Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 107: vṛddhāsaṃgamamāhātmyavarṇanam Die Größe des Vṛddhā-Saṃgama (Vṛddheśvara-Tīrtha)

Der junge, entstellt (nasenlos) geborene Gautama – Sohn eines gleichnamigen Vaters, dessen eigener Gotra-Name er trägt – wird von Lehrer und Mitschülern gemieden, verlässt nach kärglicher Initiation die Heimat und zieht ruhelos umher, bis er in einer Höhle am Śītagiri eine geheimnisvolle, asketisch lebende alte Frau trifft, die sich als seine schicksalhaft bestimmte Gattin ausgibt (Rückblende: Tochter des Königs Ṛtadhvaja und der Gandharva-Apsaras Suśyāmā, die einst prophezeite, wer immer die Höhle betrete, werde ihr Gatte sein). Trotz des offensichtlichen Alters- und Standesunterschieds erhält Gautama durch ihre Askese-Verdienste bei Sarasvatī, den Wassern und Agni Wissen und schöne Gestalt und heiratet sie. Als vorbeiziehende Weise (u.a. Vasiṣṭha, Vāmadeva) das ungleiche Paar verspotten, suchen beide beschämt Rat bei Agastya, der sie zur Gautamī weist. Dort erwirkt Gautama durch Hymnen an Śiva, Viṣṇu und die Gaṅgā selbst, dass die Gautamī ihm ein Ritualbad verordnet, durch das beide – Gautama wie die Alte – vollkommene Schönheit erlangen; das Bad-Wasser wird selbst zum Fluss 'Vṛddhā' ('die Alte'), dessen Zusammenfluss mit der Gaṅgā fortan als Vṛddhāsaṃgama und das dort von Gautama errichtete Liṅga als Vṛddheśvara ('Herr der Alten') verehrt werden. Durchgehend mehrere einzeilige Asterisk-Halbverse (V17, V25, V35, V69), fünf dreizeilige Verse (V16, V37, V49, V64, V66) und ein unregelmäßiger vierpādiger Vers in besonderem Versmaß (V41).

{brahmovāca:} vṛddhāsaṃgamam ākhyātaṃ yatra vṛddheśvaraḥ śivaḥ / tasyākhyānaṃ pravakṣyāmi śṛṇu pāpapraṇāśanam //

{Brahmā sprach:} Der Vṛddhā-Saṃgama wurde genannt, wo Śiva als Vṛddheśvara [Herr der Alten] weilt; seine Erzählung will ich nun verkünden – höre sie, die sündenvertilgende!

Wort für Wort
vṛddhāsaṃgamam ākhyātaṃ
der Vṛddhā-Saṃgama (Zusammenfluss der Alten) wurde genannt
yatra vṛddheśvaraḥ śivaḥ
wo Śiva als Vṛddheśvara (Herr der Alten) weilt
tasya ākhyānaṃ pravakṣyāmi
dessen Erzählung will ich verkünden
śṛṇu pāpapraṇāśanam
höre sie, die sündenvertilgende

gautamo vṛddha ity ukto munir āsīn mahātapāḥ / yadā purābhavad bālo gautamasya suto dvijaḥ //

Gautama, 'der Alte' genannt, war ein Muni von großer Askese – dies, als er einst noch ein Knabe war, der Sohn eines [anderen] Gautama, ein Zweifachgeborener.

Wort für Wort
gautamo vṛddha ity ukto
Gautama, 'der Alte' genannt
munir āsīn mahātapāḥ
war ein Muni von großer Askesekraft
yadā purābhavad bālo
als er früher ein Knabe war
gautamasya suto dvijaḥ
der Sohn des Gautama, ein Zweifachgeborener

[Anm.: Sowohl Vater als auch Sohn tragen hier den Gotra-/Familiennamen 'Gautama'; der Sohn erhält im Verlauf den Beinamen 'Vṛddha' (der Alte).]

anāsaḥ sa purotpannas tasmād vikṛtarūpadhṛk / sa vairāgyāj jagāmātha deśaṃ tīrtham itas tataḥ //

Nasenlos war er, von Geburt an, dadurch von entstellter Gestalt; aus Weltentsagung zog er fort, von Land zu Land, von Tīrtha zu Tīrtha, hierhin und dorthin.

Wort für Wort
anāsaḥ sa purotpannas
nasenlos war er, von Geburt an
tasmād vikṛtarūpadhṛk
dadurch von entstellter Gestalt
sa vairāgyāj jagāma
er zog aus Weltentsagung fort
atha deśaṃ tīrtham itas tataḥ
dann von Land zu Land, von Tīrtha zu Tīrtha, hierhin und dorthin

upādhyāyena naivāsīl lajjitasya samāgamaḥ / śiṣyair anyaiḥ sahādhyāyo lajjitasya ca nābhavat //

Mit dem Lehrer gab es für den Beschämten keinen Umgang, und mit den anderen Schülern gab es für den Beschämten auch kein gemeinsames Studium.

Wort für Wort
upādhyāyena naivāsīl
mit dem Lehrer gab es nicht
lajjitasya samāgamaḥ
für den Beschämten Umgang
śiṣyair anyaiḥ sahādhyāyo
mit den anderen Schülern gemeinsames Studium
lajjitasya ca nābhavat
gab es für den Beschämten auch nicht

upanītaḥ kathaṃcic ca pitrā vai gautamena saḥ / etāvatā gautamo 'pi vyagamac carituṃ bahiḥ //

Irgendwie wurde er von seinem Vater Gautama doch [noch] investiert [zur Upanayana geführt]; doch auch damit [begnügte er sich nicht, sondern] zog [wieder] fort, um draußen umherzuwandern.

Wort für Wort
upanītaḥ kathaṃcic ca
irgendwie [doch] investiert
pitrā vai gautamena saḥ
von seinem Vater Gautama, er
etāvatā gautamo 'pi
damit begnügte sich [Gautama] jedoch nicht, auch [er]
vyagamac carituṃ bahiḥ
er zog fort, um draußen umherzuwandern

[Anm.: 'etāvatā ... api' ("mit so viel ... auch") lässt offen, ob Vater oder Sohn das Subjekt ist; wir deuten es hier auf den Sohn, der trotz vollzogener Initiation weiterzieht, in Übereinstimmung mit dem Wandermotiv der Verse 3 und 11.]

evaṃ bahutithe kāle brahmamātrā dhṛte dvije / naiva cādhyayanaṃ tasya saṃjātaṃ gautamasya hi //

So, als nach langer Zeit der Zweifachgeborene [nur] dem Namen nach ein Brahmane geworden war [d.h. bloß den Brahmanenstatus, nicht das Wissen, innehatte], kam es für ihn, für diesen Gautama, dennoch nie zum [vedischen] Studium.

Wort für Wort
evaṃ bahutithe kāle
so, nach langer Zeit
brahmamātrā dhṛte dvije
als der Zweifachgeborene [nur] dem Namen nach Brahmane war
naiva cādhyayanaṃ tasya
kam es für ihn nie zum [vedischen] Studium
saṃjātaṃ gautamasya hi
für diesen Gautama fürwahr

naiva śāstrasya cābhyāso gautamasyābhavat tadā / agnikāryaṃ tataś cakre nityam eva yatavrataḥ //

Auch keine Übung in den [heiligen] Lehrschriften kam damals für Gautama zustande; stattdessen verrichtete er fortan stets den Feuerdienst, gelübdetreu.

Wort für Wort
naiva śāstrasya cābhyāso
auch keine Übung der Lehrschriften
gautamasyābhavat tadā
kam damals für Gautama zustande
agnikāryaṃ tataś cakre
den Feuerdienst verrichtete er fortan
nityam eva yatavrataḥ
stets, gelübdetreu

gāyatryabhyāsamātreṇa brāhmaṇo nāmadhārakaḥ / agnyupāsanamātraṃ ca gāyatryabhyasanaṃ tathā //

Allein durch die Übung des Gāyatrī[-Mantras] war er ein Brahmane [nur] dem Namen nach; allein die Verehrung des [Opfer-]Feuers und ebenso die Gāyatrī-Übung [waren sein ganzes Wissen].

Wort für Wort
gāyatryabhyāsamātreṇa
allein durch die Übung des Gāyatrī
brāhmaṇo nāmadhārakaḥ
war er ein Brahmane [nur] dem Namen nach
agnyupāsanamātraṃ ca
allein die Feuerverehrung
gāyatryabhyasanaṃ tathā
und ebenso die Gāyatrī-Übung

etāvatā brāhmaṇatvaṃ gautamasyābhavan mune / upāsato 'gniṃ vidhivad gāyatrīṃ ca mahātmanaḥ //

Allein dadurch bestand, o Muni, das Brahmanentum Gautamas, des Hochgesinnten, der vorschriftsgemäß das Feuer verehrte und die Gāyatrī [rezitierte].

Wort für Wort
etāvatā brāhmaṇatvaṃ
allein dadurch [bestand] das Brahmanentum
gautamasyābhavan mune
Gautamas, o Muni
upāsato 'gniṃ vidhivad
der vorschriftsgemäß das Feuer verehrte
gāyatrīṃ ca mahātmanaḥ
und die Gāyatrī [rezitierte], des Hochgesinnten

tasyāyur vavṛdhe putra gautamasya cirāyuṣaḥ / na dārasaṃgrahaṃ lebhe naiva dātāsti kanyakām //

Sein Leben, o Sohn, das des langlebigen Gautama, verlängerte sich immer weiter; doch er erlangte keine Gattin, noch gab es einen, der [ihm] eine Jungfrau [zur Frau] gegeben hätte.

Wort für Wort
tasyāyur vavṛdhe putra
sein Leben verlängerte sich, o Sohn
gautamasya cirāyuṣaḥ
des langlebigen Gautama
na dārasaṃgrahaṃ lebhe
er erlangte keine Gattin
naiva dātāsti kanyakām
auch gab es keinen Geber einer Jungfrau

tathā caraṃs tīrthadeśe vaneṣu vividheṣu ca / āśrameṣu ca puṇyeṣu aṭann āste sa gautamaḥ //

So wandernd im Tīrtha-Land, in mancherlei Wäldern, und umherziehend in heiligen Einsiedeleien, verweilte jener Gautama.

Wort für Wort
tathā caraṃs tīrthadeśe
so wandernd im Tīrtha-Land
vaneṣu vividheṣu ca
und in mancherlei Wäldern
āśrameṣu ca puṇyeṣu
und in heiligen Einsiedeleien
aṭann āste sa gautamaḥ
umherziehend verweilte jener Gautama

evaṃ bhramañ śītagirim āśrityāste sa gautamaḥ / tatrāpaśyad guhāṃ ramyāṃ vallīviṭapamālinīm //

So umherschweifend, ließ sich jener Gautama am Śītagiri [dem 'Kalten Berg'] nieder; dort erblickte er eine liebliche Höhle, von Ranken und Zweigen umkränzt.

Wort für Wort
evaṃ bhramañ śītagirim
so umherschweifend, am Śītagiri (Kalten Berg)
āśrityāste sa gautamaḥ
ließ sich jener Gautama nieder
tatrāpaśyad guhāṃ ramyāṃ
dort erblickte er eine liebliche Höhle
vallīviṭapamālinīm
von Ranken und Zweigen umkränzt

tatropaviśya viprendro vastuṃ samakaron matim / cintayaṃs tu praviṣṭo 'sāv apaśyat striyam uttamām //

Dort ließ sich der Fürst der Brahmanen nieder und fasste den Entschluss zu bleiben; nachdenklich betrat er [die Höhle] und erblickte eine überaus vortreffliche Frau.

Wort für Wort
tatropaviśya viprendro
dort niedergelassen, der Fürst der Brahmanen
vastuṃ samakaron matim
fasste den Entschluss zu bleiben
cintayaṃs tu praviṣṭo 'sāv
nachdenklich aber trat er ein
apaśyat striyam uttamām
und erblickte eine überaus vortreffliche Frau

śithilāṅgīm atha kṛśāṃ vṛddhāṃ ca tapasi sthitām / brahmacaryeṇa vartantīṃ virāgāṃ rahasi sthitām //

Sie war schlaffgliedrig und abgemagert, alt, in Askese verharrend, in Keuschheit lebend, leidenschaftslos, an einsamem Ort weilend.

Wort für Wort
śithilāṅgīm atha kṛśāṃ
schlaffgliedrig und abgemagert
vṛddhāṃ ca tapasi sthitām
alt, in Askese verharrend
brahmacaryeṇa vartantīṃ
in Keuschheit lebend
virāgāṃ rahasi sthitām
leidenschaftslos, an einsamem Ort weilend

sa tāṃ dṛṣṭvā muniśreṣṭho namaskārāya tasthivān / namasyantaṃ muniśreṣṭhaṃ taṃ gautamam avārayat //

Als er sie erblickte, erhob sich der vorzüglichste Muni, um ihr Ehrerbietung zu erweisen; doch sie hielt jenen Gautama, den vorzüglichsten Muni, der sich verneigen wollte, davon ab.

Wort für Wort
sa tāṃ dṛṣṭvā muniśreṣṭho
er, der vorzüglichste Muni, sie erblickend
namaskārāya tasthivān
erhob sich, um Ehrerbietung zu erweisen
namasyantaṃ muniśreṣṭhaṃ
den sich verneigenden vorzüglichsten Muni
taṃ gautamam avārayat
jenen Gautama hielt sie davon ab

{vṛddhovāca:} gurus tvaṃ bhavitā mahyaṃ na māṃ vanditum arhasi / āyur vidyā dhanaṃ kīrtir dharmaḥ svargādikaṃ ca yat / tasya naśyati vai sarvaṃ yaṃ namasyati vai guruḥ //

{Die Alte sprach:} 'Du wirst [einst] mir zum Gebieter werden – darum geziemt es sich nicht, dass du mich verehrst. Denn alles, was Lebensdauer, Wissen, Reichtum, Ruhm, Rechtschaffenheit und dergleichen Himmelslohn ausmacht – all das schwindet nämlich demjenigen, den ein Höherstehender [fälschlich] verehrt.'

Wort für Wort
gurus tvaṃ bhavitā mahyaṃ
du wirst mir zum Gebieter/Lehrer werden
na māṃ vanditum arhasi
es geziemt sich nicht, dass du mich verehrst
āyur vidyā dhanaṃ kīrtir
Lebensdauer, Wissen, Reichtum, Ruhm
dharmaḥ svargādikaṃ ca yat
Rechtschaffenheit und was an Himmelslohn dergleichen ist
tasya naśyati vai sarvaṃ
all das schwindet nämlich
yaṃ namasyati vai guruḥ
demjenigen, den ein Höherstehender verehrt

[Anm.: die genaue Logik dieser sprichwortartigen Maxime bleibt im Sanskrit knapp und nicht restlos eindeutig; sinngemäß warnt sie ihn davor, sich vor ihr zu verneigen, da sie [als seine künftige Frau/'Herrin'] ihm eigentlich untergeordnet wäre.]

kṛtāñjalipuṭas tāṃ vai gautamaḥ prāha vismitaḥ //*

Mit gefalteten Händen [zum Gruß] sprach Gautama, erstaunt, zu ihr:

Wort für Wort
kṛtāñjalipuṭas tāṃ vai
mit gefalteten Händen, zu ihr
gautamaḥ prāha vismitaḥ
sprach Gautama, erstaunt

[Anm.: unvollständiger Halbvers im Original (mit * markiert).]

{gautama uvāca:} tapasvinī tvaṃ vṛddhā ca guṇajyeṣṭhā ca bhāminī / alpavidyas tv alpavayā ahaṃ tava guruḥ katham //

{Gautama sprach:} 'Du bist eine Asketin, eine Alte, an Tugenden die Erste, eine [ehrwürdige] Herrin – ich aber bin wissensarm und jung an Jahren; wie [könnte] ich dein Gebieter sein?'

Wort für Wort
tapasvinī tvaṃ vṛddhā ca
du bist eine Asketin und alt
guṇajyeṣṭhā ca bhāminī
an Tugenden die Erste, eine Herrin
alpavidyas tv alpavayā
wissensarm aber und jung an Jahren
ahaṃ tava guruḥ katham
wie [könnte] ich dein Gebieter sein

ārṣṭiṣeṇapriyaputra ṛtadhvaja iti śrutaḥ / guṇavān matimāñ śūraḥ kṣatradharmaparāyaṇaḥ //

'Es gab einst den geliebten Sohn des Ārṣṭiṣeṇa, bekannt unter dem Namen Ṛtadhvaja – tugendhaft, klug, heldenhaft, dem Kṣatriya-Dharma ganz hingegeben.'

Wort für Wort
ārṣṭiṣeṇapriyaputra
der geliebte Sohn des Ārṣṭiṣeṇa
ṛtadhvaja iti śrutaḥ
bekannt unter dem Namen Ṛtadhvaja
guṇavān matimāñ śūraḥ
tugendhaft, klug, heldenhaft
kṣatradharmaparāyaṇaḥ
dem Kṣatriya-Dharma ganz hingegeben

[Anm.: Ārṣṭiṣeṇa = Patronymikon ('Sohn des Ṛṣṭiṣeṇa'); Ṛtadhvaja = Eigenname des Königssohns.]

sa kadācid vanaṃ prāyān mṛgayākṛṣṭacetanaḥ / viśrāmam akarod asyāṃ guhāyāṃ sa ṛtadhvajaḥ //

'Einst zog er, von der Jagd angezogenen Sinnes, in den Wald; in eben dieser Höhle machte jener Ṛtadhvaja Rast.'

Wort für Wort
sa kadācid vanaṃ prāyān
er zog einst in den Wald
mṛgayākṛṣṭacetanaḥ
von der Jagd angezogenen Sinnes
viśrāmam akarod asyāṃ
er machte Rast in eben dieser
guhāyāṃ sa ṛtadhvajaḥ
Höhle, jener Ṛtadhvaja

yuvā sa matimān dakṣo balena mahatā vṛtaḥ / taṃ viśrāntaṃ nṛpavaram apsarā dadṛśe tataḥ //

'Er, der Jüngling, klug, geschickt, von großer Kraft umgeben – ihn, den ruhenden vortrefflichen König, erblickte darauf eine Apsaras.'

Wort für Wort
yuvā sa matimān dakṣo
er, der Jüngling, klug, geschickt
balena mahatā vṛtaḥ
von großer Kraft umgeben
taṃ viśrāntaṃ nṛpavaram
ihn, den ruhenden vortrefflichen König
apsarā dadṛśe tataḥ
erblickte darauf eine Apsaras

gandharvarājasya sutā suśyāmā iti viśrutā / tāṃ dṛṣṭvā cakame rājā rājānaṃ cakame ca sā //

'Sie war die Tochter des Gandharva-Königs, bekannt als Suśyāmā; als er sie erblickte, begehrte der König sie, und auch sie begehrte den König.'

Wort für Wort
gandharvarājasya sutā
die Tochter des Gandharva-Königs
suśyāmā iti viśrutā
bekannt als Suśyāmā
tāṃ dṛṣṭvā cakame rājā
sie erblickend begehrte sie der König
rājānaṃ cakame ca sā
und sie begehrte den König

iti krīḍā samabhavat tayā rājño mahāmate / nivṛttakāmo rājendras tām āpṛcchyāgamad gṛham //

'So kam es, o Hochgesinnter, zu Liebesspiel zwischen ihr und dem König; danach, sein Verlangen gestillt, verabschiedete sich der Fürst der Könige von ihr und ging nach Hause.'

Wort für Wort
iti krīḍā samabhavat
so kam es zum Liebesspiel
tayā rājño mahāmate
zwischen ihr und dem König, o Hochgesinnter
nivṛttakāmo rājendras
sein Verlangen gestillt, der Fürst der Könige
tām āpṛcchyāgamad gṛham
verabschiedete sich von ihr und ging nach Hause

utpannāhaṃ tatas tasyāṃ suśyāmāyāṃ mahāmate / gacchantī māṃ tadā mātā idam āha tapodhana //

'Ich wurde daraufhin aus jener Suśyāmā geboren, o Hochgesinnter; als meine Mutter [von dort] wegging, sprach sie damals dies zu mir, o Asket.'

Wort für Wort
utpannāhaṃ tatas tasyāṃ
ich wurde daraufhin aus ihr geboren
suśyāmāyāṃ mahāmate
aus [jener] Suśyāmā, o Hochgesinnter
gacchantī māṃ tadā mātā
die weggehende Mutter zu mir, damals
idam āha tapodhana
sprach dies, o Asket

{suśyāmovāca:} yas tv asyāṃ praviśed bhadre sa te bhartā bhaviṣyati //*

{Suśyāmā sprach:} 'Wer immer in diese [Höhle] eintreten wird, o Gute, der wird dein Gatte sein.'

Wort für Wort
yas tv asyāṃ praviśed bhadre
wer in diese eintreten wird, o Gute
sa te bhartā bhaviṣyati
der wird dein Gatte sein

[Anm.: unvollständiger Halbvers im Original (mit * markiert).]

{vṛddhovāca:} ity uktvā sā jagamātha mātā mama mahāmate / tasmād atra praviṣṭas tvaṃ pumān nānyaḥ kadācana //

{Die Alte sprach:} 'Nach diesen Worten ging meine Mutter fort, o Hochgesinnter; deshalb bist du der Mann, der hier eingetreten ist – kein anderer, jemals.'

Wort für Wort
ity uktvā sā jagamātha
nach diesen Worten ging sie fort
mātā mama mahāmate
meine Mutter, o Hochgesinnter
tasmād atra praviṣṭas tvaṃ
deshalb bist du, der hier Eingetretene
pumān nānyaḥ kadācana
der Mann, kein anderer, jemals

sahasrāṇi tathāśītiṃ kṛtvā rājyaṃ pitā mama / atraiva ca tapas taptvā tataḥ svargam upeyivān //

'Achtzigtausend Jahre lang übte mein Vater die Herrschaft aus, und eben hier übte er Askese; danach ging er zum Himmel ein.'

Wort für Wort
sahasrāṇi tathāśītiṃ
achtzigtausend [Jahre]
kṛtvā rājyaṃ pitā mama
übte mein Vater die Herrschaft aus
atraiva ca tapas taptvā
und übte eben hier Askese
tataḥ svargam upeyivān
danach ging er zum Himmel ein

svargaṃ yāte 'pi pitari sahasrāṇi tathā daśa / varṣāṇi muniśārdūla rājyaṃ kṛtvā tathā paraḥ //

'Als [auch] mein Vater zum Himmel gegangen war, herrschte ebenso, o Muni-Tiger, der andere [d.h. mein Bruder] zehntausend Jahre lang.'

Wort für Wort
svargaṃ yāte 'pi pitari
als auch der Vater zum Himmel gegangen war
sahasrāṇi tathā daśa
ebenso zehntausend
varṣāṇi muniśārdūla
Jahre, o Muni-Tiger
rājyaṃ kṛtvā tathā paraḥ
übte ebenso der andere die Herrschaft aus

svarge yāto mama bhrātā aham atraiva saṃsthitā / ahaṃ brahman nānyavṛttā na mātā na pitā mama //

'[Auch] mein Bruder ging zum Himmel; ich aber bin eben hier verblieben. Ich, o Brahmane, habe kein anderes Los – weder Mutter noch Vater sind mehr bei mir.'

Wort für Wort
svarge yāto mama bhrātā
zum Himmel ging mein Bruder
aham atraiva saṃsthitā
ich aber bin eben hier verblieben
ahaṃ brahman nānyavṛttā
ich, o Brahmane, habe kein anderes Los
na mātā na pitā mama
weder Mutter noch Vater [sind] mehr bei mir

aham ātmeśvarī brahman niviṣṭā kṣatrakanyakā / tasmād bhajasva māṃ brahman vratasthāṃ puruṣārthinīm //

'Ich bin meine eigene Herrin, o Brahmane, eine hier ansässige Kṣatriya-Tochter; darum nimm mich zur Gattin, o Brahmane, mich, die im Gelübde Stehende, die einen Mann Begehrende.'

Wort für Wort
aham ātmeśvarī brahman
ich bin meine eigene Herrin, o Brahmane
niviṣṭā kṣatrakanyakā
die hier ansässige Kṣatriya-Tochter
tasmād bhajasva māṃ brahman
darum nimm mich zur Gattin, o Brahmane
vratasthāṃ puruṣārthinīm
die im Gelübde Stehende, die einen Mann Begehrende

{gautama uvāca:} sahasrāyur ahaṃ bhadre mattas tvaṃ vayasādhikā / ahaṃ bālas tvaṃ tu vṛddhā naivāyaṃ ghaṭate mithaḥ //

{Gautama sprach:} 'Ich habe zwar tausend Jahre Lebenszeit, o Gute, doch du bist älter an Jahren als ich; ich bin ein Knabe, du hingegen alt – das passt in keiner Weise zueinander.'

Wort für Wort
sahasrāyur ahaṃ bhadre
ich habe tausend Jahre Lebenszeit, o Gute
mattas tvaṃ vayasādhikā
du bist älter an Jahren als ich
ahaṃ bālas tvaṃ tu vṛddhā
ich bin ein Knabe, du aber alt
naivāyaṃ ghaṭate mithaḥ
das passt in keiner Weise zueinander

{vṛddhovāca:} tvaṃ bhartā me purā diṣṭo nānyo bhartā mato mama / dhātrā dattas tatas tvaṃ māṃ na nirākartum arhasi //

{Die Alte sprach:} 'Du wurdest mir einst von der Fügung als Gatte bestimmt; kein anderer Gatte gilt mir; von der Fügung [selbst] wurdest du mir gegeben – darum geziemt es sich nicht, dass du mich zurückweist.'

Wort für Wort
tvaṃ bhartā me purā diṣṭo
du wurdest mir einst als Gatte bestimmt
nānyo bhartā mato mama
kein anderer Gatte gilt mir
dhātrā dattas tatas tvaṃ
von der Fügung wurdest du [mir] gegeben
māṃ na nirākartum arhasi
es geziemt sich nicht, dass du mich zurückweist

[Anm.: 'dhātṛ' hier eher als unpersönliche 'Fügung/Schicksal' denn als konkrete Gottheit zu verstehen.]

athavā necchasi māṃ tvam apraduṣṭām anuvratām / tatas tyakṣyāmi jīvaṃ me idānīṃ tava paśyataḥ //

'Oder aber, wenn du mich, die Unbefleckte, treu Ergebene, nicht willst, dann werde ich jetzt, vor deinen Augen, mein Leben aufgeben.'

Wort für Wort
athavā necchasi māṃ tvam
oder aber, wenn du mich nicht willst
apraduṣṭām anuvratām
mich, die Unbefleckte, treu Ergebene
tatas tyakṣyāmi jīvaṃ me
dann werde ich mein Leben aufgeben
idānīṃ tava paśyataḥ
jetzt, vor deinen Augen

apekṣitāprāptito hi dehināṃ maraṇaṃ varam / anuraktajanatyāge pātakānto na vidyate //

'Denn besser ist für verkörperte Wesen der Tod, wenn das Ersehnte nicht erreicht wird; beim Verlassen eines liebenden Menschen gibt es keine Grenze der Sünde [d.h. es ist eine unermessliche Sünde].'

Wort für Wort
apekṣitāprāptito hi
denn wenn das Ersehnte nicht erreicht wird
dehināṃ maraṇaṃ varam
ist für verkörperte Wesen der Tod besser
anuraktajanatyāge
beim Verlassen eines liebenden Menschen
pātakānto na vidyate
gibt es kein Ende der Sünde

{brahmovāca:} vṛddhāyās tad vacaḥ śrutvā gautamo vākyam abravīt //*

{Brahmā sprach:} Nachdem er diese Worte der Alten gehört hatte, sprach Gautama folgende Worte:

Wort für Wort
vṛddhāyās tad vacaḥ śrutvā
diese Worte der Alten gehört habend
gautamo vākyam abravīt
sprach Gautama [diese] Worte

[Anm.: unvollständiger Halbvers im Original (mit * markiert).]

{gautama uvāca:} ahaṃ tapovirahito vidyāhīno hy akiṃcanaḥ / nāhaṃ varo hi yogyas te kurūpo bhogavarjitaḥ //

{Gautama sprach:} 'Ich bin ohne Askese-Kraft, ohne Wissen, ja, mittellos; ich bin fürwahr kein für dich geeigneter Bräutigam, hässlich von Gestalt, aller Genüsse entbehrend.'

Wort für Wort
ahaṃ tapovirahito
ich bin ohne Askese-Kraft
vidyāhīno hy akiṃcanaḥ
ohne Wissen, ja, mittellos
nāhaṃ varo hi yogyas te
ich bin fürwahr kein für dich geeigneter Bräutigam
kurūpo bhogavarjitaḥ
hässlich von Gestalt, aller Genüsse entbehrend

anāso 'haṃ kiṃ karomi atapovidya eva ca / tasmāt surūpaṃ suvidyām āpādya prathamaṃ śubhe / paścāt te vacanaṃ kāryaṃ tato vṛddhābravīd dvijam //

'Nasenlos bin ich – was tue ich, da ich doch ohne Askese und Wissen bin? Verschaffe daher zuerst schöne Gestalt und gutes Wissen, Holde – danach [erst] soll dein Wunsch erfüllt werden.' Darauf sprach die Alte zu dem Zweifachgeborenen:

Wort für Wort
anāso 'haṃ kiṃ karomi
nasenlos bin ich, was tue ich
atapovidya eva ca
da ich doch ohne Askese und Wissen bin
tasmāt surūpaṃ suvidyām
darum schöne Gestalt und gutes Wissen
āpādya prathamaṃ śubhe
verschaffe zuerst, o Holde
paścāt te vacanaṃ kāryaṃ
danach soll dein Wunsch erfüllt werden
tato vṛddhābravīd dvijam
darauf sprach die Alte zum Zweifachgeborenen

{vṛddhovāca:} mayā sarasvatī devī toṣitā tapasā dvija / tathaivāpo rūpavatyo rūpadātāgnir eva ca //

{Die Alte sprach:} 'Von mir wurde die Göttin Sarasvatī durch Askese zufriedengestellt, o Zweifachgeborener, ebenso die gestaltschönen Wasser, und auch Agni, der Gestalt-Verleiher.'

Wort für Wort
mayā sarasvatī devī
von mir wurde die Göttin Sarasvatī
toṣitā tapasā dvija
durch Askese zufriedengestellt, o Zweifachgeborener
tathaivāpo rūpavatyo
ebenso die gestaltschönen Wasser
rūpadātāgnir eva ca
und auch Agni, der Gestalt-Verleiher

tasmād vāgīśvarī devī sā te vidyāṃ pradāsyati / agniś ca rūpavān devas tava rūpaṃ pradāsyati //

'Darum wird jene Göttin Vāgīśvarī [Herrin der Rede, Sarasvatī] dir Wissen verleihen, und der gestaltschöne Gott Agni wird dir schöne Gestalt verleihen.'

Wort für Wort
tasmād vāgīśvarī devī
darum wird die Göttin Vāgīśvarī (Herrin der Rede)
sā te vidyāṃ pradāsyati
sie wird dir Wissen verleihen
agniś ca rūpavān devas
und der gestaltschöne Gott Agni
tava rūpaṃ pradāsyati
wird dir schöne Gestalt verleihen

{brahmovāca:} evam uktvā gautamaṃ taṃ vṛddhovāca vibhāvasum / prārthayitvā suvidyaṃ taṃ surūpaṃ cākaron munim //

{Brahmā sprach:} Nachdem sie so zu jenem Gautama gesprochen hatte, wandte sich die Alte an Vibhāvasu [Agni]; nachdem sie [ihn] gebeten hatte, machte sie jenen Muni wissensreich und wohlgestaltet.

Wort für Wort
evam uktvā gautamaṃ taṃ
so zu jenem Gautama gesprochen
vṛddhovāca vibhāvasum
wandte sich die Alte an Vibhāvasu (Agni)
prārthayitvā suvidyaṃ taṃ
nachdem sie [ihn] gebeten hatte, jenen wissensreich
surūpaṃ cākaron munim
und wohlgestaltet machte sie den Muni

tataḥ suvidyaḥ subhagaḥ sukānto BrP_107.41a vṛddhāṃ sa patnīm akarot prītiyuktaḥ BrP_107.41b tayā sa reme bahulā manojñayā BrP_107.41c samāḥ sukhaṃ prītamanā guhāyām BrP_107.41d

Darauf, nun wissensreich, schön und anmutig, nahm er, von Liebe erfüllt, die Alte zur Gattin; mit ihr, der Bezaubernden, genoss er viele Jahre lang glücklich und frohen Sinnes [das Leben] in der Höhle.

Wort für Wort
tataḥ suvidyaḥ subhagaḥ sukānto
darauf, wissensreich, schön und anmutig
vṛddhāṃ sa patnīm akarot prītiyuktaḥ
nahm er, von Liebe erfüllt, die Alte zur Gattin
tayā sa reme bahulā manojñayā
mit ihr, der Bezaubernden, genoss er lange Zeit
samāḥ sukhaṃ prītamanā guhāyām
glücklich und frohen Sinnes, Jahre hindurch, in der Höhle

[Anm.: unregelmäßiger vierpādiger Vers in besonderem Versmaß (Padas a-d).]

kadācit tatra vasator daṃpatyor mudator girau / guhāyāṃ muniśārdūla ājagmur munayo 'malāḥ //

Einst, als das dort auf dem Berge, in der Höhle, wohnende und sich erfreuende Ehepaar [verweilte], o Muni-Tiger, kamen reine Weise herbei.

Wort für Wort
kadācit tatra vasator
einst, als das dort wohnende
daṃpatyor mudator girau
sich erfreuende Ehepaar auf dem Berge [verweilte]
guhāyāṃ muniśārdūla
in der Höhle, o Muni-Tiger
ājagmur munayo 'malāḥ
kamen reine Weise herbei

vasiṣṭhavāmadevādyā ye cānye ca maharṣayaḥ / bhramantaḥ puṇyatīrthāni prāpnuvaṃs tasya tāṃ guhām //

Vasiṣṭha, Vāmadeva und andere, sowie weitere Großweise, die heilige Tīrthas durchwanderten, erreichten dessen Höhle.

Wort für Wort
vasiṣṭhavāmadevādyā
Vasiṣṭha, Vāmadeva und andere
ye cānye ca maharṣayaḥ
und welche anderen Großweisen [es gab]
bhramantaḥ puṇyatīrthāni
heilige Tīrthas durchwandernd
prāpnuvaṃs tasya tāṃ guhām
erreichten dessen Höhle

āgatāṃs tān ṛṣīñ jñātvā gautamaḥ saha bhāryayā / satkāram akarot teṣāṃ jahasus taṃ ca kecana //

Als Gautama erkannte, dass jene Weisen gekommen waren, erwies er ihnen zusammen mit seiner Gattin Ehrerbietung; doch einige von ihnen verlachten ihn.

Wort für Wort
āgatāṃs tān ṛṣīñ jñātvā
erkennend, dass jene Weisen gekommen waren
gautamaḥ saha bhāryayā
Gautama, zusammen mit seiner Gattin
satkāram akarot teṣāṃ
erwies ihnen Ehrerbietung
jahasus taṃ ca kecana
und einige verlachten ihn

ye bālā yauvanonmattā vayasā ye ca madhyamāḥ / vṛddhāṃ ca gautamaṃ prekṣya jahasus tatra kecana //

Diejenigen, die jung und von Jugend berauscht waren, und die, die mittleren Alters waren – manche von ihnen verlachten dort, als sie die Alte und Gautama erblickten.

Wort für Wort
ye bālā yauvanonmattā
die, die jung und von Jugend berauscht waren
vayasā ye ca madhyamāḥ
und die, die dem Alter nach mittel waren
vṛddhāṃ ca gautamaṃ prekṣya
die Alte und Gautama erblickend
jahasus tatra kecana
verlachten [sie] dort, manche

{ṛṣaya ūcuḥ:} putro 'yaṃ tava pautro vā vṛddhe ko gautamo 'bhavat / satyaṃ vadasva kalyāṇi ity evaṃ jahasur dvijāḥ //

{Die Weisen sprachen:} 'Ist dieser Gautama dein Sohn oder dein Enkel, o Alte? Sag die Wahrheit, Holde!' – so verlachten [ihn] die Zweifachgeborenen.

Wort für Wort
putro 'yaṃ tava pautro vā
ist dieser dein Sohn oder Enkel
vṛddhe ko gautamo 'bhavat
o Alte, wer ist dieser Gautama geworden
satyaṃ vadasva kalyāṇi
sag die Wahrheit, Holde
ity evaṃ jahasur dvijāḥ
so verlachten [ihn] die Zweifachgeborenen

viṣaṃ vṛddhasya yuvatī vṛddhāyā amṛtaṃ yuvā / iṣṭāniṣṭasamāyogo dṛṣṭo 'smābhir aho cirāt //

'Gift ist dem Alten die Junge, Amṛta [Nektar] ist der Alten der Junge – eine Vereinigung von Erwünschtem und Unerwünschtem haben wir hier erblickt, ach, nach langer Zeit wieder einmal!'

Wort für Wort
viṣaṃ vṛddhasya yuvatī
Gift ist dem Alten die Junge
vṛddhāyā amṛtaṃ yuvā
Amṛta ist der Alten der Junge
iṣṭāniṣṭasamāyogo
eine Vereinigung von Erwünschtem und Unerwünschtem
dṛṣṭo 'smābhir aho cirāt
haben wir erblickt, ach, nach langer Zeit

[Anm.: sprichwörtliche Formel über das Missverhältnis ungleicher Ehepartner.]

{brahmovāca:} ity evam ūcire kecid daṃpatyoḥ śṛṇvatos tadā / evam uktvā kṛtātithyā yayuḥ sarve maharṣayaḥ //

{Brahmā sprach:} So sprachen manche [von ihnen], während das Ehepaar [es mit an]hörte; nach diesen Worten, nachdem ihnen Gastfreundschaft erwiesen worden war, zogen alle Großweisen wieder fort.

Wort für Wort
ity evam ūcire kecid
so sprachen manche
daṃpatyoḥ śṛṇvatos tadā
während das Ehepaar [es] damals hörte
evam uktvā kṛtātithyā
nach diesen Worten, nachdem Gastfreundschaft erwiesen war
yayuḥ sarve maharṣayaḥ
zogen alle Großweisen fort

ṛṣīṇāṃ vacanaṃ śrutvā ubhāv api suduḥkhitau / lajjitau ca mahāprājñau gautamo bhāryayā saha / papraccha muniśārdūlam agastyam ṛṣisattamam //

Nachdem sie die Worte der Weisen gehört hatten, waren beide, [obwohl] hochweise, sehr betrübt und beschämt; Gautama fragte zusammen mit seiner Gattin den Muni-Tiger Agastya, den Vorzüglichsten der Weisen:

Wort für Wort
ṛṣīṇāṃ vacanaṃ śrutvā
die Worte der Weisen gehört habend
ubhāv api suduḥkhitau
waren beide sehr betrübt
lajjitau ca mahāprājñau
und beschämt, [obwohl] hochweise
gautamo bhāryayā saha
Gautama, zusammen mit seiner Gattin
papraccha muniśārdūlam
fragte den Muni-Tiger
agastyam ṛṣisattamam
Agastya, den Vorzüglichsten der Weisen

{gautama uvāca:} ko deśaḥ kim u tīrthaṃ vā yatra śreyaḥ samāpyate / śīghram eva mahāprājña bhuktimuktipradāyakam //

{Gautama sprach:} 'Welches Land oder welches Tīrtha [gibt es], o Hochweiser, wo das Heil rasch erlangt wird, das Genuss und Erlösung verleiht?'

Wort für Wort
ko deśaḥ kim u tīrthaṃ vā
welches Land oder welches Tīrtha
yatra śreyaḥ samāpyate
wo das Heil erlangt wird
śīghram eva mahāprājña
gar rasch, o Hochweiser
bhuktimuktipradāyakam
das Genuss und Erlösung verleiht

{agastya uvāca:} vadadbhir munibhir brahman mayā śrutam idaṃ vacaḥ / sarve kāmās tatra pūrṇā gautamyāṃ nātra saṃśayaḥ //

{Agastya sprach:} 'Von redenden Munis, o Brahmane, habe ich dieses Wort gehört: An der Gautamī werden alle Wünsche erfüllt – daran besteht kein Zweifel.'

Wort für Wort
vadadbhir munibhir brahman
von redenden Munis, o Brahmane
mayā śrutam idaṃ vacaḥ
wurde von mir dieses Wort gehört
sarve kāmās tatra pūrṇā
alle Wünsche werden dort erfüllt
gautamyāṃ nātra saṃśayaḥ
an der Gautamī, daran besteht kein Zweifel

tasmād gaccha mahābuddhe gautamīṃ pāpanāśinīm / ahaṃ tvām anuyāsyāmi yathecchasi tathā kuru //

'Darum geh, o Hochverständiger, zur Gautamī, der Sündenvertilgerin; ich werde dir folgen – tu, wie du willst.'

Wort für Wort
tasmād gaccha mahābuddhe
darum geh, o Hochverständiger
gautamīṃ pāpanāśinīm
zur Gautamī, der Sündenvertilgerin
ahaṃ tvām anuyāsyāmi
ich werde dir folgen
yathecchasi tathā kuru
tu, wie du willst

{brahmovāca:} etac chrutvāgastyavākyaṃ vṛddhayā gautamo 'bhyagāt / tatra tepe tapas tīvraṃ patnyā sa bhagavān ṛṣiḥ //

{Brahmā sprach:} Nachdem er dieses Wort Agastyas gehört hatte, begab sich Gautama mit der Alten [dorthin]; dort übte der ehrwürdige Weise zusammen mit seiner Gattin strenge Askese.

Wort für Wort
etac chrutvāgastyavākyaṃ
dieses Wort Agastyas gehört habend
vṛddhayā gautamo 'bhyagāt
begab sich Gautama mit der Alten dorthin
tatra tepe tapas tīvraṃ
dort übte er strenge Askese
patnyā sa bhagavān ṛṣiḥ
mit der Gattin, der ehrwürdige Weise

stutiṃ cakāra devasya śaṃbhor viṣṇos tathaiva ca / gaṅgāṃ ca toṣayām āsa bhāryārthaṃ bhagavān ṛṣiḥ //

Er verfasste ein Loblied auf den Gott Śambhu [Śiva] und ebenso auf Viṣṇu, und der ehrwürdige Weise stimmte die Gaṅgā um seiner Gattin willen gnädig.

Wort für Wort
stutiṃ cakāra devasya
er verfasste ein Loblied auf den Gott
śaṃbhor viṣṇos tathaiva ca
Śambhu (Śiva) und ebenso Viṣṇu
gaṅgāṃ ca toṣayām āsa
und die Gaṅgā stimmte er gnädig
bhāryārthaṃ bhagavān ṛṣiḥ
um seiner Gattin willen, der ehrwürdige Weise

{gautama uvāca:} khinnātmanām atra bhave tvam eva śaraṇaṃ śivaḥ / marubhūmāv adhvagānāṃ viṭapīva priyāyutaḥ //

{Gautama sprach:} 'Für die in diesem Dasein Ermatteten bist du allein die Zuflucht, o Śiva – wie ein von Geliebter begleiteter Baum [Schatten spendet] den Wanderern in der Wüstenei.'

Wort für Wort
khinnātmanām atra bhave
für die in diesem Dasein Ermatteten
tvam eva śaraṇaṃ śivaḥ
bist du allein die Zuflucht, o Śiva
marubhūmāv adhvagānāṃ
für die Wanderer in der Wüstenei
viṭapīva priyāyutaḥ
wie ein von Geliebter begleiteter Baum

uccāvacānāṃ bhūtānāṃ sarvathā pāpanodanaḥ / sasyānāṃ ghanavat kṛṣṇa tvam avagrahaśoṣiṇām //

'Für die hohen und niederen Wesen [bist du] auf jede Weise der Sündenvertreiber; für die von Dürre versengten Saaten [bist] du wie eine [regenspendende] Wolke, o Dunkler.'

Wort für Wort
uccāvacānāṃ bhūtānāṃ
für die hohen und niederen Wesen
sarvathā pāpanodanaḥ
auf jede Weise der Sündenvertreiber
sasyānāṃ ghanavat kṛṣṇa
für die Saaten wie eine Wolke, o Dunkler
tvam avagrahaśoṣiṇām
du, für die von Dürre Versengten

[Anm.: die Anrede 'Kṛṣṇa' (der Dunkle) für Śiva ist ungewöhnlich; der Text hat zuvor (V54) Śiva und Viṣṇu gemeinsam angerufen, hier wird möglicherweise fließend zwischen beiden gewechselt.]

vaikuṇṭhadurganiḥśreṇis tvaṃ pīyūṣataraṃgiṇī / adhogatānāṃ taptānāṃ śaraṇaṃ bhava gautami //

'Du bist die Leiter zur schwer erreichbaren Vaikuṇṭha-[Feste], die nektarwogende [Flüssin] – sei du, o Gautamī, Zuflucht für die Niedergesunkenen, für die Gequälten.'

Wort für Wort
vaikuṇṭhadurganiḥśreṇis
die Leiter zur schwer erreichbaren Vaikuṇṭha-Feste
tvaṃ pīyūṣataraṃgiṇī
du, die nektarwogende [Flüssin]
adhogatānāṃ taptānāṃ
für die Niedergesunkenen, für die Gequälten
śaraṇaṃ bhava gautami
sei Zuflucht, o Gautamī

[Anm.: Anrede wechselt hier von Śiva/Viṣṇu zur Flussgöttin Gautamī selbst.]

{brahmovāca:} tatas tuṣṭāvadad vākyaṃ gautamaṃ vṛddhayā yutam / śaraṇāgatadīnārtaṃ śaraṇyā gautamī mudā //

{Brahmā sprach:} Darauf sprach die zufriedengestellte, zufluchtgewährende Gautamī freudig ein Wort zu Gautama, der, samt der Alten, elend und leidend, Zuflucht gesucht hatte.

Wort für Wort
tatas tuṣṭāvadad vākyaṃ
darauf sprach die Zufriedengestellte ein Wort
gautamaṃ vṛddhayā yutam
zu Gautama, samt der Alten
śaraṇāgatadīnārtaṃ
der elend und leidend Zuflucht gesucht hatte
śaraṇyā gautamī mudā
die zufluchtgewährende Gautamī, freudig

{gautamy uvāca:} abhiṣiñcasva bhāryāṃ tvaṃ majjalair mantrasaṃyutaiḥ / kalaśair upacāraiś ca tataḥ patnī tava priyā //

{Die Gautamī sprach:} 'Besprenge du deine Gattin mit meinem [Bade-]Wasser, das von Mantras begleitet ist, mit [Wasser-]Krügen und rituellen Diensten – dann [wird] deine liebe Gattin ...'

Wort für Wort
abhiṣiñcasva bhāryāṃ tvaṃ
besprenge du deine Gattin
majjalair mantrasaṃyutaiḥ
mit meinem Wasser, mantrabegleitet
kalaśair upacāraiś ca
mit [Wasser-]Krügen und rituellen Diensten
tataḥ patnī tava priyā
dann [wird] deine liebe Gattin

surūpā cārusarvāṅgī subhagā cārulocanā / sarvalakṣaṇasaṃpūrṇā ramyarūpam avāpsyati //

'... schöngestaltig, an allen Gliedern anmutig, holdselig, mit schönen Augen, von allen [guten] Merkmalen erfüllt, eine liebliche Gestalt erlangen.'

Wort für Wort
surūpā cārusarvāṅgī
schöngestaltig, an allen Gliedern anmutig
subhagā cārulocanā
holdselig, mit schönen Augen
sarvalakṣaṇasaṃpūrṇā
von allen guten Merkmalen erfüllt
ramyarūpam avāpsyati
eine liebliche Gestalt wird sie erlangen

rūpavatyā punas tvaṃ vai bhāryayā cābhiṣecitaḥ / sarvalakṣaṇasaṃpūrṇaḥ kāntaṃ rūpam avāpsyasi //

'Und wiederum, von der [nun] schönen Gattin besprengt, wirst [auch] du, von allen guten Merkmalen erfüllt, eine liebreizende Gestalt erlangen.'

Wort für Wort
rūpavatyā punas tvaṃ vai
und wiederum wirst du, von der schönen
bhāryayā cābhiṣecitaḥ
Gattin besprengt
sarvalakṣaṇasaṃpūrṇaḥ
von allen guten Merkmalen erfüllt
kāntaṃ rūpam avāpsyasi
eine liebreizende Gestalt erlangen

{brahmovāca:} tatheti gāṅgavacanād yathoktaṃ tau ca cakratuḥ / surūpatām ubhau prāptau gautamyāś ca prasādataḥ //

{Brahmā sprach:} 'So sei es' – gemäß dem Wort der Gaṅgā taten die beiden, wie gesagt worden war, und durch die Gnade der Gautamī erlangten beide schöne Gestalt.

Wort für Wort
tatheti gāṅgavacanād
'so sei es', gemäß dem Wort der Gaṅgā
yathoktaṃ tau ca cakratuḥ
taten die beiden, wie gesagt worden war
surūpatām ubhau prāptau
beide erlangten schöne Gestalt
gautamyāś ca prasādataḥ
durch die Gnade der Gautamī

abhiṣekodakaṃ yac ca sā nadī samajāyata / tasyā nāmnā tu vikhyātā vṛddhāyā munisattama //

Und das Wasser der Besprengung wurde zu jenem Fluss; nach ihrem [d.h. der Alten] Namen wurde er berühmt, o Vortrefflichster der Weisen.

Wort für Wort
abhiṣekodakaṃ yac ca
und das Wasser der Besprengung
sā nadī samajāyata
wurde zu jenem Fluss
tasyā nāmnā tu vikhyātā
nach ihrem Namen wurde er berühmt
vṛddhāyā munisattama
der Alten, o Vortrefflichster der Weisen

vṛddhā nadīti vikhyātā gautamo 'pi tathocyate / vṛddhagautama ity ukta ṛṣibhiḥ samavāsibhiḥ / vṛddhā tu gautamīṃ prāha gaṅgāṃ pratyakṣarūpiṇīm //

Als 'Vṛddhā' ('die Alte') wurde der Fluss berühmt, und auch Gautama wurde ebenso genannt – 'Vṛddha-Gautama' wurde er von den mit ihm dort wohnenden Weisen genannt. Die Alte aber sprach zur Gaṅgā, die in sichtbarer Gestalt [vor ihr erschienen war]:

Wort für Wort
vṛddhā nadīti vikhyātā
als 'Vṛddhā' wurde der Fluss berühmt
gautamo 'pi tathocyate
auch Gautama wurde ebenso genannt
vṛddhagautama ity ukta
'Vṛddha-Gautama' genannt
ṛṣibhiḥ samavāsibhiḥ
von den mit ihm zusammen wohnenden Weisen
vṛddhā tu gautamīṃ prāha
die Alte aber sprach zur Gautamī
gaṅgāṃ pratyakṣarūpiṇīm
zur Gaṅgā, die in sichtbarer Gestalt [erschienen war]

{vṛddhovāca:} mannāmnīyaṃ nadī devi vṛddhā cety abhidhīyatām / tvayā ca saṃgamas tasyās tasyās tīrtham anuttamam //

{Die Alte sprach:} 'Nach meinem Namen soll dieser Fluss, o Göttin, 'Vṛddhā' genannt werden; und die Vereinigung von dir mit ihr sei deren unübertreffliches Tīrtha.'

Wort für Wort
mannāmnīyaṃ nadī devi
nach meinem Namen dieser Fluss, o Göttin
vṛddhā cety abhidhīyatām
soll 'Vṛddhā' genannt werden
tvayā ca saṃgamas tasyās
und die Vereinigung von dir mit ihr
tasyās tīrtham anuttamam
sei deren unübertreffliches Tīrtha

rūpasaubhāgyasaṃpatti-putrapautrapravardhanam / āyurārogyakalyāṇaṃ jayaprītivivardhanam / snānadānādihomaiś ca pitṝṇāṃ pāvanaṃ param //

'[Es gewährt] Reichtum an Schönheit und Glück, Mehrung von Söhnen und Enkeln, langes Leben, Gesundheit, Wohlergehen, Mehrung von Sieg und Freude, und durch Bad, Gabe, Opfer und dergleichen die höchste Reinigung der Ahnen.'

Wort für Wort
rūpasaubhāgyasaṃpatti-
Reichtum an Schönheit und Glück
putrapautrapravardhanam
Mehrung von Söhnen und Enkeln
āyurārogyakalyāṇaṃ
langes Leben, Gesundheit, Wohlergehen
jayaprītivivardhanam
Mehrung von Sieg und Freude
snānadānādihomaiś ca
und durch Bad, Gabe, Opfer und dergleichen
pitṝṇāṃ pāvanaṃ param
die höchste Reinigung der Ahnen

{brahmovāca:} astv ity āha ca tāṃ gaṅgā suvṛddhāṃ gautamapriyām / gautamasthāpitaṃ liṅgaṃ vṛddhānāmnaiva kīrtitam //

{Brahmā sprach:} 'So sei es' – sprach die Gaṅgā zu jener wohlbetagten, Gautama teuren [Frau]; das von Gautama errichtete Liṅga wurde eben unter dem Namen 'Vṛddha' gepriesen.

Wort für Wort
astv ity āha ca tāṃ gaṅgā
'so sei es' sprach die Gaṅgā zu ihr
suvṛddhāṃ gautamapriyām
der wohlbetagten, Gautama teuren [Frau]
gautamasthāpitaṃ liṅgaṃ
das von Gautama errichtete Liṅga
vṛddhānāmnaiva kīrtitam
wurde eben unter dem Namen 'Vṛddha' gepriesen

tatraiva ca mudaṃ prāpto vṛddhayā munisattamaḥ / tatra snānaṃ ca dānaṃ ca sarvābhīṣṭapradāyakam //

Eben dort erlangte der vortrefflichste Muni mit der Alten Freude; dort gewähren Bad und Gabe die Erfüllung aller Wünsche.

Wort für Wort
tatraiva ca mudaṃ prāpto
eben dort erlangte Freude
vṛddhayā munisattamaḥ
mit der Alten, der vortrefflichste Muni
tatra snānaṃ ca dānaṃ ca
dort Bad und Gabe
sarvābhīṣṭapradāyakam
gewähren die Erfüllung aller Wünsche

tataḥ prabhṛti tat tīrthaṃ vṛddhāsaṃgamam ucyate //*

Seit jener Zeit wird jenes Tīrtha 'Vṛddhāsaṃgama' [Zusammenfluss der Alten] genannt.

Wort für Wort
tataḥ prabhṛti tat tīrthaṃ
seit jener Zeit wird jenes Tīrtha
vṛddhāsaṃgamam ucyate
'Vṛddhāsaṃgama' genannt

[Anm.: unvollständiger Halbvers im Original (mit * markiert).]

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