Kapitel 97: paulastyatīrthavaiśravasatīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Paulastya-/Dhanada-/Vaiśravasa-Tīrtha (Kuberas Wiedereinsetzung)
Kubera (Dhanada/Vaiśravaṇa), ältester Sohn des Viśravas und Herr von Laṅkā, wird von seinem Halbbruder Rāvaṇa – von der eigenen, auf Rang und Ebenbürtigkeit bedachten Mutter aufgehetzt – in einer Schlacht besiegt und samt Laṅkā und dem Puṣpaka-Wagen seines Reiches beraubt. Von überall verstoßen, sucht Kubera Rat bei seinem Großvater Pulastya, der ihn an die Gautamī verweist: dort, so sagt Pulastya, könne selbst Rāvaṇa ihm nichts anhaben. An der Gautamī preist Kubera Śiva in kunstvollen Hymnen; eine körperlose göttliche Stimme verkündet noch vor Śivas Wunschgewährung, dass Kubera die Rolle des Reichtumshüters (Herrschaft über eine Himmelsrichtung, über den Reichtum, Freigebigkeit, Gattin und Söhne) erlangen werde. Ursprung der Tīrtha-Namen Paulastya, Dhanada und Vaiśravasa.
Brahmā sprach: Das Tīrtha, Paulastya genannt, gewährt den Menschen alle Vollkommenheiten; seine Macht will ich verkünden, die dem vom Königreich Vertriebenen dieses wiedergewährt.
Wort für Wort
paulastyaṃ tīrtham ākhyātaṃ
das Tīrtha, Paulastya genannt,
sarvasiddhipradaṃ nṛṇām
gewährt den Menschen alle Vollkommenheiten,
prabhāvaṃ tasya vakṣyāmi
seine Macht will ich verkünden,
bhraṣṭarājyapradāyakam
die dem vom Königreich Vertriebenen (dieses) wiedergewährt
te 'pi viśravasaḥ putrā rākṣasyāṃ rākṣasās tu te / maddattena vimānena dhanado bhrātṛbhiḥ saha //
Auch sie waren Söhne des Viśravas, von einer Rākṣasī geboren, sie, die Rākṣasas; mit dem von mir gegebenen Himmelswagen kam Dhanada zusammen mit seinen Brüdern –
{rāvaṇamātovāca: } mariṣye na ca jīviṣye putrā vairūpyakāraṇāt / devāś ca dānavāś cāsan sāpatnā bhrātaro mithaḥ //
Rāvaṇas Mutter sprach: 'Ich werde weder sterben noch leben, Söhne, aus Grund der Ungleichheit im Rang. Götter und Dānavas waren einst Halbbrüder untereinander –'
anyonyavadham īpsante jayaiśvaryavaśānugāḥ / tadbhavanto na puruṣā na śaktā na jayaiṣiṇaḥ / sāpatnyaṃ yo 'numanyate tasya jīvo nirarthakaḥ //
'– sie trachteten nacheinander nach Sieg und Herrschaft ergeben; ihr aber seid keine rechten Männer, nicht fähig, nicht siegesbegierig; wer die Nebenbuhlerschaft duldet, dessen Leben ist zwecklos.'
Auf dieses Wort der Mutter hin erbat er sich darauf Laṅkā; wegen der Rākṣasa-Natur, durch den Fehler der Mutter, entstand zwischen den Brüdern große Feindschaft.
Wort für Wort
tanmātṛvacanāc cāpi
auf dieses Wort der Mutter hin,
tato laṅkām ayācata
erbat er sich darauf Laṅkā,
rakṣobhāvān mātṛdoṣād
wegen der Rākṣasa-Natur, durch den Fehler der Mutter,
yo dadyād āśrayaṃ bhrātuḥ sa ca vadhyo bhaven mama / bhrātrā nirasto vaiśravaṇo naiva prāpāśrayaṃ kvacit / pitāmahaṃ pulastyaṃ taṃ gatvā natvābravīd vacaḥ //
'Wer meinem Bruder Zuflucht gewährt, der soll von mir getötet werden.' Von seinem Bruder verstoßen, fand Vaiśravaṇa nirgends Zuflucht; er ging zu seinem Großvater Pulastya, verneigte sich und sprach dieses Wort.
{dhanada uvāca: } bhrātrā nirasto duṣṭena kiṃ karomi vadasva me / āśrayaḥ śaraṇaṃ yat syād daivaṃ vā tīrtham eva ca //
Dhanada sprach: 'Von meinem bösen Bruder verstoßen, was soll ich tun? Sag mir, welche Zuflucht, welcher Schutz es gäbe – sei es göttlicher Art oder eben ein Tīrtha.'
{pulastya uvāca: } gautamīṃ gaccha putra tvaṃ stuhi devaṃ maheśvaram / tatra nāsya praveśaḥ syād gaṅgāyā jalamadhyataḥ //
Pulastya sprach: 'Geh zur Gautamī, mein Sohn, und preise den Gott Maheśvara; dort wird ihm kein Zutritt möglich sein, aus der Mitte des Gaṅgā-Wassers heraus.'
Brahmā sprach: 'So sei es', sprach jener und ging fort, Dhanada, samt seiner Gattin; mit dem Vater, der Mutter und dem betagten Pulastya ging der Herr des Reichtums.
Nachdem er zur Gautamī-Gaṅgā gegangen war, gereinigt, gebadet, mit Gelübde bezähmt, pries er den Gott der Götter, Śiva, der Genuss und Erlösung gewährt.
{dhanada uvāca: } svāmī tvam evāsya carācarasya / viśvasya śaṃbho na paro 'sti kaścit / tvām apy avajñāya yadīha mohāt / pragalbhate kopi sa śocya eva //
Dhanada sprach: 'Du allein bist der Herr dieses beweglichen und unbeweglichen Universums, Śaṃbhu; es gibt keinen anderen. Wenn hier jemand, dich verachtend, aus Verblendung, vermessen handelt, der ist wahrlich zu bedauern.'
Wort für Wort
svāmī tvam evāsya carācarasya
du allein bist der Herr dieses beweglichen und unbeweglichen,
viśvasya śaṃbho na paro 'sti kaścit
Universums, Śaṃbhu, es gibt keinen anderen,
tvām apy avajñāya yadīha mohāt
wenn hier jemand, dich verachtend, aus Verblendung,
pragalbhate kopi sa śocya eva
vermessen handelt, der ist wahrlich zu bedauern
[Anm.: vierzeiliger Vers in eigenem Versmaß (Pādas a-d einzeln im Quelltext markiert).]
'Du trägst mit deiner achtfachen Gestalt das Ganze; durch dein Geheiß allein besteht alles; dennoch kennt dich, so meint der Weise; der Unwissende erkennt niemals deine uralte Größe.'
Wort für Wort
tvam aṣṭamūrtyā sakalaṃ bibharṣi
du trägst mit deiner achtfachen Gestalt das Ganze,
tvadājñayā vartata eva sarvam
durch dein Geheiß allein besteht alles,
tathāpi vedeti budho bhavantaṃ
dennoch, so meint der Weise, kennt dich,
na jātv avidvān mahimā purātanam
der Unwissende erkennt niemals deine uralte Größe
[Anm.: vierzeiliger Vers in eigenem Versmaß (Pādas a-d einzeln im Quelltext markiert).]
malaprasūtaṃ yad avocad ambā / hāsyāt suto 'yaṃ tava deva śūraḥ / tvatprekṣitād yaḥ sa ca vighnarājo / jajñe tv aho ceṣṭitam īśadṛṣṭeḥ //
'Was die Mutter sagte, aus dem Schmutz ihres Körpers geboren – „aus Lachen entstand dieser dein Sohn, der Held (Gaṇeśa)“; der aus deinem Blick entstand, jener Herr der Hindernisse – ach, welch wunderbares Wirken deines Blickes, o Herr!'
Wort für Wort
malaprasūtaṃ yad avocad ambā
was die Mutter sagte, aus dem Schmutz geboren:
hāsyāt suto 'yaṃ tava deva śūraḥ
'aus Lachen entstand dieser dein Sohn, der Held, Gott'
tvatprekṣitād yaḥ sa ca vighnarājo
der aus deinem Blick entstand, jener Herr der Hindernisse,
jajñe tv aho ceṣṭitam īśadṛṣṭeḥ
entstand – ach, welch Wirken deines Blickes, Herr!
[Anm.: kryptische Anspielung auf die unterschiedlichen purāṇischen Geburtstraditionen Gaṇeśas (aus Pārvatīs Körperschmutz bzw. aus Śivas bloßem Blick).]
'Die Tochter des Berges, mit tränenüberströmten Gliedern, sah dies und sprach zu Īśa von der Trennung des Ehepaars; Manobhava wurde zu Madana, und Rati erlangte durch den Mond den Vorrang an Liebreiz.'
Wort für Wort
aśruplutāṅgī girijā samīkṣya
die Tochter des Berges, mit tränenüberströmten Gliedern, sah dies,
viyuktadāṃpatyam itīśam ūce
und sprach zu Īśa von der Trennung des Ehepaars,
manobhavo 'bhūn madano ratiś ca
Manobhava wurde zu Madana, und Rati,
saubhāgyapūrvatvam avāpa somāt
erlangte durch den Mond den Vorrang an Liebreiz
[Anm.: allusiv-verdichteter Hymnenvers mit knappen Anspielungen auf den Kāma-dahana-Mythos (Kāma/Manobhava wird zu 'Madana', seine Gattin Rati mit dem Mond/Soma verbunden); genaue Bezüge im Quelltext nicht weiter ausgeführt.]
Brahmā sprach: Während er so und in ähnlicher Weise pries, erschien der Dreiäugige vor ihm; er bot ihm freudig einen Wunsch an, doch Dhanada sagte nichts.
bhūtavad bhavitavyaṃ syād dāsyamānaṃ tu dattavat / prāptavyaṃ prāptavat tatra daivī vāg abhavac chubhā //
'Was werden soll, soll wie schon geschehen sein; was gegeben werden soll, wie schon gegeben; was zu erlangen ist, wie schon erlangt' – so war dort die heilvolle göttliche Stimme.
Er, mit zahlreichen Feinden, von Leid gedemütigt, erlangte, nachdem er das Someśvara-Liṅga verehrt hatte: die Herrschaft über eine Himmelsrichtung, die Herrschaft über den Reichtum, grenzenlose Freigebigkeit sowie Gattin und Söhne.
Wort für Wort
prabhūtaśatruḥ paribhūtaduḥkhaḥ
mit zahlreichen Feinden, von Leid gedemütigt,
saṃpūjya someśvaram āpa liṅgam
das Someśvara-Liṅga verehrt habend, erlangte er,
digīśvaratvaṃ draviṇaprabhutvam
die Herrschaft über eine Himmelsrichtung, die Herrschaft über den Reichtum,
apāradātṛtvakalatraputrān
grenzenlose Freigebigkeit sowie Gattin und Söhne
[Anm.: vierzeiliger Vers in eigenem Versmaß (Pādas a-d einzeln im Quelltext markiert).]
Ebenso als 'Vaiśravasa', heilig, alle Wünsche gewährend, heilvoll; was auch immer man dort an Baden und dergleichen vollzieht, all dies gewährt großen Verdienst.