Kapitel 154: sahasrakuṇḍatīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Sahasrakuṇḍa-Tīrtha (Rāma, die zweite Verstoßung Sītās und die Buße an der Gautamī)
Nach dem Sieg über Rāvaṇa und der Rückkehr nach Ayodhyā verstößt Rāma Sītā erneut aufgrund niederer Verleumdungen; sie wird schwanger in der Nähe von Vālmīkis Einsiedelei zurückgelassen. Bei Rāmas Roßopfer erscheinen seine ihm noch unbekannten Söhne Lava und Kuśa als Sänger des Rāmāyaṇa und werden als seine Kinder erkannt. Vom Schmerz über Sītās Verlust überwältigt, zieht sich Rāma mit seinem Bruder an die Gautamī zurück, übt dort Buße, badet und lässt ein großes, in tausend Feuergruben vollzogenes Opfer darbringen, wodurch er von seiner Reue befreit wird. Ursprung des Sahasrakuṇḍa-Tīrtha ('Tausend-Feuergruben') mit zehn weiteren Tīrthas. [Anm.: Diese Fassung weicht von der geläufigen Rāmāyaṇa-Erzählung ab bzw. verdichtet sie eigenständig, u.a. durch eine zusätzliche, in Ayodhyā verlangte zweite Reinheitsprobe und Rāmas anschließende Buße; hier wortgetreu wie im Quelltext wiedergegeben.]
Einst, nachdem der Sohn des Daśaratha, Rāma, eine Brücke über den großen Ozean gebaut, Laṅkā in Brand gesteckt und die Feinde, Rāvaṇa und andere, im Kampf mit Pfeilen erschlagen hatte,
Wort für Wort
purā dāśarathī rāmaḥ setuṃ baddhvā mahārṇave
einst, nachdem der Sohn des Daśaratha, Rāma, eine Brücke über den großen Ozean gebaut hatte
laṅkāṃ dagdhvā ripūn hatvā rāvaṇādīn raṇe śaraiḥ
Laṅkā in Brand gesteckt und die Feinde, Rāvaṇa und andere, im Kampf mit Pfeilen erschlagen hatte
zu Sītā, die im Feuer die Reinheit erlangt hatte, sprach Rāma, in Lakṣmaṇas Gegenwart: 'Komm, Vaidehī, du bist rein, du darfst meinen Schoß besteigen.'
Wort für Wort
agnau śuddhigatāṃ sītāṃ rāmo lakṣmaṇasaṃnidhau
zu Sītā, die im Feuer die Reinheit erlangt hatte, sprach Rāma, in Lakṣmaṇas Gegenwart
ehi vaidehi śuddhāsi aṅkam āroḍhum arhasi
'komm, Vaidehī, du bist rein, du darfst (meinen) Schoß besteigen'
tatra śuddhim avāpyātha punar bhrātṛṣu mātṛṣu /
laukikeṣv api paśyatsu tataḥ śuddhā nṛpātmajā //
'Dort sollst du, nachdem du wiederum in Gegenwart der Brüder, Mütter und auch der gewöhnlichen Leute die Reinheit erlangt hast - dann bist du rein, o Königstochter -'
Wort für Wort
tatra śuddhim avāpyātha punar bhrātṛṣu mātṛṣu
dort, nachdem du wiederum in Gegenwart der Brüder und Mütter die Reinheit erlangt hast
laukikeṣv api paśyatsu tataḥ śuddhā nṛpātmajā
auch während die gewöhnlichen Leute zusehen, dann bist du rein, o Königstochter
[Anm.: sinngemäß - offenbar wird hier eine erneute, zweite öffentliche Reinigungsprobe in Ayodhyā vorausgesetzt, zusätzlich zur bereits erfolgten Feuerprobe.]
lokāpavādas tad api nirasyaḥ svajaneṣu hi /
tayor vākyam anādṛtya lakṣmaṇaḥ savibhīṣaṇaḥ //
'Auch die Verleumdung durch die Leute muss ja unter den eigenen Angehörigen ausgeräumt werden.' Ohne deren Worte zu achten, Lakṣmaṇa zusammen mit Vibhīṣaṇa,
Wort für Wort
lokāpavādas tad api nirasyaḥ svajaneṣu hi
auch die Verleumdung durch die Leute muss unter den eigenen Angehörigen ausgeräumt werden
tayor vākyam anādṛtya lakṣmaṇaḥ savibhīṣaṇaḥ
ohne deren (Aṅgadas und Hanumāns) Worte zu achten, Lakṣmaṇa zusammen mit Vibhīṣaṇa
vācaṃ śrutvā sa tatyāja gurviṇīṃ tām ayonijām /
mithyāpavādam api hi na sahante kulonnatāḥ //
...Rede, und er verließ sie, die Schwangere, die nicht aus einem Mutterleib Geborene. Selbst eine falsche Verleumdung ertragen die von edlem Geschlecht ja nicht.
Wort für Wort
vācaṃ śrutvā sa tatyāja gurviṇīṃ tām ayonijām
diese Rede hörend, verließ er die Schwangere, die nicht aus einem Mutterleib Geborene
mithyāpavādam api hi na sahante kulonnatāḥ
selbst eine falsche Verleumdung ertragen die von edlem Geschlecht ja nicht
[Anm.: 'ayonijām' - Anspielung auf Sītās mythische, nicht-menschliche Geburt (aus der Erde).]
'Wohin ist die nicht-aus-dem-Mutterleib-geborene Mutter gegangen? Nur Rāma allein ist hier zu sehen.' 'Sie wurde von Rāma verlassen' - so sprachen die Torwächter.
Wort für Wort
kva gatāyonijā mātā eko rāmo 'tra dṛśyate
wohin ist die nicht-aus-dem-Mutterleib-geborene Mutter gegangen? nur Rāma allein ist hier zu sehen
rāmeṇa sā parityaktā ity ūcur dvārapālakāḥ
'sie wurde von Rāma verlassen' - so sprachen die Torwächter
paśyatsu lokapāleṣu ārye tatra pravādini /
agnau śuddhigatāṃ sītāṃ kiṃ tu rājā niraṅkuśaḥ //
Während die Weltenhüter zusahen, während der Edle dort ihre Unschuld verkündete, während Sītā im Feuer die Reinheit erlangt hatte - dennoch verließ sie der ungezügelte König,
Wort für Wort
paśyatsu lokapāleṣu ārye tatra pravādini
während die Weltenhüter zusahen, während der Edle dort (ihre Unschuld) verkündete
agnau śuddhigatāṃ sītāṃ kiṃ tu rājā niraṅkuśaḥ
während Sītā im Feuer die Reinheit erlangt hatte - dennoch der ungezügelte König
Immer wieder an Sītā, die Mutter der Welt, denkend und dabei seufzend, dem Verlangen nach weltlichem Dasein entledigt, eifrig um den Dienst an der Gautamī bemüht,
Wort für Wort
smāraṃ smāraṃ niśvasantas tāṃ sītāṃ lokamātaram
immer wieder an Sītā, die Mutter der Welt, denkend und seufzend
saṃsārāsthāvirahitā gautamīsevanotsukāḥ
dem Verlangen nach weltlichem Dasein entledigt, eifrig um den Dienst an der Gautamī bemüht
gelangte Rāma, der leibhaftige Herr der drei Welten, zusammen mit seinem jüngeren Bruder dorthin; nachdem er an der Gautamī gebadet hatte, der Verehrung Śivas hingegeben,
Wort für Wort
lokatrayapatiḥ sākṣād rāmo 'nujasamanvitaḥ
der leibhaftige Herr der drei Welten, Rāma, zusammen mit seinem jüngeren Bruder
prāptaḥ snātvā ca gautamyāṃ śivārādhanatatparaḥ
gelangte dorthin; nachdem er an der Gautamī gebadet hatte, der Śiva-Verehrung hingegeben
Wo am Ufer der herrlichen Gautamī, mit Vasiṣṭha und anderen Fürsten der Weisen, er ein alle Nöte rettendes, Sünde vernichtendes Feueropfer vollziehen ließ,
Wort für Wort
yatra śrīgautamītīre vasiṣṭhādimunīśvaraiḥ
wo am Ufer der herrlichen Gautamī, mit Vasiṣṭha und anderen Fürsten der Weisen
sarvāpattārakaṃ homam akārayad aghāntakam
er ein alle Nöte rettendes, Sünde vernichtendes Feueropfer vollziehen ließ
Durch die Gnade der Gautamī, der Fluss-Mutter, erlangte der Vernichter der Rākṣasas dies; so entstand die Tīrtha mit Namen Sahasrakuṇḍa, von großer Frucht.
Wort für Wort
gautamyāḥ saridambāyāḥ prasādād rākṣasāntakaḥ
durch die Gnade der Gautamī, der Fluss-Mutter, der Vernichter der Rākṣasas
sahasrakuṇḍābhidhaṃ tad abhūt tīrthaṃ mahāphalam
so entstand die Tīrtha mit Namen Sahasrakuṇḍa, von großer Frucht