Kapitel 218: dharmasya gativarṇanam annadānamāhātmyaṃ ca
Der Weg des Dharma und die Größe der Speisegabe
Vyāsa lehrt, wie Reue und Bekenntnis von der Wirkung des Unrechts befreien, und entfaltet ausführlich die annadāna-Lehre: die Speisegabe als höchste aller Gaben, wirksam für alle vier Stände (Brahmane, Kṣatriya, Vaiśya, Śūdra) je nach ihrer Art des Erwerbs, als Wurzel alles Dharma.
{munaya ūcuḥ:} adharmasya gatir brahman kathitā nas tvayānagha / dharmasya ca gatiṃ śrotum icchāmo vadatāṃ vara //
Die Weisen sprachen: Der Weg des Unrechts wurde uns von dir erzählt, o Brahmane, o Sündenloser. Nun wollen wir auch den Weg des Rechts hören, o Bester der Redner.
Wort für Wort
adharmasya gatir brahman kathitā nas tvayānagha /
Der Weg (gati) des Unrechts (adharma) wurde uns (naḥ) von dir (tvayā) erzählt (kathitā), o Brahmane, o Sündenloser (anagha) –
dharmasya ca gatiṃ śrotum icchāmo vadatāṃ vara //
und den Weg des Rechts (dharma) wollen wir (icchāmaḥ) hören (śrotum), o Bester der Redner (vadatāṃ vara).
Wie gelangen sie, wenn sie sündige Taten begangen haben, auf den unheilvollen Weg? Und durch welche in dieser Welt vollbrachte Tat gelangen sie auf den heilvollen Weg?
Wort für Wort
kṛtvā pāpāni karmāṇi kathaṃ yānty aśubhāṃ gatim /
Sündige Taten (pāpāni karmāṇi) begangen habend (kṛtvā), wie (katham) gelangen sie (yānti) auf den unheilvollen Weg (aśubhāṃ gatim)?
karmaṇā ca kṛteneha kena yānti śubhāṃ gatim //
Und (ca) durch welche (kena) in dieser Welt (iha) vollbrachte Tat (karmaṇā kṛtena) gelangen sie auf den heilvollen Weg (śubhāṃ gatim)?
Wenn er [sein Unrecht] den Brahmanen, den Kennern und Verkündern des Dharma, bekennt [?], so wird er rasch von dem durch Unrecht begangenen Vergehen befreit.
Wort für Wort
yadi viprāḥ kathayate viprāṇāṃ dharmavādinām /
Wenn er [es] den Brahmanen (viprāḥ/viprāṇām), den vom Dharma redenden (dharmavādinām), bekennt (kathayate) [?],
tato 'dharmakṛtāt kṣipram aparādhāt pramucyate //
so wird er danach (tataḥ) rasch (kṣipram) von dem durch Unrecht (adharma-) begangenen (kṛtāt) Vergehen (aparādhāt) befreit (pramucyate).
[?] Der Satzbau ist unklar/verderbt überliefert ("viprāḥ kathayate" passt grammatisch nicht glatt zusammen); sinngemäß übersetzt als Bekenntnis der Sünde vor dharmakundigen Brahmanen.
Wie eine Schlange die früher getragenen Häute abstreift, so lässt er jene [Sünden] zurück, wenn er, gesammelten Sinnes, dem Brahmanen mancherlei Gaben gegeben hat.
Wort für Wort
bhujaṃga iva nirmokān pūrvabhuktāñ jahāti tān /
Wie eine Schlange (bhujaṃgaḥ iva) die früher getragenen (pūrvabhuktān) Häute (nirmokān) abstreift, so lässt er jene [Sünden] zurück (jahāti tān),
dattvā viprasya dānāni vividhāni samāhitaḥ //
wenn er, gesammelten Sinnes (samāhitaḥ), dem Brahmanen (viprasya) mancherlei (vividhāni) Gaben (dānāni) gegeben hat (dattvā).
Mit gesammeltem Geist gelangt er auf den Weg zum Himmel. Nun aber will ich die Gaben verkünden, o beste der Zweifachgeborenen, durch deren Hingabe [der Mensch von Unrecht frei wird].
Wort für Wort
manaḥsamādhisaṃyuktaḥ svargatiṃ pratipadyate /
Mit gesammeltem Geist ausgestattet (manaḥsamādhisaṃyuktaḥ) gelangt er auf den Weg zum Himmel (svargatiṃ pratipadyate).
dānāni tu pravakṣyāmi yāni dattvā dvijottamāḥ //
Die Gaben (dānāni) aber will ich nun verkünden (pravakṣyāmi), o beste der Zweifachgeborenen (dvijottamāḥ), durch deren Hingabe (yāni dattvā) [man frei wird].
Aller Speise soll geben, wer aufrichtig ist und nach Dharma verlangt; denn Speise ist der Lebensatem der Menschen, und dadurch besteht [/entsteht] das Lebewesen [Anm.].
Wort für Wort
sarvam annaṃ pradātavyam ṛjunā dharmam icchatā /
Aller Speise (sarvam annam) soll geben (pradātavyam), wer aufrichtig ist (ṛjunā) und nach Dharma verlangt (dharmam icchatā);
prāṇā hy annaṃ manuṣyāṇāṃ tasmāj jantuḥ prajāyate //
denn (hi) Speise (annam) ist der Lebensatem (prāṇāḥ) der Menschen (manuṣyāṇām), und dadurch (tasmāt) besteht/entsteht das Lebewesen (jantuḥ prajāyate) [Anm.].
[Anm.] "jantuḥ prajāyate" wörtlich "das Lebewesen wird geboren/entsteht" – gemeint ist wohl, dass durch Speise das Leben der Geschöpfe erhalten bzw. fortgesetzt wird.
hṛṣṭena manasā dattaṃ na sa tiryaggatir bhavet / brāhmaṇānāṃ sahasrāṇi daśābhojya dvijottamāḥ //
wenn mit freudigem Herzen gegeben, wird der so Gebende keine Tierwiedergeburt erleiden. [Wer] zehntausend Brahmanen gespeist hat [?], o beste der Zweifachgeborenen –
Wort für Wort
hṛṣṭena manasā dattaṃ na sa tiryaggatir bhavet /
wenn mit freudigem (hṛṣṭena) Herzen (manasā) gegeben (dattam), wird er (saḥ) keine Tierwiedergeburt (tiryaggatiḥ) erleiden (na bhavet);
brāhmaṇānāṃ sahasrāṇi daśābhojya dvijottamāḥ //
[wer] zehntausend (sahasrāṇi daśa) Brahmanen (brāhmaṇānām) gespeist hat (abhojya) [?], o beste der Zweifachgeborenen (dvijottamāḥ) –
[?] "daśābhojya" ist unklar überliefert; sinngemäß als "nachdem er zehntausend (Brahmanen) gespeist hat" wiedergegeben.
wird der Mensch von seinem Unrecht befreit, auch wenn er stets den Sünden ergeben war. [Wenn] ein Brahmane, der dem Veda ergeben ist, durch Betteln Speise zusammengebracht hat –
Wort für Wort
naro 'dharmāt pramucyeta pāpeṣv abhirataḥ sadā /
wird der Mensch (naraḥ) von seinem Unrecht (adharmāt) befreit (pramucyeta), auch wenn er stets (sadā) den Sünden (pāpeṣu) ergeben war (abhirataḥ);
bhaikṣeṇānnaṃ samāhṛtya vipro vedapuraskṛtaḥ //
[wenn] ein Brahmane (vipraḥ), der dem Veda ergeben ist (vedapuraskṛtaḥ), durch Betteln (bhaikṣeṇa) Speise (annam) zusammengebracht hat (samāhṛtya) –
und sie einem dem Studium ergebenen Brahmanen gegeben hat, gedeiht er in dieser Welt in Glück, indem er das Eigentum der Brahmanen nicht verletzt und es rechtmäßig bewahrt.
Wort für Wort
svādhyāyanirate vipre dattveha sukham edhate /
und sie einem dem [Veda-]Studium ergebenen (svādhyāyanirate) Brahmanen (vipre) gegeben hat (dattvā), gedeiht er (edhate) in dieser Welt (iha) in Glück (sukham),
ahiṃsan brāhmaṇasvāni nyāyena paripālya ca //
indem er das Eigentum der Brahmanen (brāhmaṇasvāni) nicht verletzt (ahiṃsan) und es rechtmäßig (nyāyena) bewahrt (paripālya).
vertreibt er, der Rechtschaffene, damit die böse Tat, o Zweifachgeborene. Und ebenso [wirkt] der vom Sechstel-Anteil gereinigte, aus dem Ackerbau erworbene Anteil [Anm.] –
Wort für Wort
tenāpohati dharmātmā duṣkṛtaṃ karma bho dvijāḥ /
vertreibt (apohati) er, der Rechtschaffene (dharmātmā), damit (tena) die böse Tat (duṣkṛtam karma), o Zweifachgeborene (bho dvijāḥ).
ṣaḍbhāgapariśuddhaṃ ca kṛṣer bhāgam upārjitam //
Und (ca) der vom Sechstel-Anteil gereinigte (ṣaḍbhāgapariśuddham), aus dem Ackerbau (kṛṣeḥ) erworbene (upārjitam) Anteil (bhāgam) [Anm.] –
[Anm.] Bezug auf den königlichen Steueranteil (ṣaḍbhāga, das "Sechstel") auf Ackerbauerträge; der Sinn scheint zu sein, dass auch der nach Abgabe der Steuer verbleibende, rechtmäßig gereinigte Ertrag als Gabe wirksam ist – Überleitung zum folgenden Vers über den Vaiśya.
der Vaiśya, der [Speise] den Zweifachgeborenen gibt, wird von seinen Sünden befreit – [Speise,] die er unter Gefährdung seines Lebens, durch harte Mühe erworben hat.
Wort für Wort
vaiśyo dadad dvijātibhyaḥ pāpebhyaḥ parimucyate /
der Vaiśya (vaiśyaḥ), der [sie] gibt (dadat) den Zweifachgeborenen (dvijātibhyaḥ), wird von seinen Sünden (pāpebhyaḥ) befreit (parimucyate) –
avāpya prāṇasaṃdehaṃ kārkaśyena samārjitam //
[Speise,] die er, nachdem er sein Leben gefährdet hat (avāpya prāṇasaṃdeham), durch harte Mühe (kārkaśyena) erworben hat (samārjitam).
Der Śūdra, der den Zweifachgeborenen Speise gibt, wird von Sünde befreit – selbst ein Gewalttätiger [in seinem Broterwerb], der die Speise mit eigener Körperkraft erworben hat.
Auch unter jenen sind es die Speisegeber, denen der ewige Dharma zuteilwird. In jeder Lebenslage [soll] der Mensch rechtmäßig erworbene Speise [geben] –
kāryān nyāyāgataṃ nityam annaṃ hi paramā gatiḥ / annasya hi pradānena naro yāti parāṃ gatim //
die aus seiner Pflicht rechtmäßig gewonnene, beständige Speise ist der höchste Weg. Denn durch die Gabe von Speise gelangt der Mensch zum höchsten Ziel.
Wort für Wort
kāryān nyāyāgataṃ nityam annaṃ hi paramā gatiḥ /
die aus seiner Pflicht (kāryāt) rechtmäßig gewonnene (nyāyāgatam), beständige (nityam) Speise (annam) ist indeed (hi) der höchste Weg (paramā gatiḥ).
annasya hi pradānena naro yāti parāṃ gatim //
Denn (hi) durch die Gabe (pradānena) von Speise (annasya) gelangt (yāti) der Mensch (naraḥ) zum höchsten Ziel (parāṃ gatim).
nyāyaviddharmaviduṣām itihāsavidāṃ tathā / na yāti narakaṃ ghoraṃ saṃsāraṃ na ca sevate //
der Kenner der rechten Ordnung, des Dharma, sowie der Kenner der Geschichtsüberlieferungen [speist], gelangt nicht in die schreckliche Hölle und erleidet auch nicht den [leidvollen] Kreislauf der Wiedergeburten.
Wort für Wort
nyāyaviddharmaviduṣām itihāsavidāṃ tathā /
der Kenner der rechten Ordnung und des Dharma (nyāyaviddharmaviduṣām), sowie (tathā) der Kenner der Geschichtsüberlieferungen (itihāsavidām) [speist],
na yāti narakaṃ ghoraṃ saṃsāraṃ na ca sevate //
gelangt nicht (na yāti) in die schreckliche Hölle (narakaṃ ghoram) und erleidet auch nicht (na ca sevate) den Kreislauf der Wiedergeburten (saṃsāram).
Er wird schön, ruhmreich und reich geboren. Dies alles ist euch verkündet worden als die große Frucht der Speisegabe. Dies aber ist die Wurzel aller Rechtschaffenheit und aller Gaben, o Zweifachgeborene.
Wort für Wort
rūpavān kīrtimāṃś caiva dhanavāṃś copajāyate /
Er wird schön (rūpavān), ruhmreich (kīrtimān) und (ca eva) reich (dhanavān) geboren (upajāyate).
etad vaḥ sarvam ākhyātam annadānaphalaṃ mahat /
Dies alles (etat sarvam) ist euch (vaḥ) verkündet worden (ākhyātam) als die große (mahat) Frucht der Speisegabe (annadānaphalam).
mūlam etat tu dharmāṇāṃ pradānānāṃ ca bho dvijāḥ //
Dies aber (etat tu) ist die Wurzel (mūlam) aller Rechtschaffenheit (dharmāṇām) und aller Gaben (pradānānām), o Zweifachgeborene (bho dvijāḥ).
[Anm.] Schlussvers des Kapitels, im Original dreizeilig überliefert.