Kapitel 116: mahānalatīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Mahānala-/Vaḍavā-Tīrtha (Der Tod als Opferpriester im Naimiṣa-Wald)
Brahmā erzählt: Weise im Naimiṣa-Wald machten einst den personifizierten Tod selbst zu ihrem Opferpriester (Śamitṛ), wodurch niemand mehr starb – bis die Götter, um das kosmische Gleichgewicht wiederherzustellen, Rākṣasas gegen das Opfer aussandten. Die Weisen fliehen mit dem Tod zur Gautamī, vollenden dort mit Śivas Schutz das Opfer, und erklären die Rākṣasas fortan zu Feinden der Götter (die sie gesandt hatten). Die von Göttern und Weisen geweihte Kṛtyā wird in Stutengestalt (Vaḍavā) zur Gattin des Todes gemacht; das Weihwasser wird zum Fluss Vaḍavā, das vom Tod aufgestellte Liṅga zum Mahānala. Diese Erzählung bietet, ohne Bezugnahme darauf, eine zweite, von der Dadhīci-Pippalāda-Geschichte in Kap.110 unabhängige Ätiologie für Mahānala/Vaḍavānala.
Brahmā sprach: 'Es wird Mahānala genannt, auch als Vaḍavānala bezeichnet – wo der Gott Mahānala ist und wo jener Fluss Vaḍavā ist.'
Wort für Wort
mahānalam iti khyātaṃ
es wird Mahānala genannt
vaḍavānalam ucyate
es wird auch Vaḍavānala genannt
mahānalo yatra devo vaḍavā yatra sā nadī
wo der Gott Mahānala ist und wo jener Fluss Vaḍavā ist
[Anm.: Diese Erzählung bietet eine weitere, von Kap.110 (Dadhīci/Pippalāda) unabhängige Ätiologie für Mahānala/Vaḍavānala, dort mit dem Tod (Mṛtyu) statt mit Dadhīcis Gattin verbunden – die Doppelung wird hier unkommentiert aus dem Quelltext übernommen.]
tat tīrthaṃ putra vakṣyāmi mṛtyudoṣajarāpaham /
purāsan naimiṣāraṇye ṛṣayaḥ sattrakāriṇaḥ // BrP_116.2 //
'Jene Pilgerstätte, mein Sohn, werde ich beschreiben, die den Fehler des Todes und das Alter vertreibt; einst waren im Naimiṣa-Wald Weise, die eine Opfersitzung (Sattra) vollzogen.'
Wort für Wort
tat tīrthaṃ putra vakṣyāmi
jene Pilgerstätte, mein Sohn, werde ich beschreiben
mṛtyudoṣajarāpaham
die den Fehler des Todes und das Alter vertreibt
purāsan naimiṣāraṇye ṛṣayaḥ sattrakāriṇaḥ
einst waren im Naimiṣa-Wald Weise, die eine Opfersitzung vollzogen
Die asketischen Weisen machten den Tod selbst zum Opferpriester (Śamitṛ); während das Opfer im Gange war und der Tod als Śamitṛ eingesetzt war,
Wort für Wort
śamitāraṃ ca ṛṣayo mṛtyuṃ cakrus tapasvinaḥ
die asketischen Weisen machten den Tod zum Opferpriester (Śamitṛ)
vartamāne sattrayāge mṛtyau śamitari sthite
während das Opfer im Gange war und der Tod als Śamitṛ eingesetzt war
[Anm.: 'Śamitṛ' bezeichnet den vedischen Priester, der die Opfertiere tötet/'beruhigt' – hier wird diese Rolle personifiziert dem Tod selbst übertragen.]
starb da niemand, weder von den unbeweglichen noch den beweglichen Wesen, außer den Opfertieren, o bester der Weisen; das Sterbliche erlangte Unsterblichkeit.
Wort für Wort
na mamāra tadā kaścid ubhayaṃ sthāsnu jaṅgamam
da starb niemand, weder von den unbeweglichen noch den beweglichen Wesen
Da, als der Himmel (Triviṣṭapa) leer wurde und die Sterblichenwelt übermäßig angefüllt war, weil der Tod seine Aufgabe vernachlässigte, sprachen die Götter da zu den Rākṣasas:
Wort für Wort
tatas triviṣṭape śūnye
da, als der Himmel leer wurde
martye caivātisaṃbhṛte
und die Sterblichenwelt übermäßig angefüllt war
mṛtyunopekṣite devā rākṣasān ūcire tadā
weil der Tod (seine Aufgabe) vernachlässigte, sprachen die Götter da zu den Rākṣasas
Die Götter sprachen: 'Geht zu jener Opfersitzung der Weisen und zerstört das große Opfer!' Brahmā sprach: So sprachen, nachdem sie der Götter Worte gehört hatten, jene Rākṣasas zu den Göttern:
Wort für Wort
gacchadhvam ṛṣisattraṃ tan nāśayadhvaṃ mahādhvaram
geht zu jener Opfersitzung der Weisen und zerstört das große Opfer
iti devavacaḥ śrutvā procus te rākṣasāḥ surān
so sprachen, nachdem sie der Götter Worte gehört hatten, die Rākṣasas zu den Göttern
[Anm.: Vers, der zwischen wörtlicher Götterrede und Brahmās Rahmenerzählung wechselt.]
{brahmovāca: }
devā apy asurān ūcur yajñārdhaṃ bhavatām api /
bhaved eva tato yāntu ṛṣīṇāṃ sattram uttamam // BrP_116.8 //
Brahmā sprach: Die Götter sprachen auch zu den Asuras: 'Euch wird gewiss die Hälfte des Opfers zuteil – so geht denn zur vortrefflichen Opfersitzung der Weisen.'
Wort für Wort
devā apy asurān ūcur
die Götter sprachen auch zu den Asuras
yajñārdhaṃ bhavatām api bhaved eva
euch wird gewiss die Hälfte des Opfers zuteil
tato yāntu ṛṣīṇāṃ sattram uttamam
so geht denn zur vortrefflichen Opfersitzung der Weisen
mṛtyunā saha saṃmantrya naimiṣāraṇyavāsinaḥ /
sarve tyaktvā svāśramaṃ taṃ śamitrā saha nārada // BrP_116.11 //
Nachdem sie sich mit dem Tod beraten hatten, verließen alle Bewohner des Naimiṣa-Waldes, o Nārada, zusammen mit dem Śamitṛ (dem Tod) jene ihre Einsiedelei,
Wort für Wort
mṛtyunā saha saṃmantrya
nachdem sie sich mit dem Tod beraten hatten
naimiṣāraṇyavāsinaḥ sarve tyaktvā svāśramaṃ taṃ
verließen alle Bewohner des Naimiṣa-Waldes jene ihre Einsiedelei
Die Weisen sprachen: 'Er, der spielend dieses Universum erschuf, der Schöpfer und Ordner der drei Welten, er, der die Gestalt des Alls hat, der jenseits von Sein und Nichtsein ist – zu jenem Someśvara nehmen wir Zuflucht.'
Wort für Wort
yo līlayā viśvam idaṃ cakāra
der spielend dieses Universum erschuf
dhātā vidhātā bhuvanatrayasya
der Schöpfer und Ordner der drei Welten
yo viśvarūpaḥ sadasatparo yaḥ
der die Gestalt des Alls hat, der jenseits von Sein und Nichtsein ist
someśvaraṃ taṃ śaraṇaṃ vrajāmaḥ
zu jenem Someśvara nehmen wir Zuflucht
[Anm.: In besonderem, padaweise gezähltem Hymnenmetrum.]
'Zu Mahānala (dem großen Feuer), dem Großkörperigen, dem mit der großen Schlange Geschmückten, dem Gott mit gewaltiger Gestalt, zu Śaṃkara nehme ich Zuflucht.'
Wort für Wort
mahānalaṃ mahākāyaṃ mahānāgavibhūṣaṇam
zu Mahānala, dem Großkörperigen, dem mit der großen Schlange Geschmückten
mahāmūrtidharaṃ devaṃ śaraṇaṃ yāmi śaṃkaram
dem Gott mit gewaltiger Gestalt, zu Śaṃkara nehme ich Zuflucht
Der Tod sprach: 'Schreckliche Furcht vor den Rākṣasas ist entstanden, o Herr der Götter; beschütze das Opfer und uns, solange bis die Opfersitzung vollendet ist.'
Wort für Wort
rākṣasebhyo bhayaṃ ghoram āpannaṃ tridaśeśvara
schreckliche Furcht vor den Rākṣasas ist entstanden, o Herr der Götter
Brahmā sprach: So tat der Erhabene, der Dreiäugige, der Stierbanner-Träger; mit dem Tod als Śamitṛ gelangte die Opfersitzung der Weisen zur Vollendung.
Wort für Wort
tathā cakāra bhagavāṃs trinetro vṛṣabhadhvajaḥ
so tat der Erhabene, der Dreiäugige, der Stierbanner-Träger
śamitrā mṛtyunā sattram ṛṣīṇāṃ pūrṇatāṃ yayau
mit dem Tod als Śamitṛ gelangte die Opfersitzung der Weisen zur Vollendung
Der Reihe nach kamen die Unsterblichen (Götter), um ihren Opferanteil zu erhalten; die Scharen der Weisen, zusammen mit dem Tod erzürnt, sprachen zu ihnen:
Wort für Wort
haviṣāṃ bhāgadheyāya ājagmur amarāḥ kramāt
der Reihe nach kamen die Unsterblichen, um ihren Opferanteil zu erhalten
tān avocan munigaṇāḥ saṃkṣubdhā mṛtyunā saha
die Scharen der Weisen, zusammen mit dem Tod erzürnt, sprachen zu ihnen
{brahmovāca: }
tataḥ prabhṛti devānāṃ rākṣasā vairiṇo 'bhavan /
kṛtyāṃ ca vaḍavāṃ tatra devāś ca ṛṣayo 'malāḥ // BrP_116.22 //
Brahmā sprach: Von da an wurden die Rākṣasas zu Feinden der Götter; und die Götter sowie die makellosen Weisen (weihten) dort die Kṛtyā (Zauberwesen) in Stutengestalt (Vaḍavā),
Wort für Wort
tataḥ prabhṛti devānāṃ rākṣasā vairiṇo 'bhavan
von da an wurden die Rākṣasas zu Feinden der Götter
kṛtyāṃ ca vaḍavāṃ tatra devāś ca ṛṣayo 'malāḥ
und die Götter sowie die makellosen Weisen (weihten) dort die Kṛtyā in Stutengestalt
[Anm.: Anspielung auf das bereits in Kap.110 behandelte Vaḍavā/Kṛtyā-Motiv.]
mahānalo yatra devas tat tīrthaṃ bhuktimuktidam /
sahasraṃ tatra tīrthānāṃ sarvābhīṣṭapradāyinām /
ubhayos tīrayos tatra smaraṇād aghaghātinām // BrP_116.25 //
Wo der Gott Mahānala ist, jene Pilgerstätte gewährt Genuss und Erlösung; dort gibt es tausend Tīrthas, die alle Wünsche erfüllen, an beiden Ufern, die schon durch bloßes Erinnern Sünde vernichten.
Wort für Wort
mahānalo yatra devas tat tīrthaṃ bhuktimuktidam
wo der Gott Mahānala ist, jene Pilgerstätte gewährt Genuss und Erlösung
sahasraṃ tatra tīrthānāṃ sarvābhīṣṭapradāyinām
dort gibt es tausend Tīrthas, die alle Wünsche erfüllen
ubhayos tīrayos tatra smaraṇād aghaghātinām
an beiden Ufern, die schon durch bloßes Erinnern Sünde vernichten