Kapitel 137: lakṣmītīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Lakṣmī-Tīrtha (Der Streit zwischen Lakṣmī und Daridrā, entschieden durch die Gautamī)
Lakṣmī (Glück/Reichtum) und Daridrā (Armut) streiten, wer von ihnen den Vorrang habe. Lakṣmī betont, dass Ansehen und Tugend nur beim Nichtbittenden bestehen und Mittellosigkeit verachtet werde; Daridrā entgegnet, sie wohne bei den Rechtschaffenen und Frommen, während Lakṣmī sich meist bei Sündern und Lasterhaften aufhalte. Brahmā verweist den Streit an die Gewässer und schließlich an die Gautamī zur Entscheidung. Vor den Weltenhütern, der Erde und den Gewässern preist die personifizierte Gautamī (Gaṅgā) Lakṣmī als alldurchdringende Grundlage von allem Schönen, Erhabenen und Erstrebenswerten in der Welt und weist Daridrā fort; seither ist das Wasser der Gaṅgā der Armut feindlich gesinnt. Ursprung des Lakṣmī-Tīrtha (auch 'Vernichtung der Alakṣmī' genannt), mit 6000 weiteren Tīrthas.
Brahmā sprach: Bekannt als Lakṣmī-Tīrtha, das unmittelbar den Wohlstand mehrt; höre die verdienstvolle Erzählung von der Vernichtung der Alakṣmī (des Unglücks/der Armut), Nārada.
tābhyām avyāpṛtaṃ vastu tan nāsti bhuvanatraye / mama jyaiṣṭhyaṃ mama jyaiṣṭhyam ity ūcatur ubhe mithaḥ / ahaṃ pūrvaṃ samudbhūtā ity āha śriyam ojasā //
Es gibt in den drei Welten kein Ding, das nicht von beiden erfasst wäre; 'Mir gebührt der Vorrang, mir gebührt der Vorrang' - so sprachen beide wechselseitig; 'Ich bin früher entstanden' - so sprach Daridrā zu Śrī [Lakṣmī] mit Nachdruck.
Wort für Wort
tābhyām avyāpṛtaṃ vastu tan nāsti bhuvanatraye
Es gibt in den drei Welten kein Ding, das nicht von beiden erfasst wäre
mama jyaiṣṭhyaṃ mama jyaiṣṭhyam ity ūcatur ubhe mithaḥ
'Mir gebührt der Vorrang, mir gebührt der Vorrang' - so sprachen beide wechselseitig
ahaṃ pūrvaṃ samudbhūtā ity āha śriyam ojasā
'Ich bin früher entstanden' - so sprach Daridrā zu Śrī mit Nachdruck
{śrīlakṣmīr uvāca:} kulaṃ śīlaṃ jīvitaṃ vā dehinām aham eva tu / mayā vinā dehabhājo jīvanto 'pi mṛtā iva //
Die erhabene Lakṣmī sprach: Geschlecht, Charakter oder Leben der Verkörperten - das bin gerade ich; ohne mich sind die Körperträger, obwohl sie leben, gleichsam Tote.
Wort für Wort
{śrīlakṣmīr uvāca:} kulaṃ śīlaṃ jīvitaṃ vā dehinām aham eva tu
Die erhabene Lakṣmī sprach: Geschlecht, Charakter oder Leben der Verkörperten - das bin gerade ich
mayā vinā dehabhājo jīvanto 'pi mṛtā iva
ohne mich sind die Körperträger, obwohl sie leben, gleichsam Tote
{brahmovāca:} daridrayā ca sā proktā sarvebhyo hy adhikā hy aham / muktir madāśritā nityaṃ daridraivaṃ vaco 'bravīt //
Brahmā sprach: Von Daridrā aber wurde ihr entgegnet: Ich bin über alle erhaben, denn die Erlösung ist stets bei mir zu finden - so sprach Daridrā dieses Wort.
Wort für Wort
{brahmovāca:} daridrayā ca sā proktā sarvebhyo hy adhikā hy aham
Brahmā sprach: Von Daridrā aber wurde ihr entgegnet: Ich bin über alle erhaben
muktir madāśritā nityaṃ daridraivaṃ vaco 'bravīt
denn die Erlösung ist stets bei mir zu finden - so sprach Daridrā dieses Wort
Durch das bloße Wort 'gib!' verlassen sofort die fünf im Körper wohnenden Gottheiten - Weisheit, Glanz, Scham, Frieden und Ruhm - den Bittenden und gehen fort.
Wort für Wort
dehīti vacanadvārā dehasthāḥ pañca devatāḥ
Durch das bloße Wort 'gib!' die fünf im Körper wohnenden Gottheiten
sadyo nirgatya gacchanti dhīśrīhrīśāntikīrtayaḥ
Weisheit, Glanz, Scham, Frieden und Ruhm - verlassen sofort den Bittenden und gehen fort
tāvad guṇā gurutvaṃ ca yāvan nārthayate param / arthī cet puruṣo jātaḥ kva guṇāḥ kva ca gauravam //
So lange bestehen Tugenden und Ansehen, wie lange man nicht um etwas Höheres bittet; wenn ein Mensch zum Bittsteller geworden ist, wo bleiben dann die Tugenden, wo das Ansehen?
Wort für Wort
tāvad guṇā gurutvaṃ ca yāvan nārthayate param
So lange bestehen Tugenden und Ansehen, wie lange man nicht um etwas Höheres bittet
arthī cet puruṣo jātaḥ kva guṇāḥ kva ca gauravam
wenn ein Mensch zum Bittsteller geworden ist, wo bleiben dann die Tugenden, wo das Ansehen?
So lange ist ein Lebewesen der Beste von allen, so lange ein Sitz aller Tugenden, verehrungswürdig für alle Welten, wie lange es nicht um etwas anderes bittet.
Wort für Wort
tāvat sarvottamo jantus tāvat sarvaguṇālayaḥ
So lange ist ein Lebewesen der Beste von allen, so lange ein Sitz aller Tugenden
namasyaḥ sarvalokānāṃ yāvan nārthayate param
verehrungswürdig für alle Welten, wie lange es nicht um etwas anderes bittet
{daridrovāca:} vaktuṃ na lakṣmīr jyeṣṭhāham iti vai lajjase muhuḥ / pāpeṣu ramase nityaṃ vihāya puruṣottamam //
Daridrā sprach: Du schämst dich immer wieder zu sagen 'Ich, Lakṣmī, bin die Höhere'; stets weilst du gern bei den Sündern, den Besten der Menschen [Puruṣottama, Viṣṇu] verlassend.
Wort für Wort
{daridrovāca:} vaktuṃ na lakṣmīr jyeṣṭhāham iti vai lajjase muhuḥ
Daridrā sprach: Du schämst dich immer wieder zu sagen 'Ich, Lakṣmī, bin die Höhere'
pāpeṣu ramase nityaṃ vihāya puruṣottamam
stets weilst du gern bei den Sündern, den Besten der Menschen verlassend
Besonders aber unter jenen [Wassern], die aus dem [Brahmā-]Wasserkrug entstanden sind - unter ihnen wird die Göttin Gautamī die Entscheidung verkünden.
Wort für Wort
viśeṣataḥ punas tābhyaḥ kamaṇḍalubhavāś ca yāḥ
Besonders aber unter jenen Wassern, die aus dem Wasserkrug entstanden sind
tatrāpi gautamī devī niścayaṃ kathayiṣyati
unter ihnen wird die Göttin Gautamī die Entscheidung verkünden
saiva sarvārtisaṃhartrī saiva saṃdehakartarī / te madvākyād bhuvaṃ gatvā bhūmyā ca sahite api //
Sie ist es, die alles Leid hinwegnimmt, sie ist es, die auch Zweifel erzeugen kann. Auf mein Wort hin gingen die beiden zur Erde, und zusammen mit der Erde,
Wort für Wort
saiva sarvārtisaṃhartrī saiva saṃdehakartarī
Sie ist es, die alles Leid hinwegnimmt, sie ist es, die auch Zweifel erzeugen kann
te madvākyād bhuvaṃ gatvā bhūmyā ca sahite api
Auf mein Wort hin gingen die beiden zur Erde, und zusammen mit der Erde
und zusammen mit den Gewässern, gingen alle zur Gautamī, dem Fluss; die Erde und die Gewässer trugen der Gautamī der Reihe nach deutlich das Wort der beiden vor,
Wort für Wort
adbhiś ca sahitāḥ sarvā gautamīṃ yayur āpagām
und zusammen mit den Gewässern, gingen alle zur Gautamī, dem Fluss
sarvaṃ nivedayām āsur yathāvṛttaṃ praṇamya tām / daridrāyāś ca lakṣmyāś ca vākyaṃ madhyasthavat tadā //
alles berichteten sie, wie es sich zugetragen hatte, nachdem sie sich vor ihr verneigt hatten; das Wort der Daridrā und der Lakṣmī wurde darauf wie vor einem Schiedsrichter vorgetragen,
Wort für Wort
sarvaṃ nivedayām āsur yathāvṛttaṃ praṇamya tām
alles berichteten sie, wie es sich zugetragen hatte, nachdem sie sich vor ihr verneigt hatten
daridrāyāś ca lakṣmyāś ca vākyaṃ madhyasthavat tadā
das Wort der Daridrā und der Lakṣmī wurde darauf wie vor einem Schiedsrichter vorgetragen
während die Weltenhüter zuhörten, während die Erde zuhörte, o Nārada, während die Gewässer zuhörten, sprach jene Gaṅgā zu Daridrā ein Wort; und nachdem sie ebenso Lakṣmī gepriesen hatte, sprach Gautamī folgendes Wort.
Wort für Wort
śṛṇvatsu lokapāleṣu śṛṇvatyāṃ bhuvi nārada
während die Weltenhüter zuhörten, während die Erde zuhörte, o Nārada
śṛṇvatīṣv apsu sā gaṅgā daridrāṃ vākyam abravīt
während die Gewässer zuhörten, sprach jene Gaṅgā zu Daridrā ein Wort
saṃpraśasya tathā lakṣmīṃ gautamī vākyam abravīt
und nachdem sie ebenso Lakṣmī gepriesen hatte, sprach Gautamī folgendes Wort
{gautamy uvāca:} brahmaśrīś ca tapaḥśrīś ca yajñaśrīḥ kīrtisaṃjñitā / dhanaśrīś ca yaśaśrīś ca vidyā prajñā sarasvatī //
Gautamī sprach: Der Glanz der heiligen Rede, der Glanz der Askese, der Glanz des Opfers, genannt Ruhm, der Glanz des Reichtums, der Glanz des Ansehens, das Wissen, die Weisheit, Sarasvatī,
Wort für Wort
{gautamy uvāca:} brahmaśrīś ca tapaḥśrīś ca yajñaśrīḥ kīrtisaṃjñitā
Gautamī sprach: Der Glanz der heiligen Rede, der Glanz der Askese, der Glanz des Opfers, genannt Ruhm
dhanaśrīś ca yaśaśrīś ca vidyā prajñā sarasvatī
der Glanz des Reichtums, der Glanz des Ansehens, das Wissen, die Weisheit, Sarasvatī
der Glanz des Genusses und die Erlösung, das Gedächtnis, die Scham, die Standhaftigkeit, die Geduld, die Vollkommenheit, die Zufriedenheit, ebenso die Fülle, der Friede, das Wasser, ebenso die Erde,
Wort für Wort
bhuktiśrīś cātha muktiś ca smṛtir lajjā dhṛtiḥ kṣamā
der Glanz des Genusses und die Erlösung, das Gedächtnis, die Scham, die Standhaftigkeit, die Geduld
die Ich-Kraft, ferner die Heilkräuter, die Offenbarung, die Reinheit, die Nacht, der Himmel, das Mondlicht, die Segenswünsche, das Heil, die Durchdringung, die Māyā, die Morgenröte, die Heilbringende -
Wort für Wort
ahaṃśaktir athauṣadhyaḥ śrutiḥ śuddhir vibhāvarī
die Ich-Kraft, ferner die Heilkräuter, die Offenbarung, die Reinheit, die Nacht
was immer in der Welt existiert, Bewegliches und Unbewegliches, ist von Lakṣmī durchdrungen; bei den Brahmanen, den Besonnenen, den Geduldigen, den Rechtschaffenen,
Wort für Wort
yat kiṃcid vidyate loke lakṣmyā vyāptaṃ carācaram
was immer in der Welt existiert, Bewegliches und Unbewegliches, ist von Lakṣmī durchdrungen
brāhmaṇeṣv atha dhīreṣu kṣamāvatsv atha sādhuṣu
bei den Brahmanen, den Besonnenen, den Geduldigen, den Rechtschaffenen
vidyāyukteṣu cānyeṣu bhuktimuktyanusāriṣu / yad yad ramyaṃ sundaraṃ vā tat tal lakṣmīvijṛmbhitam //
den mit Wissen Ausgestatteten und anderen, die nach Genuss und Erlösung streben - was immer erfreulich oder schön ist, das alles ist die Entfaltung der Lakṣmī.
Wort für Wort
vidyāyukteṣu cānyeṣu bhuktimuktyanusāriṣu
den mit Wissen Ausgestatteten und anderen, die nach Genuss und Erlösung streben
yad yad ramyaṃ sundaraṃ vā tat tal lakṣmīvijṛmbhitam
was immer erfreulich oder schön ist, das alles ist die Entfaltung der Lakṣmī
tāvad daridrābhibhavo gaṅgā yāvan na sevyate / tataḥ prabhṛti tat tīrtham alakṣmīnāśanaṃ śubham //
So lange hält die Übermacht der Daridrā an, wie lange die Gaṅgā nicht aufgesucht wird; von da an heißt jenes verheißungsvolle Tīrtha 'Vernichtung der Alakṣmī'.
Wort für Wort
tāvad daridrābhibhavo gaṅgā yāvan na sevyate
So lange hält die Übermacht der Daridrā an, wie lange die Gaṅgā nicht aufgesucht wird
tataḥ prabhṛti tat tīrtham alakṣmīnāśanaṃ śubham
von da an heißt jenes verheißungsvolle Tīrtha 'Vernichtung der Alakṣmī'
Durch Baden und Spenden dort wird man reich und verdienstvoll; an jenem Tīrtha gibt es, o Hochweiser, sechstausend weitere Tīrthas, von Göttern, Weisen und Asketen aufgesucht, die alle Vollkommenheiten gewähren.
Wort für Wort
tatra snānena dānena lakṣmīvān puṇyavān bhavet
Durch Baden und Spenden dort wird man reich und verdienstvoll
tīrthānāṃ ṣaṭ sahasrāṇi tasmiṃs tīrthe mahāmate
an jenem Tīrtha gibt es, o Hochweiser, sechstausend weitere Tīrthas
devarṣimunijuṣṭānāṃ sarvasiddhipradāyinām
von Göttern, Weisen und Asketen aufgesucht, die alle Vollkommenheiten gewähren
[Anm.: Dreizeiliger Vers im Original; schließt die Kapitelerzählung ab.]