Kapitel 107: vṛddhāsaṃgamamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Vṛddhā-Saṃgama (Vṛddheśvara-Tīrtha)
Der junge, entstellt (nasenlos) geborene Gautama – Sohn eines gleichnamigen Vaters, dessen eigener Gotra-Name er trägt – wird von Lehrer und Mitschülern gemieden, verlässt nach kärglicher Initiation die Heimat und zieht ruhelos umher, bis er in einer Höhle am Śītagiri eine geheimnisvolle, asketisch lebende alte Frau trifft, die sich als seine schicksalhaft bestimmte Gattin ausgibt (Rückblende: Tochter des Königs Ṛtadhvaja und der Gandharva-Apsaras Suśyāmā, die einst prophezeite, wer immer die Höhle betrete, werde ihr Gatte sein). Trotz des offensichtlichen Alters- und Standesunterschieds erhält Gautama durch ihre Askese-Verdienste bei Sarasvatī, den Wassern und Agni Wissen und schöne Gestalt und heiratet sie. Als vorbeiziehende Weise (u.a. Vasiṣṭha, Vāmadeva) das ungleiche Paar verspotten, suchen beide beschämt Rat bei Agastya, der sie zur Gautamī weist. Dort erwirkt Gautama durch Hymnen an Śiva, Viṣṇu und die Gaṅgā selbst, dass die Gautamī ihm ein Ritualbad verordnet, durch das beide – Gautama wie die Alte – vollkommene Schönheit erlangen; das Bad-Wasser wird selbst zum Fluss 'Vṛddhā' ('die Alte'), dessen Zusammenfluss mit der Gaṅgā fortan als Vṛddhāsaṃgama und das dort von Gautama errichtete Liṅga als Vṛddheśvara ('Herr der Alten') verehrt werden. Durchgehend mehrere einzeilige Asterisk-Halbverse (V17, V25, V35, V69), fünf dreizeilige Verse (V16, V37, V49, V64, V66) und ein unregelmäßiger vierpādiger Vers in besonderem Versmaß (V41).
{Brahmā sprach:} Der Vṛddhā-Saṃgama wurde genannt, wo Śiva als Vṛddheśvara [Herr der Alten] weilt; seine Erzählung will ich nun verkünden – höre sie, die sündenvertilgende!
Wort für Wort
vṛddhāsaṃgamam ākhyātaṃ
der Vṛddhā-Saṃgama (Zusammenfluss der Alten) wurde genannt
Gautama, 'der Alte' genannt, war ein Muni von großer Askese – dies, als er einst noch ein Knabe war, der Sohn eines [anderen] Gautama, ein Zweifachgeborener.
Wort für Wort
gautamo vṛddha ity ukto
Gautama, 'der Alte' genannt
munir āsīn mahātapāḥ
war ein Muni von großer Askesekraft
yadā purābhavad bālo
als er früher ein Knabe war
gautamasya suto dvijaḥ
der Sohn des Gautama, ein Zweifachgeborener
[Anm.: Sowohl Vater als auch Sohn tragen hier den Gotra-/Familiennamen 'Gautama'; der Sohn erhält im Verlauf den Beinamen 'Vṛddha' (der Alte).]
anāsaḥ sa purotpannas tasmād vikṛtarūpadhṛk /
sa vairāgyāj jagāmātha deśaṃ tīrtham itas tataḥ //
Nasenlos war er, von Geburt an, dadurch von entstellter Gestalt; aus Weltentsagung zog er fort, von Land zu Land, von Tīrtha zu Tīrtha, hierhin und dorthin.
Wort für Wort
anāsaḥ sa purotpannas
nasenlos war er, von Geburt an
tasmād vikṛtarūpadhṛk
dadurch von entstellter Gestalt
sa vairāgyāj jagāma
er zog aus Weltentsagung fort
atha deśaṃ tīrtham itas tataḥ
dann von Land zu Land, von Tīrtha zu Tīrtha, hierhin und dorthin
upanītaḥ kathaṃcic ca pitrā vai gautamena saḥ /
etāvatā gautamo 'pi vyagamac carituṃ bahiḥ //
Irgendwie wurde er von seinem Vater Gautama doch [noch] investiert [zur Upanayana geführt]; doch auch damit [begnügte er sich nicht, sondern] zog [wieder] fort, um draußen umherzuwandern.
Wort für Wort
upanītaḥ kathaṃcic ca
irgendwie [doch] investiert
pitrā vai gautamena saḥ
von seinem Vater Gautama, er
etāvatā gautamo 'pi
damit begnügte sich [Gautama] jedoch nicht, auch [er]
vyagamac carituṃ bahiḥ
er zog fort, um draußen umherzuwandern
[Anm.: 'etāvatā ... api' ("mit so viel ... auch") lässt offen, ob Vater oder Sohn das Subjekt ist; wir deuten es hier auf den Sohn, der trotz vollzogener Initiation weiterzieht, in Übereinstimmung mit dem Wandermotiv der Verse 3 und 11.]
evaṃ bahutithe kāle brahmamātrā dhṛte dvije /
naiva cādhyayanaṃ tasya saṃjātaṃ gautamasya hi //
So, als nach langer Zeit der Zweifachgeborene [nur] dem Namen nach ein Brahmane geworden war [d.h. bloß den Brahmanenstatus, nicht das Wissen, innehatte], kam es für ihn, für diesen Gautama, dennoch nie zum [vedischen] Studium.
Wort für Wort
evaṃ bahutithe kāle
so, nach langer Zeit
brahmamātrā dhṛte dvije
als der Zweifachgeborene [nur] dem Namen nach Brahmane war
Auch keine Übung in den [heiligen] Lehrschriften kam damals für Gautama zustande; stattdessen verrichtete er fortan stets den Feuerdienst, gelübdetreu.
gāyatryabhyāsamātreṇa brāhmaṇo nāmadhārakaḥ /
agnyupāsanamātraṃ ca gāyatryabhyasanaṃ tathā //
Allein durch die Übung des Gāyatrī[-Mantras] war er ein Brahmane [nur] dem Namen nach; allein die Verehrung des [Opfer-]Feuers und ebenso die Gāyatrī-Übung [waren sein ganzes Wissen].
tasyāyur vavṛdhe putra gautamasya cirāyuṣaḥ /
na dārasaṃgrahaṃ lebhe naiva dātāsti kanyakām //
Sein Leben, o Sohn, das des langlebigen Gautama, verlängerte sich immer weiter; doch er erlangte keine Gattin, noch gab es einen, der [ihm] eine Jungfrau [zur Frau] gegeben hätte.
So umherschweifend, ließ sich jener Gautama am Śītagiri [dem 'Kalten Berg'] nieder; dort erblickte er eine liebliche Höhle, von Ranken und Zweigen umkränzt.
Dort ließ sich der Fürst der Brahmanen nieder und fasste den Entschluss zu bleiben; nachdenklich betrat er [die Höhle] und erblickte eine überaus vortreffliche Frau.
Als er sie erblickte, erhob sich der vorzüglichste Muni, um ihr Ehrerbietung zu erweisen; doch sie hielt jenen Gautama, den vorzüglichsten Muni, der sich verneigen wollte, davon ab.
{vṛddhovāca:} gurus tvaṃ bhavitā mahyaṃ na māṃ vanditum arhasi /
āyur vidyā dhanaṃ kīrtir dharmaḥ svargādikaṃ ca yat /
tasya naśyati vai sarvaṃ yaṃ namasyati vai guruḥ //
{Die Alte sprach:} 'Du wirst [einst] mir zum Gebieter werden – darum geziemt es sich nicht, dass du mich verehrst. Denn alles, was Lebensdauer, Wissen, Reichtum, Ruhm, Rechtschaffenheit und dergleichen Himmelslohn ausmacht – all das schwindet nämlich demjenigen, den ein Höherstehender [fälschlich] verehrt.'
Wort für Wort
gurus tvaṃ bhavitā mahyaṃ
du wirst mir zum Gebieter/Lehrer werden
na māṃ vanditum arhasi
es geziemt sich nicht, dass du mich verehrst
āyur vidyā dhanaṃ kīrtir
Lebensdauer, Wissen, Reichtum, Ruhm
dharmaḥ svargādikaṃ ca yat
Rechtschaffenheit und was an Himmelslohn dergleichen ist
tasya naśyati vai sarvaṃ
all das schwindet nämlich
yaṃ namasyati vai guruḥ
demjenigen, den ein Höherstehender verehrt
[Anm.: die genaue Logik dieser sprichwortartigen Maxime bleibt im Sanskrit knapp und nicht restlos eindeutig; sinngemäß warnt sie ihn davor, sich vor ihr zu verneigen, da sie [als seine künftige Frau/'Herrin'] ihm eigentlich untergeordnet wäre.]
{gautama uvāca:} tapasvinī tvaṃ vṛddhā ca guṇajyeṣṭhā ca bhāminī /
alpavidyas tv alpavayā ahaṃ tava guruḥ katham //
{Gautama sprach:} 'Du bist eine Asketin, eine Alte, an Tugenden die Erste, eine [ehrwürdige] Herrin – ich aber bin wissensarm und jung an Jahren; wie [könnte] ich dein Gebieter sein?'
'Es gab einst den geliebten Sohn des Ārṣṭiṣeṇa, bekannt unter dem Namen Ṛtadhvaja – tugendhaft, klug, heldenhaft, dem Kṣatriya-Dharma ganz hingegeben.'
Wort für Wort
ārṣṭiṣeṇapriyaputra
der geliebte Sohn des Ārṣṭiṣeṇa
ṛtadhvaja iti śrutaḥ
bekannt unter dem Namen Ṛtadhvaja
guṇavān matimāñ śūraḥ
tugendhaft, klug, heldenhaft
kṣatradharmaparāyaṇaḥ
dem Kṣatriya-Dharma ganz hingegeben
[Anm.: Ārṣṭiṣeṇa = Patronymikon ('Sohn des Ṛṣṭiṣeṇa'); Ṛtadhvaja = Eigenname des Königssohns.]
'So kam es, o Hochgesinnter, zu Liebesspiel zwischen ihr und dem König; danach, sein Verlangen gestillt, verabschiedete sich der Fürst der Könige von ihr und ging nach Hause.'
{Die Alte sprach:} 'Nach diesen Worten ging meine Mutter fort, o Hochgesinnter; deshalb bist du der Mann, der hier eingetreten ist – kein anderer, jemals.'
svarge yāto mama bhrātā aham atraiva saṃsthitā /
ahaṃ brahman nānyavṛttā na mātā na pitā mama //
'[Auch] mein Bruder ging zum Himmel; ich aber bin eben hier verblieben. Ich, o Brahmane, habe kein anderes Los – weder Mutter noch Vater sind mehr bei mir.'
'Ich bin meine eigene Herrin, o Brahmane, eine hier ansässige Kṣatriya-Tochter; darum nimm mich zur Gattin, o Brahmane, mich, die im Gelübde Stehende, die einen Mann Begehrende.'
Wort für Wort
aham ātmeśvarī brahman
ich bin meine eigene Herrin, o Brahmane
niviṣṭā kṣatrakanyakā
die hier ansässige Kṣatriya-Tochter
tasmād bhajasva māṃ brahman
darum nimm mich zur Gattin, o Brahmane
vratasthāṃ puruṣārthinīm
die im Gelübde Stehende, die einen Mann Begehrende
{Gautama sprach:} 'Ich habe zwar tausend Jahre Lebenszeit, o Gute, doch du bist älter an Jahren als ich; ich bin ein Knabe, du hingegen alt – das passt in keiner Weise zueinander.'
{vṛddhovāca:} tvaṃ bhartā me purā diṣṭo nānyo bhartā mato mama /
dhātrā dattas tatas tvaṃ māṃ na nirākartum arhasi //
{Die Alte sprach:} 'Du wurdest mir einst von der Fügung als Gatte bestimmt; kein anderer Gatte gilt mir; von der Fügung [selbst] wurdest du mir gegeben – darum geziemt es sich nicht, dass du mich zurückweist.'
Wort für Wort
tvaṃ bhartā me purā diṣṭo
du wurdest mir einst als Gatte bestimmt
nānyo bhartā mato mama
kein anderer Gatte gilt mir
dhātrā dattas tatas tvaṃ
von der Fügung wurdest du [mir] gegeben
māṃ na nirākartum arhasi
es geziemt sich nicht, dass du mich zurückweist
[Anm.: 'dhātṛ' hier eher als unpersönliche 'Fügung/Schicksal' denn als konkrete Gottheit zu verstehen.]
apekṣitāprāptito hi dehināṃ maraṇaṃ varam /
anuraktajanatyāge pātakānto na vidyate //
'Denn besser ist für verkörperte Wesen der Tod, wenn das Ersehnte nicht erreicht wird; beim Verlassen eines liebenden Menschen gibt es keine Grenze der Sünde [d.h. es ist eine unermessliche Sünde].'
{gautama uvāca:} ahaṃ tapovirahito vidyāhīno hy akiṃcanaḥ /
nāhaṃ varo hi yogyas te kurūpo bhogavarjitaḥ //
{Gautama sprach:} 'Ich bin ohne Askese-Kraft, ohne Wissen, ja, mittellos; ich bin fürwahr kein für dich geeigneter Bräutigam, hässlich von Gestalt, aller Genüsse entbehrend.'
Wort für Wort
ahaṃ tapovirahito
ich bin ohne Askese-Kraft
vidyāhīno hy akiṃcanaḥ
ohne Wissen, ja, mittellos
nāhaṃ varo hi yogyas te
ich bin fürwahr kein für dich geeigneter Bräutigam
anāso 'haṃ kiṃ karomi atapovidya eva ca /
tasmāt surūpaṃ suvidyām āpādya prathamaṃ śubhe /
paścāt te vacanaṃ kāryaṃ tato vṛddhābravīd dvijam //
'Nasenlos bin ich – was tue ich, da ich doch ohne Askese und Wissen bin? Verschaffe daher zuerst schöne Gestalt und gutes Wissen, Holde – danach [erst] soll dein Wunsch erfüllt werden.' Darauf sprach die Alte zu dem Zweifachgeborenen:
{vṛddhovāca:} mayā sarasvatī devī toṣitā tapasā dvija /
tathaivāpo rūpavatyo rūpadātāgnir eva ca //
{Die Alte sprach:} 'Von mir wurde die Göttin Sarasvatī durch Askese zufriedengestellt, o Zweifachgeborener, ebenso die gestaltschönen Wasser, und auch Agni, der Gestalt-Verleiher.'
Wort für Wort
mayā sarasvatī devī
von mir wurde die Göttin Sarasvatī
toṣitā tapasā dvija
durch Askese zufriedengestellt, o Zweifachgeborener
tasmād vāgīśvarī devī sā te vidyāṃ pradāsyati /
agniś ca rūpavān devas tava rūpaṃ pradāsyati //
'Darum wird jene Göttin Vāgīśvarī [Herrin der Rede, Sarasvatī] dir Wissen verleihen, und der gestaltschöne Gott Agni wird dir schöne Gestalt verleihen.'
{Brahmā sprach:} Nachdem sie so zu jenem Gautama gesprochen hatte, wandte sich die Alte an Vibhāvasu [Agni]; nachdem sie [ihn] gebeten hatte, machte sie jenen Muni wissensreich und wohlgestaltet.
Wort für Wort
evam uktvā gautamaṃ taṃ
so zu jenem Gautama gesprochen
vṛddhovāca vibhāvasum
wandte sich die Alte an Vibhāvasu (Agni)
prārthayitvā suvidyaṃ taṃ
nachdem sie [ihn] gebeten hatte, jenen wissensreich
Darauf, nun wissensreich, schön und anmutig, nahm er, von Liebe erfüllt, die Alte zur Gattin; mit ihr, der Bezaubernden, genoss er viele Jahre lang glücklich und frohen Sinnes [das Leben] in der Höhle.
Wort für Wort
tataḥ suvidyaḥ subhagaḥ sukānto
darauf, wissensreich, schön und anmutig
vṛddhāṃ sa patnīm akarot prītiyuktaḥ
nahm er, von Liebe erfüllt, die Alte zur Gattin
tayā sa reme bahulā manojñayā
mit ihr, der Bezaubernden, genoss er lange Zeit
samāḥ sukhaṃ prītamanā guhāyām
glücklich und frohen Sinnes, Jahre hindurch, in der Höhle
[Anm.: unregelmäßiger vierpādiger Vers in besonderem Versmaß (Padas a-d).]
ye bālā yauvanonmattā vayasā ye ca madhyamāḥ /
vṛddhāṃ ca gautamaṃ prekṣya jahasus tatra kecana //
Diejenigen, die jung und von Jugend berauscht waren, und die, die mittleren Alters waren – manche von ihnen verlachten dort, als sie die Alte und Gautama erblickten.
'Gift ist dem Alten die Junge, Amṛta [Nektar] ist der Alten der Junge – eine Vereinigung von Erwünschtem und Unerwünschtem haben wir hier erblickt, ach, nach langer Zeit wieder einmal!'
Wort für Wort
viṣaṃ vṛddhasya yuvatī
Gift ist dem Alten die Junge
vṛddhāyā amṛtaṃ yuvā
Amṛta ist der Alten der Junge
iṣṭāniṣṭasamāyogo
eine Vereinigung von Erwünschtem und Unerwünschtem
dṛṣṭo 'smābhir aho cirāt
haben wir erblickt, ach, nach langer Zeit
[Anm.: sprichwörtliche Formel über das Missverhältnis ungleicher Ehepartner.]
{Brahmā sprach:} So sprachen manche [von ihnen], während das Ehepaar [es mit an]hörte; nach diesen Worten, nachdem ihnen Gastfreundschaft erwiesen worden war, zogen alle Großweisen wieder fort.
Wort für Wort
ity evam ūcire kecid
so sprachen manche
daṃpatyoḥ śṛṇvatos tadā
während das Ehepaar [es] damals hörte
evam uktvā kṛtātithyā
nach diesen Worten, nachdem Gastfreundschaft erwiesen war
ṛṣīṇāṃ vacanaṃ śrutvā ubhāv api suduḥkhitau /
lajjitau ca mahāprājñau gautamo bhāryayā saha /
papraccha muniśārdūlam agastyam ṛṣisattamam //
Nachdem sie die Worte der Weisen gehört hatten, waren beide, [obwohl] hochweise, sehr betrübt und beschämt; Gautama fragte zusammen mit seiner Gattin den Muni-Tiger Agastya, den Vorzüglichsten der Weisen:
{Agastya sprach:} 'Von redenden Munis, o Brahmane, habe ich dieses Wort gehört: An der Gautamī werden alle Wünsche erfüllt – daran besteht kein Zweifel.'
{brahmovāca:} etac chrutvāgastyavākyaṃ vṛddhayā gautamo 'bhyagāt /
tatra tepe tapas tīvraṃ patnyā sa bhagavān ṛṣiḥ //
{Brahmā sprach:} Nachdem er dieses Wort Agastyas gehört hatte, begab sich Gautama mit der Alten [dorthin]; dort übte der ehrwürdige Weise zusammen mit seiner Gattin strenge Askese.
{Gautama sprach:} 'Für die in diesem Dasein Ermatteten bist du allein die Zuflucht, o Śiva – wie ein von Geliebter begleiteter Baum [Schatten spendet] den Wanderern in der Wüstenei.'
'Für die hohen und niederen Wesen [bist du] auf jede Weise der Sündenvertreiber; für die von Dürre versengten Saaten [bist] du wie eine [regenspendende] Wolke, o Dunkler.'
Wort für Wort
uccāvacānāṃ bhūtānāṃ
für die hohen und niederen Wesen
sarvathā pāpanodanaḥ
auf jede Weise der Sündenvertreiber
sasyānāṃ ghanavat kṛṣṇa
für die Saaten wie eine Wolke, o Dunkler
tvam avagrahaśoṣiṇām
du, für die von Dürre Versengten
[Anm.: die Anrede 'Kṛṣṇa' (der Dunkle) für Śiva ist ungewöhnlich; der Text hat zuvor (V54) Śiva und Viṣṇu gemeinsam angerufen, hier wird möglicherweise fließend zwischen beiden gewechselt.]
'Du bist die Leiter zur schwer erreichbaren Vaikuṇṭha-[Feste], die nektarwogende [Flüssin] – sei du, o Gautamī, Zuflucht für die Niedergesunkenen, für die Gequälten.'
Wort für Wort
vaikuṇṭhadurganiḥśreṇis
die Leiter zur schwer erreichbaren Vaikuṇṭha-Feste
tvaṃ pīyūṣataraṃgiṇī
du, die nektarwogende [Flüssin]
adhogatānāṃ taptānāṃ
für die Niedergesunkenen, für die Gequälten
śaraṇaṃ bhava gautami
sei Zuflucht, o Gautamī
[Anm.: Anrede wechselt hier von Śiva/Viṣṇu zur Flussgöttin Gautamī selbst.]
{Brahmā sprach:} Darauf sprach die zufriedengestellte, zufluchtgewährende Gautamī freudig ein Wort zu Gautama, der, samt der Alten, elend und leidend, Zuflucht gesucht hatte.
{Die Gautamī sprach:} 'Besprenge du deine Gattin mit meinem [Bade-]Wasser, das von Mantras begleitet ist, mit [Wasser-]Krügen und rituellen Diensten – dann [wird] deine liebe Gattin ...'
{brahmovāca:} tatheti gāṅgavacanād yathoktaṃ tau ca cakratuḥ /
surūpatām ubhau prāptau gautamyāś ca prasādataḥ //
{Brahmā sprach:} 'So sei es' – gemäß dem Wort der Gaṅgā taten die beiden, wie gesagt worden war, und durch die Gnade der Gautamī erlangten beide schöne Gestalt.
Als 'Vṛddhā' ('die Alte') wurde der Fluss berühmt, und auch Gautama wurde ebenso genannt – 'Vṛddha-Gautama' wurde er von den mit ihm dort wohnenden Weisen genannt. Die Alte aber sprach zur Gaṅgā, die in sichtbarer Gestalt [vor ihr erschienen war]:
Wort für Wort
vṛddhā nadīti vikhyātā
als 'Vṛddhā' wurde der Fluss berühmt
gautamo 'pi tathocyate
auch Gautama wurde ebenso genannt
vṛddhagautama ity ukta
'Vṛddha-Gautama' genannt
ṛṣibhiḥ samavāsibhiḥ
von den mit ihm zusammen wohnenden Weisen
vṛddhā tu gautamīṃ prāha
die Alte aber sprach zur Gautamī
gaṅgāṃ pratyakṣarūpiṇīm
zur Gaṅgā, die in sichtbarer Gestalt [erschienen war]
{Die Alte sprach:} 'Nach meinem Namen soll dieser Fluss, o Göttin, 'Vṛddhā' genannt werden; und die Vereinigung von dir mit ihr sei deren unübertreffliches Tīrtha.'
'[Es gewährt] Reichtum an Schönheit und Glück, Mehrung von Söhnen und Enkeln, langes Leben, Gesundheit, Wohlergehen, Mehrung von Sieg und Freude, und durch Bad, Gabe, Opfer und dergleichen die höchste Reinigung der Ahnen.'
{Brahmā sprach:} 'So sei es' – sprach die Gaṅgā zu jener wohlbetagten, Gautama teuren [Frau]; das von Gautama errichtete Liṅga wurde eben unter dem Namen 'Vṛddha' gepriesen.