Kapitel 104: hariścandraśunaḥśepamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Hariścandra-/Śunaḥśepa-/Rohita-/Viśvāmitra-Tīrtha
Die bekannte Hariścandra-Śunaḥśepa-Erzählung: König Hariścandra erfleht von Varuṇa an der Gautamī einen Sohn gegen das Versprechen, ihn zu opfern; als sein Sohn Rohita heranwächst, verzögert der König das Opfer mit immer neuen Ausflüchten, bis Varuṇa ihn mit Wassersucht straft. Rohita flieht in den Wald und kauft dort vom verarmten Weisen Ajīgarta dessen mittleren Sohn Śunaḥśepa als Ersatzopfer. Als das Menschenopfer an der Gautamī vorbereitet wird, weigert sich Hariścandra im letzten Moment, einen Brahmanen zu töten; eine körperlose Stimme weist ihn an, das Opfer ohne Śunaḥśepas Tötung zu vollenden. Śunaḥśepa besänftigt durch eigene Hymnen die Götter, die das Opfer für vollständig erklären; Viśvāmitra nimmt ihn als ältesten Sohn an und verflucht die eigenen Söhne, die dies nicht anerkennen wollen. Ursprung eines großen Tīrtha-Komplexes (Hariścandra-, Śunaḥśepa-, Viśvāmitra-, Rohita-Tīrtha u.v.a.), der die Frucht eines Menschenopfers gewährt. [Anm.: Die Erzählung schildert unverblümt Kindesverkauf und die Vorbereitung eines Menschenopfers als Handlungselemente einer klassischen, auch in Aitareya-Brāhmaṇa und Rāmāyaṇa überlieferten Legende; sie wird hier wie im Quelltext sachlich wiedergegeben, ohne die Tötung tatsächlich zu vollziehen.]
Es gab einen König namens Hariścandra, aus dem Geschlecht des Ikṣvāku entsprungen. In sein Haus kamen zwei Weise, Nārada und ebenso Parvata; nachdem er beiden ordnungsgemäß Gastfreundschaft erwiesen hatte, sprach Hariścandra zu den beiden Weisen:
Wort für Wort
hariścandra iti tv āsīd
es gab einen namens Hariścandra
ikṣvākuprabhavo nṛpaḥ
einen König, aus dem Geschlecht des Ikṣvāku entsprungen
tasya gṛhe munī prāptau
in sein Haus kamen zwei Weise
nāradaḥ parvatas tathā
Nārada und ebenso Parvata
kṛtvātithyaṃ tayoḥ samyag
nachdem er beiden ordnungsgemäß Gastfreundschaft erwiesen hatte
Hariścandra sprach: 'Die Welt müht sich um eines Sohnes willen – was wird durch einen Sohn erreicht? Sei er weise oder unweise, der Beste oder ein Mittlerer – diesen meinen ständigen Zweifel mögen die beiden besten Weisen mir erklären.'
Wort für Wort
hariścandra uvāca
Hariścandra sprach
putrārthaṃ kliśyate lokaḥ
die Welt müht sich um eines Sohnes willen
kiṃ putreṇa bhaviṣyati
was wird durch einen Sohn erreicht
jñānī vāpy athavājñānī
sei er weise oder unweise
uttamo madhyamo 'thavā
der Beste oder ein Mittlerer
etaṃ me saṃśayaṃ nityaṃ brūtām ṛṣivarāv ubhau
diesen meinen ständigen Zweifel mögen die beiden besten Weisen mir erklären
Nārada und Parvata sprachen: 'Einfach, zehnfach, hundertfach und tausendfach, o König, gibt es die zutreffende Antwort; dennoch soll dies kurz dargelegt werden.'
Wort für Wort
nāradaparvatāv ūcatuḥ
Nārada und Parvata sprachen
ekadhā daśadhā rājañ
einfach, zehnfach, o König
śatadhā ca sahasradhā
hundertfach und tausendfach
uttaraṃ vidyate samyak
gibt es die zutreffende Antwort
tathāpy etad udīryate
dennoch soll dies dargelegt werden
[Anm.: Sinn kompakt; gemeint offenbar, dass die Antwort auf viele Weisen ausgeführt werden könnte, hier aber knapp gegeben wird.]
'Für den Sohnlosen gibt es keine jenseitige Welt, o bester der Könige; wenn ein Sohn geboren ist, und der Vater ein Bad vollzieht, o Herrscher der Menschen,'
Wort für Wort
nāputrasya paro loko vidyate
für den Sohnlosen gibt es keine jenseitige Welt
nṛpasattama
o bester der Könige
jāte putre pitā snānaṃ yaḥ karoti
wenn ein Sohn geboren ist und der Vater ein Bad vollzieht
'erlangt er die Weihe-Frucht von zehn Aśvamedha-Opfern. Durch den Sohn entsteht die eigene Fortbestehung, und man wird zum vortrefflichsten der Unsterblichen.'
Wort für Wort
daśānām aśvamedhānām abhiṣekaphalaṃ labhet
erlangt er die Weihe-Frucht von zehn Aśvamedha-Opfern
ātmapratiṣṭhā putrāt syāt
durch den Sohn entsteht die eigene Fortbestehung
jāyate cāmarottamaḥ
und man wird zum vortrefflichsten der Unsterblichen
'Durch Amṛta sind die Götter unsterblich, durch den Sohn die Brahmanen und andere; der Sohn befreit von den drei Schulden, sowohl den Vater als auch die Großväter.'
kiṃ tu mūlaṃ kim u jalaṃ kiṃ tu śmaśrūṇi kiṃ tapaḥ /
vinā putreṇa rājendra svargo muktiḥ sutāt smṛtāḥ //
'Was nützt die Wurzel, was das Wasser, was der Bart, was die Askese? Ohne Sohn, o Herrscher der Könige – Himmel und Erlösung, so wird gelehrt, kommen vom Sohn.'
Wort für Wort
kiṃ tu mūlaṃ kim u jalam
was nützt die Wurzel, was das Wasser
kiṃ tu śmaśrūṇi kiṃ tapaḥ
was der Bart, was die Askese
vinā putreṇa rājendra
ohne Sohn, o Herrscher der Könige
svargo muktiḥ sutāt smṛtāḥ
Himmel und Erlösung, so wird gelehrt, kommen vom Sohn
[Anm.: Aufzählung bezieht sich vermutlich auf asketische/rituelle Praktiken, die ohne einen Sohn als wertlos dargestellt werden.]
putra eva paro loko dharmaḥ kāmo 'rtha eva ca /
putro muktiḥ paraṃ jyotis tārakaḥ sarvadehinām //
'Der Sohn allein ist die jenseitige Welt, Dharma, Kāma und ebenso Artha; der Sohn ist Erlösung, das höchste Licht, der Retter aller verkörperten Wesen.'
'Deshalb gibt es nichts in den drei Welten, das dem Sohn gleich begehrenswert wäre.' Als er dies gehört hatte, voller Staunen, sprach der König abermals zu den beiden:
Wort für Wort
tasmāt putrasamaṃ kiṃcit
deshalb (gibt es) nichts, das dem Sohn gleich(kommt)
Hariścandra sprach: 'Wie könnte ich einen Sohn erhalten – möget ihr es mir sagen, wie auch immer es sich wirklich verhält; durch welches Mittel auch immer, sei es durch Tatkraft, durch Zauberspruch, Opfer oder Gabe – dieser Sohn soll von mir gezeugt werden.'
Wort für Wort
hariścandra uvāca
Hariścandra sprach
kathaṃ me syāt suto brūtām
wie könnte ich einen Sohn erhalten – sagt es mir
yatra kvāpi yathātatham
wie auch immer es sich wirklich verhält
yena kenāpy upāyena
durch welches Mittel auch immer
kṛtvā kiṃcit tu pauruṣam
sei es durch (irgendeine) Tatkraft
mantreṇa yāgadānābhyām utpādyo 'sau suto mayā
durch Zauberspruch, Opfer oder Gabe soll dieser Sohn von mir gezeugt werden
Brahmā sprach: Jene beiden sprachen zu dem besten der Könige, Hariścandra, der einen Sohn begehrte, nachdem sie einen Augenblick nachgedacht hatten, ordnungsgemäß: 'Geh zur Gautamī, du Ehrenspender.'
Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
tāv ūcatur nṛpaśreṣṭhaṃ hariścandraṃ sutārthinam
jene beiden sprachen zu Hariścandra, der einen Sohn begehrte
dhyātvā kṣaṇaṃ tathā samyag
nachdem sie einen Augenblick nachgedacht hatten, ordnungsgemäß
sa tu prītaḥ śanaiḥ kāle tava putraṃ pradāsyati /
etac chrutvā nṛpaśreṣṭho munivākyaṃ tathākarot //
'Er, erfreut, wird dir zu gegebener Zeit langsam einen Sohn gewähren.' Als er dies gehört hatte, handelte der beste der Könige gemäß den Worten der Weisen.
Varuṇa sprach: 'Ich werde dir einen Sohn geben, o König, den Schmuck der drei Welten – wenn du mit eben ihm ein Opfer darbringst, wird dein Sohn von Bestand sein.'
{brahmovāca: }
hariścandro 'pi varuṇaṃ yakṣye tenety avocata /
tato gatvā hariścandraś caruṃ kṛtvā tu vāruṇam //
Brahmā sprach: Auch Hariścandra sprach zu Varuṇa: 'Ich werde mit ihm opfern.' Daraufhin ging Hariścandra und bereitete eine dem Varuṇa geweihte Opferspeise,
Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
hariścandro 'pi varuṇaṃ
auch Hariścandra zu Varuṇa
yakṣye tenety avocata
sprach: 'ich werde mit ihm opfern'
tato gatvā hariścandraś
daraufhin ging Hariścandra
caruṃ kṛtvā tu vāruṇam
und bereitete eine dem Varuṇa geweihte Opferspeise
und der König gab sie seiner Gattin; daraufhin wurde dem König ein Sohn geboren. Als der Sohn geboren war, sprach der Herr der Wasser, der Beste der Redner:
Brahmā sprach: Als er das Wort des Königs gehört hatte, ging Varuṇa zu seiner Wohnstatt; nach zehn Tagen kam er wieder und sprach zu jenem König: 'Opfere!'
Auch der König sprach zu Varuṇa: 'Ein zahnloses Opfertier ist unwirksam; wenn dem Opfertier die Zähne gewachsen sind, komm dann, geh jetzt, o Herr der Wasser.'
Wort für Wort
rājāpi varuṇaṃ prāha
auch der König sprach zu Varuṇa
nirdanto niṣphalaḥ paśuḥ
ein zahnloses Opfertier ist unwirksam
paśor danteṣu jāteṣu
wenn dem Opfertier die Zähne gewachsen sind
ehi gacchādhunāppate
komm dann, geh jetzt, o Herr der Wasser
[Anm.: Der König verzögert das Opfer mit fortlaufenden Ausreden; 'paśu' bezieht sich weiterhin auf den zum Opfertier bestimmten Sohn.]
saṃpatsyanti tathā cānye tato yakṣye vrajādhunā /
punaḥ prāyāt sa varuṇaḥ punardanteṣu nārada /
yajasveti nṛpaṃ prāha rājā prāha tv apāṃpatim //
'und andere werden nachwachsen – dann werde ich opfern, geh jetzt.' Wieder ging jener Varuṇa fort, o Nārada; als die Zähne erneut nachgewachsen waren, sprach er zum König: 'Opfere!' Der König aber sprach zum Herrn der Wasser:
Wort für Wort
saṃpatsyanti tathā cānye
und andere werden nachwachsen
tato yakṣye vrajādhunā
dann werde ich opfern, geh jetzt
punaḥ prāyāt sa varuṇaḥ
wieder ging jener Varuṇa fort
punardanteṣu nārada
als die Zähne erneut nachgewachsen waren, o Nārada
Der König sprach: 'Wenn ein Kṣatriya beim Opfer zum Opfertier wird, o Herr der Gewässer – wenn er die Bogenkunst beherrscht, dann erst ist er ein vortreffliches Opfertier.'
Wort für Wort
rājovāca
der König sprach
yadā tu kṣatriyo yajñe paśur bhavati vāripa
wenn ein Kṣatriya beim Opfer zum Opfertier wird, o Herr der Gewässer
dhanurvedaṃ yadā vetti
wenn er die Bogenkunst beherrscht
tadā syāt paśur uttamaḥ
dann erst ist er ein vortreffliches Opfertier
[Anm.: Erneut eine Verzögerungstaktik des Königs.]
om ity uktvā nṛpavara ṛtvijaḥ prāha bhūpatiḥ /
rohitaṃ ca sutaṃ jyeṣṭhaṃ śṛṇvato varuṇasya ca //
Nachdem der beste der Könige 'Om' gesagt hatte, sprach der Herrscher zu den Opferpriestern – während auch sein ältester Sohn Rohita und Varuṇa zuhörten:
{brahmovāca: }
kim etad ity athovāca rohitaḥ pitaraṃ prati /
pitāpi tad yathāvṛttam ācacakṣe savistaram /
rohitaḥ pitaraṃ prāha śṛṇvato varuṇasya ca //
Brahmā sprach: 'Was ist das?', sprach da Rohita zu seinem Vater. Auch der Vater erzählte ihm ausführlich, wie es sich zugetragen hatte. Rohita sprach zu seinem Vater, während Varuṇa zuhörte:
Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
kim etad ity athovāca rohitaḥ pitaraṃ prati
'was ist das?', sprach da Rohita zu seinem Vater
pitāpi tad yathāvṛttam ācacakṣe savistaram
auch der Vater erzählte ausführlich, wie es sich zugetragen hatte
rohitaḥ pitaraṃ prāha śṛṇvato varuṇasya ca
Rohita sprach zu seinem Vater, während Varuṇa zuhörte
Rohita sprach: 'Ich will zuerst, großer König, mit den Opferpriestern und dem Hauspriester, dem Viṣṇu, dem Herrn der Welt, eilends und rein ein Opfer darbringen, mit Varuṇa als Opfertier – dazu solltest du deine Erlaubnis geben.'
Wort für Wort
rohita uvāca
Rohita sprach
ahaṃ pūrvaṃ mahārāja ṛtvigbhiḥ sapurohitaḥ
ich will zuerst, großer König, mit Opferpriestern und Hauspriester
viṣṇave lokanāthāya yakṣye 'haṃ tvaritaṃ śuciḥ
dem Viṣṇu, dem Herrn der Welt, eilends und rein opfern
paśunā varuṇenātha
mit Varuṇa als Opfertier
tad anujñātum arhasi
dazu solltest du deine Erlaubnis geben
[Anm.: Dreizeiliger Vers im Quelltext. Rohita fordert hier trotzig, stattdessen Varuṇa selbst zum Opfertier zu machen – eine provokante Umkehrung, die Varuṇas Zorn auslöst.]
der als Ajīgarta bekannt war, begleitet von drei Söhnen und seiner Gattin, mit spärlichem Lebensunterhalt. Als der Königssohn ihn sah, verneigte er sich und sprach dieses Wort:
Wort für Wort
ajīgartam iti khyātam
der als Ajīgarta bekannt war
ṛṣes tu vayasaḥ sutam
den Sohn des Weisen Vayas [Anm.]
tribhiḥ putrair anuvṛtam
begleitet von drei Söhnen
bhāryayā kṣīṇavṛttikam
und seiner Gattin, mit spärlichem Lebensunterhalt
taṃ dṛṣṭvā nṛpateḥ putro namasyedaṃ vaco 'bravīt
als der Königssohn ihn sah, verneigte er sich und sprach dieses Wort
[Anm.: Dreizeiliger Vers; 'vayasaḥ sutam' unsicher, evtl. 'Sohn eines gealterten Weisen' oder Eigenname des Vaters.]
{ajīgarta uvāca: }
vartanaṃ nāsti dehasya bhoktāro bahavaś ca me /
vinānnena mariṣyāmo brūhi kiṃ karavāmahe //
Ajīgarta sprach: 'Es gibt keinen Lebensunterhalt für den Körper, und viele sind bei mir zu ernähren; ohne Nahrung werden wir sterben – sag, was sollen wir tun?'
{ajīgarta uvāca: }
hiraṇyaṃ rajataṃ gāvo dhānyaṃ vastrādikaṃ na me /
vidyate nṛpaśārdūla vartanaṃ nāsti me tataḥ //
Ajīgarta sprach: 'Gold, Silber, Kühe, Getreide, Kleidung und dergleichen besitze ich nicht, o Tiger unter den Königen; deshalb habe ich keinen Lebensunterhalt.'
Wort für Wort
ajīgarta uvāca
Ajīgarta sprach
hiraṇyaṃ rajataṃ gāvo dhānyaṃ vastrādikaṃ na me vidyate
Gold, Silber, Kühe, Getreide, Kleidung besitze ich nicht
{rohita uvāca: }
kiṃ krīṇāsi mahābuddhe 'jīgarta satyam eva me /
vada nānyac ca vaktavyaṃ viprā vai satyavādinaḥ //
Rohita sprach: 'Was würdest du mir verkaufen, du Hochweiser Ajīgarta? Sag mir die Wahrheit, nichts anderes ist zu sagen – Brahmanen sind ja Wahrheitsredner.'
{ajīgarta uvāca: }
trayāṇām api putrāṇām ekaṃ vā māṃ tathaiva ca /
bhāryāṃ vāpi gṛhāṇemāṃ krītvā jīvāmahe vayam //
Ajīgarta sprach: 'Von den drei Söhnen einen, oder auch mich selbst, oder nimm auch diese meine Gattin – nachdem du gekauft hast, werden wir davon leben.'
Rohita sprach: 'Was soll ich mit deiner Gattin, du Hochweiser, was mit dir in gealterter Gestalt? Gib mir einen jungen Sohn – welchen von deinen Söhnen du willst.'
{ajīgarta uvāca: }
jyeṣṭhaputraṃ śunaḥpucchaṃ nāhaṃ krīṇāmi rohita /
mātā kanīyasaṃ cāpi na krīṇāti tato 'nayoḥ /
madhyamaṃ tu śunaḥśepaṃ krīṇāmi vada taddhanam //
Ajīgarta sprach: 'Den ältesten Sohn, Śunaḥpuccha, verkaufe ich nicht, Rohita; auch die Mutter verkauft den jüngeren nicht – von diesen beiden nicht. Den mittleren aber, Śunaḥśepa, verkaufe ich – sag den Preis dafür.'
Wort für Wort
ajīgarta uvāca
Ajīgarta sprach
jyeṣṭhaputraṃ śunaḥpucchaṃ nāhaṃ krīṇāmi rohita
den ältesten Sohn, Śunaḥpuccha, verkaufe ich nicht, Rohita
Rohita sprach: 'Für Varuṇa soll ein besonders tugendreicher Mensch als Opfertier bestimmt werden. Wenn du ihn verkaufst, nenne mir den Preis wahrheitsgemäß, großer Weiser.'
Wort für Wort
rohita uvāca
Rohita sprach
varuṇāya paśuḥ kalpyaḥ
für Varuṇa soll ein Opfertier bestimmt werden
puruṣo guṇavattaraḥ
ein besonders tugendreicher Mensch
yadi krīṇāsi mūlyaṃ tvaṃ vada satyaṃ mahāmune
wenn du (ihn) verkaufst, nenne den Preis wahrheitsgemäß, großer Weiser
Brahmā sprach: Nachdem er 'so sei es' gesagt hatte, bestimmte Ajīgarta den Preis für den Sohn: 'Tausend Kühe, dazu Getreide, Goldmünzen und Gewänder – gib mir dies, o Königssohn, dann werde ich dir meinen eigenen Sohn geben.'
Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
tathety uktvā tv ajīgartaḥ putramūlyam akalpayat
nachdem er 'so sei es' gesagt hatte, bestimmte Ajīgarta den Preis für den Sohn
gavāṃ sahasraṃ dhānyānāṃ niṣkānāṃ cāpi vāsasām
tausend Kühe, dazu Getreide, Goldmünzen und Gewänder
Brahmā sprach: Nachdem auch Rohita 'so sei es' gesagt hatte, gab er den Reichtum samt den Gewändern; nachdem er ihn gegeben hatte, ging Rohita mit dem Sohn des Weisen zu seinem Vater und teilte dem Vater mit, dass er den Sohn des Weisen durch Kauf erworben hatte.
Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
tathety uktvā rohito 'pi prādāt savasanaṃ dhanam
nachdem auch Rohita 'so sei es' gesagt hatte, gab er den Reichtum samt den Gewändern
dattvā jagāma pitaram ṛṣiputreṇa rohitaḥ
nachdem er (ihn) gegeben hatte, ging Rohita mit dem Sohn des Weisen zu seinem Vater
pitre nivedayām āsa krayakrītam ṛṣeḥ sutam
und teilte dem Vater mit, dass er den Sohn des Weisen durch Kauf erworben hatte
{hariścandra uvāca: }
brāhmaṇāḥ kṣatriyā vaiśyā rājñā pālyā iti śrutiḥ /
viśeṣatas tu varṇānāṃ guravo hi dvijottamāḥ //
Hariścandra sprach: 'Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas sollen von einem König beschützt werden – so lehrt die Śruti; und besonders sind unter den Ständen die vortrefflichsten Zweifachgeborenen die Lehrer/Verehrungswürdigsten.'
Wort für Wort
hariścandra uvāca
Hariścandra sprach
brāhmaṇāḥ kṣatriyā vaiśyā rājñā pālyā iti śrutiḥ
Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas sollen von einem König beschützt werden – so lehrt die Śruti
viśeṣatas tu varṇānām
und besonders unter den Ständen
guravo hi dvijottamāḥ
sind die vortrefflichsten Zweifachgeborenen die Lehrer
viṣṇor api hi ye pūjyā mādṛśāḥ kuta eva hi /
avajñayāpi yeṣāṃ syān nṛpāṇāṃ svakulakṣayaḥ //
'Sie, die selbst von Viṣṇu verehrt werden, wie sollten sie erst nicht von meinesgleichen verehrt werden? Durch deren Missachtung droht Königen der Untergang des eigenen Geschlechts.'
Wort für Wort
viṣṇor api hi ye pūjyāḥ
die, die selbst von Viṣṇu verehrt werden
mādṛśāḥ kuta eva hi
wie sollten sie erst von meinesgleichen (nicht verehrt werden)
avajñayāpi yeṣāṃ syān nṛpāṇāṃ svakulakṣayaḥ
durch deren Missachtung droht Königen der Untergang des eigenen Geschlechts
'Wie könnte ich mich erdreisten, sie zu Opfertieren zu machen und elend mich selbst zu retten? Auch ich sollte einen Brahmanen zum Opfertier machen? Das ist wahrlich nicht angemessen.'
Wort für Wort
tān paśūn kṛtvā kṛpaṇaṃ
sie zu Opfertieren machend, elend
kathaṃ rakṣitum utsahe
wie könnte ich mich erdreisten, mich zu retten
ahaṃ ca brāhmaṇaṃ kuryāṃ paśum
auch ich sollte einen Brahmanen zum Opfertier machen
varaṃ hi jātu maraṇaṃ na kathaṃcid dvijaṃ paśum /
karomi tasmāt putra tvaṃ brāhmaṇena sukhaṃ vraja //
'Besser ist fürwahr der Tod, keinesfalls mache ich einen Zweifachgeborenen zum Opfertier. Deshalb, mein Sohn, geh du glücklich mit dem Brahmanen zurück.'
Wort für Wort
varaṃ hi jātu maraṇaṃ
besser ist fürwahr der Tod
na kathaṃcid dvijaṃ paśum
keinesfalls (mache ich) einen Zweifachgeborenen zum Opfertier
karomi tasmāt putra
(so) mache ich es, deshalb, mein Sohn
tvaṃ brāhmaṇena sukhaṃ vraja
geh du glücklich mit dem Brahmanen
[Anm.: Hariścandra weigert sich, den erkauften Brahmanensohn zu opfern.]
Die Himmelsstimme sprach: 'Geh zur Gautamī, o Herrscher der Könige, mit den Opferpriestern und dem Hauspriester, mit dem Opfertier, dem Brahmanensohn, und mit deinem Sohn Rohita.'
Wort für Wort
ākāśavāg uvāca
die Himmelsstimme sprach
gautamīṃ gaccha rājendra
geh zur Gautamī, o Herrscher der Könige
ṛtvigbhiḥ sapurohitaḥ
mit den Opferpriestern und dem Hauspriester
paśunā vipraputreṇa rohitena sutena ca
mit dem Opfertier, dem Brahmanensohn, und mit deinem Sohn Rohita
Er errichtete den Opferaltar, die Halle, die Feuergrube und dergleichen, den Opferpfahl, das Opfertier und dergleichen; nachdem er alles ordnungsgemäß bereitet hatte, während jenes Opfer im Gange war,
Wort für Wort
vedimaṇḍapakuṇḍādi
den Opferaltar, die Halle, die Feuergrube und dergleichen
yūpapaśvādi cākarot
und den Opferpfahl, das Opfertier und dergleichen errichtete er
Viśvāmitra sprach: 'Die Götter, die Weisen, Hariścandra und besonders Rohita – sie alle mögen diesen Śunaḥśepa, den vortrefflichsten Zweifachgeborenen, zum Opfer gutheißen.'
Wort für Wort
viśvāmitra uvāca
Viśvāmitra sprach
devān ṛṣīn hariścandraṃ rohitaṃ ca viśeṣataḥ
die Götter, die Weisen, Hariścandra und besonders Rohita
anujānantv imaṃ sarve
sie alle mögen (dies) gutheißen
śunaḥśepaṃ dvijottamam
diesen Śunaḥśepa, den vortrefflichsten Zweifachgeborenen
'Mit Fett, Haaren, Haut, Fleisch, mit den rechten Mantras geweiht, soll dieses Opfertier, Śunaḥśepa, der vortrefflichste Zweifachgeborene, im Opferfeuer geopfert werden.'
Wort für Wort
vasābhir lomabhis tvagbhir māṃsaiḥ
mit Fett, Haaren, Haut, Fleisch
sanmantritair makhe
mit den rechten Mantras geweiht, beim Opfer
agnau hoṣyaḥ paśuś cāyam
soll dieses Opfertier im Opferfeuer geopfert werden
śunaḥśepo dvijottamaḥ
Śunaḥśepa, der vortrefflichste Zweifachgeborene
[Anm.: Der Vers beschreibt drastisch die rituelle Zerlegung/Darbringung des menschlichen Opfertiers – sachlich übersetzt wie im Originaltext; die Erzählung löst die Tötung anschließend nicht ein.]
upāsitāḥ syur viprendrās te sarve tv anumanya mām /
gautamīṃ yāntu viprendrāḥ snātvā devān pṛthak pṛthak //
'Die besten der Brahmanen sollen verehrt werden; sie alle mögen mir zustimmen. Die besten der Brahmanen mögen zur Gautamī gehen, um, nachdem sie gebadet haben, die Götter einzeln zu verehren.'
Wort für Wort
upāsitāḥ syur viprendrāḥ
die besten der Brahmanen sollen verehrt werden
te sarve tv anumanya mām
sie alle mögen mir zustimmen
gautamīṃ yāntu viprendrāḥ
die besten der Brahmanen mögen zur Gautamī gehen
snātvā devān pṛthak pṛthak
um, nachdem sie gebadet haben, die Götter einzeln (zu verehren)
mantraiḥ stotraiḥ stuvantas te mudaṃ yāntu śive ratāḥ /
enaṃ rakṣantu munayo devāś ca haviṣo bhujaḥ //
'Mit Mantras und Lobpreisungen preisend, mögen sie sich der Freude hingeben, an Śiva erfreut. Ihn mögen die Weisen beschützen, und die Götter, die Genießer der Opfergabe.'
Wort für Wort
mantraiḥ stotraiḥ stuvantas te
mit Mantras und Lobpreisungen preisend
mudaṃ yāntu śive ratāḥ
mögen sie sich der Freude hingeben, an Śiva erfreut
{brahmovāca: }
tathety ūcuś ca munayo mene ca nṛpasattamaḥ /
tato gatvā śunaḥśepo gaṅgāṃ trailokyapāvanīm //
Brahmā sprach: 'So sei es', sprachen die Weisen, und auch der beste der Könige stimmte zu. Daraufhin ging Śunaḥśepa zur Gaṅgā, der die drei Welten reinigenden,
Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
tathety ūcuś ca munayo
'so sei es', sprachen die Weisen
mene ca nṛpasattamaḥ
und auch der beste der Könige stimmte zu
tato gatvā śunaḥśepo gaṅgāṃ trailokyapāvanīm
daraufhin ging Śunaḥśepa zur Gaṅgā, der die drei Welten reinigenden
snātvā tuṣṭāva tān devān ye tatra haviṣo bhujaḥ /
tatas tuṣṭāḥ suragaṇāḥ śunaḥśepaṃ ca te mune /
avadanta surāḥ sarve viśvāmitrasya śṛṇvataḥ //
und nachdem er gebadet hatte, pries er jene Götter, die dort die Opfergaben genießen. Daraufhin, erfreut über Śunaḥśepa, sprachen jene Götterscharen, o Weiser, alle Götter, während Viśvāmitra zuhörte:
Wort für Wort
snātvā tuṣṭāva tān devān
und nachdem er gebadet hatte, pries er jene Götter
ye tatra haviṣo bhujaḥ
die dort die Opfergaben genießen
tatas tuṣṭāḥ suragaṇāḥ śunaḥśepaṃ ca te mune
daraufhin, erfreut über Śunaḥśepa, jene Götterscharen, o Weiser
śunaḥśepasya ca jyaiṣṭhyaṃ tāñ śaśāpa sa kauśikaḥ /
jyaiṣṭhyaṃ ye menire putrāḥ pūjayām āsa tān sutān //
nämlich Śunaḥśepas Erstgeburtsrecht, sie verfluchte jener Kauśika; diejenigen Söhne aber, die das Erstgeburtsrecht anerkannten, verehrte er als seine Söhne.
Wort für Wort
śunaḥśepasya ca jyaiṣṭhyam
nämlich Śunaḥśepas Erstgeburtsrecht
tāñ śaśāpa sa kauśikaḥ
sie verfluchte jener Kauśika
jyaiṣṭhyaṃ ye menire putrāḥ
diejenigen Söhne, die das Erstgeburtsrecht anerkannten
Hariścandra-, Śunaḥśepa-, Viśvāmitra-Tīrtha samt Rohita-Tīrtha und so weiter – achttausendvierzehn Tīrthas gibt es dort.
Wort für Wort
hariścandraṃ śunaḥśepaṃ viśvāmitraṃ sarohitam
Hariścandra-, Śunaḥśepa-, Viśvāmitra-(Tīrtha) samt Rohita-(Tīrtha)
ityādy aṣṭa sahasrāṇi tīrthāny atha caturdaśa
und so weiter – achttausendvierzehn Tīrthas (gibt es dort)
[Anm.: Die Zahl 'aṣṭa sahasrāṇi ... caturdaśa' (wörtl. 'achttausend ... vierzehn') hier als 8014 verstanden; angesichts der auch sonst in diesem Werk vorkommenden hyperbolischen Tīrtha-Zahlen mit Vorsicht zu lesen.]