Kapitel 164: ciccikātīrthagadādharatīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe der Tīrthas Ciccikā und Gadādhara (König Pavamāna und der zweiköpfige Vogel-Brahmane)
Auf dem Berg Śubhra am Nordufer der Gaṅgā, wo der Gott Gadādhara (Viṣṇu) weilt, lebt der fleischfressende Vogelfürst Ciccika (Bheruṇḍa). Der Herrscher Pavamāna trifft auf der Jagd einen zweiköpfigen, leidenden Vogel dieses Namens, der sich als einst sündiger Brahmane offenbart – heuchlerisch, verräterisch, seine Umgebung quälend – und nun, in einen niemals gesättigten, ruhelosen zweiköpfigen Vogel verwandelt, den Berg als öde erlebt. Ciccika trägt eine ausführliche Aufzählung brahmahatyā-gleicher Sünden vor (Verrat, Heuchelei, Lehrerverachtung, Verleumdung von Veda und Dharma). Vom König zum Gadādhara-Tīrtha geführt, badet er in der Gaṅgā, fleht sie um Erlösung an und erlangt durch ihre und Gadādharas Gnade den Himmel. Ursprung des nach Pavamāna und Ciccika benannten Tīrtha, auch als Gadādhara-Koṭitīrtha bekannt.
nānāpuṣpaphalākīrṇaiḥ sarvartukusumair nagaiḥ / sevite dvijamukhyaiś ca gautamyā copaśobhite //
Auf jenem Berg, der mit mancherlei Blüten und Früchten übersät ist, mit zu allen Jahreszeiten blühenden Bäumen, von vortrefflichen Brahmanen aufgesucht und von der Gautamī geschmückt wird.
Wort für Wort
nānāpuṣpaphalākīrṇaiḥ sarvartukusumair nagaiḥ
mit mancherlei Blüten und Früchten übersät, mit zu allen Jahreszeiten blühenden Bäumen
sevite dvijamukhyaiś ca gautamyā copaśobhite
von vortrefflichen Brahmanen aufgesucht und von der Gautamī geschmückt
mit großer Heeresmacht ausgestattet, zog mit seinem Hauspriester in den Wald; er vergnügte sich mit reizenden Frauen, mit den Freuden von Tanz und Musik.
Wort für Wort
balena mahatā yuktaḥ sapurodhā vanaṃ yayau
mit großer Heeresmacht ausgestattet, zog er mit seinem Hauspriester in den Wald
tam āśritya nagaśreṣṭhaṃ pavamāno nṛpottamaḥ / sa viśrānto janavṛta īkṣāṃ cakre nagottamam //
An jenen vortrefflichen Baum sich lehnend, ruhte sich der vortreffliche König Pavamāna, von Leuten umgeben, aus und betrachtete den vortrefflichen Baum.
Wort für Wort
tam āśritya nagaśreṣṭhaṃ pavamāno nṛpottamaḥ
an jenen vortrefflichen Baum sich lehnend, der vortreffliche König Pavamāna
sa viśrānto janavṛta īkṣāṃ cakre nagottamam
ausgeruht, von Leuten umgeben, betrachtete er den vortrefflichen Baum
Der König sprach: Wer bist du, zweiköpfiger Vogel? Du scheinst voller Sorge zu sein. Hier gibt es doch niemanden, der von Leid geplagt ist – warum bist du in Leid geraten?
Wort für Wort
ko bhavān dvimukhaḥ pakṣī cintāvān iva lakṣyase
wer bist du, zweiköpfiger Vogel? Du scheinst voller Sorge zu sein
{ciccika uvāca:} matto bhayaṃ na cānyeṣāṃ mama vānyopapāditam / nānāpuṣpaphalākīrṇaṃ munibhiḥ parisevitam //
Ciccika sprach: Von mir geht keine Furcht für andere aus, noch wird mir von anderen Furcht bereitet; diesen Berg, der mit mancherlei Blüten und Früchten übersät und von Munis aufgesucht ist,
Wort für Wort
matto bhayaṃ na cānyeṣāṃ mama vānyopapāditam
von mir geht keine Furcht für andere aus, noch wird mir von anderen Furcht bereitet
nānāpuṣpaphalākīrṇaṃ munibhiḥ parisevitam
diesen mit mancherlei Blüten und Früchten übersäten, von Munis aufgesuchten (Berg)
paśyeyaṃ śūnyam evādriṃ tataḥ śocāmi mām aham / na labhāmi sukhaṃ kiṃcin na tṛpyāmi kadācana / nidrāṃ prāpnomi na kvāpi na viśrāntiṃ na nirvṛtim //
…sehe ich als völlig leer/öde an, darum beklage ich mich selbst. Ich erlange kein Glück, wie gering auch immer, ich werde niemals satt; nirgends finde ich Schlaf, nirgends Rast, nirgends Frieden.
Wort für Wort
paśyeyaṃ śūnyam evādriṃ tataḥ śocāmi mām aham
sehe ich als völlig leer/öde an, darum beklage ich mich selbst
na labhāmi sukhaṃ kiṃcin na tṛpyāmi kadācana
ich erlange kein Glück, wie gering auch immer, ich werde niemals satt
nidrāṃ prāpnomi na kvāpi na viśrāntiṃ na nirvṛtim
nirgends finde ich Schlaf, nirgends Rast, nirgends Frieden
{rājovāca:} ko bhavān kiṃ kṛtaṃ pāpaṃ kasmāc chūnyaś ca parvataḥ / ekenāsyena tṛpyanti prāṇino 'tra nagottame //
Der König sprach: Wer bist du, welche Sünde hast du begangen, weshalb ist der Berg leer? Mit nur einem Mund werden die Lebewesen hier auf diesem vortrefflichen Berg satt.
Wort für Wort
ko bhavān kiṃ kṛtaṃ pāpaṃ kasmāc chūnyaś ca parvataḥ
wer bist du, welche Sünde hast du begangen, weshalb ist der Berg leer
ekenāsyena tṛpyanti prāṇino 'tra nagottame
mit nur einem Mund werden die Lebewesen hier auf diesem vortrefflichen Berg satt
tat sarvaṃ śaṃsa me satyaṃ trāsye tvāṃ mahato bhayāt //*
Erzähle mir das alles wahrheitsgemäß; ich werde dich aus großer Furcht erretten.
Wort für Wort
tat sarvaṃ śaṃsa me satyaṃ
erzähle mir das alles wahrheitsgemäß
trāsye tvāṃ mahato bhayāt
ich werde dich aus großer Furcht erretten
[Anm.: Im Quelltext nur eine Zeile, mit * als unvollständiger Halbvers markiert (Fortsetzung der Rede des Königs); für die wfw-Darstellung in zwei Sinnabschnitte geteilt.]
Ciccika sprach: Ich werde dir mein früheres Geschehen erzählen, o Pavamāna, höre es: Ich war ein vortrefflicher Brahmane, der Veda und Vedāṅgas ganz durchdrungen hatte,
Wort für Wort
vakṣye 'haṃ tvāṃ pūrvavṛttaṃ pavamāna śṛṇuṣva tat
ich werde dir mein früheres Geschehen erzählen, o Pavamāna, höre es
ahaṃ dvijātipravaro vedavedāṅgapāragaḥ
ich war ein vortrefflicher Brahmane, der Veda und Vedāṅgas ganz durchdrungen hatte
von guter Familie, als weise bekannt, ein Zerstörer von Aufgaben, dem Streit zugetan; im Angesicht sprach ich anders, hinter dem Rücken anders zu den Wesen.
Wort für Wort
kulīno viditaprājñaḥ kāryahantā kalipriyaḥ
von guter Familie, als weise bekannt, ein Zerstörer von Aufgaben, dem Streit zugetan
vade puras tathā pṛṣṭhe anyad anyac ca jantuṣu
im Angesicht sprach ich anders, hinter dem Rücken anders zu den Wesen
anyac ca śṛṇu bhūpāla vākyaṃ dharmārthasaṃhitam / brahmahatyāsamaṃ pāpaṃ tad vinā tad avāpyate //
Und höre, o Herrscher, ein weiteres Wort, das mit Dharma und Sinn verbunden ist: Eine dem Brahmanenmord gleiche Sünde erlangt man auch ohne diesen Mord selbst.
Wort für Wort
anyac ca śṛṇu bhūpāla vākyaṃ dharmārthasaṃhitam
und höre, o Herrscher, ein weiteres Wort, das mit Dharma und Sinn verbunden ist
brahmahatyāsamaṃ pāpaṃ tad vinā tad avāpyate
eine dem Brahmanenmord gleiche Sünde erlangt man auch ohne diesen Mord selbst
Ein Kṣatriya, der in die Schlacht gezogen ist, oder anderswo als in der Schlacht – einen Fliehenden, der die Waffen niedergelegt hat, einen Vertrauensvollen und Abgewandten,
Wort für Wort
kṣatriyaḥ saṃgaraṃ gatvā athavānyatra saṃgarāt
ein Kṣatriya, der in die Schlacht gezogen ist, oder anderswo als in der Schlacht
palāyantaṃ nyastaśastraṃ viśvastaṃ ca parāṅmukham
einen Fliehenden, der die Waffen niedergelegt hat, einen Vertrauensvollen und Abgewandten
pratyakṣe ca priyaṃ vakti parokṣe paruṣāṇi ca / anyad dhṛdi vacasy anyat karoty anyat sadaiva yaḥ //
Wer im Angesicht Angenehmes spricht und in Abwesenheit Grobes, wer im Herzen anderes denkt, in der Rede anderes und in der Tat stets wieder anderes tut,
Wort für Wort
pratyakṣe ca priyaṃ vakti parokṣe paruṣāṇi ca
wer im Angesicht Angenehmes spricht und in Abwesenheit Grobes
anyad dhṛdi vacasy anyat karoty anyat sadaiva yaḥ
wer im Herzen anderes denkt, in der Rede anderes und in der Tat stets wieder anderes tut
Obwohl ich so beschaffen war, o König, verhielt ich mich aus Heuchelei und Scham wie ein Mann guten Wandels; deshalb, o König, wurde ich dennoch als Brahmane geboren.
Brahmā sprach: Dieses Wort Ciccikas gehört habend, sprach der überaus erstaunte König Pavamāna zu dem Vogel: ,Durch welche Tat wird deine Erlösung geschehen?'
Wort für Wort
tac ciccikavacaḥ śrutvā pavamānaḥ suvismitaḥ
dieses Wort Ciccikas gehört habend, der überaus erstaunte König Pavamāna
karmaṇā kena te muktir ity āha nṛpatir dvijam
sprach zu dem Vogel: durch welche Tat wird deine Erlösung geschehen
{ciccika uvāca:} asminn eva nagaśreṣṭhe gautamyā uttare taṭe / gadādharaṃ nāma tīrthaṃ tatra māṃ naya suvrata //
Ciccika sprach: Eben auf diesem vortrefflichen Berg, am nördlichen Ufer der Gautamī, liegt das Gadādhara genannte Tīrtha; dorthin führe mich, o Tugendfester.
Wort für Wort
asminn eva nagaśreṣṭhe gautamyā uttare taṭe
eben auf diesem vortrefflichen Berg, am nördlichen Ufer der Gautamī
gadādharaṃ nāma tīrthaṃ tatra māṃ naya suvrata
liegt das Gadādhara genannte Tīrtha; dorthin führe mich, o Tugendfester
Sobald ich ihn gesehen habe, werde ich zum Himmel gehen, durch deine Gnade, o Tugendfester.
Wort für Wort
dṛṣṭvaiva taṃ divaṃ yāsye
sobald ich ihn gesehen habe, werde ich zum Himmel gehen
prasādāt tava suvrata
durch deine Gnade, o Tugendfester
[Anm.: Im Quelltext nur eine Zeile, mit * als unvollständiger Halbvers markiert (Fortsetzung von Ciccikas Rede); für die wfw-Darstellung in zwei Sinnabschnitte geteilt.]
Ciccika sprach: O Gaṅgā, Gautamī, solange ein Mensch dich, die Reinigerin der drei Welten, nicht sieht, so lange gilt er hier und im Jenseits als Sünder.
Wort für Wort
gaṅge gautami yāvat tvāṃ trijagatpāvanīṃ naraḥ
o Gaṅgā, Gautamī, solange ein Mensch dich, die Reinigerin der drei Welten
na paśyaty ucyate tāvad ihāmutrāpi pātakī
nicht sieht, so lange gilt er hier und im Jenseits als Sünder
tasmāt sarvāgasam api mām uddhara saridvare / saṃsāre dehinām anyā na gatiḥ kāpi kutracit / tvāṃ vinā viṣṇucaraṇa-saroruhasamudbhave //
Darum errette mich, obwohl ich mit aller Schuld beladen bin, o vortrefflichster Fluss; für die verkörperten Wesen im Saṃsāra gibt es nirgendwo eine andere Zuflucht außer dir, die du aus dem Lotos an Viṣṇus Fuß entstanden bist.
Wort für Wort
tasmāt sarvāgasam api mām uddhara saridvare
darum errette mich, obwohl ich mit aller Schuld beladen bin, o vortrefflichster Fluss
saṃsāre dehinām anyā na gatiḥ kāpi kutracit
für die verkörperten Wesen im Saṃsāra gibt es nirgendwo eine andere Zuflucht
tvāṃ vinā viṣṇucaraṇa-saroruhasamudbhave
außer dir, die du aus dem Lotos an Viṣṇus Fuß entstanden bist
Brahmā sprach: So, durch Glauben geläuterten Sinnes, allein in der Gaṅgā Zuflucht suchend, vollzog der Zweifachgeborene das Bad, im Inneren gedenkend: ,O Gaṅgā, errette mich.'
Wort für Wort
iti śraddhāviśuddhātmā gaṅgaikaśaraṇo dvijaḥ
so, durch Glauben geläuterten Sinnes, allein in der Gaṅgā Zuflucht suchend, der Zweifachgeborene
snānaṃ cakre smarann antar gaṅge trāyasva mām iti
vollzog das Bad, im Inneren gedenkend: o Gaṅgā, errette mich
Nachdem er sich darauf vor Gadādhara verneigt hatte, stieg er, vor den Augen der Bergbewohner, von Pavamāna dazu ermächtigt, sogleich zum Himmel empor.
Wort für Wort
gadādharaṃ tato natvā paśyatsu nagavāsiṣu
nachdem er sich darauf vor Gadādhara verneigt hatte, vor den Augen der Bergbewohner
pavamānābhyanujñātas tadaiva divam ākramat
von Pavamāna dazu ermächtigt, stieg er sogleich zum Himmel empor