Kapitel 61: puruṣottamapūjāvidhānavarṇanam
Die vollständige Pūjā-Ordnung des Puruṣottama: Maṇḍala, Körperreinigung, Nyāsa, Kavaca und die sechzehn Verehrungs-Mantras
Brahmā legt die vollständige tantrische Pūjā-Ordnung für die Verehrung des Puruṣottama-Bildnisses am Meeresufer dar: Errichtung eines Lotos-Maṇḍalas, eine Körperreinigungs-Meditation (Kāyaśodhana), die silbenweise Aṅga-Nyāsa-Anlegung des Achtsilben-Mantras, den Ṣaḍaṅga-Kavaca mit der Caturvyūha-Farbenlehre (weiß-Vāsudeva, rot-Saṃkarṣaṇa, gelb-Pradyumna, dunkel-Aniruddha) sowie die Selbstidentifikation mit dem allgegenwärtigen, von den zehn Avatāras umgebenen Viṣṇu. Es folgt die vollständige Sequenz der sechzehn benannten Einzel-Verehrungsmantras (Āvāhana bis Naivedya, V24-38), die räumliche Anordnung der Vyūha-Gottheiten, Waffen, Attribute und Weltenhüter im Maṇḍala, die acht Mudrās und schließlich das Entlassungs-Mantra (Visarjana).
Brahmā sprach: Nachdem man die Götter, Vorfahren und andere gesättigt (mit Tarpaṇa) und schweigend die Ācamana-Wasserhandlung vollzogen hat, [soll man] eine armlange, viereckige, mit vier Toren versehene, wohlgestaltete
Wort für Wort
devān pitṝn tathā ca anyān
die Götter, Vorfahren und andere
saṃtarpya ācamya vāgyataḥ
gesättigt, die Ācamana vollzogen, schweigend
hastamātram catuṣkoṇam
armlang, viereckig
caturdvāram suśobhanam
mit vier Toren, wohlgestaltet
[Anm.: Der Satz setzt den letzten Vers von Kap.60 fort und mündet in V2 mit dem Hauptverb 'vilikhya' (gezeichnet).]
„Stadt“ [Ritualdiagramm] am Ufer jenes großen Ozeans zeichnen, o Brahmanen; in deren Mitte soll man dort einen achtblättrigen Lotos mit Fruchtknoten (Karṇikā) zeichnen.
Nachdem man so das Maṇḍala gezeichnet hat, soll man dort, o Zweifachgeborene, gemäß der Achtsilben-Vorschrift den ungeborenen, alldurchdringenden Nārāyaṇa verehren.
Darüber hinaus werde ich nun die höchste Körperreinigung (Kāyaśodhana) verkünden: Nachdem man die Silbe A im Herzen meditiert hat, versehen mit dem Diskus-Umriss (Cakrarekhā),
soll man die brennende, dreizackige, verzehrende, sündenvernichtende [Silbe] – die Silbe Rā, inmitten der Mondscheibe befindlich – auf dem Scheitel bedenken,
den fünfgliedrigen Viṣṇu-Nyāsa und ebenso die Vierfach-Emanation (Caturvyūha); die Handreinigung soll der Praktizierende (Sādhaka) mit dem Wurzelmantra vollziehen,
Wort für Wort
pañcāṅgam vaiṣṇavam ca eva
den fünfgliedrigen Viṣṇu-Nyāsa
caturvyūham tathā eva ca
und ebenso die Vierfach-Emanation
karaśuddhim prakurvīta
die Handreinigung soll vollziehen
mūlamantreṇa sādhakaḥ
der Praktizierende mit dem Wurzelmantra
[Anm.: 'Caturvyūha' – die vierfache Emanation Vāsudeva-Saṃkarṣaṇa-Pradyumna-Aniruddha, vgl. Kap.59 V34 und die Farbenlehre in V13 dieses Kapitels.]
die Silbe Na – śāṃbhava [Śiva-zugehörig], dunkel – ist aber auf der rechten [Seite] angesiedelt; die Silbe Mo nennt man die Zeit (Kāla) – man lege sie auf die linke Hüfte,
diese Silbe Ya, windzugehörig (Vāyavya), auf der linken Schulter befindlich; die Silbe Ṇā ist als allesdurchdringend zu erkennen, auf der rechten Schulter angesiedelt; diese Silbe Ya, am Haupt befindlich, wo die Welten aufgestellt sind.
Wort für Wort
vāyavyaḥ ayam yakāraḥ tu
diese Silbe Ya aber, windzugehörig
vāmaskandhe samāśritaḥ
auf der linken Schulter befindlich
ṇākāraḥ sarvagaḥ jñeyaḥ
die Silbe Ṇā ist als allesdurchdringend zu erkennen
„Oṃ, Verehrung dem Viṣṇu“ – das Haupt[-Mantra]; „Oṃ, Verehrung dem Flammenden“ [Agni] – der Haarschopf; „Oṃ, Verehrung dem Viṣṇu“ – der Panzer; „Oṃ, Verehrung dem Viṣṇu“ – das Aufblitzen, zur Bindung der Richtungen; „Oṃ Huṃ Phaṭ“ – die Waffe. Oṃ, am Haupt der weiße Vāsudeva; Oṃ Āṃ, an der Stirn der rote Saṃkarṣaṇa, [zugleich] Garuḍa, Feuer, Glut, Āditya [Sonne]; Oṃ Āṃ, am Hals der gelbe Pradyumna, [zugleich] Wind, Wolke; Oṃ Āṃ, im Herzen der dunkle Aniruddha, mit aller Kraft versehen. Nachdem man sich so zur Vierfach-Emanation (Caturvyūha) gemacht hat, soll man danach die [rituelle] Handlung vollziehen.
Wort für Wort
oṃ viṣṇave namaḥ
Oṃ, Verehrung dem Viṣṇu
śiraḥ
das Haupt[-Mantra]
oṃ jvalanāya namaḥ śikhā
Oṃ, Verehrung dem Flammenden – der Haarschopf
kavacam
der Panzer
sphuraṇam diśobandhāya
das Aufblitzen, zur Bindung der Richtungen
oṃ huṃ phaṭ astram
Oṃ Huṃ Phaṭ – die Waffe
śirasi śuklaḥ vāsudevaḥ
am Haupt der weiße Vāsudeva
lalāṭe raktaḥ saṃkarṣaṇaḥ
an der Stirn der rote Saṃkarṣaṇa
grīvāyām pītaḥ pradyumnaḥ
am Hals der gelbe Pradyumna
hṛdaye kṛṣṇaḥ aniruddhaḥ
im Herzen der dunkle Aniruddha
evam caturvyūham ātmānam kṛtvā
so sich zur Vierfach-Emanation gemacht habend
tataḥ karma samācaret
soll man danach die Handlung vollziehen
[Anm.: Der klassische Pāñcarātra-Ṣaḍaṅga/Kavaca-Nyāsa (Haupt-Schopf-Panzer-Aufblitzen-Waffe) verbunden mit der Vierfach-Emanations-Farbenlehre (weiß-Vāsudeva, rot-Saṃkarṣaṇa, gelb-Pradyumna, dunkel-Aniruddha). Prosaabschnitt ohne Vers-Metrum, im Original mit eigener Nummerierung „||61.13|“.]
Nachdem man so ganz aus Viṣṇu geworden ist, soll man danach mit der [rituellen] Handlung beginnen; wie im [eigenen] Körper, so soll man im Gottesbild alle [kosmischen] Prinzipien (Tattvas) einfügen.
Und dann soll man die Besprengung (Prokṣaṇa) mit der Silbe Oṃ (Praṇava) vollziehen, [mit dem Mantra,] das mit der Silbe Phaṭ endend bezeichnet wird, günstig, alle Hindernisse hinwegnehmend.
Dort soll man die Scheiben von Sonne, Mond und Feuer bedenken; in der Mitte des Lotos soll man Viṣṇu anlegen, [ebenso die Prinzipien] des Windes und des Äthers,
Mit dem zwölfsilbigen Mantra soll man den ewigen Gott verehren; nachdem man ihn dann im Herzen festgehalten hat, soll man [ihn] im Fruchtknoten außen anlegen,
nachdem man den Vierarmigen, von großer Wesenskraft, glänzend wie zehn Millionen Sonnen, den großen Yoga-Herrn, von ewiger Lichtgestalt, bedacht hat, soll man dann das Anrufungs-Mantra der Reihe nach, im Geiste bedacht, [sprechen].
āvāhanamantraḥ: mīnarūpo varāhaś ca narasiṃho 'tha vāmanaḥ / āyātu devo varado mama nārāyaṇo 'grataḥ ||BrP_61.24| oṃ namo nārāyaṇāya namaḥ ||BrP_61.24|
Anrufungs-Mantra (Āvāhana): Der in Fischgestalt, und der Eber, und Narasiṃha, sodann Vāmana – möge der gabenspendende Gott Nārāyaṇa vor mich treten. Oṃ, Verehrung dem Nārāyaṇa, Verehrung.
Wort für Wort
āvāhanamantraḥ
Anrufungs-Mantra
mīnarūpaḥ varāhaḥ ca
der in Fischgestalt, und der Eber
narasiṃhaḥ atha vāmanaḥ
Narasiṃha, sodann Vāmana
āyātu devaḥ varadaḥ
möge der gabenspendende Gott kommen
mama nārāyaṇaḥ agrataḥ
Nārāyaṇa vor mich
oṃ namo nārāyaṇāya namaḥ
Oṃ, Verehrung dem Nārāyaṇa, Verehrung [Refrain]
[Anm.: Erstes einer Reihe benannter Einzelmantras (Āvāhana, Sthāpana, Argha, Pādya, Madhuparka, Ācamanīya, Snāna, Vastra, Vilepana, Upavīta, Alaṃkāra, Dhūpa, Dīpa, Naivedya, Visarjana) für die vollständige 16-teilige Bildwerk-Pūjā, jeweils mit dem Refrain 'oṃ namo nārāyaṇāya namaḥ' abgeschlossen.]
Aufstellungs-Mantra (Sthāpana): Im Fruchtknoten, auf dem guten Sitz hier, dem aus dem Lotos gebildeten Sitz, verweile du, o Madhusūdana, zum Wohle aller Wesen. Oṃ, Verehrung dem Nārāyaṇa, Verehrung.
Argha-Mantra (Ehrenwasser): Oṃ, Verehrung dem Herrn der Herren der drei Welten, dem Gott der Götter, Hṛṣīkeśa, Viṣṇu. Oṃ, Verehrung dem Nārāyaṇa, Verehrung.
pādyamantraḥ: oṃ pādyaṃ pādayor deva padmanābha sanātana / viṣṇo kamalapattrākṣa gṛhāṇa madhusūdana // BrP_61.27 // oṃ namo nārāyaṇāya namaḥ ||61.27|
Fußwasser-Mantra (Pādya): Oṃ, [nimm] das Fußwasser für die Füße, o Gott, Lotosnabliger, Ewiger, o Viṣṇu mit den Augen wie Lotosblätter, empfange es, o Madhusūdana. Oṃ, Verehrung dem Nārāyaṇa, Verehrung.
Madhuparka-Mantra (Honigmischtrank): Den Madhuparka, o großer Gott, von Brahmā und den anderen für dich bereitet, von mir mit Hingabe dargebracht, empfange ihn, o Puruṣottama. Oṃ, Verehrung dem Nārāyaṇa, Verehrung.
Ācamana-Mantra (Trinkwasser): Das reine Wasser der Mandākinī [des Himmels-Ganges], alle Sünde hinwegnehmend, heilbringend – empfange du das Trinkwasser, von mir mit Hingabe dargebracht. Oṃ, Verehrung dem Nārāyaṇa, Verehrung.
snānamantraḥ: tvam āpaḥ pṛthivī caiva jyotis tvaṃ vāyur eva ca / lokeśa vṛttimātreṇa vāriṇā snāpayāmy aham // BrP_61.30 // oṃ namo nārāyaṇāya namaḥ ||61.30|
Bade-Mantra (Snāna): Du bist das Wasser, die Erde, und du bist das Licht und der Wind; o Herr der Welten, mit bloßem [rituellem] Vollzug bade ich dich mit Wasser. Oṃ, Verehrung dem Nārāyaṇa, Verehrung.
vastramantraḥ: devatattvasamāyukta yajñavarṇasamanvita / svarṇavarṇaprabhe deva vāsasī tava keśava // BrP_61.31 // oṃ namo nārāyaṇāya namaḥ ||61.31|
Gewand-Mantra (Vastra): O du, der mit dem Wesen der Gottheit verbunden ist, mit der Farbe des Opfers versehen, von goldfarbenem Glanz, o Gott – [dies sind] deine beiden Gewänder, o Keśava. Oṃ, Verehrung dem Nārāyaṇa, Verehrung.
vilepanamantraḥ: śarīraṃ te na jānāmi ceṣṭāṃ caiva ca keśava / mayā nivedito gandhaḥ pratigṛhya vilipyatām // BrP_61.32 // oṃ namo nārāyaṇāya namaḥ ||61.32|
Salböl-Mantra (Vilepana): Deinen Leib kenne ich nicht, noch dein Wirken, o Keśava; der von mir dargebrachte Duft möge, empfangen, [dir] aufgetragen werden. Oṃ, Verehrung dem Nārāyaṇa, Verehrung.
Opferschnur-Mantra (Upavīta): Die dreifach [gedrehte], mit dem Ṛg-, Yajur- und Sāma-Mantra [geweihte], vom Lotosgeborenen [Brahmā] stammende, mit dem Sāvitrī-Knoten versehene Opferschnur widme ich dir. Oṃ, Verehrung dem Nārāyaṇa, Verehrung.
Schmuck-Mantra (Alaṃkāra): O du, der mit göttlichen Juwelen versehen ist, glänzend wie Feuer und Sonne – mögen deine Glieder, mit Schmuck versehen, erstrahlen, o Mādhava. Oṃ, Verehrung dem Nārāyaṇa, Verehrung.
dhūpamantraḥ: vanaspatiraso divyo gandhāḍhyaḥ surabhiś ca te / mayā nivedito bhaktyā dhūpo 'yaṃ pratigṛhyatām // BrP_61.36 // oṃ namo nārāyaṇāya namaḥ ||61.36|
Räucherwerk-Mantra (Dhūpa): Dieser göttliche Baumharz-Saft, reich an Duft, wohlriechend, von mir mit Hingabe dargebracht – dieses Räucherwerk möge empfangen werden. Oṃ, Verehrung dem Nārāyaṇa, Verehrung.
dīpamantraḥ: sūryacandrasamo jyotir vidyudagnyos tathaiva ca / tvam eva jyotiṣāṃ deva dīpo 'yaṃ pratigṛhyatām // BrP_61.37 // oṃ namo nārāyaṇāya namaḥ ||61.37|
Lampen-Mantra (Dīpa): Das Licht, gleich Sonne und Mond, und ebenso von Blitz und Feuer – du selbst bist das [Licht] der Lichter, o Gott; diese Lampe möge empfangen werden. Oṃ, Verehrung dem Nārāyaṇa, Verehrung.
Speiseopfer-Mantra (Naivedya): Die vierfache Speise, mit den sechs Geschmacksrichtungen versehen, von mir mit Hingabe dargebracht – dies ist dein Speiseopfer, o Keśava. Oṃ, Verehrung dem Nārāyaṇa, Verehrung.
Wort für Wort
naivedyamantraḥ
Speiseopfer-Mantra
annam caturvidham ca eva
die vierfache Speise
rasaiḥ ṣaḍbhiḥ samanvitam
mit den sechs Geschmacksrichtungen versehen
mayā niveditam bhaktyā
von mir mit Hingabe dargebracht
naivedyam tava keśava
dein Speiseopfer, o Keśava
[Anm.: Nach dem Speiseopfer endet die eigentliche Abfolge der 16 Einzel-Upacāra-Mantras; die folgenden Verse (V39-46) wenden sich der räumlichen Anordnung der Gottheiten und Attribute im Maṇḍala zu.]
Auf dem östlichen [Lotos-]Blatt soll man Vāsudeva anlegen, auf dem südlichen Saṃkarṣaṇa; Pradyumna soll man auf dem westlichen anlegen, und ebenso Aniruddha auf dem nördlichen.
rechts die beiden göttlichen Köcher, und links das Schwert soll man anlegen; Śrī [die Glücksgöttin] rechts aufgestellt, Puṣṭi [die Wohlstandsgöttin] soll man nördlich anlegen,
und die Waldblumengirlande (Vanamālā) davor; dann [soll man] Śrīvatsa und Kaustubha [Zeichen und Juwel Viṣṇus], das Herz usw. [Herz-Haupt-Schopf-Panzer-Waffe] in den vier Himmelsrichtungen, beginnend im Osten, anlegen.
Nachdem man so den Gott der Götter, den im Maṇḍala befindlichen Janārdana, verehrt hat, erlangt der Mensch die gewünschten Wünsche – daran besteht kein Zweifel.
Nach eben dieser Vorschrift soll man Duft und Blumen darbringen; für jeden Einzelnen [der Gottheiten] soll man dies, wie angegeben, der Reihe nach vollziehen,
dann soll man die Handgesten (Mudrās), wie in der genannten Reihenfolge vorgeschrieben, ausführen; und das Murmeln (Japa) soll der Mantra-Kundige mit dem Wurzelmantra vollziehen,
arcanaṃ ye na jānanti harer mantrair yathoditam / te tatra mūlamantreṇa pūjayantv acyutaṃ sadā // BrP_61.57 //
Diejenigen, die die Verehrung Haris mit den [genannten] Mantras, wie vorgeschrieben, nicht kennen, sollen dort stets mit dem Wurzelmantra den Unvergänglichen (Acyuta) verehren.