Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 71: tridaivatyagaṅgāmāhātmyatārakavivāhaprastāvavarṇanam Der Ursprung der 'Tridaivatā'-Gaṅgā und die Vorgeschichte von Tārakas Bedrohung und Śivas Vermählung mit Pārvatī

Auf Nāradas Frage nach dem 'Tridaivatya'-Tīrtha (dem aus den drei Göttern hervorgegangenen) identifiziert Brahmā dieses mit der Gaṅgā selbst und erzählt zu ihrem Ursprung die klassische Vorgeschichte: der übermächtige Dämon Tāraka unterjocht die Götter, die bei Viṣṇu Zuflucht suchen; da nur ein binnen zehn Tagen gezeugter Sohn Śivas Tāraka töten kann, entsenden die Götter Kāma (Madana), um den in Meditation versunkenen Śiva für die asketische Pārvatī (Gaurī, Tochter des Himavat und der Menā, Inkarnation der im Berg wohnenden Göttin-Kraft) zu entflammen; Kāma wird von Śivas drittem Auge zu Asche verbrannt, doch Śiva selbst ist von seinem Pfeil bereits getroffen und willigt in die Vermählung mit Pārvatī ein, aus der später der tāraka-tötende Sohn (Kārttikeya) hervorgehen wird.

{nārada uvāca: } tridaivatyaṃ tu yat tīrthaṃ sarvebhyo hy uktam uttamam / tasya svarūpabhedaṃ ca vistareṇa bravītu me // BrP_71.1 //

Nārada sprach: Doch das Tīrtha, das 'Tridaivatya' genannt wird und fürwahr als das höchste unter allen bezeichnet wurde – dessen Wesen und Besonderheit sollst du mir ausführlich darlegen.

Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach
tridaivatyaṃ tu yat tīrthaṃ
doch das Tīrtha, das 'Tridaivatya' (genannt wird)
sarvebhyaḥ hi uktam uttamam
und fürwahr als das höchste unter allen bezeichnet wurde
tasya svarūpabhedaṃ ca
dessen Wesen und Besonderheit
vistareṇa bravītu me
sollst du mir ausführlich darlegen

{brahmovāca: } tāvad anyāni tīrthāni tāvat tāḥ puṇyabhūmayaḥ / tāvad yajñādayo yāvat tridaivatyaṃ na dṛśyate // BrP_71.2 //

Brahmā sprach: So lange [gelten] die anderen Pilgerstätten, so lange jene heiligen Länder, so lange die Opfer und dergleichen [als bedeutsam], wie das Tridaivatya[-Tīrtha] nicht gesehen wird.

Wort für Wort
brahmā uvāca
Brahmā sprach
tāvat anyāni tīrthāni
so lange die anderen Pilgerstätten
tāvat tāḥ puṇyabhūmayaḥ
so lange jene heiligen Länder
tāvat yajñādayaḥ
so lange die Opfer und dergleichen
yāvat tridaivatyaṃ na dṛśyate
wie das Tridaivatya(-Tīrtha) nicht gesehen wird

gaṅgeyaṃ saritāṃ śreṣṭhā sarvakāmapradāyinī / tridaivatyā muniśreṣṭha tadutpattim ataḥ śṛṇu // BrP_71.3 //

Diese Gaṅgā, die beste der Flüsse, die alle Wünsche gewährende, ist die 'Tridaivatā'; höre nun, o bester der Munis, von ihrem Ursprung.

Wort für Wort
gaṅgā iyaṃ saritāṃ śreṣṭhā
diese Gaṅgā, die beste der Flüsse
sarvakāmapradāyinī
die alle Wünsche gewährende
tridaivatyā muniśreṣṭha
ist die 'Tridaivatā', o bester der Munis
tadutpattim ataḥ śṛṇu
höre nun von ihrem Ursprung

varṣāṇām ayutāt pūrvaṃ devakārya upasthite / tārako balavān āsīn madvarād atigarvitaḥ // BrP_71.4 //

Vor zehntausend Jahren, als eine Angelegenheit der Götter anstand, war [der Dämon] Tāraka mächtig, durch meine Gunst überaus hochmütig geworden.

Wort für Wort
varṣāṇām ayutāt pūrvaṃ
vor zehntausend Jahren
devakārye upasthite
als eine Angelegenheit der Götter anstand
tārakaḥ balavān āsīt
war Tāraka mächtig
madvarāt atigarvitaḥ
durch meine Gunst überaus hochmütig geworden

devānāṃ paramaiśvaryaṃ hṛtaṃ tena balīyasā / tatas te śaraṇaṃ jagmur devāḥ sendrapurogamāḥ // BrP_71.5 //

Die höchste Herrschaft der Götter wurde von jenem Übermächtigen geraubt; da suchten die Götter, angeführt von Indra, Zuflucht,

Wort für Wort
devānāṃ paramaiśvaryaṃ
die höchste Herrschaft der Götter
hṛtaṃ tena balīyasā
wurde von jenem Übermächtigen geraubt
tataḥ te śaraṇaṃ jagmuḥ
da suchten sie Zuflucht
devāḥ sendrapurogamāḥ
die Götter, angeführt von Indra

kṣīrodaśāyinaṃ devaṃ jagatāṃ prapitāmaham / kṛtāñjalipuṭā devā viṣṇum ūcur ananyagāḥ // BrP_71.6 //

bei dem Gott, der im Milchozean ruht, dem Urgroßvater der Welten; mit gefalteten Händen, ohne anderswohin zu gehen, sprachen die Götter zu Viṣṇu:

Wort für Wort
kṣīrodaśāyinaṃ devaṃ
bei dem Gott, der im Milchozean ruht
jagatāṃ prapitāmaham
dem Urgroßvater der Welten
kṛtāñjalipuṭāḥ devāḥ
mit gefalteten Händen, die Götter
viṣṇum ūcuḥ ananyagāḥ
sprachen zu Viṣṇu, ohne anderswohin zu gehen

{devā ūcuḥ: } tvaṃ trātā jagatāṃ nātha devānāṃ kīrtivardhana / sarveśvara jagadyone trayīmūrte namo 'stu te // BrP_71.7 //

Die Götter sprachen: 'Du bist der Retter der Welten, o Herr, der den Ruhm der Götter mehrt; o Herr von allem, Ursprung der Welt, du in Gestalt der Dreiheit, Verehrung sei dir!'

Wort für Wort
devāḥ ūcuḥ
die Götter sprachen
tvaṃ trātā jagatāṃ nātha
du bist der Retter der Welten, o Herr
devānāṃ kīrtivardhana
der den Ruhm der Götter mehrt
sarveśvara jagadyone
o Herr von allem, Ursprung der Welt
trayīmūrte namaḥ astu te
o du in Gestalt der Dreiheit, Verehrung sei dir

lokasraṣṭāsurān hantā tvam eva jagatāṃ patiḥ / sthityutpattivināśānāṃ kāraṇaṃ tvaṃ jaganmaya // BrP_71.8 //

'Der Schöpfer der Welten, der Vernichter der Dämonen, eben du bist der Herr der Welten; die Ursache von Bestehen, Entstehen und Vergehen bist du, o Allesdurchdringender.'

Wort für Wort
lokasraṣṭā asurān hantā
der Schöpfer der Welten, der Vernichter der Dämonen
tvam eva jagatāṃ patiḥ
eben du bist der Herr der Welten
sthityutpattivināśānāṃ kāraṇaṃ
die Ursache von Bestehen, Entstehen und Vergehen
tvaṃ jaganmaya
bist du, o Allesdurchdringender

trātā na kopy asti jagattraye 'pi śarīriṇāṃ sarvavipadgatānām / tvayā vinā vārijapattranetra tāpatrayāṇāṃ śaraṇaṃ na cānyat // BrP_71.9 //

'Es gibt keinen anderen Retter in den drei Welten für verkörperte Wesen, die in jegliche Not geraten sind; außer dir, o Lotosblattäugiger, gibt es keine andere Zuflucht vor den drei[fachen] Leiden (Tāpatraya).'

Wort für Wort
trātā na kaḥ api asti
es gibt keinen anderen Retter
jagattraye api śarīriṇāṃ
in den drei Welten für verkörperte Wesen
sarvavipadgatānām
die in jegliche Not geraten sind
tvayā vinā vārijapattranetra
außer dir, o Lotosblattäugiger
tāpatrayāṇāṃ śaraṇaṃ na ca anyat
gibt es keine andere Zuflucht vor den drei(fachen) Leiden

[Anm.: Dieser und der folgende Vers stehen im Quelltext in einem abweichenden, längeren Versmaß (mit den Halbzeilen a/b/c/d gekennzeichnet) statt der sonst üblichen Anuṣṭubh-Form.]

pitā ca mātā jagato 'khilasya tvam eva sevāsulabho 'si viṣṇo / prasīda pāhīśa mahābhayebhyo 'smadārtihantā vada kas tvadanyaḥ // BrP_71.10 //

'Vater und Mutter der ganzen Welt bist eben du, o Viṣṇu, und doch durch Dienst leicht zu erlangen; sei uns gnädig, o Herr, beschütze [uns] vor großen Gefahren! Sage, wer außer dir ist der Vernichter unseres Leids?'

Wort für Wort
pitā ca mātā jagataḥ akhilasya
Vater und Mutter der ganzen Welt
tvam eva sevāsulabhaḥ asi viṣṇo
bist eben du, o Viṣṇu, und doch durch Dienst leicht zu erlangen
prasīda pāhi īśa mahābhayebhyaḥ
sei gnädig, beschütze, o Herr, vor großen Gefahren
asmadārtihantā vada kaḥ tvadanyaḥ
sage, wer außer dir ist der Vernichter unseres Leids

[Anm.: Am Zeilenübergang c/d liest der Quelltext '...mahābhayebhyo / śmadārtihantā...', was hier als elidiertes 'asmad-ārti-hantā' ("Vernichter unseres Leids") aufgelöst wurde.]

ādikartā varāhas tvaṃ matsyaḥ kūrmas tathaiva ca / ityādirūpabhedair no rakṣase bhaya āgate // BrP_71.11 //

'Der Urheber-Schöpfer, der Eber (Varāha) bist du, der Fisch (Matsya), ebenso die Schildkröte (Kūrma); mit diesen und weiteren Gestalt-Unterscheidungen beschützt du uns, wenn Gefahr naht.'

Wort für Wort
ādikartā varāhaḥ tvaṃ
der Urheber-Schöpfer, der Eber bist du
matsyaḥ kūrmaḥ tathā eva ca
der Fisch, ebenso die Schildkröte
ityādirūpabhedaiḥ
mit diesen und weiteren Gestalt-Unterscheidungen
naḥ rakṣase bhaye āgate
beschützt du uns, wenn Gefahr naht

hṛtasvāmyān suragaṇān hṛtadārān gatāpadaḥ / kasmān na rakṣase deva ananyaśaraṇān hare // BrP_71.12 //

'Warum beschützt du nicht die Scharen der Götter, denen die Herrschaft geraubt, denen die Frauen geraubt wurden, die in Not geraten sind und keine andere Zuflucht haben, o Gott Hari?'

Wort für Wort
hṛtasvāmyān suragaṇān
die Scharen der Götter, denen die Herrschaft geraubt
hṛtadārān gatāpadaḥ
denen die Frauen geraubt, die in Not geraten sind
kasmāt na rakṣase deva
warum beschützt du nicht, o Gott
ananyaśaraṇān hare
die keine andere Zuflucht haben, o Hari

[Anm.: Die Erwähnung geraubter Frauen ('hṛtadārān') bleibt im Kontext unerklärt – möglicherweise Anspielung auf ein hier nicht weiter ausgeführtes Detail von Tārakas Untaten.]

{brahmovāca: } tataḥ provāca bhagavāñ śeṣaśāyī jagatpatiḥ / kasmāc ca bhayam āpannaṃ tad bruvantu gatajvarāḥ / tataḥ śriyaḥ patiṃ prāhus taṃ tārakavadhaṃ prati // BrP_71.13 //

Brahmā sprach: Da sprach der erhabene, auf Śeṣa ruhende Herr der Welt: 'Wovon habt ihr Furcht erlangt? Das sollt ihr, von Fieber befreit, sagen.' Da sprachen sie zum Gemahl der Śrī hinsichtlich der Tötung Tārakas.

Wort für Wort
brahmā uvāca
Brahmā sprach
tataḥ provāca bhagavān śeṣaśāyī jagatpatiḥ
da sprach der erhabene, auf Śeṣa ruhende Herr der Welt
kasmāt ca bhayam āpannaṃ
wovon habt ihr Furcht erlangt
tat bruvantu gatajvarāḥ
das sollt ihr, von Fieber befreit, sagen
tataḥ śriyaḥ patiṃ prāhuḥ
da sprachen sie zum Gemahl der Śrī
taṃ tārakavadhaṃ prati
hinsichtlich der Tötung Tārakas

[Anm.: Dieser Vers erstreckt sich unregelmäßig über drei Zeilen (6 Pādas) statt der üblichen zwei.]

{devā ūcuḥ: } tārakād bhayam āpannaṃ bhīṣaṇaṃ romaharṣaṇam / na yuddhais tapasā śāpair hantuṃ naiva kṣamā vayam // BrP_71.14 //

Die Götter sprachen: 'Von Tāraka haben wir furchtbare, haarsträubende Furcht erlangt; weder durch Kämpfe, Askese noch Flüche sind wir imstande, [ihn] zu töten.'

Wort für Wort
devāḥ ūcuḥ
die Götter sprachen
tārakāt bhayam āpannaṃ
von Tāraka haben wir Furcht erlangt
bhīṣaṇaṃ romaharṣaṇam
furchtbare, haarsträubende
na yuddhaiḥ tapasā śāpaiḥ
weder durch Kämpfe, Askese noch Flüche
hantuṃ na eva kṣamāḥ vayam
sind wir imstande zu töten

arvāgdaśāhād yo bālas tasmān mṛtyum avāpsyati / tasmād deva na cānyebhyas tatra nītir vidhīyatām // BrP_71.15 //

'Nur von einem Knaben, [der] jünger als zehn Tage [ist], wird er den Tod erlangen; von keinem anderen, o Gott. Dafür möge eine Vorgehensweise festgelegt werden.'

Wort für Wort
arvāgdaśāhāt yaḥ bālaḥ
von einem Knaben, jünger als zehn Tage
tasmāt mṛtyum avāpsyati
wird er von diesem den Tod erlangen
tasmāt deva na ca anyebhyaḥ
von diesem, o Gott, und von keinem anderen
tatra nītiḥ vidhīyatām
dafür möge eine Vorgehensweise festgelegt werden

{brahmovāca: } punar nārāyaṇaḥ prāha nāhaṃ balotkaṭaḥ surāḥ / na matto madapatyāc ca na devebhyo vadho bhavet // BrP_71.16 //

Brahmā sprach: Wiederum sprach Nārāyaṇa: 'Ich bin nicht von übermäßiger Kraft, o Götter; weder durch mich noch durch meinen Nachkommen noch durch die Götter wird [seine] Tötung geschehen.'

Wort für Wort
brahmā uvāca
Brahmā sprach
punaḥ nārāyaṇaḥ prāha
wiederum sprach Nārāyaṇa
na aham balotkaṭaḥ surāḥ
ich bin nicht von übermäßiger Kraft, o Götter
na mattaḥ madapatyāt ca
weder durch mich noch durch meinen Nachkommen
na devebhyaḥ vadhaḥ bhavet
noch durch die Götter wird die Tötung geschehen

īśvarād yadi jāyeta apatyaṃ bahuśaktikam / tasmād vadham avāpnoti tārako lokadāruṇaḥ // BrP_71.17 //

'Wenn von Īśvara [Śiva] ein Nachkomme von großer Kraft geboren würde, durch diesen erlangt Tāraka, der Schrecken der Welt, den Tod.'

Wort für Wort
īśvarāt yadi jāyeta
wenn von Īśvara (Śiva) geboren würde
apatyaṃ bahuśaktikam
ein Nachkomme von großer Kraft
tasmāt vadham avāpnoti
durch diesen erlangt den Tod
tārakaḥ lokadāruṇaḥ
Tāraka, der Schrecken der Welt

tad gacchāmaḥ surāḥ sarve yatitum ṛṣibhiḥ saha / bhāryārthaṃ prathamo yatnaḥ kartavyaḥ prabhaviṣṇubhiḥ // BrP_71.18 //

'Deshalb lasst uns gehen, alle Götter, zusammen mit den Weisen, um es zu versuchen; die erste Anstrengung soll von den Mächtigen für [Śivas] Gemahlin unternommen werden.'

Wort für Wort
tat gacchāmaḥ surāḥ sarve
deshalb lasst uns gehen, alle Götter
yatitum ṛṣibhiḥ saha
um es zu versuchen, zusammen mit den Weisen
bhāryārthaṃ prathamaḥ yatnaḥ
die erste Anstrengung für die Gemahlin
kartavyaḥ prabhaviṣṇubhiḥ
soll von den Mächtigen unternommen werden

tathety uktvā suragaṇā jagmus te ca nagottamam / himavantaṃ ratnamayaṃ menāṃ ca himavatpriyām // BrP_71.19 //

Nachdem sie 'so sei es' gesagt hatten, gingen die Götterscharen zum besten der Berge, dem aus Juwelen bestehenden Himavat, und zu Menā, der Geliebten des Himavat.

Wort für Wort
tathā iti uktvā suragaṇāḥ
nachdem die Götterscharen 'so sei es' gesagt hatten
jagmuḥ te ca nagottamam
gingen sie zum besten der Berge
himavantaṃ ratnamayaṃ
zum aus Juwelen bestehenden Himavat
menāṃ ca himavatpriyām
und zu Menā, der Geliebten des Himavat

idam ūcuḥ sarva eva sabhāryaṃ tuhinaṃ girim //* BrP_71.20 //

Dies sprachen alle zusammen zu dem mit seiner Gemahlin [versehenen] Schnee-Berg [Himavat]:

Wort für Wort
idam ūcuḥ sarve eva
dies sprachen alle zusammen
sabhāryaṃ tuhinaṃ girim
zu dem mit seiner Gemahlin (versehenen) Schnee-Berg

[Anm.: Im Quelltext mit '//*' als Halbvers gekennzeichnete, unvollständige Verszeile.]

{devā ūcuḥ: } dākṣāyaṇī lokamātā yā śaktiḥ saṃsthitā girau / buddhiḥ prajñā dhṛtir medhā lajjā puṣṭiḥ sarasvatī // BrP_71.21 //

Die Götter sprachen: 'Die Tochter Dakṣas, die Mutter der Welt, welche Kraft (Śakti) im Berge weilt – Verstand, Weisheit, Standhaftigkeit, Geisteskraft, Scham, Nahrung, Sarasvatī –'

Wort für Wort
devāḥ ūcuḥ
die Götter sprachen
dākṣāyaṇī lokamātā
die Tochter Dakṣas, die Mutter der Welt
yā śaktiḥ saṃsthitā girau
welche Kraft (Śakti) im Berge weilt
buddhiḥ prajñā dhṛtiḥ medhā
Verstand, Weisheit, Standhaftigkeit, Geisteskraft
lajjā puṣṭiḥ sarasvatī
Scham, Nahrung, Sarasvatī

evaṃ tv anekadhā loke yā sthitā lokapāvanī / devānāṃ kāryasiddhyarthaṃ yuvayor garbham āviśat // BrP_71.22 //

'so [ist sie], die auf vielerlei Weise in der Welt weilende, die Welt reinigende [Göttin]; zum Zweck der Erfüllung der Angelegenheit der Götter ist sie in euren beider Mutterleib eingegangen.'

Wort für Wort
evaṃ tu anekadhā loke
so auf vielerlei Weise in der Welt
yā sthitā lokapāvanī
die weilende, die Welt reinigende (Göttin)
devānāṃ kāryasiddhyarthaṃ
zum Zweck der Erfüllung der Angelegenheit der Götter
yuvayoḥ garbham āviśat
ist sie in euren beider Mutterleib eingegangen

samutpannā jaganmātā śaṃbhoḥ patnī bhaviṣyati / asmākaṃ bhavatāṃ cāpi pālanī ca bhaviṣyati // BrP_71.23 //

'Als die Mutter der Welt geboren, wird sie die Gemahlin Śambhus [Śivas] sein; unsere und auch eure Beschützerin wird sie sein.'

Wort für Wort
samutpannā jaganmātā
als die Mutter der Welt geboren
śaṃbhoḥ patnī bhaviṣyati
wird sie die Gemahlin Śambhus sein
asmākaṃ bhavatāṃ ca api
unsere und auch eure
pālanī ca bhaviṣyati
und Beschützerin wird sie sein

{brahmovāca: } himavān api tad vākyaṃ surāṇām abhinandya ca / menā cāpi mahotsāhā astv ity evaṃ vaco 'bravīt // BrP_71.24 //

Brahmā sprach: Auch Himavat, nachdem er diese Worte der Götter begrüßt hatte, und auch Menā, voller Eifer, sprachen das Wort: 'So sei es!'

Wort für Wort
brahmā uvāca
Brahmā sprach
himavān api tat vākyaṃ
auch Himavat diese Worte
surāṇām abhinandya ca
und nachdem er die der Götter begrüßt hatte
menā ca api mahotsāhā
und auch Menā, voller Eifer
astu iti evaṃ vacaḥ abravīt
sprach so das Wort: 'so sei es'

tadotpannā jagaddhātrī gaurī himavato gṛhe / śivadhyānaratā nityaṃ tanniṣṭhā tanmanogatā // BrP_71.25 //

Da wurde die Trägerin der Welt, Gaurī, im Hause des Himavat geboren, stets in Śiva-Meditation vertieft, ihm ergeben, ihm im Sinn zugewandt.

Wort für Wort
tadā utpannā jagaddhātrī gaurī
da wurde die Trägerin der Welt, Gaurī, geboren
himavataḥ gṛhe
im Hause des Himavat
śivadhyānaratā nityaṃ
stets in Śiva-Meditation vertieft
tanniṣṭhā tanmanogatā
ihm ergeben, ihm im Sinn zugewandt

tāṃ vai procuḥ suragaṇā īśārthe tapa āviśa / tathā himavataḥ pṛṣṭhe gaurī tepe tapo mahat // BrP_71.26 //

Zu ihr sprachen fürwahr die Götterscharen: 'Wende dich der Askese zu, um Īśas willen!' So übte Gaurī auf dem Rücken [Gipfel] des Himavat große Askese.

Wort für Wort
tāṃ vai procuḥ suragaṇāḥ
zu ihr sprachen fürwahr die Götterscharen
īśārthe tapaḥ āviśa
'wende dich der Askese zu, um Īśas willen'
tathā himavataḥ pṛṣṭhe
so auf dem Rücken (Gipfel) des Himavat
gaurī tepe tapaḥ mahat
übte Gaurī große Askese

punaḥ saṃmantrayām āsur īśo dhyāyati tāṃ śivām / ātmānaṃ vā tathānyad vā na jānīmaḥ kathaṃ bhavaḥ // BrP_71.27 //

Wiederum berieten sie sich: 'Meditiert Īśa über sie, die glückverheißende [Śivā]? Oder über sich selbst, oder über sonst etwas? Wir wissen nicht, worüber Bhava [Śiva meditiert].'

Wort für Wort
punaḥ saṃmantrayām āsuḥ
wiederum berieten sie sich
īśaḥ dhyāyati tāṃ śivām
meditiert Īśa über sie, die glückverheißende (Śivā)
ātmānaṃ vā tathā anyat vā
oder über sich selbst, oder über sonst etwas
na jānīmaḥ kathaṃ bhavaḥ
wir wissen nicht, worüber Bhava (meditiert)

menakāyāḥ sutāyāṃ tu cittaṃ dadhyāt sureśvaraḥ / tatra nītir vidhātavyā tataḥ śraiṣṭhyam avāpsyatha / tataḥ prāha mahābuddhir vācaspatir udāradhīḥ // BrP_71.28 //

'Auf die Tochter der Menakā soll der Herr der Götter [Śiva] seinen Sinn richten; dafür soll eine Vorgehensweise festgelegt werden, dann werdet ihr Vortrefflichkeit erlangen.' Da sprach der von großem Verstand, Vācaspati [Bṛhaspati], von edlem Geist:

Wort für Wort
menakāyāḥ sutāyāṃ tu
auf die Tochter der Menakā aber
cittaṃ dadhyāt sureśvaraḥ
soll der Herr der Götter seinen Sinn richten
tatra nītiḥ vidhātavyā
dafür soll eine Vorgehensweise festgelegt werden
tataḥ śraiṣṭhyam avāpsyatha
dann werdet ihr Vortrefflichkeit erlangen
tataḥ prāha mahābuddhiḥ
da sprach der von großem Verstand
vācaspatiḥ udāradhīḥ
Vācaspati (Bṛhaspati), von edlem Geist

[Anm.: Dieser Vers erstreckt sich unregelmäßig über drei Zeilen (6 Pādas) statt der üblichen zwei.]

{bṛhaspatir uvāca: } yas tv ayaṃ madano dhīmān kandarpaḥ puṣpacāpadhṛk / sa vidhyatu śivaṃ śāntaṃ bāṇaiḥ puṣpamayaiḥ śubhaiḥ // BrP_71.29 //

Bṛhaspati sprach: 'Dieser kluge Madana [Liebesgott], Kandarpa, der Träger des Blumenbogens, soll den friedvollen Śiva mit heilvollen, aus Blumen [bestehenden] Pfeilen durchbohren.'

Wort für Wort
bṛhaspatiḥ uvāca
Bṛhaspati sprach
yaḥ tu ayaṃ madanaḥ dhīmān
dieser kluge Madana
kandarpaḥ puṣpacāpadhṛk
Kandarpa, der Träger des Blumenbogens
sa vidhyatu śivaṃ śāntaṃ
der soll den friedvollen Śiva durchbohren
bāṇaiḥ puṣpamayaiḥ śubhaiḥ
mit heilvollen, aus Blumen (bestehenden) Pfeilen

tena viddhas trinetro 'pi īśāyāṃ buddhim ādadhet / pariṇeṣyaty asau nūnaṃ tadā tāṃ girijāṃ haraḥ // BrP_71.30 //

'Von diesem durchbohrt, wird auch der Dreiäugige [Śiva] seinen Sinn auf Īśā [Pārvatī] richten; dann wird gewiss jener Hara [Śiva] jene Bergtochter heiraten.'

Wort für Wort
tena viddhaḥ trinetraḥ api
von diesem durchbohrt, auch der Dreiäugige
īśāyāṃ buddhim ādadhet
wird seinen Sinn auf Īśā richten
pariṇeṣyati asau nūnaṃ
gewiss wird jener heiraten
tadā tāṃ girijāṃ haraḥ
dann jene Bergtochter, Hara

jayinaḥ pañcabāṇasya na bāṇāḥ kvāpi kuṇṭhitāḥ / tathoḍhāyāṃ jagaddhātryāṃ śaṃbhoḥ putro bhaviṣyati // BrP_71.31 //

'Des siegreichen Fünf-Pfeil-[Gottes, Kāma] Pfeile sind nirgendwo stumpf; und wenn so die Weltenträgerin [Pārvatī] geheiratet ist, wird ein Sohn Śambhus entstehen.'

Wort für Wort
jayinaḥ pañcabāṇasya
des siegreichen Fünf-Pfeil-(Gottes)
na bāṇāḥ kva api kuṇṭhitāḥ
dessen Pfeile sind nirgendwo stumpf
tathā ūḍhāyāṃ jagaddhātryāṃ
und wenn so die Weltenträgerin geheiratet ist
śaṃbhoḥ putraḥ bhaviṣyati
wird ein Sohn Śambhus entstehen

jātaḥ putras trinetrasya tārakaṃ sa haniṣyati / vasantaṃ ca sahāyārthaṃ śobhiṣṭhaṃ kusumākaram // BrP_71.32 //

'Der geborene Sohn des Dreiäugigen wird Tāraka töten. Und den Frühling (Vasanta), den überaus prächtigen Blumenspender, gebt ihm [Kāma] zur Hilfe,'

Wort für Wort
jātaḥ putraḥ trinetrasya
der geborene Sohn des Dreiäugigen
tārakaṃ sa haniṣyati
er wird Tāraka töten
vasantaṃ ca sahāyārthaṃ
und den Frühling zur Hilfe
śobhiṣṭhaṃ kusumākaram
den überaus prächtigen Blumenspender

āhlādanaṃ ca manasā kāmāyainaṃ prayacchatha //* BrP_71.33 //

'und die Erfreuung im Geiste gebt ihr dem Kāma dazu.'

Wort für Wort
āhlādanaṃ ca manasā
und die Erfreuung im Geiste
kāmāya enaṃ prayacchata
gebt ihr dem Kāma dazu

[Anm.: Im Quelltext mit '//*' als Halbvers gekennzeichnete, unvollständige Verszeile.]

{brahmovāca: } tathety uktvā suragaṇā madanaṃ kusumākaram / preṣayām āsur avyagrāḥ śivāntikam ariṃdamāḥ // BrP_71.34 //

Brahmā sprach: Nachdem sie 'so sei es' gesagt hatten, sandten die Götterscharen, die Feindebezwinger, ungestört, Madana [und] den Blumenspender [Vasanta] in die Nähe Śivas.

Wort für Wort
brahmā uvāca
Brahmā sprach
tathā iti uktvā suragaṇāḥ
nachdem die Götterscharen 'so sei es' gesagt hatten
madanaṃ kusumākaram
Madana (und) den Blumenspender
preṣayām āsuḥ avyagrāḥ
sandten sie, ungestört
śivāntikam ariṃdamāḥ
die Feindebezwinger, in die Nähe Śivas

sa jagāma tvarā kāmo dhṛtacāpo samādhavaḥ / ratyā ca sahitaḥ kāmaḥ kartuṃ karma suduṣkaram // BrP_71.35 //

Eilig ging Kāma, den Bogen haltend, zusammen mit Mādhava [dem Frühling], Kāma zusammen mit Rati, um die sehr schwierige Tat zu vollbringen.

Wort für Wort
sa jagāma tvarā kāmaḥ
eilig ging Kāma
dhṛtacāpaḥ samādhavaḥ
den Bogen haltend, zusammen mit Mādhava (dem Frühling)
ratyā ca sahitaḥ kāmaḥ
Kāma zusammen mit Rati
kartuṃ karma suduṣkaram
um die sehr schwierige Tat zu vollbringen

gṛhītvā saśaraṃ cāpam idaṃ tasya mano 'bhavat / mayā vedhyas tv avedhyo vai śaṃbhur lokaguruḥ prabhuḥ // BrP_71.36 //

Nachdem er den Bogen samt Pfeil ergriffen hatte, entstand dieser Gedanke in ihm: 'Von mir soll durchbohrt werden der eigentlich unverwundbare Śambhu, der Herr, der Lehrer der Welt.'

Wort für Wort
gṛhītvā saśaraṃ cāpam
nachdem er den Bogen samt Pfeil ergriffen hatte
idaṃ tasya manaḥ abhavat
entstand dieser Gedanke in ihm
mayā vedhyaḥ tu avedhyaḥ vai
von mir soll durchbohrt werden der eigentlich unverwundbare
śaṃbhuḥ lokaguruḥ prabhuḥ
Śambhu, der Herr, der Lehrer der Welt

trailokyajayino bāṇāḥ śaṃbhau me kiṃ dṛḍhā na vā / tenāsau cāgninetreṇa bhasmaśeṣas tadā kṛtaḥ // BrP_71.37 //

'Sind meine Pfeile, des Eroberers der drei Welten, bei Śambhu fest oder nicht?' – Von jenem [Śiva] aber wurde er durch das Feuerauge da zu Asche gemacht.

Wort für Wort
trailokyajayinaḥ bāṇāḥ
des Eroberers der drei Welten Pfeile
śaṃbhau me kiṃ dṛḍhāḥ na vā
sind meine bei Śambhu fest oder nicht
tena asau ca agninetreṇa
von jenem aber durch das Feuerauge
bhasmaśeṣaḥ tadā kṛtaḥ
wurde er da zu Asche gemacht

tad eva karma sudṛḍham īkṣituṃ surasattamāḥ / ājagmus tatra yad vṛttaṃ śṛṇu vismayakārakam // BrP_71.38 //

Eben diese sehr entschlossene Tat zu betrachten kamen die besten der Götter dorthin; was geschah, höre, es ist Verwunderung erregend:

Wort für Wort
tat eva karma sudṛḍham
eben diese sehr entschlossene Tat
īkṣituṃ surasattamāḥ
zu betrachten die besten der Götter
ājagmuḥ tatra yat vṛttaṃ
kamen dorthin; was geschah
śṛṇu vismayakārakam
höre, es ist Verwunderung erregend

{brahmovāca: } śaṃbhuṃ dṛṣṭvā suragaṇā yāvat paśyanti manmatham / tāvac ca bhasmasādbhūtaṃ kāmaṃ dṛṣṭvā bhayāturāḥ / tuṣṭuvus tridaśeśānaṃ kṛtāñjalipuṭāḥ surāḥ // BrP_71.39 //

Brahmā sprach: Nachdem die Götterscharen Śambhu gesehen hatten, während sie noch Manmatha [Kāma] betrachteten, sahen sie ihn, wie er zu Asche geworden war; von Furcht ergriffen, priesen die Götter, mit gefalteten Händen, den Herrn der Götter [Śiva].

Wort für Wort
brahmā uvāca
Brahmā sprach
śaṃbhuṃ dṛṣṭvā suragaṇāḥ
nachdem die Götterscharen Śambhu gesehen hatten
yāvat paśyanti manmatham
während sie noch Manmatha (Kāma) betrachteten
tāvat ca bhasmasādbhūtaṃ
da sahen sie ihn zu Asche geworden
kāmaṃ dṛṣṭvā bhayāturāḥ
nachdem sie Kāma gesehen hatten, von Furcht ergriffen
tuṣṭuvuḥ tridaśeśānaṃ
priesen sie den Herrn der Götter
kṛtāñjalipuṭāḥ surāḥ
die Götter, mit gefalteten Händen

[Anm.: Dieser Vers erstreckt sich unregelmäßig über drei Zeilen (6 Pādas) statt der üblichen zwei. 'Tridaśeśānam' ('Herr der Dreißig [Götter]') wird hier als Bezeichnung Śivas verstanden, dem die Huldigung im Kontext gilt, nicht als Indra.]

{devā ūcuḥ: } tārakād bhayam āpannaṃ kuru patnīṃ gireḥ sutām //* BrP_71.40 //

Die Götter sprachen: 'Wir haben Furcht vor Tāraka erlangt – mache die Tochter des Berges zu [deiner] Gemahlin!'

Wort für Wort
devāḥ ūcuḥ
die Götter sprachen
tārakāt bhayam āpannaṃ
wir haben Furcht vor Tāraka erlangt
kuru patnīṃ gireḥ sutām
mache die Tochter des Berges zur Gemahlin

[Anm.: Im Quelltext mit '//*' als Halbvers gekennzeichnete, unvollständige Verszeile.]

{brahmovāca: } viddhacitto haro 'py āśu mene vākyaṃ suroditam / arundhatīṃ vasiṣṭhaṃ ca māṃ tu cakradharaṃ tathā // BrP_71.41 //

Brahmā sprach: Auch Hara [Śiva], im Herzen getroffen, erwog sogleich das von den Göttern gesprochene Wort. Arundhatī und Vasiṣṭha, und mich, sowie den Diskusträger [Viṣṇu] ebenso,

Wort für Wort
brahmā uvāca
Brahmā sprach
viddhacittaḥ haraḥ api āśu
auch Hara, im Herzen getroffen, sogleich
mene vākyaṃ suroditam
erwog das von den Göttern gesprochene Wort
arundhatīṃ vasiṣṭhaṃ ca
Arundhatī und Vasiṣṭha
māṃ tu cakradharaṃ tathā
und mich, sowie den Diskusträger ebenso

preṣayām āsur amarā vivāhāya parasparam / saṃbandho 'pi tathāpy āsīd dhimavallokanāthayoḥ // BrP_71.42 //

sandten die Unsterblichen [als Boten] zur gegenseitigen Heirat; so kam auch die Verbindung zwischen dem Himavat und dem Herrn der Welt [Śiva] zustande.

Wort für Wort
preṣayām āsuḥ amarāḥ
sandten die Unsterblichen (als Boten)
vivāhāya parasparam
zur gegenseitigen Heirat
saṃbandhaḥ api tathā api āsīt
so kam auch die Verbindung zustande
himavallokanāthayoḥ
zwischen dem Himavat und dem Herrn der Welt

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