Kapitel 189: rāsakrīḍā ariṣṭavadhaś ca
Das Rāsa-Spiel und die Tötung des Ariṣṭa
Die Kuhhirten stellen Kṛṣṇa nach der Govardhana-Erhebung zur Rede, ob er ein Gott sei; Kṛṣṇa besteht darauf, nur ihr Verwandter zu sein. In einer Herbstnacht feiert er mit den Gopīs den berühmten Rāsa-Tanz (jede Gopī fühlt ihn an ihrer Seite). Der brünstige Stierdämon Ariṣṭa greift Gokula an und wird von Kṛṣṇa mit bloßen Händen getötet.
gate śakre tu gopālāḥ kṛṣṇam akliṣṭakāriṇam / ūcuḥ prītyā dhṛtaṃ dṛṣṭvā tena govardhanācalam //
Vyāsa sprach: Nachdem Śakra fortgegangen war, sprachen die Kuhhirten voller Zuneigung zu Kṛṣṇa, dem mühelos Handelnden, da sie den von ihm gehaltenen Berg Govardhana gesehen hatten.
Wort für Wort
gate śakre tu
nachdem Śakra fortgegangen war
gopālāḥ kṛṣṇam akliṣṭakāriṇam
die Kuhhirten zu Kṛṣṇa, dem mühelos Handelnden
ūcuḥ prītyā
sprachen voller Zuneigung
dhṛtaṃ dṛṣṭvā tena govardhanācalam
da sie den von ihm gehaltenen Berg Govardhana gesehen hatten
Die Kuhhirten sprachen: Wir sind von dir, o Glückreicher, aus großer Furcht [errettet worden], und die Kühe wurden von dir durch die Tat des Bergehaltens gerettet.
Wort für Wort
vayam asmān mahābhāga
wir ... o Glückreicher
bhavatā mahato bhayāt
von dir aus großer Furcht [errettet]
gāvaś ca bhavatā trātā
und die Kühe wurden von dir gerettet
giridhāraṇakarmaṇā
durch die Tat des Bergehaltens
[?] Genaue grammatische Beziehung von 'trātā' (Sg./Pl.) zu 'vayam' und 'gāvaḥ' im Sanskrit uneindeutig, sinngemäß übersetzt.
bālakrīḍeyam atulā gopālatvaṃ jugupsitam / divyaṃ ca karma bhavataḥ kim etat tāta kathyatām //
Dieses Kinderspiel ist unvergleichlich, das Kuhhirtendasein [für dich] verwerflich, und deine Tat ist göttlich – was ist dies, o Lieber? Es werde gesagt!
Wahrlich, wahrlich, wir nehmen Zuflucht zu den Füßen Haris, o du von unermesslicher Kraft – da wir, nachdem wir deine Heldenkraft gesehen haben, dich nicht für einen [bloßen] Menschen halten.
Wort für Wort
satyaṃ satyaṃ hareḥ pādau śrayāmaḥ
wahrlich, wahrlich, wir nehmen Zuflucht zu den Füßen Haris
devo vā dānavo vā tvaṃ yakṣo gandharva eva vā / kiṃ cāsmākaṃ vicāreṇa bāndhavo 'sti namo 'stu te //
Ob du ein Gott bist oder ein Dämon, ein Yakṣa oder wahrlich ein Gandharva – was nützt uns solches Grübeln? Du bist [unser] Verwandter, Verehrung sei dir!
Dein Kindsein und deine übergroße Kraft und deine Geburt unter uns, die unpassend [erscheint] – wenn man darüber nachsinnt, o Kṛṣṇa von unermesslichem Selbst, erzeugt dies nur Zweifel.
Wort für Wort
bālatvaṃ cātivīryaṃ ca
dein Kindsein und deine übergroße Kraft
janma cāsmāsv aśobhanam
und deine Geburt unter uns, die unpassend [erscheint]
cintyamānam ameyātman
wenn man darüber nachsinnt, o du von unermesslichem Selbst
kṣaṇaṃ bhūtvā tv asau tūṣṇīṃ kiṃcit praṇayakopavān / ity evam uktas tair gopair āha kṛṣṇo dvijottamāḥ //
Vyāsa sprach: Nachdem er einen Augenblick lang schweigsam gewesen war, ein wenig von liebevollem Unmut erfüllt, sprach Kṛṣṇa, so von jenen Kuhhirten angesprochen, o Beste der Zweifachgeborenen.
Wort für Wort
kṣaṇaṃ bhūtvā tv asau tūṣṇīm
nachdem er einen Augenblick lang schweigsam gewesen war
matsaṃbandhena vo gopā yadi lajjā na jāyate / ślāghyo vāhaṃ tataḥ kiṃ vo vicāreṇa prayojanam //
Śrī Kṛṣṇa sprach: Wenn euch, o Kuhhirten, durch die Verbindung mit mir keine Scham entsteht, oder ob ich lobenswert bin – was nützt euch dann solches Grübeln?
yadi vo 'sti mayi prītiḥ ślāghyo 'haṃ bhavatāṃ yadi / tad arghā bandhusadṛśī bāndhavāḥ kriyatāṃ mayi //
Wenn ihr Zuneigung zu mir habt, und wenn ich in euren Augen lobenswert bin, dann erweist mir ein würdiges, verwandtschaftsgemäßes Verhalten wie einem Verwandten.
Wort für Wort
yadi vo 'sti mayi prītiḥ
wenn ihr Zuneigung zu mir habt
ślāghyo 'haṃ bhavatāṃ yadi
und wenn ich in euren Augen lobenswert bin
tad arghā bandhusadṛśī
dann [erweist] ein würdiges, verwandtschaftsgemäßes [Verhalten]
bāndhavāḥ kriyatāṃ mayi
wie einem Verwandten mir gegenüber
[?] Genaue syntaktische Verbindung von 'arghā bandhusadṛśī' zu 'bāndhavāḥ kriyatām' unsicher, sinngemäß übersetzt.
Vyāsa sprach: Nachdem sie so Haris Worte gehört hatten, verstummten die glückreichen Kuhhirten und gingen dann zu Bala[rāma], während er [Kṛṣṇa] noch von liebevollem Unmut erfüllt war.
vanarājīṃ tathā kūjad-bhṛṅgamālāmanoramām / vilokya saha gopībhir manaś cakre ratiṃ prati //
und ebenso die Baumreihe des Waldes, reizvoll durch den Kranz summender Bienen, erblickend, richtete er, zusammen mit den Gopīs, seinen Sinn auf das Liebesspiel.
Nachdem sie den bezaubernden Klang des Gesangs gehört hatten, verließen die Gopīs damals ihre Wohnstätten und kamen eilig dorthin, wo Madhusūdana weilte.
Wort für Wort
ramyaṃ gītadhvaniṃ śrutvā
nachdem sie den bezaubernden Klang des Gesangs gehört hatten
Eine, im Innern ihrer Wohnstatt verweilend, da sie draußen ihren Vormund sah, sann mit geschlossenen Augen ganz in ihm aufgehend über Govinda nach.
Wort für Wort
kācid āvasathasyāntaḥ sthitvā
eine, im Innern ihrer Wohnstatt verweilend
dṛṣṭvā bahir gurum
da sie draußen ihren Vormund sah
tanmayatvena govindaṃ dadhyau
sann ganz in ihm aufgehend über Govinda nach
mīlitalocanā
mit geschlossenen Augen
[Anm.: 'dṛṣṭvā bahir gurum' sinngemäß so gedeutet, dass sie wegen eines draußen wachenden Älteren/Vormunds nicht hinausgehen konnte und stattdessen innerlich meditierte.]
gopyaś ca vṛndaśaḥ kṛṣṇa-ceṣṭābhyāyattamūrtayaḥ / anyadeśagate kṛṣṇe cerur vṛndāvanāntaram //
Und die Gopīs, in Scharen, deren Gestalt ganz von Kṛṣṇas Gebärden abhängig geworden war, durchstreiften, als Kṛṣṇa an einen anderen Ort gegangen war, das Innere Vṛndāvanas.
Wort für Wort
gopyaś ca vṛndaśaḥ
und die Gopīs, in Scharen
kṛṣṇaceṣṭābhyāyattamūrtayaḥ
deren Gestalt ganz von Kṛṣṇas Gebärden abhängig geworden war
anyadeśagate kṛṣṇe
als Kṛṣṇa an einen anderen Ort gegangen war
cerur vṛndāvanāntaram
durchstreiften sie das Innere Vṛndāvanas
[Anm.: Anspielung auf das später (z.B. Bhāgavata-Purāṇa 10,30) ausführlich geschilderte Verschwinden Kṛṣṇas aus dem Rāsa-Tanz, worauf die Gopīs ihn suchen und dabei teils seine Taten nachahmen – hier nur knapp angedeutet.]
nivṛttās tās tato gopyo nirāśāḥ kṛṣṇadarśane / yamunātīram āgamya jagus taccaritaṃ dvijāḥ //
Jene Gopīs kehrten dann um, hoffnungslos, Kṛṣṇa zu sehen, und sangen, o Zweifachgeborene, nachdem sie ans Ufer der Yamunā gekommen waren, von seinen Taten.
rāsamaṇḍalabaddho 'pi kṛṣṇapārśvam anūdgatā / gopījano na caivābhūd ekasthānasthirātmanā //
Obwohl in den Rāsa-Kreis eingebunden, war die Schar der Gopīs, [jede sich] neben Kṛṣṇa erhoben [wähnend], im Geiste nicht auf einen einzigen Ort festgelegt.
Wort für Wort
rāsamaṇḍalabaddho 'pi
obwohl in den Rāsa-Kreis eingebunden
kṛṣṇapārśvam anūdgatā
[jede sich] neben Kṛṣṇa erhoben [wähnend]
gopījano na caivābhūt
war die Schar der Gopīs nicht
ekasthānasthirātmanā
im Geiste auf einen einzigen Ort festgelegt
[?] Vers deutet wohl bereits die spätere Vervielfältigung Kṛṣṇas beim Rāsa-Tanz an (jede Gopī fühlt ihn neben sich), formuliert dies hier jedoch nur indirekt über die Wahrnehmung der Gopīs.
Dann begann [der Tanz], reizvoll durch das Klingen der sich bewegenden Armreifen, in gehöriger Abfolge, begleitet von einem herbstlichen, dichterisch zu singenden Lied.
Wort für Wort
tataḥ pravavṛte ramyā
dann begann [der Tanz], reizvoll
caladvalayanisvanaiḥ
durch das Klingen der sich bewegenden Armreifen
anuyātaśaratkāvya-geyagītir
begleitet von einem herbstlichen, dichterisch zu singenden Lied
anukramām
in gehöriger Abfolge
[?] Zusammensetzung 'anuyātaśaratkāvyageyagītiḥ' unsicher zerlegt und sinngemäß wiedergegeben.
Eine Gopī, sich vor Erschöpfung drehend, erhitzt von ihren klingenden Armreifen, legte ihren rankengleichen Arm auf die Schulter des Bezwingers Madhus.
Wort für Wort
parivṛttā śrameṇaikā
eine, sich vor Erschöpfung drehend
caladvalayatāpinī
erhitzt von ihren klingenden Armreifen
dadau bāhulatāṃ skandhe
legte sie ihren rankengleichen Arm auf die Schulter
Haris beide Arme, mit der Wange der Gopī in Berührung gekommen, wurden für die sprießende Saat seiner Hautgänsehaut zu Wolken von Schweißwasser.
Wort für Wort
gopīkapolasaṃśleṣam abhipadya
mit der Wange der Gopī in Berührung gekommen
harer bhujau
Haris beide Arme
pulakodgamaśasyāya
für die sprießende Saat seiner Hautgänsehaut
svedāmbughanatāṃ gatau
wurden zu Wolken von Schweißwasser
[Anm.: kunstvolles kāvya-Bild – die Gänsehaut wird mit sprießendem Getreide verglichen, der Schweiß mit den es nährenden Regenwolken; die genaue bildliche Logik bleibt unsicher, hier möglichst wörtlich wiedergegeben.]
Wenn er sich [im Tanz] bewegte, folgten sie; wenn er sich umwandte, traten sie ihm entgegen – die Kuhhirtinnen begleiteten Hari sowohl gegen als auch mit seiner Bewegung.
Auch er, Madhusūdana von unermesslichem Selbst, dessen Feinde bereits vernichtet waren, sein jugendliches Alter ehrend, ergötzte sich mit ihnen durch die Nächte.
Wort für Wort
so 'pi kaiśorakavayā mānayan
auch er, sein jugendliches Alter ehrend
madhusūdanaḥ
Madhusūdana
reme tābhir ameyātmā
ergötzte sich mit ihnen, von unermesslichem Selbst
kṣapāsu kṣapitāhitaḥ
durch die Nächte, dessen Feinde bereits vernichtet waren
Denn der Herr, dessen Gestalt eins ist mit dem wahren Wesen des Selbst, verweilt, alles durchdringend, in ihren Gatten, ebenso in ihnen [den Gopīs] und in allen Wesen.
Wort für Wort
tadbhartṛṣu tathā tāsu
in ihren Gatten, ebenso in ihnen
sarvabhūteṣu ca īśvaraḥ
und in allen Wesen [verweilt] der Herr
ātmasvarūparūpo 'sau
dessen Gestalt eins ist mit dem wahren Wesen des Selbst
Vyāsa sprach: Doch einst, um Mitternacht, während Janārdana dem Rāsa-Tanz zugetan war, näherte sich der Dämon Ariṣṭa, brünstig, und versetzte die Kuhweiler in Schrecken.
Wort für Wort
pradoṣārdhe kadācit tu
doch einst, um Mitternacht
rāsāsakte janārdane
während Janārdana dem Rāsa-Tanz zugetan war
trāsayan samado goṣṭhān
und versetzte, brünstig, die Kuhweiler in Schrecken
Von der Gestalt einer wasserschweren Regenwolke, scharfgehörnt, sonnenäugig, riss er mit den Schlägen seiner Hufspitzen die Erdoberfläche gewaltig auf.
mit hängender Wamme, geradewegs heranstürmend, das Gesicht von Baumstößen vernarbt, ließ der Dämon in Stiergestalt die Kühe ihre Leibesfrucht verlieren.
der, alles gewaltsam vernichtend, stets durch die Wälder streift – da wurden sie, ihn mit den überaus schrecklichen Augen erblickend, von äußerster Furcht ergriffen,
Wort für Wort
sūdayaṃs tarasā sarvān
alles gewaltsam vernichtend
vanāny aṭati yaḥ sadā
der stets durch die Wälder streift
tatas tam atighorākṣam avekṣya
da, ihn mit den überaus schrecklichen Augen erblickend
Er schlug mit dem Knie auf den Bauch [des Stieres], der, an den Hörnern gepackt, unbeweglich war, nachdem er ihm, an beiden Hörnern gefasst, Stolz und Kraft gebrochen hatte.
Jener große Dämon starb, Blut aus dem Mund erbrechend. Als jener Dämon erschlagen war, priesen die Kuhhirten Janārdana, so wie einst, als Jambha erschlagen war, die Scharen der Götter den Tausendäugigen [priesen].
Wort für Wort
mamāra sa mahādaityo
jener große Dämon starb
mukhāc choṇitam udvaman
Blut aus dem Mund erbrechend
tuṣṭuvur nihate tasmin gopā daitye janārdanam
als jener Dämon erschlagen war, priesen die Kuhhirten Janārdana
jambhe hate sahasrākṣaṃ purā devagaṇā yathā
so wie einst, als Jambha erschlagen war, die Scharen der Götter den Tausendäugigen [priesen]
[Anm.: Dreizeiliger Vers (3 Pādas statt der üblichen 2 Zeilen).]