Kapitel 223: varṇapatanavṛddhikāraṇavarṇanam (umāśivasaṃvādaḥ)
Die Darlegung der Ursachen von Kastenfall und Kastenaufstieg (Der Dialog von Umā und Śiva)
Ein in die Vyāsa-Erzählung eingebettetes Dialog-Kapitel zwischen der Göttin Umā und Śiva auf dem Himavat: Umā fragt, durch welche Handlungen ein Angehöriger einer höheren Kaste zur niedrigeren herabsinkt und umgekehrt ein Niedrigerer aufsteigen kann. Śiva antwortet mit einer ausführlichen Kasuistik (verbotene Speisen, Laster wie Brahmanenmord/Diebstahl/Ehebruch mit einer Śūdra-Frau als Fallursachen; Dienst, Reinheit, Gastfreundschaft, Opferdienst und Kriegertod für Kuh/Brahmanen als Aufstiegsursachen) und gipfelt in der programmatischen Lehre, dass weder Geburt noch Weihe noch Abstammung, sondern allein der Wandel (vṛtta) über die Brahmanennatur entscheidet.
{umovāca:} sarvajñas tvaṃ mahābhāga sarvabhūtahite rataḥ / bhūtaṃ bhavyaṃ bhaviṣyaṃ ca na te 'sty aviditaṃ mune //
Umā sprach: Du bist allwissend, o Hochgesegneter, dem Wohl aller Wesen zugetan; Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges ist dir nicht unbekannt, o Weiser.
Vyāsa sprach: Auf einem lieblichen Gipfel des Himavat, geschmückt mit mancherlei Mineralien, bedeckt mit mancherlei Bäumen und Schlingpflanzen, versehen mit mancherlei Wundern,
verneigte sich die Göttin, die Tochter des Bergkönigs, vor dem dort weilenden Mahādeva, dem Zerstörer der Tripura, dem Dreiäugigen, dem Herrn der Götter,
Wort für Wort
tatra sthitaṃ mahādevaṃ tripuraghnaṃ trilocanam /
vor dem dort weilenden (tatra sthitam) Mahādeva (mahādevam), dem Zerstörer der Tripura (tripuraghnam), dem Dreiäugigen (trilocanam),
śailarājasutā devī praṇipatya sureśvaram //
verneigte sich (praṇipatya) die Göttin, die Tochter des Bergkönigs (śailarājasutā devī), vor dem Herrn der Götter (sureśvaram).
Umā sprach: O Herr, Zerstörer des Auges des Bhaga, Vernichter der Zähne des Pūṣan, Zerstörer des Opfers des Dakṣa, Dreiäugiger, groß ist dieser mein Zweifel:
Umā sprach: O Herr (bhagavan), Zerstörer des Auges des Bhaga (bhaganetraghna), Vernichter der Zähne des Pūṣan (pūṣṇaḥ dantavināśana),
dakṣakratuhara tryakṣa saṃśayo me mahān ayam //
Zerstörer des Opfers des Dakṣa (dakṣakratuhara), Dreiäugiger (tryakṣa), groß ist dieser mein Zweifel (saṃśayaḥ me mahān ayam).
[Anm.] Die Epitheta beziehen sich auf mythologische Episoden, in denen Śiva bei der Zerstörung von Dakṣas Opfer den Gott Bhaga blendete und dem Gott Pūṣan die Zähne ausschlug.
Oder wodurch würde ein Vaiśya zum Kṣatriya, oder ein Zweifachgeborener zum Kṣatriya? Wie, o Gott, kann bei umgekehrter [Kasten-]Ordnung der Dharma wiederhergestellt werden?
etaṃ me saṃśayaṃ deva vada bhūtapate 'nagha / trayo varṇāḥ prakṛtyeha kathaṃ brāhmaṇyam āpnuyuḥ //
Diesen meinen Zweifel, o Gott, sprich aus, o Herr der Wesen, Sündloser; wie könnten die drei [übrigen] Kasten von Natur aus die Brahmanenschaft erlangen?
Wort für Wort
etaṃ me saṃśayaṃ deva vada bhūtapate 'nagha /
Diesen meinen Zweifel (etam me saṃśayam), o Gott (deva), sprich aus (vada), o Herr der Wesen (bhūtapate), Sündloser (anagha);
Śiva sprach: Die Brahmanenschaft, o Göttin, ist schwer zu erlangen; von Natur aus ist man Brahmane, o Holde, oder Kṣatriya, Vaiśya oder Śūdra von Natur aus – so ist meine Ansicht.
Śiva sprach: Die Brahmanenschaft (brāhmaṇyam), o Göttin (devi), ist schwer zu erlangen (duṣprāpam); von Natur aus (nisargāt) ist man Brahmane (brāhmaṇaḥ), o Holde (śubhe),
kṣatriyo vaiśyaśūdrau vā nisargād iti me matiḥ //
oder Kṣatriya, Vaiśya oder Śūdra (kṣatriyaḥ vaiśyaśūdrau vā) von Natur aus (nisargāt) – so ist meine Ansicht (iti me matiḥ).
Durch üble Tat fällt hier der Zweifachgeborene von seinem Stand; nachdem er den vorzüglichen Stand erlangt hat, wird er dennoch wieder daraus vertrieben.
Wort für Wort
karmaṇā duṣkṛteneha sthānād bhraśyati sa dvijaḥ /
Durch üble Tat (karmaṇā duṣkṛtena) fällt hier (iha) der Zweifachgeborene (saḥ dvijaḥ) von seinem Stand (sthānāt bhraśyati);
vaiśyakarma ca yo vipro lobhamohavyapāśrayaḥ / brāhmaṇyaṃ durlabhaṃ prāpya karoty alpamatiḥ sadā //
Und der Brahmane, der, aus Gier und Verblendung, Vaiśya-Tätigkeit ausübt, obwohl er die schwer erlangte Brahmanenschaft erreicht hat – der Kleingeistige, [der dies] stets tut,
Wort für Wort
vaiśyakarma ca yo vipro lobhamohavyapāśrayaḥ /
Und der Brahmane (vipraḥ), der Vaiśya-Tätigkeit [ausübt] (vaiśyakarma yaḥ), Gier und Verblendung zugewandt (lobhamohavyapāśrayaḥ),
obwohl er die schwer erlangte Brahmanenschaft erreicht hat (brāhmaṇyam durlabham prāpya), tut dies (karoti) der Kleingeistige (alpamatiḥ) stets (sadā).
sa dvijo vaiśyatām eti vaiśyo vā śūdratām iyāt / svadharmāt pracyuto vipras tataḥ śūdratvam āpnuyāt //
der Zweifachgeborene gelangt zur Vaiśya-Natur; oder ein Vaiśya käme zur Śūdra-Natur; der von seinem eigenen Dharma abgefallene Brahmane erlangte danach die Śūdraschaft.
Wort für Wort
sa dvijo vaiśyatām eti vaiśyo vā śūdratām iyāt /
der Zweifachgeborene (saḥ dvijaḥ) gelangt zur Vaiśya-Natur (vaiśyatām eti); oder ein Vaiśya (vaiśyaḥ vā) käme zur Śūdra-Natur (śūdratām iyāt);
yas tu śūdraḥ svadharmeṇa jñānavijñānavāñ śuciḥ / dharmajño dharmanirataḥ sa dharmaphalam aśnute //
Wer aber ein Śūdra ist, [der] durch seinen eigenen Dharma, mit Wissen und Erkenntnis begabt, rein, den Dharma kennend und dem Dharma zugetan – der genießt die Frucht des Dharma.
Wort für Wort
yas tu śūdraḥ svadharmeṇa jñānavijñānavāñ śuciḥ /
Wer aber (yaḥ tu) ein Śūdra ist (śūdraḥ), durch seinen eigenen Dharma (svadharmeṇa), mit Wissen und Erkenntnis begabt (jñānavijñānavān), rein (śuciḥ),
dharmajño dharmanirataḥ sa dharmaphalam aśnute //
den Dharma kennend (dharmajñaḥ) und dem Dharma zugetan (dharmanirataḥ) – der (saḥ) genießt die Frucht des Dharma (dharmaphalam aśnute).
Grimmig[erlangte] Speise ist verwerflich, o Göttin, ebenso Gruppen-Speise, Śrāddha- und Geburtsunreinheit-Speise; öffentlich ausgerufene Speise soll keinesfalls gegessen werden, und Śūdra-Speise auch nicht, in keinem Fall.
Wort für Wort
ugrānnaṃ garhitaṃ devi gaṇānnaṃ śrāddhasūtakam /
Grimmig[erlangte] Speise (ugrānnam) ist verwerflich (garhitam), o Göttin (devi), ebenso Gruppen-Speise (gaṇānnam), Śrāddha- und Geburtsunreinheit-Speise (śrāddhasūtakam);
öffentlich ausgerufene Speise (ghuṣṭānnam) soll keinesfalls gegessen werden (na eva bhoktavyam), und Śūdra-Speise auch nicht (śūdrānnam na eva vā), in keinem Fall (kvacit).
Śūdra-Speise wird stets von den großmütigen Göttern verworfen, o Göttin; dies aus dem Munde des Großvaters [Brahmā] Ausgesprochene ist maßgeblich – so ist meine Ansicht.
Wort für Wort
śūdrānnaṃ garhitaṃ devi sadā devair mahātmabhiḥ /
Śūdra-Speise (śūdrānnam) wird stets (sadā) verworfen (garhitam), o Göttin (devi), von den großmütigen Göttern (devaiḥ mahātmabhiḥ);
pitāmahamukhotsṛṣṭaṃ pramāṇam iti me matiḥ //
dies aus dem Munde des Großvaters [Brahmā] Ausgesprochene (pitāmahamukhotsṛṣṭam) ist maßgeblich (pramāṇam) – so ist meine Ansicht (iti me matiḥ).
Wenn ein Zweifachgeborener mit im Magen verbliebener Śūdra-Speise stirbt, obwohl er das Feuer angenommen und geopfert hat, dieser wird der Śūdra-Bestimmung teilhaftig.
Wort für Wort
śūdrānnenāvaśeṣeṇa jaṭhare mriyate dvijaḥ /
Mit im Magen verbliebener (jaṭhare avaśeṣeṇa) Śūdra-Speise (śūdrānnena) stirbt (mriyate) ein Zweifachgeborener (dvijaḥ),
āhitāgnis tathā yajvā sa śūdragatibhāg bhavet //
obwohl er das Feuer angenommen (āhitāgniḥ) und ebenso geopfert hat (tathā yajvā), dieser (saḥ) wird der Śūdra-Bestimmung teilhaftig (śūdragatibhāk bhavet).
brāhmaṇatvaṃ sukhaṃ prāpya durlabhaṃ yo 'vamanyate / abhojyānnāni vāśnāti sa dvijatvāt pateta vai //
Wer die leicht erlangte, [aber eigentlich] schwer erlangbare Brahmanenschaft missachtet, oder ungenießbare Speisen isst, der fällt wahrlich aus seiner Zweifachgeborenen-Natur.
Wort für Wort
brāhmaṇatvaṃ sukhaṃ prāpya durlabhaṃ yo 'vamanyate /
Wer (yaḥ) die leicht erlangte (sukham prāpya), [eigentlich] schwer erlangbare (durlabham) Brahmanenschaft (brāhmaṇatvam) missachtet (avamanyate),
abhojyānnāni vāśnāti sa dvijatvāt pateta vai //
oder ungenießbare Speisen isst (abhojyānnāni vā aśnāti), der (saḥ) fällt wahrlich (pateta vai) aus seiner Zweifachgeborenen-Natur (dvijatvāt).
Der Alkoholtrinker, der Brahmanenmörder, der Räuber, der Dieb, der Gelübdebrecher, der Unreine, der des Studiums Entbehrende, der Sündige, der Gierige, der Falschmünzer, der Betrüger,
Wort für Wort
surāpo brahmahā steyī cauro bhagnavrato 'śuciḥ /
Der Alkoholtrinker (surāpaḥ), der Brahmanenmörder (brahmahā), der Räuber (steyī), der Dieb (cauraḥ), der Gelübdebrecher (bhagnavrataḥ), der Unreine (aśuciḥ),
der Gelübdelose, der Ehemann einer Śūdra-Frau, der von Unrechtmäßigem Lebende, der Soma-Verkäufer, der Umgang mit Niedrigen Pflegende – der Brahmane fällt wahrlich aus seinem Brahma-Ursprung.
Wort für Wort
avratī vṛṣalībhartā kuṇḍāśī somavikrayī /
Der Gelübdelose (avratī), der Ehemann einer Śūdra-Frau (vṛṣalībhartā), der von Unrechtmäßigem Lebende (kuṇḍāśī), der Soma-Verkäufer (somavikrayī),
vihīnasevī vipro hi patate brahmayonitaḥ //
der Umgang mit Niedrigen Pflegende (vihīnasevī) – der Brahmane (vipraḥ) fällt wahrlich (hi patate) aus seinem Brahma-Ursprung (brahmayonitaḥ).
Wer das Lager des Lehrers besudelt, den Lehrer hasst, sich an der Verunglimpfung des Lehrers erfreut, oder auch den Veda hasst – der Brahmane fällt aus seinem Brahma-Ursprung.
Wort für Wort
gurutalpī gurudveṣī gurukutsāratiś ca yaḥ /
Wer das Lager des Lehrers besudelt (gurutalpī), den Lehrer hasst (gurudveṣī), sich an der Verunglimpfung des Lehrers erfreut (gurukutsārataḥ ca yaḥ),
brahmadviḍ vāpi patati brāhmaṇo brahmayonitaḥ //
oder auch den Veda hasst (brahmadviṭ vā api) – der Brahmane (brāhmaṇaḥ) fällt (patati) aus seinem Brahma-Ursprung (brahmayonitaḥ).
Durch diese Handlungen aber, o Göttin, [wenn sie umgekehrt] als gute geübt werden, könnte ein Śūdra zur Brahmanennatur gelangen, ein Vaiśya zur Kṣatriya-Natur gehen.
Wort für Wort
ebhis tu karmabhir devi śubhair ācaritais tathā /
Durch diese Handlungen aber (ebhiḥ tu karmabhiḥ), o Göttin (devi), [wenn sie umgekehrt] als gute geübt werden (śubhaiḥ ācaritaiḥ tathā),
Der Śūdra, der alle [seine] Pflichten wie es sich gebührt und vorschriftsmäßig [erfüllt], allen Gästen Gastfreundschaft erweisend, sich von übriggelassener Speise ernährend,
Wort für Wort
śūdraḥ karmāṇi sarvāṇi yathānyāyaṃ yathāvidhi /
Der Śūdra (śūdraḥ), der alle [seine] Pflichten (karmāṇi sarvāṇi) wie es sich gebührt (yathānyāyam) und vorschriftsmäßig [erfüllt] (yathāvidhi),
sarvātithyam upātiṣṭhañ śeṣānnakṛtabhojanaḥ //
allen Gästen Gastfreundschaft erweisend (sarvātithyam upātiṣṭhan), sich von übriggelassener Speise ernährend (śeṣānnakṛtabhojanaḥ),
devadvijātisatkartā sarvātithyakṛtavrataḥ / ṛtukālābhigāmī ca niyato niyatāśanaḥ //
der Götter und Zweifachgeborene Ehrende, dem Gelübde der allgemeinen Gastfreundschaft gemäß handelnd, [nur] zur rechten Zeit zur Gattin gehend, gezügelt, gezügelt in der Nahrung,
Wort für Wort
devadvijātisatkartā sarvātithyakṛtavrataḥ /
der Götter und Zweifachgeborene Ehrende (devadvijātisatkartā), dem Gelübde der allgemeinen Gastfreundschaft gemäß handelnd (sarvātithyakṛtavrataḥ),
ṛtukālābhigāmī ca niyato niyatāśanaḥ //
[nur] zur rechten Zeit zur Gattin gehend (ṛtukālābhigāmī ca), gezügelt (niyataḥ), gezügelt in der Nahrung (niyatāśanaḥ),
geschickt, den Umgang mit gebildeten Leuten suchend, von übriggelassener Speise sich nährend, kein unrechtmäßig [erlangtes] Fleisch essend – ein solcher Śūdra erlangt die Vaiśya-Natur.
Wort für Wort
dakṣaḥ śiṣṭajanānveṣī śeṣānnakṛtabhojanaḥ /
geschickt (dakṣaḥ), den Umgang mit gebildeten Leuten suchend (śiṣṭajanānveṣī), von übriggelassener Speise sich nährend (śeṣānnakṛtabhojanaḥ),
vṛthā māṃsaṃ na bhuñjīta śūdro vaiśyatvam ṛcchati //
kein unrechtmäßig [erlangtes] Fleisch essend (vṛthā māṃsam na bhuñjīta) – ein solcher Śūdra (śūdraḥ) erlangt die Vaiśya-Natur (vaiśyatvam ṛcchati).
sarvātithyam upātiṣṭhañ śeṣānnakṛtabhojanaḥ / tretāgnimātravihitaṃ vaiśyo bhavati ca dvijaḥ //
allen Gästen Gastfreundschaft erweisend, sich von übriggelassener Speise ernährend, mit nur dem Recht der drei Feuer versehen – ein solcher Vaiśya wird auch ein Zweifachgeborener.
Wort für Wort
sarvātithyam upātiṣṭhañ śeṣānnakṛtabhojanaḥ /
allen Gästen Gastfreundschaft erweisend (sarvātithyam upātiṣṭhan), sich von übriggelassener Speise ernährend (śeṣānnakṛtabhojanaḥ),
tretāgnimātravihitaṃ vaiśyo bhavati ca dvijaḥ //
mit nur dem Recht der drei Feuer versehen (tretāgnimātravihitam) – ein solcher Vaiśya (vaiśyaḥ) wird auch ein Zweifachgeborener (bhavati ca dvijaḥ).
[Anm.] 'tretāgni' bezieht sich auf die drei heiligen Feuer, deren Unterhaltung normalerweise nur den beiden oberen Kasten (bzw. Vaiśyas mit eingeschränktem Recht) zusteht.
Eingeweiht, den Gelübden ergeben, wird er ein geweihter Zweifachgeborener; er gibt Gaben, opfert mit gedeihlichen, reich mit Priestergaben versehenen Opfern,
Wort für Wort
upanīto vrataparo dvijo bhavati saṃskṛtaḥ /
Eingeweiht (upanītaḥ), den Gelübden ergeben (vrataparaḥ), wird er ein geweihter Zweifachgeborener (dvijaḥ bhavati saṃskṛtaḥ);
dadāti yajate yajñaiḥ samṛddhair āptadakṣiṇaiḥ //
er gibt Gaben (dadāti), opfert (yajate) mit gedeihlichen (samṛddhaiḥ), reich mit Priestergaben versehenen Opfern (āptadakṣiṇaiḥ yajñaiḥ),
studierend, den Himmel begehrend, stets bei den drei Feuern Zuflucht suchend, stets mit feuchter [d.h. großzügiger] Hand gebend, die Untertanen dharmagemäß beschützend,
Wort für Wort
adhītya svargam anvicchaṃs tretāgniśaraṇaḥ sadā /
studierend (adhītya), den Himmel begehrend (svargam anvicchan), stets (sadā) bei den drei Feuern Zuflucht suchend (tretāgniśaraṇaḥ),
ārdrahastaprado nityaṃ prajā dharmeṇa pālayan //
stets mit feuchter [d.h. großzügiger] Hand gebend (ārdrahastapradaḥ nityam), die Untertanen dharmagemäß beschützend (prajā dharmeṇa pālayan),
yantritaḥ kāryakaraṇaiḥ ṣaḍbhāgakṛtalakṣaṇaḥ / grāmyadharmān na seveta svacchandenārthakovidaḥ //
durch [Pflicht-]Handlungen und Sinnesorgane gezügelt, mit dem Kennzeichen der [Steuer-]Sechstelabgabe versehen, den [übermäßigen] Dorf-[Sinnes-]Genüssen nicht willkürlich nachgehend, in Artha bewandert,
Wort für Wort
yantritaḥ kāryakaraṇaiḥ ṣaḍbhāgakṛtalakṣaṇaḥ /
durch [Pflicht-]Handlungen und Sinnesorgane gezügelt (yantritaḥ kāryakaraṇaiḥ), mit dem Kennzeichen der [Steuer-]Sechstelabgabe versehen (ṣaḍbhāgakṛtalakṣaṇaḥ),
grāmyadharmān na seveta svacchandenārthakovidaḥ //
den [übermäßigen] Dorf-[Sinnes-]Genüssen nicht willkürlich nachgehend (grāmyadharmān na seveta svacchandena), in Artha bewandert (arthakovidaḥ),
stets in einem abgesonderten Außenraum schlafend, immer im Haus [pflichtbewusst] weilend, allen Gästen der drei Ziele Gastfreundschaft erweisend, stets guten Sinnes,
Wort für Wort
vahiskāntarite nityaṃ śayāno 'sti sadā gṛhe /
Stets (nityam) in einem abgesonderten Außenraum schlafend (vahiskāntarite śayānaḥ), immer im Haus [pflichtbewusst] weilend (sadā gṛhe asti),
sarvātithyaṃ trivargasya kurvāṇaḥ sumanāḥ sadā //
allen Gästen der drei Ziele Gastfreundschaft erweisend (sarvātithyam trivargasya kurvāṇaḥ), stets guten Sinnes (sumanāḥ sadā),
und den nach Speise verlangenden Śūdras stets 'es ist bereit' sagend, sei es aus eigenem Nutzen oder aus Begierde, ohne dabei etwas [Eigennütziges] erkennen zu lassen,
Wort für Wort
śūdrāṇāṃ cānnakāmānāṃ nityaṃ siddham iti bruvan /
Und den nach Speise verlangenden Śūdras (śūdrāṇām ca annakāmānām) stets (nityam) 'es ist bereit' sagend (siddham iti bruvan),
svārthād vā yadi vā kāmān na kiṃcid upalakṣayet //
sei es aus eigenem Nutzen oder aus Begierde (svārthāt vā yadi vā kāmāt), ohne dabei etwas [Eigennütziges] erkennen zu lassen (na kiṃcit upalakṣayet),
pitṛdevātithikṛte sādhanaṃ kurute ca yat / svaveśmani yathānyāyam upāste bhaikṣyam eva ca //
und was er zugunsten von Ahnen, Göttern und Gästen als Mittel bereitstellt, [tut er] in seinem eigenen Haus wie es sich gebührt, und lebt sogar von Bettelspeise,
Wort für Wort
pitṛdevātithikṛte sādhanaṃ kurute ca yat /
Und was er zugunsten von Ahnen, Göttern und Gästen (pitṛdevātithikṛte) als Mittel bereitstellt (sādhanam kurute ca yat),
svaveśmani yathānyāyam upāste bhaikṣyam eva ca //
[tut er] in seinem eigenen Haus (svaveśmani) wie es sich gebührt (yathānyāyam); er lebt sogar von Bettelspeise (upāste bhaikṣyam eva ca),
dvikālam agnihotraṃ ca juhvāno vai yathāvidhi / gobrāhmaṇahitārthāya raṇe cābhimukho hataḥ //
zweimal täglich wahrlich vorschriftsmäßig das Agnihotra opfernd; und wer zugunsten von Kuh und Brahmanen in der Schlacht [dem Feind] entgegentretend getötet wird,
Wort für Wort
dvikālam agnihotraṃ ca juhvāno vai yathāvidhi /
zweimal täglich (dvikālam) wahrlich vorschriftsmäßig (vai yathāvidhi) das Agnihotra opfernd (agnihotram ca juhvānaḥ);
gobrāhmaṇahitārthāya raṇe cābhimukho hataḥ //
und wer zugunsten von Kuh und Brahmanen (gobrāhmaṇahitārthāya) in der Schlacht [dem Feind] entgegentretend (raṇe ca abhimukhaḥ) getötet wird (hataḥ),
der wird, durch das Mantra der drei Feuer geläutert, eingehend [in jenen Zustand], zum Zweifachgeborenen, mit Wissen und Erkenntnis begabt, geweiht, im Veda bewandert.
Wort für Wort
tretāgnimantrapūtena samāviśya dvijo bhavet /
durch das Mantra der drei Feuer geläutert (tretāgnimantrapūtena), eingehend [in jenen Zustand] (samāviśya), wird er zum Zweifachgeborenen (dvijaḥ bhavet),
jñānavijñānasaṃpannaḥ saṃskṛto vedapāragaḥ //
mit Wissen und Erkenntnis begabt (jñānavijñānasaṃpannaḥ), geweiht (saṃskṛtaḥ), im Veda bewandert (vedapāragaḥ).
Der Vaiśya, dharma-gesinnt, wird durch seine eigene Tätigkeit zum Kṣatriya; durch diese Handlungsfrüchte, o Göttin, [gelangt auch,] wer aus einer geringeren Kaste/Familie entsprossen ist,
Der Vaiśya (vaiśyaḥ), dharma-gesinnt (dharmātmā), wird durch seine eigene Tätigkeit (svena karmaṇā) zum Kṣatriya (kṣatriyaḥ bhavati);
etaiḥ karmaphalair devi nyūnajātikulodbhavaḥ //
durch diese Handlungsfrüchte (etaiḥ karmaphalaiḥ), o Göttin (devi), [gelangt auch,] wer aus einer geringeren Kaste/Familie entsprossen ist (nyūnajātikulodbhavaḥ).
Auch der Śūdra, mit [heiliger] Überlieferung ausgestattet, wird ein geweihter Zweifachgeborener; auch ein Brahmane aber, von schlechtem Wandel, jede vermischte Speise essend,
Wort für Wort
śūdro 'py āgamasaṃpanno dvijo bhavati saṃskṛtaḥ /
Auch der Śūdra (śūdraḥ api), mit [heiliger] Überlieferung ausgestattet (āgamasaṃpannaḥ), wird ein geweihter Zweifachgeborener (dvijaḥ bhavati saṃskṛtaḥ);
brāhmaṇo vāpy asadvṛttaḥ sarvasaṃkarabhojanaḥ //
auch ein Brahmane aber (brāhmaṇaḥ vā api), von schlechtem Wandel (asadvṛttaḥ), jede vermischte Speise essend (sarvasaṃkarabhojanaḥ),
dieser, die Brahmanenschaft aufgebend, wird solchermaßen ein Śūdra; [umgekehrt wird man] durch reine Handlungen, o Göttin, reinen Sinnes, mit gezügelten Sinnesorganen,
Wort für Wort
sa brāhmaṇyaṃ samutsṛjya śūdro bhavati tādṛśaḥ /
dieser (saḥ), die Brahmanenschaft aufgebend (brāhmaṇyam samutsṛjya), wird solchermaßen (tādṛśaḥ) ein Śūdra (śūdraḥ bhavati);
[umgekehrt wird man] durch reine Handlungen (karmabhiḥ śucibhiḥ), o Göttin (devi), reinen Sinnes (śuddhātmā), mit gezügelten Sinnesorganen (vijitendriyaḥ),
viśuddhaḥ sa dvijātibhyo vijñeya iti me matiḥ / na yonir nāpi saṃskāro na śrutir na ca saṃtatiḥ //
dieser gilt als rein für die Zweifachgeborenen zu erkennen – so ist meine Ansicht; weder die Geburt noch die Weihe, noch die [heilige] Überlieferung, noch die Abstammung
Wort für Wort
viśuddhaḥ sa dvijātibhyo vijñeya iti me matiḥ /
dieser (saḥ) gilt als rein (viśuddhaḥ) für die Zweifachgeborenen zu erkennen (dvijātibhyaḥ vijñeyaḥ) – so ist meine Ansicht (iti me matiḥ);
na yonir nāpi saṃskāro na śrutir na ca saṃtatiḥ //
weder die Geburt (na yoniḥ) noch die Weihe (na api saṃskāraḥ), noch die [heilige] Überlieferung (na śrutiḥ), noch die Abstammung (na ca saṃtatiḥ)
kāraṇāni dvijatvasya vṛttam eva tu kāraṇam / sarvo 'yaṃ brāhmaṇo loke vṛttena tu vidhīyate //
sind die Ursachen der Zweifachgeborenen-Natur; der Wandel allein ist die Ursache; jeder wird in der Welt allein durch seinen Wandel zum Brahmanen bestimmt.
Wort für Wort
kāraṇāni dvijatvasya vṛttam eva tu kāraṇam /
sind die Ursachen der Zweifachgeborenen-Natur (kāraṇāni dvijatvasya); der Wandel allein (vṛttam eva tu) ist die Ursache (kāraṇam);
sarvo 'yaṃ brāhmaṇo loke vṛttena tu vidhīyate //
jeder (sarvaḥ ayam) wird in der Welt (loke) als Brahmane (brāhmaṇaḥ) allein durch seinen Wandel (vṛttena tu) bestimmt (vidhīyate).
vṛtte sthitaś ca śūdro 'pi brāhmaṇatvaṃ ca gacchati / brahmasvabhāvaḥ suśroṇi samaḥ sarvatra me mataḥ //
Und wer im [rechten] Wandel steht, sei er auch ein Śūdra, gelangt zur Brahmanennatur; das Wesen des Brahman, o Schönhüftige, gilt mir als überall gleich.
Wort für Wort
vṛtte sthitaś ca śūdro 'pi brāhmaṇatvaṃ ca gacchati /
Und wer im [rechten] Wandel steht (vṛtte sthitaḥ ca), sei er auch ein Śūdra (śūdraḥ api), gelangt zur Brahmanennatur (brāhmaṇatvam ca gacchati);
brahmasvabhāvaḥ suśroṇi samaḥ sarvatra me mataḥ //
das Wesen des Brahman (brahmasvabhāvaḥ), o Schönhüftige (suśroṇi), gilt mir als überall gleich (samaḥ sarvatra me mataḥ).
nirguṇaṃ nirmalaṃ brahma yatra tiṣṭhati sa dvijaḥ / ete ye vimalā devi sthānabhāvanidarśakāḥ //
In wem das eigenschaftslose, makellose Brahman weilt, der ist ein Zweifachgeborener; diese, die makellos sind, o Göttin, sind die Aufweiser des [wahren] Standes-Zustandes,
Wort für Wort
nirguṇaṃ nirmalaṃ brahma yatra tiṣṭhati sa dvijaḥ /
In wem (yatra) das eigenschaftslose, makellose Brahman (nirguṇam nirmalam brahma) weilt (tiṣṭhati), der (saḥ) ist ein Zweifachgeborener (dvijaḥ);
ete ye vimalā devi sthānabhāvanidarśakāḥ //
diese (ete), die makellos sind (ye vimalāḥ), o Göttin (devi), sind die Aufweiser des [wahren] Standes-Zustandes (sthānabhāvanidarśakāḥ),
svayaṃ ca varadenoktā brahmaṇā sṛjatā prajāḥ / brahmaṇo hi mahat kṣetraṃ loke carati pādavat //
und wurden selbst vom gabenspendenden Brahmā, der die Geschöpfe erschafft, so genannt; denn das große Feld des Brahman durchwandert wie zu Fuß die Welt.
Wort für Wort
svayaṃ ca varadenoktā brahmaṇā sṛjatā prajāḥ /
und wurden selbst (svayam ca) vom gabenspendenden Brahmā (varadena brahmaṇā), der die Geschöpfe erschafft (sṛjatā prajāḥ), so genannt (uktāḥ);
brahmaṇo hi mahat kṣetraṃ loke carati pādavat //
denn (hi) das große Feld des Brahman (brahmaṇaḥ mahat kṣetram) durchwandert wie zu Fuß (carati pādavat) die Welt (loke).
[Anm.] Vers metaphorisch verdichtet; Sinn: das 'Feld' des Brahman (die Menschheit/der Same des Brahman) verbreitet sich gleichsam wandernd über die Welt.
brāhmaṃ hi mārgam ākramya vartitavyaṃ bubhūṣatā / saṃhitādhyāyinā bhāvyaṃ gṛhe vai gṛhamedhinā //
Denn wer [Höheres] werden will, soll, den Brahma-Weg betretend, [danach] handeln; man soll ein Saṃhitā-Rezitierender sein, im Haus wahrlich als Hausvater,
Wort für Wort
brāhmaṃ hi mārgam ākramya vartitavyaṃ bubhūṣatā /
Denn (hi) wer [Höheres] werden will (bubhūṣatā), soll, den Brahma-Weg betretend (brāhmam mārgam ākramya), [danach] handeln (vartitavyam);
saṃhitādhyāyinā bhāvyaṃ gṛhe vai gṛhamedhinā //
man soll ein Saṃhitā-Rezitierender sein (saṃhitādhyāyinā bhāvyam), im Haus wahrlich als Hausvater (gṛhe vai gṛhamedhinā).
das Feuer angenommen habend, studierend, ist geeignet zur Brahma-Natur; die Brahmanenschaft, o Göttin, erlangt, soll von dem Selbstbeherrschten bewahrt werden,
Wort für Wort
āhitāgnir adhīyāno brahmabhūyāya kalpate /
das Feuer angenommen habend (āhitāgniḥ), studierend (adhīyānaḥ), ist geeignet zur Brahma-Natur (brahmabhūyāya kalpate);
durch [rechte] Geburt, [rechte] Annahme, Gaben und Handlungen, o Schönlächelnde; dies wurde dir als Geheimnis verkündet, wie ein Śūdra ein Zweifachgeborener werden kann, oder wie ein vom Dharma abgefallener Brahmane die Śūdraschaft erlangte.
Wort für Wort
yonipratigrahādānaiḥ karmabhiś ca śucismite /
durch [rechte] Geburt, [rechte] Annahme, Gaben (yonipratigrahādānaiḥ) und Handlungen (karmabhiḥ ca), o Schönlächelnde (śucismite);
etat te guhyam ākhyātaṃ yathā śūdro bhaved dvijaḥ /
dies (etat) wurde dir als Geheimnis verkündet (te guhyam ākhyātam), wie (yathā) ein Śūdra (śūdraḥ) ein Zweifachgeborener werden kann (bhavet dvijaḥ),