Kapitel 106: pravarāsaṃgamamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Pravarā-Saṃgama (Siddheśvara-Tīrtha, Ursprung des Rāhu)
Die Erzählung vom Milchozean-Quirlen (Samudra-Manthana): Götter und Dānavas quirlen gemeinsam den Ozean und erlangen das Amṛta, beschließen dann aber, es den Dānavas vorzuenthalten. Auf Bṛhaspatis und Brahmās Rat verteilen Viṣṇu und Śiva heimlich das Amṛta unter den Göttern; der Daitya Rāhu erschleicht sich als vermeintlicher Marut einen Schluck, wird von der Sonne entlarvt und von Viṣṇus Diskus enthauptet – doch da er das Amṛta bereits getrunken hat, werden sowohl sein Kopf (Ursprung des Planeten Rāhu) als auch sein zur Erde gefallener Körper unsterblich. Die von Śiva entsandte Göttin (Śakti/Ambikā/Kālarātri) vernichtet den unsterblichen Körper und zieht die darin verborgene Amṛta-Essenz heraus; der ausströmende Rest wird zum Fluss Pravarā. Die Göttin nimmt an diesem Ort ('Nivāsapura') dauerhaft Wohnung neben Śiva (Siddheśvara); Ursprung des Pravarā-Saṃgama-Tīrtha mit 5000 Neben-Tīrthas, das Genuss und Erlösung gewährt.
Zwischen den Göttern und den Dānavas entstand eine sehr furchtbare Auseinandersetzung; doch später entstand auch gegenseitige Zuneigung zwischen ihnen, großer Weiser.
Die Götter und Daityas sprachen: 'Durch Amṛta entsteht Unsterblichkeit; lasst uns das vortreffliche Amṛta erzeugen. Wir alle wollen es trinken und unsterblich werden.'
vaiparītyaṃ tu yad vṛttaṃ na smartavyaṃ kadācana /
na ca trailokyarājye 'pi kaivalye vā sukhaṃ manāk /
tad ūrdhvam api vā yat tu nirvairatvād avāpyate //
'Das gegenteilige Verhalten soll niemals mehr in Erinnerung gerufen werden; denn selbst in der Königsherrschaft über die drei Welten oder in der Alleinheit gibt es nicht so viel Glück, wie es – oder sogar mehr noch – durch Feindlosigkeit erlangt wird.'
Wort für Wort
vaiparītyaṃ tu yad vṛttaṃ na smartavyaṃ kadācana
das gegenteilige Verhalten (Feindschaft) soll niemals mehr in Erinnerung gerufen werden
na ca trailokyarājye 'pi kaivalye vā sukhaṃ manāk
selbst in der Königsherrschaft über die drei Welten oder in der Alleinheit gibt es nicht so viel Glück
tad ūrdhvam api vā yat tu nirvairatvād avāpyate
wie es – oder sogar mehr noch – durch Feindlosigkeit erlangt wird
'Lasst uns, nachdem wir die Aufgabe vollendet und Mühsal erfahren haben, zu unseren jeweiligen Wohnstätten zurückkehren; allen soll es gleichmäßig, jedem nach Gebühr, zugeteilt werden.'
Wort für Wort
yāmaḥ svaṃ svam adhiṣṭhānaṃ
lasst uns zu unseren jeweiligen Wohnstätten zurückkehren
kṛtakāryāḥ śramaṃ gatāḥ
nachdem wir die Aufgabe vollendet und Mühsal erfahren haben
sarve samaṃ ca sarvebhyo yathāyogyaṃ vibhajyatām
allen soll es gleichmäßig, jedem nach Gebühr, zugeteilt werden
'Wenn eine Zusammenkunft aller stattfindet, wo und in welcher glückverheißenden Stunde auch immer, dann soll dieses heilvolle Amṛta verteilt werden, ihr Besten der Götter.'
Wort für Wort
yadā sarvāgamo yatra
wenn eine Zusammenkunft aller (stattfindet), wo (auch immer)
yasmiṃl lagne śubhāvahe
in welcher glückverheißenden Stunde auch immer
vibhajyatām idaṃ puṇyam amṛtaṃ surasattamāḥ
soll dieses heilvolle Amṛta verteilt werden, ihr Besten der Götter
Nachdem sie dies gesagt hatten, gingen alle Daityas, Dānavas und Rākṣasas fort; als die Daitya-Scharen fort waren, berieten sich alle Götter untereinander.
Wort für Wort
ity uktvā te yayuḥ sarve daityadānavarākṣasāḥ
nachdem sie dies gesagt hatten, gingen alle Daityas, Dānavas und Rākṣasas fort
Die Götter sprachen: 'Fortgegangen sind unsere Feinde, durch Fügung des Schicksals, ihr Feindebezwinger; den Feinden darf das Amṛta keinesfalls gegeben werden.'
Wort für Wort
devā ūcuḥ
die Götter sprachen
gatās te ripavo 'smākaṃ daivayogād ariṃdamāḥ
fortgegangen sind unsere Feinde, durch Fügung des Schicksals, ihr Feindebezwinger
ripūṇām amṛtaṃ naiva deyaṃ bhavati sarvathā
den Feinden darf das Amṛta keinesfalls gegeben werden
{bṛhaspatir uvāca: }
na jānanti yathā pāpā pibadhvaṃ ca tathāmṛtam /
ayam evocito mantro yac chatrūṇāṃ parābhavaḥ //
Bṛhaspati sprach: 'Auf dass jene Bösen es nicht bemerken, trinkt so das Amṛta; eben dies ist der angemessene Rat, dass es die Niederlage der Feinde bewirkt.'
dveṣyāḥ sarvātmanā dveṣyā iti nītivido viduḥ /
na viśvāsyā na cākhyeyā naiva mantryāś ca śatravaḥ //
'Die zu Verabscheuenden sind mit ganzem Herzen zu verabscheuen – so wissen die Kenner der Staatskunst; Feinden darf man nicht vertrauen, ihnen nichts mitteilen und sie nicht ins Vertrauen ziehen.'
Wort für Wort
dveṣyāḥ sarvātmanā dveṣyā
die zu Verabscheuenden sind mit ganzem Herzen zu verabscheuen
iti nītivido viduḥ
so wissen die Kenner der Staatskunst
na viśvāsyā na cākhyeyā
man darf ihnen nicht vertrauen, ihnen nichts mitteilen
tebhyo na deyam amṛtaṃ bhaveyur amarās tataḥ /
amareṣu ca jāteṣu teṣu daityeṣu śatruṣu /
tāñ jetuṃ naiva śakṣyāmo na deyam amṛtaṃ tataḥ //
'Ihnen darf das Amṛta nicht gegeben werden, damit nur wir unsterblich werden; würden nämlich auch jene Daitya-Feinde unsterblich, könnten wir sie niemals besiegen – deshalb darf ihnen das Amṛta nicht gegeben werden.'
Wort für Wort
tebhyo na deyam amṛtaṃ bhaveyur amarās tataḥ
ihnen darf das Amṛta nicht gegeben werden, damit (nur wir) unsterblich werden
amareṣu ca jāteṣu teṣu daityeṣu śatruṣu
würden nämlich auch jene Daitya-Feinde unsterblich
tāñ jetuṃ naiva śakṣyāmo na deyam amṛtaṃ tataḥ
könnten wir sie niemals besiegen – deshalb darf ihnen das Amṛta nicht gegeben werden
{devā ūcuḥ: }
kva yāmaḥ kutra mantraḥ syāt kva pibāmaḥ kva saṃsthitiḥ /
kurmas tad eva prathamaṃ vada vācaspate tathā //
Die Götter sprachen: 'Wohin sollen wir gehen, wo soll die Beratung stattfinden, wo trinken wir, wo ist der Aufenthaltsort? Das wollen wir zuerst tun – sag es uns, Vācaspati.'
Wort für Wort
devā ūcuḥ
die Götter sprachen
kva yāmaḥ kutra mantraḥ syāt
wohin sollen wir gehen, wo soll die Beratung stattfinden
{bṛhaspatir uvāca: }
yāntu brahmāṇam amarāḥ pṛcchantv atra gatiṃ parām /
sa tu jñātā ca vaktā ca dātā caiva pitāmahaḥ //
Bṛhaspati sprach: 'Die Unsterblichen sollen zu Brahmā gehen und ihn hierbei nach dem höchsten Vorgehen fragen; er, der Großvater, ist ja der Wissende, der Sprecher und auch der Gebende.'
Wort für Wort
bṛhaspatir uvāca
Bṛhaspati sprach
yāntu brahmāṇam amarāḥ
die Unsterblichen sollen zu Brahmā gehen
pṛcchantv atra gatiṃ parām
und ihn hierbei nach dem höchsten Vorgehen fragen
sa tu jñātā ca vaktā ca dātā caiva pitāmahaḥ
er, der Großvater, ist der Wissende, der Sprecher und auch der Gebende
{brahmovāca: }
bṛhaspater vacaḥ śrutvā madantikam athāgaman /
namasya māṃ surāḥ sarve yad vṛttaṃ tan nyavedayan //
Brahmā sprach: Nachdem sie Bṛhaspatis Wort gehört hatten, kamen sie zu mir; nachdem sich alle Götter vor mir verneigt hatten, teilten sie mit, was sich zugetragen hatte.
Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
bṛhaspater vacaḥ śrutvā madantikam athāgaman
nachdem sie Bṛhaspatis Wort gehört hatten, kamen sie zu mir
rakṣakaṃ ca hariṃ kṛtvā somapānāya tasthire /
ādityas tatra vijñātā somabhojyān athetarān //
Nachdem sie Hari zum Beschützer gemacht hatten, hielten sie sich zum Soma-Trinken bereit; die Ādityas wurden dort als die zum Soma-Genuss Berechtigten erkannt, im Unterschied zu den anderen.
Wort für Wort
rakṣakaṃ ca hariṃ kṛtvā
nachdem sie Hari zum Beschützer gemacht hatten
somapānāya tasthire
hielten sie sich zum Soma-Trinken bereit
ādityas tatra vijñātā
die Ādityas wurden dort erkannt
somabhojyān athetarān
als die zum Soma-Genuss Berechtigten, im Unterschied zu den anderen
viṣṇuḥ pītāmṛtaṃ daityaṃ cakreṇodyamya tacchiraḥ /
ciccheda tarasā vatsa tacchiras tv amaraṃ tv abhūt //
Viṣṇu, den Daitya, der das Amṛta getrunken hatte, hob mit dem Diskus dessen Kopf empor und trennte ihn mit Wucht ab, mein Kind; jener Kopf aber wurde unsterblich,
Der Körper sehnte sich nach dem Kopf, der Kopf sehnte sich nach dem Körper; beide waren unsterblich geworden, und dieser Daitya war nun von großer Kraft.
'Wenn der Kopf in den Körper einginge, würde er alle Götter verschlingen; deshalb wollen wir zuerst diesen zur Erde gefallenen Körper vernichten.' Darauf sprachen alle Götter, in Bestürzung, zu Śaṃkara:
Wort für Wort
śiraḥ kāye samāviṣṭaṃ sarvān bhakṣayate surān
wenn der Kopf in den Körper einginge, würde er alle Götter verschlingen
tasmād deham idaṃ pūrvaṃ nāśayāmo mahīgatam
deshalb wollen wir zuerst diesen zur Erde gefallenen Körper vernichten
tatas te śaṃkaraṃ prāhur devāḥ sarve sasaṃbhramāḥ
darauf sprachen alle Götter, in Bestürzung, zu Śaṃkara
Die Götter sprachen: 'Vernichte den zur Erde gefallenen Daitya-Körper, o Bester der Götter; du, Gott, bist ein Ozean des Mitleids, der Beschützer derer, die Zuflucht suchen.'
Wort für Wort
devā ūcuḥ
die Götter sprachen
mahīgataṃ daityadehaṃ nāśayasva surottama
vernichte den zur Erde gefallenen Daitya-Körper, o Bester der Götter
Brahmā sprach: Da entsandte der Herr seine eigene vortrefflichste Kraft, die Göttin, zusammen mit den Mütter-Göttinnen, die Mutter, die Beschützerin der Welten.
Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
preṣayām āsa ceśo 'pi śreṣṭhāṃ śaktiṃ tadātmanaḥ
da entsandte der Herr seine eigene vortrefflichste Kraft
mātṛbhiḥ sahitāṃ devīṃ mātaraṃ lokapālinīm
die Göttin, zusammen mit den Mütter-Göttinnen, die Mutter, die Beschützerin der Welten
Die Göttin, die Waffe des Herrn tragend, mit der Kraft des Herrn ausgestattet, ging dorthin, wo der zur Erde gefallene Körper war, begierig, ihn zu verzehren.
Wort für Wort
īśāyudhadharā devī
die Göttin, die Waffe des Herrn tragend
īśaśaktisamanvitā
mit der Kraft des Herrn ausgestattet
mahīgataṃ yatra dehaṃ tatrāgād
ging dorthin, wo der zur Erde gefallene Körper war
'wenn der Saft, das vortreffliche, höchste Amṛta, vom Körper getrennt worden ist, wird er sogleich zu Asche werden – deshalb sollt ihr dies zuerst tun.'
Wort für Wort
pṛthakbhūte rase dehaṃ pravare 'mṛtam uttamam
wenn der Saft, das vortreffliche, höchste Amṛta, vom Körper getrennt worden ist
Brahmā sprach: Als sie dieses Wort Rāhus gehört hatten, erfreut, weihten alle Feinde der Asuras ihn: 'Werde du, voller Freude, ein eigener Planet unter den Planeten.'
Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
etad rāhuvacaḥ śrutvā prītāḥ sarve 'surārayaḥ
als sie dieses Wort Rāhus gehört hatten, erfreut, alle Feinde der Asuras
Auf jenes Wort der Götter hin durchbohrte die Śakti, die als 'Īśvarī' bezeichnet wird, mit der Kraft der Götter ausgestattet, den Körper des Daitya-Herrn
Wort für Wort
taddevavacanāc chaktir īśvarī yā nigadyate
auf jenes Wort der Götter hin, jene Śakti, die als 'Īśvarī' bezeichnet wird
'deren Anliegen mögen alle durch die Anordnung der Gottheit erfüllt werden – da an diesem Ort der ewige Wohnsitz von Śiva und Śakti zusammen entstand.'
Wort für Wort
teṣāṃ sarvāṇi kāryāṇi bhaveyur devatājñayā
deren Anliegen mögen alle durch die Anordnung der Gottheit erfüllt werden
śivaśaktyor yatas tasmin nivāso 'bhūt sanātanaḥ
da an diesem Ort der ewige Wohnsitz von Śiva und Śakti entstand
yad vāpi manasaḥ kāmyaṃ devānām api durlabham /
syāt teṣāṃ sarvam eveha evaṃ dattvā surā yayuḥ //
'Und was auch immer im Geiste erwünscht ist, selbst was für die Götter schwer erreichbar ist, all das soll ihnen hier zuteilwerden.' Nachdem sie dies gewährt hatten, gingen die Götter fort.
Wort für Wort
yad vāpi manasaḥ kāmyaṃ devānām api durlabham
was auch immer im Geiste erwünscht ist, selbst was für die Götter schwer erreichbar ist
syāt teṣāṃ sarvam eveha
all das soll ihnen hier zuteilwerden
evaṃ dattvā surā yayuḥ
nachdem sie dies gewährt hatten, gingen die Götter fort