Kapitel 139: khaḍgatīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Khaḍga-Tīrtha (Pailūṣa, das Schwert des Wissens und die Überwindung von Zorn, Gier, Anhaftung und Zweifel)
Der von Familienlast und vergeblichem Erwerbsstreben erschöpfte Pailūṣa, Sohn des Kavaṣa, wendet sich der Entsagung zu und fragt seinen Vater, wie man Zorn, Gier und den Weltenkreislauf mit dem 'Schwert des Wissens' durchtrennen könne. Auf dessen Rat verehrt er Śiva (Īśvara) und erlangt das Wissen, woraufhin er selbst Lehrverse über die Überwindung der 'Feinde' Zorn, Durst/Gier, Anhaftung, Zweifel und schließlich der Begierde (durch das Schwert des reinen Selbstbewusstseins) verkündet, die zur Einheit mit Śiva und zur Erlösung zu Lebzeiten (jīvanmukti) führen. An der Gaṅgā erlangt Pailūṣa selbst die Erlösung. Ursprung des Khaḍga-Tīrtha (auch Jñāna-, Kavaṣa- oder Pailūṣa-Tīrtha) mit 6000 weiteren Tīrthas.
atyantavimukhe daive vyarthībhūte tu pauruṣe / na vairāgyād anyad asti paṇḍitasyāvalambanam //
Wenn das Schicksal sich gänzlich abgewandt hat und die menschliche Anstrengung vergeblich geworden ist, gibt es für den Gelehrten keine andere Stütze als die Entsagung.
Wort für Wort
atyantavimukhe daive vyarthībhūte tu pauruṣe
Wenn das Schicksal sich gänzlich abgewandt hat und die menschliche Anstrengung vergeblich geworden ist
na vairāgyād anyad asti paṇḍitasyāvalambanam
gibt es für den Gelehrten keine andere Stütze als die Entsagung
mānī cātmā na kaṣṭārho hā dhig durdaivaceṣṭitam / sa kadācid vṛttiyuto vṛttibhiḥ parivartayan //
'Und mein stolzes Selbst verdient keine Not - wehe, Schande über das Wirken des bösen Schicksals!' Einmal, mit einem Erwerbsmittel versehen, dieses durch verschiedene Beschäftigungen wechselnd,...
Wort für Wort
mānī cātmā na kaṣṭārho hā dhig durdaivaceṣṭitam
'Und mein stolzes Selbst verdient keine Not - wehe, Schande über das Wirken des bösen Schicksals!'
sa kadācid vṛttiyuto vṛttibhiḥ parivartayan
Einmal, mit einem Erwerbsmittel versehen, dieses durch verschiedene Beschäftigungen wechselnd
na lebhe tad dhanaṃ vṛtter virāgam agamat tadā / sevā niṣiddhā yā kācid gahanā duṣkaraṃ tapaḥ //
...erlangte er jenes Vermögen nicht; darauf wandte er sich von aller Beschäftigung ab: 'Dienstbereitschaft ist mir verboten, sie ist heikel; Askese ist schwer zu üben;
Wort für Wort
na lebhe tad dhanaṃ vṛtter virāgam agamat tadā
erlangte er jenes Vermögen nicht; darauf wandte er sich von aller Beschäftigung ab
sevā niṣiddhā yā kācid gahanā duṣkaraṃ tapaḥ
'Dienstbereitschaft ist mir verboten, sie ist heikel; Askese ist schwer zu üben'
balād ākarṣatīyaṃ māṃ tṛṣṇā sarvatra duṣkṛte / tvayāpakṛtam ajñānāt tasmāt tṛṣṇe namo 'stu te //
'mit Gewalt zieht mich dieser Durst überallhin zum Übeltun; von dir wurde mir aus Unwissenheit Schaden zugefügt - deshalb sei dir, o Durst, Verehrung!'
Wort für Wort
balād ākarṣatīyaṃ māṃ tṛṣṇā sarvatra duṣkṛte
'mit Gewalt zieht mich dieser Durst überallhin zum Übeltun'
tvayāpakṛtam ajñānāt tasmāt tṛṣṇe namo 'stu te
'von dir wurde mir aus Unwissenheit Schaden zugefügt - deshalb sei dir, o Durst, Verehrung!'
[Anm.: Ironisch-resignierte Anrede Pailūṣas an die eigene Gier (tṛṣṇā).]
So überlegend, dachte der Kluge: 'Was könnte zur Durchtrennung des Durstes dienen?' Nachdem er dies erwogen hatte, sprach jener Pailūṣa zu seinem Vater ein Wort.
Wort für Wort
evaṃ vicintya medhāvī tṛṣṇāchedāya kiṃ bhavet
So überlegend, dachte der Kluge: 'Was könnte zur Durchtrennung des Durstes dienen?'
ity ālocya sa pailūṣaḥ pitaraṃ vākyam abravīt
Nachdem er dies erwogen hatte, sprach jener Pailūṣa zu seinem Vater ein Wort
{pailūṣa uvāca:} jñānāsinā krodhalobhau saṃsṛtiṃ cātidustarām / chedmīmāṃ kena he tāta tam upāyaṃ vada prabho //
Pailūṣa sprach: Womit sollte ich Zorn und Gier sowie den überaus schwer zu überwindenden Weltenkreislauf mit dem Schwert des Wissens durchtrennen? Sage mir, Vater und Herr, jenes Mittel!
Brahmā sprach: 'So sei es', sprechend, verehrte jener Pailūṣa Īśvara, um Wissen zu erlangen; darauf, zufrieden, gewährte Maheśāna dem Zweifachgeborenen das Wissen; nachdem er das Wissen erlangt hatte, sprach der Hochweise erlösungsspendende Verse.
Wort für Wort
{brahmovāca:} tathety uktvā sa pailūṣo jñānāyeśvaram ārcayat
Brahmā sprach: 'So sei es', sprechend, verehrte jener Pailūṣa Īśvara, um Wissen zu erlangen
tatas tuṣṭo maheśāno jñānaṃ prādād dvijātaye
darauf, zufrieden, gewährte Maheśāna dem Zweifachgeborenen das Wissen
prāptajñāno mahābuddhir gāthāḥ provāca muktidāḥ
nachdem er das Wissen erlangt hatte, sprach der Hochweise erlösungsspendende Verse
Pailūṣa sprach: Der Zorn ist der erste Feind, fruchtlos, den Körper zerstörend; nachdem man ihn mit dem Schwert des Wissens durchtrennt hat, erlangt man das höchste Glück.
Wort für Wort
{pailūṣa uvāca:} krodhas tu prathamaṃ śatrur niṣphalo dehanāśanaḥ
Pailūṣa sprach: Der Zorn ist der erste Feind, fruchtlos, den Körper zerstörend
jñānakhaḍgena taṃ chittvā paramaṃ sukham āpnuyāt
nachdem man ihn mit dem Schwert des Wissens durchtrennt hat, erlangt man das höchste Glück
Der Durst, vielgestaltig, eine Täuschung, fesselnd, sündenverursachend - nachdem man diesen mit dem Schwert des Wissens durchtrennt hat, verweilt der Mensch im Glück.
Wort für Wort
tṛṣṇā bahuvidhā māyā bandhanī pāpakāriṇī
Der Durst, vielgestaltig, eine Täuschung, fesselnd, sündenverursachend
chittvaitāṃ jñānakhaḍgena sukhaṃ tiṣṭhati mānavaḥ
nachdem man diesen mit dem Schwert des Wissens durchtrennt hat, verweilt der Mensch im Glück
saṅgas tu paramo 'dharmo devādīnām iti śrutiḥ / asaṅgasyātmano hy asya saṅgo 'yaṃ paramo ripuḥ //
Die Anhaftung aber ist die höchste Unrechtmäßigkeit, selbst für die Götter usw. - so die Offenbarung; für dieses wesenhaft unverhaftete Selbst ist diese Anhaftung der größte Feind.
Wort für Wort
saṅgas tu paramo 'dharmo devādīnām iti śrutiḥ
Die Anhaftung aber ist die höchste Unrechtmäßigkeit, selbst für die Götter usw. - so die Offenbarung
asaṅgasyātmano hy asya saṅgo 'yaṃ paramo ripuḥ
für dieses wesenhaft unverhaftete Selbst ist diese Anhaftung der größte Feind
Nachdem man diese mit dem Schwert des Wissens durchtrennt hat, erlangt man die Einheit mit Śiva; der Zweifel ist der höchste Untergang, der Vernichter von Dharma und Artha.
Wort für Wort
chittvainaṃ jñānakhaḍgena śivaikatvam avāpnuyāt
Nachdem man diese mit dem Schwert des Wissens durchtrennt hat, erlangt man die Einheit mit Śiva
saṃśayaḥ paramo nāśo dharmārthānāṃ vināśakṛt
der Zweifel ist der höchste Untergang, der Vernichter von Dharma und Artha
Nachdem das Lebewesen diesen Zweifel durchtrennt hat, erlangt es das höchste Erstrebte; wie ein Dämon dringt die Begierde ein und verbrennt alles Glück; nachdem man sie mit dem Schwert des vollkommenen Ich-Bewusstseins durchtrennt hat, erlangt man die Erlösung zu Lebzeiten.
Wort für Wort
chittvainaṃ saṃśayaṃ jantuḥ paramepsitam āpnuyāt
Nachdem das Lebewesen diesen Zweifel durchtrennt hat, erlangt es das höchste Erstrebte
piśācīva viśaty āśā nirdahaty akhilaṃ sukham
wie ein Dämon dringt die Begierde ein und verbrennt alles Glück
pūrṇāhantāsinā chittvā jīvan muktim avāpnuyāt
nachdem man sie mit dem Schwert des vollkommenen Ich-Bewusstseins durchtrennt hat, erlangt man die Erlösung zu Lebzeiten
[Anm.: Dreizeiliger Vers im Original. 'pūrṇāhantāsinā' ('mit dem Schwert des vollkommenen Ich-Bewusstseins') meint wohl das im Wissen verankerte, von Ego-Täuschung freie Selbstbewusstsein, nicht den gewöhnlichen Egoismus.]
{brahmovāca:} tato jñānam avāpyāsau gaṅgātīraṃ samāśritaḥ / jñānakhaḍgena nirmohas tato muktim avāpa saḥ //
Brahmā sprach: Darauf, nachdem er das Wissen erlangt hatte, begab sich jener an das Ufer der Gaṅgā; durch das Schwert des Wissens von Verblendung befreit, erlangte er darauf die Erlösung.
Wort für Wort
{brahmovāca:} tato jñānam avāpyāsau gaṅgātīraṃ samāśritaḥ
Brahmā sprach: Darauf, nachdem er das Wissen erlangt hatte, begab sich jener an das Ufer der Gaṅgā
jñānakhaḍgena nirmohas tato muktim avāpa saḥ
durch das Schwert des Wissens von Verblendung befreit, erlangte er darauf die Erlösung