Kapitel 70: tīrthacatuṣṭayavarṇanam
Die vierfache Einteilung der Pilgerstätten (göttlich, dämonisch, weisen-bezogen, menschlich)
Brahmā bekräftigt gegenüber den Munis noch einmal die Überlegenheit des Puruṣottama-Kṣetra über alle Askese-, Opfer- und Wallfahrtsfrüchte und verweist auf ein früheres Gespräch mit Nārada. In dessen Rahmenerzählung erklärt Brahmā die vierfache Klassifikation aller Pilgerstätten der drei Welten: göttliche (von Brahmā, Viṣṇu und Śiva errichtete, dazu die zwölf heiligsten Flüsse), dämonische (an Orten, die einst von besiegten Dämonen wie Vṛtra oder Namuci besetzt waren), weisen-bezogene (durch die Askese großer Ṛṣis wie Vasiṣṭha oder Kaśyapa geheiligte) und menschliche (von Königen wie Ambarīṣa oder Hariścandra zum eigenen Verdienst errichtete) — in dieser Reihenfolge jeweils die niedrigere von der höheren übertroffen.
{brahmovāca: }
sarveṣāṃ caiva tīrthānāṃ kṣetrāṇāṃ ca dvijottamāḥ /
japahomavratānāṃ ca tapodānaphalāni ca // BrP_70.1 //
Brahmā sprach: Aller Pilgerstätten und heiligen Gebiete, o Beste der Zweifachgeborenen, und die Früchte von Murmelgebet, Feueropfer und Gelübden, und von Askese und Gaben,
Wort für Wort
brahmā uvāca
Brahmā sprach
sarveṣāṃ ca eva tīrthānāṃ
aller Pilgerstätten
kṣetrāṇāṃ ca dvijottamāḥ
und heiligen Gebiete, o Beste der Zweifachgeborenen
na tat paśyāmi bho viprā yat tena sadṛśaṃ bhuvi /
kiṃ cātra bahunoktena bhāṣitena punaḥ punaḥ // BrP_70.2 //
nichts von alledem sehe ich, o Brahmanen, das jenem [Puruṣottama-Kṣetra] auf der Erde gleich wäre. Doch was [nützt es] hierbei, viel und wiederholt zu sprechen?
[so wie] durch einmaliges Erkennen der Brahman-Wissenschaft kein Aufenthalt im Mutterleib mehr existiert, [so ist es auch] am höchsten Ort in der Nähe Haris, in Puruṣottama.
Wort für Wort
brahmavidyāṃ sakṛt jñātvā
durch einmaliges Erkennen der Brahman-Wissenschaft
[und] nachdem er am Ende des Kalpa wieder zurückgekehrt ist zur Welt der Sterblichen, wird der beste Mensch, o Brahmanen, im Hause von Yogis geboren, dem Erkennen und dem Erkennbaren zugewandt.
Wort für Wort
kalpānte punaḥ āgatya
nachdem er am Ende des Kalpa wieder zurückgekehrt ist
Nachdem er den Vaiṣṇava-Yoga erlangt hat, gelangt er zur Freiheit-nach-eigenem-Willen (Svacchandatā) Haris. Die Größe des Wunschbaumes (Kalpavṛkṣa), Rāmas, Kṛṣṇas, zusammen mit Bhadrā [Subhadrā],
des rituellen Reinigungsbades zur rechten Zeit, das Zusammentreffen mit der Bhāgīrathī [Gaṅgā] – all dies wurde von mir dargelegt, was auch immer ihr weiter zu hören wünscht.
Diese Größe Indradyumnas wurde von mir erzählt, voller Wunder dargelegt, das Geheimnis Puruṣottamas, die höchste geheime Purāṇa-Überlieferung, glückbringend, den Weltenkreislauf lösend.
Wort für Wort
indradyumnasya māhātmyam etat
diese Größe Indradyumnas
ca kathitaṃ mayā
wurde von mir erzählt
sarvāścaryaṃ samākhyātaṃ
voller Wunder dargelegt
rahasyaṃ puruṣottamam
das Geheimnis Puruṣottamas
purāṇaṃ paramaṃ guhyaṃ
die höchste geheime Purāṇa-Überlieferung
dhanyaṃ saṃsāramocanam
glückbringend, den Weltenkreislauf lösend
[Anm.: Dieser Vers erstreckt sich unregelmäßig über drei Zeilen (6 Pādas) statt der üblichen zwei.]
{munaya ūcuḥ: }
nahi nas tṛptir astīha śṛṇvatāṃ tīrthavistaram /
punar eva paraṃ guhyaṃ vaktum arhasy aśeṣataḥ /
paraṃ tīrthasya māhātmyaṃ sarvatīrthottamottamam // BrP_70.12 //
Die Munis sprachen: Es gibt für uns hierin keine Sättigung beim Hören der ausführlichen [Erzählung] der Pilgerstätte. Wiederum sollst du das höchste Geheimnis vollständig darlegen: die höchste Größe der Pilgerstätte, die beste der Besten aller Pilgerstätten.
Wort für Wort
munayaḥ ūcuḥ
die Munis sprachen
na hi naḥ tṛptiḥ asti iha
es gibt für uns hierin keine Sättigung
śṛṇvatāṃ tīrthavistaram
beim Hören der ausführlichen (Erzählung) der Pilgerstätte
punaḥ eva paraṃ guhyaṃ
wiederum das höchste Geheimnis
vaktum arhasi aśeṣataḥ
sollst du vollständig darlegen
paraṃ tīrthasya māhātmyaṃ
die höchste Größe der Pilgerstätte
sarvatīrthottamottamam
die beste der Besten aller Pilgerstätten
[Anm.: Dieser Vers erstreckt sich unregelmäßig über drei Zeilen (6 Pādas) statt der üblichen zwei.]
Wie viele Pilgerstätten gibt es im Himmel, auf der Erde und in der Unterwelt (Rasātala)? Und was zeichnet sich unter allen Pilgerstätten allzeit besonders aus?
Brahmā sprach: Vierfach sind die Pilgerstätten im Himmel, auf der Erde und in der Unterwelt, o Tiger unter den Munis: göttliche (Daiva), dämonische (Āsura) und weisen-bezogene (Ārṣa),
und menschliche (Mānuṣa) [Pilgerstätten], in den drei Welten berühmt gemacht durch Götter u.a. Über den menschlichen Pilgerstätten steht die weisen-bezogene Pilgerstätte als unübertroffen,
Wort für Wort
mānuṣāṇi trilokeṣu
menschliche (Mānuṣa), in den drei Welten
vikhyātāni surādibhiḥ
berühmt gemacht durch Götter u.a.
mānuṣebhyaḥ ca tīrthebhyaḥ
über den menschlichen Pilgerstätten
ārṣaṃ tīrtham anuttamam
steht die weisen-bezogene Pilgerstätte als unübertroffen
und über den weisen-bezogenen Pilgerstätten steht die dämonische, die viel Verdienst gewährt, und über den dämonischen steht ebenso als heilig die göttliche, jene, die alle Wünsche [erfüllt].
Was von Brahmā, Viṣṇu und Śiva errichtet wurde, wird 'göttlich' (Daiva) genannt. Was aus diesen drei als eines entstünde, davon kennt man nichts Höheres.
Auch unter den drei Welten wird [eine Pilgerstätte] als die reinste bezeichnet; und darunter [ist] der Jambu-Kontinent (Jāmbava-Dvīpa) eine Pilgerstätte von vielfach aufsteigender Vortrefflichkeit,
Wort für Wort
trayāṇām api lokānāṃ
auch unter den drei Welten
tīrthaṃ medhyam udāhṛtam
wird (eine Pilgerstätte) als die reinste bezeichnet
tatra api jāmbavaṃ dvīpaṃ
und darunter der Jambu-Kontinent
tīrthaṃ bahuguṇodayam
eine Pilgerstätte von vielfach aufsteigender Vortrefflichkeit
jāmbave bhārataṃ varṣaṃ tīrthaṃ trailokyaviśrutam /
karmabhūmir yataḥ putra tasmāt tīrthaṃ tad ucyate // BrP_70.21 //
und im Jambu[-Kontinent] ist das Bhārata-Land eine in den drei Welten berühmte Pilgerstätte; weil es das Land des [rituellen] Handelns (Karmabhūmi) ist, o Sohn, deshalb wird es 'Pilgerstätte' genannt.
Wort für Wort
jāmbave bhārataṃ varṣaṃ
im Jambu(-Kontinent) das Bhārata-Land
tīrthaṃ trailokyaviśrutam
eine in den drei Welten berühmte Pilgerstätte
karmabhūmiḥ yataḥ putra
weil es das Land des (rituellen) Handelns ist, o Sohn
und ebenso, o Brahmane, aus Göttern entstandene [Flüsse] zwischen dem südlichen Meer und dem Vindhya – diese zwölf Flüsse werden als die hauptsächlichen verkündet.
Weil es hoch verehrt wird, [dieses] viel Verdienst gewährende Bhārata, wird das Land deshalb von den Göttern als das Land des [rituellen] Handelns verkündet.
Und die weisen-bezogenen Pilgerstätten, die hier und da aus Göttern entstanden sind, wurden von Dämonen (Āsura) umgeben/bewohnt – eben deshalb werden sie 'dämonisch' genannt.
daiveṣv eva pradeśeṣu tapas taptvā maharṣayaḥ /
daivaprabhāvāt tapasa ārṣāṇy api ca tāny api // BrP_70.26 //
Eben an göttlichen Orten, nachdem die großen Weisen Askese geübt hatten, [entstanden] durch die göttliche Macht der Askese auch jene [Pilgerstätten], die weisen-bezogenen,
von Menschen errichtete [Pilgerstätten] nennt man 'menschliche', o Nārada. So [ist], o bester der Munis, die vierfache Unterscheidung der Pilgerstätten.
bhedaṃ na kaścij jānāti śrotuṃ yukto 'si nārada /
bahavaḥ paṇḍitaṃmanyāḥ śṛṇvanti kathayanti ca /
sukṛtī ko 'pi jānāti vaktuṃ śrotuṃ nijair guṇaiḥ // BrP_70.29 //
Diese Unterscheidung kennt fast niemand; du bist würdig, sie zu hören, o Nārada. Viele, die sich für gelehrt halten, hören und erzählen [davon], [aber nur] irgendein Verdienstvoller versteht es, mit den eigenen [inneren] Eigenschaften zu sprechen und zu hören.
Wort für Wort
bhedaṃ na kaścit jānāti
diese Unterscheidung kennt fast niemand
śrotuṃ yuktaḥ asi nārada
du bist würdig, sie zu hören, o Nārada
bahavaḥ paṇḍitaṃmanyāḥ
viele, die sich für gelehrt halten
śṛṇvanti kathayanti ca
hören und erzählen (davon)
sukṛtī kaḥ api jānāti
irgendein Verdienstvoller versteht es
vaktuṃ śrotuṃ nijaiḥ guṇaiḥ
mit den eigenen (inneren) Eigenschaften zu sprechen und zu hören
[Anm.: Dieser Vers erstreckt sich unregelmäßig über drei Zeilen (6 Pādas) statt der üblichen zwei.]
Nārada sprach: Ihr Wesen und ihre Unterscheidung möchte ich der Wahrheit gemäß hören, durch deren Hören man von allen Sünden befreit wird – kein Zweifel.
brahman kṛtayugādau tu upāyo 'nyo na vidyate /
tīrthasevāṃ vinā svalpāyāsenābhīṣṭadāyinīm // BrP_70.31 //
O Brahmane, seit dem Beginn des Kṛta-Zeitalters gibt es kein anderes Mittel, das, mit geringer Mühe, das Ersehnte gewährt, außer der Pilgerstätten-Verehrung (Tīrthasevā).
Niemand dir Gleiches gibt es irgendwo, o Schöpfer (Dhātṛ), als Sprecher oder Wissender; du bist aus dem Lotos-Nabel Viṣṇus entstanden, der Erstgeborene von allem.
die von diesen umgebenen/bewohnten Pilgerstätten [sind] die dämonischen, auch [wenn sie] heilvoll [sind]. Prabhāsa, Bhārgava [Paraśurāma], Agastya, ebenso Nara-Nārāyaṇa,
Vasiṣṭha, Bharadvāja, Gotama, Kaśyapa, Manu – die von diesen und weiteren Munis besuchten [Pilgerstätten sind] die 'weisen-bezogenen Pilgerstätten', o Nārada.
errichtet zum Zweck des Ruhmes und der Fruchtwerdung, o Nārada. Die von selbst entstandenen, göttlichen [Pilgerstätten], wo auch immer in den drei Welten, nennt man 'heilige Pilgerstätten' – die Unterscheidung der Pilgerstätten wurde von mir dargelegt.
Wort für Wort
yaśasaḥ phalabhūtyarthaṃ
zum Zweck des Ruhmes und der Fruchtwerdung
nirmitāni iha nārada
errichtet hier, o Nārada
svataḥudbhūtāni daivāni
die von selbst entstandenen, göttlichen
yatra kva api jagattraye
wo auch immer in den drei Welten
puṇyatīrthāni tāni āhuḥ
nennt man 'heilige Pilgerstätten'
tīrthabhedaḥ mayā uditaḥ
die Unterscheidung der Pilgerstätten wurde von mir dargelegt
[Anm.: Dieser Schlussvers erstreckt sich unregelmäßig über drei Zeilen (6 Pādas) statt der üblichen zwei.]