Kapitel 167: vipratīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Vipra-Tīrtha (Der Brahmanensohn Āsandiva, die Rākṣasī Kaṅkālinī und Narasiṃhas Rettung)
Der junge Brahmane Āsandiva wird im Schlaf, ohne Viṣṇus zu gedenken, von der gestaltwandelnden Menschenfresserin Kaṅkālinī entführt. Als alte Frau verkleidet, zwingt sie ihn durch Drohungen und Schwüre, sie als Mutter auszugeben; unter diesem Vorwand arrangiert sie seine Heirat mit der tugendhaften Tochter eines Brahmanen, um beide später zu verspeisen. Von seiner Gattin nach dem Grund seines Kummers gefragt, offenbart er ihr alles; sie rät ihm, an der Gautamī zu baden und Nārāyaṇa/Narasiṃha anzurufen. Auf sein Flehen hin tötet Nārāyaṇa mit dem Sudarśana-Diskus die Rākṣasī und gewährt ihm Wünsche sowie die Rückkehr zu seinem Lehrer. Ursprung des Vipra-Tīrtha, auch als Nārāyaṇa-Tīrtha bekannt.
Im Antarvedi-Land (lebte) ein Brahmane, der den Veda ganz durchdrungen hatte; seine Söhne waren überaus weise, mit Tugend, Schönheit und Mitgefühl ausgestattet.
Wort für Wort
antarvedyāṃ dvijaḥ kaścid brāhmaṇo vedapāragaḥ
im Antarvedi-Land lebte ein Brahmane, der den Veda ganz durchdrungen hatte
tasya putrā mahāprājñā guṇarūpadayānvitāḥ
seine Söhne waren überaus weise, mit Tugend, Schönheit und Mitgefühl ausgestattet
nagaraṃ dharmanilayaṃ lakṣmyā nilayam eva ca / tatra rājā bṛhatkīrtiḥ sarvakṣatraguṇānvitaḥ //
zu einer Stadt, der Wohnstatt des Dharma und ebenso der Wohnstatt der Lakṣmī; dort (herrschte) ein König namens Bṛhatkīrti, mit allen Kṣatriya-Tugenden ausgestattet.
Wort für Wort
nagaraṃ dharmanilayaṃ lakṣmyā nilayam eva ca
zu einer Stadt, der Wohnstatt des Dharma und ebenso der Wohnstatt der Lakṣmī
tatra rājā bṛhatkīrtiḥ sarvakṣatraguṇānvitaḥ
dort herrschte ein König namens Bṛhatkīrti, mit allen Kṣatriya-Tugenden ausgestattet
In dessen Stadt, die von unermesslicher Sicherheit und guter Ernte erfüllt war, gelangte am Ende der Nacht, den Brahmanensohn bei sich, jene Rākṣasī, welche beständig anmutige Gestalten annimmt.
Wort für Wort
tasyāmitakṣemasubhikṣayuktaṃ
in dessen Stadt, die von unermesslicher Sicherheit und guter Ernte erfüllt war
niśāvasāne dvijaputrayuktā
am Ende der Nacht, den Brahmanensohn bei sich
sā rākṣasī tat puram āsasāda
gelangte jene Rākṣasī zu jener Stadt
manojñarūpāṇi bibharti nityam
sie, die beständig anmutige Gestalten annimmt
[Anm.: Ab hier V.8-14 im vierpadigen Metrum, padaweise gezählt (a/b/c/d) statt in der sonst üblichen Zweizeiligkeit; hier zu einer Einheit je Vers zusammengefasst.]
Sie wandert, jede beliebige Gestalt annehmend, über diese ganze Erde, zusammen mit jenem Brahmanen; im südlichen Uferbereich der Godāvarī sprach sie, in Gestalt einer Alten, die Furchterregende, zu jenem Brahmanen:
Wort für Wort
sā kāmarūpeṇa caraty aśeṣāṃ
sie wandert, jede beliebige Gestalt annehmend, über die ganze
mahīm imāṃ tena samaṃ dvijena
Erde, zusammen mit jenem Brahmanen
godāvarīdakṣiṇatīrabhāge
im südlichen Uferbereich der Godāvarī
vṛddhākṛtis taṃ dvijam āha bhīmā
sprach sie, in Gestalt einer Alten, die Furchterregende, zu jenem Brahmanen
{rākṣasy uvāca:} eṣā tu gaṅgā dvijamukhya saṃdhyā upāsyatāṃ vipravaraiḥ sametya / yathocitaṃ vipravarās tu kāle nopāsate yatnata eva saṃdhyām //
Die Rākṣasī sprach: Dies hier ist die Gaṅgā zur Dämmerungszeit, o vortrefflichster Brahmane; sie soll von den besten Brahmanen gemeinsam verehrt werden. Doch die besten Brahmanen verehren, wie es sich gebührt, zur rechten Zeit die Dämmerung nicht mit Eifer –
Wort für Wort
eṣā tu gaṅgā dvijamukhya saṃdhyā
dies hier ist die Gaṅgā zur Dämmerungszeit, o vortrefflichster Brahmane
upāsyatāṃ vipravaraiḥ sametya
sie soll von den besten Brahmanen gemeinsam verehrt werden
yathocitaṃ vipravarās tu kāle
doch die besten Brahmanen, wie es sich gebührt, zur rechten Zeit
nīcās ta evābhihitāḥ sureśair antyāvasāyipravarās ta ete / ahaṃ janitrī tava ceti vācyaṃ no ced idānīṃ tvam upaiṣi nāśam //
– eben diese werden von den Göttern als niedrig bezeichnet, diese sind die Vortrefflichsten der Kastenlosen. Du sollst sagen: ,Ich bin deine Erzeugerin' – sonst wirst du jetzt sogleich dem Untergang verfallen.
Wort für Wort
nīcās ta evābhihitāḥ sureśair
eben diese werden von den Göttern als niedrig bezeichnet
antyāvasāyipravarās ta ete
diese sind die Vortrefflichsten der Kastenlosen
ahaṃ janitrī tava ceti vācyaṃ
du sollst sagen: ich bin deine Erzeugerin
no ced idānīṃ tvam upaiṣi nāśam
sonst wirst du jetzt sogleich dem Untergang verfallen
madvākyakartāsi yadi dvijendra sukhaṃ kariṣye tava yat priyaṃ ca / punaś ca deśaṃ nilayaṃ gurūṃś ca saṃprāpayiṣye nanu satyam etat //
Wenn du, o Fürst der Brahmanen, meinem Wort gemäß handelst, werde ich dir Glück bereiten und was dir lieb ist; und ich werde dich wieder in dein Land, deine Heimstatt und zu deinen Lehrern gelangen lassen – dies ist wahrlich wahr.
Wort für Wort
madvākyakartāsi yadi dvijendra
wenn du, o Fürst der Brahmanen, meinem Wort gemäß handelst
sukhaṃ kariṣye tava yat priyaṃ ca
werde ich dir Glück bereiten und was dir lieb ist
punaś ca deśaṃ nilayaṃ gurūṃś ca
und wieder in dein Land, deine Heimstatt und zu deinen Lehrern
saṃprāpayiṣye nanu satyam etat
werde ich dich gelangen lassen – dies ist wahrlich wahr
{brahmovāca:} sa prāha kā tvaṃ dvijapuṃgavo 'pi sovāca taṃ rākṣasī kāmarūpā / viśvāsayantī śapathair anekais taṃ bhrāntacittaṃ munirājaputram //
Brahmā sprach: Er, der vortreffliche Brahmane, fragte: ,Wer bist du?' Da sprach die gestaltwandelnde Rākṣasī zu ihm, indem sie jenen im Geiste verwirrten Sohn des Muni-Fürsten mit vielerlei Schwüren beruhigte,
Wort für Wort
sa prāha kā tvaṃ dvijapuṃgavo 'pi
er, der vortreffliche Brahmane, fragte: wer bist du
kaṅkālinī nāma jagatprasiddhā vipro 'pi tām āha niveditaṃ yat / tad eva kartāsmi na saṃśayo 'tra yat tat priyaṃ vacmi karomi caiva //
(sie sprach:) ,Ich bin die in der Welt berühmte Kaṅkālinī.' Auch der Brahmane sprach zu ihr: ,Was du mir mitgeteilt hast, eben das werde ich tun, ohne Zweifel hierbei; was dir lieb ist, das sage ich, und das tue ich auch.'
Wort für Wort
kaṅkālinī nāma jagatprasiddhā
ich bin die in der Welt berühmte Kaṅkālinī
vipro 'pi tām āha niveditaṃ yat
auch der Brahmane sprach zu ihr: was du mir mitgeteilt hast
tad eva kartāsmi na saṃśayo 'tra
eben das werde ich tun, ohne Zweifel hierbei
yat tat priyaṃ vacmi karomi caiva
was dir lieb ist, das sage ich, und das tue ich auch
Brahmā sprach: Dieses Wort des Brahmanen gehört habend, (verwandelte sich) die gestaltwandelnde Rākṣasī – obgleich alt, dennoch von schönen Gliedern, mit göttlichem Schmuck geschmückt.
Wort für Wort
tad vipravacanaṃ śrutvā rākṣasī kāmarūpiṇī
dieses Wort des Brahmanen gehört habend, die gestaltwandelnde Rākṣasī
vṛddhā tathāpi cārvaṅgī divyālaṃkārabhūṣaṇā
obgleich alt, dennoch von schönen Gliedern, mit göttlichem Schmuck geschmückt
Den Brahmanen mit sich nehmend, überall sagend: ,Dies ist mein Sohn, eine Fundgrube der Tugenden' – so sprechend, geht sie überall umher, spricht und handelt danach.
Wort für Wort
dvijam ādāya sarvatra matsuto 'yaṃ guṇākaraḥ
den Brahmanen mit sich nehmend, überall sagend: dies ist mein Sohn, eine Fundgrube der Tugenden
evaṃ vadantī sarvatra yāti vakti karoti ca
so sprechend, geht sie überall umher, spricht und handelt danach
Dort gab ein vortrefflicher Brahmane seine mit Schmuck versehene Tochter, nachdem er jene Rākṣasī als Vermittlerin geehrt hatte, jenem Brahmanensohn zur Frau.
Wort für Wort
tatra dvijavaraḥ kaścit svāṃ kanyāṃ bhūṣaṇānvitām
dort gab ein vortrefflicher Brahmane seine mit Schmuck versehene Tochter
rākṣasīṃ tāṃ puraskṛtya prādāt tasmai dvijātaye
nachdem er jene Rākṣasī als Vermittlerin geehrt hatte, jenem Brahmanensohn zur Frau
Jene Tochter, nachdem sie ihn zum Gatten erlangt hatte, dachte: ,Ich habe mein Ziel erreicht.' Doch jener Brahmane, als er seine mit Tugenden ausgestattete Gattin sah, war überaus betrübt,
Wort für Wort
sā kanyā taṃ patiṃ prāpya kṛtārthāsmīty acintayat
jene Tochter, nachdem sie ihn zum Gatten erlangt hatte, dachte: ich habe mein Ziel erreicht
sa dvijo 'pi guṇair yuktāṃ patnīṃ dṛṣṭvā suduḥkhitaḥ
doch jener Brahmane, als er seine mit Tugenden ausgestattete Gattin sah, war überaus betrübt
In große Not geraten, wer wird mich hier beschützen? Diese meine Gattin ist heilvoll, mit Tugend, Schönheit und rechtem Alter ausgestattet; auch sie wird die unheilvolle Rākṣasī plötzlich verspeisen.
Wort für Wort
mahat saṃkaṭam āpannaṃ rakṣayiṣyati ko 'tra mām
in große Not geraten, wer wird mich hier beschützen
bhāryā mameyaṃ kalyāṇī guṇarūpavayoyutā
diese meine Gattin ist heilvoll, mit Tugend, Schönheit und rechtem Alter ausgestattet
enām apy aśubhākasmād bhakṣayiṣyati rākṣasī
auch sie wird die unheilvolle Rākṣasī plötzlich verspeisen
śanaiḥ provāca tāṃ bhāryāṃ yathāvat pūrvavistaram / kim akathyaṃ priye mitre kulīnāyāṃ ca yoṣiti //
Leise erzählte er jener Gattin ausführlich, wie es sich zugetragen hatte, von Anfang an; was gäbe es, das man einer lieben Freundin und einer aus gutem Geschlecht stammenden Frau nicht sagen dürfte?
Wort für Wort
śanaiḥ provāca tāṃ bhāryāṃ yathāvat pūrvavistaram
leise erzählte er jener Gattin ausführlich, wie es sich zugetragen hatte, von Anfang an
kim akathyaṃ priye mitre kulīnāyāṃ ca yoṣiti
was gäbe es, das man einer lieben Freundin und einer aus gutem Geschlecht stammenden Frau nicht sagen dürfte
{bhāryovāca:} anātmanaḥ sarvato 'pi bhayam asti gṛheṣv api / kuto bhayaṃ hy ātmavatāṃ kiṃ punar gautamītaṭe //
Die Gattin sprach: Für den, der sich nicht in der Gewalt hat, gibt es überall Furcht, auch im eigenen Haus; woher aber sollte Furcht sein für die, die sich in der Gewalt haben – wie erst recht am Ufer der Gautamī,
Wort für Wort
anātmanaḥ sarvato 'pi bhayam asti gṛheṣv api
für den, der sich nicht in der Gewalt hat, gibt es überall Furcht, auch im eigenen Haus
kuto bhayaṃ hy ātmavatāṃ kiṃ punar gautamītaṭe
woher aber sollte Furcht sein für die, die sich in der Gewalt haben – wie erst recht am Ufer der Gautamī
Der Brahmane sprach: Du bist die innerste Seele dieser Welt, o Herr; du selbst bist ihr Schöpfer, o Mukunda, und ihr Zerstörer; du bist der Beschützer – warum beschützt du dann nicht den Elenden, o Freund der Herrenlosen, Narasiṃha, weshalb nicht?
Wort für Wort
tvam antarātmā jagato 'sya nātha
du bist die innerste Seele dieser Welt, o Herr
tvam eva kartāsya mukunda hartā
du selbst bist ihr Schöpfer, o Mukunda, und ihr Zerstörer
tvaṃ pālakaḥ pālayase na dīnam
du bist der Beschützer – warum beschützt du dann nicht den Elenden
anāthabandho narasiṃha kasmāt
o Freund der Herrenlosen, Narasiṃha, weshalb nicht
[Anm.: Vierpadiger Vers, padaweise gezählt (a/b/c/d), hier zu einer Einheit zusammengefasst.]