Kapitel 146: kālañjaratīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Kālañjara- (Yāyāta-) Tīrtha (König Yayāti, Devayānī, Śarmiṣṭhā und der Fluch des Alters)
König Yayāti hat zwei Gattinnen: Devayānī, Śukras Tochter, und Śarmiṣṭhā, die Tochter des Vṛṣaparvan und Dienerin Devayānīs. Als Devayānī sich bei ihrem Vater über die größere Kinderzahl der Nebenfrau beklagt, verflucht Śukra Yayāti zu vorzeitigem Greisenalter; auf Yayātis Einwand hin gewährt er die Gnade, das Alter auf einen willigen Sohn übertragen zu können. Nur der jüngste Sohn Pūru nimmt es an, während die älteren Brüder Yadu, Turvasu, Druhyu und Anu es ablehnen und dafür verflucht werden. Nach tausend Jahren des durch Pūrus Jugend genossenen Lebens gibt Yayāti ihm die Jugend zurück und übt Askese an der Gautamī, worauf Śiva auf Pūrus Bitte das Greisenalter vernichtet und die Brüder vom Fluch befreit. Ursprung des Kālañjara-Tīrtha (auch Yāyāta, Nāhuṣa, Paura, Śaukra, Śārmiṣṭha) mit 108 weiteren Tīrthas.
Brahmā sprach: Es gibt eine weitere Tīrtha namens Yāyāta, wo Śiva als Kālañjara weilt, die alle Sünden besänftigt; ihre Geschichte wird von mir erzählt.
Wort für Wort
yāyātam aparaṃ tīrthaṃ yatra kālañjaraḥ śivaḥ
Yāyāta genannt (ist) eine weitere Tīrtha, wo Śiva als Kālañjara (weilt)
sarvapāpapraśamanaṃ tadvṛttam ucyate mayā
alle Sünden besänftigend - ihre Geschichte wird von mir erzählt
{devayāny uvāca:} mama tv apatyadvitayam abhāgyāyā bhṛgūdvaha /
mama dāsyāḥ sabhāgyāyā apatyatritayaṃ pitaḥ //
Devayānī sprach: Mir, der Unglücklichen, o Sproß Bhṛgus, wurden nur zwei Kinder geboren, während meiner Dienerin, der Glücklichen, drei Kinder wurden, o Vater.
Wort für Wort
mama tv apatyadvitayam abhāgyāyā bhṛgūdvaha
mir, der Unglücklichen, o Sproß Bhṛgus, (sind) nur zwei Kinder
mama dāsyāḥ sabhāgyāyā apatyatritayaṃ pitaḥ
meiner Dienerin, der Glücklichen, (sind) drei Kinder, o Vater
tad etad anumṛśyāyaṃ duḥkham atyantam āgatā /
mariṣye dānavaguro yayātikṛtavipriyāt /
mānabhaṅgād varaṃ tāta maraṇaṃ hi manasvinām //
Wenn ich dies bedenke, bin ich in äußerstes Leid geraten. Ich werde sterben, o Lehrer der Dānavas, durch das mir von Yayāti zugefügte Unrecht; besser als die Kränkung der Ehre ist für Stolze der Tod, mein Vater.
Wort für Wort
tad etad anumṛśyāyaṃ duḥkham atyantam āgatā
dies bedenkend, bin ich in äußerstes Leid geraten
mariṣye dānavaguro yayātikṛtavipriyāt
ich werde sterben, o Lehrer der Dānavas, durch das von Yayāti zugefügte Unrecht
mānabhaṅgād varaṃ tāta maraṇaṃ hi manasvinām
besser als Ehrkränkung ist für Stolze der Tod, mein Vater
na ca bhoktuṃ na ca tyaktuṃ śaknoti viṣayāturaḥ /
spṛhayan manasaivāste niḥśvāsocchvāsanaṣṭadhīḥ //
Der von den Sinnesobjekten Gequälte vermag weder zu genießen noch zu lassen; nur im Geiste begehrend verweilt er, den Verstand durch Seufzen und Atmen zerrüttet.
Wort für Wort
na ca bhoktuṃ na ca tyaktuṃ śaknoti viṣayāturaḥ
der von den Sinnesobjekten Gequälte vermag weder zu genießen noch zu lassen
spṛhayan manasaivāste niḥśvāsocchvāsanaṣṭadhīḥ
nur im Geiste begehrend verweilt er, den Verstand durch Seufzen zerrüttet
vṛddhatvam eva maraṇaṃ jīvatām api dehinām /
tasmāc chīghraṃ prayāhi tvaṃ jarāṃ bhūpātidurdharām //
Das Greisenalter allein ist der Tod, auch für lebende verkörperte Wesen. Daher sollst du rasch in das schwer zu ertragende Greisenalter eingehen, o König.
Wort für Wort
vṛddhatvam eva maraṇaṃ jīvatām api dehinām
das Greisenalter allein ist der Tod, auch für lebende verkörperte Wesen
{yayātir uvāca:} nāparādhye na saṃkupye naivādharmaṃ pravartaye /
adharmakāriṇaḥ pāpāḥ śāsyā eva mahātmanām //
Yayāti sprach: Ich habe keine Schuld begangen, ich zürne nicht, ich verbreite kein Unrecht. Die Sünder, die Unrecht tun, sind es, die von den Großmütigen zurechtgewiesen werden müssen.
Wort für Wort
nāparādhye na saṃkupye naivādharmaṃ pravartaye
ich habe keine Schuld begangen, ich zürne nicht, ich verbreite kein Unrecht
adharmakāriṇaḥ pāpāḥ śāsyā eva mahātmanām
die Sünder, die Unrecht tun, sind es, die von den Großmütigen zurechtgewiesen werden müssen
tasmān na mama viprendra śāpaṃ dātuṃ tvam arhasi /
vidvāṃso 'pi hi nirdoṣe yadi kupyanti mohitāḥ /
tadā na doṣo mūrkhāṇāṃ dveṣāgnipluṣṭacetasām //
Daher gebührt es dir nicht, o Herr der Brahmanen, mir einen Fluch aufzuerlegen. Wenn nämlich selbst Gelehrte, verblendet, gegen einen Schuldlosen zürnen, dann trifft keine Schuld die Toren, deren Sinn vom Feuer des Hasses versengt ist.
Wort für Wort
tasmān na mama viprendra śāpaṃ dātuṃ tvam arhasi
daher gebührt es dir nicht, o Herr der Brahmanen, mir einen Fluch aufzuerlegen
vidvāṃso 'pi hi nirdoṣe yadi kupyanti mohitāḥ
wenn selbst Gelehrte, verblendet, gegen einen Schuldlosen zürnen
tadā na doṣo mūrkhāṇāṃ dveṣāgnipluṣṭacetasām
dann trifft keine Schuld die Toren, deren Sinn vom Feuer des Hasses versengt ist
[Anm.: Dreizeiliger Vers im Original; die genaue logische Verbindung des letzten Halbsatzes bleibt sinngemäß.]
Śukra sprach: Ich weiß, dass dir von ihr Unrecht zugefügt wurde - ich spreche keine Unwahrheit. Ich will diesem Fluch eine Gnade beifügen; höre, o König.
Wort für Wort
jñātaṃ mayānayākāri vipriyaṃ na vade 'nṛtam
ich weiß, dass dir von ihr Unrecht zugefügt wurde - ich spreche keine Unwahrheit
śāpasyemaṃ kariṣyāmi śṛṇuṣvānugrahaṃ nṛpa
diesem Fluch will ich eine Gnade beifügen; höre, o König
Welchem Sohn du auch immer das Greisenalter zu übertragen wünschst, o Ehrenspender - auf ihn soll dieses Greisenalter übergehen, o König, durch meine Gunst.
Wort für Wort
yasmai putrāya saṃdātuṃ jarām icchasi mānada
welchem Sohn du auch immer das Greisenalter zu übertragen wünschst, o Ehrenspender
tasya sā yātv iyaṃ rājañ jarā putrāya madvarāt
auf diesen Sohn soll das Greisenalter übergehen, o König, durch meine Gunst
{yayātir uvāca:} yo gṛhṇāti mayā dattāṃ jarāṃ bhaktisamanvitaḥ /
sa rājā syād daityaguro tad etad anumanyatām //
Yayāti sprach: Wer immer, mit Hingabe erfüllt, das von mir gegebene Greisenalter annimmt, der soll König werden, o Lehrer der Daityas; das sollst du gewähren.
Wort für Wort
yo gṛhṇāti mayā dattāṃ jarāṃ bhaktisamanvitaḥ
wer, mit Hingabe erfüllt, das von mir gegebene Greisenalter annimmt
sa rājā syād daityaguro tad etad anumanyatām
der soll König werden, o Lehrer der Daityas; das sollst du gewähren
Welcher Sohn auch immer meinem Wort nicht standhaft zustimmt, o Lehrer der Daityas - den will ich verfluchen; erlaube mir dies, o Lehrer, das musst du mir gewähren.
Wort für Wort
yo madvākyaṃ nābhinandet suto daityaguro dṛḍham
welcher Sohn meinem Wort nicht standhaft zustimmt, o Lehrer der Daityas
taṃ śapeyam anujñātra dātavyaiva tvayā guro
den will ich verfluchen; die Erlaubnis dazu musst du mir gewähren, o Lehrer
Yayāti sprach: Yadu, nimm das aus dem Fluch entstandene Greisenalter von mir an, mein Sohn; du bist der Älteste, aller Ziele kundig, gereift, an der Spitze der Söhne stehend. Derjenige Sohn, der sich dem Befehl des Vaters unterordnet, macht eben dadurch den Vater zu einem wahrhaft Sohn-Habenden.
Wort für Wort
yado gṛhāṇa me śāpāj jarāṃ jātāṃ suto bhavān
Yadu, nimm, mein Sohn, das aus dem Fluch entstandene Greisenalter von mir an
Brahmā sprach: 'Nein', sprach Yadu zu seinem Vater Yayāti, dem Freigebigen. Und Yayāti, nachdem er Yadu verflucht hatte, sprach nach Belieben zu Turvasu:
Wort für Wort
nety uvāca yadus tātaṃ yayātiṃ bhūridakṣiṇam
'nein', sprach Yadu zu seinem Vater Yayāti, dem Freigebigen
yayātiś ca yaduṃ śaptvā turvasuṃ kāmam abravīt
und Yayāti, nachdem er Yadu verflucht hatte, sprach nach Belieben zu Turvasu
Auch Turvasu nahm das vom Vater gegebene Greisenalter damals nicht an. Nachdem er auch ihn verflucht hatte, sprach er zu Druhyu: 'Nimm dieses mein Greisenalter an.'
Wort für Wort
nāgṛhṇāt turvasuś cāpi pitrā dattāṃ jarāṃ tadā
auch Turvasu nahm das vom Vater gegebene Greisenalter damals nicht an
taṃ śaptvā cābravīd druhyuṃ gṛhāṇemāṃ jarāṃ mama
nachdem er auch ihn verflucht hatte, sprach er zu Druhyu: 'Nimm dieses mein Greisenalter an'
Zufrieden mit der Jugend seines Sohnes genoss Yayāti das Glück. Darauf ward der König, der Sohn des Nahuṣa, an allen Genüssen gesättigt. Voller Freude rief er darauf seinen Sohn Pūru und sprach zu ihm:
Wort für Wort
putrayauvanasaṃtuṣṭo yayātir bubhuje sukham
zufrieden mit der Jugend des Sohnes genoss Yayāti das Glück
tatas tṛpto 'bhavad rājā sarvabhogeṣu nāhuṣaḥ
darauf ward der König, der Sohn des Nahuṣa, an allen Genüssen gesättigt
tato harṣāt samāhūya pūruṃ putram athābravīt
voller Freude rief er darauf seinen Sohn Pūru und sprach zu ihm
{yayātir uvāca:} tṛpto 'smi sarvabhogeṣu yauvanena tavānagha /
gṛhāṇa yauvanaṃ putra jarāṃ me dehi kaśmalām //
Yayāti sprach: Ich bin gesättigt an allen Genüssen durch deine Jugend, du Makelloser. Nimm die Jugend zurück, mein Sohn, und gib mir das leidvolle Greisenalter zurück.
Wort für Wort
tṛpto 'smi sarvabhogeṣu yauvanena tavānagha
ich bin gesättigt an allen Genüssen durch deine Jugend, du Makelloser
gṛhāṇa yauvanaṃ putra jarāṃ me dehi kaśmalām
nimm die Jugend zurück, mein Sohn, und gib mir das leidvolle Greisenalter
Brahmā sprach: Da sagte Pūru 'Nein': 'Durch das Greisenalter werde ich selbst verzehrt. Die Wandlungen der Zustände sind für verkörperte Wesen, mein Vater, schwer abzuwenden.'
Wort für Wort
nety uvāca tadā pūrur jarayā kṣīyate mayā
da sagte Pūru 'Nein': 'durch das Greisenalter werde ich verzehrt'
vikārās tāta bhāvānāṃ durnivārāḥ śarīriṇām
die Wandlungen der Zustände sind für verkörperte Wesen, Vater, schwer abzuwenden
Das durch die Macht der Zeit gekommene Greisenalter muss von allen verkörperten Wesen ertragen werden. Wenn es aber zum Wohl des ehrwürdigen Vaters angenommen wurde, wie sollte man es dann wieder ablegen?
Wort für Wort
balāt kālāgatā sahyā jarāpy akhiladehibhiḥ
das durch die Macht der Zeit gekommene Greisenalter muss von allen verkörperten Wesen ertragen werden
sā ced gurūpakārāya gṛhītā tyajyate katham
wenn es zum Wohl des ehrwürdigen (Vaters) angenommen wurde, wie sollte man es ablegen?
Denn besser als die Sünde, das einmal Angenommene wieder zu verwerfen, ist für verkörperte Wesen der Tod. Oder aber, o König, ich werde das Greisenalter durch Askese vernichten.
Wort für Wort
svīkṛtatyāgapāpād dhi dehināṃ maraṇaṃ varam
besser als die Sünde, das Angenommene zu verwerfen, ist für verkörperte Wesen der Tod
athavā tu jarāṃ rājaṃs tapasā nāśayāmy aham
oder aber, o König, ich werde das Greisenalter durch Askese vernichten
Darauf ward der Gott Śiva nach langer Zeit erfreut. Zu jenem Pūru, geschmückt mit dem Juwel überweltlicher, großzügiger Tugenden, sprach der beste der Götter: 'Was soll ich dir geben?'
Wort für Wort
tataḥ prīto 'bhavad devaḥ kālena mahatā śivaḥ
darauf ward der Gott Śiva nach langer Zeit erfreut
lokātītamahodāraguṇasanmaṇibhūṣitam
geschmückt mit dem Juwel überweltlicher, großzügiger Tugenden
kiṃ dadāmīti taṃ prāha pūruṃ sa surasattamaḥ
'was soll ich (dir) geben?' sprach der beste der Götter zu jenem Pūru
Pūru sprach: Das durch Fluch erlangte Greisenalter meines Vaters, o Herr, Gebieter der Götter - vernichte es, Herr der Götter; und meine im Zorn vom Vater verfluchten Brüder mache frei vom Fluch, o von den Göttern Verehrter.
Wort für Wort
śāpaprāptāṃ jarāṃ nātha pitur mama surādhipa
das durch Fluch erlangte Greisenalter meines Vaters, o Herr, Gebieter der Götter
tāṃ nāśayasva deveśa pitṛśaptāṃś ca kopataḥ
vernichte es, Herr der Götter; und die vom Vater im Zorn Verfluchten
madbhrātṝñ śāpato muktān kuruṣva surapūjita
meine Brüder mache frei vom Fluch, o von den Göttern Verehrter
Brahmā sprach: 'So sei es', sprach der Herr der Welt, und der Herr der Welt vernichtete das durch den Fluch entstandene Greisenalter und befreite die Brüder vom Fluch.
Wort für Wort
tathety uktvā jagannāthaḥ śāpāj jātāṃ jarāṃ tathā
'so sei es', sprach der Herr der Welt, und (vernichtete) das durch den Fluch entstandene Greisenalter
anāśayaj jagannātho bhrātṝṃś cakre viśāpinaḥ
der Herr der Welt vernichtete (es) und machte die Brüder fluchfrei