Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 38: kāmadahanaśivamerugamanavarṇanam Die Verbrennung Kāmas und Śivas Aufbruch zum Berg Meru

Kāma (Manmatha) nähert sich Śiva mit Rati, um ihn mit seinem Liebespfeil zu treffen, wird jedoch vom Feuer aus Śivas drittem Auge verbrannt (V.1-7); Rati fleht Umā und Śiva an, die ihr verheißen, Kāma werde als körperloser Helfer weiterwirken und dereinst als Sohn Viṣṇus (Vasudevasuta) wiedergeboren ihr Gatte sein - Anspielung auf die spätere Pradyumna-Erzählung (V.8-12). Śiva und Umā ergötzen sich an zahlreichen lieblichen Orten des Himālaya, umgeben von Göttern, Gaṇas, Apsaras und Gandharvas (V.13-20). Auf Nachfrage der Ṛṣis berichtet Brahmā von einem häuslichen Zwist: Umās Mutter Menā tadelt sie, mit einem 'armen', in kindlichen Spielen mit nackten Gaṇas lebenden Gatten verheiratet zu sein (V.21-34); Śiva nimmt dies gelassen und humorvoll auf, bestätigt seine Besitzlosigkeit und Wohnungslosigkeit, mahnt Umā aber, ihrer Mutter nicht zu zürnen (V.35-38); da Umā erklärt, ihr gehe es allein um gemeinsames Glück, verlässt Śiva ihretwegen den Himavat und begibt sich mit ihr und seinen Gaṇas zum Berg Meru (V.39-40).

praviṣṭe bhavanaṃ deve sūpaviṣṭe varāsane / sa vakro manmathaḥ krūro devaṃ veddhumanā bhavat //

Als der Gott (Śiva) sein Gemach betreten hatte und auf dem herrlichen Sitz Platz genommen hatte, wurde der hinterlistige, grausame Manmatha (Kāma, der Liebesgott) begierig, den Gott zu durchbohren.

Wort für Wort
praviṣṭe
eingetreten (Lok.abs.)
bhavanam
das Gemach
deve
der Gott (Lok.abs.)
sūpaviṣṭe
Platz genommen habend (Lok.abs.)
varāsane
auf dem herrlichen Sitz
saḥ vakraḥ
er, der Hinterlistige
manmathaḥ
Manmatha (Kāma)
krūraḥ
grausam
devam
den Gott
veddhum
zu durchbohren
manāḥ abhavat
wurde gesinnt, willens

tam anācārasaṃyuktaṃ durātmānaṃ kulādhamam / lokān sarvān pīḍayantaṃ sarvāṅgāvaraṇātmakam //

ihn, der mit Unsitte behaftet, bösgesinnt, der Niedrigste seines Geschlechts ist, der alle Welten quält und dessen Wesen es ist, alle Glieder zu verhüllen (unsichtbar zu wirken),

Wort für Wort
tam
ihn
anācārasaṃyuktam
mit Unsitte behaftet
durātmānam
bösgesinnt
kulādhamam
den Niedrigsten seines Geschlechts
lokān sarvān
alle Welten
pīḍayantam
quälend
sarvāṅgāvaraṇātmakam
dessen Wesen die Verhüllung aller Glieder ist

[Anm.: V.2-4 bilden syntaktisch einen einzigen, sich über drei Versnummern erstreckenden Satz - Objekt (Kāma) wird hier beschrieben, das Hauptverb folgt erst in V.4.]

ṛṣīṇāṃ vighnakartāraṃ niyamānāṃ vrataiḥ saha / cakrāhvayasya rūpeṇa ratyā saha samāgatam //

der ein Störer der Ṛṣis samt ihren Regeln und Gelübden ist, der in Gestalt des 'Cakra' Genannten [?] zusammen mit Rati gekommen war,

Wort für Wort
ṛṣīṇām
der Ṛṣis
vighnakartāram
den Störer, Hindernisbereiter
niyamānām vrataiḥ saha
samt den Regeln und Gelübden
cakrāhvayasya
des 'Cakra' Genannten
rūpeṇa
in Gestalt
ratyā saha
zusammen mit Rati
samāgatam
gekommen, sich genähert habend

[?: 'cakrāhvayasya rūpeṇa' unklar - evtl. Anspielung auf den Cakravāka-Vogel (Brahminenente) als Sinnbild ehelicher Liebe, oder ein sonst nicht bezeugter Beiname Kāmas.]

athātatāyinaṃ viprā veddhukāmaṃ sureśvaraḥ / nayanena tṛtīyena sāvajñaṃ samavaikṣata //

diesen, oh Brahmanen, der nun mit gespanntem Bogen ihn zu durchbohren begehrte, betrachtete der Götterherr (Śiva) mit dem dritten Auge voller Verachtung.

Wort für Wort
atha
nun, sodann
ātatāyinam
den Angreifer (mit gespanntem Bogen)
viprāḥ
oh Brahmanen
veddhukāmam
den zu durchbohren Begehrenden
sureśvaraḥ
der Götterherr (Śiva)
nayanena tṛtīyena
mit dem dritten Auge
sa-avajñam
mit Verachtung
samavaikṣata
er betrachtete

tato 'sya netrajo vahnir jvālāmālāsahasravān / sahasā ratibhartāram adahat saparicchadam //

Da verbrannte das aus seinem (dritten) Auge entstandene Feuer mit tausendfachem Flammenkranz plötzlich den Gatten Ratis (Kāma) samt seinem Gefolge.

Wort für Wort
tataḥ
darauf
asya netrajaḥ vahniḥ
das aus seinem Auge entstandene Feuer
jvālāmālāsahasravān
mit tausendfachem Flammenkranz
sahasā
plötzlich
ratibhartāram
den Gatten Ratis
adahat
verbrannte
saparicchadam
samt Gefolge

sa dahyamānaḥ karuṇam ārto 'krośata visvaram / prasādayaṃś ca taṃ devaṃ papāta dharaṇītale //

Verbrennend schrie er, von Schmerz gepeinigt, jämmerlich und außer sich, und fiel, während er jenen Gott zu besänftigen suchte, zu Boden.

Wort für Wort
saḥ dahyamānaḥ
er, verbrennend
karuṇam
jämmerlich
ārtaḥ
gepeinigt
akrośata
er schrie
visvaram
mit überschnappender Stimme
prasādayan ca
und besänftigend
tam devam
jenen Gott
papāta
er fiel
dharaṇītale
auf den Erdboden

atha so 'gniparītāṅgo manmatho lokatāpanaḥ / papāta sahasā mūrchāṃ kṣaṇena samapadyata //

Da fiel jener Manmatha, die Welt Erhitzende, dessen Glieder vom Feuer umschlossen waren, plötzlich hin und sank im selben Augenblick in Ohnmacht.

Wort für Wort
atha
da
saḥ manmathaḥ
jener Manmatha
agniparītāṅgaḥ
dessen Glieder vom Feuer umschlossen waren
lokatāpanaḥ
der Welterhitzer
papāta
er fiel
sahasā
plötzlich
mūrchām
Ohnmacht
kṣaṇena
im Augenblick
samapadyata
geriet er

patnī tu karuṇaṃ tasya vilalāpa suduḥkhitā / devīṃ devaṃ ca duḥkhārtā ayācat karuṇāvatī //

Seine Gattin (Rati) aber klagte jämmerlich, tief betrübt; von Schmerz gepeinigt und voll Mitgefühl flehte sie die Göttin und den Gott an.

Wort für Wort
patnī tu
seine Gattin aber
karuṇam
jämmerlich
tasya
seine (Gen.)
vilalāpa
sie klagte
suduḥkhitā
tief betrübt
devīm devam ca
die Göttin und den Gott
duḥkhārtā
von Schmerz gepeinigt
ayācat
sie flehte an
karuṇāvatī
voll Mitgefühl

tasyāś ca karuṇāṃ jñātvā devau tau karuṇātmakau / ūcatus tāṃ samālokya samāśvāsya ca duḥkhitām //

Als die beiden mitfühlenden Götter (Umā und Maheśvara) ihr Flehen erkannt hatten, sprachen sie, nachdem sie die Betrübte angeblickt und getröstet hatten, zu ihr:

Wort für Wort
tasyāḥ karuṇām
ihr Flehen, Mitleid
jñātvā
erkannt habend
devau tau
jene beiden Götter
karuṇātmakau
mitfühlender Wesensart
ūcatuḥ
sie beide sprachen
tām
zu ihr
samālokya
angeblickt habend
samāśvāsya ca duḥkhitām
und die Betrübte getröstet habend

{umāmaheśvarāv ūcatuḥ:} dagdha eva dhruvaṃ bhadre nāsyotpattir iheṣyate / aśarīro 'pi te bhadre kāryaṃ sarvaṃ kariṣyati //

{Umā und Maheśvara sprachen:} Verbrannt ist er gewiss, oh Gute, eine (erneute) Entstehung von ihm ist hier nicht zu erwarten; doch auch körperlos wird er, oh Gute, dir all deine Anliegen erfüllen.

Wort für Wort
dagdhaḥ eva dhruvam
verbrannt gewiss
bhadre
oh Gute
na asya utpattiḥ iha iṣyate
nicht ist seine (Wieder-)Entstehung hier zu erwarten
aśarīraḥ api
auch körperlos
te
für dich
kāryam sarvam kariṣyati
wird er alle Anliegen ausführen

yadā tu viṣṇur bhagavān vasudevasutaḥ śubhe / tadā tasya suto yaś ca patis te saṃbhaviṣyati //

Wenn aber, oh Holde, der erhabene Viṣṇu als Sohn des Vasudeva (erscheinen) wird, dann wird dessen Sohn dein Gatte sein.

Wort für Wort
yadā tu
wenn aber
viṣṇuḥ bhagavān
der erhabene Viṣṇu
vasudevasutaḥ
als Sohn des Vasudeva
śubhe
oh Holde
tadā tasya sutaḥ
dann dessen Sohn
yaḥ ca patiḥ te
der auch dein Gatte
saṃbhaviṣyati
wird sein

[Anm.: Anspielung auf die spätere Wiedergeburt Kāmas als Pradyumna, Sohn Kṛṣṇas (Viṣṇus als Sohn Vasudevas), und dessen Vermählung mit Rati - ein verbreitetes purāṇisches Motiv.]

{brahmovāca:} tataḥ sā tu varaṃ labdhvā kāmapatnī śubhānanā / jagāmeṣṭaṃ tadā deśaṃ prītiyuktā gataklamā //

{Brahmā sprach:} Da ging jene Kāmas Gattin mit dem lieblichen Antlitz, nachdem sie diese Gabe erhalten hatte, erfreut und von ihrem Kummer befreit, in das ihr genehme Land.

Wort für Wort
tataḥ
darauf
sā tu varam labdhvā
sie aber, die Gabe erhalten habend
kāmapatnī
Kāmas Gattin (Rati)
śubhānanā
mit lieblichem Antlitz
jagāma iṣṭam tadā deśam
ging in jenes genehme Land
prītiyuktā
erfreut
gataklamā
deren Kummer gewichen war

dagdhvā kāmaṃ tato viprāḥ sa tu devo vṛṣadhvajaḥ / reme tatromayā sārdhaṃ prahṛṣṭas tu himācale //

Nachdem er, oh Brahmanen, Kāma verbrannt hatte, ergötzte sich jener Gott mit dem Stier-Banner (Śiva) dort hocherfreut zusammen mit Umā auf dem Himālaya-Gebirge,

Wort für Wort
dagdhvā kāmam
Kāma verbrannt habend
tataḥ viprāḥ
darauf, oh Brahmanen
saḥ tu devaḥ vṛṣadhvajaḥ
jener Gott mit dem Stier-Banner
reme tatra
er ergötzte sich dort
umayā sārdham
zusammen mit Umā
prahṛṣṭaḥ tu
hocherfreut
himācale
auf dem Himālaya-Gebirge

kandareṣu ca ramyeṣu padminīṣu guhāsu ca / nirjhareṣu ca ramyeṣu karṇikāravaneṣu ca //

in lieblichen Bergschluchten, an Lotusteichen und in Höhlen, an lieblichen Wasserfällen und in Karṇikāra-Baumhainen,

Wort für Wort
kandareṣu ramyeṣu
in lieblichen Bergschluchten
padminīṣu
an Lotusteichen
guhāsu
in Höhlen
nirjhareṣu ramyeṣu
an lieblichen Wasserfällen
karṇikāravaneṣu
in Karṇikāra-Baumhainen

nadītīreṣu kānteṣu kiṃnarācariteṣu ca / śṛṅgeṣu śailarājasya taḍāgeṣu saraḥsu ca //

an lieblichen, von Kiṃnaras durchwanderten Flussufern, auf den Gipfeln des Bergkönigs (Himavat), an Teichen und Seen,

Wort für Wort
nadītīreṣu kānteṣu
an lieblichen Flussufern
kiṃnarācariteṣu
von Kiṃnaras durchwandert
śṛṅgeṣu śailarājasya
auf den Gipfeln des Bergkönigs
taḍāgeṣu saraḥsu ca
an Teichen und Seen

vanarājiṣu ramyāsu nānāpakṣiruteṣu ca / tīrtheṣu puṇyatoyeṣu munīnām āśrameṣu ca //

in lieblichen Waldreihen, die vom Ruf mancherlei Vögel erfüllt sind, an heiligen Badeplätzen mit reinem Wasser und in den Einsiedeleien der Weisen.

Wort für Wort
vanarājiṣu ramyāsu
in lieblichen Waldreihen
nānāpakṣiruteṣu
erfüllt vom Ruf mancherlei Vögel
tīrtheṣu puṇyatoyeṣu
an heiligen Badeplätzen mit reinem Wasser
munīnām āśrameṣu ca
und in den Einsiedeleien der Weisen

eteṣu puṇyeṣu manohareṣu deśeṣu vidyādharabhūṣiteṣu / gandharvayakṣāmaraseviteṣu reme sa devyā sahitas trinetraḥ //

An diesen heiligen, herzerfreuenden Orten, die von Vidyādharas geschmückt und von Gandharvas, Yakṣas und Unsterblichen aufgesucht wurden, ergötzte sich der Dreiäugige (Śiva) zusammen mit der Göttin.

Wort für Wort
eteṣu puṇyeṣu manohareṣu
an diesen heiligen, herzerfreuenden
deśeṣu vidyādharabhūṣiteṣu
Orten, von Vidyādharas geschmückt
gandharvayakṣāmaraseviteṣu
von Gandharvas, Yakṣas und Unsterblichen aufgesucht
reme
er ergötzte sich
saḥ devyā sahitaḥ
er, zusammen mit der Göttin
trinetraḥ
der Dreiäugige

[Anm.: Vierzeiliger Vers mit gesonderter Pāda-Zählung (a-d) in abweichendem Versmaß.]

devaiḥ sahendrair muniyakṣasiddhair gandharvavidyādharadaityamukhyaiḥ / anyaiś ca sarvair vividhair vṛto 'sau tasmin nage harṣam avāpa śaṃbhuḥ //

Umgeben von den Göttern samt Indra, von Munis, Yakṣas, Siddhas, den Häuptern der Gandharvas, Vidyādharas und Daityas, und von allen übrigen mancherlei (Wesen), erlangte Śambhu auf jenem Berge Freude.

Wort für Wort
devaiḥ saha indraiḥ
mit den Göttern samt Indra
muniyakṣasiddhaiḥ
mit Munis, Yakṣas, Siddhas
gandharvavidyādharadaityamukhyaiḥ
mit den Häuptern der Gandharvas, Vidyādharas und Daityas
anyaiḥ ca sarvaiḥ vividhaiḥ
und allen übrigen mancherlei
vṛtaḥ asau
umgeben, dieser
tasmin nage
auf jenem Berg
harṣam avāpa
erlangte Freude
śaṃbhuḥ
Śambhu (Śiva)

[Anm.: Vierzeiliger Vers mit gesonderter Pāda-Zählung (a-d).]

nṛtyanti tatrāpsarasaḥ sureśā gāyanti gandharvagaṇāḥ prahṛṣṭāḥ / divyāni vādyāny atha vādayanti kecid drutaṃ devavaraṃ stuvanti //

Dort tanzen die Apsaras und die Götterherren, hocherfreut singen die Scharen der Gandharvas, göttliche Instrumente werden gespielt, und manche preisen eilends den besten der Götter.

Wort für Wort
nṛtyanti tatra
dort tanzen
apsarasaḥ sureśāḥ
die Apsaras und Götterherren
gāyanti gandharvagaṇāḥ prahṛṣṭāḥ
hocherfreut singen die Scharen der Gandharvas
divyāni vādyāni vādayanti
göttliche Instrumente werden gespielt
kecid drutam devavaram stuvanti
manche preisen eilends den besten der Götter

[Anm.: Vierzeiliger Vers mit gesonderter Pāda-Zählung (a-d).]

evaṃ sa devaḥ svagaṇair upeto mahābalaiḥ śakrayamāgnitulyaiḥ / devyāḥ priyārthaṃ bhaganetrahantā giriṃ na tatyāja tadā mahātmā //

So verließ jener große Gott, der Vernichter von Bhagas Auge, begleitet von seinen mächtigen, Indra, Yama und Agni gleichenden Gaṇas, um Umās willen den Berg zu jener Zeit nicht.

Wort für Wort
evam
so
saḥ devaḥ
jener Gott
svagaṇaiḥ upetaḥ mahābalaiḥ
begleitet von seinen mächtigen Gaṇas
śakrayamāgnitulyaiḥ
Indra, Yama und Agni gleichenden
devyāḥ priyārtham
um der Göttin willen
bhaganetrahantā
der Vernichter von Bhagas Auge
girim na tatyāja
verließ den Berg nicht
tadā mahātmā
damals, der Großgesinnte

[Anm.: Vierzeiliger Vers mit gesonderter Pāda-Zählung (a-d), Ende des Bergaufenthalts-Abschnitts.]

{ṛṣaya ūcuḥ:} devyāḥ samaṃ tu bhagavāṃs tiṣṭhaṃs tatra sa kāmahā / akarot kiṃ mahādeva etad icchāma veditum //

{Die Ṛṣis sprachen:} Was tat, o Mahādeva [?], jener kāma-tötende Erhabene (Śiva), während er dort zusammen mit der Göttin verweilte? Dies möchten wir erfahren.

Wort für Wort
devyāḥ samam tu
zusammen mit der Göttin aber
bhagavān tiṣṭhan tatra
der Erhabene, dort verweilend
saḥ kāmahā
er, der Kāma-Töter
akarot kim
was tat er
mahādeva
o Mahādeva
etat icchāma veditum
dies möchten wir erfahren

[?: Die Anrede 'mahādeva' innerhalb der Frage der Ṛṣis ist auffällig, da dieser Name sonst Śiva selbst bezeichnet, hier aber grammatisch den Erzähler (Brahmā) anzusprechen scheint.]

{brahmovāca:} bhagavān himavacchṛṅge sa hi devyāḥ priyecchayā / gaṇeśair vividhākārair hāsaṃ saṃjanayan muhuḥ //

{Brahmā sprach:} Der Erhabene erregte auf dem Gipfel des Himavat, um der Göttin willen, wiederholt durch seine Gaṇa-Herren mit ihren mannigfaltigen Gestalten Gelächter,

Wort für Wort
bhagavān
der Erhabene
himavacchṛṅge
auf dem Gipfel des Himavat
saḥ hi devyāḥ priyecchayā
er, aus dem Wunsch, der Göttin zu gefallen
gaṇeśaiḥ vividhākāraiḥ
durch die Gaṇa-Herren von mannigfaltiger Gestalt
hāsam saṃjanayan
Gelächter hervorrufend
muhuḥ
wiederholt

devīṃ bālendutilako ramayaṃś ca rarāma ca / mahānubhāvaiḥ sarvajñaiḥ kāmarūpadharaiḥ śubhaiḥ //

und er, der den jungen Mond als Stirnschmuck trägt, erfreute die Göttin und ergötzte sich selbst mit (seinen) hochherzigen, allwissenden, gestaltwandelnden, herrlichen (Gaṇas).

Wort für Wort
devīm
die Göttin
bālendutilakaḥ
der den jungen Mond als Stirnschmuck trägt
ramayan ca rarāma ca
erfreuend und sich ergötzend
mahānubhāvaiḥ sarvajñaiḥ
mit hochherzigen, allwissenden
kāmarūpadharaiḥ śubhaiḥ
gestaltwandelnden, herrlichen (Gaṇas)

atha devy āsasādaikā mātaraṃ parameśvarī / āsīnāṃ kāñcane śubhra āsane paramādbhute //

Da suchte die Göttin, die höchste Herrin, einmal allein ihre Mutter auf, die auf einem goldenen, strahlenden, überaus wunderbaren Sitz thronte.

Wort für Wort
atha devī
da die Göttin
āsasāda ekā
suchte allein auf
mātaram
die Mutter
parameśvarī
die höchste Herrin
āsīnām
die sitzende
kāñcane śubhre āsane
auf goldenem, strahlendem Sitz
paramādbhute
überaus wunderbarem

atha dṛṣṭvā satīṃ devīm āgatāṃ surarūpiṇīm / āsanena mahārheṇa śaṃpādayad aninditām / āsīnāṃ tām athovāca menā himavataḥ priyā //

Als sie nun die tugendhafte [?], göttergleich gestaltete Göttin herankommen sah, ließ sie ihr, der Untadeligen, einen überaus kostbaren Sitz bereiten; und als jene Platz genommen hatte, sprach Menā, die Gattin des Himavat, zu ihr:

Wort für Wort
atha dṛṣṭvā
da gesehen habend
satīm devīm āgatām
die tugendhafte, herangekommene Göttin
surarūpiṇīm
von göttergleicher Gestalt
āsanena mahārheṇa
mit einem überaus kostbaren Sitz
śaṃpādayat
sie ließ bereiten
aninditām
der Untadeligen
āsīnām tām
zu ihr, der Sitzenden
atha uvāca
da sprach
menā himavataḥ priyā
Menā, die Gattin des Himavat

[Anm.: Dreizeiliger Vers (6 Pādas) unter einer Versnummer.] [?: 'satīm' kann sowohl als Adjektiv ('die Tugendhafte') als auch als Anspielung auf Umās frühere Existenz als Satī gelesen werden.]

{menovāca:} cirasyāgamanaṃ te 'dya vada putri śubhekṣaṇe / daridrā krīḍanais tvaṃ hi bhartrā krīḍasi saṃgatā //

{Menā sprach:} Nach langer Zeit ist heute dein Kommen, sage mir, meine Tochter mit den schönen Augen; du bist ja mit einem Gatten vereint, der mit ärmlichen Spielen spielt.

Wort für Wort
cirasya āgamanam te
dein Kommen nach langer Zeit
adya vada
sage heute
putri śubhekṣaṇe
o Tochter mit den schönen Augen
daridrā krīḍanaiḥ
mit ärmlichen Spielen
tvam hi bhartrā krīḍasi saṃgatā
du bist ja mit dem Gatten vereint, der spielt

ye daridrā bhavanti sma tathaiva ca nirāśrayāḥ / ume ta evaṃ krīḍanti yathā tava patiḥ śubhe //

Diejenigen, die arm und ebenso obdachlos sind, oh Umā, die spielen so, wie dein Gatte spielt, oh Holde.

Wort für Wort
ye daridrāḥ bhavanti sma
die, welche arm sind
tathā eva ca nirāśrayāḥ
und ebenso obdachlos
ume
o Umā
te evam krīḍanti
jene spielen so
yathā tava patiḥ
wie dein Gatte
śubhe
o Holde

{brahmovāca:} saivam uktātha mātrā tu nātihṛṣṭamanā bhavat / mahatyā kṣamayā yuktā na kiṃcit tām uvāca ha / visṛṣṭā ca tadā mātrā gatvā devam uvāca ha //

{Brahmā sprach:} So von ihrer Mutter angesprochen, wurde sie nicht sehr erfreuten Sinnes; mit großer Geduld erfüllt, erwiderte sie ihr nichts. Und von der Mutter verabschiedet, ging sie und sprach zu dem Gott:

Wort für Wort
sā evam uktā atha mātrā
sie, so von der Mutter angesprochen
tu na atihṛṣṭamanāḥ abhavat
wurde aber nicht sehr erfreuten Sinnes
mahatyā kṣamayā yuktā
mit großer Geduld ausgestattet
na kiṃcit tām uvāca ha
erwiderte ihr nichts
visṛṣṭā ca tadā mātrā
und von der Mutter verabschiedet
gatvā devam uvāca ha
ging sie und sprach zum Gott

[Anm.: Dreizeiliger Vers (6 Pādas) unter einer Versnummer.]

{pārvaty uvāca:} bhagavan devadeveśa neha vatsyāmi bhūdhare / anyaṃ kuru mamāvāsaṃ bhuvaneṣu mahādyute //

{Pārvatī sprach:} O Erhabener, Herr der Götterherren, ich möchte nicht auf diesem Berg (mehr) wohnen; bereite mir, o du Glanzvoller, eine andere Wohnstatt in den Welten.

Wort für Wort
bhagavan devadeveśa
o Erhabener, Herr der Götterherren
na iha vatsyāmi bhūdhare
ich werde nicht hier auf dem Berg wohnen
anyam kuru mama āvāsam
bereite mir eine andere Wohnstatt
bhuvaneṣu
in den Welten
mahādyute
o Glanzvoller

{deva uvāca:} sadā tvam ucyamānā vai mayā vāsārtham īśvari / anyaṃ na rocitavatī vāsaṃ vai devi karhicit //

{Der Gott sprach:} Stets, o Herrin, wenn ich zu dir hinsichtlich einer (anderen) Wohnstatt sprach, hattest du bislang zu keiner Zeit, o Göttin, an einer anderen Wohnstatt Gefallen gefunden.

Wort für Wort
sadā tvam ucyamānā
stets du, angesprochen werdend
mayā vāsārtham
von mir hinsichtlich einer Wohnstatt
īśvari
o Herrin
anyam vāsam na rocitavatī
hattest an einer anderen Wohnstatt kein Gefallen gefunden
vai devi karhicit
fürwahr, o Göttin, jemals

idānīṃ svayam eva tvaṃ vāsam anyatra śobhane / kasmān mṛgayase devi brūhi tan me śucismite //

Weshalb suchst du jetzt von selbst, o Schöne, eine Wohnstatt anderswo? Sage mir dies, o Göttin mit dem strahlenden Lächeln.

Wort für Wort
idānīm svayam eva tvam
jetzt du von selbst
vāsam anyatra
eine Wohnstatt anderswo
śobhane
o Schöne
kasmāt mṛgayase
weshalb suchst du
devi brūhi tat me
o Göttin, sage mir dies
śucismite
o du mit strahlendem Lächeln

{devy uvāca:} gṛhaṃ gatāsmi deveśa pitur adya mahātmanaḥ / dṛṣṭvā ca tatra me mātā vijane lokabhāvane //

{Die Göttin sprach:} O Herr der Götter, heute bin ich zum Haus meines großherzigen Vaters gegangen; und als meine Mutter mich dort sah, an einem einsamen, welterschaffenden Ort,

Wort für Wort
gṛham gatā asmi
ich bin zum Haus gegangen
deveśa
o Herr der Götter
pituḥ adya mahātmanaḥ
heute meines großherzigen Vaters
dṛṣṭvā ca tatra me mātā
und als meine Mutter mich dort sah
vijane lokabhāvane
an einsamem, welterschaffendem Ort

āsanādibhir abhyarcya sā mām evam abhāṣata / ume tava sadā bhartā daridraḥ krīḍanaiḥ śubhe //

ehrte sie mich mit einem Sitz und anderem und sprach so zu mir: 'Umā, dein Gatte ist stets arm an (rechtschaffenen) Spielen, oh Holde,

Wort für Wort
āsanādibhiḥ abhyarcya
mit Sitz und anderem geehrt habend
sā mām evam abhāṣata
sie sprach so zu mir
ume tava sadā bhartā
o Umā, dein Gatte stets
daridraḥ krīḍanaiḥ
arm an Spielen
śubhe
o Holde

krīḍate nahi devānāṃ krīḍā bhavati tādṛśī / yat kila tvaṃ mahādeva gaṇaiś ca vividhais tathā / ramase tad aniṣṭaṃ hi mama mātur vṛṣadhvaja //

er spielt nicht (wie es sich gehört) - unter den Göttern gibt es kein solches Spiel; dass du, oh Mahādeva, dich mit den mancherlei Gaṇas auf solche Weise ergötzt, das missfällt fürwahr meiner Mutter, oh du mit dem Stier-Banner.'

Wort für Wort
krīḍate na hi
er spielt nicht
devānām krīḍā na bhavati tādṛśī
unter den Göttern gibt es kein solches Spiel
yat kila tvam mahādeva
dass du, o Mahādeva
gaṇaiḥ ca vividhaiḥ tathā ramase
dich mit den mancherlei Gaṇas so ergötzt
tat aniṣṭam hi mama mātuḥ
das missfällt fürwahr meiner Mutter
vṛṣadhvaja
o du mit dem Stier-Banner

[Anm.: Dreizeiliger Vers (6 Pādas) unter einer Versnummer.]

{brahmovāca:} tato devaḥ prahasyāha devīṃ hāsayituṃ prabhuḥ //*

{Brahmā sprach:} Da lachte der Gott und sprach, um die Göttin zum Lachen zu bringen, er, der Mächtige:

Wort für Wort
tataḥ devaḥ prahasya āha
darauf sprach der Gott, gelacht habend
devīm hāsayitum
um die Göttin zum Lachen zu bringen
prabhuḥ
der Mächtige

[Anm.: Einzeiliger Halbvers, im Quelltext mit dem Editionszeichen „//*" markiert.]

{deva uvāca:} evam eva na saṃdehaḥ kasmān manyur abhūt tava / kṛttivāsā hy avāsāś ca śmaśānanilayaś ca ha //

{Der Gott sprach:} Genau so ist es, kein Zweifel - doch weshalb ist Zorn in dir entstanden? Ich bin ja mit Tierfellen bekleidet, ohne Wohnstatt und habe meinen Sitz auf dem Leichenfeld,

Wort für Wort
evam eva na saṃdehaḥ
genau so, kein Zweifel
kasmāt manyuḥ abhūt tava
weshalb ist Zorn in dir entstanden
kṛttivāsāḥ hi
mit Tierfell bekleidet fürwahr
avāsaḥ ca
und ohne Wohnstatt
śmaśānanilayaḥ ca ha
und mit Sitz auf dem Leichenfeld

aniketo hy araṇyeṣu parvatānāṃ guhāsu ca / vicarāmi gaṇair nagnair vṛto 'mbhojavilocane //

heimatlos wandere ich fürwahr in den Wäldern und in den Höhlen der Berge umher, umgeben von nackten Gaṇas, oh du mit den lotusgleichen Augen.

Wort für Wort
aniketaḥ hi
heimatlos fürwahr
araṇyeṣu
in den Wäldern
parvatānām guhāsu ca
und in den Höhlen der Berge
vicarāmi
ich wandere umher
gaṇaiḥ nagnaiḥ vṛtaḥ
umgeben von nackten Gaṇas
ambhojavilocane
o du mit lotusgleichen Augen

mā krudho devi mātre tvaṃ tathyaṃ mātāvadat tava / nahi mātṛsamo bandhur jantūnām asti bhūtale //

Zürne nicht deiner Mutter, o Göttin - wahr sprach deine Mutter; denn es gibt für die Geschöpfe auf Erden keinen der Mutter gleichen Verwandten.

Wort für Wort
mā krudhaḥ devi mātre
zürne nicht, o Göttin, der Mutter
tvam tathyam mātā avadat tava
wahr sprach deine Mutter
na hi mātṛsamaḥ bandhuḥ
denn nicht gibt es einen der Mutter gleichen Verwandten
jantūnām asti bhūtale
für die Geschöpfe auf Erden

{devy uvāca:} na me 'sti bandhubhiḥ kiṃcit kṛtyaṃ suravareśvara / tathā kuru mahādeva yathāhaṃ sukham āpnuyām //

{Die Göttin sprach:} Ich habe nichts mit Verwandten zu schaffen, o Herr der besten Götter; handle so, oh Mahādeva, dass ich Glück erlange.

Wort für Wort
na me asti bandhubhiḥ kiṃcit kṛtyam
ich habe nichts mit Verwandten zu tun
suravareśvara
o Herr der besten Götter
tathā kuru mahādeva
handle so, o Mahādeva
yathā aham sukham āpnuyām
dass ich Glück erlangen möge

{brahmovāca:} śrutvā sa devyā vacanaṃ sureśas / tasyāḥ priyārthe svagiriṃ vihāya / jagāma meruṃ surasiddhasevitaṃ / bhāryāsahāyaḥ svagaṇaiś ca yuktaḥ //

{Brahmā sprach:} Nachdem der Götterherr die Worte der Göttin gehört hatte, verließ er um ihretwillen seinen eigenen Berg und begab sich, begleitet von seiner Gattin und seinen eigenen Gaṇas, zum von Göttern und Siddhas verehrten Berg Meru.

Wort für Wort
śrutvā
gehört habend
sa sureśaḥ devyāḥ vacanam
jener Götterherr die Worte der Göttin
tasyāḥ priyārthe
um ihretwillen
svagirim vihāya
seinen eigenen Berg verlassen habend
jagāma merum
er begab sich zum Meru
surasiddhasevitam
von Göttern und Siddhas verehrt
bhāryāsahāyaḥ
begleitet von seiner Gattin
svagaṇaiḥ ca yuktaḥ
und verbunden mit seinen eigenen Gaṇas

[Anm.: Vierzeiliger Vers mit gesonderter Pāda-Zählung (a-d) in abweichendem Versmaß, Kapitelschluss.]

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