Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 139: khaḍgatīrthamāhātmyavarṇanam Die Größe des Khaḍga-Tīrtha (Pailūṣa, das Schwert des Wissens und die Überwindung von Zorn, Gier, Anhaftung und Zweifel)

Der von Familienlast und vergeblichem Erwerbsstreben erschöpfte Pailūṣa, Sohn des Kavaṣa, wendet sich der Entsagung zu und fragt seinen Vater, wie man Zorn, Gier und den Weltenkreislauf mit dem 'Schwert des Wissens' durchtrennen könne. Auf dessen Rat verehrt er Śiva (Īśvara) und erlangt das Wissen, woraufhin er selbst Lehrverse über die Überwindung der 'Feinde' Zorn, Durst/Gier, Anhaftung, Zweifel und schließlich der Begierde (durch das Schwert des reinen Selbstbewusstseins) verkündet, die zur Einheit mit Śiva und zur Erlösung zu Lebzeiten (jīvanmukti) führen. An der Gaṅgā erlangt Pailūṣa selbst die Erlösung. Ursprung des Khaḍga-Tīrtha (auch Jñāna-, Kavaṣa- oder Pailūṣa-Tīrtha) mit 6000 weiteren Tīrthas.

{brahmovāca:} khaḍgatīrtham iti khyātaṃ gautamyā uttare taṭe / tatra snānena dānena muktibhāgī bhaven naraḥ //

Brahmā sprach: Bekannt als Khaḍga-Tīrtha, am nördlichen Ufer der Gautamī; durch Baden und Spenden dort wird der Mensch der Erlösung teilhaftig.

Wort für Wort
{brahmovāca:} khaḍgatīrtham iti khyātaṃ gautamyā uttare taṭe
Brahmā sprach: Bekannt als Khaḍga-Tīrtha, am nördlichen Ufer der Gautamī
tatra snānena dānena muktibhāgī bhaven naraḥ
durch Baden und Spenden dort wird der Mensch der Erlösung teilhaftig

tatra vṛttaṃ pravakṣyāmi śṛṇu nārada yatnataḥ / pailūṣa iti vikhyātaḥ kavaṣasya suto dvijaḥ //

Ich werde erzählen, was sich dort zutrug - höre aufmerksam, Nārada: Ein als Pailūṣa bekannter Zweifachgeborener war der Sohn des Kavaṣa.

Wort für Wort
tatra vṛttaṃ pravakṣyāmi śṛṇu nārada yatnataḥ
Ich werde erzählen, was sich dort zutrug - höre aufmerksam, Nārada
pailūṣa iti vikhyātaḥ kavaṣasya suto dvijaḥ
Ein als Pailūṣa bekannter Zweifachgeborener war der Sohn des Kavaṣa

kuṭumbabhārāt parito hy arthārthī paridhāvati / na kimapy āsasādāsau tato vairāgyam āsthitaḥ //

Wegen der Last seiner Familie lief er ganz und gar, nach Reichtum verlangend, umher; er erlangte gar nichts, weshalb er sich der Entsagung zuwandte.

Wort für Wort
kuṭumbabhārāt parito hy arthārthī paridhāvati
Wegen der Last seiner Familie lief er ganz und gar, nach Reichtum verlangend, umher
na kimapy āsasādāsau tato vairāgyam āsthitaḥ
er erlangte gar nichts, weshalb er sich der Entsagung zuwandte

atyantavimukhe daive vyarthībhūte tu pauruṣe / na vairāgyād anyad asti paṇḍitasyāvalambanam //

Wenn das Schicksal sich gänzlich abgewandt hat und die menschliche Anstrengung vergeblich geworden ist, gibt es für den Gelehrten keine andere Stütze als die Entsagung.

Wort für Wort
atyantavimukhe daive vyarthībhūte tu pauruṣe
Wenn das Schicksal sich gänzlich abgewandt hat und die menschliche Anstrengung vergeblich geworden ist
na vairāgyād anyad asti paṇḍitasyāvalambanam
gibt es für den Gelehrten keine andere Stütze als die Entsagung

iti saṃcintayām āsa tadāsau niḥśvasan muhuḥ / kramāgataṃ dhanaṃ nāsti poṣyāś ca bahavo mama //

So dachte er, immer wieder seufzend: 'Es gibt kein von den Vorfahren überkommenes Vermögen, und viele sind die von mir zu Unterhaltenden.'

Wort für Wort
iti saṃcintayām āsa tadāsau niḥśvasan muhuḥ
So dachte er, immer wieder seufzend
kramāgataṃ dhanaṃ nāsti poṣyāś ca bahavo mama
'Es gibt kein von den Vorfahren überkommenes Vermögen, und viele sind die von mir zu Unterhaltenden'

mānī cātmā na kaṣṭārho hā dhig durdaivaceṣṭitam / sa kadācid vṛttiyuto vṛttibhiḥ parivartayan //

'Und mein stolzes Selbst verdient keine Not - wehe, Schande über das Wirken des bösen Schicksals!' Einmal, mit einem Erwerbsmittel versehen, dieses durch verschiedene Beschäftigungen wechselnd,...

Wort für Wort
mānī cātmā na kaṣṭārho hā dhig durdaivaceṣṭitam
'Und mein stolzes Selbst verdient keine Not - wehe, Schande über das Wirken des bösen Schicksals!'
sa kadācid vṛttiyuto vṛttibhiḥ parivartayan
Einmal, mit einem Erwerbsmittel versehen, dieses durch verschiedene Beschäftigungen wechselnd

na lebhe tad dhanaṃ vṛtter virāgam agamat tadā / sevā niṣiddhā yā kācid gahanā duṣkaraṃ tapaḥ //

...erlangte er jenes Vermögen nicht; darauf wandte er sich von aller Beschäftigung ab: 'Dienstbereitschaft ist mir verboten, sie ist heikel; Askese ist schwer zu üben;

Wort für Wort
na lebhe tad dhanaṃ vṛtter virāgam agamat tadā
erlangte er jenes Vermögen nicht; darauf wandte er sich von aller Beschäftigung ab
sevā niṣiddhā yā kācid gahanā duṣkaraṃ tapaḥ
'Dienstbereitschaft ist mir verboten, sie ist heikel; Askese ist schwer zu üben'

balād ākarṣatīyaṃ māṃ tṛṣṇā sarvatra duṣkṛte / tvayāpakṛtam ajñānāt tasmāt tṛṣṇe namo 'stu te //

'mit Gewalt zieht mich dieser Durst überallhin zum Übeltun; von dir wurde mir aus Unwissenheit Schaden zugefügt - deshalb sei dir, o Durst, Verehrung!'

Wort für Wort
balād ākarṣatīyaṃ māṃ tṛṣṇā sarvatra duṣkṛte
'mit Gewalt zieht mich dieser Durst überallhin zum Übeltun'
tvayāpakṛtam ajñānāt tasmāt tṛṣṇe namo 'stu te
'von dir wurde mir aus Unwissenheit Schaden zugefügt - deshalb sei dir, o Durst, Verehrung!'

[Anm.: Ironisch-resignierte Anrede Pailūṣas an die eigene Gier (tṛṣṇā).]

evaṃ vicintya medhāvī tṛṣṇāchedāya kiṃ bhavet / ity ālocya sa pailūṣaḥ pitaraṃ vākyam abravīt //

So überlegend, dachte der Kluge: 'Was könnte zur Durchtrennung des Durstes dienen?' Nachdem er dies erwogen hatte, sprach jener Pailūṣa zu seinem Vater ein Wort.

Wort für Wort
evaṃ vicintya medhāvī tṛṣṇāchedāya kiṃ bhavet
So überlegend, dachte der Kluge: 'Was könnte zur Durchtrennung des Durstes dienen?'
ity ālocya sa pailūṣaḥ pitaraṃ vākyam abravīt
Nachdem er dies erwogen hatte, sprach jener Pailūṣa zu seinem Vater ein Wort

{pailūṣa uvāca:} jñānāsinā krodhalobhau saṃsṛtiṃ cātidustarām / chedmīmāṃ kena he tāta tam upāyaṃ vada prabho //

Pailūṣa sprach: Womit sollte ich Zorn und Gier sowie den überaus schwer zu überwindenden Weltenkreislauf mit dem Schwert des Wissens durchtrennen? Sage mir, Vater und Herr, jenes Mittel!

Wort für Wort
{pailūṣa uvāca:} jñānāsinā krodhalobhau saṃsṛtiṃ cātidustarām
Pailūṣa sprach: Womit sollte ich Zorn und Gier sowie den überaus schwer zu überwindenden Weltenkreislauf mit dem Schwert des Wissens
chedmīmāṃ kena he tāta tam upāyaṃ vada prabho
durchtrennen? Sage mir, Vater und Herr, jenes Mittel!

{kavaṣa uvāca:} īśvarāj jñānam anvicched ity eṣā vaidikī śrutiḥ / tasmād ārādhayeśānaṃ tato jñānam avāpsyasi //

Kavaṣa sprach: 'Man suche das Wissen von Īśvara' - so lautet die vedische Offenbarung; verehre daher Īśāna, dann wirst du das Wissen erlangen.

Wort für Wort
{kavaṣa uvāca:} īśvarāj jñānam anvicched ity eṣā vaidikī śrutiḥ
Kavaṣa sprach: 'Man suche das Wissen von Īśvara' - so lautet die vedische Offenbarung
tasmād ārādhayeśānaṃ tato jñānam avāpsyasi
verehre daher Īśāna, dann wirst du das Wissen erlangen

{brahmovāca:} tathety uktvā sa pailūṣo jñānāyeśvaram ārcayat / tatas tuṣṭo maheśāno jñānaṃ prādād dvijātaye / prāptajñāno mahābuddhir gāthāḥ provāca muktidāḥ //

Brahmā sprach: 'So sei es', sprechend, verehrte jener Pailūṣa Īśvara, um Wissen zu erlangen; darauf, zufrieden, gewährte Maheśāna dem Zweifachgeborenen das Wissen; nachdem er das Wissen erlangt hatte, sprach der Hochweise erlösungsspendende Verse.

Wort für Wort
{brahmovāca:} tathety uktvā sa pailūṣo jñānāyeśvaram ārcayat
Brahmā sprach: 'So sei es', sprechend, verehrte jener Pailūṣa Īśvara, um Wissen zu erlangen
tatas tuṣṭo maheśāno jñānaṃ prādād dvijātaye
darauf, zufrieden, gewährte Maheśāna dem Zweifachgeborenen das Wissen
prāptajñāno mahābuddhir gāthāḥ provāca muktidāḥ
nachdem er das Wissen erlangt hatte, sprach der Hochweise erlösungsspendende Verse

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Original.]

{pailūṣa uvāca:} krodhas tu prathamaṃ śatrur niṣphalo dehanāśanaḥ / jñānakhaḍgena taṃ chittvā paramaṃ sukham āpnuyāt //

Pailūṣa sprach: Der Zorn ist der erste Feind, fruchtlos, den Körper zerstörend; nachdem man ihn mit dem Schwert des Wissens durchtrennt hat, erlangt man das höchste Glück.

Wort für Wort
{pailūṣa uvāca:} krodhas tu prathamaṃ śatrur niṣphalo dehanāśanaḥ
Pailūṣa sprach: Der Zorn ist der erste Feind, fruchtlos, den Körper zerstörend
jñānakhaḍgena taṃ chittvā paramaṃ sukham āpnuyāt
nachdem man ihn mit dem Schwert des Wissens durchtrennt hat, erlangt man das höchste Glück

tṛṣṇā bahuvidhā māyā bandhanī pāpakāriṇī / chittvaitāṃ jñānakhaḍgena sukhaṃ tiṣṭhati mānavaḥ //

Der Durst, vielgestaltig, eine Täuschung, fesselnd, sündenverursachend - nachdem man diesen mit dem Schwert des Wissens durchtrennt hat, verweilt der Mensch im Glück.

Wort für Wort
tṛṣṇā bahuvidhā māyā bandhanī pāpakāriṇī
Der Durst, vielgestaltig, eine Täuschung, fesselnd, sündenverursachend
chittvaitāṃ jñānakhaḍgena sukhaṃ tiṣṭhati mānavaḥ
nachdem man diesen mit dem Schwert des Wissens durchtrennt hat, verweilt der Mensch im Glück

saṅgas tu paramo 'dharmo devādīnām iti śrutiḥ / asaṅgasyātmano hy asya saṅgo 'yaṃ paramo ripuḥ //

Die Anhaftung aber ist die höchste Unrechtmäßigkeit, selbst für die Götter usw. - so die Offenbarung; für dieses wesenhaft unverhaftete Selbst ist diese Anhaftung der größte Feind.

Wort für Wort
saṅgas tu paramo 'dharmo devādīnām iti śrutiḥ
Die Anhaftung aber ist die höchste Unrechtmäßigkeit, selbst für die Götter usw. - so die Offenbarung
asaṅgasyātmano hy asya saṅgo 'yaṃ paramo ripuḥ
für dieses wesenhaft unverhaftete Selbst ist diese Anhaftung der größte Feind

chittvainaṃ jñānakhaḍgena śivaikatvam avāpnuyāt / saṃśayaḥ paramo nāśo dharmārthānāṃ vināśakṛt //

Nachdem man diese mit dem Schwert des Wissens durchtrennt hat, erlangt man die Einheit mit Śiva; der Zweifel ist der höchste Untergang, der Vernichter von Dharma und Artha.

Wort für Wort
chittvainaṃ jñānakhaḍgena śivaikatvam avāpnuyāt
Nachdem man diese mit dem Schwert des Wissens durchtrennt hat, erlangt man die Einheit mit Śiva
saṃśayaḥ paramo nāśo dharmārthānāṃ vināśakṛt
der Zweifel ist der höchste Untergang, der Vernichter von Dharma und Artha

chittvainaṃ saṃśayaṃ jantuḥ paramepsitam āpnuyāt / piśācīva viśaty āśā nirdahaty akhilaṃ sukham / pūrṇāhantāsinā chittvā jīvan muktim avāpnuyāt //

Nachdem das Lebewesen diesen Zweifel durchtrennt hat, erlangt es das höchste Erstrebte; wie ein Dämon dringt die Begierde ein und verbrennt alles Glück; nachdem man sie mit dem Schwert des vollkommenen Ich-Bewusstseins durchtrennt hat, erlangt man die Erlösung zu Lebzeiten.

Wort für Wort
chittvainaṃ saṃśayaṃ jantuḥ paramepsitam āpnuyāt
Nachdem das Lebewesen diesen Zweifel durchtrennt hat, erlangt es das höchste Erstrebte
piśācīva viśaty āśā nirdahaty akhilaṃ sukham
wie ein Dämon dringt die Begierde ein und verbrennt alles Glück
pūrṇāhantāsinā chittvā jīvan muktim avāpnuyāt
nachdem man sie mit dem Schwert des vollkommenen Ich-Bewusstseins durchtrennt hat, erlangt man die Erlösung zu Lebzeiten

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Original. 'pūrṇāhantāsinā' ('mit dem Schwert des vollkommenen Ich-Bewusstseins') meint wohl das im Wissen verankerte, von Ego-Täuschung freie Selbstbewusstsein, nicht den gewöhnlichen Egoismus.]

{brahmovāca:} tato jñānam avāpyāsau gaṅgātīraṃ samāśritaḥ / jñānakhaḍgena nirmohas tato muktim avāpa saḥ //

Brahmā sprach: Darauf, nachdem er das Wissen erlangt hatte, begab sich jener an das Ufer der Gaṅgā; durch das Schwert des Wissens von Verblendung befreit, erlangte er darauf die Erlösung.

Wort für Wort
{brahmovāca:} tato jñānam avāpyāsau gaṅgātīraṃ samāśritaḥ
Brahmā sprach: Darauf, nachdem er das Wissen erlangt hatte, begab sich jener an das Ufer der Gaṅgā
jñānakhaḍgena nirmohas tato muktim avāpa saḥ
durch das Schwert des Wissens von Verblendung befreit, erlangte er darauf die Erlösung

tataḥ prabhṛti tat tīrthaṃ khaḍgatīrtham iti smṛtam / jñānatīrthaṃ ca kavaṣaṃ pailūṣaṃ sarvakāmadam //

Von da an ist jenes Tīrtha als Khaḍga-Tīrtha bekannt, auch als Jñāna-Tīrtha, als Kavaṣa[-Tīrtha] und als Pailūṣa[-Tīrtha], alle Wünsche gewährend.

Wort für Wort
tataḥ prabhṛti tat tīrthaṃ khaḍgatīrtham iti smṛtam
Von da an ist jenes Tīrtha als Khaḍga-Tīrtha bekannt
jñānatīrthaṃ ca kavaṣaṃ pailūṣaṃ sarvakāmadam
auch als Jñāna-Tīrtha, als Kavaṣa-Tīrtha und als Pailūṣa-Tīrtha, alle Wünsche gewährend

ityādiṣaṭsahasrāṇi tīrthāny āhur maharṣayaḥ / aśeṣapāpatāpaugha-harāṇīṣṭapradāni ca //

So und mit weiteren sechstausend Tīrthas, sagen die großen Weisen, die die gesamte Flut von Sünde und Qual hinwegnehmen und das Erwünschte gewähren.

Wort für Wort
ityādiṣaṭsahasrāṇi tīrthāny āhur maharṣayaḥ
So und mit weiteren sechstausend Tīrthas, sagen die großen Weisen
aśeṣapāpatāpaugha-harāṇīṣṭapradāni ca
die die gesamte Flut von Sünde und Qual hinwegnehmen und das Erwünschte gewähren

[Anm.: Schließt die Kapitelerzählung ab.]

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