Kapitel 35: śivavikṛtarūpaparīkṣābālagrāhalīlāvarṇanam
Śivas Werbung um Umā in entstellter Gestalt und das Kinderspiel am See mit dem Krokodil
Śiva nähert sich Umā in der Gestalt eines entstellten, hässlichen Brahmanen, um ihre Beständigkeit zu prüfen; sie erweist ihm gastfreundliche Ehrung, erklärt aber, ihr Vater müsse gefragt werden (V.1-10). Himavat, aus Furcht vor einem Fluch, verweist auf eine bereits angesetzte Svayaṃvara (Selbstwahl); Śiva, weiterhin verkleidet, stellt Umās Entschlossenheit noch einmal in Frage, doch sie wählt ihn trotz seiner hässlichen Gestalt, indem sie ihm einen Blütenstrauß überreicht (V.11-21). Er segnet daraufhin den Aśoka-Baum des Āśramas (der fortan Citrakūṭa heißen und Aśvamedha-Frucht bzw. Erlösung gewähren wird) und verschwindet (V.22-29). Es folgt die Erzählung vom Kinderspiel Śivas: Als scheinbar hilfloses Kind lässt er sich von einem Krokodil im See verschlingen; Umā eilt auf den Hilferuf herbei und bittet um seine Freilassung, doch das Krokodil verlangt als 'Lösegeld' ihr gesamtes angesammeltes Askese-Verdienst (angeblich seit jeher als Bestimmung des sechsten Mondtags, Ṣaṣṭhī); sie gibt bedingungslos ihr gesamtes Verdienst, woraufhin das Krokodil, davon selbst verklärt, den Knaben freigibt und ihr das Verdienst zurückschenken will, was sie als bereits gegeben ablehnt (V.30-59). Aus Sorge um den Verlust ihrer Askese will sie erneut Buße üben, doch Śiva selbst hält sie davon ab mit dem Versprechen, das ihm geschenkte Verdienst werde ihr tausendfach zurückkehren (V.60-63). Ein abschließender Vers verheißt demjenigen, der diese Geschichte vom 'Kinderspiel des Śambhu' rezitiert, nach dem Tod den Rang eines Gaṇa-Herrn, dem Kumāra (Skanda) gleich (V.64) - erkennbar als Ursprungserzählung des Ṣaṣṭhī-Kultes.
- entschwanden ihrem Blick; und auch sie hielt inne. Jene Göttin, nachdem sie so 'wohlgesprochen' erwidert hatte, in ihrer eigenen, heilvollen Einsiedelei -
antarbhāvaviśuddhātmā kṛpānuṣṭhānalipsayā / tam uvācārghapādyābhyāṃ madhuparkeṇa caiva ha //
- innerlich reinen Herzens, aus dem Wunsch, gastfreundliches Ritual zu erweisen, sprach sie zu ihm, Arghya- und Pādya-Wasser sowie Madhuparka darbietend,
Wort für Wort
antarbhāvaviśuddhātmā
innerlich reinen Herzens
kṛpānuṣṭhānalipsayā
aus dem Wunsch, (gastfreundliches) Ritual zu erweisen
tam uvāca arghapādyābhyām madhuparkeṇa ca eva ha
sprach sie zu ihm, Arghya- und Pādya-Wasser sowie Madhuparka darbietend
{devy uvāca:} bhagavan na svatantrāhaṃ pitā me tv agraṇīr gṛhe / sa prabhur mama dāne vai kanyāhaṃ dvijapuṃgava //
Die Göttin sprach: O Erhabener, ich bin nicht selbständig; mein Vater ist der Erste im Haus; er ist der Herr über meine Vergabe, denn ich bin nur eine Tochter, o bester der Zweifachgeborenen.
Wort für Wort
bhagavan na svatantrā aham
o Erhabener, ich bin nicht selbständig
pitā me tu agraṇīḥ gṛhe
mein Vater ist der Erste im Haus
saḥ prabhuḥ mama dāne vai
er ist der Herr über meine Vergabe
kanyā aham dvijapuṃgava
ich bin (nur) eine Tochter, o bester der Zweifachgeborenen
Nachdem ich dich, die Schwerzuerlangende, o Schönantlitzige, um Erlaubnis gebeten habe, werde ich gehen; wie könntest du, einen Schönen verschmähend, einen Unpassenden wählen?
saṃprāpyovāca deveśaṃ mā te 'bhūd buddhir anyathā / ahaṃ tvāṃ varayiṣyāmi nādbhutaṃ tu kathaṃcana //
- und, dies erlangend, sprach sie zum Göttergebieter: 'Möge dein Gedanke nicht anders werden - ich werde dich wählen, und das ist keineswegs verwunderlich.'
{brahmovāca:} gṛhītvā stabakaṃ sā tu hastābhyāṃ tatra saṃsthitā / skandhe śaṃbhoḥ samādhāya devī prāha vṛto 'si me //
Brahmā sprach: Einen Blütenstrauß mit beiden Händen ergreifend, dort stehend, legte die Göttin ihn auf Śambhus Schulter und sprach: 'Du bist von mir gewählt.'
Wort für Wort
gṛhītvā stabakam sā tu hastābhyām tatra saṃsthitā
einen Blütenstrauß mit beiden Händen ergreifend, dort stehend
Brahmā sprach: So gesprochen habend, verabschiedete sich der Gott damals von der Tochter des Himavat und verschwand, der Weltenschöpfer, der Gebieter aller Wesen, der Herr.
sa kṛtvā bālarūpaṃ tu devadevaḥ svayaṃ śivaḥ / krīḍāhetoḥ saromadhye grāhagrasto 'bhavat tadā //
Er, der Gott der Götter, Śiva selbst, hatte, eine Kindesgestalt annehmend, zum Zwecke des Spiels, sich mitten im See von einem Krokodil verschlingen lassen.
Seine Yogamāyā, die Ursache der Entfaltung der Erscheinungswelt, einsetzend, sprach er, jene Gestalt inmitten des Sees angenommen habend, folgendermaßen:
Das Kind sprach - vom Krokodil an Sinnen benommen -: 'Möge mich jemand retten!' 'Wehe, welch Elend! Ich bin nur ein Kind, dessen Herzenswunsch nicht erfüllt wurde -'
'- ich gehe dem Tod entgegen im Rachen dieses bösgesinnten Krokodils; nicht um meinen eigenen Leib trauere ich, obwohl vom Krokodil ergriffen und überaus leidgeplagt,'
'- sondern wie ich um meinen Vater und meine askeseübende Mutter trauere, die, hörend, dass ich vom Krokodil ergriffen und zu Tode gekommen bin, in Sehnsucht,'
Wort für Wort
yathā śocāmi pitaram mātaram ca tapasvinīm
wie ich um meinen Vater und meine askeseübende Mutter trauere
grāhagṛhītam mām śrutvā
hörend, dass ich vom Krokodil ergriffen wurde
prāptam nidhanam utsukau
(die) in Sehnsucht (erfahren, ich sei) zu Tode gekommen
priyaputrāv ekaputrau prāṇān nūnaṃ tyajiṣyataḥ / aho bata sukaṣṭaṃ vai yo 'haṃ bālo 'kṛtāśramaḥ / antargrāheṇa grastas tu yāsyāmi nidhanaṃ kila //
'- meine Eltern, denen der geliebte Sohn ihr einziger Sohn ist, werden gewiss ihr Leben aufgeben. Ach, welch großes Elend, dass ich, ein Kind, das noch keine Lebensordnung begonnen hat, vom Krokodil verschlungen, nun fürwahr in den Tod gehen werde!'
Wort für Wort
priyaputrau ekaputrau
(meine Eltern), denen der geliebte Sohn ihr einziger Sohn ist
prāṇān nūnam tyajiṣyataḥ
werden gewiss ihr Leben aufgeben
aho bata sukaṣṭam vai
ach, welch großes Elend fürwahr
yaḥ aham bālaḥ akṛtāśramaḥ
ich, ein Kind, das noch keine Lebensordnung begonnen hat
antargrāheṇa grastaḥ tu
vom Krokodil im Inneren verschlungen
yāsyāmi nidhanam kila
werde ich fürwahr in den Tod gehen
[Anm.: dreizeiliger Vers unter einer Nummer, wie mehrfach in Kap.34.]
{brahmovāca:} śrutvā tu devī taṃ nādaṃ viprasyārtasya śobhanā / utthāya prasthitā tatra yatra tiṣṭhaty asau dvijaḥ //
Brahmā sprach: Als die schöne Göttin jenen Klageruf des bedrängten Brahmanenknaben gehört hatte, erhob sie sich und eilte dorthin, wo jener Zweifachgeborene sich befand.
Wort für Wort
śrutvā tu devī tam nādam
als die Göttin jenen Klageruf gehört hatte
viprasya ārtasya śobhanā
die schöne (Göttin, den Ruf) des bedrängten Brahmanen
Er, der Glanzvolle, so fortgezogen, stieß da einen schmerzlichen Klageschrei aus; da sprach die vor Kummer gequälte Göttin, den vom Krokodil erfassten Knaben erblickend:
so 'yaṃ mama mahābhāge ṣaṣṭhe 'hani girīndraje / brahmaṇā prerito nūnaṃ nainaṃ mokṣye kathaṃcana //
Dieser hier ist, o Hochbeglückte, Tochter des Bergfürsten, am sechsten Tag gewiss von Brahman zu mir gesandt worden - ich werde ihn auf keine Weise freilassen.
{devy uvāca:} yan mayā himavacchṛṅge caritaṃ tapa uttamam / tena bālam imaṃ muñca grāharāja namo 'stu te //
Die Göttin sprach: Bei der höchsten Askese, die ich auf dem Gipfel des Himavat geübt habe - dafür lass diesen Knaben frei, o Krokodilskönig, Verehrung sei dir!
Wort für Wort
yat mayā himavacchṛṅge caritam tapaḥ uttamam
die höchste Askese, die ich auf dem Gipfel des Himavat geübt habe
{grāha uvāca:} mā vyayas tapaso devi bhṛśaṃ bāle śubhānane / yad bravīmi kuru śreṣṭhe tathā mokṣam avāpsyati //
Das Krokodil sprach: Vergeude nicht so sehr deine Askese wegen eines Kindes, o Göttin mit dem schönen Antlitz; tu, was ich sage, o Vortreffliche, dann wird er die Freilassung erlangen.
Wort für Wort
mā vyayaḥ tapasaḥ devi bhṛśam bāle śubhānane
vergeude nicht so sehr deine Askese wegen eines Kindes, o Göttin mit dem schönen Antlitz
{devy uvāca:} grāhādhipa vadasvāśu yat satām avigarhitam / tat kṛtaṃ nātra saṃdeho yato me brāhmaṇāḥ priyāḥ //
Die Göttin sprach: O Krokodilsherr, sprich schnell, was von den Guten nicht getadelt wird - das ist schon getan, kein Zweifel daran, denn mir sind die Brahmanen lieb.
{grāha uvāca:} yat kṛtaṃ vai tapaḥ kiṃcid bhavatyā svalpam uttamam / tat sarvaṃ me prayacchāśu tato mokṣam avāpsyati //
Das Krokodil sprach: Welche Askese auch immer du geübt hast, und sei sie noch so gering, höchste - gib mir das alles sogleich, dann wird er die Freilassung erlangen.
Wort für Wort
yat kṛtam vai tapaḥ kiṃcit bhavatyā svalpam uttamam
welche Askese auch immer, sei sie noch so gering, höchste, von dir geübt wurde
{devy uvāca:} janmaprabhṛti yat puṇyaṃ mahāgrāha kṛtaṃ mayā / tat te sarvaṃ mayā dattaṃ bālaṃ muñca mahāgraha //
Die Göttin sprach: Welches Verdienst ich auch seit meiner Geburt vollbracht habe, o großes Krokodil - all das ist dir von mir gegeben; lass den Knaben frei, o großes Krokodil.
Wort für Wort
janmaprabhṛti yat puṇyam mahāgrāha kṛtam mayā
welches Verdienst ich seit meiner Geburt vollbracht habe, o großes Krokodil
Brahmā sprach: Darauf entflammte das Krokodil, durch jene Askese geschmückt, und wurde, wie die Mittagssonne, schwer anzuschauen; und zufriedenen Sinnes sprach es so zur Göttin, der Trägerin der Welt:
Wort für Wort
prajajvāla tataḥ grāhaḥ
darauf entflammte das Krokodil
tapasā tena bhūṣitaḥ
durch jene Askese geschmückt
ādityaḥ iva madhyāhne durnirīkṣaḥ tadā abhavat
wurde wie die Mittagssonne schwer anzuschauen
uvāca ca evam tuṣṭātmā
und zufriedenen Sinnes sprach es so
devīm lokasya dhāriṇīm
zur Göttin, der Trägerin der Welt
[Anm.: dreizeiliger Vers unter einer Nummer, s. Anm. zu V.38.]
{grāha uvāca:} devi kiṃ kṛtyam etat te suniścitya mahāvrate / tapaso 'py arjanaṃ duḥkhaṃ tasya tyāgo na śasyate //
Das Krokodil sprach: O Göttin, was hast du hier getan, o du von großem Gelübde, ohne recht zu bedenken? Selbst das Erwerben von Askese ist mühevoll - ihre Aufgabe wird nicht gepriesen.
Wort für Wort
devi kim kṛtyam etat te suniścitya mahāvrate
o Göttin, was hast du hier getan, ohne recht zu bedenken, o du von großem Gelübde
gṛhāṇa tapa eva tvaṃ bālaṃ cemaṃ sumadhyame / tuṣṭo 'smi te viprabhaktyā varaṃ tasmād dadāmi te / sā tv evam uktā grāheṇa uvācedaṃ mahāvratā //
'Nimm die Askese selbst zurück, und auch diesen Knaben, o Schlankhüftige; ich bin zufrieden mit deiner Hingabe an die Brahmanen, deshalb gebe ich dir einen Segen.' Sie aber, so vom Krokodil angesprochen, die von großem Gelübde, sprach Folgendes:
Wort für Wort
gṛhāṇa tapaḥ eva tvam
nimm die Askese selbst zurück
bālam ca imam sumadhyame
und auch diesen Knaben, o Schlankhüftige
tuṣṭaḥ asmi te viprabhaktyā
ich bin zufrieden mit deiner Hingabe an die Brahmanen
varam tasmāt dadāmi te
deshalb gebe ich dir einen Segen
sā tu evam uktā grāheṇa
sie aber, so vom Krokodil angesprochen
uvāca idam mahāvratā
sprach dies, die von großem Gelübde
[Anm.: dreizeiliger Vers unter einer Nummer, s. Anm. zu V.38.]
Die Göttin sprach: Selbst mit meinem Leib, o Krokodil, sollte ein Brahmane mit Anstrengung geschützt werden; Askese kann ich wiedergewinnen, nicht aber einen verlorenen Brahmanen wiedergewinnen.
Wort für Wort
dehena api mayā grāha rakṣyaḥ vipraḥ prayatnataḥ
selbst mit meinem Leib, o Krokodil, sollte ein Brahmane mit Anstrengung geschützt werden
tapaḥ punaḥ mayā prāpyam
Askese kann ich wiedergewinnen
na prāpyaḥ brāhmaṇaḥ punaḥ
nicht aber einen (verlorenen) Brahmanen wiedergewinnen
dattvā cāhaṃ na gṛhṇāmi grāhendra vihitaṃ hi te / nahi kaścin naro grāha pradattaṃ punar āharet //
Und, gegeben habend, nehme ich nicht zurück, o Krokodilsfürst, was dir zugeteilt wurde; denn kein Mensch, o Krokodil, holt sich zurück, was er gegeben hat.
idaṃ paṭhed yo hi naraḥ sadaiva / bālānubhāvācaraṇaṃ hi śaṃbhoḥ / sa dehabhedaṃ samavāpya pūto / bhaved gaṇeśas tu kumāratulyaḥ //
Welcher Mensch dies stets rezitiert - die Erzählung von der Macht des Kindesspiels des Śambhu -, der wird, nach dem Verlassen des Leibes, gereinigt, ein Gaṇa-Herr, dem Kumāra gleich.
Wort für Wort
idam paṭhet yaḥ hi naraḥ sadā eva
welcher Mensch dies stets rezitiert
bālānubhāvācaraṇam hi śaṃbhoḥ
die Erzählung von der Macht des Kindesspiels des Śambhu
saḥ dehabhedam samavāpya pūtaḥ
der wird, nach dem Verlassen des Leibes, gereinigt
bhavet gaṇeśaḥ tu kumāratulyaḥ
werde ein Gaṇa-Herr, dem Kumāra gleich
[Anm.: Abschließender vierzeiliger Phalaśruti-Vers (Pāda a-d) statt der zweizeiligen Form, wie an den Kapitelenden zuvor (Kap.32 V.108, Kap.33 V.47ff., Kap.34 V.100f.).]