen Blütenstrauß gewählt wurde
tasmāt tvam jarayā tyaktaḥ
deshalb wirst du, vom Alter verlassen
tu amaraḥ saṃbhaviṣyasi
unsterblich werden

kāmarūpī kāmapuṣpaḥ kāmado dayito mama / sarvābharaṇapuṣpāḍhyaḥ sarvapuṣpaphalopagaḥ //

Nach Belieben gestaltbar, mit Wunschblüten, Wünsche gewährend, mir lieb, reich an allschmückenden Blüten, mit allen Blüten und Früchten versehen.

Wort für Wort
kāmarūpī kāmapuṣpaḥ
nach Belieben gestaltbar, mit Wunschblüten
kāmadaḥ dayitaḥ mama
Wünsche gewährend, mir lieb
sarvābharaṇapuṣpāḍhyaḥ
reich an allschmückenden Blüten
sarvapuṣpaphalopagaḥ
mit allen Blüten und Früchten versehen

sarvānnabhakṣakaś caiva amṛtasvāda eva ca / sarvagandhaś ca devānāṃ bhaviṣyasi dṛḍhapriyaḥ //

Und aller Speise Genießbarkeit habend, und von Amṛta-Geschmack, und allen Duft habend, wirst du den Göttern fest lieb sein.

Wort für Wort
sarvānnabhakṣakaḥ ca eva
und aller Speise Genießbarkeit habend
amṛtasvādaḥ eva ca
und von Amṛta-Geschmack
sarvagandhaḥ ca
und allen Duft habend
devānām bhaviṣyasi dṛḍhapriyaḥ
wirst du den Göttern fest lieb sein

nirbhayaḥ sarvalokeṣu bhaviṣyasi sunirvṛtaḥ / āśramaṃ vedam atyarthaṃ citrakūṭeti viśrutam //

Furchtlos in allen Welten wirst du sein, wohlbefriedet; diese Einsiedelei, über die Maßen heilig, wird als Citrakūṭa berühmt sein.

Wort für Wort
nirbhayaḥ sarvalokeṣu bhaviṣyasi sunirvṛtaḥ
furchtlos in allen Welten wirst du sein, wohlbefriedet
āśramam vedam atyartham [?]
diese Einsiedelei, über die Maßen heilig [?]
citrakūṭa iti viśrutam
wird als Citrakūṭa berühmt sein

[?: Syntax von 'āśramaṃ vedam atyarthaṃ' knapp; sinngemäß als Segnung des Einsiedelei-Ortes gedeutet, der fortan 'Citrakūṭa' heißen wird.]

yo hi yāsyati puṇyārthī so 'śvamedham avāpsyati / yas tu tatra mṛtaś cāpi brahmalokaṃ sa gacchati //

Wer immer, nach Verdienst strebend, dorthin geht, der wird die Frucht eines Aśvamedha erlangen; wer aber dort auch stirbt, gelangt in die Brahma-Welt.

Wort für Wort
yaḥ hi yāsyati puṇyārthī
wer immer, nach Verdienst strebend, dorthin geht
saḥ aśvamedham avāpsyati
der wird (die Frucht) eines Aśvamedha erlangen
yaḥ tu tatra mṛtaḥ ca api
wer aber dort auch stirbt
brahmalokam saḥ gacchati
gelangt in die Brahma-Welt

yaś cātra niyamair yuktaḥ prāṇān samyak parityajet / sa devyās tapasā yukto mahāgaṇapatir bhavet //

Und wer hier, in Gelübde eingebunden, sein Leben in rechter Weise aufgibt, der wird, mit der Askesekraft der Göttin verbunden, ein großer Gaṇa-Herr.

Wort für Wort
yaḥ ca atra niyamaiḥ yuktaḥ
und wer hier, in Gelübde eingebunden
prāṇān samyak parityajet
sein Leben in rechter Weise aufgibt
saḥ devyāḥ tapasā yuktaḥ
der, mit der Askesekraft der Göttin verbunden
mahāgaṇapatiḥ bhavet
werde ein großer Gaṇa-Herr

{brahmovāca:} evam uktvā tadā deva āpṛcchya himavatsutām / antardadhe jagatsraṣṭā sarvabhūtapa īśvaraḥ //

Brahmā sprach: So gesprochen habend, verabschiedete sich der Gott damals von der Tochter des Himavat und verschwand, der Weltenschöpfer, der Gebieter aller Wesen, der Herr.

Wort für Wort
evam uktvā tadā devaḥ
so gesprochen habend, damals der Gott
āpṛcchya himavatsutām
sich von der Tochter des Himavat verabschiedend
antardadhe jagatsraṣṭā
verschwand der Weltenschöpfer
sarvabhūtapaḥ īśvaraḥ
der Gebieter aller Wesen, der Herr

sāpi devī gate tasmin bhagavaty amitātmani / tata evonmukhī bhūtvā śilāyāṃ saṃbabhūva ha //

Auch sie, die Göttin, als jener Erhabene von unermesslichem Wesen gegangen war, wurde eben dadurch nach oben gewandt und verharrte auf einem Felsen.

Wort für Wort
sā api devī gate tasmin
auch sie, die Göttin, als jener gegangen war
bhagavati amitātmani
der Erhabene von unermesslichem Wesen
tataḥ eva unmukhī bhūtvā
eben dadurch nach oben gewandt geworden
śilāyām saṃbabhūva ha
verharrte fürwahr auf einem Felsen

unmukhī sā bhave tasmin maheśe jagatāṃ prabhau / niśeva candrarahitā na babhau vimanās tadā //

Sie, zu jenem Bhava, dem großen Herrn, dem Gebieter der Welten, aufblickend, glänzte damals nicht, betrübten Sinnes, wie eine Nacht ohne Mond.

Wort für Wort
unmukhī sā bhave tasmin maheśe jagatām prabhau
sie, zu jenem Bhava, dem großen Herrn, dem Gebieter der Welten, aufblickend
niśā iva candrarahitā
wie eine Nacht ohne Mond
na babhau vimanāḥ tadā
glänzte sie damals nicht, betrübten Sinnes

atha śuśrāva śabdaṃ ca bālasyārtasya śailajā / sarasy udakasaṃpūrṇe samīpe cāśramasya ca //

Da hörte die Bergtochter den Laut eines gequälten Kindes an einem wasservollen See, in der Nähe der Einsiedelei.

Wort für Wort
atha śuśrāva śabdam ca bālasya ārtasya śailajā
da hörte die Bergtochter den Laut eines gequälten Kindes
sarasi udakasaṃpūrṇe
an einem wasservollen See
samīpe ca āśramasya ca
und in der Nähe der Einsiedelei

sa kṛtvā bālarūpaṃ tu devadevaḥ svayaṃ śivaḥ / krīḍāhetoḥ saromadhye grāhagrasto 'bhavat tadā //

Er, der Gott der Götter, Śiva selbst, hatte, eine Kindesgestalt annehmend, zum Zwecke des Spiels, sich mitten im See von einem Krokodil verschlingen lassen.

Wort für Wort
saḥ kṛtvā bālarūpam tu
er, eine Kindesgestalt annehmend
devadevaḥ svayam śivaḥ
der Gott der Götter, Śiva selbst
krīḍāhetoḥ saromadhye
zum Zwecke des Spiels, mitten im See
grāhagrastaḥ abhavat tadā
wurde damals von einem Krokodil verschlungen

yogamāyāṃ samāsthāya prapañcodbhavakāraṇam / tad rūpaṃ saraso madhye kṛtvaivaṃ samabhāṣata //

Seine Yogamāyā, die Ursache der Entfaltung der Erscheinungswelt, einsetzend, sprach er, jene Gestalt inmitten des Sees angenommen habend, folgendermaßen:

Wort für Wort
yogamāyām samāsthāya
seine Yogamāyā einsetzend
prapañcodbhavakāraṇam
die Ursache der Entfaltung der Erscheinungswelt
tat rūpam sarasaḥ madhye kṛtvā
jene Gestalt inmitten des Sees angenommen habend
evam samabhāṣata
sprach er folgendermaßen

{bāla uvāca:} trātu māṃ kaścid ity āha grāheṇa hṛtacetasam / dhik kaṣṭaṃ bāla evāham aprāptārthamanorathaḥ //

Das Kind sprach - vom Krokodil an Sinnen benommen -: 'Möge mich jemand retten!' 'Wehe, welch Elend! Ich bin nur ein Kind, dessen Herzenswunsch nicht erfüllt wurde -'

Wort für Wort
trātu mām kaścit iti āha
'möge mich jemand retten!', so sprach es
grāheṇa hṛtacetasam
vom Krokodil an Sinnen benommen
dhik kaṣṭam bālaḥ eva aham
wehe, welch Elend, ich bin nur ein Kind
aprāptārthamanorathaḥ
dessen Herzenswunsch nicht erfüllt wurde

prayāmi nidhanaṃ vaktre grāhasyāsya durātmanaḥ / śocāmi na svakaṃ dehaṃ grāhagrastaḥ suduḥkhitaḥ //

'- ich gehe dem Tod entgegen im Rachen dieses bösgesinnten Krokodils; nicht um meinen eigenen Leib trauere ich, obwohl vom Krokodil ergriffen und überaus leidgeplagt,'

Wort für Wort
prayāmi nidhanam vaktre
ich gehe dem Tod entgegen im Rachen
grāhasya asya durātmanaḥ
dieses bösgesinnten Krokodils
śocāmi na svakam deham
nicht um meinen eigenen Leib trauere ich
grāhagrastaḥ suduḥkhitaḥ
vom Krokodil ergriffen, überaus leidgeplagt

yathā śocāmi pitaraṃ mātaraṃ ca tapasvinīm / grāhagṛhītaṃ māṃ śrutvā prāptaṃ nidhanam utsukau //

'- sondern wie ich um meinen Vater und meine askeseübende Mutter trauere, die, hörend, dass ich vom Krokodil ergriffen und zu Tode gekommen bin, in Sehnsucht,'

Wort für Wort
yathā śocāmi pitaram mātaram ca tapasvinīm
wie ich um meinen Vater und meine askeseübende Mutter trauere
grāhagṛhītam mām śrutvā
hörend, dass ich vom Krokodil ergriffen wurde
prāptam nidhanam utsukau
(die) in Sehnsucht (erfahren, ich sei) zu Tode gekommen

priyaputrāv ekaputrau prāṇān nūnaṃ tyajiṣyataḥ / aho bata sukaṣṭaṃ vai yo 'haṃ bālo 'kṛtāśramaḥ / antargrāheṇa grastas tu yāsyāmi nidhanaṃ kila //

'- meine Eltern, denen der geliebte Sohn ihr einziger Sohn ist, werden gewiss ihr Leben aufgeben. Ach, welch großes Elend, dass ich, ein Kind, das noch keine Lebensordnung begonnen hat, vom Krokodil verschlungen, nun fürwahr in den Tod gehen werde!'

Wort für Wort
priyaputrau ekaputrau
(meine Eltern), denen der geliebte Sohn ihr einziger Sohn ist
prāṇān nūnam tyajiṣyataḥ
werden gewiss ihr Leben aufgeben
aho bata sukaṣṭam vai
ach, welch großes Elend fürwahr
yaḥ aham bālaḥ akṛtāśramaḥ
ich, ein Kind, das noch keine Lebensordnung begonnen hat
antargrāheṇa grastaḥ tu
vom Krokodil im Inneren verschlungen
yāsyāmi nidhanam kila
werde ich fürwahr in den Tod gehen

[Anm.: dreizeiliger Vers unter einer Nummer, wie mehrfach in Kap.34.]

{brahmovāca:} śrutvā tu devī taṃ nādaṃ viprasyārtasya śobhanā / utthāya prasthitā tatra yatra tiṣṭhaty asau dvijaḥ //

Brahmā sprach: Als die schöne Göttin jenen Klageruf des bedrängten Brahmanenknaben gehört hatte, erhob sie sich und eilte dorthin, wo jener Zweifachgeborene sich befand.

Wort für Wort
śrutvā tu devī tam nādam
als die Göttin jenen Klageruf gehört hatte
viprasya ārtasya śobhanā
die schöne (Göttin, den Ruf) des bedrängten Brahmanen
utthāya prasthitā tatra
erhob sie sich und eilte dorthin
yatra tiṣṭhati asau dvijaḥ
wo jener Zweifachgeborene sich befand

sāpaśyad induvadanā bālakaṃ cārurūpiṇam / grāhasya mukham āpannaṃ vepamānam avasthitam //

Sie, die Mondgesichtige, sah einen schönen Knaben, im Rachen des Krokodils befindlich, zitternd verharrend.

Wort für Wort
sā apaśyat induvadanā
sie, die Mondgesichtige, sah
bālakam cārurūpiṇam
einen schönen Knaben
grāhasya mukham āpannam
im Rachen des Krokodils befindlich
vepamānam avasthitam
zitternd verharrend

so 'pi grāhavaraḥ śrīmān dṛṣṭvā devīm upāgatām / taṃ gṛhītvā drutaṃ yāto madhyaṃ sarasa eva hi //

Jenes prächtige Krokodil aber, die herangekommene Göttin erblickend, ergriff ihn und eilte schnell mitten in den See.

Wort für Wort
saḥ api grāhavaraḥ śrīmān
jenes prächtige Krokodil aber
dṛṣṭvā devīm upāgatām
die herangekommene Göttin erblickend
tam gṛhītvā drutam yātaḥ
ihn ergreifend, eilte es schnell
madhyam sarasaḥ eva hi
fürwahr mitten in den See

sa kṛṣyamāṇas tejasvī nādam ārtaṃ tadākarot / athāha devī duḥkhārtā bālaṃ dṛṣṭvā grahāvṛtam //

Er, der Glanzvolle, so fortgezogen, stieß da einen schmerzlichen Klageschrei aus; da sprach die vor Kummer gequälte Göttin, den vom Krokodil erfassten Knaben erblickend:

Wort für Wort
saḥ kṛṣyamāṇaḥ tejasvī
er, der Glanzvolle, so fortgezogen
nādam ārtam tadā akarot
stieß da einen schmerzlichen Klageschrei aus
atha āha devī duḥkhārtā
da sprach die vor Kummer gequälte Göttin
bālam dṛṣṭvā grahāvṛtam
den vom Krokodil erfassten Knaben erblickend

{pārvaty uvāca:} grāharāja mahāsattva bālakaṃ hy ekaputrakam / vimuñcemaṃ mahādaṃṣṭra kṣipraṃ bhīmaparākrama //

Pārvatī sprach: O Krokodilskönig, großmächtiges Wesen, lass diesen Knaben, den einzigen Sohn, o Großzahniger, schnell frei, du Furchtbarkräftiger!

Wort für Wort
grāharāja mahāsattva
o Krokodilskönig, großmächtiges Wesen
bālakam hi ekaputrakam
diesen Knaben, den fürwahr einzigen Sohn
vimuñca imam mahādaṃṣṭra
lass diesen frei, o Großzahniger
kṣipram bhīmaparākrama
schnell, du Furchtbarkräftiger

{grāha uvāca:} yo devi divase ṣaṣṭhe prathamaṃ samupaiti mām / sa āhāro mama purā vihito lokakartṛbhiḥ //

Das Krokodil sprach: O Göttin, wer am sechsten Tag mir als Erster nahekommt, der ist einst von den Weltenschöpfern als meine Nahrung bestimmt worden.

Wort für Wort
yaḥ devi divase ṣaṣṭhe prathamam samupaiti mām
wer, o Göttin, am sechsten Tag mir als Erster nahekommt
saḥ āhāraḥ mama
der ist meine Nahrung
purā vihitaḥ lokakartṛbhiḥ
einst von den Weltenschöpfern bestimmt

so 'yaṃ mama mahābhāge ṣaṣṭhe 'hani girīndraje / brahmaṇā prerito nūnaṃ nainaṃ mokṣye kathaṃcana //

Dieser hier ist, o Hochbeglückte, Tochter des Bergfürsten, am sechsten Tag gewiss von Brahman zu mir gesandt worden - ich werde ihn auf keine Weise freilassen.

Wort für Wort
saḥ ayam mama mahābhāge
dieser hier ist mir, o Hochbeglückte
ṣaṣṭhe ahani girīndraje
am sechsten Tag, o Tochter des Bergfürsten
brahmaṇā preritaḥ nūnam
gewiss von Brahman gesandt
na enam mokṣye kathaṃcana
ich werde ihn auf keine Weise freilassen

{devy uvāca:} yan mayā himavacchṛṅge caritaṃ tapa uttamam / tena bālam imaṃ muñca grāharāja namo 'stu te //

Die Göttin sprach: Bei der höchsten Askese, die ich auf dem Gipfel des Himavat geübt habe - dafür lass diesen Knaben frei, o Krokodilskönig, Verehrung sei dir!

Wort für Wort
yat mayā himavacchṛṅge caritam tapaḥ uttamam
die höchste Askese, die ich auf dem Gipfel des Himavat geübt habe
tena bālam imam muñca
dafür lass diesen Knaben frei
grāharāja namaḥ astu te
o Krokodilskönig, Verehrung sei dir

{grāha uvāca:} mā vyayas tapaso devi bhṛśaṃ bāle śubhānane / yad bravīmi kuru śreṣṭhe tathā mokṣam avāpsyati //

Das Krokodil sprach: Vergeude nicht so sehr deine Askese wegen eines Kindes, o Göttin mit dem schönen Antlitz; tu, was ich sage, o Vortreffliche, dann wird er die Freilassung erlangen.

Wort für Wort
mā vyayaḥ tapasaḥ devi bhṛśam bāle śubhānane
vergeude nicht so sehr deine Askese wegen eines Kindes, o Göttin mit dem schönen Antlitz
yat bravīmi kuru śreṣṭhe
tu, was ich sage, o Vortreffliche
tathā mokṣam avāpsyati
dann wird er die Freilassung erlangen

{devy uvāca:} grāhādhipa vadasvāśu yat satām avigarhitam / tat kṛtaṃ nātra saṃdeho yato me brāhmaṇāḥ priyāḥ //

Die Göttin sprach: O Krokodilsherr, sprich schnell, was von den Guten nicht getadelt wird - das ist schon getan, kein Zweifel daran, denn mir sind die Brahmanen lieb.

Wort für Wort
grāhādhipa vadasva āśu
o Krokodilsherr, sprich schnell
yat satām avigarhitam
was von den Guten nicht getadelt wird
tat kṛtam na atra saṃdehaḥ
das ist getan, kein Zweifel daran
yataḥ me brāhmaṇāḥ priyāḥ
denn mir sind die Brahmanen lieb

{grāha uvāca:} yat kṛtaṃ vai tapaḥ kiṃcid bhavatyā svalpam uttamam / tat sarvaṃ me prayacchāśu tato mokṣam avāpsyati //

Das Krokodil sprach: Welche Askese auch immer du geübt hast, und sei sie noch so gering, höchste - gib mir das alles sogleich, dann wird er die Freilassung erlangen.

Wort für Wort
yat kṛtam vai tapaḥ kiṃcit bhavatyā svalpam uttamam
welche Askese auch immer, sei sie noch so gering, höchste, von dir geübt wurde
tat sarvam me prayaccha āśu
gib mir das alles sogleich
tataḥ mokṣam avāpsyati
dann wird er die Freilassung erlangen

{devy uvāca:} janmaprabhṛti yat puṇyaṃ mahāgrāha kṛtaṃ mayā / tat te sarvaṃ mayā dattaṃ bālaṃ muñca mahāgraha //

Die Göttin sprach: Welches Verdienst ich auch seit meiner Geburt vollbracht habe, o großes Krokodil - all das ist dir von mir gegeben; lass den Knaben frei, o großes Krokodil.

Wort für Wort
janmaprabhṛti yat puṇyam mahāgrāha kṛtam mayā
welches Verdienst ich seit meiner Geburt vollbracht habe, o großes Krokodil
tat te sarvam mayā dattam
all das ist dir von mir gegeben
bālam muñca mahāgraha
lass den Knaben frei, o großes Krokodil

{brahmovāca:} prajajvāla tato grāhas tapasā tena bhūṣitaḥ / āditya iva madhyāhne durnirīkṣas tadābhavat / uvāca caivaṃ tuṣṭātmā devīṃ lokasya dhāriṇīm //

Brahmā sprach: Darauf entflammte das Krokodil, durch jene Askese geschmückt, und wurde, wie die Mittagssonne, schwer anzuschauen; und zufriedenen Sinnes sprach es so zur Göttin, der Trägerin der Welt:

Wort für Wort
prajajvāla tataḥ grāhaḥ
darauf entflammte das Krokodil
tapasā tena bhūṣitaḥ
durch jene Askese geschmückt
ādityaḥ iva madhyāhne durnirīkṣaḥ tadā abhavat
wurde wie die Mittagssonne schwer anzuschauen
uvāca ca evam tuṣṭātmā
und zufriedenen Sinnes sprach es so
devīm lokasya dhāriṇīm
zur Göttin, der Trägerin der Welt

[Anm.: dreizeiliger Vers unter einer Nummer, s. Anm. zu V.38.]

{grāha uvāca:} devi kiṃ kṛtyam etat te suniścitya mahāvrate / tapaso 'py arjanaṃ duḥkhaṃ tasya tyāgo na śasyate //

Das Krokodil sprach: O Göttin, was hast du hier getan, o du von großem Gelübde, ohne recht zu bedenken? Selbst das Erwerben von Askese ist mühevoll - ihre Aufgabe wird nicht gepriesen.

Wort für Wort
devi kim kṛtyam etat te suniścitya mahāvrate
o Göttin, was hast du hier getan, ohne recht zu bedenken, o du von großem Gelübde
tapasaḥ api arjanam duḥkham
selbst das Erwerben von Askese ist mühevoll
tasya tyāgaḥ na śasyate
ihre Aufgabe wird nicht gepriesen

gṛhāṇa tapa eva tvaṃ bālaṃ cemaṃ sumadhyame / tuṣṭo 'smi te viprabhaktyā varaṃ tasmād dadāmi te / sā tv evam uktā grāheṇa uvācedaṃ mahāvratā //

'Nimm die Askese selbst zurück, und auch diesen Knaben, o Schlankhüftige; ich bin zufrieden mit deiner Hingabe an die Brahmanen, deshalb gebe ich dir einen Segen.' Sie aber, so vom Krokodil angesprochen, die von großem Gelübde, sprach Folgendes:

Wort für Wort
gṛhāṇa tapaḥ eva tvam
nimm die Askese selbst zurück
bālam ca imam sumadhyame
und auch diesen Knaben, o Schlankhüftige
tuṣṭaḥ asmi te viprabhaktyā
ich bin zufrieden mit deiner Hingabe an die Brahmanen
varam tasmāt dadāmi te
deshalb gebe ich dir einen Segen
sā tu evam uktā grāheṇa
sie aber, so vom Krokodil angesprochen
uvāca idam mahāvratā
sprach dies, die von großem Gelübde

[Anm.: dreizeiliger Vers unter einer Nummer, s. Anm. zu V.38.]

{devy uvāca:} dehenāpi mayā grāha rakṣyo vipraḥ prayatnataḥ / tapaḥ punar mayā prāpyaṃ na prāpyo brāhmaṇaḥ punaḥ //

Die Göttin sprach: Selbst mit meinem Leib, o Krokodil, sollte ein Brahmane mit Anstrengung geschützt werden; Askese kann ich wiedergewinnen, nicht aber einen verlorenen Brahmanen wiedergewinnen.

Wort für Wort
dehena api mayā grāha rakṣyaḥ vipraḥ prayatnataḥ
selbst mit meinem Leib, o Krokodil, sollte ein Brahmane mit Anstrengung geschützt werden
tapaḥ punaḥ mayā prāpyam
Askese kann ich wiedergewinnen
na prāpyaḥ brāhmaṇaḥ punaḥ
nicht aber einen (verlorenen) Brahmanen wiedergewinnen

suniścitya mahāgrāha kṛtaṃ bālasya mokṣaṇam / na viprebhyas tapaḥ śreṣṭhaṃ śreṣṭhā me brāhmaṇā matāḥ //

Wohlbedacht, o großes Krokodil, geschah die Befreiung des Knaben; nicht ist Askese besser als Brahmanen - die Brahmanen gelten mir als die Besten.

Wort für Wort
suniścitya mahāgrāha kṛtam bālasya mokṣaṇam
wohlbedacht, o großes Krokodil, geschah die Befreiung des Knaben
na viprebhyaḥ tapaḥ śreṣṭham
nicht ist Askese besser als Brahmanen
śreṣṭhāḥ me brāhmaṇāḥ matāḥ
die Brahmanen gelten mir als die Besten

dattvā cāhaṃ na gṛhṇāmi grāhendra vihitaṃ hi te / nahi kaścin naro grāha pradattaṃ punar āharet //

Und, gegeben habend, nehme ich nicht zurück, o Krokodilsfürst, was dir zugeteilt wurde; denn kein Mensch, o Krokodil, holt sich zurück, was er gegeben hat.

Wort für Wort
dattvā ca aham na gṛhṇāmi
und, gegeben habend, nehme ich nicht zurück
grāhendra vihitam hi te
o Krokodilsfürst, was dir zugeteilt wurde
na hi kaścit naraḥ grāha
denn kein Mensch, o Krokodil
pradattam punaḥ āharet
holt sich zurück, was er gegeben hat

dattam etan mayā tubhyaṃ nādadāni hi tat punaḥ / tvayy eva ramatām etad bālaś cāyaṃ vimucyatām //

Dies wurde von mir dir gegeben; ich nehme es nicht wieder zurück. Möge es sich eben in dir erfreuen, und dieser Knabe möge freigelassen werden.

Wort für Wort
dattam etat mayā tubhyam
dies wurde von mir dir gegeben
na ādadāni hi tat punaḥ
ich nehme es fürwahr nicht wieder zurück
tvayi eva ramatām etat
möge es sich eben in dir erfreuen
bālaḥ ca ayam vimucyatām
und dieser Knabe möge freigelassen werden

{brahmovāca:} tathoktas tāṃ praśasyātha muktvā bālaṃ namasya ca / devīm ādityāvabhāsas tatraivāntaradhīyata //

Brahmā sprach: So angesprochen, sie lobend, den Knaben freilassend und die Göttin verehrend, verschwand es mit dem Glanz einer Sonne eben dort.

Wort für Wort
tathā uktaḥ tām praśasya
so angesprochen, sie lobend
atha muktvā bālam
dann den Knaben freilassend
namasya ca devīm
und die Göttin verehrend
ādityāvabhāsaḥ tatra eva antaradhīyata
verschwand es mit dem Glanz einer Sonne eben dort

bālo 'pi sarasas tīre mukto grāheṇa vai tadā / svapnalabdha ivārthaughas tatraivāntaradhīyata //

Auch der Knabe, damals am Ufer des Sees vom Krokodil freigelassen, verschwand eben dort, wie ein im Traum erlangter Schatz.

Wort für Wort
bālaḥ api sarasaḥ tīre mukto grāheṇa vai tadā
auch der Knabe, damals am Ufer des Sees vom Krokodil freigelassen
svapnalabdhaḥ iva arthaughaḥ
wie ein im Traum erlangter Schatz
tatra eva antaradhīyata
verschwand eben dort

tapaso 'pacayaṃ matvā devī himagirīndrajā / bhūya eva tapaḥ kartum ārebhe niyamasthitā //

Den Verlust ihrer Askese bedenkend, begann die Göttin, die Tochter des Schnee-Bergfürsten, in Gelübden verharrend, von neuem Askese zu üben.

Wort für Wort
tapasaḥ apacayam matvā
den Verlust ihrer Askese bedenkend
devī himagirīndrajā
die Göttin, die Tochter des Schnee-Bergfürsten
bhūyaḥ eva tapaḥ kartum ārebhe
begann von neuem Askese zu üben
niyamasthitā
in Gelübden verharrend

kartukāmāṃ tapo bhūyo jñātvā tāṃ śaṃkaraḥ svayam / provāca vacanaṃ viprā mā kṛthās tapa ity uta //

Als er erkannte, dass sie erneut Askese üben wollte, sprach Śaṃkara selbst, o Brahmanen, zu ihr folgendes Wort: 'Übe keine neue Askese!'

Wort für Wort
kartukāmām tapaḥ bhūyaḥ jñātvā tām
als er erkannte, dass sie erneut Askese üben wollte
śaṃkaraḥ svayam provāca vacanam viprāḥ
sprach Śaṃkara selbst, o Brahmanen, folgendes Wort
mā kṛthāḥ tapaḥ iti uta
'übe keine (neue) Askese', so sprach er

mahyam etat tapo devi tvayā dattaṃ mahāvrate / tat tenaivākṣayaṃ tubhyaṃ bhaviṣyati sahasradhā //

'Diese Askese, o Göttin, wurde mir von dir gegeben, o du von großem Gelübde; eben dadurch wird sie dir unvergänglich, tausendfach, zuteilwerden.'

Wort für Wort
mahyam etat tapaḥ devi tvayā dattam mahāvrate
diese Askese, o Göttin, wurde mir von dir gegeben, o du von großem Gelübde
tat tena eva akṣayam tubhyam
eben dadurch wird sie dir unvergänglich
bhaviṣyati sahasradhā
tausendfach zuteilwerden

iti labdhvā varaṃ devī tapaso 'kṣayam uttamam / svayaṃvaram udīkṣantī tasthau prītā mudā yutā //

So diesen höchsten, unvergänglichen Segen der Askese erlangend, verweilte die Göttin, die Selbstwahl erwartend, erfreut und von Freude erfüllt.

Wort für Wort
iti labdhvā varam devī
so diesen Segen erlangend, die Göttin
tapasaḥ akṣayam uttamam
den höchsten, unvergänglichen (Segen) der Askese
svayaṃvaram udīkṣantī
die Selbstwahl erwartend
tasthau prītā mudā yutā
verweilte sie erfreut und von Freude erfüllt

idaṃ paṭhed yo hi naraḥ sadaiva / bālānubhāvācaraṇaṃ hi śaṃbhoḥ / sa dehabhedaṃ samavāpya pūto / bhaved gaṇeśas tu kumāratulyaḥ //

Welcher Mensch dies stets rezitiert - die Erzählung von der Macht des Kindesspiels des Śambhu -, der wird, nach dem Verlassen des Leibes, gereinigt, ein Gaṇa-Herr, dem Kumāra gleich.

Wort für Wort
idam paṭhet yaḥ hi naraḥ sadā eva
welcher Mensch dies stets rezitiert
bālānubhāvācaraṇam hi śaṃbhoḥ
die Erzählung von der Macht des Kindesspiels des Śambhu
saḥ dehabhedam samavāpya pūtaḥ
der wird, nach dem Verlassen des Leibes, gereinigt
bhavet gaṇeśaḥ tu kumāratulyaḥ
werde ein Gaṇa-Herr, dem Kumāra gleich

[Anm.: Abschließender vierzeiliger Phalaśruti-Vers (Pāda a-d) statt der zweizeiligen Form, wie an den Kapitelenden zuvor (Kap.32 V.108, Kap.33 V.47ff., Kap.34 V.100f.).]

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