Kapitel 38: kāmadahanaśivamerugamanavarṇanam
Die Verbrennung Kāmas und Śivas Aufbruch zum Berg Meru
Kāma (Manmatha) nähert sich Śiva mit Rati, um ihn mit seinem Liebespfeil zu treffen, wird jedoch vom Feuer aus Śivas drittem Auge verbrannt (V.1-7); Rati fleht Umā und Śiva an, die ihr verheißen, Kāma werde als körperloser Helfer weiterwirken und dereinst als Sohn Viṣṇus (Vasudevasuta) wiedergeboren ihr Gatte sein - Anspielung auf die spätere Pradyumna-Erzählung (V.8-12). Śiva und Umā ergötzen sich an zahlreichen lieblichen Orten des Himālaya, umgeben von Göttern, Gaṇas, Apsaras und Gandharvas (V.13-20). Auf Nachfrage der Ṛṣis berichtet Brahmā von einem häuslichen Zwist: Umās Mutter Menā tadelt sie, mit einem 'armen', in kindlichen Spielen mit nackten Gaṇas lebenden Gatten verheiratet zu sein (V.21-34); Śiva nimmt dies gelassen und humorvoll auf, bestätigt seine Besitzlosigkeit und Wohnungslosigkeit, mahnt Umā aber, ihrer Mutter nicht zu zürnen (V.35-38); da Umā erklärt, ihr gehe es allein um gemeinsames Glück, verlässt Śiva ihretwegen den Himavat und begibt sich mit ihr und seinen Gaṇas zum Berg Meru (V.39-40).
praviṣṭe bhavanaṃ deve sūpaviṣṭe varāsane /
sa vakro manmathaḥ krūro devaṃ veddhumanā bhavat //
Als der Gott (Śiva) sein Gemach betreten hatte und auf dem herrlichen Sitz Platz genommen hatte, wurde der hinterlistige, grausame Manmatha (Kāma, der Liebesgott) begierig, den Gott zu durchbohren.
tam anācārasaṃyuktaṃ durātmānaṃ kulādhamam /
lokān sarvān pīḍayantaṃ sarvāṅgāvaraṇātmakam //
ihn, der mit Unsitte behaftet, bösgesinnt, der Niedrigste seines Geschlechts ist, der alle Welten quält und dessen Wesen es ist, alle Glieder zu verhüllen (unsichtbar zu wirken),
Wort für Wort
tam
ihn
anācārasaṃyuktam
mit Unsitte behaftet
durātmānam
bösgesinnt
kulādhamam
den Niedrigsten seines Geschlechts
lokān sarvān
alle Welten
pīḍayantam
quälend
sarvāṅgāvaraṇātmakam
dessen Wesen die Verhüllung aller Glieder ist
[Anm.: V.2-4 bilden syntaktisch einen einzigen, sich über drei Versnummern erstreckenden Satz - Objekt (Kāma) wird hier beschrieben, das Hauptverb folgt erst in V.4.]
ṛṣīṇāṃ vighnakartāraṃ niyamānāṃ vrataiḥ saha /
cakrāhvayasya rūpeṇa ratyā saha samāgatam //
der ein Störer der Ṛṣis samt ihren Regeln und Gelübden ist, der in Gestalt des 'Cakra' Genannten [?] zusammen mit Rati gekommen war,
Wort für Wort
ṛṣīṇām
der Ṛṣis
vighnakartāram
den Störer, Hindernisbereiter
niyamānām vrataiḥ saha
samt den Regeln und Gelübden
cakrāhvayasya
des 'Cakra' Genannten
rūpeṇa
in Gestalt
ratyā saha
zusammen mit Rati
samāgatam
gekommen, sich genähert habend
[?: 'cakrāhvayasya rūpeṇa' unklar - evtl. Anspielung auf den Cakravāka-Vogel (Brahminenente) als Sinnbild ehelicher Liebe, oder ein sonst nicht bezeugter Beiname Kāmas.]
diesen, oh Brahmanen, der nun mit gespanntem Bogen ihn zu durchbohren begehrte, betrachtete der Götterherr (Śiva) mit dem dritten Auge voller Verachtung.
tasyāś ca karuṇāṃ jñātvā devau tau karuṇātmakau /
ūcatus tāṃ samālokya samāśvāsya ca duḥkhitām //
Als die beiden mitfühlenden Götter (Umā und Maheśvara) ihr Flehen erkannt hatten, sprachen sie, nachdem sie die Betrübte angeblickt und getröstet hatten, zu ihr:
{umāmaheśvarāv ūcatuḥ:} dagdha eva dhruvaṃ bhadre nāsyotpattir iheṣyate /
aśarīro 'pi te bhadre kāryaṃ sarvaṃ kariṣyati //
{Umā und Maheśvara sprachen:} Verbrannt ist er gewiss, oh Gute, eine (erneute) Entstehung von ihm ist hier nicht zu erwarten; doch auch körperlos wird er, oh Gute, dir all deine Anliegen erfüllen.
Wort für Wort
dagdhaḥ eva dhruvam
verbrannt gewiss
bhadre
oh Gute
na asya utpattiḥ iha iṣyate
nicht ist seine (Wieder-)Entstehung hier zu erwarten
yadā tu viṣṇur bhagavān vasudevasutaḥ śubhe /
tadā tasya suto yaś ca patis te saṃbhaviṣyati //
Wenn aber, oh Holde, der erhabene Viṣṇu als Sohn des Vasudeva (erscheinen) wird, dann wird dessen Sohn dein Gatte sein.
Wort für Wort
yadā tu
wenn aber
viṣṇuḥ bhagavān
der erhabene Viṣṇu
vasudevasutaḥ
als Sohn des Vasudeva
śubhe
oh Holde
tadā tasya sutaḥ
dann dessen Sohn
yaḥ ca patiḥ te
der auch dein Gatte
saṃbhaviṣyati
wird sein
[Anm.: Anspielung auf die spätere Wiedergeburt Kāmas als Pradyumna, Sohn Kṛṣṇas (Viṣṇus als Sohn Vasudevas), und dessen Vermählung mit Rati - ein verbreitetes purāṇisches Motiv.]
{Brahmā sprach:} Da ging jene Kāmas Gattin mit dem lieblichen Antlitz, nachdem sie diese Gabe erhalten hatte, erfreut und von ihrem Kummer befreit, in das ihr genehme Land.
dagdhvā kāmaṃ tato viprāḥ sa tu devo vṛṣadhvajaḥ /
reme tatromayā sārdhaṃ prahṛṣṭas tu himācale //
Nachdem er, oh Brahmanen, Kāma verbrannt hatte, ergötzte sich jener Gott mit dem Stier-Banner (Śiva) dort hocherfreut zusammen mit Umā auf dem Himālaya-Gebirge,
An diesen heiligen, herzerfreuenden Orten, die von Vidyādharas geschmückt und von Gandharvas, Yakṣas und Unsterblichen aufgesucht wurden, ergötzte sich der Dreiäugige (Śiva) zusammen mit der Göttin.
Wort für Wort
eteṣu puṇyeṣu manohareṣu
an diesen heiligen, herzerfreuenden
deśeṣu vidyādharabhūṣiteṣu
Orten, von Vidyādharas geschmückt
gandharvayakṣāmaraseviteṣu
von Gandharvas, Yakṣas und Unsterblichen aufgesucht
reme
er ergötzte sich
saḥ devyā sahitaḥ
er, zusammen mit der Göttin
trinetraḥ
der Dreiäugige
[Anm.: Vierzeiliger Vers mit gesonderter Pāda-Zählung (a-d) in abweichendem Versmaß.]
Umgeben von den Göttern samt Indra, von Munis, Yakṣas, Siddhas, den Häuptern der Gandharvas, Vidyādharas und Daityas, und von allen übrigen mancherlei (Wesen), erlangte Śambhu auf jenem Berge Freude.
Wort für Wort
devaiḥ saha indraiḥ
mit den Göttern samt Indra
muniyakṣasiddhaiḥ
mit Munis, Yakṣas, Siddhas
gandharvavidyādharadaityamukhyaiḥ
mit den Häuptern der Gandharvas, Vidyādharas und Daityas
anyaiḥ ca sarvaiḥ vividhaiḥ
und allen übrigen mancherlei
vṛtaḥ asau
umgeben, dieser
tasmin nage
auf jenem Berg
harṣam avāpa
erlangte Freude
śaṃbhuḥ
Śambhu (Śiva)
[Anm.: Vierzeiliger Vers mit gesonderter Pāda-Zählung (a-d).]
Dort tanzen die Apsaras und die Götterherren, hocherfreut singen die Scharen der Gandharvas, göttliche Instrumente werden gespielt, und manche preisen eilends den besten der Götter.
Wort für Wort
nṛtyanti tatra
dort tanzen
apsarasaḥ sureśāḥ
die Apsaras und Götterherren
gāyanti gandharvagaṇāḥ prahṛṣṭāḥ
hocherfreut singen die Scharen der Gandharvas
divyāni vādyāni vādayanti
göttliche Instrumente werden gespielt
kecid drutam devavaram stuvanti
manche preisen eilends den besten der Götter
[Anm.: Vierzeiliger Vers mit gesonderter Pāda-Zählung (a-d).]
evaṃ sa devaḥ svagaṇair upeto mahābalaiḥ śakrayamāgnitulyaiḥ /
devyāḥ priyārthaṃ bhaganetrahantā giriṃ na tatyāja tadā mahātmā //
So verließ jener große Gott, der Vernichter von Bhagas Auge, begleitet von seinen mächtigen, Indra, Yama und Agni gleichenden Gaṇas, um Umās willen den Berg zu jener Zeit nicht.
Wort für Wort
evam
so
saḥ devaḥ
jener Gott
svagaṇaiḥ upetaḥ mahābalaiḥ
begleitet von seinen mächtigen Gaṇas
śakrayamāgnitulyaiḥ
Indra, Yama und Agni gleichenden
devyāḥ priyārtham
um der Göttin willen
bhaganetrahantā
der Vernichter von Bhagas Auge
girim na tatyāja
verließ den Berg nicht
tadā mahātmā
damals, der Großgesinnte
[Anm.: Vierzeiliger Vers mit gesonderter Pāda-Zählung (a-d), Ende des Bergaufenthalts-Abschnitts.]
{ṛṣaya ūcuḥ:} devyāḥ samaṃ tu bhagavāṃs tiṣṭhaṃs tatra sa kāmahā /
akarot kiṃ mahādeva etad icchāma veditum //
{Die Ṛṣis sprachen:} Was tat, o Mahādeva [?], jener kāma-tötende Erhabene (Śiva), während er dort zusammen mit der Göttin verweilte? Dies möchten wir erfahren.
Wort für Wort
devyāḥ samam tu
zusammen mit der Göttin aber
bhagavān tiṣṭhan tatra
der Erhabene, dort verweilend
saḥ kāmahā
er, der Kāma-Töter
akarot kim
was tat er
mahādeva
o Mahādeva
etat icchāma veditum
dies möchten wir erfahren
[?: Die Anrede 'mahādeva' innerhalb der Frage der Ṛṣis ist auffällig, da dieser Name sonst Śiva selbst bezeichnet, hier aber grammatisch den Erzähler (Brahmā) anzusprechen scheint.]
{brahmovāca:} bhagavān himavacchṛṅge sa hi devyāḥ priyecchayā /
gaṇeśair vividhākārair hāsaṃ saṃjanayan muhuḥ //
{Brahmā sprach:} Der Erhabene erregte auf dem Gipfel des Himavat, um der Göttin willen, wiederholt durch seine Gaṇa-Herren mit ihren mannigfaltigen Gestalten Gelächter,
devīṃ bālendutilako ramayaṃś ca rarāma ca /
mahānubhāvaiḥ sarvajñaiḥ kāmarūpadharaiḥ śubhaiḥ //
und er, der den jungen Mond als Stirnschmuck trägt, erfreute die Göttin und ergötzte sich selbst mit (seinen) hochherzigen, allwissenden, gestaltwandelnden, herrlichen (Gaṇas).
Als sie nun die tugendhafte [?], göttergleich gestaltete Göttin herankommen sah, ließ sie ihr, der Untadeligen, einen überaus kostbaren Sitz bereiten; und als jene Platz genommen hatte, sprach Menā, die Gattin des Himavat, zu ihr:
Wort für Wort
atha dṛṣṭvā
da gesehen habend
satīm devīm āgatām
die tugendhafte, herangekommene Göttin
surarūpiṇīm
von göttergleicher Gestalt
āsanena mahārheṇa
mit einem überaus kostbaren Sitz
śaṃpādayat
sie ließ bereiten
aninditām
der Untadeligen
āsīnām tām
zu ihr, der Sitzenden
atha uvāca
da sprach
menā himavataḥ priyā
Menā, die Gattin des Himavat
[Anm.: Dreizeiliger Vers (6 Pādas) unter einer Versnummer.] [?: 'satīm' kann sowohl als Adjektiv ('die Tugendhafte') als auch als Anspielung auf Umās frühere Existenz als Satī gelesen werden.]
{menovāca:} cirasyāgamanaṃ te 'dya vada putri śubhekṣaṇe /
daridrā krīḍanais tvaṃ hi bhartrā krīḍasi saṃgatā //
{Menā sprach:} Nach langer Zeit ist heute dein Kommen, sage mir, meine Tochter mit den schönen Augen; du bist ja mit einem Gatten vereint, der mit ärmlichen Spielen spielt.
{brahmovāca:} saivam uktātha mātrā tu nātihṛṣṭamanā bhavat /
mahatyā kṣamayā yuktā na kiṃcit tām uvāca ha /
visṛṣṭā ca tadā mātrā gatvā devam uvāca ha //
{Brahmā sprach:} So von ihrer Mutter angesprochen, wurde sie nicht sehr erfreuten Sinnes; mit großer Geduld erfüllt, erwiderte sie ihr nichts. Und von der Mutter verabschiedet, ging sie und sprach zu dem Gott:
Wort für Wort
sā evam uktā atha mātrā
sie, so von der Mutter angesprochen
tu na atihṛṣṭamanāḥ abhavat
wurde aber nicht sehr erfreuten Sinnes
mahatyā kṣamayā yuktā
mit großer Geduld ausgestattet
na kiṃcit tām uvāca ha
erwiderte ihr nichts
visṛṣṭā ca tadā mātrā
und von der Mutter verabschiedet
gatvā devam uvāca ha
ging sie und sprach zum Gott
[Anm.: Dreizeiliger Vers (6 Pādas) unter einer Versnummer.]
{Pārvatī sprach:} O Erhabener, Herr der Götterherren, ich möchte nicht auf diesem Berg (mehr) wohnen; bereite mir, o du Glanzvoller, eine andere Wohnstatt in den Welten.
{deva uvāca:} sadā tvam ucyamānā vai mayā vāsārtham īśvari /
anyaṃ na rocitavatī vāsaṃ vai devi karhicit //
{Der Gott sprach:} Stets, o Herrin, wenn ich zu dir hinsichtlich einer (anderen) Wohnstatt sprach, hattest du bislang zu keiner Zeit, o Göttin, an einer anderen Wohnstatt Gefallen gefunden.
Wort für Wort
sadā tvam ucyamānā
stets du, angesprochen werdend
mayā vāsārtham
von mir hinsichtlich einer Wohnstatt
īśvari
o Herrin
anyam vāsam na rocitavatī
hattest an einer anderen Wohnstatt kein Gefallen gefunden
{devy uvāca:} gṛhaṃ gatāsmi deveśa pitur adya mahātmanaḥ /
dṛṣṭvā ca tatra me mātā vijane lokabhāvane //
{Die Göttin sprach:} O Herr der Götter, heute bin ich zum Haus meines großherzigen Vaters gegangen; und als meine Mutter mich dort sah, an einem einsamen, welterschaffenden Ort,
krīḍate nahi devānāṃ krīḍā bhavati tādṛśī /
yat kila tvaṃ mahādeva gaṇaiś ca vividhais tathā /
ramase tad aniṣṭaṃ hi mama mātur vṛṣadhvaja //
er spielt nicht (wie es sich gehört) - unter den Göttern gibt es kein solches Spiel; dass du, oh Mahādeva, dich mit den mancherlei Gaṇas auf solche Weise ergötzt, das missfällt fürwahr meiner Mutter, oh du mit dem Stier-Banner.'
Wort für Wort
krīḍate na hi
er spielt nicht
devānām krīḍā na bhavati tādṛśī
unter den Göttern gibt es kein solches Spiel
yat kila tvam mahādeva
dass du, o Mahādeva
gaṇaiḥ ca vividhaiḥ tathā ramase
dich mit den mancherlei Gaṇas so ergötzt
tat aniṣṭam hi mama mātuḥ
das missfällt fürwahr meiner Mutter
vṛṣadhvaja
o du mit dem Stier-Banner
[Anm.: Dreizeiliger Vers (6 Pādas) unter einer Versnummer.]
{deva uvāca:} evam eva na saṃdehaḥ kasmān manyur abhūt tava /
kṛttivāsā hy avāsāś ca śmaśānanilayaś ca ha //
{Der Gott sprach:} Genau so ist es, kein Zweifel - doch weshalb ist Zorn in dir entstanden? Ich bin ja mit Tierfellen bekleidet, ohne Wohnstatt und habe meinen Sitz auf dem Leichenfeld,
{Brahmā sprach:} Nachdem der Götterherr die Worte der Göttin gehört hatte, verließ er um ihretwillen seinen eigenen Berg und begab sich, begleitet von seiner Gattin und seinen eigenen Gaṇas, zum von Göttern und Siddhas verehrten Berg Meru.
Wort für Wort
śrutvā
gehört habend
sa sureśaḥ devyāḥ vacanam
jener Götterherr die Worte der Göttin
tasyāḥ priyārthe
um ihretwillen
svagirim vihāya
seinen eigenen Berg verlassen habend
jagāma merum
er begab sich zum Meru
surasiddhasevitam
von Göttern und Siddhas verehrt
bhāryāsahāyaḥ
begleitet von seiner Gattin
svagaṇaiḥ ca yuktaḥ
und verbunden mit seinen eigenen Gaṇas
[Anm.: Vierzeiliger Vers mit gesonderter Pāda-Zählung (a-d) in abweichendem Versmaß, Kapitelschluss.]