Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 28: koṇādityakṣetravarṇanam Die Beschreibung des Oṇḍra-Landes und der Kultstätte des Koṇāditya (Koṇārka)

Brahmā setzt seine Beschreibung der Gebiete Bhāratas fort und schildert das heilige Oṇḍra-Land (Utkala, das heutige Odisha) am südlichen Meer, dessen fromme Bewohner und die berühmte Kultstätte des Sonnengottes Koṇāditya am Meeresufer (der historische Sonnentempel von Koṇārka) samt dem angrenzenden Śiva-Heiligtum Rāmeśvara. Den Hauptteil (V.19-64) bildet eine ausführliche, technische Anleitung zur täglichen und siebten-Tags-Arghya-Verehrung der Sonne (Bad, Reinigung, Lotus-Zeichnung, Maṇḍala-Pūjā mit Handzeichen und Körperglied-Zuordnung, Ehrengabe-Darbringung), verbunden mit der Verheißung mannigfacher Früchte bis hin zur Erlösung.

tatrāste bhārate varṣe dakṣiṇodadhisaṃsthitaḥ / oṇḍradeśa iti khyātaḥ svargamokṣapradāyakaḥ //

{Brahmā sprach:} Dort im Land Bhārata liegt, am südlichen Meer gelegen, das als Oṇḍra-Land bekannte [Gebiet], das Himmel und Erlösung verleiht.

Wort für Wort
tatra
dort
āste
liegt/befindet sich
bhārate varṣe
im Land Bhārata (Lok.)
dakṣiṇa-udadhi-saṃsthitaḥ
am südlichen Meer gelegen
oṇḍradeśaḥ
das Oṇḍra-Land
iti khyātaḥ
so genannt/bekannt
svarga-mokṣa-pradāyakaḥ
Himmel und Erlösung verleihend

Oṇḍra-deśa = das antike Odra/Utkala, im Wesentlichen das heutige Odisha (Ostindien); die folgenden Verse beschreiben, wie sich zeigen wird, die Gegend um den berühmten Sonnentempel von Koṇārka.

samudrād uttaraṃ tāvad yāvad virajamaṇḍalam / deśo 'sau puṇyaśīlānāṃ guṇaiḥ sarvair alaṃkṛtaḥ //

Nördlich vom Meer, so weit wie der Bezirk Viraja [reicht], ist dieses Land der Tugendhaften mit allen guten Eigenschaften geschmückt.

Wort für Wort
samudrāt uttaram
nördlich vom Meer
tāvad yāvad
so weit wie, bis wohin
viraja-maṇḍalam
der Bezirk Viraja
deśaḥ asau
dieses Land
puṇya-śīlānām
der Tugendhaften (Gen.)
guṇaiḥ sarvaiḥ
mit allen [guten] Eigenschaften
alaṃkṛtaḥ
geschmückt

Virajamaṇḍala = Virajā-kṣetra, das antike Zentrum um das heutige Jajpur in Odisha, eine der berühmten Śakti-Pīṭhas.

tatra deśaprasūtā ye brāhmaṇāḥ saṃyatendriyāḥ / tapaḥsvādhyāyaniratā vandyāḥ pūjyāś ca te sadā //

Die dort im Land geborenen Brahmanen, die mit gezügelten Sinnen der Askese und dem [Veda-]Selbststudium hingegeben sind, sie sind stets verehrungs- und anbetungswürdig.

Wort für Wort
tatra deśa-prasūtāḥ
die dort im Land Geborenen
ye brāhmaṇāḥ
welche Brahmanen
saṃyata-indriyāḥ
mit gezügelten Sinnen
tapaḥ-svādhyāya-niratāḥ
Askese und Selbststudium hingegeben
vandyāḥ pūjyāḥ ca
verehrungswürdig und anbetungswürdig, und
te sadā
sie stets

śrāddhe dāne vivāhe ca yajñe vācāryakarmaṇi / praśastāḥ sarvakāryeṣu tatradeśodbhavā dvijāḥ //

Beim Ahnenritual, bei der Gabe, bei der Hochzeit, beim Opfer und bei der Lehrertätigkeit — bei allen Verrichtungen sind die aus jenem Land stammenden Zweifachgeborenen gepriesen.

Wort für Wort
śrāddhe
beim Totenopfer/Ahnenritual
dāne
bei der Gabe
vivāhe
bei der Hochzeit
ca yajñe
und beim Opfer
vā ācāryakarmaṇi
oder bei der Lehrertätigkeit
praśastāḥ
gepriesen
sarva-kāryeṣu
bei allen Verrichtungen
tatra-deśa-udbhavāḥ dvijāḥ
die aus jenem Land stammenden Zweifachgeborenen

ṣaṭkarmaniratās tatra brāhmaṇā vedapāragāḥ / itihāsavidaś caiva purāṇārthaviśāradāḥ //

Dort sind die Brahmanen den sechs [Pflicht-]Handlungen hingegeben, im Veda ganz bewandert, kundig der Geschichtsüberlieferung und erfahren im Sinn der Purāṇas.

Wort für Wort
ṣaṭ-karma-niratāḥ
den sechs [Pflicht-]Handlungen hingegeben
tatra brāhmaṇāḥ
dort die Brahmanen
veda-pāra-gāḥ
zum anderen Ufer des Veda gelangt = ganz bewandert
itihāsa-vidaḥ ca eva
und auch der Geschichtsüberlieferung kundig
purāṇa-artha-viśāradāḥ
im Sinn der Purāṇas erfahren

Die sechs Pflichthandlungen (ṣaṭkarma) eines Brahmanen: Opfern und Opfern-lassen, Studieren und Lehren, Schenken und Annehmen.

sarvaśāstrārthakuśalā yajvāno vītamatsarāḥ / agnihotraratāḥ kecit kecit smārtāgnitatparāḥ //

Kundig im Sinn aller Lehrbücher, Opfernde, frei von Missgunst — manche sind dem Agnihotra hingegeben, manche dem häuslichen [Smārta-]Feuer ergeben.

Wort für Wort
sarva-śāstra-artha-kuśalāḥ
im Sinn aller Lehrbücher kundig
yajvānaḥ
Opfernde
vīta-matsarāḥ
frei von Missgunst
agnihotra-ratāḥ kecit
manche dem Agnihotra hingegeben
kecit smārta-agni-tatparāḥ
manche dem häuslichen [Smārta-]Feuer ergeben

putradāradhanair yuktā dātāraḥ satyavādinaḥ / nivasanty utkale puṇye yajñotsavavibhūṣite //

Mit Söhnen, Gattinnen und Reichtum ausgestattet, freigebig, wahrredend, wohnen sie im heiligen Utkala, das durch Opferfeste geschmückt ist.

Wort für Wort
putra-dāra-dhanaiḥ yuktāḥ
mit Söhnen, Gattinnen und Reichtum ausgestattet
dātāraḥ
Freigebige
satya-vādinaḥ
Wahrredende
nivasanti
sie wohnen
utkale puṇye
im heiligen Utkala
yajña-utsava-vibhūṣite
das durch Opferfeste geschmückt ist

Utkala = der klassische Name für das Land, das im Wesentlichen dem heutigen Odisha entspricht.

itare 'pi trayo varṇāḥ kṣatriyādyāḥ susaṃyatāḥ / svakarmaniratāḥ śāntās tatra tiṣṭhanti dhārmikāḥ //

Auch die anderen drei Stände, angefangen mit den Kṣatriyas, sind wohlgezügelt; ihrer eigenen Pflicht hingegeben und friedvoll verweilen sie dort rechtschaffen.

Wort für Wort
itare api trayaḥ varṇāḥ
auch die anderen drei Stände
kṣatriya-ādyāḥ
angefangen mit den Kṣatriyas
su-saṃyatāḥ
wohlgezügelt
sva-karma-niratāḥ
ihrer eigenen Pflicht hingegeben
śāntāḥ
friedvoll
tatra tiṣṭhanti dhārmikāḥ
dort verweilen sie rechtschaffen

koṇāditya iti khyātas tasmin deśe vyavasthitaḥ / yaṃ dṛṣṭvā bhāskaraṃ martyaḥ sarvapāpaiḥ pramucyate //

In jenem Land befindet sich [die Sonnengottheit], die als Koṇāditya bekannt ist; erblickt der Sterbliche diese Sonne, wird er von allen Sünden befreit.

Wort für Wort
koṇādityaḥ iti khyātaḥ
als 'Koṇāditya' bekannt
tasmin deśe vyavasthitaḥ
in jenem Land befindlich
yam dṛṣṭvā bhāskaram
welche Sonne erblickend
martyaḥ
der Sterbliche
sarva-pāpaiḥ pramucyate
wird von allen Sünden befreit

Koṇāditya ("Sonne der Ecke/des Winkels") ist die im berühmten Sonnentempel von Koṇārka verehrte Form der Sonne; dieser Vers und die folgenden bestätigen die uralte Heiligkeit dieses Ortes.

śrotum icchāma tad brūhi kṣetraṃ sūryasya sāṃpratam / tasmin deśe suraśreṣṭha yatrāste sa divākaraḥ //

{Die Weisen sprachen:} Wir wünschen es zu hören — sag uns nun die Kultstätte der Sonne, o Bester der Götter, wo in jenem Land jener Tagmacher weilt.

Wort für Wort
śrotum icchāmaḥ
wir wünschen zu hören
tat brūhi
sag das
kṣetram sūryasya sāṃpratam
die Kultstätte der Sonne, jetzt
tasmin deśe
in jenem Land
sura-śreṣṭha
o Bester der Götter
yatra āste sa divākaraḥ
wo jener Tagmacher weilt

lavaṇasyodadhes tīre pavitre sumanohare / sarvatra vālukākīrṇe deśe sarvaguṇānvite //

{Brahmā sprach:} Am Ufer des Salzmeeres, an dem reinen, sehr herzerfreuenden, überall mit Sand bestreuten Ort, im mit allen guten Eigenschaften versehenen Land...

Wort für Wort
lavaṇasya udadheḥ tīre
am Ufer des Salzmeeres
pavitre
am reinen
su-manohare
sehr herzerfreuenden
sarvatra vālukā-ākīrṇe
überall mit Sand bestreuten
deśe sarva-guṇa-anvite
im mit allen guten Eigenschaften versehenen Land

campakāśokabakulaiḥ karavīraiḥ sapāṭalaiḥ / puṃnāgaiḥ karṇikāraiś ca bakulair nāgakesaraiḥ //

...mit Campaka-, Aśoka- und Bakula-Bäumen, Oleander (Karavīra) samt Pāṭalā-Bäumen, mit Puṃnāga-, Karṇikāra- und wiederum Bakula-, mit Nāgakesara-Bäumen...

Wort für Wort
campaka-aśoka-bakulaiḥ
mit Campaka-, Aśoka-, Bakula-Bäumen
karavīraiḥ sa-pāṭalaiḥ
mit Oleander samt Pāṭalā-Bäumen
puṃnāgaiḥ karṇikāraiḥ ca
mit Puṃnāga- und Karṇikāra-Bäumen
bakulaiḥ nāgakesaraiḥ
mit Bakula- und Nāgakesara-Bäumen

Aufzählung von Bäumen und Blumen (V.12-16), die die heilige Gegend schmücken; botanische Namen bleiben, soweit unsicher, transliteriert.

tagarair dhavabāṇaiś ca atimuktaiḥ sakubjakaiḥ / mālatīkundapuṣpaiś ca tathānyair mallikādibhiḥ //

...mit Tagara-, Dhava- und Bāṇa-Bäumen, mit Atimukta- samt Kubjaka-Ranken, mit Mālatī- und Kunda-Blüten und ebenso anderen, angefangen mit Mallikā...

Wort für Wort
tagaraiḥ dhava-bāṇaiḥ ca
mit Tagara-, Dhava- und Bāṇa-Bäumen
atimuktaiḥ sa-kubjakaiḥ
mit Atimukta- samt Kubjaka-Ranken
mālatī-kunda-puṣpaiḥ ca
und mit Mālatī- und Kunda-Blüten
tathā anyaiḥ mallikā-ādibhiḥ
und ebenso anderen, angefangen mit Mallikā

ketakīvanakhaṇḍaiś ca sarvartukusumojjvalaiḥ / kadambair lakucaiḥ śālaiḥ panasair devadārubhiḥ //

...mit Ketakī-Waldstücken, die von den Blüten aller Jahreszeiten erstrahlen, mit Kadamba-, Lakuca-, Śāla-, Jackfrucht(Panasa)- und Deodar(Devadāru)-Bäumen...

Wort für Wort
ketakī-vana-khaṇḍaiḥ ca
und mit Ketakī-Waldstücken
sarva-ṛtu-kusuma-ujjvalaiḥ
die von den Blüten aller Jahreszeiten erstrahlen
kadambaiḥ lakucaiḥ śālaiḥ
mit Kadamba-, Lakuca-, Śāla-Bäumen
panasaiḥ devadārubhiḥ
mit Jackfrucht- und Deodar-Bäumen

saralair mucukundaiś ca candanaiś ca sitetaraiḥ / aśvatthaiḥ saptaparṇaiś ca āmrair āmrātakais tathā //

...mit Kiefern(Sarala)- und Mucukunda-Bäumen, mit weißen und andersfarbigen Sandelbäumen, mit Pipal(Aśvattha)- und Saptaparṇa-Bäumen, ebenso mit Mango- und Āmrātaka-Bäumen...

Wort für Wort
saralaiḥ mucukundaiḥ ca
mit Sarala- und Mucukunda-Bäumen
candanaiḥ ca sita-itaraiḥ
und mit weißen und andersfarbigen Sandelbäumen
aśvatthaiḥ saptaparṇaiḥ ca
mit Pipal- und Saptaparṇa-Bäumen
āmraiḥ āmrātakaiḥ tathā
und ebenso mit Mango- und Āmrātaka-Bäumen

tālaiḥ pūgaphalaiś caiva nārikeraiḥ kapitthakaiḥ / anyaiś ca vividhair vṛkṣaiḥ sarvataḥ samalaṃkṛtam //

...mit Palmyra-, Areca-, Kokos- und Kapittha(Wollholz)-Bäumen und mit anderen, vielfältigen Bäumen ringsum vollständig geschmückt.

Wort für Wort
tālaiḥ pūgaphalaiḥ ca eva
mit Palmyra- und Areca-Bäumen
nārikeraiḥ kapitthakaiḥ
mit Kokos- und Kapittha-Bäumen
anyaiḥ ca vividhaiḥ vṛkṣaiḥ
und mit anderen, vielfältigen Bäumen
sarvataḥ samalaṃkṛtam
ringsum vollständig geschmückt

kṣetraṃ tatra raveḥ puṇyam āste jagati viśrutam / samantād yojanaṃ sāgraṃ bhuktimuktiphalapradam //

Dort ist die heilige, in der Welt berühmte Kultstätte der Sonne; sie erstreckt sich ringsum über ein Yojana und mehr und verleiht als Frucht Genuss und Erlösung.

Wort für Wort
kṣetram tatra raveḥ puṇyam
dort die heilige Kultstätte der Sonne
āste jagati viśrutam
sie befindet sich, in der Welt berühmt
samantāt yojanam sa-agram
ringsum ein Yojana und mehr
bhukti-mukti-phala-pradam
Genuss und Erlösung als Frucht verleihend

āste tatra svayaṃ devaḥ sahasrāṃśur divākaraḥ / koṇāditya iti khyāto bhuktimuktiphalapradaḥ //

Dort weilt der Gott selbst, der Tausendstrahlige, der Tagmacher, als 'Koṇāditya' bekannt, der Genuss und Erlösung als Frucht verleiht.

Wort für Wort
āste tatra svayam devaḥ
dort weilt der Gott selbst
sahasra-aṃśuḥ divākaraḥ
der Tausendstrahlige, der Tagmacher
koṇādityaḥ iti khyātaḥ
als 'Koṇāditya' bekannt
bhukti-mukti-phala-pradaḥ
Genuss und Erlösung als Frucht verleihend

māghe māsi site pakṣe saptamyāṃ saṃyatendriyaḥ / kṛtopavāso yatretya snātvā tu makarālaye //

Im Monat Māgha, in der hellen Monatshälfte, am siebten [Tag], mit gezügelten Sinnen, das Fasten vollzogen habend, dorthin gegangen und im Meer gebadet...

Wort für Wort
māghe māsi
im Monat Māgha
site pakṣe
in der hellen Monatshälfte
saptamyām
am siebten [Tag]
saṃyata-indriyaḥ
mit gezügelten Sinnen
kṛta-upavāsaḥ
das Fasten vollzogen habend
yatra etya
dorthin gegangen
snātvā tu makara-ālaye
und im Meer gebadet habend

makarālaya, wörtlich 'Wohnstätte der Makaras (Krokodile)', ist eine gängige Umschreibung für das Meer.

kṛtaśauco viśuddhātmā smaran devaṃ divākaram / sāgare vidhivat snātvā śarvaryante samāhitaḥ //

...die Reinigung vollzogen habend, mit geläutertem Selbst, an den Gott, den Tagmacher, gedenkend, am Ende der Nacht vorschriftsgemäß im Meer gebadet habend, gesammelten Sinnes...

Wort für Wort
kṛta-śaucaḥ
die Reinigung vollzogen habend
viśuddha-ātmā
mit geläutertem Selbst
smaran devam divākaram
an den Gott, den Tagmacher, gedenkend
sāgare vidhivat snātvā
im Meer vorschriftsgemäß gebadet habend
śarvarī-ante samāhitaḥ
am Ende der Nacht, gesammelten Sinnes

devān ṛṣīn manuṣyāṃś ca pitṝn saṃtarpya ca dvijāḥ / uttīrya vāsasī dhaute paridhāya sunirmale //

...Götter, Seher, Menschen und Ahnen mit Wasserspenden befriedigt habend, o Zweifachgeborene, aus dem Wasser herausgestiegen und zwei gewaschene, sehr reine Gewänder anlegend...

Wort für Wort
devān ṛṣīn manuṣyān ca
Götter, Seher und Menschen
pitṝn saṃtarpya
und die Ahnen befriedigt habend
ca dvijāḥ
o Zweifachgeborene
uttīrya
herausgestiegen
vāsasī dhaute
zwei gewaschene Gewänder
paridhāya su-nirmale
die sehr reinen anlegend

ācamya prayato bhūtvā tīre tasya mahodadheḥ / upaviśyodaye kāle prāṅmukhaḥ savitus tadā //

...die rituelle Mundspülung vollzogen und geläutert, sich am Ufer jenes großen Ozeans zur Zeit des Sonnenaufgangs nach Osten gewandt niedersetzend...

Wort für Wort
ācamya
die rituelle Mundspülung vollzogen habend
prayataḥ bhūtvā
geläutert geworden
tīre tasya mahā-udadheḥ
am Ufer jenes großen Ozeans
upaviśya
sich niedersetzend
udaye kāle
zur Zeit des Aufgangs
prāṅmukhaḥ savituḥ tadā
nach Osten gewandt, [zur Zeit] der Sonne

vilikhya padmaṃ medhāvī raktacandanavāriṇā / aṣṭapattraṃ kesarāḍhyaṃ vartulaṃ cordhvakarṇikam //

...der Kluge, mit rotem Sandelwasser einen achtblättrigen, an Staubfäden reichen, runden Lotus mit aufwärtsstehendem Kelch zeichnend...

Wort für Wort
vilikhya padmam
einen Lotus zeichnend
medhāvī
der Kluge
rakta-candana-vāriṇā
mit rotem Sandelwasser
aṣṭa-pattram
achtblättrig
kesara-āḍhyam
an Staubfäden reich
vartulam ca ūrdhva-karṇikam
rund und mit aufwärtsstehendem Kelch

tilataṇḍulatoyaṃ ca raktacandanasaṃyutam / raktapuṣpaṃ sadarbhaṃ ca prakṣipet tāmrabhājane //

...Sesam-Reiswasser mit rotem Sandelholz versehen, eine rote Blume mit Darbha-Gras lege er in ein Kupfergefäß.

Wort für Wort
tila-taṇḍula-toyam
Sesam-Reis-Wasser
ca rakta-candana-saṃyutam
und mit rotem Sandelholz versehen
rakta-puṣpam sa-darbham
eine rote Blume mit Darbha-Gras
ca prakṣipet tāmra-bhājane
lege er in ein Kupfergefäß

tāmrābhāve 'rkapattrasya puṭe kṛtvā tilādikam / pidhāya tan muniśreṣṭhāḥ pātraṃ pātreṇa vinyaset //

Bei Fehlen von Kupfer gebe er den Sesam usw. in eine Tüte aus Arka-Blättern; damit bedeckend, o Beste der Weisen, möge er das Gefäß mit einem [anderen] Gefäß bedecken.

Wort für Wort
tāmra-abhāve
bei Fehlen von Kupfer
arka-pattrasya puṭe
in eine Tüte aus Arka-(Calotropis-)Blättern
kṛtvā tila-ādikam
den Sesam usw. gebend
pidhāya tat muni-śreṣṭhāḥ
das bedeckend, o Beste der Weisen
pātram pātreṇa vinyaset
möge er das Gefäß mit einem Gefäß bedecken

karanyāsāṅgavinyāsaṃ kṛtvāṅgair hṛdayādibhiḥ / ātmānaṃ bhāskaraṃ dhyātvā samyak śraddhāsamanvitaḥ //

...die Handauflegungs- und Glieder-Zuordnungsriten mit den [sechs] Gliedern (Herz usw.) vollzogen habend, sich selbst als die Sonne meditierend, recht mit Glauben versehen...

Wort für Wort
kara-nyāsa-aṅga-vinyāsam kṛtvā
die Hand-Auflegung und Glieder-Zuordnung vollzogen habend
aṅgaiḥ hṛdaya-ādibhiḥ
mit den Gliedern, Herz usw.
ātmānam bhāskaram dhyātvā
sich selbst als die Sonne meditierend
samyak śraddhā-samanvitaḥ
recht mit Glauben versehen

kara-nyāsa und aṅga-vinyāsa sind Standardriten der tantrischen Pūjā, bei denen Mantras auf Hände und Körperteile 'gelegt' werden.

madhye cāgnidale dhīmān nairṛte śvasane dale / kāmārigocare caiva punar madhye ca pūjayet //

In der Mitte und im südöstlichen [Feuer-]Blütenblatt, der Kluge, im südwestlichen und nordwestlichen [Wind-]Blütenblatt, im nordöstlichen [Śiva-]Bereich und wiederum in der Mitte verehre er [den Gott].

Wort für Wort
madhye ca agni-dale
in der Mitte und im Feuer-(SO-)Blütenblatt
dhīmān
der Kluge
nairṛte śvasane dale
im Nirṛti-(SW-) und Wind-(NW-)Blütenblatt
kāma-ari-gocare
im Bereich des Feindes des Kāma (Śiva, NO)
ca eva punar madhye ca pūjayet
und wiederum in der Mitte verehre er

Beschreibung einer Maṇḍala-Verehrung an fünf Punkten des Lotus (Mitte und vier Himmelsrichtungs-Blütenblätter).

prabhūtaṃ vimalaṃ sāram ārādhyaṃ paramaṃ sukham / saṃpūjya padmam āvāhya gaganāt tatra bhāskaram //

Das reichliche, makellose Wesen, das verehrungswürdige höchste Glück — den Lotus verehrt habend, die Sonne vom Himmel dorthin herbeigerufen habend...

Wort für Wort
prabhūtam vimalam sāram
das reichliche, makellose Wesen
ārādhyam paramam sukham
das verehrungswürdige höchste Glück
saṃpūjya padmam
den Lotus verehrt habend
āvāhya gaganāt tatra bhāskaram
die Sonne vom Himmel dorthin herbeigerufen habend

karṇikopari saṃsthāpya tato mudrāṃ pradarśayet / kṛtvā snānādikaṃ sarvaṃ dhyātvā taṃ susamāhitaḥ //

...auf dem Fruchtknoten [des Lotus] plaziert habend, zeige er dann das Handzeichen; alles rituelle Baden usw. vollzogen habend, ihn wohlgesammelten Sinnes meditierend...

Wort für Wort
karṇikā-upari saṃsthāpya
auf dem Fruchtknoten plaziert habend
tataḥ mudrām pradarśayet
dann zeige er das Handzeichen
kṛtvā snāna-ādikam sarvam
alles [rituelle] Baden usw. vollzogen habend
dhyātvā tam su-samāhitaḥ
ihn wohlgesammelt meditierend

sitapadmopari raviṃ tejobimbe vyavasthitam / piṅgākṣaṃ dvibhujaṃ raktaṃ padmapattrāruṇāmbaram //

...die Sonne auf einem weißen Lotus, in einer Glanzscheibe befindlich, mit rötlich-braunen Augen, zweiarmig, rot, mit einem morgenrot-lotusblattfarbenen Gewand...

Wort für Wort
sita-padma-upari ravim
die Sonne auf einem weißen Lotus
tejo-bimbe vyavasthitam
in einer Glanzscheibe befindlich
piṅga-akṣam dvi-bhujam raktam
mit rötlich-braunen Augen, zweiarmig, rot
padma-pattra-aruṇa-ambaram
mit einem morgenrot-lotusblattfarbenen Gewand

sarvalakṣaṇasaṃyuktaṃ sarvābharaṇabhūṣitam / surūpaṃ varadaṃ śāntaṃ prabhāmaṇḍalamaṇḍitam //

...mit allen [günstigen] Merkmalen versehen, mit allem Schmuck geschmückt, schöngestaltig, gabenspendend, friedvoll, mit einem Strahlenkranz geschmückt...

Wort für Wort
sarva-lakṣaṇa-saṃyuktam
mit allen Merkmalen versehen
sarva-ābharaṇa-bhūṣitam
mit allem Schmuck geschmückt
su-rūpam varadam śāntam
schöngestaltig, gabenspendend, friedvoll
prabhā-maṇḍala-maṇḍitam
mit einem Strahlenkranz geschmückt

udyantaṃ bhāskaraṃ dṛṣṭvā sāndrasindūrasaṃnibham / tatas tat pātram ādāya jānubhyāṃ dharaṇīṃ gataḥ //

Die aufgehende Sonne, dicht-zinnoberrot ähnlich, erblickt habend, dann jenes Gefäß ergreifend, mit den Knien zur Erde niedergekniet...

Wort für Wort
udyantam bhāskaram dṛṣṭvā
die aufgehende Sonne erblickt habend
sāndra-sindūra-saṃnibham
dicht-zinnoberrot ähnlich
tataḥ tat pātram ādāya
dann jenes Gefäß ergreifend
jānubhyām dharaṇīm gataḥ
mit den Knien zur Erde gegangen [niedergekniet]

kṛtvā śirasi tat pātram ekacittas tu vāgyataḥ / tryakṣareṇa tu mantreṇa sūryāyārghyaṃ nivedayet //

Jenes Gefäß auf das Haupt gesetzt habend, einsinnig, aber schweigend, möge er mit dem dreisilbigen Mantra der Sonne die Ehrengabe darbringen.

Wort für Wort
kṛtvā śirasi tat pātram
jenes Gefäß auf das Haupt gesetzt habend
eka-cittaḥ tu vāgyataḥ
einsinnig, aber schweigend
try-akṣareṇa tu mantreṇa
mit dem dreisilbigen Mantra aber
sūryāya arghyam nivedayet
möge er der Sonne die Ehrengabe darbringen

[?] Der 'dreisilbige Mantra' (tryakṣara) wird nicht namentlich genannt; vermutlich eine feste Kurzformel wie 'oṃ sūryāya' o.ä.

adīkṣitas tu tasyaiva nāmnaivārghaṃ prayacchati / śraddhayā bhāvayuktena bhaktigrāhyo ravir yataḥ //

Der Uneingeweihte aber bringt eben mit dessen [der Sonne] Namen die Ehrengabe dar, mit Glauben und rechter Gesinnung, da die Sonne durch Hingabe [allein] erreichbar ist.

Wort für Wort
adīkṣitaḥ tu
der Uneingeweihte aber
tasya eva nāmnā
eben mit dessen Namen
arghaṃ prayacchati
bringt die Ehrengabe dar
śraddhayā bhāva-yuktena
mit Glauben, gesinnungsverbunden
bhakti-grāhyaḥ raviḥ yataḥ
da die Sonne durch Hingabe erreichbar ist

agninirṛtivāyvīśa-madhyapūrvādidikṣu ca / hṛc chiraś ca śikhāvarma-netrāṇy astraṃ ca pūjayet //

In den Richtungen Feuer(SO), Nirṛti(SW), Wind(NW), Īśa(NO), Mitte und Osten usw. verehre er [nacheinander] Herz, Haupt, Schopf, Panzer, Augen und Waffe.

Wort für Wort
agni-nirṛti-vāyu-īśa-madhya-pūrva-ādi-dikṣu
in den Richtungen Feuer-Nirṛti-Wind-Īśa-Mitte-Osten usw.
ca hṛt śiraḥ ca
und Herz und Haupt
śikhā-varma-netrāṇi
Schopf, Panzer, Augen
astram ca pūjayet
und die Waffe verehre er

Die sechs 'Aṅga'-Körperteile (hṛdaya, śiras, śikhā, varma, netra, astra) werden, wie in der tantrischen Pūjā üblich, den sechs Himmelsrichtungspunkten zugeordnet.

dattvārghyaṃ gandhadhūpaṃ ca dīpaṃ naivedyam eva ca / japtvā stutvā namas kṛtvā mudrāṃ baddhvā visarjayet //

Die Ehrengabe dargebracht, Duftstoff, Räucherwerk, Lampe und Speiseopfer [dargebracht], den Mantra gemurmelt, gepriesen, Verehrung erwiesen habend, möge er, das Handzeichen geformt, [die Gottheit] entlassen.

Wort für Wort
dattvā arghyam
die Ehrengabe dargebracht habend
gandha-dhūpam ca
und Duftstoff, Räucherwerk
dīpam naivedyam eva ca
Lampe und Speiseopfer
japtvā stutvā
gemurmelt und gepriesen habend
namaḥ kṛtvā
Verehrung erwiesen habend
mudrām baddhvā visarjayet
das Handzeichen geformt, möge er entlassen

ye vārghyaṃ saṃprayacchanti sūryāya niyatendriyāḥ / brāhmaṇāḥ kṣatriyā vaiśyāḥ striyaḥ śūdrāś ca saṃyatāḥ //

Wer auch immer, mit gebändigten Sinnen, der Sonne die Ehrengabe darbringt — Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas, Frauen und Śūdras, gezügelt...

Wort für Wort
ye vā arghyam saṃprayacchanti
welche auch immer die Ehrengabe darbringen
sūryāya niyata-indriyāḥ
der Sonne, mit gebändigten Sinnen
brāhmaṇāḥ kṣatriyāḥ vaiśyāḥ
Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas
striyaḥ śūdrāḥ ca saṃyatāḥ
Frauen und Śūdras, gezügelt

bhaktibhāvena satataṃ viśuddhenāntarātmanā / te bhuktvābhimatān kāmān prāpnuvanti parāṃ gatim //

...mit hingebungsvoller Gesinnung, stets mit geläutertem inneren Selbst — sie erlangen, nachdem sie die erwünschten Wünsche genossen haben, das höchste Ziel.

Wort für Wort
bhakti-bhāvena satatam
mit hingebungsvoller Gesinnung, stets
viśuddhena antarātmanā
mit geläutertem inneren Selbst
te bhuktvā abhimatān kāmān
sie, genossen habend die erwünschten Wünsche
prāpnuvanti parām gatim
erlangen das höchste Ziel

trailokyadīpakaṃ devaṃ bhāskaraṃ gaganecaram / ye saṃśrayanti manujās te syuḥ sukhasya bhājanam //

Welche Menschen sich dem die drei Welten erleuchtenden Gott, der Sonne, der Himmelswandlerin, zuwenden, sie werden zu Gefäßen des Glücks.

Wort für Wort
trailokya-dīpakam devam
den die drei Welten erleuchtenden Gott
bhāskaram gagana-ecaram
die Sonne, die Himmelswandlerin
ye saṃśrayanti manujāḥ
welche Menschen sich zuwenden
te syuḥ sukhasya bhājanam
sie werden zu Gefäßen des Glücks

yāvan na dīyate cārghyaṃ bhāskarāya yathoditam / tāvan na pūjayed viṣṇuṃ śaṃkaraṃ vā sureśvaram //

Solange die Ehrengabe der Sonne nicht so, wie [oben] gesagt, gegeben ist, solange verehre man nicht Viṣṇu, Śaṃkara oder den Götterherrn.

Wort für Wort
yāvat na dīyate ca arghyam
solange nicht die Ehrengabe gegeben wird
bhāskarāya yathā uditam
der Sonne, wie gesagt
tāvat na pūjayet
solange verehre man nicht
viṣṇum śaṃkaram vā sura-īśvaram
Viṣṇu, Śaṃkara oder den Götterherrn

tasmāt prayatnam āsthāya dadyād arghyaṃ dine dine / ādityāya śucir bhūtvā puṣpair gandhair manoramaiḥ //

Deshalb möge man, Anstrengung anwendend, Tag für Tag der Sonne die Ehrengabe geben, rein geworden, mit herzerfreuenden Blumen und Duftstoffen.

Wort für Wort
tasmāt prayatnam āsthāya
deshalb, Anstrengung anwendend
dadyāt arghyam dine dine
möge man Tag für Tag die Ehrengabe geben
ādityāya śuciḥ bhūtvā
der Sonne, rein geworden
puṣpaiḥ gandhaiḥ manoramaiḥ
mit herzerfreuenden Blumen und Duftstoffen

evaṃ dadāti yaś cārghyaṃ saptamyāṃ susamāhitaḥ / ādityāya śuciḥ snātaḥ sa labhed īpsitaṃ phalam //

Wer so am siebten [Tag] der Sonne, wohlgesammelt, rein und gebadet, die Ehrengabe gibt, er erlangt die erwünschte Frucht.

Wort für Wort
evaṃ dadāti yaḥ ca arghyam
wer so die Ehrengabe gibt
saptamyām su-samāhitaḥ
am siebten [Tag], wohlgesammelt
ādityāya śuciḥ snātaḥ
der Sonne, rein, gebadet
sa labhet īpsitam phalam
er möge die erwünschte Frucht erlangen

rogād vimucyate rogī vittārthī labhate dhanam / vidyāṃ prāpnoti vidyārthī sutārthī putravān bhavet //

Der Kranke wird von der Krankheit befreit, wer nach Reichtum verlangt, erlangt Reichtum, wer nach Wissen verlangt, erlangt Wissen, wer sich einen Sohn wünscht, wird mit einem Sohn gesegnet.

Wort für Wort
rogāt vimucyate rogī
der Kranke wird von der Krankheit befreit
vitta-arthī labhate dhanam
wer nach Reichtum verlangt, erlangt Reichtum
vidyām prāpnoti vidyā-arthī
wer nach Wissen verlangt, erlangt Wissen
suta-arthī putravān bhavet
wer sich einen Sohn wünscht, werde mit Sohn gesegnet

yaṃ yaṃ kāmam abhidhyāyan sūryāyārghyaṃ prayacchati / tasya tasya phalaṃ samyak prāpnoti puruṣaḥ sudhīḥ //

Welchen Wunsch auch immer der kluge Mensch erwägt, wenn er der Sonne die Ehrengabe darbringt, erlangt er dessen [jeweilige] Frucht ganz.

Wort für Wort
yam yam kāmam abhidhyāyan
welchen Wunsch auch immer erwägend
sūryāya arghyam prayacchati
der Sonne die Ehrengabe darbringt
tasya tasya phalam samyak
dessen jeweilige Frucht ganz
prāpnoti puruṣaḥ sudhīḥ
erlangt der kluge Mensch

snātvā vai sāgare dattvā sūryāyārghyaṃ praṇamya ca / naro vā yadi vā nārī sarvakāmaphalaṃ labhet //

Im Meer gebadet, der Sonne die Ehrengabe gegeben und sich verneigt habend, erlangt, sei es ein Mann oder eine Frau, die Frucht aller Wünsche.

Wort für Wort
snātvā vai sāgare
im Meer gebadet habend
dattvā sūryāya arghyam
der Sonne die Ehrengabe gegeben habend
praṇamya ca
und sich verneigt habend
naraḥ vā yadi vā nārī
sei es ein Mann oder eine Frau
sarva-kāma-phalam labhet
erlangt die Frucht aller Wünsche

tataḥ sūryālayaṃ gacchet puṣpam ādāya vāgyataḥ / praviśya pūjayed bhānuṃ kṛtvā tu triḥ pradakṣiṇam //

Dann möge er, eine Blume nehmend, schweigend zum Sonnentempel gehen, eingetreten die Sonne verehren, nachdem er die dreifache Umwandlung vollzogen hat.

Wort für Wort
tataḥ sūrya-ālayam gacchet
dann möge er zum Sonnentempel gehen
puṣpam ādāya vāgyataḥ
eine Blume nehmend, schweigend
praviśya pūjayet bhānum
eingetreten möge er die Sonne verehren
kṛtvā tu triḥ pradakṣiṇam
die dreifache Umwandlung vollzogen habend

pūjayet parayā bhaktyā koṇārkaṃ munisattamāḥ / gandhaiḥ puṣpais tathā dīpair dhūpair naivedyakair api //

Mit höchster Hingabe möge er, o ihr Besten der Weisen, Koṇārka verehren — mit Duftstoffen, Blumen, ebenso mit Lampen, Räucherwerk und auch Speiseopfern.

Wort für Wort
pūjayet parayā bhaktyā
möge er mit höchster Hingabe verehren
koṇārkam muni-sattamāḥ
Koṇārka, o Beste der Weisen
gandhaiḥ puṣpaiḥ tathā dīpaiḥ
mit Duftstoffen, Blumen, ebenso Lampen
dhūpaiḥ naivedyakaiḥ api
mit Räucherwerk und auch Speiseopfern

Hier wird der Ortsname 'Koṇārka' selbst erstmals ausdrücklich genannt (statt nur 'Koṇāditya' für die Gottheit) — eindeutiger Beleg für die uralte Verehrung an diesem Ort.

daṇḍavat praṇipātaiś ca jayaśabdais tathā stavaiḥ / evaṃ saṃpūjya taṃ devaṃ sahasrāṃśuṃ jagatpatim //

Und mit stabgleichen Niederwerfungen, mit Sieges-Ausrufen und Lobpreisungen — so jenen Gott, den Tausendstrahligen, den Herrn der Welt, verehrt habend...

Wort für Wort
daṇḍavat praṇipātaiḥ ca
und mit stabgleichen Niederwerfungen
jaya-śabdaiḥ tathā stavaiḥ
mit Sieges-Ausrufen und Lobpreisungen
evaṃ saṃpūjya tam devam
so jenen Gott verehrt habend
sahasrāṃśum jagat-patim
den Tausendstrahligen, den Herrn der Welt

daśānām aśvamedhānāṃ phalaṃ prāpnoti mānavaḥ / sarvapāpavinirmukto yuvā divyavapur naraḥ //

...erlangt der Mensch die Frucht von zehn Pferdeopfern; von aller Sünde befreit, jugendlich, mit göttlichem Körper [wird] der Mensch.

Wort für Wort
daśānām aśvamedhānām phalam
die Frucht von zehn Pferdeopfern
prāpnoti mānavaḥ
erlangt der Mensch
sarva-pāpa-vinirmuktaḥ
von aller Sünde befreit
yuvā divya-vapuḥ naraḥ
jugendlich, mit göttlichem Körper, der Mensch

saptāvarān sapta parān vaṃśān uddhṛtya bho dvijāḥ / vimānenārkavarṇena kāmagena suvarcasā //

Sieben spätere und sieben frühere Geschlechter emporgehoben habend, o Zweifachgeborene, [fährt er] mit einem sonnenfarbigen, nach Wunsch fahrenden, glanzvollen Flugwagen...

Wort für Wort
sapta avarān sapta parān vaṃśān
sieben spätere und sieben frühere Geschlechter
uddhṛtya bho dvijāḥ
emporgehoben habend, o Zweifachgeborene
vimānena arka-varṇena
mit einem sonnenfarbigen Flugwagen
kāma-gena su-varcasā
der nach Wunsch fährt, glanzvoll

upagīyamāno gandharvaiḥ sūryalokaṃ sa gacchati / bhuktvā tatra varān bhogān yāvad ābhūtasaṃplavam //

...von Gandharvas besungen geht er zur Sonnenwelt, dort vortreffliche Genüsse genießend bis zur [kosmischen] Weltauflösung.

Wort für Wort
upagīyamānaḥ gandharvaiḥ
von Gandharvas besungen
sūrya-lokam sa gacchati
geht er zur Sonnenwelt
bhuktvā tatra varān bhogān
dort vortreffliche Genüsse genossen habend
yāvat ābhūta-saṃplavam
bis zur kosmischen Weltauflösung

puṇyakṣayād ihāyātaḥ pravare yogināṃ kule / caturvedo bhaved vipraḥ svadharmanirataḥ śuciḥ //

Durch Erschöpfung des Verdienstes hierher zurückgekehrt, werde er in einer vortrefflichen Familie von Yogins [geboren] als ein die vier Veden [kennender], seiner eigenen Pflicht hingegebener, reiner Brahmane.

Wort für Wort
puṇya-kṣayāt
durch Erschöpfung des Verdienstes
iha āyātaḥ
hierher zurückgekehrt
pravare yogināṃ kule
in einer vortrefflichen Familie von Yogins
catur-vedaḥ bhavet vipraḥ
werde er ein die vier Veden kennender Brahmane
sva-dharma-nirataḥ śuciḥ
seiner eigenen Pflicht hingegeben, rein

yogaṃ vivasvataḥ prāpya tato mokṣam avāpnuyāt / caitre māsi site pakṣe yātrāṃ damanabhañjikām //

Die Yoga-Vereinigung mit Vivasvat [der Sonne] erlangt habend, möge er dann die Erlösung erlangen. Im Monat Caitra, in der hellen Monatshälfte, [findet] das Damanabhañjikā-Fest [statt]...

Wort für Wort
yogam vivasvataḥ prāpya
die Yoga-Vereinigung mit Vivasvat (der Sonne) erlangt habend
tataḥ mokṣam avāpnuyāt
dann möge er die Erlösung erlangen
caitre māsi site pakṣe
im Monat Caitra, in der hellen Monatshälfte
yātrām damana-bhañjikām
das Damanabhañjikā-Fest/-Wallfahrt

[Anm.: Damanabhañjikā ist der Name eines konkreten Frühlingsfestes (verbunden mit dem 'Pflücken/Brechen' der Damana-Pflanze, Artemisia), das der Sonne zu Ehren begangen wird; als Eigenname transliteriert.]

yaḥ karoti naras tatra pūrvoktaṃ sa phalaṃ labhet / śayanotthāpane bhānoḥ saṃkrāntyāṃ viṣuvāyane //

Welcher Mensch dies dort tut, erlangt die zuvor genannte Frucht — ebenso beim rituellen Niederlegen und Aufwecken der Sonne, bei der Tierkreiswende, bei der Tagundnachtgleiche, bei der Sonnenwende...

Wort für Wort
yaḥ karoti naraḥ tatra
welcher Mensch dort dies tut
pūrva-uktam sa phalam labhet
die zuvor genannte Frucht erlangt er
śayana-utthāpane bhānoḥ
beim Niederlegen und Aufwecken der Sonne
saṃkrāntyām viṣuva-ayane
bei der Tierkreiswende, Tagundnachtgleiche, Sonnenwende

vāre raves tithau caiva parvakāle 'thavā dvijāḥ / ye tatra yātrāṃ kurvanti śraddhayā saṃyatendriyāḥ //

Am Sonnentag [Sonntag] und an [besonderen] Mondtagen oder zur Festzeit, o Zweifachgeborene — wer dort mit Glauben und gezügelten Sinnen die Wallfahrt vollzieht...

Wort für Wort
vāre raveḥ tithau ca eva
am Sonnentag und an [besonderen] Mondtagen
parva-kāle athavā dvijāḥ
oder zur Festzeit, o Zweifachgeborene
ye tatra yātrām kurvanti
welche dort die Wallfahrt vollziehen
śraddhayā saṃyata-indriyāḥ
mit Glauben, gezügelten Sinnes

vimānenārkavarṇena sūryalokaṃ vrajanti te / āste tatra mahādevas tīre nadanadīpateḥ //

...sie gehen mit einem sonnenfarbigen Flugwagen zur Sonnenwelt. Dort weilt der große Gott [Śiva] am Ufer des Herrn der Flüsse und Ströme [des Meeres].

Wort für Wort
vimānena arka-varṇena
mit einem sonnenfarbigen Flugwagen
sūrya-lokam vrajanti te
sie gehen zur Sonnenwelt
āste tatra mahādevaḥ
dort weilt der große Gott (Śiva)
tīre nada-nadī-pateḥ
am Ufer des Herrn der Flüsse und Ströme (des Meeres)

rāmeśvara iti khyātaḥ sarvakāmaphalapradaḥ / ye taṃ paśyanti kāmāriṃ snātvā samyaṅ mahodadhau //

Als 'Rāmeśvara' bekannt, alle Wünsche als Frucht verleihend — welche, im großen Ozean recht gebadet, jenen Feind des Kāma [Śiva] erblicken...

Wort für Wort
rāmeśvaraḥ iti khyātaḥ
als 'Rāmeśvara' bekannt
sarva-kāma-phala-pradaḥ
alle Wünsche als Frucht verleihend
ye tam paśyanti kāma-arim
welche jenen Feind des Kāma (Śiva) erblicken
snātvā samyak mahā-udadhau
im großen Ozean recht gebadet habend

gandhaiḥ puṣpais tathā dhūpair dīpair naivedyakair varaiḥ / praṇipātais tathā stotrair gītair vādyair manoharaiḥ //

...mit Duftstoffen, Blumen, ebenso mit Räucherwerk, Lampen, vortrefflichen Speiseopfern, mit Niederwerfungen, ebenso mit Lobliedern, Gesängen und herzerfreuenden Instrumenten...

Wort für Wort
gandhaiḥ puṣpaiḥ tathā dhūpaiḥ
mit Duftstoffen, Blumen, ebenso Räucherwerk
dīpaiḥ naivedyakaiḥ varaiḥ
mit Lampen, vortrefflichen Speiseopfern
praṇipātaiḥ tathā stotraiḥ
mit Niederwerfungen, ebenso Lobliedern
gītaiḥ vādyaiḥ manoharaiḥ
mit Gesängen und herzerfreuenden Instrumenten

rājasūyaphalaṃ samyag vājimedhaphalaṃ tathā / prāpnuvanti mahātmānaḥ saṃsiddhiṃ paramāṃ tathā //

...erlangen die Hochherzigen die volle Frucht des Rājasūya[-Opfers], ebenso die Frucht des Pferdeopfers und ebenso die höchste Vollendung.

Wort für Wort
rājasūya-phalam samyak
die volle Frucht des Rājasūya-Opfers
vājimedha-phalam tathā
ebenso die Frucht des Pferdeopfers
prāpnuvanti mahātmānaḥ
erlangen die Hochherzigen
saṃsiddhim paramām tathā
ebenso die höchste Vollendung

kāmagena vimānena kiṅkiṇījālamālinā / upagīyamānā gandharvaiḥ śivalokaṃ vrajanti te //

Mit einem nach Wunsch fahrenden, mit einem Netz von Glöckchen bekränzten Flugwagen, von Gandharvas besungen, gehen sie zur Welt Śivas.

Wort für Wort
kāma-gena vimānena
mit einem nach Wunsch fahrenden Flugwagen
kiṅkiṇī-jāla-mālinā
mit einem Netz von Glöckchen bekränzt
upagīyamānāḥ gandharvaiḥ
von Gandharvas besungen
śiva-lokam vrajanti te
gehen sie zur Welt Śivas

āhūtasaṃplavaṃ yāvad bhuktvā bhogān manoramān / puṇyakṣayād ihāgatya cāturvedā bhavanti te //

Bis zur Weltauflösung herzerfreuende Genüsse genossen habend, kehren sie durch Erschöpfung des Verdienstes hierher zurück und werden zu Kennern der vier Veden.

Wort für Wort
āhūta-saṃplavam yāvat
bis zur (kosmischen) Weltauflösung
bhuktvā bhogān manoramān
herzerfreuende Genüsse genossen habend
puṇya-kṣayāt iha āgatya
durch Erschöpfung des Verdienstes hierher zurückgekehrt
cātur-vedāḥ bhavanti te
werden sie zu Kennern der vier Veden

[Anm.: 'āhūtasaṃplavam' hier entspricht offenbar demselben Ausdruck wie 'ābhūtasaṃplavam' in V.51 ('bis zur kosmischen Weltauflösung') — vermutlich Schreibvariante desselben Wortes, nicht als eigener Begriff übersetzt.]

śāṃkaraṃ yogam āsthāya tato mokṣaṃ vrajanti te / yas tatra savituḥ kṣetre prāṇāṃs tyajati mānavaḥ //

Die Vereinigung mit Śiva [im Yoga] ergriffen habend, gehen sie dann zur Erlösung. Welcher Mensch dort im Kṣetra der Sonne die Lebensatem aufgibt [stirbt]...

Wort für Wort
śāṃkaram yogam āsthāya
die Śiva-Yoga-Vereinigung ergriffen habend
tataḥ mokṣam vrajanti te
dann gehen sie zur Erlösung
yaḥ tatra savituḥ kṣetre
welcher [Mensch] dort im Kṣetra der Sonne
prāṇān tyajati mānavaḥ
die Lebensatem aufgibt (stirbt)

sa sūryalokam āsthāya devavan modate divi / punar mānuṣatāṃ prāpya rājā bhavati dhārmikaḥ //

...er erlangt die Sonnenwelt und freut sich wie ein Gott im Himmel; wieder das Menschsein erlangend, wird er ein rechtschaffener König.

Wort für Wort
sa sūrya-lokam āsthāya
er, die Sonnenwelt erlangt habend
deva-vat modate divi
freut sich wie ein Gott im Himmel
punar mānuṣatām prāpya
wieder das Menschsein erlangend
rājā bhavati dhārmikaḥ
wird er ein rechtschaffener König

yogaṃ raveḥ samāsādya tato mokṣam avāpnuyāt / evaṃ mayā muniśreṣṭhāḥ proktaṃ kṣetraṃ sudurlabham //

Die Vereinigung mit der Sonne erlangt habend, möge er dann die Erlösung erlangen. So wurde von mir, o ihr Besten der Weisen, die sehr schwer erreichbare Kultstätte verkündet.

Wort für Wort
yogam raveḥ samāsādya
die Vereinigung mit der Sonne erlangt habend
tataḥ mokṣam avāpnuyāt
dann möge er die Erlösung erlangen
evam mayā muni-śreṣṭhāḥ
so wurde von mir, o Beste der Weisen
proktam kṣetram su-durlabham
die sehr schwer erreichbare Kultstätte verkündet

koṇārkasyodadhes tīre bhuktimuktiphalapradaḥ //

[fortsetzend:] ...am Ufer des Meeres bei Koṇārka, [die] Genuss und Erlösung als Frucht verleiht.

Wort für Wort
koṇārkasya udadheḥ tīre
am Ufer des Meeres bei Koṇārka
bhukti-mukti-phala-pradaḥ
Genuss und Erlösung als Frucht verleihend

[Anm.: Im Original (mit Editions-Sternchen '//*' markiert) besteht dieser Vers nur aus einer einzigen Halbzeile (2 Padas) statt der üblichen vollen Vierzeiler-Struktur — offenbar eine im Erhaltungszustand des Textes bedingte Lücke oder ein fragmentarischer Abschluss der Kṣetra-Beschreibung, hier ohne Ergänzung wörtlich wiedergegeben.]

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