Kapitel 122: pūrṇatīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Pūrṇa-Tīrtha (Dhanvantari, Indras dreifacher Sturz und die Hari-Hara-Verehrung)
Brahmā erzählt ein umfangreiches, mehrteiliges Kapitel (mit Abstand das längste seit Kap.110): Zunächst die Geschichte des königlichen Asketen Dhanvantari (Sohn des Āyus), der vom Dämon Tamas in Gestalt einer verführerischen Frau von seiner Askese abgebracht wird, dann aber durch eine ausführliche Jaya-Hymne (V.29-43) an Viṣṇu die Herrschaft über die Götter erlangt. Die Rahmenerzählung springt dann zu Indra, der wiederholt sein Königreich verliert (u.a. wegen Nahuṣa, Vṛtra-Tötung, Ahalyā); Brahmā erklärt ihm und Bṛhaspati die Ursache (Verletzung des eigenen Dharma bei Ritualfehlern) am Beispiel der Dhanvantari-Geschichte und verweist sie zur Gautamī, wo sie Hari und Hara mit ausführlichen Hymnen preisen (Indras Avatāra-Litanei V.68-73, Bṛhaspatis philosophische Someśvara-Hymne V.74-82). Beide Götter gewähren Indra dauerhafte Herrschaft; Bṛhaspatis Weihungsritual lässt den Fluss Maṅgalā entstehen. Ursprung des Govinda-, Maṅgalā-Saṃgama-, Indra-, Bārhaspatya- und (zusammenfassend) Pūrṇa-Tīrtha. V.95-97 enthalten eine durch die Doppelverwendung des Beinamens 'Hari' für sowohl Indra als auch Viṣṇu verursachte Unklarheit in der Govinda-Namensätiologie, mit [?] markiert.
Von welchem Geschöpf könnte die Größe des Pūrṇa-Tīrtha beschrieben werden, wo sich der Diskusträger (Viṣṇu) und der Dreizackträger (Śiva) selbst niedergelassen haben?
Wort für Wort
pūrṇatīrthasya māhātmyaṃ varṇyate kena jantunā
von welchem Geschöpf könnte die Größe des Pūrṇa-Tīrtha beschrieben werden
svayaṃ saṃsthīyate yatra cakriṇā ca pinākinā
wo sich der Diskusträger und der Dreizackträger selbst niedergelassen haben
Einst, zu Beginn des Kalpa, gab es einen namens Dhanvantari, den Sohn des Āyus; nachdem er mit mannigfaltigen Opfern, angeführt vom Roßopfer (Aśvamedha), geopfert hatte,
Wort für Wort
purā dhanvantarir nāma kalpādāv āyuṣaḥ sutaḥ
einst, zu Beginn des Kalpa, gab es einen namens Dhanvantari, den Sohn des Āyus
iṣṭvā bahuvidhair yajñair aśvamedhapuraḥsaraiḥ
nachdem er mit mannigfaltigen Opfern, angeführt vom Roßopfer, geopfert hatte
[Anm.: Dieser Dhanvantari ist als König/Weiser konzipiert, nicht identisch mit dem Götterarzt Dhanvantari des Milchozean-Mythos.]
und viele Spenden gegeben und reichliche Genüsse erfahren hatte, erkannte er die Unbeständigkeit des Genusses und wandte sich der höchsten Entsagung zu.
Wort für Wort
dattvā dānāny anekāni bhuktvā bhogāṃś ca puṣkalān
nachdem er viele Spenden gegeben und reichliche Genüsse erfahren hatte
vijñāya bhogavaiṣamyaṃ paraṃ vairāgyam āśritaḥ
erkannte er die Unbeständigkeit des Genusses und wandte sich der höchsten Entsagung zu
Auf dem Berggipfel, jenseits des Ozeans, ebenso am Ufer des Gaṅgā-Flusses, im Hause Śivas oder Viṣṇus, besonders aber an einem heiligen Zusammenfluss –
Wort für Wort
giriśṛṅge 'mbudheḥ pāre tathā gaṅgānadītaṭe
auf dem Berggipfel, jenseits des Ozeans, ebenso am Ufer des Gaṅgā-Flusses
śivaviṣṇvor gṛhe vāpi viśeṣāt puṇyasaṃgame
im Hause Śivas oder Viṣṇus, besonders aber an einem heiligen Zusammenfluss
Dhanvantari war stets der Rezitation und dem Feueropfer zugetan, dem Brahman-Wissen ergeben; 'Diesen Feind werde ich vernichten', dachte Tamas, und kam aus dem Ozean heraus.
Wort für Wort
japahomarato nityaṃ brahmajñānaparāyaṇaḥ
stets der Rezitation und dem Feueropfer zugetan, dem Brahman-Wissen ergeben
taṃ ripuṃ nāśayāmīti tamaḥ prāyād athārṇavāt
'diesen Feind werde ich vernichten', (dachte) Tamas, und kam aus dem Ozean heraus
Durch Illusionsmacht (Māyā) eine Frauengestalt annehmend, näherte er sich dem König – tanzend und singend, mit schönen Augenbrauen, lachend, von anmutigem Aussehen.
Wort für Wort
māyayā pramadārūpaṃ kṛtvā rājānam abhyagāt
durch Illusionsmacht eine Frauengestalt annehmend, näherte er sich dem König
nṛtyagītavatī subhrūr hasantī cārudarśanā
tanzend und singend, mit schönen Augenbrauen, lachend, von anmutigem Aussehen
Der König sprach: 'Wer bist du, und aus welchem Grund weilst du in diesem dichten Wald? Wen hast du gesehen, dass du dich zu freuen scheinst? Sage es, o Holde, dem Fragenden.'
Wort für Wort
kāsi tvaṃ kasya hetor vā vartase gahane vane
wer bist du, und aus welchem Grund weilst du in diesem dichten Wald
kaṃ dṛṣṭvā harṣasīva tvaṃ vada kalyāṇi pṛcchate
wen hast du gesehen, dass du dich zu freuen scheinst, sage es, o Holde, dem Fragenden
Die Frau sprach: 'Solange du hier weilst, welchen anderen Grund zur Freude bräuchte ich in der Welt? Ich, die Lakṣmī Indras, sah dich, von Begierde erfüllt,'
Wort für Wort
tvayi tiṣṭhati ko loke hetur harṣasya me bhavet
solange du hier weilst, welchen anderen Grund zur Freude bräuchte ich in der Welt
{brahmovāca: }
etad vaco niśamyāśu tapas tyaktvā suduṣkaram /
tām eva manasā dhyāyaṃs tanniṣṭhas tatparāyaṇaḥ // BrP_122.19 //
Brahmā sprach: Als er diese Worte gehört hatte, gab er sogleich seine überaus schwierige Askese auf, an sie allein in Gedanken denkend, ihr ergeben, ihr gänzlich zugetan.
Wort für Wort
etad vaco niśamyāśu tapas tyaktvā suduṣkaram
als er diese Worte gehört hatte, gab er sogleich die überaus schwierige Askese auf
tām eva manasā dhyāyaṃs tanniṣṭhas tatparāyaṇaḥ
an sie allein in Gedanken denkend, ihr ergeben, ihr gänzlich zugetan
tadekaśaraṇo rājā babhūva sa yadā tamaḥ /
antardhānaṃ gato brahman nāśayitvā tapo bṛhat // BrP_122.20 //
Der König wurde allein zu ihrer Zuflucht ergeben; als aber jener Tamas, o Brahmane, verschwunden war, nachdem er die große Askese zunichtegemacht hatte,
Wort für Wort
tadekaśaraṇo rājā babhūva
der König wurde allein zu ihrer Zuflucht ergeben
sa yadā tamaḥ antardhānaṃ gato brahman nāśayitvā tapo bṛhat
als aber jener Tamas, o Brahmane, verschwunden war, nachdem er die große Askese zunichtegemacht hatte
sa hy aśeṣajagatsraṣṭā vedavedyaḥ purātanaḥ /
sarvārthasiddhidaḥ puṃsāṃ nānyo 'sti bhuvanatraye // BrP_122.27 //
'Denn er ist der Schöpfer der gesamten Welt, durch die Vedas erkennbar, uralt; er gewährt den Menschen die Vollendung aller Ziele – keinen anderen gibt es in den drei Welten.'
Wort für Wort
sa hy aśeṣajagatsraṣṭā vedavedyaḥ purātanaḥ
denn er ist der Schöpfer der gesamten Welt, durch die Vedas erkennbar, uralt
sarvārthasiddhidaḥ puṃsāṃ nānyo 'sti bhuvanatraye
er gewährt den Menschen die Vollendung aller Ziele, keinen anderen gibt es in den drei Welten
Dhanvantari sprach: 'Sieg dir, Viṣṇu! Sieg, Unvorstellbarer! Sieg, Siegreicher! Sieg, Unvergänglicher! Sieg, Hirtengott, Gemahl der Lakṣmī! Sieg, Kṛṣṇa, aus dem die Welt besteht!'
Wort für Wort
jaya viṣṇo jayācintya
Sieg, Viṣṇu, Sieg, Unvorstellbarer
jaya jiṣṇo jayācyuta
Sieg, Siegreicher, Sieg, Unvergänglicher
jaya gopāla lakṣmīśa
Sieg, Hirtengott, Gemahl der Lakṣmī
jaya kṛṣṇa jaganmaya
Sieg, Kṛṣṇa, aus dem die Welt besteht
[Anm.: Ab hier V.29-42 eine lange Jaya-Lobhymne (Sieg-Anrufungen) auf Viṣṇu.]
'Sieg, Wunschgewährer, du bist die Begierde selbst! Sieg, Rāma, Ozean der Tugenden! Sieg, Nahrungsgewährer, Herr der Fülle! Sieg, Gewährer des Wohlergehens!'
jaya janmada janmistha paramātman namo 'stu te /
jaya muktida muktis tvaṃ jaya bhuktida keśava // BrP_122.35 //
'Sieg, Geburtgewährer, in der Geburt Verweilender, höchste Seele, Verehrung sei dir! Sieg, Erlösungsgewährer, du bist die Erlösung selbst! Sieg, Genussgewährer, Keśava!'
Wort für Wort
jaya janmada janmistha
Sieg, Geburtgewährer, in der Geburt Verweilender
paramātman namo 'stu te
höchste Seele, Verehrung sei dir
jaya muktida muktis tvaṃ
Sieg, Erlösungsgewährer, du bist die Erlösung selbst
'Sieg, Ehregewährer, du bist die Ehre selbst! Sieg, von der Welt Verehrter! Sieg, Dharmagewährer, du bist der Dharma selbst! Sieg, jenseits des Weltenkreislaufs Befindlicher!'
'Sieg, Nahrungsgewährer, du bist die Nahrung selbst! Sieg, Verehrung dem Herrn der Rede! Sieg, Kraftgewährer, du bist die Kraft selbst! Sieg, Gewährer siegreicher Gaben!'
Wort für Wort
jaya annada annaṃ tvaṃ
Sieg, Nahrungsgewährer, du bist die Nahrung selbst
'Sieg, Opfergewährer, du bist das Opfer selbst! Sieg, Lotosblättrigäugiger! Sieg, Spendengewährer, du bist die Spende selbst! Sieg, Vernichter des Kaiṭabha!'
'Sieg, Friedengewährer, du bist der Friede selbst! Sieg, aus Śaṃkara Entstandener! Sieg, Trankgewährer, du bist der Trank selbst! Sieg, Lichtgestaltiger!'
tvam eva lokatrayavartijīva- BrP_122.43a
nikāyasaṃkleśavināśadakṣa BrP_122.43b
śrīpuṇḍarīkākṣa kṛpānidhe tvaṃ BrP_122.43c
nidhehi pāṇiṃ mama mūrdhni viṣṇo BrP_122.43d
'Du allein bist geschickt darin, das Leid der Lebewesenscharen in den drei Welten zu vernichten; o Lotosäugiger, Schatz des Mitgefühls – lege deine Hand auf mein Haupt, o Viṣṇu.'
Wort für Wort
tvam eva lokatrayavartijīvanikāyasaṃkleśavināśadakṣa
du allein bist geschickt darin, das Leid der Lebewesenscharen in den drei Welten zu vernichten
śrīpuṇḍarīkākṣa kṛpānidhe tvaṃ
o Lotosäugiger, Schatz des Mitgefühls
nidhehi pāṇiṃ mama mūrdhni viṣṇo
lege deine Hand auf mein Haupt, o Viṣṇu
[Anm.: Schlussvers der Hymne in besonderem, padaweise gezähltem Hymnenmetrum.]
Brahmā sprach: Den so Preisenden erfreute der erhabene Träger von Muschelhorn, Diskus und Keule mit einer Gabe, der Gewährer der Erfüllung aller Wünsche.
Wort für Wort
evaṃ stuvantaṃ bhagavāñ śaṅkhacakragadādharaḥ
den so Preisenden (erfreute) der erhabene Träger von Muschelhorn, Diskus und Keule
vareṇa cchandayām āsa sarvakāmasamṛddhidaḥ
mit einer Gabe, der Gewährer der Erfüllung aller Wünsche
tam āha nṛpatiḥ prahvaḥ surarājyaṃ mamepsitam /
tac ca dattaṃ tvayā viṣṇo prāpto 'smi kṛtakṛtyatām // BrP_122.46 //
Der König, sich verneigend, sprach zu ihm: 'Die Götterherrschaft ist mein Wunsch. Diese wurde mir von dir, o Viṣṇu, gegeben; ich habe mein Ziel erreicht.'
Wort für Wort
tam āha nṛpatiḥ prahvaḥ surarājyaṃ mamepsitam
der König, sich verneigend, sprach zu ihm: die Götterherrschaft ist mein Wunsch
tac ca dattaṃ tvayā viṣṇo prāpto 'smi kṛtakṛtyatām
diese wurde mir von dir, o Viṣṇu, gegeben, ich habe mein Ziel erreicht
Indra sprach: 'Aus welchem Grund, o Herr der Rede, verliere ich immer wieder mein Königreich? Besser wäre für Menschen dauerhafte Armut als dieser wiederholte Fall von der Stellung.'
Wort für Wort
hetunā kena vāgīśa bhraṣṭarājyo bhavāmy aham
aus welchem Grund, o Herr der Rede, verliere ich mein Königreich
madhye madhye padabhraṃśād varaṃ niḥśrīkatā nṛṇām
besser wäre für Menschen dauerhafte Armut als dieser wiederholte Fall von der Stellung
'Wer kennt wahrhaftig den undurchdringlichen Weg der Taten der Lebewesen? Das Geheimnis aller Seinszustände zu erkennen, dazu ist niemand anderes fähig.'
Wort für Wort
gahanāṃ karmaṇāṃ jīvagatiṃ ko vetti tattvataḥ
wer kennt wahrhaftig den undurchdringlichen Weg der Taten der Lebewesen
rahasyaṃ sarvabhāvānāṃ jñātuṃ nānyaḥ pragalbhate
das Geheimnis aller Seinszustände zu erkennen, dazu ist niemand anderes fähig
{brahmovāca: }
bṛhaspatir hariṃ prāha brahmāṇaṃ pṛccha gaccha tam /
sa tu jānāti yad bhūtaṃ bhaviṣyac cāpi vartanam // BrP_122.53 //
Brahmā sprach: Bṛhaspati sprach zu Hari (Indra): 'Frage Brahmā, geh zu ihm; er weiß, was geschehen ist, was geschehen wird und was gegenwärtig geschieht.'
Wort für Wort
bṛhaspatir hariṃ prāha
Bṛhaspati sprach zu Hari
brahmāṇaṃ pṛccha gaccha tam
frage Brahmā, geh zu ihm
sa tu jānāti yad bhūtaṃ bhaviṣyac cāpi vartanam
er weiß, was geschehen ist, was geschehen wird und was gegenwärtig geschieht
[Anm.: 'Hari' hier als Beiname Indras, nicht Viṣṇus.]
sa tu vakṣyati yenedaṃ jātaṃ tac ca mahāmate /
tāv āgatya mahāprājñau namaskṛtya mamāntikam /
kṛtāñjalipuṭo bhūtvā mām ūcatur idaṃ vacaḥ // BrP_122.54 //
'Er wird sagen, wodurch dies entstanden ist, o Hochgesinnter.' Die beiden Hochweisen, zu mir gekommen, sich verneigend, mit gefalteten Händen, sprachen zu mir dieses Wort:
Wort für Wort
sa tu vakṣyati yenedaṃ jātaṃ tac ca mahāmate
er wird sagen, wodurch dies entstanden ist, o Hochgesinnter
tāv āgatya mahāprājñau namaskṛtya mamāntikam
die beiden Hochweisen, zu mir gekommen, sich verneigend
kṛtāñjalipuṭo bhūtvā mām ūcatur idaṃ vacaḥ
mit gefalteten Händen sprachen sie zu mir dieses Wort
Indra und Bṛhaspati sprachen: 'O Erhabener, durch welchen Fehler verliert der Gemahl der Śacī, von edlem Sinn, sein Königreich, o Herr? Du sollst diesen Zweifel zerstreuen.'
Wort für Wort
bhagavan kena doṣeṇa śacībhartā udāradhīḥ
o Erhabener, durch welchen Fehler verliert der Gemahl der Śacī, von edlem Sinn
rājyāt prabhraśyate nātha saṃśayaṃ chettum arhasi
sein Königreich, o Herr, du sollst diesen Zweifel zerstreuen
Brahmā sprach: Da sprach ich, nachdem ich lange nachgedacht hatte, zu Bṛhaspati: 'Durch den als "Bruch des Dharma" bezeichneten Fehler ist er von der Königsstellung gefallen.'
Wort für Wort
tadāham abravaṃ brahmaṃś ciraṃ dhyātvā bṛhaspatim
da sprach ich, nachdem ich lange nachgedacht hatte, zu Bṛhaspati
khaṇḍadharmākhyadoṣeṇa tena rājyapadāc cyutaḥ
durch den als 'Bruch des Dharma' bezeichneten Fehler ist er von der Königsstellung gefallen
'Durch einen Fehler bezüglich Ort, Zeit und dergleichen, durch Vertauschung von Glauben und Mantra, durch unvollständige Gabe der Dakṣiṇā, durch Verschenken ungeeigneter Gegenstände,'
Wort für Wort
deśakālādidoṣeṇa śraddhāmantraviparyayāt
durch einen Fehler bezüglich Ort, Zeit und dergleichen, durch Vertauschung von Glauben und Mantra
yathāvaddakṣiṇādānād asaddravyapradānataḥ
durch unvollständige Gabe der Dakṣiṇā, durch Verschenken ungeeigneter Gegenstände
'und besonders durch die Sünde der Missachtung von Göttern und Erdgöttern (Brahmanen) – dadurch entsteht bei verkörperten Wesen ein Bruch ihres eigenen Dharma.'
Wort für Wort
devabhūdevatāvajñāpātakāc ca viśeṣataḥ
und besonders durch die Sünde der Missachtung von Göttern und Erdgöttern
yat khaṇḍatvaṃ svadharmasya dehinām upajāyate
dadurch entsteht bei verkörperten Wesen ein Bruch ihres eigenen Dharma
'Dadurch entsteht übermäßige geistige Qual und ein unabwendbarer Verlust der Stellung; selbst ausgeführter Dharma wird, wenn er von verwirrtem Sinn ausgeführt wird, zum Unheil.'
Wort für Wort
tenātimānasas tāpaḥ padahāniś ca dustyajā
dadurch entsteht übermäßige geistige Qual und ein unabwendbarer Verlust der Stellung
kṛto 'pi dharmo 'niṣṭāya jāyate kṣubdhacetasā
selbst ausgeführter Dharma wird, wenn er von verwirrtem Sinn ausgeführt wird, zum Unheil
kāryasya na bhavet siddhyai tasmād avyākulāya ca /
asaṃpūrṇe svadharme hi kim aniṣṭaṃ na jāyate // BrP_122.60 //
'Deshalb führt ein solches Handeln nicht zum Gelingen der Aufgabe, sondern nur, wenn es ungetrübt geschieht; denn wenn der eigene Dharma unvollständig ist, was für Unheil entstünde da nicht?'
Wort für Wort
kāryasya na bhavet siddhyai tasmād avyākulāya ca
deshalb führt (ein solches Handeln) nicht zum Gelingen der Aufgabe, nur wenn es ungetrübt geschieht
asaṃpūrṇe svadharme hi kim aniṣṭaṃ na jāyate
denn wenn der eigene Dharma unvollständig ist, was für Unheil entstünde da nicht
Brahmā sprach: Wiederum nachdenkend, sprach ich zu ihnen: 'Höret, was den Fehler behebt – die Ursache aller Vollkommenheiten, die Überfahrt über den leidvollen Weltenkreislauf,'
Wort für Wort
punar dhyātvā tāv avadaṃ śrūyatāṃ doṣakārakam
wiederum nachdenkend, sprach ich zu ihnen: höret, was den Fehler behebt
kāraṇaṃ sarvasiddhīnāṃ duḥkhasaṃsāratāraṇam
die Ursache aller Vollkommenheiten, die Überfahrt über den leidvollen Weltenkreislauf
'Es gibt kein anderes Mittel zur Reinigung, wenn man diese beiden in den drei Welten außer Acht lässt.' Da gingen beide sogleich zur Gautamī, o bester der Weisen; nachdem sie gebadet und die rituelle Zeit eingehalten hatten, priesen beide freudig die Götter.
Wort für Wort
nopāyo 'nyo 'sti saṃśuddhyai tau tāṃ hitvā jagattraye
es gibt kein anderes Mittel zur Reinigung, wenn man diese beiden in den drei Welten außer Acht lässt
tadaiva jagmatur ubhau gautamīṃ munisattama
da gingen beide sogleich zur Gautamī, o bester der Weisen
snātau kṛtakṣaṇau cobhau devau tuṣṭuvatur mudā
nachdem sie gebadet und die rituelle Zeit eingehalten hatten, priesen beide freudig die Götter
anantāyācyutāyeśa jāmadagnyāya te namaḥ /
varuṇendrasvarūpāya yamarūpāya te namaḥ // BrP_122.70 //
'Dem Endlosen, dem Unvergänglichen, o Herr, dem Sohn des Jamadagni (Paraśurāma) sei Verehrung; dir, der die Gestalt Varuṇas und Indras hat, der Gestalt Yamas, sei Verehrung.'
Wort für Wort
anantāyācyutāyeśa jāmadagnyāya te namaḥ
dem Endlosen, dem Unvergänglichen, o Herr, dem Sohn des Jamadagni sei Verehrung
varuṇendrasvarūpāya yamarūpāya te namaḥ
dir, der die Gestalt Varuṇas und Indras hat, der Gestalt Yamas, sei Verehrung
parameśāya devāya namas trailokyarūpiṇe /
bibhratsarasvatīṃ vaktre sarvajño 'si namo 'stu te // BrP_122.71 //
'Dem höchsten Herrn, dem Gott, Verehrung dem, der die Gestalt der drei Welten hat; der Sarasvatī im Munde tragend, bist du allwissend – Verehrung sei dir.'
Wort für Wort
parameśāya devāya namas trailokyarūpiṇe
dem höchsten Herrn, dem Gott, Verehrung dem, der die Gestalt der drei Welten hat
bibhratsarasvatīṃ vaktre sarvajño 'si namo 'stu te
der Sarasvatī im Munde tragend, bist du allwissend, Verehrung sei dir
'Du besitzt Lakṣmī, da du, o Sündloser, Lakṣmī an deiner Brust trägst; du hast viele Arme, Schenkel und Füße, viele Ohren, Augen und Häupter; nur weil sie dich, den Glücklichen, erlangt haben, wurden viele glücklich.'
Wort für Wort
lakṣmīvān asy ato lakṣmīṃ bibhrad vakṣasi cānagha
du besitzt Lakṣmī, da du, o Sündloser, Lakṣmī an deiner Brust trägst
bahubāhūrupādas tvaṃ bahukarṇākṣiśīrṣakaḥ
du hast viele Arme, Schenkel und Füße, viele Ohren, Augen und Häupter
tvām eva sukhinaṃ prāpya bahavaḥ sukhino 'bhavan
nur weil sie dich, den Glücklichen, erlangt haben, wurden viele glücklich
Bṛhaspati sprach: 'Das subtile höchste Licht von unendlicher Gestalt, das bloße Oṃkāra, das jenseits der Urnatur ist, von der Gestalt des Bewusstseins, ganz aus Wonne bestehend – so nennen dich, o Herr, die nach Erlösung Strebenden.'
Wort für Wort
sūkṣmaṃ paraṃ jotir anantarūpam
das subtile höchste Licht von unendlicher Gestalt
oṃkāramātraṃ prakṛteḥ paraṃ yat
das bloße Oṃkāra, das jenseits der Urnatur ist
cidrūpam ānandamayaṃ samastam
von der Gestalt des Bewusstseins, ganz aus Wonne bestehend
evaṃ vadantīśa mumukṣavas tvām
so nennen dich, o Herr, die nach Erlösung Strebenden
[Anm.: Ab hier V.74-82 Bṛhaspatis philosophisch geprägte Hymne (an Śiva/Someśvara gerichtet) in besonderem, padaweise gezähltem Hymnenmetrum.]
'Sie verehren dich hier, den Herrn, mit den fünf großen Opfern, wunschlos; jenseits des Ozeans des Weltenkreislaufs, ihre Wünsche erfüllt, gehen sie ein in deine göttliche Welt-Gestalt.'
Wort für Wort
ārādhayanty atra bhavantam īśaṃ
sie verehren dich hier, den Herrn
mahāmakhaiḥ pañcabhir apy akāmāḥ
mit den fünf großen Opfern, wunschlos
saṃsārasindhoḥ param āptakāmā
jenseits des Ozeans des Weltenkreislaufs, ihre Wünsche erfüllt
sarveṣu sattveṣu samatvabuddhyā BrP_122.76a
saṃvīkṣya ṣaṭsūrmiṣu śāntabhāvāḥ BrP_122.76b
jñānena te karmaphalāni hitvā BrP_122.76c
dhyānena te tvāṃ praviśanti śaṃbho BrP_122.76d
'Mit gleichmütiger Erkenntnis gegenüber allen Wesen, die sechs Wellen des Daseins durchschauend, friedvollen Sinnes, durch Wissen die Früchte der Taten aufgebend, gehen sie durch Meditation in dich ein, o Śambhu.'
Wort für Wort
sarveṣu sattveṣu samatvabuddhyā
mit gleichmütiger Erkenntnis gegenüber allen Wesen
saṃvīkṣya ṣaṭsūrmiṣu śāntabhāvāḥ
die sechs Wellen des Daseins durchschauend, friedvollen Sinnes
jñānena te karmaphalāni hitvā
durch Wissen die Früchte der Taten aufgebend
dhyānena te tvāṃ praviśanti śaṃbho
gehen sie durch Meditation in dich ein, o Śambhu
[Anm.: 'Ṣaṭ ūrmi' ('sechs Wellen') bezeichnet die sechs Daseins-Wandlungen (Geburt, Bestehen, Wachstum, Reifung, Abnahme, Vergehen).]
na jātidharmāṇi na vedaśāstraṃ BrP_122.77a
na dhyānayogo na samādhidharmaḥ BrP_122.77b
rudraṃ śivaṃ śaṃkaraṃ śānticittaṃ BrP_122.77c
bhaktyā devaṃ somam ahaṃ namasye BrP_122.77d
'Nicht die Kasten-Pflichten, nicht die Vedaschrift, nicht Meditations-Yoga, nicht die Samādhi-Regel allein genügen – Rudra, Śiva, Śaṃkara, den Friedensgesinnten, den Gott Soma, verehre ich mit Hingabe.'
'Selbst ein Törichter kann, o Śambhu, durch Hingabe an deine Füße deine aus Erlösung bestehende Gestalt erlangen – mehr als durch Wissen, Opfer, Askese, Meditation und großfruchtige Feueropfer.'
Wort für Wort
mūrkho 'pi śaṃbho tava pādabhaktyā
selbst ein Törichter kann, o Śambhu, durch Hingabe an deine Füße
'Diese höchste Frucht ist erlangt, nämlich Tag und Nacht währende Hingabe an Someśvara – sie übertrifft jede sichtbare und gehörte Frucht, die jedem Lebewesen stets lieb ist.'
Wort für Wort
saṃpannam etat phalam uttamaṃ yat
diese höchste Frucht ist erlangt
someśvare bhaktir aharniśaṃ yat
nämlich Tag und Nacht währende Hingabe an Someśvara
svargasya mokṣasya jagannivāsa BrP_122.80a
sopānapaṅktis tava bhaktir eṣā BrP_122.80b
tvatpādasaṃprāptiphalāptaye tu BrP_122.80c
sopānapaṅktiṃ na vadanti dhīrāḥ BrP_122.80d
'O Weltenwohnort, diese Hingabe zu dir ist die Stufenleiter zu Himmel und Erlösung; um jedoch die Frucht des Erlangens deiner Füße selbst zu erreichen, sprechen die Weisen von keiner weiteren Stufenleiter.'
Wort für Wort
svargasya mokṣasya jagannivāsa
o Weltenwohnort, zu Himmel und Erlösung
sopānapaṅktis tava bhaktir eṣā
ist diese Hingabe zu dir die Stufenleiter
tvatpādasaṃprāptiphalāptaye tu
um jedoch die Frucht des Erlangens deiner Füße zu erreichen
sopānapaṅktiṃ na vadanti dhīrāḥ
sprechen die Weisen von keiner weiteren Stufenleiter
'Deshalb, o Mitleidsvoller, sei meine Hingabe dir gewidmet; es gibt kein anderes Mittel als den Dienst an deiner Gestalt. Betrachte deine eigene Größe, o Herr, und erweise uns Sündern deine Gnade.'
Wort für Wort
tasmād dayālo mama bhaktir astu
deshalb, o Mitleidsvoller, sei meine Hingabe (dir gewidmet)
naivāsty upāyas tava rūpasevā
es gibt kein anderes Mittel als den Dienst an deiner Gestalt
sthūlaṃ ca sūkṣmaṃ tvam anādi nityaṃ BrP_122.82a
pitā ca mātā yad asac ca sac ca BrP_122.82b
evaṃ stuto yaḥ śrutibhiḥ purāṇair BrP_122.82c
namāmi someśvaram īśitāram BrP_122.82d
'Du bist das Grobe und das Feine, anfanglos, ewig, Vater und Mutter, das Nichtseiende und das Seiende; so von den Śrutis und Purāṇas gepriesen – ich verehre Someśvara, den Gebieter.'
Wort für Wort
sthūlaṃ ca sūkṣmaṃ tvam anādi nityaṃ
du bist das Grobe und das Feine, anfanglos, ewig
pitā ca mātā yad asac ca sac ca
Vater und Mutter, das Nichtseiende und das Seiende
'Auf dass ich fest in meiner Königsherrschaft bleibe, alles bei mir unerschütterlich sei; wenn die beiden Göttergebieter wohlgesonnen sind, wird alles stets unerschütterlich sein.'
Wort für Wort
yathā sthiro 'haṃ rājye syāṃ sarvaṃ syān niścalaṃ mama
auf dass ich fest in meiner Königsherrschaft bleibe, alles bei mir unerschütterlich sei
suprītau yadi deveśau sarvaṃ syān niścalaṃ sadā
wenn die beiden Göttergebieter wohlgesonnen sind, wird alles stets unerschütterlich sein
'So sei es', sprachen jene beiden, Haris Wort begrüßend, dies; höchste Gnade erlangt habend, sprachen sie weiter, mit lächelnden Gesichtern ihn anblickend.
Wort für Wort
tatheti harivākyaṃ tāv abhinandyedam ūcatuḥ
'so sei es', sprachen jene beiden, Haris Wort begrüßend, dies
paraṃ prasādam āpannau tāv ālokya smitānanau
höchste Gnade erlangt habend, mit lächelnden Gesichtern ihn anblickend
Hari und Hara sprachen: 'Die Gautamī, das den drei Göttern heilige große Tīrtha, gewährt Wünsche; in ihr sollen sie mit diesem Mantra ehrfurchtsvoll das Bad vollziehen.'
Wort für Wort
tridaivatyaṃ mahātīrthaṃ gautamī vāñchitapradā
die Gautamī, das den drei Göttern heilige große Tīrtha, gewährt Wünsche
tasyām anena mantreṇa kurutāṃ snānam ādarāt
in ihr sollen sie mit diesem Mantra ehrfurchtsvoll das Bad vollziehen
evaṃ smṛtvā tu yaḥ kaścid gautamyāṃ snānam ācaret /
āvābhyāṃ tu prasādena dharmaḥ saṃpūrṇatām iyāt /
pūrvajanmakṛtād doṣāt sa muktaḥ puṇyavān bhavet // BrP_122.92 //
Wer sich so erinnernd in der Gautamī badet, dessen Dharma möge durch unsere beider Gnade Vollständigkeit erlangen; von den in früheren Existenzen begangenen Fehlern befreit, werde er verdienstvoll.
Wort für Wort
evaṃ smṛtvā tu yaḥ kaścid gautamyāṃ snānam ācaret
wer sich so erinnernd in der Gautamī badet
āvābhyāṃ tu prasādena dharmaḥ saṃpūrṇatām iyāt
dessen Dharma möge durch unsere beider Gnade Vollständigkeit erlangen
pūrvajanmakṛtād doṣāt sa muktaḥ puṇyavān bhavet
von den in früheren Existenzen begangenen Fehlern befreit, werde er verdienstvoll
tenābhūd yā nadī puṇyā maṅgalety uditā tu sā /
tayā ca saṃgamaḥ puṇyo gaṅgāyāḥ śubhadas tv asau // BrP_122.94 //
Dadurch entstand der heilige Fluss, der als Maṅgalā (die Glückverheißende) bezeichnet wird; und der Zusammenfluss mit ihm und der Gaṅgā ist heilig und segensreich.
Wort für Wort
tenābhūd yā nadī puṇyā maṅgalety uditā tu sā
dadurch entstand der heilige Fluss, der als Maṅgalā bezeichnet wird
tayā ca saṃgamaḥ puṇyo gaṅgāyāḥ śubhadas tv asau
und der Zusammenfluss mit ihm und der Gaṅgā ist heilig und segensreich
[?] Von Indra gepriesen, erschien Viṣṇu, der aus der Welt Bestehende, sichtbar; Śakra (Indra) erlangte vom Weltenherrn einen den drei Welten gleichwertigen Besitz.
tannāmnā cāpi vikhyāto govinda iti tatra ca /
trilokasaṃmitā labdhā tena gaur vajradhāriṇā // BrP_122.96 //
[?] Und durch diesen Anlass wurde er (Viṣṇu) dort auch unter dem Namen Govinda bekannt; von ihm, dem Vajra-Träger (Indra), wurde eine den drei Welten gleichwertige Kuh erlangt.
Wort für Wort
tannāmnā cāpi vikhyāto govinda iti tatra ca
und durch diesen (Anlass) wurde er dort auch unter dem Namen Govinda bekannt
trilokasaṃmitā labdhā tena gaur vajradhāriṇā
von ihm, dem Vajra-Träger, wurde eine den drei Welten gleichwertige Kuh erlangt
[Anm.: Ätiologie des Namens 'Govinda' ('Kuhfinder/-empfänger'); die genaue Rollenverteilung zwischen Indra und Viṣṇu bei Geben/Empfangen der Kuh bleibt in V.95-97 wegen der Doppelverwendung des Beinamens 'Hari' für beide Götter unsicher.]
indratīrtham iti khyātaṃ bārhaspatyaṃ ca viśrutam /
yatra siddheśvaro devo viṣṇur govinda eva ca // BrP_122.101 //
Es ist als Indra-Tīrtha bekannt und auch als Bārhaspatya (Bṛhaspati-Tīrtha) berühmt, wo der Gott Siddheśvara, Viṣṇu und Govinda zugleich verehrt werden.
Wort für Wort
indratīrtham iti khyātaṃ bārhaspatyaṃ ca viśrutam
es ist als Indra-Tīrtha bekannt und auch als Bārhaspatya berühmt
yatra siddheśvaro devo viṣṇur govinda eva ca
wo der Gott Siddheśvara, Viṣṇu und Govinda (zugleich verehrt werden)