Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 104: hariścandraśunaḥśepamāhātmyavarṇanam Die Größe des Hariścandra-/Śunaḥśepa-/Rohita-/Viśvāmitra-Tīrtha

Die bekannte Hariścandra-Śunaḥśepa-Erzählung: König Hariścandra erfleht von Varuṇa an der Gautamī einen Sohn gegen das Versprechen, ihn zu opfern; als sein Sohn Rohita heranwächst, verzögert der König das Opfer mit immer neuen Ausflüchten, bis Varuṇa ihn mit Wassersucht straft. Rohita flieht in den Wald und kauft dort vom verarmten Weisen Ajīgarta dessen mittleren Sohn Śunaḥśepa als Ersatzopfer. Als das Menschenopfer an der Gautamī vorbereitet wird, weigert sich Hariścandra im letzten Moment, einen Brahmanen zu töten; eine körperlose Stimme weist ihn an, das Opfer ohne Śunaḥśepas Tötung zu vollenden. Śunaḥśepa besänftigt durch eigene Hymnen die Götter, die das Opfer für vollständig erklären; Viśvāmitra nimmt ihn als ältesten Sohn an und verflucht die eigenen Söhne, die dies nicht anerkennen wollen. Ursprung eines großen Tīrtha-Komplexes (Hariścandra-, Śunaḥśepa-, Viśvāmitra-, Rohita-Tīrtha u.v.a.), der die Frucht eines Menschenopfers gewährt. [Anm.: Die Erzählung schildert unverblümt Kindesverkauf und die Vorbereitung eines Menschenopfers als Handlungselemente einer klassischen, auch in Aitareya-Brāhmaṇa und Rāmāyaṇa überlieferten Legende; sie wird hier wie im Quelltext sachlich wiedergegeben, ohne die Tötung tatsächlich zu vollziehen.]

viśvāmitraṃ hariścandraṃ śunaḥśepaṃ ca rohitam / vāruṇaṃ brāhmam āgneyam aindram aindavam aiśvaram //

Viśvāmitra, Hariścandra, Śunaḥśepa und Rohita, das Vāruṇa-, das Brāhma-, das Āgneya-, das Aindra-, das Aindava- und das Aiśvara-Tīrtha,

Wort für Wort
viśvāmitraṃ hariścandraṃ śunaḥśepaṃ ca rohitam
Viśvāmitra, Hariścandra, Śunaḥśepa und Rohita
vāruṇaṃ brāhmam āgneyam
das Vāruṇa-, das Brāhma-, das Āgneya-(Tīrtha)
aindram aindavam aiśvaram
das Aindra-, das Aindava- und das Aiśvara-(Tīrtha)

maitraṃ ca vaiṣṇavaṃ caiva yāmyam āśvinam auśanam / eteṣāṃ puṇyatīrthānāṃ nāmadheyaṃ śṛṇuṣva me //

und das Maitra-, ebenso das Vaiṣṇava-, das Yāmya-, das Āśvina- und das Auśana-Tīrtha – höre von mir die Namen dieser heilvollen Tīrthas.

Wort für Wort
maitraṃ ca vaiṣṇavaṃ caiva
und das Maitra-, ebenso das Vaiṣṇava-(Tīrtha)
yāmyam āśvinam auśanam
das Yāmya-, das Āśvina- und das Auśana-(Tīrtha)
eteṣāṃ puṇyatīrthānāṃ nāmadheyaṃ śṛṇuṣva me
höre von mir die Namen dieser heilvollen Tīrthas

hariścandra iti tv āsīd ikṣvākuprabhavo nṛpaḥ / tasya gṛhe munī prāptau nāradaḥ parvatas tathā / kṛtvātithyaṃ tayoḥ samyag ghariścandro 'bravīd ṛṣī //

Es gab einen König namens Hariścandra, aus dem Geschlecht des Ikṣvāku entsprungen. In sein Haus kamen zwei Weise, Nārada und ebenso Parvata; nachdem er beiden ordnungsgemäß Gastfreundschaft erwiesen hatte, sprach Hariścandra zu den beiden Weisen:

Wort für Wort
hariścandra iti tv āsīd
es gab einen namens Hariścandra
ikṣvākuprabhavo nṛpaḥ
einen König, aus dem Geschlecht des Ikṣvāku entsprungen
tasya gṛhe munī prāptau
in sein Haus kamen zwei Weise
nāradaḥ parvatas tathā
Nārada und ebenso Parvata
kṛtvātithyaṃ tayoḥ samyag
nachdem er beiden ordnungsgemäß Gastfreundschaft erwiesen hatte
hariścandro 'bravīd ṛṣī
sprach Hariścandra zu den beiden Weisen

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Quelltext.]

{hariścandra uvāca: } putrārthaṃ kliśyate lokaḥ kiṃ putreṇa bhaviṣyati / jñānī vāpy athavājñānī uttamo madhyamo 'thavā / etaṃ me saṃśayaṃ nityaṃ brūtām ṛṣivarāv ubhau //

Hariścandra sprach: 'Die Welt müht sich um eines Sohnes willen – was wird durch einen Sohn erreicht? Sei er weise oder unweise, der Beste oder ein Mittlerer – diesen meinen ständigen Zweifel mögen die beiden besten Weisen mir erklären.'

Wort für Wort
hariścandra uvāca
Hariścandra sprach
putrārthaṃ kliśyate lokaḥ
die Welt müht sich um eines Sohnes willen
kiṃ putreṇa bhaviṣyati
was wird durch einen Sohn erreicht
jñānī vāpy athavājñānī
sei er weise oder unweise
uttamo madhyamo 'thavā
der Beste oder ein Mittlerer
etaṃ me saṃśayaṃ nityaṃ brūtām ṛṣivarāv ubhau
diesen meinen ständigen Zweifel mögen die beiden besten Weisen mir erklären

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Quelltext.]

{brahmovāca: } tāv ūcatur hariścandraṃ parvato nāradas tathā //*

Brahmā sprach: Jene beiden, Parvata und ebenso Nārada, sprachen zu Hariścandra:

Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
tāv ūcatur hariścandram
jene beiden sprachen zu Hariścandra
parvato nāradas tathā
Parvata und ebenso Nārada

[Anm.: Halbvers, im Quelltext mit '//*' als unvollständig markiert.]

{nāradaparvatāv ūcatuḥ: } ekadhā daśadhā rājañ śatadhā ca sahasradhā / uttaraṃ vidyate samyak tathāpy etad udīryate //

Nārada und Parvata sprachen: 'Einfach, zehnfach, hundertfach und tausendfach, o König, gibt es die zutreffende Antwort; dennoch soll dies kurz dargelegt werden.'

Wort für Wort
nāradaparvatāv ūcatuḥ
Nārada und Parvata sprachen
ekadhā daśadhā rājañ
einfach, zehnfach, o König
śatadhā ca sahasradhā
hundertfach und tausendfach
uttaraṃ vidyate samyak
gibt es die zutreffende Antwort
tathāpy etad udīryate
dennoch soll dies dargelegt werden

[Anm.: Sinn kompakt; gemeint offenbar, dass die Antwort auf viele Weisen ausgeführt werden könnte, hier aber knapp gegeben wird.]

nāputrasya paro loko vidyate nṛpasattama / jāte putre pitā snānaṃ yaḥ karoti janādhipa //

'Für den Sohnlosen gibt es keine jenseitige Welt, o bester der Könige; wenn ein Sohn geboren ist, und der Vater ein Bad vollzieht, o Herrscher der Menschen,'

Wort für Wort
nāputrasya paro loko vidyate
für den Sohnlosen gibt es keine jenseitige Welt
nṛpasattama
o bester der Könige
jāte putre pitā snānaṃ yaḥ karoti
wenn ein Sohn geboren ist und der Vater ein Bad vollzieht
janādhipa
o Herrscher der Menschen

daśānām aśvamedhānām abhiṣekaphalaṃ labhet / ātmapratiṣṭhā putrāt syāj jāyate cāmarottamaḥ //

'erlangt er die Weihe-Frucht von zehn Aśvamedha-Opfern. Durch den Sohn entsteht die eigene Fortbestehung, und man wird zum vortrefflichsten der Unsterblichen.'

Wort für Wort
daśānām aśvamedhānām abhiṣekaphalaṃ labhet
erlangt er die Weihe-Frucht von zehn Aśvamedha-Opfern
ātmapratiṣṭhā putrāt syāt
durch den Sohn entsteht die eigene Fortbestehung
jāyate cāmarottamaḥ
und man wird zum vortrefflichsten der Unsterblichen

amṛtenāmarā devāḥ putreṇa brāhmaṇādayaḥ / triṛṇān mocayet putraḥ pitaraṃ ca pitāmahān //

'Durch Amṛta sind die Götter unsterblich, durch den Sohn die Brahmanen und andere; der Sohn befreit von den drei Schulden, sowohl den Vater als auch die Großväter.'

Wort für Wort
amṛtenāmarā devāḥ
durch Amṛta sind die Götter unsterblich
putreṇa brāhmaṇādayaḥ
durch den Sohn die Brahmanen und andere
triṛṇān mocayet putraḥ
der Sohn befreit von den drei Schulden
pitaraṃ ca pitāmahān
sowohl den Vater als auch die Großväter

kiṃ tu mūlaṃ kim u jalaṃ kiṃ tu śmaśrūṇi kiṃ tapaḥ / vinā putreṇa rājendra svargo muktiḥ sutāt smṛtāḥ //

'Was nützt die Wurzel, was das Wasser, was der Bart, was die Askese? Ohne Sohn, o Herrscher der Könige – Himmel und Erlösung, so wird gelehrt, kommen vom Sohn.'

Wort für Wort
kiṃ tu mūlaṃ kim u jalam
was nützt die Wurzel, was das Wasser
kiṃ tu śmaśrūṇi kiṃ tapaḥ
was der Bart, was die Askese
vinā putreṇa rājendra
ohne Sohn, o Herrscher der Könige
svargo muktiḥ sutāt smṛtāḥ
Himmel und Erlösung, so wird gelehrt, kommen vom Sohn

[Anm.: Aufzählung bezieht sich vermutlich auf asketische/rituelle Praktiken, die ohne einen Sohn als wertlos dargestellt werden.]

putra eva paro loko dharmaḥ kāmo 'rtha eva ca / putro muktiḥ paraṃ jyotis tārakaḥ sarvadehinām //

'Der Sohn allein ist die jenseitige Welt, Dharma, Kāma und ebenso Artha; der Sohn ist Erlösung, das höchste Licht, der Retter aller verkörperten Wesen.'

Wort für Wort
putra eva paro loko
der Sohn allein ist die jenseitige Welt
dharmaḥ kāmo 'rtha eva ca
Dharma, Kāma und ebenso Artha
putro muktiḥ paraṃ jyotiḥ
der Sohn ist Erlösung, das höchste Licht
tārakaḥ sarvadehinām
der Retter aller verkörperten Wesen

vinā putreṇa rājendra svargamokṣau sudurlabhau / putra eva paro loke dharmakāmārthasiddhaye //

'Ohne Sohn, o Herrscher der Könige, sind Himmel und Erlösung sehr schwer zu erlangen; der Sohn allein dient der Erfüllung von Dharma, Kāma und Artha.'

Wort für Wort
vinā putreṇa rājendra
ohne Sohn, o Herrscher der Könige
svargamokṣau sudurlabhau
sind Himmel und Erlösung sehr schwer zu erlangen
putra eva paro loke
der Sohn allein (dient)
dharmakāmārthasiddhaye
der Erfüllung von Dharma, Kāma und Artha

vinā putreṇa yad dattaṃ vinā putreṇa yad dhutam / vinā putreṇa yaj janma vyarthaṃ tad avabhāti me //

'Was ohne Sohn gegeben wird, was ohne Sohn geopfert wird, was für eine Geburt ohne Sohn ist – all dies erscheint mir wertlos.'

Wort für Wort
vinā putreṇa yad dattam
was ohne Sohn gegeben wird
vinā putreṇa yad dhutam
was ohne Sohn geopfert wird
vinā putreṇa yaj janma
was für eine Geburt ohne Sohn (ist)
vyarthaṃ tad avabhāti me
all dies erscheint mir wertlos

tasmāt putrasamaṃ kiṃcit kāmyaṃ nāsti jagattraye / tac chrutvā vismayavāṃs tāv uvāca nṛpaḥ punaḥ //

'Deshalb gibt es nichts in den drei Welten, das dem Sohn gleich begehrenswert wäre.' Als er dies gehört hatte, voller Staunen, sprach der König abermals zu den beiden:

Wort für Wort
tasmāt putrasamaṃ kiṃcit
deshalb (gibt es) nichts, das dem Sohn gleich(kommt)
kāmyaṃ nāsti jagattraye
begehrenswert in den drei Welten
tac chrutvā vismayavāṃs
als er dies gehört hatte, voller Staunen
tāv uvāca nṛpaḥ punaḥ
sprach der König abermals zu den beiden

{hariścandra uvāca: } kathaṃ me syāt suto brūtāṃ yatra kvāpi yathātatham / yena kenāpy upāyena kṛtvā kiṃcit tu pauruṣam / mantreṇa yāgadānābhyām utpādyo 'sau suto mayā //

Hariścandra sprach: 'Wie könnte ich einen Sohn erhalten – möget ihr es mir sagen, wie auch immer es sich wirklich verhält; durch welches Mittel auch immer, sei es durch Tatkraft, durch Zauberspruch, Opfer oder Gabe – dieser Sohn soll von mir gezeugt werden.'

Wort für Wort
hariścandra uvāca
Hariścandra sprach
kathaṃ me syāt suto brūtām
wie könnte ich einen Sohn erhalten – sagt es mir
yatra kvāpi yathātatham
wie auch immer es sich wirklich verhält
yena kenāpy upāyena
durch welches Mittel auch immer
kṛtvā kiṃcit tu pauruṣam
sei es durch (irgendeine) Tatkraft
mantreṇa yāgadānābhyām utpādyo 'sau suto mayā
durch Zauberspruch, Opfer oder Gabe soll dieser Sohn von mir gezeugt werden

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Quelltext.]

{brahmovāca: } tāv ūcatur nṛpaśreṣṭhaṃ hariścandraṃ sutārthinam / dhyātvā kṣaṇaṃ tathā samyag gautamīṃ yāhi mānada //

Brahmā sprach: Jene beiden sprachen zu dem besten der Könige, Hariścandra, der einen Sohn begehrte, nachdem sie einen Augenblick nachgedacht hatten, ordnungsgemäß: 'Geh zur Gautamī, du Ehrenspender.'

Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
tāv ūcatur nṛpaśreṣṭhaṃ hariścandraṃ sutārthinam
jene beiden sprachen zu Hariścandra, der einen Sohn begehrte
dhyātvā kṣaṇaṃ tathā samyag
nachdem sie einen Augenblick nachgedacht hatten, ordnungsgemäß
gautamīṃ yāhi mānada
'geh zur Gautamī, du Ehrenspender'

tatrāpāṃpatir utkṛṣṭaṃ dadāti manasīpsitam / varuṇaḥ sarvadātā vai munibhiḥ parikīrtitaḥ //

'Dort gibt der Herr der Wasser das im Geiste Erwünschte, das Vortreffliche; Varuṇa wird von den Weisen als der Allesgebende gepriesen.'

Wort für Wort
tatrāpāṃpatir utkṛṣṭam
dort (gibt) der Herr der Wasser das Vortreffliche
dadāti manasīpsitam
gibt das im Geiste Erwünschte
varuṇaḥ sarvadātā vai
Varuṇa, der Allesgebende
munibhiḥ parikīrtitaḥ
wird von den Weisen gepriesen

sa tu prītaḥ śanaiḥ kāle tava putraṃ pradāsyati / etac chrutvā nṛpaśreṣṭho munivākyaṃ tathākarot //

'Er, erfreut, wird dir zu gegebener Zeit langsam einen Sohn gewähren.' Als er dies gehört hatte, handelte der beste der Könige gemäß den Worten der Weisen.

Wort für Wort
sa tu prītaḥ śanaiḥ kāle
er, erfreut, zu gegebener Zeit, langsam
tava putraṃ pradāsyati
wird dir einen Sohn gewähren
etac chrutvā nṛpaśreṣṭho
als er dies gehört hatte, der beste der Könige
munivākyaṃ tathākarot
handelte gemäß den Worten der Weisen

toṣayām āsa varuṇaṃ gautamītīram āśritaḥ / tataś ca tuṣṭo varuṇo hariścandram uvāca ha //

Er stimmte Varuṇa günstig, indem er sich am Ufer der Gautamī aufhielt; und daraufhin, zufrieden, sprach Varuṇa zu Hariścandra:

Wort für Wort
toṣayām āsa varuṇaṃ
er stimmte Varuṇa günstig
gautamītīram āśritaḥ
indem er sich am Ufer der Gautamī aufhielt
tataś ca tuṣṭo varuṇo
und daraufhin, zufrieden, Varuṇa
hariścandram uvāca ha
sprach zu Hariścandra

{varuṇa uvāca: } putraṃ dāsyāmi te rājaṃl lokatrayavibhūṣaṇam / yadi yakṣyasi tenaiva tava putro bhaved dhruvam //

Varuṇa sprach: 'Ich werde dir einen Sohn geben, o König, den Schmuck der drei Welten – wenn du mit eben ihm ein Opfer darbringst, wird dein Sohn von Bestand sein.'

Wort für Wort
varuṇa uvāca
Varuṇa sprach
putraṃ dāsyāmi te rājan
ich werde dir einen Sohn geben, o König
lokatrayavibhūṣaṇam
den Schmuck der drei Welten
yadi yakṣyasi tenaiva
wenn du mit eben ihm ein Opfer darbringst
tava putro bhaved dhruvam
wird dein Sohn von Bestand sein

{brahmovāca: } hariścandro 'pi varuṇaṃ yakṣye tenety avocata / tato gatvā hariścandraś caruṃ kṛtvā tu vāruṇam //

Brahmā sprach: Auch Hariścandra sprach zu Varuṇa: 'Ich werde mit ihm opfern.' Daraufhin ging Hariścandra und bereitete eine dem Varuṇa geweihte Opferspeise,

Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
hariścandro 'pi varuṇaṃ
auch Hariścandra zu Varuṇa
yakṣye tenety avocata
sprach: 'ich werde mit ihm opfern'
tato gatvā hariścandraś
daraufhin ging Hariścandra
caruṃ kṛtvā tu vāruṇam
und bereitete eine dem Varuṇa geweihte Opferspeise

bhāryāyai nṛpatiḥ prādāt tato jātaḥ suto nṛpāt / jāte putre apām īśaḥ provāca vadatāṃ varaḥ //

und der König gab sie seiner Gattin; daraufhin wurde dem König ein Sohn geboren. Als der Sohn geboren war, sprach der Herr der Wasser, der Beste der Redner:

Wort für Wort
bhāryāyai nṛpatiḥ prādāt
der König gab sie seiner Gattin
tato jātaḥ suto nṛpāt
daraufhin wurde dem König ein Sohn geboren
jāte putre apām īśaḥ
als der Sohn geboren war, der Herr der Wasser
provāca vadatāṃ varaḥ
sprach, der Beste der Redner

{varuṇa uvāca: } adyaiva putro yaṣṭavyaḥ smarase vacanaṃ purā //*

Varuṇa sprach: 'Eben heute soll der Sohn geopfert werden – erinnerst du dich an das frühere Wort?'

Wort für Wort
varuṇa uvāca
Varuṇa sprach
adyaiva putro yaṣṭavyaḥ
eben heute soll der Sohn geopfert werden
smarase vacanaṃ purā
erinnerst du dich an das frühere Wort

[Anm.: Halbvers, im Quelltext mit '//*' als unvollständig markiert.]

{brahmovāca: } hariścandro 'pi varuṇaṃ provācedaṃ kramāgatam //*

Brahmā sprach: Auch Hariścandra sprach zu Varuṇa dies, der Reihe nach:

Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
hariścandro 'pi varuṇam
auch Hariścandra zu Varuṇa
provācedaṃ kramāgatam
sprach dies, der Reihe nach

[Anm.: Halbvers, im Quelltext mit '//*' als unvollständig markiert.]

{hariścandra uvāca: } nirdaśo medhyatāṃ yāti paśur yakṣye tato hy aham //*

Hariścandra sprach: 'Ein Opfertier wird erst nach zehn Tagen opferfähig – dann werde ich opfern.'

Wort für Wort
hariścandra uvāca
Hariścandra sprach
nirdaśo medhyatāṃ yāti paśuḥ
ein Opfertier wird erst nach zehn Tagen opferfähig
yakṣye tato hy aham
dann werde ich opfern

[Anm.: Halbvers, im Quelltext mit '//*' als unvollständig markiert.]

{brahmovāca: } tac chrutvā vacanaṃ rājño varuṇo 'gāt svam ālayam / nirdaśe punar abhyetya yajasvety āha taṃ nṛpam //

Brahmā sprach: Als er das Wort des Königs gehört hatte, ging Varuṇa zu seiner Wohnstatt; nach zehn Tagen kam er wieder und sprach zu jenem König: 'Opfere!'

Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
tac chrutvā vacanaṃ rājño
als er das Wort des Königs gehört hatte
varuṇo 'gāt svam ālayam
ging Varuṇa zu seiner Wohnstatt
nirdaśe punar abhyetya
nach zehn Tagen kam er wieder
yajasvety āha taṃ nṛpam
sprach zu jenem König: 'opfere!'

rājāpi varuṇaṃ prāha nirdanto niṣphalaḥ paśuḥ / paśor danteṣu jāteṣu ehi gacchādhunāppate //

Auch der König sprach zu Varuṇa: 'Ein zahnloses Opfertier ist unwirksam; wenn dem Opfertier die Zähne gewachsen sind, komm dann, geh jetzt, o Herr der Wasser.'

Wort für Wort
rājāpi varuṇaṃ prāha
auch der König sprach zu Varuṇa
nirdanto niṣphalaḥ paśuḥ
ein zahnloses Opfertier ist unwirksam
paśor danteṣu jāteṣu
wenn dem Opfertier die Zähne gewachsen sind
ehi gacchādhunāppate
komm dann, geh jetzt, o Herr der Wasser

[Anm.: Der König verzögert das Opfer mit fortlaufenden Ausreden; 'paśu' bezieht sich weiterhin auf den zum Opfertier bestimmten Sohn.]

tac chrutvā rājavacanaṃ punaḥ prāyād apāṃpatiḥ / jāteṣu caiva danteṣu saptavarṣeṣu nārada //

Als er das Wort des Königs gehört hatte, ging der Herr der Wasser wieder fort. Als dann die Zähne gewachsen waren, nach sieben Jahren, o Nārada,

Wort für Wort
tac chrutvā rājavacanaṃ
als er das Wort des Königs gehört hatte
punaḥ prāyād apāṃpatiḥ
ging der Herr der Wasser wieder fort
jāteṣu caiva danteṣu
als die Zähne gewachsen waren
saptavarṣeṣu nārada
nach sieben Jahren, o Nārada

punar apy āha rājānaṃ yajasveti tato 'bravīt / rājāpi varuṇaṃ prāha patsyantīme apāṃpate //

sprach er wiederum zum König: 'Opfere!' Auch der König sprach zu Varuṇa: 'Diese werden noch ausfallen, o Herr der Wasser,'

Wort für Wort
punar apy āha rājānaṃ yajasveti
wiederum sprach er zum König: 'opfere!'
tato 'bravīt
so sprach er
rājāpi varuṇaṃ prāha
auch der König sprach zu Varuṇa
patsyantīme apāṃpate
'diese werden noch ausfallen, o Herr der Wasser'

saṃpatsyanti tathā cānye tato yakṣye vrajādhunā / punaḥ prāyāt sa varuṇaḥ punardanteṣu nārada / yajasveti nṛpaṃ prāha rājā prāha tv apāṃpatim //

'und andere werden nachwachsen – dann werde ich opfern, geh jetzt.' Wieder ging jener Varuṇa fort, o Nārada; als die Zähne erneut nachgewachsen waren, sprach er zum König: 'Opfere!' Der König aber sprach zum Herrn der Wasser:

Wort für Wort
saṃpatsyanti tathā cānye
und andere werden nachwachsen
tato yakṣye vrajādhunā
dann werde ich opfern, geh jetzt
punaḥ prāyāt sa varuṇaḥ
wieder ging jener Varuṇa fort
punardanteṣu nārada
als die Zähne erneut nachgewachsen waren, o Nārada
yajasveti nṛpaṃ prāha
sprach er zum König: 'opfere!'
rājā prāha tv apāṃpatim
der König aber sprach zum Herrn der Wasser

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Quelltext.]

{rājovāca: } yadā tu kṣatriyo yajñe paśur bhavati vāripa / dhanurvedaṃ yadā vetti tadā syāt paśur uttamaḥ //

Der König sprach: 'Wenn ein Kṣatriya beim Opfer zum Opfertier wird, o Herr der Gewässer – wenn er die Bogenkunst beherrscht, dann erst ist er ein vortreffliches Opfertier.'

Wort für Wort
rājovāca
der König sprach
yadā tu kṣatriyo yajñe paśur bhavati vāripa
wenn ein Kṣatriya beim Opfer zum Opfertier wird, o Herr der Gewässer
dhanurvedaṃ yadā vetti
wenn er die Bogenkunst beherrscht
tadā syāt paśur uttamaḥ
dann erst ist er ein vortreffliches Opfertier

[Anm.: Erneut eine Verzögerungstaktik des Königs.]

{brahmovāca: } tac chrutvā rājavacanaṃ varuṇo 'gāt svam ālayam / yadāstreṣu ca śastreṣu samartho 'bhūt sa rohitaḥ //

Brahmā sprach: Als er das Wort des Königs gehört hatte, ging Varuṇa zu seiner Wohnstatt. Als jener Rohita fähig geworden war in Waffen und Geschossen,

Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
tac chrutvā rājavacanaṃ
als er das Wort des Königs gehört hatte
varuṇo 'gāt svam ālayam
ging Varuṇa zu seiner Wohnstatt
yadāstreṣu ca śastreṣu samartho 'bhūt sa rohitaḥ
als jener Rohita fähig geworden war in Waffen und Geschossen

sarvavedeṣu śāstreṣu vettābhūt sa tv ariṃdamaḥ / yuvarājyam anuprāpte rohite ṣoḍaśābdike //

und Kenner aller Veden und Lehrwerke geworden war, er, der Feindebezwinger; als Rohita, sechzehnjährig, die Stellung des Kronprinzen erlangt hatte,

Wort für Wort
sarvavedeṣu śāstreṣu vettābhūt sa tv ariṃdamaḥ
Kenner aller Veden und Lehrwerke war er geworden, der Feindebezwinger
yuvarājyam anuprāpte
als er die Stellung des Kronprinzen erlangt hatte
rohite ṣoḍaśābdike
Rohita, sechzehnjährig

prītimān agamat tatra yatra rājā sarohitaḥ / āgatya varuṇaḥ prāha yajasvādya sutaṃ svakam //

begab sich Varuṇa, voller Freude, dorthin, wo der König mit Rohita war; herbeigekommen sprach Varuṇa: 'Opfere heute deinen eigenen Sohn!'

Wort für Wort
prītimān agamat tatra
voller Freude begab er sich dorthin
yatra rājā sarohitaḥ
wo der König mit Rohita (war)
āgatya varuṇaḥ prāha
herbeigekommen sprach Varuṇa
yajasvādya sutaṃ svakam
'opfere heute deinen eigenen Sohn'

om ity uktvā nṛpavara ṛtvijaḥ prāha bhūpatiḥ / rohitaṃ ca sutaṃ jyeṣṭhaṃ śṛṇvato varuṇasya ca //

Nachdem der beste der Könige 'Om' gesagt hatte, sprach der Herrscher zu den Opferpriestern – während auch sein ältester Sohn Rohita und Varuṇa zuhörten:

Wort für Wort
om ity uktvā nṛpavara
nachdem der beste der Könige 'Om' gesagt hatte
ṛtvijaḥ prāha bhūpatiḥ
sprach der Herrscher zu den Opferpriestern
rohitaṃ ca sutaṃ jyeṣṭham
während (auch) sein ältester Sohn Rohita
śṛṇvato varuṇasya ca
und Varuṇa zuhörten

{hariścandra uvāca: } ehi putra mahāvīra yakṣye tvāṃ varuṇāya hi //*

Hariścandra sprach: 'Komm, mein Sohn, großer Held, ich werde dich dem Varuṇa opfern.'

Wort für Wort
hariścandra uvāca
Hariścandra sprach
ehi putra mahāvīra
komm, mein Sohn, großer Held
yakṣye tvāṃ varuṇāya hi
ich werde dich dem Varuṇa opfern

[Anm.: Halbvers, im Quelltext mit '//*' als unvollständig markiert.]

{brahmovāca: } kim etad ity athovāca rohitaḥ pitaraṃ prati / pitāpi tad yathāvṛttam ācacakṣe savistaram / rohitaḥ pitaraṃ prāha śṛṇvato varuṇasya ca //

Brahmā sprach: 'Was ist das?', sprach da Rohita zu seinem Vater. Auch der Vater erzählte ihm ausführlich, wie es sich zugetragen hatte. Rohita sprach zu seinem Vater, während Varuṇa zuhörte:

Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
kim etad ity athovāca rohitaḥ pitaraṃ prati
'was ist das?', sprach da Rohita zu seinem Vater
pitāpi tad yathāvṛttam ācacakṣe savistaram
auch der Vater erzählte ausführlich, wie es sich zugetragen hatte
rohitaḥ pitaraṃ prāha śṛṇvato varuṇasya ca
Rohita sprach zu seinem Vater, während Varuṇa zuhörte

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Quelltext.]

{rohita uvāca: } ahaṃ pūrvaṃ mahārāja ṛtvigbhiḥ sapurohitaḥ / viṣṇave lokanāthāya yakṣye 'haṃ tvaritaṃ śuciḥ / paśunā varuṇenātha tad anujñātum arhasi //

Rohita sprach: 'Ich will zuerst, großer König, mit den Opferpriestern und dem Hauspriester, dem Viṣṇu, dem Herrn der Welt, eilends und rein ein Opfer darbringen, mit Varuṇa als Opfertier – dazu solltest du deine Erlaubnis geben.'

Wort für Wort
rohita uvāca
Rohita sprach
ahaṃ pūrvaṃ mahārāja ṛtvigbhiḥ sapurohitaḥ
ich will zuerst, großer König, mit Opferpriestern und Hauspriester
viṣṇave lokanāthāya yakṣye 'haṃ tvaritaṃ śuciḥ
dem Viṣṇu, dem Herrn der Welt, eilends und rein opfern
paśunā varuṇenātha
mit Varuṇa als Opfertier
tad anujñātum arhasi
dazu solltest du deine Erlaubnis geben

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Quelltext. Rohita fordert hier trotzig, stattdessen Varuṇa selbst zum Opfertier zu machen – eine provokante Umkehrung, die Varuṇas Zorn auslöst.]

{brahmovāca: } rohitasya tu tad vākyaṃ śrutvā vārīśvaras tadā / kopena mahatāviṣṭo jalodaram athākarot //

Brahmā sprach: Als der Herr der Gewässer jenes Wort Rohitas gehört hatte, von großem Zorn erfüllt, verursachte er da beim König Wassersucht.

Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
rohitasya tu tad vākyaṃ śrutvā
als er jenes Wort Rohitas gehört hatte
vārīśvaras tadā kopena mahatāviṣṭaḥ
der Herr der Gewässer, da von großem Zorn erfüllt
jalodaram athākarot
verursachte er da Wassersucht

hariścandrasya nṛpate rohitaḥ sa vanaṃ yayau / gṛhītvā sa dhanur divyaṃ rathārūḍho gatavyathaḥ //

Rohita, der Sohn des Königs Hariścandra, zog in den Wald, nachdem er seinen göttlichen Bogen ergriffen hatte, auf einen Wagen gestiegen, unbekümmert.

Wort für Wort
hariścandrasya nṛpate rohitaḥ sa vanaṃ yayau
Rohita, (der Sohn) des Königs Hariścandra, zog in den Wald
gṛhītvā sa dhanur divyam
nachdem er seinen göttlichen Bogen ergriffen hatte
rathārūḍho gatavyathaḥ
auf einen Wagen gestiegen, unbekümmert

yatra cārādhya varuṇaṃ hariścandro janeśvaraḥ / gaṅgāyāṃ prāptavān putraṃ tatrāgāt so 'pi rohitaḥ //

Dorthin, wo Hariścandra, der Herrscher der Menschen, einst Varuṇa an der Gaṅgā verehrt und den Sohn erlangt hatte, dorthin kam auch jener Rohita.

Wort für Wort
yatra cārādhya varuṇaṃ
wo er Varuṇa verehrt hatte
hariścandro janeśvaraḥ
Hariścandra, der Herrscher der Menschen
gaṅgāyāṃ prāptavān putram
an der Gaṅgā den Sohn erlangt hatte
tatrāgāt so 'pi rohitaḥ
dorthin kam auch jener Rohita

vyatītāny atha varṣāṇi pañca ṣaṣṭhe pravartati / tatra sthitvā nṛpasutaḥ śuśrāva nṛpate rujam //

Fünf Jahre waren vergangen, das sechste begann; dort verweilend, hörte der Königssohn von der Krankheit des Königs.

Wort für Wort
vyatītāny atha varṣāṇi pañca
fünf Jahre waren vergangen
ṣaṣṭhe pravartati
das sechste begann
tatra sthitvā nṛpasutaḥ
dort verweilend, der Königssohn
śuśrāva nṛpate rujam
hörte von der Krankheit des Königs

mayā putreṇa jātena pitur vai kleśakāriṇā / kiṃ phalaṃ kiṃ nu kṛtyaṃ syād ity evaṃ paryacintayat //

'Was ist der Nutzen davon, dass ich, als Sohn geboren, meinem Vater Leid bereite? Was sollte nun zu tun sein?' – so überlegte er hin und her.

Wort für Wort
mayā putreṇa jātena
dass ich, als Sohn geboren
pitur vai kleśakāriṇā
meinem Vater Leid bereite
kiṃ phalaṃ kiṃ nu kṛtyaṃ syāt
was ist der Nutzen, was sollte zu tun sein
ity evaṃ paryacintayat
so überlegte er hin und her

tasyās tīre ṛṣīn puṇyān apaśyan nṛpateḥ sutaḥ / gaṅgātīre vartamānam apaśyad ṛṣisattamam //

Am Ufer jener Gaṅgā sah der Königssohn heilige Weise; am Gaṅgā-Ufer weilend, erblickte er einen besten der Weisen,

Wort für Wort
tasyās tīre ṛṣīn puṇyān
am Ufer jener (Gaṅgā) heilige Weise
apaśyan nṛpateḥ sutaḥ
sah der Königssohn
gaṅgātīre vartamānam
am Gaṅgā-Ufer weilend
apaśyad ṛṣisattamam
erblickte er einen besten der Weisen

ajīgartam iti khyātam ṛṣes tu vayasaḥ sutam / tribhiḥ putrair anuvṛtaṃ bhāryayā kṣīṇavṛttikam / taṃ dṛṣṭvā nṛpateḥ putro namasyedaṃ vaco 'bravīt //

der als Ajīgarta bekannt war, begleitet von drei Söhnen und seiner Gattin, mit spärlichem Lebensunterhalt. Als der Königssohn ihn sah, verneigte er sich und sprach dieses Wort:

Wort für Wort
ajīgartam iti khyātam
der als Ajīgarta bekannt war
ṛṣes tu vayasaḥ sutam
den Sohn des Weisen Vayas [Anm.]
tribhiḥ putrair anuvṛtam
begleitet von drei Söhnen
bhāryayā kṣīṇavṛttikam
und seiner Gattin, mit spärlichem Lebensunterhalt
taṃ dṛṣṭvā nṛpateḥ putro namasyedaṃ vaco 'bravīt
als der Königssohn ihn sah, verneigte er sich und sprach dieses Wort

[Anm.: Dreizeiliger Vers; 'vayasaḥ sutam' unsicher, evtl. 'Sohn eines gealterten Weisen' oder Eigenname des Vaters.]

{rohita uvāca: } kṣīṇavṛttiḥ kṛśaḥ kasmād durmanā iva lakṣyase //*

Rohita sprach: 'Warum erscheinst du mit spärlichem Unterhalt, abgemagert, wie von trübem Sinn?'

Wort für Wort
rohita uvāca
Rohita sprach
kṣīṇavṛttiḥ kṛśaḥ kasmāt
warum mit spärlichem Unterhalt, abgemagert
durmanā iva lakṣyase
erscheinst du wie von trübem Sinn

[Anm.: Halbvers, im Quelltext mit '//*' als unvollständig markiert.]

{brahmovāca: } ajīgarto 'pi covāca rohitaṃ nṛpateḥ sutam //*

Brahmā sprach: Auch Ajīgarta sprach zu Rohita, dem Königssohn:

Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
ajīgarto 'pi covāca
auch Ajīgarta sprach
rohitaṃ nṛpateḥ sutam
zu Rohita, dem Königssohn

[Anm.: Halbvers, im Quelltext mit '//*' als unvollständig markiert.]

{ajīgarta uvāca: } vartanaṃ nāsti dehasya bhoktāro bahavaś ca me / vinānnena mariṣyāmo brūhi kiṃ karavāmahe //

Ajīgarta sprach: 'Es gibt keinen Lebensunterhalt für den Körper, und viele sind bei mir zu ernähren; ohne Nahrung werden wir sterben – sag, was sollen wir tun?'

Wort für Wort
ajīgarta uvāca
Ajīgarta sprach
vartanaṃ nāsti dehasya
es gibt keinen Lebensunterhalt für den Körper
bhoktāro bahavaś ca me
und viele sind bei mir zu ernähren
vinānnena mariṣyāmo
ohne Nahrung werden wir sterben
brūhi kiṃ karavāmahe
sag, was sollen wir tun

{brahmovāca: } tac chrutvā punar apy āha nṛpaputra ṛṣiṃ tadā //*

Brahmā sprach: Als er dies gehört hatte, sprach der Königssohn abermals zu dem Weisen:

Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
tac chrutvā punar apy āha
als er dies gehört hatte, sprach er abermals
nṛpaputra ṛṣiṃ tadā
der Königssohn zu dem Weisen

[Anm.: Halbvers, im Quelltext mit '//*' als unvollständig markiert.]

{rohita uvāca: } tava kiṃ vartate citte tad brūhi vadatāṃ vara //*

Rohita sprach: 'Was liegt dir im Sinn – sag es, o Bester der Redner.'

Wort für Wort
rohita uvāca
Rohita sprach
tava kiṃ vartate citte
was liegt dir im Sinn
tad brūhi vadatāṃ vara
sag es, o Bester der Redner

[Anm.: Halbvers, im Quelltext mit '//*' als unvollständig markiert.]

{ajīgarta uvāca: } hiraṇyaṃ rajataṃ gāvo dhānyaṃ vastrādikaṃ na me / vidyate nṛpaśārdūla vartanaṃ nāsti me tataḥ //

Ajīgarta sprach: 'Gold, Silber, Kühe, Getreide, Kleidung und dergleichen besitze ich nicht, o Tiger unter den Königen; deshalb habe ich keinen Lebensunterhalt.'

Wort für Wort
ajīgarta uvāca
Ajīgarta sprach
hiraṇyaṃ rajataṃ gāvo dhānyaṃ vastrādikaṃ na me vidyate
Gold, Silber, Kühe, Getreide, Kleidung besitze ich nicht
nṛpaśārdūla
o Tiger unter den Königen
vartanaṃ nāsti me tataḥ
deshalb habe ich keinen Lebensunterhalt

sutā me santi bhāryā ca ahaṃ vai pañcamas tathā / naiteṣāṃ katamasyāpi kretānnena nṛpottama //

'Söhne habe ich und eine Gattin, und ich selbst bin der Fünfte; keinen von ihnen kann ich mit Nahrung kaufen, o bester der Könige.'

Wort für Wort
sutā me santi bhāryā ca
Söhne habe ich und eine Gattin
ahaṃ vai pañcamas tathā
und ich selbst bin der Fünfte
naiteṣāṃ katamasyāpi
keinen von ihnen
kretānnena nṛpottama
kann ich mit Nahrung kaufen, o bester der Könige

{rohita uvāca: } kiṃ krīṇāsi mahābuddhe 'jīgarta satyam eva me / vada nānyac ca vaktavyaṃ viprā vai satyavādinaḥ //

Rohita sprach: 'Was würdest du mir verkaufen, du Hochweiser Ajīgarta? Sag mir die Wahrheit, nichts anderes ist zu sagen – Brahmanen sind ja Wahrheitsredner.'

Wort für Wort
rohita uvāca
Rohita sprach
kiṃ krīṇāsi mahābuddhe 'jīgarta
was würdest du verkaufen, du Hochweiser Ajīgarta
satyam eva me vada
sag mir die Wahrheit
nānyac ca vaktavyam
nichts anderes ist zu sagen
viprā vai satyavādinaḥ
Brahmanen sind ja Wahrheitsredner

{ajīgarta uvāca: } trayāṇām api putrāṇām ekaṃ vā māṃ tathaiva ca / bhāryāṃ vāpi gṛhāṇemāṃ krītvā jīvāmahe vayam //

Ajīgarta sprach: 'Von den drei Söhnen einen, oder auch mich selbst, oder nimm auch diese meine Gattin – nachdem du gekauft hast, werden wir davon leben.'

Wort für Wort
ajīgarta uvāca
Ajīgarta sprach
trayāṇām api putrāṇām ekaṃ vā
von den drei Söhnen einen
māṃ tathaiva ca
oder auch mich selbst
bhāryāṃ vāpi gṛhāṇemām
oder nimm auch diese Gattin
krītvā jīvāmahe vayam
nachdem du gekauft hast, werden wir leben

{rohita uvāca: } kiṃ bhāryayā mahābuddhe kiṃ tvayā vṛddharūpiṇā / yuvānaṃ dehi putraṃ me putrāṇāṃ yaṃ tvam icchasi //

Rohita sprach: 'Was soll ich mit deiner Gattin, du Hochweiser, was mit dir in gealterter Gestalt? Gib mir einen jungen Sohn – welchen von deinen Söhnen du willst.'

Wort für Wort
rohita uvāca
Rohita sprach
kiṃ bhāryayā mahābuddhe
was (soll ich) mit deiner Gattin, du Hochweiser
kiṃ tvayā vṛddharūpiṇā
was mit dir in gealterter Gestalt
yuvānaṃ dehi putraṃ me
gib mir einen jungen Sohn
putrāṇāṃ yaṃ tvam icchasi
welchen von deinen Söhnen du willst

{ajīgarta uvāca: } jyeṣṭhaputraṃ śunaḥpucchaṃ nāhaṃ krīṇāmi rohita / mātā kanīyasaṃ cāpi na krīṇāti tato 'nayoḥ / madhyamaṃ tu śunaḥśepaṃ krīṇāmi vada taddhanam //

Ajīgarta sprach: 'Den ältesten Sohn, Śunaḥpuccha, verkaufe ich nicht, Rohita; auch die Mutter verkauft den jüngeren nicht – von diesen beiden nicht. Den mittleren aber, Śunaḥśepa, verkaufe ich – sag den Preis dafür.'

Wort für Wort
ajīgarta uvāca
Ajīgarta sprach
jyeṣṭhaputraṃ śunaḥpucchaṃ nāhaṃ krīṇāmi rohita
den ältesten Sohn, Śunaḥpuccha, verkaufe ich nicht, Rohita
mātā kanīyasaṃ cāpi na krīṇāti
auch die Mutter verkauft den jüngeren nicht
tato 'nayoḥ
von diesen beiden (nicht)
madhyamaṃ tu śunaḥśepaṃ krīṇāmi
den mittleren aber, Śunaḥśepa, verkaufe ich
vada taddhanam
sag den Preis dafür

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Quelltext.]

{rohita uvāca: } varuṇāya paśuḥ kalpyaḥ puruṣo guṇavattaraḥ / yadi krīṇāsi mūlyaṃ tvaṃ vada satyaṃ mahāmune //

Rohita sprach: 'Für Varuṇa soll ein besonders tugendreicher Mensch als Opfertier bestimmt werden. Wenn du ihn verkaufst, nenne mir den Preis wahrheitsgemäß, großer Weiser.'

Wort für Wort
rohita uvāca
Rohita sprach
varuṇāya paśuḥ kalpyaḥ
für Varuṇa soll ein Opfertier bestimmt werden
puruṣo guṇavattaraḥ
ein besonders tugendreicher Mensch
yadi krīṇāsi mūlyaṃ tvaṃ vada satyaṃ mahāmune
wenn du (ihn) verkaufst, nenne den Preis wahrheitsgemäß, großer Weiser

{brahmovāca: } tathety uktvā tv ajīgartaḥ putramūlyam akalpayat / gavāṃ sahasraṃ dhānyānāṃ niṣkānāṃ cāpi vāsasām / rājaputra varaṃ dehi dāsyāmi svasutaṃ tava //

Brahmā sprach: Nachdem er 'so sei es' gesagt hatte, bestimmte Ajīgarta den Preis für den Sohn: 'Tausend Kühe, dazu Getreide, Goldmünzen und Gewänder – gib mir dies, o Königssohn, dann werde ich dir meinen eigenen Sohn geben.'

Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
tathety uktvā tv ajīgartaḥ putramūlyam akalpayat
nachdem er 'so sei es' gesagt hatte, bestimmte Ajīgarta den Preis für den Sohn
gavāṃ sahasraṃ dhānyānāṃ niṣkānāṃ cāpi vāsasām
tausend Kühe, dazu Getreide, Goldmünzen und Gewänder
rājaputra varaṃ dehi
gib mir dies, o Königssohn
dāsyāmi svasutaṃ tava
dann werde ich dir meinen eigenen Sohn geben

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Quelltext.]

{brahmovāca: } tathety uktvā rohito 'pi prādāt savasanaṃ dhanam / dattvā jagāma pitaram ṛṣiputreṇa rohitaḥ / pitre nivedayām āsa krayakrītam ṛṣeḥ sutam //

Brahmā sprach: Nachdem auch Rohita 'so sei es' gesagt hatte, gab er den Reichtum samt den Gewändern; nachdem er ihn gegeben hatte, ging Rohita mit dem Sohn des Weisen zu seinem Vater und teilte dem Vater mit, dass er den Sohn des Weisen durch Kauf erworben hatte.

Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
tathety uktvā rohito 'pi prādāt savasanaṃ dhanam
nachdem auch Rohita 'so sei es' gesagt hatte, gab er den Reichtum samt den Gewändern
dattvā jagāma pitaram ṛṣiputreṇa rohitaḥ
nachdem er (ihn) gegeben hatte, ging Rohita mit dem Sohn des Weisen zu seinem Vater
pitre nivedayām āsa krayakrītam ṛṣeḥ sutam
und teilte dem Vater mit, dass er den Sohn des Weisen durch Kauf erworben hatte

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Quelltext.]

{rohita uvāca: } varuṇāya yajasva tvaṃ paśunā tvam arug bhava //*

Rohita sprach: 'Opfere du dem Varuṇa mit diesem Opfertier, werde du so wieder krankheitsfrei.'

Wort für Wort
rohita uvāca
Rohita sprach
varuṇāya yajasva tvaṃ paśunā
opfere du dem Varuṇa mit diesem Opfertier
tvam arug bhava
werde du krankheitsfrei

[Anm.: Halbvers, im Quelltext mit '//*' als unvollständig markiert.]

{brahmovāca: } tathovāca hariścandraḥ putravākyād anantaram //*

Brahmā sprach: Daraufhin, nach dem Wort seines Sohnes, sprach Hariścandra so:

Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
tathovāca hariścandraḥ
so sprach Hariścandra
putravākyād anantaram
nach dem Wort seines Sohnes

[Anm.: Halbvers, im Quelltext mit '//*' als unvollständig markiert.]

{hariścandra uvāca: } brāhmaṇāḥ kṣatriyā vaiśyā rājñā pālyā iti śrutiḥ / viśeṣatas tu varṇānāṃ guravo hi dvijottamāḥ //

Hariścandra sprach: 'Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas sollen von einem König beschützt werden – so lehrt die Śruti; und besonders sind unter den Ständen die vortrefflichsten Zweifachgeborenen die Lehrer/Verehrungswürdigsten.'

Wort für Wort
hariścandra uvāca
Hariścandra sprach
brāhmaṇāḥ kṣatriyā vaiśyā rājñā pālyā iti śrutiḥ
Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas sollen von einem König beschützt werden – so lehrt die Śruti
viśeṣatas tu varṇānām
und besonders unter den Ständen
guravo hi dvijottamāḥ
sind die vortrefflichsten Zweifachgeborenen die Lehrer

viṣṇor api hi ye pūjyā mādṛśāḥ kuta eva hi / avajñayāpi yeṣāṃ syān nṛpāṇāṃ svakulakṣayaḥ //

'Sie, die selbst von Viṣṇu verehrt werden, wie sollten sie erst nicht von meinesgleichen verehrt werden? Durch deren Missachtung droht Königen der Untergang des eigenen Geschlechts.'

Wort für Wort
viṣṇor api hi ye pūjyāḥ
die, die selbst von Viṣṇu verehrt werden
mādṛśāḥ kuta eva hi
wie sollten sie erst von meinesgleichen (nicht verehrt werden)
avajñayāpi yeṣāṃ syān nṛpāṇāṃ svakulakṣayaḥ
durch deren Missachtung droht Königen der Untergang des eigenen Geschlechts

tān paśūn kṛtvā kṛpaṇaṃ kathaṃ rakṣitum utsahe / ahaṃ ca brāhmaṇaṃ kuryāṃ paśuṃ naitad dhi yujyate //

'Wie könnte ich mich erdreisten, sie zu Opfertieren zu machen und elend mich selbst zu retten? Auch ich sollte einen Brahmanen zum Opfertier machen? Das ist wahrlich nicht angemessen.'

Wort für Wort
tān paśūn kṛtvā kṛpaṇaṃ
sie zu Opfertieren machend, elend
kathaṃ rakṣitum utsahe
wie könnte ich mich erdreisten, mich zu retten
ahaṃ ca brāhmaṇaṃ kuryāṃ paśum
auch ich sollte einen Brahmanen zum Opfertier machen
naitad dhi yujyate
das ist wahrlich nicht angemessen

varaṃ hi jātu maraṇaṃ na kathaṃcid dvijaṃ paśum / karomi tasmāt putra tvaṃ brāhmaṇena sukhaṃ vraja //

'Besser ist fürwahr der Tod, keinesfalls mache ich einen Zweifachgeborenen zum Opfertier. Deshalb, mein Sohn, geh du glücklich mit dem Brahmanen zurück.'

Wort für Wort
varaṃ hi jātu maraṇaṃ
besser ist fürwahr der Tod
na kathaṃcid dvijaṃ paśum
keinesfalls (mache ich) einen Zweifachgeborenen zum Opfertier
karomi tasmāt putra
(so) mache ich es, deshalb, mein Sohn
tvaṃ brāhmaṇena sukhaṃ vraja
geh du glücklich mit dem Brahmanen

[Anm.: Hariścandra weigert sich, den erkauften Brahmanensohn zu opfern.]

{brahmovāca: } etasminn antare tatra vāg uvācāśarīriṇī //*

Brahmā sprach: In diesem Augenblick sprach dort eine körperlose Stimme:

Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
etasminn antare tatra
in diesem Augenblick, dort
vāg uvācāśarīriṇī
sprach eine körperlose Stimme

[Anm.: Halbvers, im Quelltext mit '//*' als unvollständig markiert.]

{ākāśavāg uvāca: } gautamīṃ gaccha rājendra ṛtvigbhiḥ sapurohitaḥ / paśunā vipraputreṇa rohitena sutena ca //

Die Himmelsstimme sprach: 'Geh zur Gautamī, o Herrscher der Könige, mit den Opferpriestern und dem Hauspriester, mit dem Opfertier, dem Brahmanensohn, und mit deinem Sohn Rohita.'

Wort für Wort
ākāśavāg uvāca
die Himmelsstimme sprach
gautamīṃ gaccha rājendra
geh zur Gautamī, o Herrscher der Könige
ṛtvigbhiḥ sapurohitaḥ
mit den Opferpriestern und dem Hauspriester
paśunā vipraputreṇa rohitena sutena ca
mit dem Opfertier, dem Brahmanensohn, und mit deinem Sohn Rohita

tvayā kāryaḥ kratuś caiva śunaḥśepavadhaṃ vinā / kratuḥ pūrṇo bhavet tatra tasmād yāhi mahāmate //

'Von dir soll das Opfer vollzogen werden, jedoch ohne Śunaḥśepas Tötung; das Opfer wird dort vollständig werden – darum geh, du Hochgesinnter.'

Wort für Wort
tvayā kāryaḥ kratuś caiva
von dir soll das Opfer vollzogen werden
śunaḥśepavadhaṃ vinā
ohne Śunaḥśepas Tötung
kratuḥ pūrṇo bhavet tatra
das Opfer wird dort vollständig werden
tasmād yāhi mahāmate
darum geh, du Hochgesinnter

{brahmovāca: } tac chrutvā vacanaṃ śīghraṃ gaṅgām agān nṛpottamaḥ / viśvāmitreṇa ṛṣiṇā vasiṣṭhena purodhasā //

Brahmā sprach: Als er dieses Wort gehört hatte, ging der beste der Könige eilends zur Gaṅgā, mit dem Weisen Viśvāmitra, mit dem Hauspriester Vasiṣṭha,

Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
tac chrutvā vacanaṃ śīghraṃ gaṅgām agān nṛpottamaḥ
als er dieses Wort gehört hatte, ging der beste der Könige eilends zur Gaṅgā
viśvāmitreṇa ṛṣiṇā vasiṣṭhena purodhasā
mit dem Weisen Viśvāmitra, mit dem Hauspriester Vasiṣṭha

vāmadevena ṛṣiṇā tathānyair munibhiḥ saha / prāpya gaṅgāṃ gautamīṃ tāṃ naramedhāya dīkṣitaḥ //

mit dem Weisen Vāmadeva und ebenso mit anderen Weisen; nachdem er jene Gaṅgā, die Gautamī, erreicht hatte, ließ er sich für das Menschenopfer weihen.

Wort für Wort
vāmadevena ṛṣiṇā tathānyair munibhiḥ saha
mit dem Weisen Vāmadeva und ebenso mit anderen Weisen
prāpya gaṅgāṃ gautamīṃ tām
nachdem er jene Gaṅgā, die Gautamī, erreicht hatte
naramedhāya dīkṣitaḥ
ließ er sich für das Menschenopfer weihen

vedimaṇḍapakuṇḍādi yūpapaśvādi cākarot / kṛtvā sarvaṃ yathānyāyaṃ tasmin yajñe pravartite //

Er errichtete den Opferaltar, die Halle, die Feuergrube und dergleichen, den Opferpfahl, das Opfertier und dergleichen; nachdem er alles ordnungsgemäß bereitet hatte, während jenes Opfer im Gange war,

Wort für Wort
vedimaṇḍapakuṇḍādi
den Opferaltar, die Halle, die Feuergrube und dergleichen
yūpapaśvādi cākarot
und den Opferpfahl, das Opfertier und dergleichen errichtete er
kṛtvā sarvaṃ yathānyāyam
nachdem er alles ordnungsgemäß bereitet hatte
tasmin yajñe pravartite
während jenes Opfer im Gange war

śunaḥśepaṃ paśuṃ yūpe nibadhyātha samantrakam / vāribhiḥ prokṣitaṃ dṛṣṭvā viśvāmitro 'bravīd idam //

und Śunaḥśepa, das Opfertier, an den Pfahl gebunden hatte, mit Mantras, und ihn, mit Wasser besprengt, gesehen hatte, sprach Viśvāmitra dies:

Wort für Wort
śunaḥśepaṃ paśuṃ yūpe nibadhyātha samantrakam
Śunaḥśepa, das Opfertier, mit Mantras an den Pfahl gebunden
vāribhiḥ prokṣitaṃ dṛṣṭvā
und ihn, mit Wasser besprengt, gesehen habend
viśvāmitro 'bravīd idam
sprach Viśvāmitra dies

{viśvāmitra uvāca: } devān ṛṣīn hariścandraṃ rohitaṃ ca viśeṣataḥ / anujānantv imaṃ sarve śunaḥśepaṃ dvijottamam //

Viśvāmitra sprach: 'Die Götter, die Weisen, Hariścandra und besonders Rohita – sie alle mögen diesen Śunaḥśepa, den vortrefflichsten Zweifachgeborenen, zum Opfer gutheißen.'

Wort für Wort
viśvāmitra uvāca
Viśvāmitra sprach
devān ṛṣīn hariścandraṃ rohitaṃ ca viśeṣataḥ
die Götter, die Weisen, Hariścandra und besonders Rohita
anujānantv imaṃ sarve
sie alle mögen (dies) gutheißen
śunaḥśepaṃ dvijottamam
diesen Śunaḥśepa, den vortrefflichsten Zweifachgeborenen

yebhyas tv ayaṃ havir deyo devebhyo 'yaṃ pṛthak pṛthak / anujānantu te sarve śunaḥśepaṃ viśeṣataḥ //

'Diejenigen Götter, denen diese Opfergabe einzeln jeweils darzubringen ist – sie alle mögen besonders Śunaḥśepa gutheißen.'

Wort für Wort
yebhyas tv ayaṃ havir deyo devebhyo 'yaṃ pṛthak pṛthak
diejenigen Götter, denen diese Opfergabe einzeln jeweils darzubringen ist
anujānantu te sarve
sie alle mögen (ihn) gutheißen
śunaḥśepaṃ viśeṣataḥ
besonders Śunaḥśepa

vasābhir lomabhis tvagbhir māṃsaiḥ sanmantritair makhe / agnau hoṣyaḥ paśuś cāyaṃ śunaḥśepo dvijottamaḥ //

'Mit Fett, Haaren, Haut, Fleisch, mit den rechten Mantras geweiht, soll dieses Opfertier, Śunaḥśepa, der vortrefflichste Zweifachgeborene, im Opferfeuer geopfert werden.'

Wort für Wort
vasābhir lomabhis tvagbhir māṃsaiḥ
mit Fett, Haaren, Haut, Fleisch
sanmantritair makhe
mit den rechten Mantras geweiht, beim Opfer
agnau hoṣyaḥ paśuś cāyam
soll dieses Opfertier im Opferfeuer geopfert werden
śunaḥśepo dvijottamaḥ
Śunaḥśepa, der vortrefflichste Zweifachgeborene

[Anm.: Der Vers beschreibt drastisch die rituelle Zerlegung/Darbringung des menschlichen Opfertiers – sachlich übersetzt wie im Originaltext; die Erzählung löst die Tötung anschließend nicht ein.]

upāsitāḥ syur viprendrās te sarve tv anumanya mām / gautamīṃ yāntu viprendrāḥ snātvā devān pṛthak pṛthak //

'Die besten der Brahmanen sollen verehrt werden; sie alle mögen mir zustimmen. Die besten der Brahmanen mögen zur Gautamī gehen, um, nachdem sie gebadet haben, die Götter einzeln zu verehren.'

Wort für Wort
upāsitāḥ syur viprendrāḥ
die besten der Brahmanen sollen verehrt werden
te sarve tv anumanya mām
sie alle mögen mir zustimmen
gautamīṃ yāntu viprendrāḥ
die besten der Brahmanen mögen zur Gautamī gehen
snātvā devān pṛthak pṛthak
um, nachdem sie gebadet haben, die Götter einzeln (zu verehren)

mantraiḥ stotraiḥ stuvantas te mudaṃ yāntu śive ratāḥ / enaṃ rakṣantu munayo devāś ca haviṣo bhujaḥ //

'Mit Mantras und Lobpreisungen preisend, mögen sie sich der Freude hingeben, an Śiva erfreut. Ihn mögen die Weisen beschützen, und die Götter, die Genießer der Opfergabe.'

Wort für Wort
mantraiḥ stotraiḥ stuvantas te
mit Mantras und Lobpreisungen preisend
mudaṃ yāntu śive ratāḥ
mögen sie sich der Freude hingeben, an Śiva erfreut
enaṃ rakṣantu munayo
ihn mögen die Weisen beschützen
devāś ca haviṣo bhujaḥ
und die Götter, die Genießer der Opfergabe

{brahmovāca: } tathety ūcuś ca munayo mene ca nṛpasattamaḥ / tato gatvā śunaḥśepo gaṅgāṃ trailokyapāvanīm //

Brahmā sprach: 'So sei es', sprachen die Weisen, und auch der beste der Könige stimmte zu. Daraufhin ging Śunaḥśepa zur Gaṅgā, der die drei Welten reinigenden,

Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
tathety ūcuś ca munayo
'so sei es', sprachen die Weisen
mene ca nṛpasattamaḥ
und auch der beste der Könige stimmte zu
tato gatvā śunaḥśepo gaṅgāṃ trailokyapāvanīm
daraufhin ging Śunaḥśepa zur Gaṅgā, der die drei Welten reinigenden

snātvā tuṣṭāva tān devān ye tatra haviṣo bhujaḥ / tatas tuṣṭāḥ suragaṇāḥ śunaḥśepaṃ ca te mune / avadanta surāḥ sarve viśvāmitrasya śṛṇvataḥ //

und nachdem er gebadet hatte, pries er jene Götter, die dort die Opfergaben genießen. Daraufhin, erfreut über Śunaḥśepa, sprachen jene Götterscharen, o Weiser, alle Götter, während Viśvāmitra zuhörte:

Wort für Wort
snātvā tuṣṭāva tān devān
und nachdem er gebadet hatte, pries er jene Götter
ye tatra haviṣo bhujaḥ
die dort die Opfergaben genießen
tatas tuṣṭāḥ suragaṇāḥ śunaḥśepaṃ ca te mune
daraufhin, erfreut über Śunaḥśepa, jene Götterscharen, o Weiser
avadanta surāḥ sarve
sprachen alle Götter
viśvāmitrasya śṛṇvataḥ
während Viśvāmitra zuhörte

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Quelltext.]

{surā ūcuḥ: } kratuḥ pūrṇo bhavatv eṣa śunaḥśepavadhaṃ vinā //*

Die Götter sprachen: 'Dieses Opfer soll vollständig sein, ohne Śunaḥśepas Tötung.'

Wort für Wort
surā ūcuḥ
die Götter sprachen
kratuḥ pūrṇo bhavatv eṣa
dieses Opfer soll vollständig sein
śunaḥśepavadhaṃ vinā
ohne Śunaḥśepas Tötung

[Anm.: Halbvers, im Quelltext mit '//*' als unvollständig markiert.]

{brahmovāca: } viśeṣeṇātha varuṇaś cāvadan nṛpasattamam / tataḥ pūrṇo 'bhavad rājño nṛmedho lokaviśrutaḥ //

Brahmā sprach: Und besonders sprach auch Varuṇa zu dem besten der Könige. Daraufhin wurde des Königs im Volke berühmtes Menschenopfer vollständig,

Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
viśeṣeṇātha varuṇaś cāvadan nṛpasattamam
und besonders sprach auch Varuṇa zu dem besten der Könige
tataḥ pūrṇo 'bhavad rājño nṛmedho lokaviśrutaḥ
daraufhin wurde des Königs im Volke berühmtes Menschenopfer vollständig

devānāṃ ca prasādena munīnāṃ ca prasādataḥ / tīrthasya tu prasādena rājñaḥ pūrṇo 'bhavat kratuḥ //

durch die Gnade der Götter und durch die Gnade der Weisen; durch die Gnade des Tīrtha wurde des Königs Opfer vollständig.

Wort für Wort
devānāṃ ca prasādena
durch die Gnade der Götter
munīnāṃ ca prasādataḥ
und durch die Gnade der Weisen
tīrthasya tu prasādena
durch die Gnade des Tīrtha
rājñaḥ pūrṇo 'bhavat kratuḥ
wurde des Königs Opfer vollständig

viśvāmitraḥ śunaḥśepaṃ pūjayām āsa saṃsadi / akarod ātmanaḥ putraṃ pūjayitvā surāntike //

Viśvāmitra verehrte Śunaḥśepa in der Versammlung; nachdem er ihn in Gegenwart der Götter verehrt hatte, machte er ihn zu seinem eigenen Sohn.

Wort für Wort
viśvāmitraḥ śunaḥśepaṃ pūjayām āsa saṃsadi
Viśvāmitra verehrte Śunaḥśepa in der Versammlung
akarod ātmanaḥ putram
machte er ihn zu seinem eigenen Sohn
pūjayitvā surāntike
nachdem er ihn in Gegenwart der Götter verehrt hatte

jyeṣṭhaṃ cakāra putrāṇām ātmanaḥ sa tu kauśikaḥ / na menire ye ca putrā viśvāmitrasya dhīmataḥ //

Er, der Kauśika, machte ihn zum ältesten seiner Söhne. Diejenigen Söhne des weisen Viśvāmitra aber, die dies nicht anerkannten,

Wort für Wort
jyeṣṭhaṃ cakāra putrāṇām ātmanaḥ
er machte ihn zum ältesten seiner Söhne
sa tu kauśikaḥ
er, der Kauśika
na menire ye ca putrā viśvāmitrasya dhīmataḥ
diejenigen Söhne des weisen Viśvāmitra, die dies nicht anerkannten

śunaḥśepasya ca jyaiṣṭhyaṃ tāñ śaśāpa sa kauśikaḥ / jyaiṣṭhyaṃ ye menire putrāḥ pūjayām āsa tān sutān //

nämlich Śunaḥśepas Erstgeburtsrecht, sie verfluchte jener Kauśika; diejenigen Söhne aber, die das Erstgeburtsrecht anerkannten, verehrte er als seine Söhne.

Wort für Wort
śunaḥśepasya ca jyaiṣṭhyam
nämlich Śunaḥśepas Erstgeburtsrecht
tāñ śaśāpa sa kauśikaḥ
sie verfluchte jener Kauśika
jyaiṣṭhyaṃ ye menire putrāḥ
diejenigen Söhne, die das Erstgeburtsrecht anerkannten
pūjayām āsa tān sutān
verehrte er als seine Söhne

vareṇa muniśārdūlas tad etat kathitaṃ mayā / etat sarvaṃ yatra jātaṃ gautamyā dakṣiṇe taṭe //

Durch diese Segensgunst – Tiger unter den Weisen, dies alles habe ich dir erzählt; all dies geschah dort, am Südufer der Gautamī.

Wort für Wort
vareṇa muniśārdūlas
durch diese Segensgunst, Tiger unter den Weisen
tad etat kathitaṃ mayā
dies alles habe ich dir erzählt
etat sarvaṃ yatra jātam
all dies geschah dort
gautamyā dakṣiṇe taṭe
am Südufer der Gautamī

tatra tīrthāni puṇyāni vikhyātāni surādibhiḥ / bahūni teṣāṃ nāmāni mattaḥ śṛṇu mahāmate //

Dort entstanden heilvolle Tīrthas, berühmt gemacht durch die Götter und andere; ihre vielen Namen höre von mir, du Hochgesinnter.

Wort für Wort
tatra tīrthāni puṇyāni
dort (entstanden) heilvolle Tīrthas
vikhyātāni surādibhiḥ
berühmt gemacht durch die Götter und andere
bahūni teṣāṃ nāmāni
ihre vielen Namen
mattaḥ śṛṇu mahāmate
höre von mir, du Hochgesinnter

hariścandraṃ śunaḥśepaṃ viśvāmitraṃ sarohitam / ityādy aṣṭa sahasrāṇi tīrthāny atha caturdaśa //

Hariścandra-, Śunaḥśepa-, Viśvāmitra-Tīrtha samt Rohita-Tīrtha und so weiter – achttausendvierzehn Tīrthas gibt es dort.

Wort für Wort
hariścandraṃ śunaḥśepaṃ viśvāmitraṃ sarohitam
Hariścandra-, Śunaḥśepa-, Viśvāmitra-(Tīrtha) samt Rohita-(Tīrtha)
ityādy aṣṭa sahasrāṇi tīrthāny atha caturdaśa
und so weiter – achttausendvierzehn Tīrthas (gibt es dort)

[Anm.: Die Zahl 'aṣṭa sahasrāṇi ... caturdaśa' (wörtl. 'achttausend ... vierzehn') hier als 8014 verstanden; angesichts der auch sonst in diesem Werk vorkommenden hyperbolischen Tīrtha-Zahlen mit Vorsicht zu lesen.]

teṣu snānaṃ ca dānaṃ ca naramedhaphalapradam / ākhyātaṃ cāsya māhātmyaṃ tīrthasya munisattama //

Bad und Gabe an ihnen gewährt die Frucht des Menschenopfers; so wurde dir die Größe dieses Tīrtha verkündet, bester der Weisen.

Wort für Wort
teṣu snānaṃ ca dānaṃ ca
Bad und Gabe an ihnen
naramedhaphalapradam
gewährt die Frucht des Menschenopfers
ākhyātaṃ cāsya māhātmyaṃ tīrthasya munisattama
so wurde dir die Größe dieses Tīrtha verkündet, bester der Weisen

yaḥ paṭhet pāṭhayed vāpi śṛṇuyād vāpi bhaktitaḥ / aputraḥ putram āpnoti yac cānyan manasaḥ priyam //

Wer dies mit Hingabe rezitiert, rezitieren lässt oder anhört, der Sohnlose erlangt einen Sohn, und auch alles andere, was dem Geiste lieb ist.

Wort für Wort
yaḥ paṭhet pāṭhayed vāpi
wer dies rezitiert oder rezitieren lässt
śṛṇuyād vāpi bhaktitaḥ
oder mit Hingabe anhört
aputraḥ putram āpnoti
der Sohnlose erlangt einen Sohn
yac cānyan manasaḥ priyam
und auch alles andere, was dem Geiste lieb ist

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