Kapitel 71: tridaivatyagaṅgāmāhātmyatārakavivāhaprastāvavarṇanam
Der Ursprung der 'Tridaivatā'-Gaṅgā und die Vorgeschichte von Tārakas Bedrohung und Śivas Vermählung mit Pārvatī
Auf Nāradas Frage nach dem 'Tridaivatya'-Tīrtha (dem aus den drei Göttern hervorgegangenen) identifiziert Brahmā dieses mit der Gaṅgā selbst und erzählt zu ihrem Ursprung die klassische Vorgeschichte: der übermächtige Dämon Tāraka unterjocht die Götter, die bei Viṣṇu Zuflucht suchen; da nur ein binnen zehn Tagen gezeugter Sohn Śivas Tāraka töten kann, entsenden die Götter Kāma (Madana), um den in Meditation versunkenen Śiva für die asketische Pārvatī (Gaurī, Tochter des Himavat und der Menā, Inkarnation der im Berg wohnenden Göttin-Kraft) zu entflammen; Kāma wird von Śivas drittem Auge zu Asche verbrannt, doch Śiva selbst ist von seinem Pfeil bereits getroffen und willigt in die Vermählung mit Pārvatī ein, aus der später der tāraka-tötende Sohn (Kārttikeya) hervorgehen wird.
{nārada uvāca: }
tridaivatyaṃ tu yat tīrthaṃ sarvebhyo hy uktam uttamam /
tasya svarūpabhedaṃ ca vistareṇa bravītu me // BrP_71.1 //
Nārada sprach: Doch das Tīrtha, das 'Tridaivatya' genannt wird und fürwahr als das höchste unter allen bezeichnet wurde – dessen Wesen und Besonderheit sollst du mir ausführlich darlegen.
Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach
tridaivatyaṃ tu yat tīrthaṃ
doch das Tīrtha, das 'Tridaivatya' (genannt wird)
sarvebhyaḥ hi uktam uttamam
und fürwahr als das höchste unter allen bezeichnet wurde
Brahmā sprach: So lange [gelten] die anderen Pilgerstätten, so lange jene heiligen Länder, so lange die Opfer und dergleichen [als bedeutsam], wie das Tridaivatya[-Tīrtha] nicht gesehen wird.
{devā ūcuḥ: }
tvaṃ trātā jagatāṃ nātha devānāṃ kīrtivardhana /
sarveśvara jagadyone trayīmūrte namo 'stu te // BrP_71.7 //
Die Götter sprachen: 'Du bist der Retter der Welten, o Herr, der den Ruhm der Götter mehrt; o Herr von allem, Ursprung der Welt, du in Gestalt der Dreiheit, Verehrung sei dir!'
'Der Schöpfer der Welten, der Vernichter der Dämonen, eben du bist der Herr der Welten; die Ursache von Bestehen, Entstehen und Vergehen bist du, o Allesdurchdringender.'
Wort für Wort
lokasraṣṭā asurān hantā
der Schöpfer der Welten, der Vernichter der Dämonen
trātā na kopy asti jagattraye 'pi śarīriṇāṃ sarvavipadgatānām /
tvayā vinā vārijapattranetra tāpatrayāṇāṃ śaraṇaṃ na cānyat // BrP_71.9 //
'Es gibt keinen anderen Retter in den drei Welten für verkörperte Wesen, die in jegliche Not geraten sind; außer dir, o Lotosblattäugiger, gibt es keine andere Zuflucht vor den drei[fachen] Leiden (Tāpatraya).'
Wort für Wort
trātā na kaḥ api asti
es gibt keinen anderen Retter
jagattraye api śarīriṇāṃ
in den drei Welten für verkörperte Wesen
sarvavipadgatānām
die in jegliche Not geraten sind
tvayā vinā vārijapattranetra
außer dir, o Lotosblattäugiger
tāpatrayāṇāṃ śaraṇaṃ na ca anyat
gibt es keine andere Zuflucht vor den drei(fachen) Leiden
[Anm.: Dieser und der folgende Vers stehen im Quelltext in einem abweichenden, längeren Versmaß (mit den Halbzeilen a/b/c/d gekennzeichnet) statt der sonst üblichen Anuṣṭubh-Form.]
pitā ca mātā jagato 'khilasya tvam eva sevāsulabho 'si viṣṇo /
prasīda pāhīśa mahābhayebhyo 'smadārtihantā vada kas tvadanyaḥ // BrP_71.10 //
'Vater und Mutter der ganzen Welt bist eben du, o Viṣṇu, und doch durch Dienst leicht zu erlangen; sei uns gnädig, o Herr, beschütze [uns] vor großen Gefahren! Sage, wer außer dir ist der Vernichter unseres Leids?'
Wort für Wort
pitā ca mātā jagataḥ akhilasya
Vater und Mutter der ganzen Welt
tvam eva sevāsulabhaḥ asi viṣṇo
bist eben du, o Viṣṇu, und doch durch Dienst leicht zu erlangen
prasīda pāhi īśa mahābhayebhyaḥ
sei gnädig, beschütze, o Herr, vor großen Gefahren
asmadārtihantā vada kaḥ tvadanyaḥ
sage, wer außer dir ist der Vernichter unseres Leids
[Anm.: Am Zeilenübergang c/d liest der Quelltext '...mahābhayebhyo / śmadārtihantā...', was hier als elidiertes 'asmad-ārti-hantā' ("Vernichter unseres Leids") aufgelöst wurde.]
ādikartā varāhas tvaṃ matsyaḥ kūrmas tathaiva ca /
ityādirūpabhedair no rakṣase bhaya āgate // BrP_71.11 //
'Der Urheber-Schöpfer, der Eber (Varāha) bist du, der Fisch (Matsya), ebenso die Schildkröte (Kūrma); mit diesen und weiteren Gestalt-Unterscheidungen beschützt du uns, wenn Gefahr naht.'
hṛtasvāmyān suragaṇān hṛtadārān gatāpadaḥ /
kasmān na rakṣase deva ananyaśaraṇān hare // BrP_71.12 //
'Warum beschützt du nicht die Scharen der Götter, denen die Herrschaft geraubt, denen die Frauen geraubt wurden, die in Not geraten sind und keine andere Zuflucht haben, o Gott Hari?'
Wort für Wort
hṛtasvāmyān suragaṇān
die Scharen der Götter, denen die Herrschaft geraubt
hṛtadārān gatāpadaḥ
denen die Frauen geraubt, die in Not geraten sind
kasmāt na rakṣase deva
warum beschützt du nicht, o Gott
ananyaśaraṇān hare
die keine andere Zuflucht haben, o Hari
[Anm.: Die Erwähnung geraubter Frauen ('hṛtadārān') bleibt im Kontext unerklärt – möglicherweise Anspielung auf ein hier nicht weiter ausgeführtes Detail von Tārakas Untaten.]
{brahmovāca: }
tataḥ provāca bhagavāñ śeṣaśāyī jagatpatiḥ /
kasmāc ca bhayam āpannaṃ tad bruvantu gatajvarāḥ /
tataḥ śriyaḥ patiṃ prāhus taṃ tārakavadhaṃ prati // BrP_71.13 //
Brahmā sprach: Da sprach der erhabene, auf Śeṣa ruhende Herr der Welt: 'Wovon habt ihr Furcht erlangt? Das sollt ihr, von Fieber befreit, sagen.' Da sprachen sie zum Gemahl der Śrī hinsichtlich der Tötung Tārakas.
Wort für Wort
brahmā uvāca
Brahmā sprach
tataḥ provāca bhagavān śeṣaśāyī jagatpatiḥ
da sprach der erhabene, auf Śeṣa ruhende Herr der Welt
kasmāt ca bhayam āpannaṃ
wovon habt ihr Furcht erlangt
tat bruvantu gatajvarāḥ
das sollt ihr, von Fieber befreit, sagen
tataḥ śriyaḥ patiṃ prāhuḥ
da sprachen sie zum Gemahl der Śrī
taṃ tārakavadhaṃ prati
hinsichtlich der Tötung Tārakas
[Anm.: Dieser Vers erstreckt sich unregelmäßig über drei Zeilen (6 Pādas) statt der üblichen zwei.]
Die Götter sprachen: 'Von Tāraka haben wir furchtbare, haarsträubende Furcht erlangt; weder durch Kämpfe, Askese noch Flüche sind wir imstande, [ihn] zu töten.'
arvāgdaśāhād yo bālas tasmān mṛtyum avāpsyati /
tasmād deva na cānyebhyas tatra nītir vidhīyatām // BrP_71.15 //
'Nur von einem Knaben, [der] jünger als zehn Tage [ist], wird er den Tod erlangen; von keinem anderen, o Gott. Dafür möge eine Vorgehensweise festgelegt werden.'
{brahmovāca: }
punar nārāyaṇaḥ prāha nāhaṃ balotkaṭaḥ surāḥ /
na matto madapatyāc ca na devebhyo vadho bhavet // BrP_71.16 //
Brahmā sprach: Wiederum sprach Nārāyaṇa: 'Ich bin nicht von übermäßiger Kraft, o Götter; weder durch mich noch durch meinen Nachkommen noch durch die Götter wird [seine] Tötung geschehen.'
tad gacchāmaḥ surāḥ sarve yatitum ṛṣibhiḥ saha /
bhāryārthaṃ prathamo yatnaḥ kartavyaḥ prabhaviṣṇubhiḥ // BrP_71.18 //
'Deshalb lasst uns gehen, alle Götter, zusammen mit den Weisen, um es zu versuchen; die erste Anstrengung soll von den Mächtigen für [Śivas] Gemahlin unternommen werden.'
tathety uktvā suragaṇā jagmus te ca nagottamam /
himavantaṃ ratnamayaṃ menāṃ ca himavatpriyām // BrP_71.19 //
Nachdem sie 'so sei es' gesagt hatten, gingen die Götterscharen zum besten der Berge, dem aus Juwelen bestehenden Himavat, und zu Menā, der Geliebten des Himavat.
Wort für Wort
tathā iti uktvā suragaṇāḥ
nachdem die Götterscharen 'so sei es' gesagt hatten
Die Götter sprachen: 'Die Tochter Dakṣas, die Mutter der Welt, welche Kraft (Śakti) im Berge weilt – Verstand, Weisheit, Standhaftigkeit, Geisteskraft, Scham, Nahrung, Sarasvatī –'
'so [ist sie], die auf vielerlei Weise in der Welt weilende, die Welt reinigende [Göttin]; zum Zweck der Erfüllung der Angelegenheit der Götter ist sie in euren beider Mutterleib eingegangen.'
Wort für Wort
evaṃ tu anekadhā loke
so auf vielerlei Weise in der Welt
yā sthitā lokapāvanī
die weilende, die Welt reinigende (Göttin)
devānāṃ kāryasiddhyarthaṃ
zum Zweck der Erfüllung der Angelegenheit der Götter
Wiederum berieten sie sich: 'Meditiert Īśa über sie, die glückverheißende [Śivā]? Oder über sich selbst, oder über sonst etwas? Wir wissen nicht, worüber Bhava [Śiva meditiert].'
Wort für Wort
punaḥ saṃmantrayām āsuḥ
wiederum berieten sie sich
īśaḥ dhyāyati tāṃ śivām
meditiert Īśa über sie, die glückverheißende (Śivā)
'Auf die Tochter der Menakā soll der Herr der Götter [Śiva] seinen Sinn richten; dafür soll eine Vorgehensweise festgelegt werden, dann werdet ihr Vortrefflichkeit erlangen.' Da sprach der von großem Verstand, Vācaspati [Bṛhaspati], von edlem Geist:
Wort für Wort
menakāyāḥ sutāyāṃ tu
auf die Tochter der Menakā aber
cittaṃ dadhyāt sureśvaraḥ
soll der Herr der Götter seinen Sinn richten
tatra nītiḥ vidhātavyā
dafür soll eine Vorgehensweise festgelegt werden
tataḥ śraiṣṭhyam avāpsyatha
dann werdet ihr Vortrefflichkeit erlangen
tataḥ prāha mahābuddhiḥ
da sprach der von großem Verstand
vācaspatiḥ udāradhīḥ
Vācaspati (Bṛhaspati), von edlem Geist
[Anm.: Dieser Vers erstreckt sich unregelmäßig über drei Zeilen (6 Pādas) statt der üblichen zwei.]
Bṛhaspati sprach: 'Dieser kluge Madana [Liebesgott], Kandarpa, der Träger des Blumenbogens, soll den friedvollen Śiva mit heilvollen, aus Blumen [bestehenden] Pfeilen durchbohren.'
'Von diesem durchbohrt, wird auch der Dreiäugige [Śiva] seinen Sinn auf Īśā [Pārvatī] richten; dann wird gewiss jener Hara [Śiva] jene Bergtochter heiraten.'
'Des siegreichen Fünf-Pfeil-[Gottes, Kāma] Pfeile sind nirgendwo stumpf; und wenn so die Weltenträgerin [Pārvatī] geheiratet ist, wird ein Sohn Śambhus entstehen.'
Brahmā sprach: Nachdem sie 'so sei es' gesagt hatten, sandten die Götterscharen, die Feindebezwinger, ungestört, Madana [und] den Blumenspender [Vasanta] in die Nähe Śivas.
Wort für Wort
brahmā uvāca
Brahmā sprach
tathā iti uktvā suragaṇāḥ
nachdem die Götterscharen 'so sei es' gesagt hatten
gṛhītvā saśaraṃ cāpam idaṃ tasya mano 'bhavat /
mayā vedhyas tv avedhyo vai śaṃbhur lokaguruḥ prabhuḥ // BrP_71.36 //
Nachdem er den Bogen samt Pfeil ergriffen hatte, entstand dieser Gedanke in ihm: 'Von mir soll durchbohrt werden der eigentlich unverwundbare Śambhu, der Herr, der Lehrer der Welt.'
Wort für Wort
gṛhītvā saśaraṃ cāpam
nachdem er den Bogen samt Pfeil ergriffen hatte
idaṃ tasya manaḥ abhavat
entstand dieser Gedanke in ihm
mayā vedhyaḥ tu avedhyaḥ vai
von mir soll durchbohrt werden der eigentlich unverwundbare
trailokyajayino bāṇāḥ śaṃbhau me kiṃ dṛḍhā na vā /
tenāsau cāgninetreṇa bhasmaśeṣas tadā kṛtaḥ // BrP_71.37 //
'Sind meine Pfeile, des Eroberers der drei Welten, bei Śambhu fest oder nicht?' – Von jenem [Śiva] aber wurde er durch das Feuerauge da zu Asche gemacht.
Brahmā sprach: Nachdem die Götterscharen Śambhu gesehen hatten, während sie noch Manmatha [Kāma] betrachteten, sahen sie ihn, wie er zu Asche geworden war; von Furcht ergriffen, priesen die Götter, mit gefalteten Händen, den Herrn der Götter [Śiva].
Wort für Wort
brahmā uvāca
Brahmā sprach
śaṃbhuṃ dṛṣṭvā suragaṇāḥ
nachdem die Götterscharen Śambhu gesehen hatten
yāvat paśyanti manmatham
während sie noch Manmatha (Kāma) betrachteten
tāvat ca bhasmasādbhūtaṃ
da sahen sie ihn zu Asche geworden
kāmaṃ dṛṣṭvā bhayāturāḥ
nachdem sie Kāma gesehen hatten, von Furcht ergriffen
tuṣṭuvuḥ tridaśeśānaṃ
priesen sie den Herrn der Götter
kṛtāñjalipuṭāḥ surāḥ
die Götter, mit gefalteten Händen
[Anm.: Dieser Vers erstreckt sich unregelmäßig über drei Zeilen (6 Pādas) statt der üblichen zwei. 'Tridaśeśānam' ('Herr der Dreißig [Götter]') wird hier als Bezeichnung Śivas verstanden, dem die Huldigung im Kontext gilt, nicht als Indra.]
{brahmovāca: }
viddhacitto haro 'py āśu mene vākyaṃ suroditam /
arundhatīṃ vasiṣṭhaṃ ca māṃ tu cakradharaṃ tathā // BrP_71.41 //
Brahmā sprach: Auch Hara [Śiva], im Herzen getroffen, erwog sogleich das von den Göttern gesprochene Wort. Arundhatī und Vasiṣṭha, und mich, sowie den Diskusträger [Viṣṇu] ebenso,
sandten die Unsterblichen [als Boten] zur gegenseitigen Heirat; so kam auch die Verbindung zwischen dem Himavat und dem Herrn der Welt [Śiva] zustande.