Kapitel 74: gautamamāhātmyagavīśāpavarṇanam
Gautamas Größe und die List mit der verzauberten Kuh – der Ursprung von Gautamas Gaṅgā-Anteil
Auf Nāradas Frage erklärt Brahmā, dass die Gaṅgā zweifach zur Erde gelangte: einmal durch den Brahmanen Gautama, einmal durch König Bhagīratha. Brahmā erzählt zunächst Gautamas Geschichte: Als Śiva Gaṅgā aus Zuneigung in seinen Locken verbarg, konnte Pārvatī dies nicht ertragen und ersann mit Gaṇeśa, Skanda und ihrer Gefährtin Jayā einen Plan. Der hochberühmte Asket Gautama, dessen Einsiedelei am Brahmagiri während einer 24-jährigen Dürre als einziger Ort der Welt verschont blieb, wird von zahllosen Weisen aufgesucht und wie ein Vater versorgt. Um ihn zu zwingen, durch Askese die Gaṅgā aus Śivas Locken herbeizuholen, lässt Gaṇeśa Jayā in Gestalt einer Kuh Gautamas Reisfelder verwüsten; als Gautama sie vertreibt und sie scheinbar tot niederfällt, verlangen die (von Gaṇeśa aufgehetzten) Gastweisen von Gautama Sühne. Auf Gaṇeśas (verkleideten) Rat hin verspricht Gautama, das Gaṅgā-Wasser aus Śivas Kamaṇḍalu-Locken herbeizuschaffen, um damit die Kuh zu besprengen. Gautama erkennt den göttlichen Sinn hinter der List und bricht, seine Gattin und Brahmanenscharen mit sich führend, zum Kailāsa auf, um dort Askese zu üben (Fortsetzung in Kap.75).
{nārada uvāca:} kamaṇḍalusthitā devī maheśvarajaṭāgatā / śrutā deva yathā martyam āgatā tad bravītu me //
{Nārada sprach:} Die im Wasserkrug befindliche Göttin, die in Maheśvaras Locken gelangte – wie sie, o Gott, zu den Sterblichen gelangte, so habe ich gehört; das erzähle mir!
{Brahmā sprach:} Die in Maheśvaras Locken befindlichen Wasser-Göttinnen, o Hochgesinnter – von ihnen gibt es eine zweifache Unterscheidung, wegen der zwei [verschiedenen] Bringer.
Wort für Wort
maheśvara-jaṭā-sthāḥ yāḥ āpaḥ devyaḥ
die in Maheśvaras Locken befindlichen Wasser-Göttinnen
Ein Anteil wurde hier von einem Brahmanen, durch Gelübde, Gaben und Versenkung, von Gotama [=Gautama], nach Verehrung Śivas, herbeigeholt – weltberühmt;
{nārada uvāca:} maheśvarajaṭāsthā yā hetunā kena gautamaḥ / āhartā kṣatriyeṇāpi āhṛtā kena tad vada //
{Nārada sprach:} Die in Maheśvaras Locken befindliche [Gaṅgā] – aus welchem Grund war Gautama ihr Bringer, und wodurch wurde sie auch vom Kṣatriya [Bhagīratha] herbeigeholt? Das sage mir!
{Brahmā sprach:} Wie sie einst, o Kind, von dem Brahmanen oder von dem anderen [dem Kṣatriya] herbeigeführt wurde – das alles will ich ausführlich erzählen, dir zur Freude.
und da er sich in einer Weise des Genusses befand, schuf er die höchste Essenz [Rasa]; wegen [ihres] Geschmackssinnes, [ihrer] Lieblichkeit, [ihrer] weiblichen Wesensart und [ihrer] reinigenden Kraft
Wort für Wort
rasa-vṛttau sthitaḥ yasmāt
da er sich in einer Weise des Genusses befand
nirmame rasam uttamam
schuf er die höchste Essenz
rasikatvāt priyatvāt ca
wegen des Geschmackssinnes und der Lieblichkeit
straiṇatvāt pāvanatvataḥ
wegen der weiblichen Wesensart und der reinigenden Kraft
[Anm.: Dieser Vers spielt mit der Doppelbedeutung von 'rasa' als 'Wasser/Essenz' und 'sinnlicher Genuss' und erklärt so poetisch-etymologisch Gaṅgās Entstehen aus Śivas Zuneigung.]
sarvābhyo hy adhikaprītir gaṅgābhūd dvijasattama / saivodbhūtā jaṭāmārgāt kasmiṃścit kāraṇāntare / sa tu saṃgopayām āsa gaṅgāṃ śaṃbhur jaṭāgatām //
wurde die Gaṅgā allen [anderen] gegenüber die Bevorzugte, o Bester der Zweifachgeborenen; sie selbst entstand aus dem Pfad der Locken, aus einem gewissen anderen Grunde; Śambhu aber verbarg die in seinen Locken befindliche Gaṅgā.
Wort für Wort
sarvābhyaḥ hi adhika-prītiḥ
allen [anderen] gegenüber die Bevorzugte
gaṅgā abhūt dvija-sattama
wurde die Gaṅgā, o Bester der Zweifachgeborenen
sā eva udbhūtā jaṭā-mārgāt
sie selbst entstand aus dem Pfad der Locken
kasmiṃścit kāraṇa-antare
aus einem gewissen anderen Grunde
sa tu saṃgopayām āsa
er aber verbarg
gaṅgām śaṃbhuḥ jaṭā-gatām
die in seinen Locken befindliche Gaṅgā, Śambhu
[Anm.: Im überlieferten Text fehlt eine eigene Verszählung 'BrP_74.11' – die Verszählung springt von V10 direkt zu V12, wobei der hier wiedergegebene Block drei Halbverszeilen (statt der üblichen zwei) umfasst, die alle nur durch die Markierung '// BrP_74.12 //' abgeschlossen werden. Dies deutet auf eine Lücke oder redaktionelle Zusammenziehung in der zugrunde liegenden Textüberlieferung hin.]
śirasā ca dhṛtāṃ jñātvā na śaśāka umā tadā / soḍhuṃ brahmañ jaṭājūṭe sthitāṃ dṛṣṭvā punaḥ punaḥ //
Als sie erkannte, dass sie [Gaṅgā] auf seinem Haupt getragen wurde, konnte Umā es damals nicht ertragen, sie, o Brahmane, immer wieder im Lockenknoten weilend zu sehen.
Wort für Wort
śirasā ca dhṛtām jñātvā
als sie erkannte, dass sie auf dem Haupt getragen wurde
Nachdem sie erwogen hatte, dass er die Göttin allein in den Locken verbarg, sprach sie da im Geheimen ein Wort zu Vināyaka, Jayā und Skanda:
Wort für Wort
jaṭāsu eva tadā devīm
dass er die Göttin allein in den Locken
gopāyantam vimṛśya sā
verbarg, nachdem sie das erwogen hatte, sie
vināyakam jayām skandam
zu Vināyaka, Jayā und Skanda
rahaḥ vacanam abravīt
sprach sie im Geheimen ein Wort
[Anm.: 'Jayā' (auch V38, V56ff. als eigenständige Person neben Mutter und Bruder angesprochen; in V59 'Vijayā' genannt) bezeichnet hier offenbar eine Gefährtin/Dienerin Pārvatīs, nicht Skanda selbst.]
'Dieser Herr der Götter [Śiva] wird die Gaṅgā, der Verliebte, keineswegs aufgeben; sie ist nun einmal Śivas Geliebte – wie sollte er diese Geliebte aufgeben?'
{pārvaty uvāca:} na devair nāsurair yakṣair na siddhair bhavatāpi ca / na rājabhir athānyair vā na gaṅgāṃ tyajati prabhuḥ //
{Pārvatī sprach:} Weder durch Götter, noch durch Asuras, Yakṣas, noch durch Siddhas, auch nicht durch dich, nicht durch Könige oder andere – der Herr wird die Gaṅgā nicht aufgeben.
Wiederum will ich Askese üben, indem ich zum besten der Berge, dem Himavat, gehe – oder aber durch fromme Brahmanen, deren Sünde durch Askese getilgt ist,
{Brahmā sprach:} Nachdem er dieses Wort der Mutter gehört hatte, sprach der Herr der Hindernisse [Gaṇeśa] zur Mutter: 'Nach Beratung mit meinem Bruder Skanda und mit Jayā wird hier [ein Plan] gefunden werden.'
Wort für Wort
etat śrutvā mātṛ-vākyam
nachdem er dieses Wort der Mutter gehört hatte
mātaram prāha vighna-rāṭ
sprach der Herr der Hindernisse zur Mutter
bhrātrā skandena jayayā
mit dem Bruder Skanda, mit Jayā
saṃmantrya iha ca yujyate
nach Beratung wird hier [ein Plan] gefunden werden
tam āśritya nagaśreṣṭhaṃ sarvadāste sa gautamaḥ / tasyāśrame mahāpuṇye śreṣṭhe brahmagirau śubhe //
Sich auf jenen besten der Berge stützend, weilt Gautama dort für immer; in dessen Einsiedelei, auf dem hochheiligen, besten, verheißungsvollen Brahmagiri,
devaloke 'pi martye vā śrūyate gautamo muniḥ / hotā dātā ca bhoktā ca sa eveti janā viduḥ //
Sowohl in der Götterwelt als auch in der Sterblichenwelt hört man vom Weisen Gautama; er allein ist der Anrufer, der Geber und der Genießer – so wissen es die Leute.
Wort für Wort
deva-loke 'pi martye vā
sowohl in der Götterwelt als auch in der Sterblichenwelt
jāyante ca tadauṣadhyo lūyante ca tadaiva hi / saṃpatsyante tadopyante gautamasya tapobalāt //
Dann sprossen die Heilkräuter, dann wurden sie geerntet, dann würden sie [wieder] gedeihen, dann würden sie [wieder] wachsen – durch die Kraft von Gautamas Askese.
Wort für Wort
jāyante ca tadā oṣadhyaḥ
dann sprossen die Heilkräuter
lūyante ca tadā eva hi
dann wurden sie geerntet
saṃpatsyante tadā upyante
dann würden sie gedeihen, dann würden sie [wieder] gesät/wachsen
{vināyaka uvāca:} devānāṃ sadane mātar gīyate gautamo dvijaḥ / yan na sādhyaṃ suragaṇair gautamaḥ kṛtavān iti //
{Vināyaka sprach:} 'In der Halle der Götter, Mutter, wird der Brahmane Gautama besungen: was den Götterscharen nicht möglich war, das hat Gautama vollbracht' – so [heißt es].
So habe ich, o Göttin, von der Askesekraft des Brahmanen gehört; jener Brahmane könnte diese Mutter Gaṅgā, die in den Locken weilt, zum Weichen bringen.
tapasā vānyato vāpi pūjayitvā trilocanam / sa eva cyāvayed enāṃ jaṭāsthāṃ me pitṛpriyām //
Durch Askese oder auf andere Weise, nach Verehrung des Dreiäugigen [Śiva] – er allein könnte diese meinem Vater liebe, in den Locken weilende [Gaṅgā] zum Fallen bringen.
tatra nītir vidhātavyā tāṃ vipro yācayed yathā / tatprabhāvāt saricchreṣṭhā śiraso 'vataraty api //
Dort muss eine List ersonnen werden, so dass der Brahmane sie [darum] bittet; durch seine Macht könnte die beste der Flüsse sogar vom Haupt herabsteigen.
{Brahmā sprach:} So zur Mutter gesprochen habend, ging der Herr der Hindernisse zusammen mit dem Bruder und Jayā dorthin, wo der abgemagerte, die heilige Schnur tragende Gautama [weilte].
Wort für Wort
iti uktvā mātaram
so zur Mutter gesprochen habend
bhrātrā jayayā saha vighnarāṭ
zusammen mit dem Bruder und Jayā der Herr der Hindernisse
jagāma gautamaḥ yatra
ging dorthin, wo Gautama
brahma-sūtra-dharaḥ kṛśaḥ
der abgemagerte, die heilige Schnur tragende [weilte]
gacchāmaḥ svam adhiṣṭhānam āśramāṇi śucīni ca / puṣṭāḥ sma gautamānnena pṛcchāmo gautamaṃ munim //
'Lasst uns zu unseren eigenen Wohnstätten gehen, zu den reinen Einsiedeleien; genährt wurden wir von Gautamas Speise – lasst uns den Weisen Gautama [um Erlaubnis] fragen.'
Es ziemt sich nicht, dass ihr, o Erdgötter, stets nur auf mich, wie auf einen dienstwilligen Sohn angewiesen, verweilt, statt andere Einsiedeleien aufzusuchen.
Wort für Wort
śuśrūṣau putra-vat nityam
wie auf einen dienstwilligen Sohn stets
mayi tiṣṭhati na ucitam
auf mich angewiesen zu verweilen, ziemt sich nicht
bhavatām bhūmi-devānām
für euch, o Erdgötter
āśrama-antara-sevanam
das Aufsuchen anderer Einsiedeleien [wäre angemessener]
idam evāśramaṃ puṇyaṃ sarveṣām iti me matiḥ / alam anyena munaya āśrameṇa gatena vā //
'Eben diese Einsiedelei ist für alle die heilige' – das ist meine Meinung; genug mit einer anderen Einsiedelei, o Weise, oder mit dem Weggehen [dorthin].
{Brahmā sprach:} Als er dieses Wort des Weisen gehört hatte, sich seiner Aufgabe, ein Hindernis zu schaffen, erinnernd, sprach der Herr der Gaṇas, die Hände gefaltet, zu den Brahmanen:
Wort für Wort
iti śrutvā muneḥ vākyam
als er dieses Wort des Weisen gehört hatte
vighna-kṛtyam anusmaran
sich seiner Aufgabe, ein Hindernis zu schaffen, erinnernd
{Der Herr der Gaṇas sprach:} 'Von der Speise erkauft sind wir – warum hält uns Gautama zurück? Mit guten Worten allein sind wir nicht imstande, zu unseren jeweils eigenen Wohnstätten zu gehen.'
{vināyaka uvāca:} kriyate guṇarūpaṃ yad gautamasya viśeṣataḥ //*
{Vināyaka sprach:} 'Eine List [in Gestalt einer Kuh] soll geschaffen werden, besonders im Wirkungsbereich Gautamas...'
Wort für Wort
kriyate guṇa-rūpam
eine List/täuschende Gestalt soll geschaffen werden
yat gautamasya viśeṣataḥ
besonders im Wirkungsbereich Gautamas
[Anm.: Im Original nur eine Zeile, mit '//*' als unvollständig markiert; 'guṇarūpa' hier im Sinne einer täuschenden Kuhgestalt gedeutet, wie aus dem Folgenden hervorgeht.]
{Brahmā sprach:} Nachdem der Edelmütige alle Zweifachgeborenen immer wieder um Zustimmung gebeten und, selbst zu einem Brahmanen geworden, die Brahmanen wiederum verehrt hatte, sprach der Herr der Gaṇas, im Einverständnis mit seiner Mutter, weise, zu Jayā:
Wort für Wort
anumānya dvijān sarvān
nachdem er alle Zweifachgeborenen um Zustimmung gebeten hatte
punaḥ punaḥ udāra-dhīḥ
immer wieder, der Edelmütige
svayam ca brāhmaṇaḥ bhūtvā
und selbst zu einem Brahmanen geworden
praṇamya brāhmaṇān punaḥ
nachdem er die Brahmanen wiederum verehrt hatte
mātuḥ mate sthitaḥ vidvān
im Einverständnis mit der Mutter, der Weise
jayām prāha gaṇa-īśvaraḥ
sprach der Herr der Gaṇas zu Jayā
[Anm.: Auch dieser Vers hat im Original drei Zeilen (sechs Pādas), von denen nur die letzte durch // markiert ist.]
{Vināyaka sprach:} 'So, dass niemand anderes es erkennt, so handle, o Schönantlitzige; nimm die Gestalt einer Kuh an und geh dorthin, wo Gautama weilt.'
śālīn khāda vināśyātha vikāraṃ kuru bhāmini / kṛte prahāre huṃkāre prekṣite cāpi kiṃcana / pata dīnaṃ svanaṃ kṛtvā na mriyasva na jīva ca //
'Friss den Reis und verdirb ihn, und mache dann, o Leidenschaftliche, einen Aufruhr; wenn geschlagen, wenn angeschrien, ja selbst wenn nur ein wenig angeschaut, falle nieder, einen kläglichen Laut von dir gebend – stirb nicht, doch lebe auch nicht [scheinbar tot].'
Wort für Wort
śālīn khāda vināśya atha
friss den Reis und verdirb ihn, dann
vikāram kuru bhāmini
mache einen Aufruhr, o Leidenschaftliche
kṛte prahāre huṃkāre
wenn geschlagen, wenn angeschrien
prekṣite ca api kiṃcana
selbst wenn nur ein wenig angeschaut
pata dīnam svanam kṛtvā
falle nieder, einen kläglichen Laut gebend
na mriyasva na jīva ca
stirb nicht, doch lebe auch nicht
[Anm.: Auch dieser Vers hat im Original drei Zeilen (sechs Pādas), von denen nur die letzte durch // markiert ist.]
{Brahmā sprach:} So handelte Vijayā, im Einverständnis mit dem Herrn der Hindernisse; dorthin, wo der Brahmane Gautama war, [ging] Jayā, die Gestalt einer Kuh annehmend.
{brāhmaṇā ūcuḥ:} ito gacchāmahe sarve na sthātavyaṃ tavāśrame / putravat poṣitāḥ sarve pṛṣṭo 'si munipuṃgava //
{Die Brahmanen sprachen:} 'Von hier gehen wir alle fort, wir dürfen nicht in deiner Einsiedelei bleiben; wie Söhne wurden wir alle genährt – doch nun bist du belastet [mit dieser Schuld], o Stier unter den Weisen.'
Wort für Wort
itaḥ gacchāmahe sarve
von hier gehen wir alle fort
na sthātavyam tava āśrame
wir dürfen nicht in deiner Einsiedelei bleiben
putra-vat poṣitāḥ sarve
wie Söhne wurden wir alle genährt
pṛṣṭaḥ asi muni-puṃgava
doch nun bist du belastet, o Stier unter den Weisen
diese Kuh, von der Wesensart einer Pilgerstätten-Gottheit, die durch die Macht des Schicksals gefallen ist – o Bester der Weisen, es bleibt nur, [von hier] zu gehen.
Wort für Wort
tīrtha-deva-svarūpiṇyām asyām gavi
in dieser Kuh von der Wesensart einer Pilgerstätten-Gottheit
Das geübte Gelübde geht zunichte, ebenso wie unser Aufenthalt in deiner Einsiedelei; wir haben, o Brahmane, keinen anderen Besitz, sondern allein die Askese als Besitz.'
{vighnarāja uvāca:} naiveyaṃ mriyate tatra naiva jīvati tatra kim / vadāmo 'smin susaṃdigdhe niṣkṛtiṃ gatim eva vā //
{Der Herr der Hindernisse sprach:} 'Weder stirbt sie dabei, noch lebt sie dabei; was sollen wir in dieser höchst zweifelhaften Angelegenheit verkünden: eine Sühne oder [einen anderen] Weg?'
Wort für Wort
na eva iyam mriyate tatra
weder stirbt sie dabei
na eva jīvati tatra kim
noch lebt sie dabei; was [tun wir]
vadāmaḥ asmin su-saṃdigdhe
sollen wir in dieser höchst zweifelhaften [Sache] verkünden
{gautama uvāca:} katham utthāsyatīyaṃ gaur atha cāsmiṃś ca niṣkṛtim / vaktum arhatha tat sarvaṃ kariṣye 'ham asaṃśayam //
{Gautama sprach:} 'Wie wird diese Kuh sich wieder erheben, und welche Sühne gibt es hierfür? Möget ihr all dies verkünden – ich werde es zweifellos tun.'
{vighnarāja uvāca:} sarveṣāṃ ca matenāhaṃ vadiṣyāmi yathārthavat / anumanyantu munayo madvākyaṃ gautamo 'pi ca //
{Der Herr der Hindernisse sprach:} 'Nach der Meinung aller werde ich der Wahrheit gemäß sprechen; die Weisen mögen mein Wort billigen, und auch Gautama.'
maheśvarajaṭājūṭe brahmaṇo 'vyaktajanmanaḥ / kamaṇḍalusthitaṃ vāri tiṣṭhatīti hi śuśruma //
'In Maheśvaras Lockenknoten, [dorthin gebracht] von Brahmā, dem aus dem Unmanifesten Geborenen, weilt, wie wir gehört haben, im Wasserkrug befindliches Wasser.'
tad ānayasva tarasā tapasā niyamena ca / tenābhiṣiñca gām etāṃ bhagavan bhuvam āśritām / tato vatsyāmahe sarve pūrvavat tava veśmani //
'Bringe es herbei, rasch, durch Askese und Gelübde, und besprenge mit ihm diese Kuh, die die Erde aufsucht, o Verehrter; danach werden wir alle wie zuvor in deinem Hause wohnen.'
Wort für Wort
tat ānayasva tarasā
bringe es herbei, rasch
tapasā niyamena ca
durch Askese und Gelübde
tena abhiṣiñca gām etām
und besprenge mit ihm diese Kuh
bhagavan bhuvam āśritām
o Verehrter, die die Erde aufsucht
tataḥ vatsyāmahe sarve
danach werden wir alle wohnen
pūrva-vat tava veśmani
wie zuvor in deinem Haus
[Anm.: Auch dieser Vers hat im Original drei Zeilen (sechs Pādas), von denen nur die letzte durch // markiert ist.]
{Brahmā sprach:} Als der Herr der Brahmanen dies in der Versammlung der Brahmanen gesprochen hatte, fiel dort ein Blumenregen, und ein Ruf des Sieges erscholl; da sprach Gautama, mit gefalteten Händen sich verneigend, folgendes Wort:
Wort für Wort
iti uktavati vipra-indre
als der Herr der Brahmanen dies gesprochen hatte
brāhmaṇānām ca saṃsadi
in der Versammlung der Brahmanen
tatra apatat puṣpa-vṛṣṭiḥ
fiel dort ein Blumenregen
jaya-śabdaḥ vyavardhata
ein Ruf des Sieges erscholl
tataḥ kṛta-añjaliḥ namraḥ
da mit gefalteten Händen sich verneigend
gautamaḥ vākyam abravīt
sprach Gautama folgendes Wort
[Anm.: Auch dieser Vers hat im Original drei Zeilen (sechs Pādas), von denen nur die letzte durch // markiert ist.]
{Gautama sprach:} 'Durch die Gnade der Askese und des Feuers, durch die Gnade der Götter und Brahmās und durch eure Gnade möge mein Entschluss gelingen.'
{Brahmā sprach:} 'So sei es', [sprachen] die Brahmanen und nahmen Abschied von dem Weisenstier; sie gingen zu ihren eigenen, mit Speise und Wasser gesegneten Orten.
Als die Scharen der Brahmanen und ebenso auch der Herr der Gaṇas gegangen waren, [blieb] auch Gautama, der Beste der Weisen, durch Askese von Sünde befreit,
dhyāyaṃs tadarthaṃ sa muniḥ kim idaṃ mama saṃsthitam / ity evaṃ bahuśo dhyāyañ jñānena jñātavān dvija //
über die Sache nachsinnend: 'Was ist dies, das mir widerfahren ist?' – so vielfach nachsinnend, erkannte der Weise durch Erkenntnis, o Zweifachgeborener [Nārada]:
So im Geiste nachsinnend, wurde der beste Zweifachgeborene hocherfreut; nachdem er den Herrn der Welten, den Dreiäugigen, den mit dem Stier im Banner, verehrt hatte,
[dachte er]: 'Ich werde die beste der Flüsse herbeiführen; möge die Bergestochter [Pārvatī] mir gewogen sein, [auch wenn ich] der Weltenmutter eine Nebenbuhlerin, die in Maheśvaras Locken weilende, [bringe].'
evaṃ hi saṃkalpya munipravīraḥ / sa gautamo brahmagirer jagāma / kailāsam ādhiṣṭhitam ugradhanvanā / surārcitaṃ priyayā brahmavṛndaiḥ //
Nachdem er so entschlossen war, ging jener beste der Weisen, Gautama, von Brahmagiri zum Kailāsa, dem vom Träger des furchtbaren Bogens [Śiva] bewohnten, von den Göttern verehrten Berg, zusammen mit seiner Gattin und Scharen von Brahmanen.
Wort für Wort
evam hi saṃkalpya
nachdem er so entschlossen war
muni-pravīraḥ sa gautamaḥ
jener beste der Weisen, Gautama
brahma-gireḥ jagāma kailāsam
ging von Brahmagiri zum Kailāsa
ādhiṣṭhitam ugra-dhanvanā
dem vom Träger des furchtbaren Bogens bewohnten
sura-arcitam priyayā
von den Göttern verehrten, zusammen mit seiner Gattin
brahma-vṛndaiḥ
und Scharen von Brahmanen
[Anm.: Dieser Schlussvers besteht im Original aus vier Halbzeilen (a/b/c/d) in einem längeren Versmaß, wie bereits in Kap.71 (V9-10) und Kap.72 (V38) belegt.]