Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 137: lakṣmītīrthamāhātmyavarṇanam Die Größe des Lakṣmī-Tīrtha (Der Streit zwischen Lakṣmī und Daridrā, entschieden durch die Gautamī)

Lakṣmī (Glück/Reichtum) und Daridrā (Armut) streiten, wer von ihnen den Vorrang habe. Lakṣmī betont, dass Ansehen und Tugend nur beim Nichtbittenden bestehen und Mittellosigkeit verachtet werde; Daridrā entgegnet, sie wohne bei den Rechtschaffenen und Frommen, während Lakṣmī sich meist bei Sündern und Lasterhaften aufhalte. Brahmā verweist den Streit an die Gewässer und schließlich an die Gautamī zur Entscheidung. Vor den Weltenhütern, der Erde und den Gewässern preist die personifizierte Gautamī (Gaṅgā) Lakṣmī als alldurchdringende Grundlage von allem Schönen, Erhabenen und Erstrebenswerten in der Welt und weist Daridrā fort; seither ist das Wasser der Gaṅgā der Armut feindlich gesinnt. Ursprung des Lakṣmī-Tīrtha (auch 'Vernichtung der Alakṣmī' genannt), mit 6000 weiteren Tīrthas.

{brahmovāca:} lakṣmītīrtham iti khyātaṃ sākṣāl lakṣmīvivardhanam / alakṣmīnāśanaṃ puṇyam ākhyānaṃ śṛṇu nārada //

Brahmā sprach: Bekannt als Lakṣmī-Tīrtha, das unmittelbar den Wohlstand mehrt; höre die verdienstvolle Erzählung von der Vernichtung der Alakṣmī (des Unglücks/der Armut), Nārada.

Wort für Wort
{brahmovāca:} lakṣmītīrtham iti khyātaṃ sākṣāl lakṣmīvivardhanam
Brahmā sprach: Bekannt als Lakṣmī-Tīrtha, das unmittelbar den Wohlstand mehrt
alakṣmīnāśanaṃ puṇyam ākhyānaṃ śṛṇu nārada
höre die verdienstvolle Erzählung von der Vernichtung der Alakṣmī, Nārada

saṃvādaś ca purā tv āsīl lakṣmyāḥ putra daridrayā / parasparavirodhinyāv ubhe viśvaṃ samīyatuḥ //

Es gab einst, mein Sohn, ein Streitgespräch zwischen Lakṣmī und Daridrā (der Armut); beide, einander widerstreitend, durchzogen zusammen die Welt.

Wort für Wort
saṃvādaś ca purā tv āsīl lakṣmyāḥ putra daridrayā
Es gab einst, mein Sohn, ein Streitgespräch zwischen Lakṣmī und Daridrā
parasparavirodhinyāv ubhe viśvaṃ samīyatuḥ
beide, einander widerstreitend, durchzogen zusammen die Welt

tābhyām avyāpṛtaṃ vastu tan nāsti bhuvanatraye / mama jyaiṣṭhyaṃ mama jyaiṣṭhyam ity ūcatur ubhe mithaḥ / ahaṃ pūrvaṃ samudbhūtā ity āha śriyam ojasā //

Es gibt in den drei Welten kein Ding, das nicht von beiden erfasst wäre; 'Mir gebührt der Vorrang, mir gebührt der Vorrang' - so sprachen beide wechselseitig; 'Ich bin früher entstanden' - so sprach Daridrā zu Śrī [Lakṣmī] mit Nachdruck.

Wort für Wort
tābhyām avyāpṛtaṃ vastu tan nāsti bhuvanatraye
Es gibt in den drei Welten kein Ding, das nicht von beiden erfasst wäre
mama jyaiṣṭhyaṃ mama jyaiṣṭhyam ity ūcatur ubhe mithaḥ
'Mir gebührt der Vorrang, mir gebührt der Vorrang' - so sprachen beide wechselseitig
ahaṃ pūrvaṃ samudbhūtā ity āha śriyam ojasā
'Ich bin früher entstanden' - so sprach Daridrā zu Śrī mit Nachdruck

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Original.]

{śrīlakṣmīr uvāca:} kulaṃ śīlaṃ jīvitaṃ vā dehinām aham eva tu / mayā vinā dehabhājo jīvanto 'pi mṛtā iva //

Die erhabene Lakṣmī sprach: Geschlecht, Charakter oder Leben der Verkörperten - das bin gerade ich; ohne mich sind die Körperträger, obwohl sie leben, gleichsam Tote.

Wort für Wort
{śrīlakṣmīr uvāca:} kulaṃ śīlaṃ jīvitaṃ vā dehinām aham eva tu
Die erhabene Lakṣmī sprach: Geschlecht, Charakter oder Leben der Verkörperten - das bin gerade ich
mayā vinā dehabhājo jīvanto 'pi mṛtā iva
ohne mich sind die Körperträger, obwohl sie leben, gleichsam Tote

{brahmovāca:} daridrayā ca sā proktā sarvebhyo hy adhikā hy aham / muktir madāśritā nityaṃ daridraivaṃ vaco 'bravīt //

Brahmā sprach: Von Daridrā aber wurde ihr entgegnet: Ich bin über alle erhaben, denn die Erlösung ist stets bei mir zu finden - so sprach Daridrā dieses Wort.

Wort für Wort
{brahmovāca:} daridrayā ca sā proktā sarvebhyo hy adhikā hy aham
Brahmā sprach: Von Daridrā aber wurde ihr entgegnet: Ich bin über alle erhaben
muktir madāśritā nityaṃ daridraivaṃ vaco 'bravīt
denn die Erlösung ist stets bei mir zu finden - so sprach Daridrā dieses Wort

kāmaḥ krodhaś ca lobhaś ca mado mātsaryam eva ca / yatrāham asmi tatraite na tiṣṭhanti kadācana //

Begierde, Zorn, Gier, Rausch [Stolz] und Missgunst - wo ich bin, dort halten sich diese niemals auf.

Wort für Wort
kāmaḥ krodhaś ca lobhaś ca mado mātsaryam eva ca
Begierde, Zorn, Gier, Rausch und Missgunst
yatrāham asmi tatraite na tiṣṭhanti kadācana
wo ich bin, dort halten sich diese niemals auf

na bhayodbhūtir unmāda īrṣyā uddhatavṛttitā / yatrāham asmi tatraite na tiṣṭhanti kadācana //

Auch nicht die Entstehung von Furcht, Wahnsinn, Eifersucht, überheblicher Lebensart - wo ich bin, dort halten sich auch diese niemals auf.

Wort für Wort
na bhayodbhūtir unmāda īrṣyā uddhatavṛttitā
Auch nicht die Entstehung von Furcht, Wahnsinn, Eifersucht, überheblicher Lebensart
yatrāham asmi tatraite na tiṣṭhanti kadācana
wo ich bin, dort halten sich auch diese niemals auf

daridrāyā vacaḥ śrutvā lakṣmīs tāṃ pratyabhāṣata //*

Nachdem sie die Worte der Daridrā gehört hatte, erwiderte ihr Lakṣmī.

Wort für Wort
daridrāyā vacaḥ śrutvā
Nachdem sie die Worte der Daridrā gehört hatte
lakṣmīs tāṃ pratyabhāṣata
erwiderte ihr Lakṣmī

[Anm.: Unvollständiger Halbvers im Original (nur eine Zeile, mit * markiert).]

{lakṣmīr uvāca:} alaṃkṛto mayā jantuḥ sarvo bhavati pūjitaḥ / nirdhanaḥ śivatulyo 'pi sarvair apy abhibhūyate //

Lakṣmī sprach: Jedes von mir geschmückte Lebewesen wird verehrt; ein Mittelloser, selbst wenn er Śiva gleicht, wird von allen missachtet.

Wort für Wort
{lakṣmīr uvāca:} alaṃkṛto mayā jantuḥ sarvo bhavati pūjitaḥ
Lakṣmī sprach: Jedes von mir geschmückte Lebewesen wird verehrt
nirdhanaḥ śivatulyo 'pi sarvair apy abhibhūyate
ein Mittelloser, selbst wenn er Śiva gleicht, wird von allen missachtet

dehīti vacanadvārā dehasthāḥ pañca devatāḥ / sadyo nirgatya gacchanti dhīśrīhrīśāntikīrtayaḥ //

Durch das bloße Wort 'gib!' verlassen sofort die fünf im Körper wohnenden Gottheiten - Weisheit, Glanz, Scham, Frieden und Ruhm - den Bittenden und gehen fort.

Wort für Wort
dehīti vacanadvārā dehasthāḥ pañca devatāḥ
Durch das bloße Wort 'gib!' die fünf im Körper wohnenden Gottheiten
sadyo nirgatya gacchanti dhīśrīhrīśāntikīrtayaḥ
Weisheit, Glanz, Scham, Frieden und Ruhm - verlassen sofort den Bittenden und gehen fort

tāvad guṇā gurutvaṃ ca yāvan nārthayate param / arthī cet puruṣo jātaḥ kva guṇāḥ kva ca gauravam //

So lange bestehen Tugenden und Ansehen, wie lange man nicht um etwas Höheres bittet; wenn ein Mensch zum Bittsteller geworden ist, wo bleiben dann die Tugenden, wo das Ansehen?

Wort für Wort
tāvad guṇā gurutvaṃ ca yāvan nārthayate param
So lange bestehen Tugenden und Ansehen, wie lange man nicht um etwas Höheres bittet
arthī cet puruṣo jātaḥ kva guṇāḥ kva ca gauravam
wenn ein Mensch zum Bittsteller geworden ist, wo bleiben dann die Tugenden, wo das Ansehen?

tāvat sarvottamo jantus tāvat sarvaguṇālayaḥ / namasyaḥ sarvalokānāṃ yāvan nārthayate param //

So lange ist ein Lebewesen der Beste von allen, so lange ein Sitz aller Tugenden, verehrungswürdig für alle Welten, wie lange es nicht um etwas anderes bittet.

Wort für Wort
tāvat sarvottamo jantus tāvat sarvaguṇālayaḥ
So lange ist ein Lebewesen der Beste von allen, so lange ein Sitz aller Tugenden
namasyaḥ sarvalokānāṃ yāvan nārthayate param
verehrungswürdig für alle Welten, wie lange es nicht um etwas anderes bittet

kaṣṭam etan mahāpāpaṃ nirdhanatvaṃ śarīriṇām / na mānayati no vakti na spṛśaty adhanaṃ janaḥ //

Schmerzlich ist diese große Sünde, die Mittellosigkeit der Verkörperten; man ehrt den Mittellosen nicht, spricht nicht mit ihm, berührt ihn nicht.

Wort für Wort
kaṣṭam etan mahāpāpaṃ nirdhanatvaṃ śarīriṇām
Schmerzlich ist diese große Sünde, die Mittellosigkeit der Verkörperten
na mānayati no vakti na spṛśaty adhanaṃ janaḥ
man ehrt den Mittellosen nicht, spricht nicht mit ihm, berührt ihn nicht

aham eva tataḥ śreṣṭhā daridre śṛṇu me vacaḥ //*

Ich allein bin daher die Bessere, Daridrā, höre mein Wort.

Wort für Wort
aham eva tataḥ śreṣṭhā
Ich allein bin daher die Bessere
daridre śṛṇu me vacaḥ
Daridrā, höre mein Wort

[Anm.: Unvollständiger Halbvers im Original.]

{brahmovāca:} tal lakṣmīvacanaṃ śrutvā daridrā vākyam abravīt //*

Brahmā sprach: Nachdem sie dieses Wort der Lakṣmī gehört hatte, sprach Daridrā ein Wort.

Wort für Wort
{brahmovāca:} tal lakṣmīvacanaṃ śrutvā
Brahmā sprach: Nachdem sie dieses Wort der Lakṣmī gehört hatte
daridrā vākyam abravīt
sprach Daridrā ein Wort

[Anm.: Unvollständiger Halbvers im Original.]

{daridrovāca:} vaktuṃ na lakṣmīr jyeṣṭhāham iti vai lajjase muhuḥ / pāpeṣu ramase nityaṃ vihāya puruṣottamam //

Daridrā sprach: Du schämst dich immer wieder zu sagen 'Ich, Lakṣmī, bin die Höhere'; stets weilst du gern bei den Sündern, den Besten der Menschen [Puruṣottama, Viṣṇu] verlassend.

Wort für Wort
{daridrovāca:} vaktuṃ na lakṣmīr jyeṣṭhāham iti vai lajjase muhuḥ
Daridrā sprach: Du schämst dich immer wieder zu sagen 'Ich, Lakṣmī, bin die Höhere'
pāpeṣu ramase nityaṃ vihāya puruṣottamam
stets weilst du gern bei den Sündern, den Besten der Menschen verlassend

viśvastavañcakā nityaṃ bhavatī ślāghase katham / sukhaṃ na tādṛk tvatprāptau paścāttāpo yathā guruḥ //

Stets die Welt Betrügende - wie rühmst du dich? Es gibt kein Glück von der Art, dass bei deinem Erlangen die nachfolgende Reue so schwer wäre.

Wort für Wort
viśvastavañcakā nityaṃ bhavatī ślāghase katham
Stets die Welt Betrügende - wie rühmst du dich?
sukhaṃ na tādṛk tvatprāptau paścāttāpo yathā guruḥ
Es gibt kein Glück von der Art, dass bei deinem Erlangen die nachfolgende Reue so schwer wäre

na tathā jāyate puṃsāṃ surayā dāruṇo madaḥ / tvatsaṃnidhānamātreṇa yathā vai viduṣām api //

Nicht so entsteht bei den Menschen durch Wein ein so schrecklicher Rausch, wie er allein durch deine Nähe selbst bei den Weisen entsteht.

Wort für Wort
na tathā jāyate puṃsāṃ surayā dāruṇo madaḥ
Nicht so entsteht bei den Menschen durch Wein ein so schrecklicher Rausch
tvatsaṃnidhānamātreṇa yathā vai viduṣām api
wie er allein durch deine Nähe selbst bei den Weisen entsteht

sadaiva ramase lakṣmīḥ prāyas tvaṃ pāpakāriṣu / ahaṃ vasāmi yogyeṣu dharmaśīleṣu sarvadā //

Stets, Lakṣmī, weilst du meist bei den Sündern; ich hingegen wohne immer bei den Würdigen, den im Dharma Lebenden,

Wort für Wort
sadaiva ramase lakṣmīḥ prāyas tvaṃ pāpakāriṣu
Stets, Lakṣmī, weilst du meist bei den Sündern
ahaṃ vasāmi yogyeṣu dharmaśīleṣu sarvadā
ich hingegen wohne immer bei den Würdigen, den im Dharma Lebenden

śivaviṣṇvanurakteṣu kṛtajñeṣu mahatsu ca / sadācāreṣu śānteṣu gurusevodyateṣu ca //

bei den Śiva und Viṣṇu Zugetanen, den Dankbaren und Großen, bei den von gutem Wandel Seienden, den Friedvollen, den zum Dienst am Guru Bereiten,

Wort für Wort
śivaviṣṇvanurakteṣu kṛtajñeṣu mahatsu ca
bei den Śiva und Viṣṇu Zugetanen, den Dankbaren und Großen
sadācāreṣu śānteṣu gurusevodyateṣu ca
bei den von gutem Wandel Seienden, den Friedvollen, den zum Dienst am Guru Bereiten

satsu vidvatsu śūreṣu kṛtabuddhiṣu sādhuṣu / nivasāmi sadā lakṣmīs tasmāj jyaiṣṭhyaṃ mayi sthitam //

bei den Guten, den Gelehrten, den Tapferen, den Klugen, den Rechtschaffenen wohne ich, Lakṣmī, stets; deshalb liegt der Vorrang bei mir.

Wort für Wort
satsu vidvatsu śūreṣu kṛtabuddhiṣu sādhuṣu
bei den Guten, den Gelehrten, den Tapferen, den Klugen, den Rechtschaffenen
nivasāmi sadā lakṣmīs tasmāj jyaiṣṭhyaṃ mayi sthitam
wohne ich, Lakṣmī, stets; deshalb liegt der Vorrang bei mir

brāhmaṇeṣu śuciṣmatsu vratacāriṣu bhikṣuṣu / nirbhayeṣu vasiṣyāmi lakṣmīs tvaṃ śṛṇu te sthitim //

Bei den reinen Brahmanen, den Gelübde-Übenden, den Bettelmönchen, den Furchtlosen werde ich wohnen; du aber, Lakṣmī, höre, wo dein Aufenthalt ist:

Wort für Wort
brāhmaṇeṣu śuciṣmatsu vratacāriṣu bhikṣuṣu
Bei den reinen Brahmanen, den Gelübde-Übenden, den Bettelmönchen
nirbhayeṣu vasiṣyāmi lakṣmīs tvaṃ śṛṇu te sthitim
den Furchtlosen werde ich wohnen; du aber, Lakṣmī, höre, wo dein Aufenthalt ist

rājavartiṣu pāpeṣu niṣṭhureṣu khaleṣu ca / piśuneṣu ca lubdheṣu vikṛteṣu śaṭheṣu ca //

Bei den nach dem Hof lebenden Sündern, den Grausamen und Bösen, bei den Verleumdern, den Habgierigen, den Verdorbenen, den Betrügern,

Wort für Wort
rājavartiṣu pāpeṣu niṣṭhureṣu khaleṣu ca
Bei den nach dem Hof lebenden Sündern, den Grausamen und Bösen
piśuneṣu ca lubdheṣu vikṛteṣu śaṭheṣu ca
bei den Verleumdern, den Habgierigen, den Verdorbenen, den Betrügern

anāryeṣu kṛtaghneṣu dharmaghātiṣu sarvadā / mitradrohiṣv aniṣṭeṣu bhagnacitteṣu vartase //

bei den Unedlen, den Undankbaren, den ständigen Dharma-Verletzern, den Freundesverrätern, den Unliebsamen, den Gebrochen-Gesinnten hältst du dich auf.

Wort für Wort
anāryeṣu kṛtaghneṣu dharmaghātiṣu sarvadā
bei den Unedlen, den Undankbaren, den ständigen Dharma-Verletzern
mitradrohiṣv aniṣṭeṣu bhagnacitteṣu vartase
bei den Freundesverrätern, den Unliebsamen, den Gebrochen-Gesinnten hältst du dich auf

{brahmovāca:} evaṃ vivadamāne te jagmatur mām ubhe api / tayor vākyam upaśrutya mayokte te ubhe api //

Brahmā sprach: So streitend, kamen die beiden zu mir; nachdem ich ihre Worte angehört hatte, sprach ich zu ihnen beiden:

Wort für Wort
{brahmovāca:} evaṃ vivadamāne te jagmatur mām ubhe api
Brahmā sprach: So streitend, kamen die beiden zu mir
tayor vākyam upaśrutya mayokte te ubhe api
nachdem ich ihre Worte angehört hatte, sprach ich zu ihnen beiden

mattaḥ pūrvatarā pṛthvī āpaḥ pūrvatarās tataḥ / strīṇāṃ vivādaṃ tā eva striyo jānanti netare //

Vor mir entstand die Erde, und vor dieser entstand das Wasser; den Streit der Frauen kennen nur die Frauen selbst, nicht andere.

Wort für Wort
mattaḥ pūrvatarā pṛthvī āpaḥ pūrvatarās tataḥ
Vor mir entstand die Erde, und vor dieser entstand das Wasser
strīṇāṃ vivādaṃ tā eva striyo jānanti netare
den Streit der Frauen kennen nur die Frauen selbst, nicht andere

viśeṣataḥ punas tābhyaḥ kamaṇḍalubhavāś ca yāḥ / tatrāpi gautamī devī niścayaṃ kathayiṣyati //

Besonders aber unter jenen [Wassern], die aus dem [Brahmā-]Wasserkrug entstanden sind - unter ihnen wird die Göttin Gautamī die Entscheidung verkünden.

Wort für Wort
viśeṣataḥ punas tābhyaḥ kamaṇḍalubhavāś ca yāḥ
Besonders aber unter jenen Wassern, die aus dem Wasserkrug entstanden sind
tatrāpi gautamī devī niścayaṃ kathayiṣyati
unter ihnen wird die Göttin Gautamī die Entscheidung verkünden

saiva sarvārtisaṃhartrī saiva saṃdehakartarī / te madvākyād bhuvaṃ gatvā bhūmyā ca sahite api //

Sie ist es, die alles Leid hinwegnimmt, sie ist es, die auch Zweifel erzeugen kann. Auf mein Wort hin gingen die beiden zur Erde, und zusammen mit der Erde,

Wort für Wort
saiva sarvārtisaṃhartrī saiva saṃdehakartarī
Sie ist es, die alles Leid hinwegnimmt, sie ist es, die auch Zweifel erzeugen kann
te madvākyād bhuvaṃ gatvā bhūmyā ca sahite api
Auf mein Wort hin gingen die beiden zur Erde, und zusammen mit der Erde

adbhiś ca sahitāḥ sarvā gautamīṃ yayur āpagām / bhūmir āpas tayor vākyaṃ gautamyai kramaśaḥ sphuṭam //

und zusammen mit den Gewässern, gingen alle zur Gautamī, dem Fluss; die Erde und die Gewässer trugen der Gautamī der Reihe nach deutlich das Wort der beiden vor,

Wort für Wort
adbhiś ca sahitāḥ sarvā gautamīṃ yayur āpagām
und zusammen mit den Gewässern, gingen alle zur Gautamī, dem Fluss
bhūmir āpas tayor vākyaṃ gautamyai kramaśaḥ sphuṭam
die Erde und die Gewässer trugen der Gautamī der Reihe nach deutlich das Wort der beiden vor

sarvaṃ nivedayām āsur yathāvṛttaṃ praṇamya tām / daridrāyāś ca lakṣmyāś ca vākyaṃ madhyasthavat tadā //

alles berichteten sie, wie es sich zugetragen hatte, nachdem sie sich vor ihr verneigt hatten; das Wort der Daridrā und der Lakṣmī wurde darauf wie vor einem Schiedsrichter vorgetragen,

Wort für Wort
sarvaṃ nivedayām āsur yathāvṛttaṃ praṇamya tām
alles berichteten sie, wie es sich zugetragen hatte, nachdem sie sich vor ihr verneigt hatten
daridrāyāś ca lakṣmyāś ca vākyaṃ madhyasthavat tadā
das Wort der Daridrā und der Lakṣmī wurde darauf wie vor einem Schiedsrichter vorgetragen

śṛṇvatsu lokapāleṣu śṛṇvatyāṃ bhuvi nārada / śṛṇvatīṣv apsu sā gaṅgā daridrāṃ vākyam abravīt / saṃpraśasya tathā lakṣmīṃ gautamī vākyam abravīt //

während die Weltenhüter zuhörten, während die Erde zuhörte, o Nārada, während die Gewässer zuhörten, sprach jene Gaṅgā zu Daridrā ein Wort; und nachdem sie ebenso Lakṣmī gepriesen hatte, sprach Gautamī folgendes Wort.

Wort für Wort
śṛṇvatsu lokapāleṣu śṛṇvatyāṃ bhuvi nārada
während die Weltenhüter zuhörten, während die Erde zuhörte, o Nārada
śṛṇvatīṣv apsu sā gaṅgā daridrāṃ vākyam abravīt
während die Gewässer zuhörten, sprach jene Gaṅgā zu Daridrā ein Wort
saṃpraśasya tathā lakṣmīṃ gautamī vākyam abravīt
und nachdem sie ebenso Lakṣmī gepriesen hatte, sprach Gautamī folgendes Wort

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Original.]

{gautamy uvāca:} brahmaśrīś ca tapaḥśrīś ca yajñaśrīḥ kīrtisaṃjñitā / dhanaśrīś ca yaśaśrīś ca vidyā prajñā sarasvatī //

Gautamī sprach: Der Glanz der heiligen Rede, der Glanz der Askese, der Glanz des Opfers, genannt Ruhm, der Glanz des Reichtums, der Glanz des Ansehens, das Wissen, die Weisheit, Sarasvatī,

Wort für Wort
{gautamy uvāca:} brahmaśrīś ca tapaḥśrīś ca yajñaśrīḥ kīrtisaṃjñitā
Gautamī sprach: Der Glanz der heiligen Rede, der Glanz der Askese, der Glanz des Opfers, genannt Ruhm
dhanaśrīś ca yaśaśrīś ca vidyā prajñā sarasvatī
der Glanz des Reichtums, der Glanz des Ansehens, das Wissen, die Weisheit, Sarasvatī

bhuktiśrīś cātha muktiś ca smṛtir lajjā dhṛtiḥ kṣamā / siddhis tuṣṭis tathā puṣṭiḥ śāntir āpas tathā mahī //

der Glanz des Genusses und die Erlösung, das Gedächtnis, die Scham, die Standhaftigkeit, die Geduld, die Vollkommenheit, die Zufriedenheit, ebenso die Fülle, der Friede, das Wasser, ebenso die Erde,

Wort für Wort
bhuktiśrīś cātha muktiś ca smṛtir lajjā dhṛtiḥ kṣamā
der Glanz des Genusses und die Erlösung, das Gedächtnis, die Scham, die Standhaftigkeit, die Geduld
siddhis tuṣṭis tathā puṣṭiḥ śāntir āpas tathā mahī
die Vollkommenheit, die Zufriedenheit, ebenso die Fülle, der Friede, das Wasser, ebenso die Erde

ahaṃśaktir athauṣadhyaḥ śrutiḥ śuddhir vibhāvarī / dyaur jyotsnā āśiṣaḥ svastir vyāptir māyā uṣā śivā //

die Ich-Kraft, ferner die Heilkräuter, die Offenbarung, die Reinheit, die Nacht, der Himmel, das Mondlicht, die Segenswünsche, das Heil, die Durchdringung, die Māyā, die Morgenröte, die Heilbringende -

Wort für Wort
ahaṃśaktir athauṣadhyaḥ śrutiḥ śuddhir vibhāvarī
die Ich-Kraft, ferner die Heilkräuter, die Offenbarung, die Reinheit, die Nacht
dyaur jyotsnā āśiṣaḥ svastir vyāptir māyā uṣā śivā
der Himmel, das Mondlicht, die Segenswünsche, das Heil, die Durchdringung, die Māyā, die Morgenröte, die Heilbringende

yat kiṃcid vidyate loke lakṣmyā vyāptaṃ carācaram / brāhmaṇeṣv atha dhīreṣu kṣamāvatsv atha sādhuṣu //

was immer in der Welt existiert, Bewegliches und Unbewegliches, ist von Lakṣmī durchdrungen; bei den Brahmanen, den Besonnenen, den Geduldigen, den Rechtschaffenen,

Wort für Wort
yat kiṃcid vidyate loke lakṣmyā vyāptaṃ carācaram
was immer in der Welt existiert, Bewegliches und Unbewegliches, ist von Lakṣmī durchdrungen
brāhmaṇeṣv atha dhīreṣu kṣamāvatsv atha sādhuṣu
bei den Brahmanen, den Besonnenen, den Geduldigen, den Rechtschaffenen

vidyāyukteṣu cānyeṣu bhuktimuktyanusāriṣu / yad yad ramyaṃ sundaraṃ vā tat tal lakṣmīvijṛmbhitam //

den mit Wissen Ausgestatteten und anderen, die nach Genuss und Erlösung streben - was immer erfreulich oder schön ist, das alles ist die Entfaltung der Lakṣmī.

Wort für Wort
vidyāyukteṣu cānyeṣu bhuktimuktyanusāriṣu
den mit Wissen Ausgestatteten und anderen, die nach Genuss und Erlösung streben
yad yad ramyaṃ sundaraṃ vā tat tal lakṣmīvijṛmbhitam
was immer erfreulich oder schön ist, das alles ist die Entfaltung der Lakṣmī

kim atra bahunoktena sarvaṃ lakṣmīmayaṃ jagat / yasmin kasmiṃś ca yat kiṃcid utkṛṣṭaṃ paridṛśyate //

Was nützt hierbei vieles Reden - die ganze Welt besteht aus Lakṣmī; was auch immer, worin auch immer, an Hervorragendem erblickt wird,

Wort für Wort
kim atra bahunoktena sarvaṃ lakṣmīmayaṃ jagat
Was nützt hierbei vieles Reden - die ganze Welt besteht aus Lakṣmī
yasmin kasmiṃś ca yat kiṃcid utkṛṣṭaṃ paridṛśyate
was auch immer, worin auch immer, an Hervorragendem erblickt wird

lakṣmīmayaṃ tu tat sarvaṃ tayā hīnaṃ na kiṃcana / atremāṃ sundarīṃ devīṃ spardhayantī na lajjase //

das alles besteht aus Lakṣmī; ohne sie gibt es nichts. Schämst du dich nicht, mit dieser schönen Göttin hierin zu wetteifern?

Wort für Wort
lakṣmīmayaṃ tu tat sarvaṃ tayā hīnaṃ na kiṃcana
das alles besteht aus Lakṣmī; ohne sie gibt es nichts
atremāṃ sundarīṃ devīṃ spardhayantī na lajjase
Schämst du dich nicht, mit dieser schönen Göttin hierin zu wetteifern?

gaccha gaccheti tāṃ gaṅgā daridrāṃ vākyam abravīt / tataḥ prabhṛti gaṅgāmbho daridrāvairakāry abhūt //

'Geh, geh!' - so sprach die Gaṅgā zu jener Daridrā das Wort; von da an wurde das Wasser der Gaṅgā zur Feindin der Daridrā.

Wort für Wort
gaccha gaccheti tāṃ gaṅgā daridrāṃ vākyam abravīt
'Geh, geh!' - so sprach die Gaṅgā zu jener Daridrā das Wort
tataḥ prabhṛti gaṅgāmbho daridrāvairakāry abhūt
von da an wurde das Wasser der Gaṅgā zur Feindin der Daridrā

tāvad daridrābhibhavo gaṅgā yāvan na sevyate / tataḥ prabhṛti tat tīrtham alakṣmīnāśanaṃ śubham //

So lange hält die Übermacht der Daridrā an, wie lange die Gaṅgā nicht aufgesucht wird; von da an heißt jenes verheißungsvolle Tīrtha 'Vernichtung der Alakṣmī'.

Wort für Wort
tāvad daridrābhibhavo gaṅgā yāvan na sevyate
So lange hält die Übermacht der Daridrā an, wie lange die Gaṅgā nicht aufgesucht wird
tataḥ prabhṛti tat tīrtham alakṣmīnāśanaṃ śubham
von da an heißt jenes verheißungsvolle Tīrtha 'Vernichtung der Alakṣmī'

tatra snānena dānena lakṣmīvān puṇyavān bhavet / tīrthānāṃ ṣaṭ sahasrāṇi tasmiṃs tīrthe mahāmate / devarṣimunijuṣṭānāṃ sarvasiddhipradāyinām //

Durch Baden und Spenden dort wird man reich und verdienstvoll; an jenem Tīrtha gibt es, o Hochweiser, sechstausend weitere Tīrthas, von Göttern, Weisen und Asketen aufgesucht, die alle Vollkommenheiten gewähren.

Wort für Wort
tatra snānena dānena lakṣmīvān puṇyavān bhavet
Durch Baden und Spenden dort wird man reich und verdienstvoll
tīrthānāṃ ṣaṭ sahasrāṇi tasmiṃs tīrthe mahāmate
an jenem Tīrtha gibt es, o Hochweiser, sechstausend weitere Tīrthas
devarṣimunijuṣṭānāṃ sarvasiddhipradāyinām
von Göttern, Weisen und Asketen aufgesucht, die alle Vollkommenheiten gewähren

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Original; schließt die Kapitelerzählung ab.]

Interaktive Leseansicht des ganzen Werks