Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 167: vipratīrthamāhātmyavarṇanam Die Größe des Vipra-Tīrtha (Der Brahmanensohn Āsandiva, die Rākṣasī Kaṅkālinī und Narasiṃhas Rettung)

Der junge Brahmane Āsandiva wird im Schlaf, ohne Viṣṇus zu gedenken, von der gestaltwandelnden Menschenfresserin Kaṅkālinī entführt. Als alte Frau verkleidet, zwingt sie ihn durch Drohungen und Schwüre, sie als Mutter auszugeben; unter diesem Vorwand arrangiert sie seine Heirat mit der tugendhaften Tochter eines Brahmanen, um beide später zu verspeisen. Von seiner Gattin nach dem Grund seines Kummers gefragt, offenbart er ihr alles; sie rät ihm, an der Gautamī zu baden und Nārāyaṇa/Narasiṃha anzurufen. Auf sein Flehen hin tötet Nārāyaṇa mit dem Sudarśana-Diskus die Rākṣasī und gewährt ihm Wünsche sowie die Rückkehr zu seinem Lehrer. Ursprung des Vipra-Tīrtha, auch als Nārāyaṇa-Tīrtha bekannt.

vipratīrtham iti khyātaṃ tathā nārāyaṇaṃ viduḥ / tasyākhyānaṃ pravakṣyāmi śṛṇu vismayakārakam //

Das Vipra-Tīrtha genannte (Tīrtha) kennt man auch als ,Nārāyaṇa'; seine Erzählung will ich verkünden, höre die Staunen erregende.

Wort für Wort
vipratīrtham iti khyātaṃ tathā nārāyaṇaṃ viduḥ
das Vipra-Tīrtha genannte (Tīrtha) kennt man auch als Nārāyaṇa
tasyākhyānaṃ pravakṣyāmi śṛṇu vismayakārakam
seine Erzählung will ich verkünden, höre die Staunen erregende

antarvedyāṃ dvijaḥ kaścid brāhmaṇo vedapāragaḥ / tasya putrā mahāprājñā guṇarūpadayānvitāḥ //

Im Antarvedi-Land (lebte) ein Brahmane, der den Veda ganz durchdrungen hatte; seine Söhne waren überaus weise, mit Tugend, Schönheit und Mitgefühl ausgestattet.

Wort für Wort
antarvedyāṃ dvijaḥ kaścid brāhmaṇo vedapāragaḥ
im Antarvedi-Land lebte ein Brahmane, der den Veda ganz durchdrungen hatte
tasya putrā mahāprājñā guṇarūpadayānvitāḥ
seine Söhne waren überaus weise, mit Tugend, Schönheit und Mitgefühl ausgestattet

teṣāṃ kanīyān yo bhrātā śānto guṇagaṇair vṛtaḥ / āsandiva iti khyātaḥ sarvajñāno mahāmatiḥ //

Der jüngste unter ihnen, friedvoll, von Scharen von Tugenden umgeben, war als ,Āsandiva' bekannt, allwissend und von großem Verstand.

Wort für Wort
teṣāṃ kanīyān yo bhrātā śānto guṇagaṇair vṛtaḥ
der jüngste unter ihnen, friedvoll, von Scharen von Tugenden umgeben
āsandiva iti khyātaḥ sarvajñāno mahāmatiḥ
war als Āsandiva bekannt, allwissend und von großem Verstand

vivāhāya pitā tasmāi āsandivāya yatnavān / etasminn antare rātrau suptaṃ taṃ dvijaputrakam //

Für dessen Verheiratung bemühte sich der Vater eifrig um Āsandiva; währenddessen, als jener Brahmanensohn nachts schlief,

Wort für Wort
vivāhāya pitā tasmāi āsandivāya yatnavān
für dessen Verheiratung bemühte sich der Vater eifrig um Āsandiva
etasminn antare rātrau suptaṃ taṃ dvijaputrakam
währenddessen, als jener Brahmanensohn nachts schlief

aviṣṇusmaraṇaṃ saumya-śiraskam asamāhitam / āsandivaṃ krūrarūpā rākṣasī kāmarūpiṇī //

ohne Viṣṇus zu gedenken, mit friedvollem Haupt, doch unachtsam – ihn, Āsandiva, (entführte) eine grausam-gestaltige, gestaltwandelnde Rākṣasī,

Wort für Wort
aviṣṇusmaraṇaṃ saumya-śiraskam asamāhitam
ohne Viṣṇus zu gedenken, mit friedvollem Haupt, doch unachtsam
āsandivaṃ krūrarūpā rākṣasī kāmarūpiṇī
ihn, Āsandiva, (ergriff) eine grausam-gestaltige, gestaltwandelnde Rākṣasī

tam ādāyāgamac chīghraṃ gautamyā dakṣiṇe taṭe / śrīgirer uttare pāre bahubrāhmaṇasevitam //

nahm ihn mit sich und kam rasch an das südliche Ufer der Gautamī, an das nördliche Ufer des Śrī-Berges, das von vielen Brahmanen aufgesucht wird,

Wort für Wort
tam ādāyāgamac chīghraṃ gautamyā dakṣiṇe taṭe
nahm ihn mit sich und kam rasch an das südliche Ufer der Gautamī
śrīgirer uttare pāre bahubrāhmaṇasevitam
an das nördliche Ufer des Śrī-Berges, das von vielen Brahmanen aufgesucht wird

nagaraṃ dharmanilayaṃ lakṣmyā nilayam eva ca / tatra rājā bṛhatkīrtiḥ sarvakṣatraguṇānvitaḥ //

zu einer Stadt, der Wohnstatt des Dharma und ebenso der Wohnstatt der Lakṣmī; dort (herrschte) ein König namens Bṛhatkīrti, mit allen Kṣatriya-Tugenden ausgestattet.

Wort für Wort
nagaraṃ dharmanilayaṃ lakṣmyā nilayam eva ca
zu einer Stadt, der Wohnstatt des Dharma und ebenso der Wohnstatt der Lakṣmī
tatra rājā bṛhatkīrtiḥ sarvakṣatraguṇānvitaḥ
dort herrschte ein König namens Bṛhatkīrti, mit allen Kṣatriya-Tugenden ausgestattet

tasyāmitakṣemasubhikṣayuktaṃ niśāvasāne dvijaputrayuktā / sā rākṣasī tat puram āsasāda manojñarūpāṇi bibharti nityam //

In dessen Stadt, die von unermesslicher Sicherheit und guter Ernte erfüllt war, gelangte am Ende der Nacht, den Brahmanensohn bei sich, jene Rākṣasī, welche beständig anmutige Gestalten annimmt.

Wort für Wort
tasyāmitakṣemasubhikṣayuktaṃ
in dessen Stadt, die von unermesslicher Sicherheit und guter Ernte erfüllt war
niśāvasāne dvijaputrayuktā
am Ende der Nacht, den Brahmanensohn bei sich
sā rākṣasī tat puram āsasāda
gelangte jene Rākṣasī zu jener Stadt
manojñarūpāṇi bibharti nityam
sie, die beständig anmutige Gestalten annimmt

[Anm.: Ab hier V.8-14 im vierpadigen Metrum, padaweise gezählt (a/b/c/d) statt in der sonst üblichen Zweizeiligkeit; hier zu einer Einheit je Vers zusammengefasst.]

sā kāmarūpeṇa caraty aśeṣāṃ mahīm imāṃ tena samaṃ dvijena / godāvarīdakṣiṇatīrabhāge vṛddhākṛtis taṃ dvijam āha bhīmā //

Sie wandert, jede beliebige Gestalt annehmend, über diese ganze Erde, zusammen mit jenem Brahmanen; im südlichen Uferbereich der Godāvarī sprach sie, in Gestalt einer Alten, die Furchterregende, zu jenem Brahmanen:

Wort für Wort
sā kāmarūpeṇa caraty aśeṣāṃ
sie wandert, jede beliebige Gestalt annehmend, über die ganze
mahīm imāṃ tena samaṃ dvijena
Erde, zusammen mit jenem Brahmanen
godāvarīdakṣiṇatīrabhāge
im südlichen Uferbereich der Godāvarī
vṛddhākṛtis taṃ dvijam āha bhīmā
sprach sie, in Gestalt einer Alten, die Furchterregende, zu jenem Brahmanen

{rākṣasy uvāca:} eṣā tu gaṅgā dvijamukhya saṃdhyā upāsyatāṃ vipravaraiḥ sametya / yathocitaṃ vipravarās tu kāle nopāsate yatnata eva saṃdhyām //

Die Rākṣasī sprach: Dies hier ist die Gaṅgā zur Dämmerungszeit, o vortrefflichster Brahmane; sie soll von den besten Brahmanen gemeinsam verehrt werden. Doch die besten Brahmanen verehren, wie es sich gebührt, zur rechten Zeit die Dämmerung nicht mit Eifer –

Wort für Wort
eṣā tu gaṅgā dvijamukhya saṃdhyā
dies hier ist die Gaṅgā zur Dämmerungszeit, o vortrefflichster Brahmane
upāsyatāṃ vipravaraiḥ sametya
sie soll von den besten Brahmanen gemeinsam verehrt werden
yathocitaṃ vipravarās tu kāle
doch die besten Brahmanen, wie es sich gebührt, zur rechten Zeit
nopāsate yatnata eva saṃdhyām
verehren die Dämmerung nicht mit Eifer

nīcās ta evābhihitāḥ sureśair antyāvasāyipravarās ta ete / ahaṃ janitrī tava ceti vācyaṃ no ced idānīṃ tvam upaiṣi nāśam //

– eben diese werden von den Göttern als niedrig bezeichnet, diese sind die Vortrefflichsten der Kastenlosen. Du sollst sagen: ,Ich bin deine Erzeugerin' – sonst wirst du jetzt sogleich dem Untergang verfallen.

Wort für Wort
nīcās ta evābhihitāḥ sureśair
eben diese werden von den Göttern als niedrig bezeichnet
antyāvasāyipravarās ta ete
diese sind die Vortrefflichsten der Kastenlosen
ahaṃ janitrī tava ceti vācyaṃ
du sollst sagen: ich bin deine Erzeugerin
no ced idānīṃ tvam upaiṣi nāśam
sonst wirst du jetzt sogleich dem Untergang verfallen

madvākyakartāsi yadi dvijendra sukhaṃ kariṣye tava yat priyaṃ ca / punaś ca deśaṃ nilayaṃ gurūṃś ca saṃprāpayiṣye nanu satyam etat //

Wenn du, o Fürst der Brahmanen, meinem Wort gemäß handelst, werde ich dir Glück bereiten und was dir lieb ist; und ich werde dich wieder in dein Land, deine Heimstatt und zu deinen Lehrern gelangen lassen – dies ist wahrlich wahr.

Wort für Wort
madvākyakartāsi yadi dvijendra
wenn du, o Fürst der Brahmanen, meinem Wort gemäß handelst
sukhaṃ kariṣye tava yat priyaṃ ca
werde ich dir Glück bereiten und was dir lieb ist
punaś ca deśaṃ nilayaṃ gurūṃś ca
und wieder in dein Land, deine Heimstatt und zu deinen Lehrern
saṃprāpayiṣye nanu satyam etat
werde ich dich gelangen lassen – dies ist wahrlich wahr

{brahmovāca:} sa prāha kā tvaṃ dvijapuṃgavo 'pi sovāca taṃ rākṣasī kāmarūpā / viśvāsayantī śapathair anekais taṃ bhrāntacittaṃ munirājaputram //

Brahmā sprach: Er, der vortreffliche Brahmane, fragte: ,Wer bist du?' Da sprach die gestaltwandelnde Rākṣasī zu ihm, indem sie jenen im Geiste verwirrten Sohn des Muni-Fürsten mit vielerlei Schwüren beruhigte,

Wort für Wort
sa prāha kā tvaṃ dvijapuṃgavo 'pi
er, der vortreffliche Brahmane, fragte: wer bist du
sovāca taṃ rākṣasī kāmarūpā
da sprach die gestaltwandelnde Rākṣasī zu ihm
viśvāsayantī śapathair anekais
indem sie ihn mit vielerlei Schwüren beruhigte
taṃ bhrāntacittaṃ munirājaputram
jenen im Geiste verwirrten Sohn des Muni-Fürsten

kaṅkālinī nāma jagatprasiddhā vipro 'pi tām āha niveditaṃ yat / tad eva kartāsmi na saṃśayo 'tra yat tat priyaṃ vacmi karomi caiva //

(sie sprach:) ,Ich bin die in der Welt berühmte Kaṅkālinī.' Auch der Brahmane sprach zu ihr: ,Was du mir mitgeteilt hast, eben das werde ich tun, ohne Zweifel hierbei; was dir lieb ist, das sage ich, und das tue ich auch.'

Wort für Wort
kaṅkālinī nāma jagatprasiddhā
ich bin die in der Welt berühmte Kaṅkālinī
vipro 'pi tām āha niveditaṃ yat
auch der Brahmane sprach zu ihr: was du mir mitgeteilt hast
tad eva kartāsmi na saṃśayo 'tra
eben das werde ich tun, ohne Zweifel hierbei
yat tat priyaṃ vacmi karomi caiva
was dir lieb ist, das sage ich, und das tue ich auch

{brahmovāca:} tad vipravacanaṃ śrutvā rākṣasī kāmarūpiṇī / vṛddhā tathāpi cārvaṅgī divyālaṃkārabhūṣaṇā //

Brahmā sprach: Dieses Wort des Brahmanen gehört habend, (verwandelte sich) die gestaltwandelnde Rākṣasī – obgleich alt, dennoch von schönen Gliedern, mit göttlichem Schmuck geschmückt.

Wort für Wort
tad vipravacanaṃ śrutvā rākṣasī kāmarūpiṇī
dieses Wort des Brahmanen gehört habend, die gestaltwandelnde Rākṣasī
vṛddhā tathāpi cārvaṅgī divyālaṃkārabhūṣaṇā
obgleich alt, dennoch von schönen Gliedern, mit göttlichem Schmuck geschmückt

dvijam ādāya sarvatra matsuto 'yaṃ guṇākaraḥ / evaṃ vadantī sarvatra yāti vakti karoti ca //

Den Brahmanen mit sich nehmend, überall sagend: ,Dies ist mein Sohn, eine Fundgrube der Tugenden' – so sprechend, geht sie überall umher, spricht und handelt danach.

Wort für Wort
dvijam ādāya sarvatra matsuto 'yaṃ guṇākaraḥ
den Brahmanen mit sich nehmend, überall sagend: dies ist mein Sohn, eine Fundgrube der Tugenden
evaṃ vadantī sarvatra yāti vakti karoti ca
so sprechend, geht sie überall umher, spricht und handelt danach

taṃ vipraṃ rūpasaubhāgya-vayovidyāvibhūṣitam / tāṃ ca vṛddhāṃ guṇopetām asya māteti menire //

Jenen Brahmanen, geschmückt mit Schönheit, Glück, rechtem Alter und Wissen, und jene tugendbegabte Alte hielten die Leute für seine Mutter.

Wort für Wort
taṃ vipraṃ rūpasaubhāgya-vayovidyāvibhūṣitam
jenen Brahmanen, geschmückt mit Schönheit, Glück, rechtem Alter und Wissen
tāṃ ca vṛddhāṃ guṇopetām asya māteti menire
und jene tugendbegabte Alte hielten die Leute für seine Mutter

tatra dvijavaraḥ kaścit svāṃ kanyāṃ bhūṣaṇānvitām / rākṣasīṃ tāṃ puraskṛtya prādāt tasmai dvijātaye //

Dort gab ein vortrefflicher Brahmane seine mit Schmuck versehene Tochter, nachdem er jene Rākṣasī als Vermittlerin geehrt hatte, jenem Brahmanensohn zur Frau.

Wort für Wort
tatra dvijavaraḥ kaścit svāṃ kanyāṃ bhūṣaṇānvitām
dort gab ein vortrefflicher Brahmane seine mit Schmuck versehene Tochter
rākṣasīṃ tāṃ puraskṛtya prādāt tasmai dvijātaye
nachdem er jene Rākṣasī als Vermittlerin geehrt hatte, jenem Brahmanensohn zur Frau

sā kanyā taṃ patiṃ prāpya kṛtārthāsmīty acintayat / sa dvijo 'pi guṇair yuktāṃ patnīṃ dṛṣṭvā suduḥkhitaḥ //

Jene Tochter, nachdem sie ihn zum Gatten erlangt hatte, dachte: ,Ich habe mein Ziel erreicht.' Doch jener Brahmane, als er seine mit Tugenden ausgestattete Gattin sah, war überaus betrübt,

Wort für Wort
sā kanyā taṃ patiṃ prāpya kṛtārthāsmīty acintayat
jene Tochter, nachdem sie ihn zum Gatten erlangt hatte, dachte: ich habe mein Ziel erreicht
sa dvijo 'pi guṇair yuktāṃ patnīṃ dṛṣṭvā suduḥkhitaḥ
doch jener Brahmane, als er seine mit Tugenden ausgestattete Gattin sah, war überaus betrübt

{dvija uvāca:} mām iyaṃ bhakṣayed eva rākṣasī pāparūpiṇī / kiṃ karomi kva gacchāmi kasyaitat kathayāmi vā //

Der Brahmane sprach: Mich wird ja diese sündig-gestaltige Rākṣasī verspeisen. Was soll ich tun, wohin soll ich gehen, wem soll ich dies erzählen?

Wort für Wort
mām iyaṃ bhakṣayed eva rākṣasī pāparūpiṇī
mich wird ja diese sündig-gestaltige Rākṣasī verspeisen
kiṃ karomi kva gacchāmi kasyaitat kathayāmi vā
was soll ich tun, wohin soll ich gehen, wem soll ich dies erzählen

mahat saṃkaṭam āpannaṃ rakṣayiṣyati ko 'tra mām / bhāryā mameyaṃ kalyāṇī guṇarūpavayoyutā / enām apy aśubhākasmād bhakṣayiṣyati rākṣasī //

In große Not geraten, wer wird mich hier beschützen? Diese meine Gattin ist heilvoll, mit Tugend, Schönheit und rechtem Alter ausgestattet; auch sie wird die unheilvolle Rākṣasī plötzlich verspeisen.

Wort für Wort
mahat saṃkaṭam āpannaṃ rakṣayiṣyati ko 'tra mām
in große Not geraten, wer wird mich hier beschützen
bhāryā mameyaṃ kalyāṇī guṇarūpavayoyutā
diese meine Gattin ist heilvoll, mit Tugend, Schönheit und rechtem Alter ausgestattet
enām apy aśubhākasmād bhakṣayiṣyati rākṣasī
auch sie wird die unheilvolle Rākṣasī plötzlich verspeisen

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Quelltext.]

{brahmovāca:} etasminn antare tatra bhāryā sā guṇaśālinī / vṛddhāpy atidurādharṣā sā gatā kutracit tadā //

Brahmā sprach: Währenddessen war jene tugendreiche Gattin – während jene Alte, überaus schwer zu bezwingende, irgendwohin gegangen war –

Wort für Wort
etasminn antare tatra bhāryā sā guṇaśālinī
währenddessen war jene tugendreiche Gattin (dort)
vṛddhāpy atidurādharṣā sā gatā kutracit tadā
während jene Alte, überaus schwer zu bezwingende, irgendwohin gegangen war

praśrayāvanatā bhūtvā bālā cāpi pativratā / bhartāraṃ duḥkhitaṃ jñātvā patiṃ prāha rahaḥ śanaiḥ //

– demütig geneigt, obwohl noch jung und ihrem Gatten ergeben, erkannte sie ihren betrübten Gatten und sprach zu ihm im Verborgenen, leise:

Wort für Wort
praśrayāvanatā bhūtvā bālā cāpi pativratā
demütig geneigt, obwohl noch jung und ihrem Gatten ergeben
bhartāraṃ duḥkhitaṃ jñātvā patiṃ prāha rahaḥ śanaiḥ
erkannte sie ihren betrübten Gatten und sprach zu ihm im Verborgenen, leise

{bhāryovāca:} kasmāt te duḥkham āpannaṃ svāmiṃs tattvaṃ vadasva me //*

Die Gattin sprach: Wodurch ist dir Leid widerfahren, mein Gebieter? Sage mir die Wahrheit.

Wort für Wort
kasmāt te duḥkham āpannaṃ svāmin
wodurch ist dir Leid widerfahren, mein Gebieter
tattvaṃ vadasva me
sage mir die Wahrheit

[Anm.: Im Quelltext nur eine Zeile, mit * als unvollständiger Halbvers markiert; für die wfw-Darstellung in zwei Sinnabschnitte geteilt.]

śanaiḥ provāca tāṃ bhāryāṃ yathāvat pūrvavistaram / kim akathyaṃ priye mitre kulīnāyāṃ ca yoṣiti //

Leise erzählte er jener Gattin ausführlich, wie es sich zugetragen hatte, von Anfang an; was gäbe es, das man einer lieben Freundin und einer aus gutem Geschlecht stammenden Frau nicht sagen dürfte?

Wort für Wort
śanaiḥ provāca tāṃ bhāryāṃ yathāvat pūrvavistaram
leise erzählte er jener Gattin ausführlich, wie es sich zugetragen hatte, von Anfang an
kim akathyaṃ priye mitre kulīnāyāṃ ca yoṣiti
was gäbe es, das man einer lieben Freundin und einer aus gutem Geschlecht stammenden Frau nicht sagen dürfte

bhartṛvākyaṃ niśamyedaṃ provāca vadatāṃ varā //*

Nachdem sie dieses Wort ihres Gatten vernommen hatte, sprach die Vortrefflichste der Redenden.

Wort für Wort
bhartṛvākyaṃ niśamyedaṃ
nachdem sie dieses Wort ihres Gatten vernommen hatte
provāca vadatāṃ varā
sprach die Vortrefflichste der Redenden

[Anm.: Im Quelltext nur eine Zeile, mit * als unvollständiger Halbvers markiert; für die wfw-Darstellung in zwei Sinnabschnitte geteilt.]

{bhāryovāca:} anātmanaḥ sarvato 'pi bhayam asti gṛheṣv api / kuto bhayaṃ hy ātmavatāṃ kiṃ punar gautamītaṭe //

Die Gattin sprach: Für den, der sich nicht in der Gewalt hat, gibt es überall Furcht, auch im eigenen Haus; woher aber sollte Furcht sein für die, die sich in der Gewalt haben – wie erst recht am Ufer der Gautamī,

Wort für Wort
anātmanaḥ sarvato 'pi bhayam asti gṛheṣv api
für den, der sich nicht in der Gewalt hat, gibt es überall Furcht, auch im eigenen Haus
kuto bhayaṃ hy ātmavatāṃ kiṃ punar gautamītaṭe
woher aber sollte Furcht sein für die, die sich in der Gewalt haben – wie erst recht am Ufer der Gautamī

vasatāṃ viṣṇubhaktānāṃ viraktānāṃ vivekinām / atra snātvā śucir bhūtvā stuhi devam anāmayam //

wo Viṣṇu-Verehrer, Entsagende und Unterscheidungsfähige wohnen? Bade hier, werde rein, und preise den leidfreien Gott.

Wort für Wort
vasatāṃ viṣṇubhaktānāṃ viraktānāṃ vivekinām
wo Viṣṇu-Verehrer, Entsagende und Unterscheidungsfähige wohnen
atra snātvā śucir bhūtvā stuhi devam anāmayam
bade hier, werde rein, und preise den leidfreien Gott

{brahmovāca:} etad ākarṇya gaṅgāyāṃ snātvā vigatakalmaṣaḥ / tuṣṭāva gautamītīre dvijo nārāyaṇaṃ tathā //

Brahmā sprach: Dies vernommen habend, badete der Brahmane in der Gaṅgā, von Sünde befreit, und pries am Ufer der Gautamī Nārāyaṇa.

Wort für Wort
etad ākarṇya gaṅgāyāṃ snātvā vigatakalmaṣaḥ
dies vernommen habend, badete der Brahmane in der Gaṅgā, von Sünde befreit
tuṣṭāva gautamītīre dvijo nārāyaṇaṃ tathā
und pries am Ufer der Gautamī Nārāyaṇa

{dvija uvāca:} tvam antarātmā jagato 'sya nātha tvam eva kartāsya mukunda hartā / tvaṃ pālakaḥ pālayase na dīnam anāthabandho narasiṃha kasmāt //

Der Brahmane sprach: Du bist die innerste Seele dieser Welt, o Herr; du selbst bist ihr Schöpfer, o Mukunda, und ihr Zerstörer; du bist der Beschützer – warum beschützt du dann nicht den Elenden, o Freund der Herrenlosen, Narasiṃha, weshalb nicht?

Wort für Wort
tvam antarātmā jagato 'sya nātha
du bist die innerste Seele dieser Welt, o Herr
tvam eva kartāsya mukunda hartā
du selbst bist ihr Schöpfer, o Mukunda, und ihr Zerstörer
tvaṃ pālakaḥ pālayase na dīnam
du bist der Beschützer – warum beschützt du dann nicht den Elenden
anāthabandho narasiṃha kasmāt
o Freund der Herrenlosen, Narasiṃha, weshalb nicht

[Anm.: Vierpadiger Vers, padaweise gezählt (a/b/c/d), hier zu einer Einheit zusammengefasst.]

śrutvaitat prārthanaṃ tasya jagacchokanivāraṇaḥ / nārāyaṇo 'pi tāṃ pāpāṃ nijaghāna sa rākṣasīm //

Dieses sein Flehen gehört habend, tötete Nārāyaṇa, der das Leid der Welt vertreibt, jene sündige Rākṣasī,

Wort für Wort
śrutvaitat prārthanaṃ tasya jagacchokanivāraṇaḥ
dieses sein Flehen gehört habend, Nārāyaṇa, der das Leid der Welt vertreibt
nārāyaṇo 'pi tāṃ pāpāṃ nijaghāna sa rākṣasīm
tötete jene sündige Rākṣasī

sudarśanena cakreṇa sahasrāreṇa bhāsvatā / tasmai prādād varān iṣṭān prāpayac ca guruṃ prabhuḥ //

mit dem Sudarśana-Diskus, dem tausendspeichigen, glänzenden; und der Herr gewährte ihm die gewünschten Wünsche und ließ ihn zu seinem Lehrer gelangen.

Wort für Wort
sudarśanena cakreṇa sahasrāreṇa bhāsvatā
mit dem Sudarśana-Diskus, dem tausendspeichigen, glänzenden
tasmai prādād varān iṣṭān prāpayac ca guruṃ prabhuḥ
und der Herr gewährte ihm die gewünschten Wünsche und ließ ihn zu seinem Lehrer gelangen

tataḥ prabhṛti tat tīrthaṃ vipraṃ nārāyaṇaṃ viduḥ / snānadānena pūjādyair yatra sidhyati vāñchitam //

Seitdem kennt man jenes Tīrtha als ,Vipra-Nārāyaṇa'; durch Bad, Gabe, Verehrung und dergleichen wird dort das Gewünschte erreicht.

Wort für Wort
tataḥ prabhṛti tat tīrthaṃ vipraṃ nārāyaṇaṃ viduḥ
seitdem kennt man jenes Tīrtha als Vipra-Nārāyaṇa
snānadānena pūjādyair yatra sidhyati vāñchitam
durch Bad, Gabe, Verehrung und dergleichen wird dort das Gewünschte erreicht

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