Kapitel 117: ātmatīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Ātma-Tīrtha (Dattātreyas Bußgebet an Śiva)
Brahmā erzählt: Datta (Dattātreya), Sohn des Atri, Bruder des Durvāsas, bittet seinen Vater um den Weg zum Brahman-Wissen; Atri weist ihn an, an der Gautamī Maheśvara zu preisen. Es folgt eine ausführliche, sehr persönlich gehaltene Bußhymne (V.7-17), in der Dattātreya seine Verstrickung in Saṃsāra, Leid, Krankheit, Alter, Leidenschaften und Tod beklagt und um Śivas Gnade sowie beständige Nähe zu ihm bittet, ohne weltliche Macht zu begehren. Śiva gewährt Selbst-Erkenntnis, Erlösung, Genuss und die Größe der Pilgerstätte, die fortan als Ātma-Tīrtha bekannt ist.
Brahmā sprach: 'Es wird Ātma-Tīrtha genannt, das den Menschen Genuss und Erlösung verleiht; seine Macht werde ich beschreiben, wo Śiva der Herr des Wissens (Jñāneśvara) ist.'
Wort für Wort
ātmatīrtham iti khyātaṃ bhuktimuktipradaṃ nṛṇām
es wird Ātma-Tīrtha genannt, das den Menschen Genuss und Erlösung verleiht
datta ity api vikhyātaḥ so 'triputro harapriyaḥ /
durvāsasaḥ priyo bhrātā sarvajñānaviśāradaḥ /
sa gatvā pitaraṃ prāha vinayena praṇamya ca // BrP_117.2 //
Der als 'Datta' bekannte Sohn des Atri, Hara lieb, der geliebte Bruder des Durvāsas, kundig in allem Wissen – er ging zu seinem Vater, verneigte sich demütig und sprach:
Wort für Wort
datta ity api vikhyātaḥ so 'triputro harapriyaḥ
der als 'Datta' bekannte Sohn des Atri, Hara lieb
durvāsasaḥ priyo bhrātā sarvajñānaviśāradaḥ
der geliebte Bruder des Durvāsas, kundig in allem Wissen
sa gatvā pitaraṃ prāha vinayena praṇamya ca
er ging zu seinem Vater, verneigte sich demütig und sprach
[Anm.: 'Datta' = Dattātreya, Sohn des Atri; Vers mit drei Zeilen im Original.]
Brahmā sprach: 'So sei es', sprechend, ging der Sohn des Atri (Ātreya) zur Gaṅgā, wo er sich reinigte; mit gefalteten Händen pries er mit Hingabe Śaṃkara.
Wort für Wort
tathety uktvā tadātreyo gaṅgāṃ gatvā śucir yataḥ
'so sei es' sprechend, ging der Sohn des Atri zur Gaṅgā, wo er sich reinigte
kṛtāñjalipuṭo bhūtvā bhaktyā tuṣṭāva śaṃkaram
mit gefalteten Händen pries er mit Hingabe Śaṃkara
Datta sprach: 'Ich bin durch Schicksal in den Brunnen des Weltenkreislaufs gefallen, durch Verblendung im Schlamm des irdischen Leids verborgen; von der Finsternis namens Unwissenheit umhüllt, finde ich das Höchste nicht, o Herr der Götterherren.'
Wort für Wort
saṃsārakūpe patito 'smi daivān
ich bin durch Schicksal in den Brunnen des Weltenkreislaufs gefallen
mohena gupto bhavaduḥkhapaṅke
durch Verblendung im Schlamm des irdischen Leids verborgen
ajñānanāmnā tamasāvṛto 'haṃ
von der Finsternis namens Unwissenheit umhüllt
paraṃ na vindāmi surādhinātha
finde ich das Höchste nicht, o Herr der Götterherren
[Anm.: Ab hier V.7-17 Datta-Hymne (Dattātreyas Klage- und Bittgebet an Śiva) in besonderem, padaweise gezähltem Hymnenmetrum.]
'Durchbohrt bin ich vom mächtigen Dreizack der Sünde, und zerschnitten vom Rasiermesser der Sorge; gequält bin ich von den heftigen Qualen der fünf Sinne, erschöpft bin ich – bringe mich hinüber, o Somanātha.'
Wort für Wort
bhinnas triśūlena balīyasāhaṃ pāpena
durchbohrt bin ich vom mächtigen Dreizack der Sünde
cintākṣurapāṭitaś ca
und zerschnitten vom Rasiermesser der Sorge
tapto 'smi pañcendriyatīvratāpaiḥ
gequält bin ich von den heftigen Qualen der fünf Sinne
śrānto 'smi saṃtāraya somanātha
erschöpft bin ich, bringe mich hinüber, o Somanātha
'Gefesselt bin ich mit den Fesseln der Armut, geschlagen von den heftigen Qualen des Krankheitsfeuers; überwältigt bin ich von der Schlange des Todes, überaus verängstigt – was soll ich tun, o Śambhu?'
Wort für Wort
baddho 'smi dāridryamayaiś ca bandhair
gefesselt bin ich mit den Fesseln der Armut
hato 'smi rogānalatīvratāpaiḥ
geschlagen von den heftigen Qualen des Krankheitsfeuers
bhavābhavābhyām atipīḍito 'haṃ BrP_117.10a
tṛṣṇākṣudhābhyāṃ ca rajastamobhyām BrP_117.10b
īdṛkṣayā jarayā cābhibhūtaḥ BrP_117.10c
paśyāvasthāṃ kṛpayā me 'dya nātha BrP_117.10d
'Von Werden und Nicht-Werden bin ich überaus gequält, von Durst und Hunger, von Rajas und Tamas; von solch einem Alter überwältigt – sieh, o Herr, heute mit Mitleid meinen Zustand.'
Wort für Wort
bhavābhavābhyām atipīḍito 'haṃ
von Werden und Nicht-Werden bin ich überaus gequält
'Von Begierde, Zorn und Neid, von Heuchelei, Hochmut und vielen anderen (Lastern) einzeln durchbohrt bin ich in Not geraten; du, o Herr, wehre wie ein wahrer Beschützer diese Feinde ab.'
Wort für Wort
kāmena kopena ca matsareṇa
von Begierde, Zorn und Neid
dambhena darpādibhir apy anekaiḥ
von Heuchelei, Hochmut und vielen anderen (Lastern)
ekaikaśaḥ kaṣṭagato 'smi viddhas
einzeln durchbohrt bin ich in Not geraten
tvaṃ nāthavad vāraya nātha śatrūn
du, o Herr, wehre wie ein wahrer Beschützer diese Feinde ab
'Dass irgendjemand für irgendeinen gefallenen Menschen zum Leid-Vertreiber wird, ist wahr; doch außer dir, o Somanātha, gibt es nirgendwo für mich auch nur ein Wort des Mitgefühls.'
tāvat sa kopo bhayamohaduḥkhāny BrP_117.13a
ajñānadāridryarujas tathaiva BrP_117.13b
kāmādayo mṛtyur apīha yāvan BrP_117.13c
namaḥ śivāyeti na vacmi vākyam BrP_117.13d
'So lange bestehen jener Zorn, Furcht, Verblendung, Leid, ebenso Unwissenheit, Armut und Krankheit, Begierde und dergleichen, ja sogar der Tod – solange ich das Wort ‚Namaḥ Śivāya' nicht spreche.'
Wort für Wort
tāvat sa kopo bhayamohaduḥkhāny
so lange bestehen jener Zorn, Furcht, Verblendung, Leid
ajñānadāridryarujas tathaiva
ebenso Unwissenheit, Armut und Krankheit
kāmādayo mṛtyur apīha yāvan
Begierde und dergleichen, ja sogar der Tod, solange
na me 'sti dharmo na ca me 'sti bhaktir BrP_117.14a
nāhaṃ vivekī karuṇā kuto me BrP_117.14b
dātāsi tenāśu śaraṇya citte BrP_117.14c
nidhehi someti padaṃ madīye BrP_117.14d
'Ich habe weder Dharma noch Hingabe, ich bin nicht unterscheidungsfähig – woher käme mir Mitgefühl? Du bist der Geber; deshalb, o Zufluchtsort, lege rasch das Wort ‚Soma' in mein Herz.'
Wort für Wort
na me 'sti dharmo na ca me 'sti bhaktir
ich habe weder Dharma noch Hingabe
nāhaṃ vivekī karuṇā kuto me
ich bin nicht unterscheidungsfähig, woher käme mir Mitgefühl
dātāsi tenāśu śaraṇya citte
du bist der Geber, deshalb, o Zufluchtsort, rasch in (mein) Herz
yāce na cāhaṃ surabhūpatitvaṃ BrP_117.15a
hṛtpadmamadhye mama somanātha BrP_117.15b
śrīsomapādāmbujasaṃnidhānaṃ BrP_117.15c
yāce vicāryaiva ca tat kuruṣva BrP_117.15d
'Ich erbitte nicht die Königsherrschaft über die Götter; inmitten des Lotos meines Herzens, o Somanātha, erbitte ich die Nähe deiner glückverheißenden Lotosfüße – bedenke dies und gewähre es.'
Wort für Wort
yāce na cāhaṃ surabhūpatitvaṃ
ich erbitte nicht die Königsherrschaft über die Götter
hṛtpadmamadhye mama somanātha
inmitten des Lotos meines Herzens, o Somanātha
śrīsomapādāmbujasaṃnidhānaṃ yāce
erbitte ich die Nähe deiner glückverheißenden Lotosfüße
'So wie ich dir als Sünder bekannt bin, so höre dennoch diese Bitte an: Wo immer das Wort ‚Śiva' gehört wird, dort möge mein Aufenthalt sein, o Somanātha.'
gaurīpate śaṃkara somanātha BrP_117.17a
viśveśa kāruṇyanidhe 'khilātman BrP_117.17b
saṃstūyate yatra sadeti tatra BrP_117.17c
keṣām api syāt kṛtināṃ nivāsaḥ BrP_117.17d
'O Gemahl der Gaurī, Śaṃkara, Somanātha, Herr des Alls, Schatz des Mitgefühls, Seele von allem – wo immer du stets gepriesen wirst, dort möge die Wohnstatt einiger Verdienstvoller sein.'
Wort für Wort
gaurīpate śaṃkara somanātha
o Gemahl der Gaurī, Śaṃkara, Somanātha
viśveśa kāruṇyanidhe 'khilātman
Herr des Alls, Schatz des Mitgefühls, Seele von allem
Brahmā sprach: Als er diese Lobpreisung des Ātreya gehört hatte, wurde der erhabene Hara zufrieden; 'Ich gewähre einen Segen' sprach der Weltenschöpfer Bhava zu jenem Yogin.
Wort für Wort
ity ātreyastutiṃ śrutvā tutoṣa bhagavān haraḥ
als er diese Lobpreisung des Ātreya gehört hatte, wurde der erhabene Hara zufrieden
varado 'smīti taṃ prāha yoginaṃ viśvakṛd bhavaḥ
'ich gewähre einen Segen', sprach der Weltenschöpfer Bhava zu jenem Yogin
{ātreya uvāca: }
ātmajñānaṃ ca muktiṃ ca bhuktiṃ ca vipulāṃ tvayi /
tīrthasyāpi ca māhātmyaṃ varo 'yaṃ tridaśārcita // BrP_117.19 //
Ātreya sprach: 'Selbst-Erkenntnis, Erlösung und reichlichen Genuss durch dich, sowie die Größe dieser Pilgerstätte – das sei meine erbetene Gabe, o von den Göttern Verehrter.'
Wort für Wort
ātmajñānaṃ ca muktiṃ ca bhuktiṃ ca vipulāṃ tvayi
Selbst-Erkenntnis, Erlösung und reichlichen Genuss durch dich
tīrthasyāpi ca māhātmyaṃ varo 'yaṃ tridaśārcita
sowie die Größe dieser Pilgerstätte – das sei meine erbetene Gabe, o von den Göttern Verehrter
Brahmā sprach: 'So sei es', sprach Śambhu zu ihm und verschwand; von da an kennen die Weisen jene Pilgerstätte als Ātma-Tīrtha; dort führen Bad und Spende, o Nārada, zur Erlösung.
Wort für Wort
evam astv iti taṃ śaṃbhur uktvā cāntaradhīyata
'so sei es', sprach Śambhu zu ihm und verschwand
tataḥ prabhṛti tat tīrtham ātmatīrthaṃ vidur budhāḥ
von da an kennen die Weisen jene Pilgerstätte als Ātma-Tīrtha
tatra snānena dānena muktiḥ syād iha nārada
dort führen Bad und Spende, o Nārada, zur Erlösung