Kapitel 171: urvaśītīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Urvaśī-Tīrtha (König Pramati, Indra und das Würfelspiel um Urvaśī — Ursprung des Kaitava-Tīrtha)
König Pramati besiegt im Kampf die Feinde und gelangt zu Indras Himmel; als er über den mit der Schlinge bewaffneten Indra lacht, fordert dieser ihn zum Würfelspiel heraus. Die Einsätze eskalieren: zuerst Urvaśī selbst, dann Indras Hand samt Rüstung und Waffen — Pramati gewinnt beides. Als Pramati Indra der Feigheit bezichtigt und Urvaśī grob zur Dienerin degradiert, tritt der Gandharvenfürst Citrasena zum letzten, alles entscheidenden Spiel an: Königreich und Leben gegen Königreich und Leben. Citrasena gewinnt und fesselt Pramati. Dessen junger Sohn Sumati erfährt vom Hauspriester Madhucchandas (Nachkomme Viśvāmitras) die ausführliche Lehre über die Sündhaftigkeit des Falschspiels (Kaitava) und seine unweigerlichen Folgen. Auf Rat des Priesters vollzieht Sumati am Gautamī-Ufer tausendjährige Askese zu Śiva, Aditi, Varuṇa und Viṣṇu, befreit dadurch seinen Vater und gewinnt ihm das Königreich zurück; er selbst erlangt die Gandharva-Kunst und wird Indra lieb. Ursprung des Śāmbhava-, Vaiṣṇava- und Urvaśī-Tīrtha, das seither auch als Kaitava-Tīrtha bekannt ist.
Das Urvaśī-Tīrtha wurde verkündet, das die Frucht eines Pferdeopfers gewährt, durch Bad, Spende, Verehrung des großen Gottes (Mahādeva) und des Vāsudeva und dergleichen.
Wort für Wort
urvaśītīrtham ākhyātam
Das Urvaśī-Tīrtha wurde verkündet
aśvamedhaphalapradam
das die Frucht eines Pferdeopfers gewährt
snānadānamahādeva-vāsudevārcanādibhiḥ
durch Bad, Spende, Verehrung Mahādevas und Vāsudevas und dergleichen
Nachdem er die Feinde besiegt hatte, ging er eilends zur Welt Indras, die von den Göttern umgeben ist; dort sah er, o Nārada, den Herrn der Götter zusammen mit den Marut.
Wort für Wort
ripūñ jitvā
nachdem er die Feinde besiegt hatte
jagāmāśu indralokaṃ surair vṛtam
ging er eilends zur Welt Indras, umgeben von den Göttern
Pramati, der Stier unter den Kṣatriyas, lachte über Indra, der die Schlinge (pāśa) in der Hand hielt; als Hari (Indra) ihn lachen sah, sprach er zu Pramati:
Wort für Wort
jahāsendraṃ pāśahastaṃ
er lachte über Indra, der die Schlinge in der Hand hielt
{indra uvāca:}
devālaye mahābuddhe marudbhiḥ krīḍitair alam /
diśo jitvā divaṃ prāptaḥ kuru krīḍāṃ mayā saha // 171.5 //
Indra sprach: 'Im Haus der Götter, o Hochgesinnter, genug des Spielens mit den Marut! Nachdem du die Himmelsrichtungen besiegt hast und zum Himmel gelangt bist, spiele mit mir!'
Wort für Wort
devālaye mahābuddhe
'im Haus der Götter, o Hochgesinnter'
marudbhiḥ krīḍitair alam
'genug des Spielens mit den Marut'
diśo jitvā divaṃ prāptaḥ
'nachdem du die Himmelsrichtungen besiegt hast und zum Himmel gelangt bist'
Brahmā sprach: Als König Pramati Haris Worte voller Groll vernommen hatte, sagte er zum Herrn der Götter: 'So sei es' - [und fragte:] 'Welchen Einsatz aber hältst du für richtig?' Als der König der Götter diese Worte Pramatis gehört hatte, sprach er zum König:
Wort für Wort
sakaṣāyaṃ harivaco niśamya
nachdem er Haris Worte voller Groll vernommen hatte
pramatir nṛpaḥ tathety uvāca devendraṃ
sagte König Pramati zum Herrn der Götter: 'So sei es'
niṣkṛtiṃ kāṃ tu manyase
'Welchen Einsatz aber hältst du für richtig?'
tac chrutvā pramater vākyaṃ surarāṇ nṛpam abravīt
als der König der Götter diese Worte Pramatis gehört hatte, sprach er zum König
Brahmā sprach: Als er dieses Wort Indras gehört hatte, sprach Pramati stolz: 'Urvaśī halte ich für den [rechten] Einsatz - was aber meinst du, o König?'
yad bravīṣi sureśāna tan manye 'haṃ śatakrato /
prāhendraṃ pramatis tadvan niṣkṛtyai dakṣiṇaṃ karam /
savarma saśaraṃ dharmyaṃ dehi dīvyāmahe vayam // 171.9 //
'Was du sagst, o Herr der Götter, das billige auch ich, o Śatakratu (Indra).' Ebenso sprach Pramati zu Indra: 'Als Einsatz gib deine rechte Hand, samt Rüstung und Pfeil, wie es sich gebührt - lass uns spielen!'
Wort für Wort
yad bravīṣi sureśāna tan manye 'haṃ śatakrato
'Was du sagst, o Herr der Götter, das billige auch ich, o Śatakratu'
prāhendraṃ pramatis tadvan
ebenso sprach Pramati zu Indra
niṣkṛtyai dakṣiṇaṃ karam
'als Einsatz [gib] deine rechte Hand'
savarma saśaraṃ dharmyaṃ dehi dīvyāmahe vayam
'samt Rüstung und Pfeil, wie es sich gebührt - gib sie, lass uns spielen'
Nachdem beide so eine Abmachung getroffen hatten, setzten sie sich zum Spiel; dabei gewann Pramati Urvaśī, die Götterfrau; nachdem er sie gewonnen hatte, sprach Pramati voller Erregung zu Śatakratu (Indra):
Indra sprach: 'Nun denn - den Göttern geziemenden, siegreichen Vajra samt dem vortrefflichen Wagen setze ich, o König; damit spiele ich, ohne mit der Hand zu zögern.'
{brahmovāca:}
sa gṛhītvā tadā pāśān anyāṃś ca maṇibhūṣitān /
jitam ity abravīc chakraṃ pramatiḥ prahasaṃs tadā // 171.13 //
Brahmā sprach: Nachdem er da die Würfel und die weiteren, mit Juwelen geschmückten [Einsätze] ergriffen hatte, sprach Pramati damals lachend zu Śakra (Indra): 'Gewonnen!'
Wort für Wort
sa gṛhītvā tadā pāśān
nachdem er da die Würfel ergriffen hatte
anyāṃś ca maṇibhūṣitān
und die weiteren, mit Juwelen geschmückten [Einsätze]
Pramati sprach: 'Weder in der Schlacht noch im Würfelspiel bist du jemals ein Sieger, o Mahendra; darum sei stets mein Verehrer! Sag, auf welche Weise dir die Herrschaft über die Götter zuteilwurde.'
Wort für Wort
raṇe vā devane vāpi
'weder in der Schlacht noch im Würfelspiel'
na tvaṃ jetā kathaṃcana
'bist du jemals ein Sieger'
mahendra satataṃ tasmād asmadārādhako bhava
'darum, o Mahendra, sei stets mein Verehrer'
vada kena prakāreṇa jātā devendratā tava
'sag, auf welche Weise dir die Herrschaft über die Götter zuteilwurde'
Brahmā sprach: Ebenso sprach er hochmütig zu Urvaśī: 'Geh, werde eine Dienerin!' Urvaśī sprach: 'Wie ich mich unter den Göttern verhalte, so werde ich mich auch dir gegenüber mit ganzem Wesen verhalten - du solltest mich nicht verachten.'
Wort für Wort
tathā prāhorvaśīṃ garvād
ebenso sprach er hochmütig zu Urvaśī
gaccha karmakarī bhava
'geh, werde eine Dienerin'
urvaśī prāha deveṣu yathā varte tathā tvayi
Urvaśī sprach: 'Wie ich mich unter den Göttern verhalte, so auch dir gegenüber'
varteya sarvabhāvena na māṃ dhikkartum arhasi
'werde ich mich mit ganzem Wesen verhalten - du solltest mich nicht verachten'
Brahmā sprach: Nachdem beide 'so sei es' gesagt hatten, spielten Citrasena und der vortreffliche König wieder, beide erregt; Citrasena gewann daraufhin.
Pramatis Sohn sprach: 'Welche Sünde hat mein Vater begangen, oder wo ist der Hochgesinnte gefesselt? Wie wird er an seinen Ort zurückkehren, wie wird er von den Fesseln befreit werden?'
Brahmā sprach: Nachdem er Sumatis Wort gehört und nachgedacht hatte, sprach jener vortreffliche Weise, Madhucchandas, da über Pramatis Ergehen Folgendes:
Wort für Wort
sumater vacanaṃ śrutvā
nachdem er Sumatis Wort gehört hatte
dhyātvā sa munisattamaḥ
und nachgedacht hatte, jener vortreffliche Weise
madhucchandā jagādedaṃ
Madhucchandas sprach dies
pramater vartanaṃ tadā
über Pramatis Ergehen, da
[Anm.: Pramatis Sohn wird erst hier mit Namen 'Sumati' genannt.]
{madhucchandā uvāca:}
devaloke tava pitā baddha āste mahāmate /
kaitavair bahudoṣaiś ca bhraṣṭarājyo babhūva ha // 171.28 //
Madhucchandas sprach: 'In der Götterwelt sitzt dein Vater gefesselt, o Hochgesinnter; durch Falschspiel und viele Verfehlungen ist er seines Königreichs verlustig gegangen.'
Wort für Wort
devaloke tava pitā baddha āste mahāmate
'in der Götterwelt sitzt dein Vater gefesselt, o Hochgesinnter'
'Durch Umgang mit Spielern - durch gemeinsames Fahren, Sitzen, Reden und dergleichen - werden selbst Wohlgeborene befleckt; um wieviel mehr erst ein Falschspieler selbst!'
Wort für Wort
yānāsanābhilāpādyaiḥ kṛtaiḥ kaitavavartibhiḥ
'durch gemeinsames Fahren, Sitzen, Reden und dergleichen mit Spielern'
na kiṃcid api yasyāste loke viṣayajaṃ sukham /
lokadvaye 'pi na sukhī kitavaḥ kopi dṛśyate // 171.34 //
Für den es keinerlei aus den Sinnesobjekten entstehende Freude in dieser Welt gibt - in keiner der beiden Welten wird je ein Spieler als glücklich gesehen.
Wort für Wort
na kiṃcid api yasyāste
für den es überhaupt nicht gibt
loke viṣayajaṃ sukham
in dieser Welt aus Sinnesobjekten entstehende Freude
akaitavī ca yā vṛttiḥ sā praśastā dvijanmanām /
kṛṣigorakṣyavāṇijyam api kuryān na kaitavam // 171.36 //
Ein Lebenserwerb aber, der frei von Falschspiel ist, der wird für die Zweifachgeborenen gepriesen; Ackerbau, Viehzucht und Handel mag man betreiben, nicht aber Falschspiel.
Wort für Wort
akaitavī ca yā vṛttiḥ
ein Lebenserwerb aber, der frei von Falschspiel ist
yas tu kaitavavṛttyā hi dhanam āhartum icchati /
dharmārthakāmābhijanaiḥ sa vimucyeta pauruṣāt // 171.37 //
Wer aber durch die Praxis des Falschspiels Reichtum zu erlangen wünscht, der wird von Dharma, Artha, Kāma, edler Abkunft und wahrer Mannhaftigkeit ausgeschlossen.
Wort für Wort
yas tu kaitavavṛttyā hi
wer aber durch die Praxis des Falschspiels
dhanam āhartum icchati
Reichtum zu erlangen wünscht
dharmārthakāmābhijanaiḥ
von Dharma, Artha, Kāma und edler Abkunft
sa vimucyeta pauruṣāt
der wird ausgeschlossen, [ebenso] von wahrer Mannhaftigkeit
Madhucchandas sprach: 'Geh zur Gautamī, mein Kind, und verehre dort Śaṃkara, Aditi, Varuṇa und Viṣṇu; dann wird er [dein Vater] von den Fesseln befreit werden.'
tathety uktvā jagāmāśu gaṅgāṃ natvā janārdanam /
pūjayām āsa śaṃbhuṃ ca tapas tepe yatavrataḥ // 171.44 //
Nachdem er 'so sei es' gesagt hatte, ging er eilends zur Gaṅgā, verneigte sich vor Janārdana (Viṣṇu), verehrte Śaṃbhu (Śiva) und übte, seinen Gelübden treu, Askese.
Wort für Wort
tathety uktvā jagāmāśu gaṅgāṃ
nachdem er 'so sei es' gesagt hatte, ging er eilends zur Gaṅgā
Durch Śiva und Īśa (Viṣṇu) von den Fesseln befreit, erlangte er (Pramati) das Königreich von seinem eigenen Sohn zurück; nachdem er (Sumati) die Gandharva-Kunst erlangt hatte, wurde er auch Śatakratu (Indra) lieb.
Wort für Wort
śiveśābhyāṃ muktapāśo
durch Śiva und Īśa von den Fesseln befreit
rājyaṃ prāpa sutāt svakāt
erlangte er das Königreich von seinem eigenen Sohn zurück
śivaviṣṇusarinmātu-prasādād āpyate na kim /
tatra snānaṃ ca dānaṃ ca bahupuṇyaphalapradam /
pāpapāśavimokṣaṃ tu sarvadurgatināśanam // 171.48 //
Durch die Gnade Śivas, Viṣṇus und der Mutter der Flüsse (Gaṅgā) - was wird da nicht erlangt? Bad und Spende dort verleihen die Frucht großen Verdienstes, Befreiung von der Fessel der Sünde und die Vernichtung allen üblen Geschicks.
Wort für Wort
śivaviṣṇusarinmātu-prasādād āpyate na kim
durch die Gnade Śivas, Viṣṇus und der Mutter der Flüsse - was wird da nicht erlangt?
tatra snānaṃ ca dānaṃ ca
Bad und Spende dort
bahupuṇyaphalapradam
verleihen die Frucht großen Verdienstes
pāpapāśavimokṣaṃ tu sarvadurgatināśanam
Befreiung von der Fessel der Sünde und Vernichtung allen üblen Geschicks