Kapitel 98: agnitīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Agni-Tīrtha
Brahmā beschreibt das Agni-Tīrtha: Der Daitya Madhu erschlägt in einer Opferversammlung Agnis Bruder Jātavedas (hier als eigener Havyavāṭ, 'Opferträger', dargestellt); aus Zorn und Trauer geht Agni selbst in das Wasser der Gaṅgā ein, wodurch Götter und Menschen, die 'durch Agni leben', beginnen, ihr Leben aufzugeben. Die Götter, Weisen und Ahnen versammeln sich am Ufer und flehen Agni an. Agni zweifelt zunächst, ob er die Aufgabe seines toten Bruders übernehmen kann, doch die Götter gewähren ihm dauerhafte Privilegien (Prayāja-/Anuyāja-Opferanteile, Allgegenwart, den Rang als 'Mund der Götter'), woraufhin er sich besänftigen lässt und aus dem Wasser gezogen und neu geweiht wird. Ursprung des Vahni-Tīrtha mit seinen 700 Neben-Tīrthas und des Deva-/Āgneya-Tīrtha mit dem von Agni selbst errichteten Liṅga.
jātavedā iti khyāto agner bhrātā sa havyavāṭ /
havyaṃ vahantaṃ devānāṃ gautamyās tīra eva tu //
Jātavedas genannt war Agnis Bruder, der Havyavāṭ ('Opferträger'), der den Göttern die Opfergabe trug, eben am Ufer der Gautamī.
Wort für Wort
jātavedā iti khyātaḥ
'Jātavedas' genannt
agner bhrātā sa havyavāṭ
war jener Havyavāṭ ('Opferträger'), Agnis Bruder
havyaṃ vahantaṃ devānām
der den Göttern die Opfergabe trug
gautamyās tīra eva tu
eben am Ufer der Gautamī
[Anm.: Hier wird Jātavedas – sonst ein gängiger Beiname Agnis selbst – als eigenständiger jüngerer Bruder Agnis dargestellt, eine für diesen Māhātmya-Abschnitt eigentümliche Erzählvariante.]
gaṅgāmbhasi samāviṣṭe hy agnau devāś ca mānuṣāḥ /
jīvam utsarjayām āsur agnijīvā yato matāḥ //
Als Agni in das Wasser der Gaṅgā eingegangen war, begannen Götter und Menschen ihren Lebensatem aufzugeben, da man der Ansicht ist, dass sie 'durch Agni leben' (agnijīva).
{devā ūcuḥ: }
devāñ jīvaya havyena kavyena ca pitṝṃs tathā /
mānuṣān annapākena bījānāṃ kledanena ca //
Die Götter sprachen: 'Belebe die Götter durch die Opfergabe (havya) und ebenso die Ahnen durch die Totenspeise (kavya), die Menschen durch das Kochen der Speise und die Samen durch das Befeuchten.'
Wort für Wort
devā ūcuḥ
die Götter sprachen
devāñ jīvaya havyena
belebe die Götter durch die Opfergabe (havya)
kavyena ca pitṝṃs tathā
und ebenso die Ahnen durch die Totenspeise (kavya)
{brahmovāca: }
agnir apy āha tān devāñ śakto yo me gato 'nujaḥ /
kriyamāṇe bhavatkārye yā gatir jātavedasaḥ //
Brahmā sprach: Agni aber sprach zu jenen Göttern: 'Mein tüchtiger jüngerer Bruder ist dahingegangen. Bei der Ausführung eurer Aufgabe – welches Schicksal auch Jātavedas zuteilwurde,'
Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
agnir apy āha tān devān
Agni aber sprach zu jenen Göttern
śakto yo me gato 'nujaḥ
'mein tüchtiger jüngerer Bruder ist dahingegangen'
sā vāpi syān mama surā notsahe kāryasādhane /
kāryaṃ tu sarvatas tasya bhavatāṃ jātavedasaḥ //
'das möge auch mein Schicksal sein, ihr Götter – ich vermag die Aufgabe nicht zu vollbringen. Doch die Aufgabe des Jātavedas obliegt euch von allen Seiten.'
imāṃ sthitim anuprāpto na jāne me kathaṃ bhavet /
iha cāmutra ca vyāptau śaktir apy atra no bhavet //
'Da ich in diesen Zustand geraten bin, weiß ich nicht, wie es mir ergehen wird; für das Durchdringen hier und im Jenseits möge mir hierin auch keine Kraft mehr zuteilwerden.'
Wort für Wort
imāṃ sthitim anuprāptaḥ
in diesen Zustand geraten
na jāne me kathaṃ bhavet
ich weiß nicht, wie es mir ergehen wird
iha cāmutra ca vyāptau
für das Durchdringen hier und im Jenseits
śaktir apy atra no bhavet
möge mir hierin auch keine Kraft mehr zuteilwerden
[Anm.: Vers syntaktisch verdichtet; sinngemäß zweifelt Agni an seiner eigenen Fähigkeit, seine kosmische Funktion – Allgegenwart, Opfervermittlung – nach dem Tod seines Bruders weiter zu erfüllen.]
athāpi kriyamāṇe vai kārye saiva gatir mama /
devās tam ūcur bhāvena sarveṇa ṛṣayas tathā //
'Und doch, wenn die Aufgabe ausgeführt wird, ist eben dies auch mein Schicksal.' Die Götter und ebenso die Weisen sprachen darauf mit ganzem Herzen zu ihm:
āyuḥ karmaṇi ca prītir vyāptau śaktiś ca dīyate /
prayājān anuyājāṃś ca dāsyāmo havyavāhana //
'Lebenskraft im Ritualwerk, Wohlgefallen und Kraft zur Durchdringung aller Dinge werden dir gegeben; die Prayāja- und Anuyāja-Opfer werden wir dir geben, o Havyavāhana (Opferträger).'
Wort für Wort
āyuḥ karmaṇi ca prītiḥ
Lebenskraft im Ritualwerk und Wohlgefallen
vyāptau śaktiś ca dīyate
und Kraft zur Durchdringung (aller Dinge) wird gegeben
devānāṃ tvaṃ mukhaṃ śreṣṭham āhutyaḥ prathamās tava /
tvayā dattaṃ tu yad dravyaṃ bhokṣyāmaḥ surasattama //
'Du bist der vortrefflichste Mund der Götter, dir gehören die ersten Opfergüsse. Was auch immer an Gut von dir gegeben wird, das werden wir genießen, o Bester der Götter.'
Brahmā sprach: Daraufhin wurde Agni durch die Worte der Götter der Reihe nach zufriedengestellt – im Durchdringen hier und im Jenseits, sei es im Opferfeuer oder ebenso im weltlichen Feuer.
Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
tatas tuṣṭo 'bhavad vahniḥ
daraufhin wurde Agni zufrieden
devavākyād yathākramam
durch die Worte der Götter, der Reihe nach
iha cāmutra ca vyāptau
im Durchdringen hier und im Jenseits
havye vā laukike tathā
sei es im Opferfeuer oder ebenso im weltlichen (Feuer)
Überall wurde Agni furchtlos und fähig durch den Befehl der Götter – Jātavedas, 'der von großem Glanz' (Bṛhadbhānu), 'der Siebenflammige' (Saptārcis), 'der Dunkelrote' (Nīlalohita).
Er wird 'der im Wasser Verborgene' (Jalagarbha), 'der im Śamī-Baum Verborgene' (Śamīgarbha), 'der im Opfer Verborgene' (Yajñagarbha) genannt. Die Götter zogen Vibhāvasu (Agni) aus dem Wasser und weihten ihn,
Wort für Wort
jalagarbhaḥ śamīgarbhaḥ
'der im Wasser Verborgene', 'der im Śamī-Baum Verborgene'
ubhayatra pade vāsaḥ sarvago 'gnis tato 'bhavat /
yathāgataṃ surā jagmur vahnitīrthaṃ tad ucyate //
so dass sein Wohnsitz an beiden Orten bestand – dadurch wurde Agni allgegenwärtig (sarvaga). Die Götter gingen zurück, wie sie gekommen waren; jenes Tīrtha wird Vahni-Tīrtha genannt.
der erlangt die vollständige, ungeminderte, heilvolle Frucht eines Aśvamedha (Pferdeopfers). Und ebendort ist auch das Deva-Tīrtha, das dem Feuer geweihte (Āgneya) Tīrtha des Jātavedas.
Wort für Wort
aśvamedhaphalaṃ sāgram
die vollständige Frucht eines Aśvamedha (Pferdeopfers)