Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 158: vyāsatīrthamāhātmyavarṇanam Die Größe des Vyāsa-Tīrtha (die Aṅgirasen, der Mutterfluch und Agastyas Belehrung über den „Wissensspender“)

[Anm.: Brahmās erste zehn geistgeborene Söhne verschwinden bei der Erkundung der Erde; die daraufhin geborenen Aṅgirasen üben Askese, ohne zuvor ihre Mutter um Erlaubnis gebeten zu haben, und werden von ihr verflucht, sodass ihre Askese scheitert. Agastya erklärt ihnen den Grund und weist sie an die Gaṅgā, wo sie durch die Verehrung des „Wissensspenders“ (jñānada) – einer monistischen Identitätslehre von Wasser/Agni/Sonne/Viṣṇu bzw. Brahmā/Rudra – Erfolg erlangen und selbst zu künftigen „Vyāsas“ (Neuordnern von Veda und Dharma in Zeiten des Niedergangs) werden. Ursprung des Vyāsa-Tīrtha.]

{brahmovāca:} vyāsatīrtham iti khyātaṃ prācetasam ataḥ param / nātaḥ parataraṃ kiṃcit pāvanaṃ sarvasiddhidam //

{Brahmā sprach:} Danach [folgt] das als „Vyāsa-Tīrtha“ bekannte [Tīrtha], [genannt] „Prācetasa“ [?]; nichts ist reiner als dieses, alles gewährend.

Wort für Wort
vyāsatīrtham iti khyātaṃ prācetasam ataḥ param
Danach [folgt] das als „Vyāsa-Tīrtha“ bekannte [Tīrtha], [genannt] „Prācetasa“ [?];
nātaḥ parataraṃ kiṃcit pāvanaṃ sarvasiddhidam
nichts ist reiner als dieses, alles gewährend.

[Anm.: Die Bedeutung von „prācetasam“ an dieser Stelle ist unsicher [?].]

daśa me mānasāḥ putrāḥ sraṣṭāro jagatām api / antaṃ jijñāsavas te vai pṛthivyā jagmur ojasā //

Meine zehn geistgeborenen Söhne, ebenfalls Schöpfer der Welten, zogen, das Ende [der Erde] erkennen wollend, aus eigener Kraft über die Erde.

Wort für Wort
daśa me mānasāḥ putrāḥ sraṣṭāro jagatām api
Meine zehn geistgeborenen Söhne, ebenfalls Schöpfer der Welten,
antaṃ jijñāsavas te vai pṛthivyā jagmur ojasā
zogen, das Ende [der Erde] erkennen wollend, aus eigener Kraft über die Erde.

punaḥ sṛṣṭāḥ punas te 'pi yātās tān samavekṣitum / naiva te 'pi samāyātā ye gatās te gatā gatāḥ //

Wiederum erschaffen, gingen auch sie, um jene aufzusuchen; auch sie kehrten niemals zurück – die, die gegangen waren, waren [für immer] gegangen.

Wort für Wort
punaḥ sṛṣṭāḥ punas te 'pi yātās tān samavekṣitum
Wiederum erschaffen, gingen auch sie, um jene aufzusuchen;
naiva te 'pi samāyātā ye gatās te gatā gatāḥ
auch sie kehrten niemals zurück – die, die gegangen waren, waren [für immer] gegangen.

tadotpannā mahāprājñā divyā āṅgiraso mune / vedavedāṅgatattvajñāḥ sarvaśāstraviśāradāḥ //

Da wurden, o Weiser, die hochweisen, göttlichen Aṅgirasen geboren, kundig der Wahrheit von Veda und Vedāṅga, in allen Lehrschriften bewandert.

Wort für Wort
tadotpannā mahāprājñā divyā āṅgiraso mune
Da wurden, o Weiser, die hochweisen, göttlichen Aṅgirasen geboren,
vedavedāṅgatattvajñāḥ sarvaśāstraviśāradāḥ
kundig der Wahrheit von Veda und Vedāṅga, in allen Lehrschriften bewandert.

te 'nujñātā aṅgirasā guruṃ natvā tapodhanāḥ / tapase niścitāḥ sarve naiva pṛṣṭvā tu mātaram //

Von [ihrem] Lehrer Aṅgiras dazu ermächtigt, verneigten sie sich vor ihm, an Askese reich, [und] entschlossen sich alle zur Askese – ohne jedoch [zuvor] die Mutter gefragt zu haben.

Wort für Wort
te 'nujñātā aṅgirasā guruṃ natvā tapodhanāḥ
Von [ihrem] Lehrer Aṅgiras dazu ermächtigt, verneigten sie sich vor ihm, an Askese reich,
tapase niścitāḥ sarve naiva pṛṣṭvā tu mātaram
[und] entschlossen sich alle zur Askese – ohne jedoch [zuvor] die Mutter gefragt zu haben.

sarvebhyo hy adhikā mātā gurubhyo gauraveṇa hi / tadā nārada kopena sā śaśāpa tadātmajān //

Die Mutter [gebührt] nämlich höhere [Ehrerbietung] als alle, [selbst] als die Lehrer, an Ehrfurcht. Da, o Nārada, verfluchte sie voll Zorn ihre eigenen Söhne.

Wort für Wort
sarvebhyo hy adhikā mātā gurubhyo gauraveṇa hi
Die Mutter [gebührt] nämlich höhere [Ehrerbietung] als alle, [selbst] als die Lehrer, an Ehrfurcht.
tadā nārada kopena sā śaśāpa tadātmajān
Da, o Nārada, verfluchte sie voll Zorn ihre eigenen Söhne.

{mātovāca:} mām anādṛtya ye putrāḥ pravṛttāś carituṃ tapaḥ / sarvair api prakārais tan na teṣāṃ siddhim eṣyati //

{Die Mutter sprach:} „Die Söhne, die, mich missachtend, sich aufgemacht haben, Askese zu üben – auf keinerlei Weise wird jene [Askese] ihnen Erfolg bringen.“

Wort für Wort
mām anādṛtya ye putrāḥ pravṛttāś carituṃ tapaḥ
„Die Söhne, die, mich missachtend, sich aufgemacht haben, Askese zu üben –
sarvair api prakārais tan na teṣāṃ siddhim eṣyati
auf keinerlei Weise wird jene [Askese] ihnen Erfolg bringen.“

{brahmovāca:} nānādeśāṃś ca cinvānās tapaḥsiddhiṃ na yānti ca / vighnam anveti tān sarvān itaś cetaś ca dhāvataḥ //

{Brahmā sprach:} Durch verschiedene Länder ziehend, gelangten sie nicht zum Erfolg der Askese; ein Hindernis verfolgte sie alle, während sie hierhin und dorthin liefen.

Wort für Wort
nānādeśāṃś ca cinvānās tapaḥsiddhiṃ na yānti ca
Durch verschiedene Länder ziehend, gelangten sie nicht zum Erfolg der Askese;
vighnam anveti tān sarvān itaś cetaś ca dhāvataḥ
ein Hindernis verfolgte sie alle, während sie hierhin und dorthin liefen.

kvāpi tad rākṣasair vighnaṃ kvāpi tan mānuṣair abhūt / pramadābhiḥ kvacic cāpi kvāpi taddehadoṣataḥ //

Irgendwo entstand jenes Hindernis durch Rākṣasas, irgendwo durch Menschen; manchmal auch durch Frauen, irgendwo durch einen Mangel des eigenen Körpers.

Wort für Wort
kvāpi tad rākṣasair vighnaṃ kvāpi tan mānuṣair abhūt
Irgendwo entstand jenes Hindernis durch Rākṣasas, irgendwo durch Menschen;
pramadābhiḥ kvacic cāpi kvāpi taddehadoṣataḥ
manchmal auch durch Frauen, irgendwo durch einen Mangel des eigenen Körpers.

evaṃ tu bhramamāṇās te yayuḥ sarve taponidhim / agastyaṃ tapatāṃ śreṣṭhaṃ kumbhayoniṃ jagadgurum //

So umherirrend, gingen sie alle zum Schatz der Askese, Agastya, dem Besten der Asketen, dem aus dem Krug Geborenen, dem Lehrer der Welt.

Wort für Wort
evaṃ tu bhramamāṇās te yayuḥ sarve taponidhim
So umherirrend, gingen sie alle zum Schatz der Askese,
agastyaṃ tapatāṃ śreṣṭhaṃ kumbhayoniṃ jagadgurum
Agastya, dem Besten der Asketen, dem aus dem Krug Geborenen, dem Lehrer der Welt.

namaskṛtvā hy āṅgirasā hy agnivaṃśasamudbhavāḥ / dakṣiṇāśāpatiṃ śāntaṃ vinītāḥ praṣṭum udyatāḥ //

Nachdem sie sich verneigt hatten, die Aṅgirasen, entsprungen aus Agnis Geschlecht, machten sie sich demütig bereit, den friedvollen Herrn der Südrichtung [Agastya] zu befragen.

Wort für Wort
namaskṛtvā hy āṅgirasā hy agnivaṃśasamudbhavāḥ
Nachdem sie sich verneigt hatten, die Aṅgirasen, entsprungen aus Agnis Geschlecht,
dakṣiṇāśāpatiṃ śāntaṃ vinītāḥ praṣṭum udyatāḥ
machten sie sich demütig bereit, den friedvollen Herrn der Südrichtung zu befragen.

{āṅgirasā ūcuḥ:} bhagavan kena doṣeṇa tapo 'smākaṃ na sidhyati / nānāvidhair apy upāyaiḥ kurvatāṃ ca punaḥ punaḥ //

{Die Aṅgirasen sprachen:} „Erhabener, durch welchen Fehler gelingt unsere Askese nicht, obwohl wir sie immer wieder mit vielerlei Mitteln ausüben?“

Wort für Wort
bhagavan kena doṣeṇa tapo 'smākaṃ na sidhyati
„Erhabener, durch welchen Fehler gelingt unsere Askese nicht,
nānāvidhair apy upāyaiḥ kurvatāṃ ca punaḥ punaḥ
obwohl wir sie immer wieder mit vielerlei Mitteln ausüben?“

kiṃ kurmaḥ kaḥ prakāro 'tra tapasy eva bhavāma kim / upāyaṃ brūhi viprendra jyeṣṭho 'si tapasā dhruvam //

„Was sollen wir tun? Welches Vorgehen [gibt es] hier? Sollen wir [weiter] in Askese verharren, oder was [sonst]? Nenne [uns] das Mittel, o Herr der Brahmanen; du bist gewiss der Älteste an Askese.“

Wort für Wort
kiṃ kurmaḥ kaḥ prakāro 'tra tapasy eva bhavāma kim
„Was sollen wir tun? Welches Vorgehen [gibt es] hier? Sollen wir [weiter] in Askese verharren, oder was [sonst]?
upāyaṃ brūhi viprendra jyeṣṭho 'si tapasā dhruvam
Nenne [uns] das Mittel, o Herr der Brahmanen; du bist gewiss der Älteste an Askese.“

jñātāsi jñānināṃ brahman vaktāsi vadatāṃ varaḥ / śānto 'si yamināṃ nityaṃ dayāvān priyakṛt tathā //

„Du bist der Wissende unter den Weisen, o Brahmane; du bist der Sprecher, der Beste der Redenden; du bist stets friedvoll unter den Selbstbeherrschten, mitfühlend und ebenso wohltuend.“

Wort für Wort
jñātāsi jñānināṃ brahman vaktāsi vadatāṃ varaḥ
„Du bist der Wissende unter den Weisen, o Brahmane; du bist der Sprecher, der Beste der Redenden;
śānto 'si yamināṃ nityaṃ dayāvān priyakṛt tathā
du bist stets friedvoll unter den Selbstbeherrschten, mitfühlend und ebenso wohltuend.“

akrodhanaś ca na dveṣṭā tasmād brūhi vivakṣitam / sāhaṃkārā dayāhīnā gurusevāvivarjitāḥ / asatyavādinaḥ krūrā na te tattvaṃ vijānate //

„Und du bist frei von Zorn, nicht hasserfüllt – darum sage [uns], was zu sagen ist. Die von Hochmut Erfüllten, Mitleidlosen, die den Dienst am Guru vernachlässigen, Lügner [und] Grausame – sie erkennen die Wahrheit nicht.“

Wort für Wort
akrodhanaś ca na dveṣṭā tasmād brūhi vivakṣitam
„Und du bist frei von Zorn, nicht hasserfüllt – darum sage [uns], was zu sagen ist.
sāhaṃkārā dayāhīnā gurusevāvivarjitāḥ
Die von Hochmut Erfüllten, Mitleidlosen, die den Dienst am Guru vernachlässigen,
asatyavādinaḥ krūrā na te tattvaṃ vijānate
Lügner [und] Grausame – sie erkennen die Wahrheit nicht.“

[Anm.: Dreizeiliger Vers unter einer Versmarke im Quelltext, hier als eine Einheit mit drei Wort-für-Wort-Zeilen wiedergegeben.]

{brahmovāca:} agastyaḥ prāha tān sarvān kṣaṇaṃ dhyātvā śanaiḥ śanaiḥ //*

{Brahmā sprach:} Agastya sprach zu ihnen allen, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, langsam und bedächtig.

Wort für Wort
agastyaḥ prāha tān sarvān
Agastya sprach zu ihnen allen,
kṣaṇaṃ dhyātvā śanaiḥ śanaiḥ
nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, langsam und bedächtig.

[Anm.: Unvollständiger Halbvers im Quelltext (mit * markiert), hier wie überliefert wiedergegeben.]

{agastya uvāca:} śāntātmāno bhavanto vai sraṣṭāro brahmaṇā kṛtāḥ / na paryāptaṃ tapaś cābhūt smaradhvaṃ smayakāraṇam //

{Agastya sprach:} „Ihr, von friedvollem Wesen, seid fürwahr Schöpfer, von Brahmā gemacht; eure Askese war nicht ausreichend – erinnert euch an die Ursache [eures] Hochmuts!“

Wort für Wort
śāntātmāno bhavanto vai sraṣṭāro brahmaṇā kṛtāḥ
„Ihr, von friedvollem Wesen, seid fürwahr Schöpfer, von Brahmā gemacht;
na paryāptaṃ tapaś cābhūt smaradhvaṃ smayakāraṇam
eure Askese war nicht ausreichend – erinnert euch an die Ursache [eures] Hochmuts!“

[Anm.: „smaya“ (Hochmut/Erstaunen) bezieht sich wohl auf die aus Überheblichkeit versäumte Ehrerbietung gegenüber der Mutter (vgl. V.5-7) [?].]

brahmaṇā nirmitāḥ pūrvaṃ ye gatāḥ sukham edhate / ye gatāḥ punar anveṣṭuṃ te ca tv āṅgiraso 'bhavan //

„Die zuerst von Brahmā geschaffenen [Söhne], die fortgingen, gedeihen glücklich; die, die fortgingen, um [jene] wiederzusuchen, wurden zu den Aṅgirasen.“

Wort für Wort
brahmaṇā nirmitāḥ pūrvaṃ ye gatāḥ sukham edhate
„Die zuerst von Brahmā geschaffenen [Söhne], die fortgingen, gedeihen glücklich;
ye gatāḥ punar anveṣṭuṃ te ca tv āṅgiraso 'bhavan
die, die fortgingen, um [jene] wiederzusuchen, wurden zu den Aṅgirasen.“

te yūyaṃ ca punaḥ kāle yātā yātāḥ śanaiḥ śanaiḥ / prajāpater apy adhikā bhavitāro na saṃśayaḥ //

„Ihr, [diese Aṅgirasen], die ihr wiederum, mit der Zeit, einer nach dem anderen, langsam fortgegangen seid, werdet ohne Zweifel sogar bedeutender als Prajāpati werden.“

Wort für Wort
te yūyaṃ ca punaḥ kāle yātā yātāḥ śanaiḥ śanaiḥ
„Ihr, die ihr wiederum, mit der Zeit, einer nach dem anderen, langsam fortgegangen seid,
prajāpater apy adhikā bhavitāro na saṃśayaḥ
werdet ohne Zweifel sogar bedeutender als Prajāpati werden.“

ito yāntu tapas taptuṃ gaṅgāṃ trailokyapāvanīm / nopāyo 'nyo 'sti saṃsāre vinā gaṅgāṃ śivapriyām //

„Sie sollen von hier aufbrechen, um an der Gaṅgā, der Läuterin der drei Welten, Askese zu üben; es gibt im Daseinskreislauf kein anderes Mittel außer der Gaṅgā, die Śiva teuer ist.“

Wort für Wort
ito yāntu tapas taptuṃ gaṅgāṃ trailokyapāvanīm
„Sie sollen von hier aufbrechen, um an der Gaṅgā, der Läuterin der drei Welten, Askese zu üben;
nopāyo 'nyo 'sti saṃsāre vinā gaṅgāṃ śivapriyām
es gibt im Daseinskreislauf kein anderes Mittel außer der Gaṅgā, die Śiva teuer ist.“

tatrāśrame puṇyadeśe jñānadaṃ pūjayiṣyatha / sa cchedayiṣyaty akhilaṃ saṃśayaṃ vo mahāmatiḥ / na siddhiḥ kvāpi keṣāṃcid vinā sadguruṇā yataḥ //

„Dort, in der heiligen Einsiedelei, werdet ihr den „Wissensspender“ (jñānada) verehren; er, von großer Weisheit, wird all euren Zweifel zerschneiden – denn nirgends gibt es für irgendjemanden Erfolg ohne einen wahren Guru.“

Wort für Wort
tatrāśrame puṇyadeśe jñānadaṃ pūjayiṣyatha
„Dort, in der heiligen Einsiedelei, werdet ihr den „Wissensspender“ verehren;
sa cchedayiṣyaty akhilaṃ saṃśayaṃ vo mahāmatiḥ
er, von großer Weisheit, wird all euren Zweifel zerschneiden –
na siddhiḥ kvāpi keṣāṃcid vinā sadguruṇā yataḥ
denn nirgends gibt es für irgendjemanden Erfolg ohne einen wahren Guru.“

[Anm.: Dreizeiliger Vers unter einer Versmarke im Quelltext, hier als eine Einheit mit drei Wort-für-Wort-Zeilen wiedergegeben.]

{brahmovāca:} te tam ūcur munivaraṃ jñānadaḥ ko 'bhidhīyate / brahmā viṣṇur maheśo vā ādityo vāpi candramāḥ //

{Brahmā sprach:} Sie sagten zu jenem besten der Weisen: „Wer wird als „Wissensspender“ bezeichnet? Brahmā, Viṣṇu, oder Maheśa, oder die Sonne, oder auch der Mond?“

Wort für Wort
te tam ūcur munivaraṃ jñānadaḥ ko 'bhidhīyate
Sie sagten zu jenem besten der Weisen: „Wer wird als „Wissensspender“ bezeichnet?
brahmā viṣṇur maheśo vā ādityo vāpi candramāḥ
Brahmā, Viṣṇu, oder Maheśa, oder die Sonne, oder auch der Mond?“

agniś ca varuṇaḥ kaḥ syāj jñānado munisattama / agastyaḥ punar apy āha jñānadaḥ śrūyatām ayam //

„Oder Agni, oder Varuṇa – wer könnte der „Wissensspender“ sein, o Bester der Weisen?“ Agastya sprach darauf wiederum: „Es höre, wer dieser „Wissensspender“ ist.“

Wort für Wort
agniś ca varuṇaḥ kaḥ syāj jñānado munisattama
„Oder Agni, oder Varuṇa – wer könnte der „Wissensspender“ sein, o Bester der Weisen?“
agastyaḥ punar apy āha jñānadaḥ śrūyatām ayam
Agastya sprach darauf wiederum: „Es höre, wer dieser „Wissensspender“ ist.“

yā āpaḥ so 'gnir ity ukto yo 'gniḥ sūryaḥ sa ucyate / yaś ca sūryaḥ sa vai viṣṇur yaś ca viṣṇuḥ sa bhāskaraḥ //

„Was Wasser ist, das wird Agni genannt; was Agni ist, das wird Sonne genannt; und was die Sonne ist, das ist fürwahr Viṣṇu; und was Viṣṇu ist, das ist die Sonne (bhāskara).“

Wort für Wort
yā āpaḥ so 'gnir ity ukto yo 'gniḥ sūryaḥ sa ucyate
„Was Wasser ist, das wird Agni genannt; was Agni ist, das wird Sonne genannt;
yaś ca sūryaḥ sa vai viṣṇur yaś ca viṣṇuḥ sa bhāskaraḥ
und was die Sonne ist, das ist fürwahr Viṣṇu; und was Viṣṇu ist, das ist die Sonne.“

yaś ca brahmā sa vai rudro yo rudraḥ sarvam eva tat / yasya sarvaṃ tu taj jñānaṃ jñānadaḥ so 'tra kīrtyate //

„Und was Brahmā ist, das ist fürwahr Rudra; was Rudra ist, das ist all dies. Dessen [Wesen] alles ist – jenes Wissen wird hier als „Wissensspender“ gepriesen.“

Wort für Wort
yaś ca brahmā sa vai rudro yo rudraḥ sarvam eva tat
„Und was Brahmā ist, das ist fürwahr Rudra; was Rudra ist, das ist all dies.
yasya sarvaṃ tu taj jñānaṃ jñānadaḥ so 'tra kīrtyate
Dessen [Wesen] alles ist – jenes Wissen wird hier als „Wissensspender“ gepriesen.“

deśikaprerakavyākhyā-kṛdupādhyāyadehadāḥ / guravaḥ santi bahavas teṣāṃ jñānaprado mahān //

„Es gibt viele Arten von Lehrern: den Wegweiser, den Antreiber, den Erklärer, den Unterweiser, den Leibspender [Erzeuger] – unter ihnen ist der große Wissensspender [der Höchste].“

Wort für Wort
deśikaprerakavyākhyā-kṛdupādhyāyadehadāḥ
„Den Wegweiser, den Antreiber, den Erklärer, den Unterweiser, den Leibspender –
guravaḥ santi bahavas teṣāṃ jñānaprado mahān
es gibt viele Arten von Lehrern; unter ihnen ist der große Wissensspender [der Höchste].“

tad eva jñānam atroktaṃ yena bhedo vihanyate / eka evādvayaḥ śaṃbhur indramitrāgnināmabhiḥ / vadanti bahudhā viprā bhrāntopakṛtihetave //

„Ebendieses allein wird hier Wissen genannt, wodurch die Verschiedenheit [Dualität] aufgehoben wird. Einzig und nicht-dual ist Śambhu [Śiva]; mit Namen wie Indra, Mitra, Agni sprechen die Brahmanen vielfach von ihm, um den Verwirrten zu helfen.“

Wort für Wort
tad eva jñānam atroktaṃ yena bhedo vihanyate
„Ebendieses allein wird hier Wissen genannt, wodurch die Verschiedenheit aufgehoben wird.
eka evādvayaḥ śaṃbhur indramitrāgnināmabhiḥ
Einzig und nicht-dual ist Śambhu [Śiva]; mit Namen wie Indra, Mitra, Agni
vadanti bahudhā viprā bhrāntopakṛtihetave
sprechen die Brahmanen vielfach von ihm, um den Verwirrten zu helfen.“

[Anm.: Dreizeiliger Vers unter einer Versmarke im Quelltext, hier als eine Einheit mit drei Wort-für-Wort-Zeilen wiedergegeben.]

{brahmovāca:} etac chrutvā muner vākyaṃ gāthā gāyanta eva te / jagmuḥ pañcottarāṃ gaṅgāṃ pañca jagmuś ca dakṣiṇām //

{Brahmā sprach:} Nachdem sie diese Rede des Weisen vernommen hatten, sangen sie Gāthās; fünf von ihnen gingen zur nördlichen Gaṅgā, und fünf gingen zur südlichen.

Wort für Wort
etac chrutvā muner vākyaṃ gāthā gāyanta eva te
Nachdem sie diese Rede des Weisen vernommen hatten, sangen sie Gāthās;
jagmuḥ pañcottarāṃ gaṅgāṃ pañca jagmuś ca dakṣiṇām
fünf von ihnen gingen zur nördlichen Gaṅgā, und fünf gingen zur südlichen.

agastyenoditān devān pūjayanto yathāvidhi / āsaneṣu viśeṣeṇa hy āsīnās tattvacintakāḥ //

Die von Agastya genannten Götter vorschriftsgemäß verehrend, saßen sie, besonders auf [rituellen] Sitzen, über die Wahrheit (tattva) nachsinnend.

Wort für Wort
agastyenoditān devān pūjayanto yathāvidhi
Die von Agastya genannten Götter vorschriftsgemäß verehrend,
āsaneṣu viśeṣeṇa hy āsīnās tattvacintakāḥ
saßen sie, besonders auf [rituellen] Sitzen, über die Wahrheit nachsinnend.

teṣāṃ sarve suragaṇāḥ prītimanto 'bhavan mune / sraṣṭṛtvaṃ tu yugādau yat kalpitaṃ viśvayoninā //

Alle Scharen der Götter wurden über sie erfreut, o Weiser. Das Schöpferamt, das zu Beginn des Zeitalters vom Ursprung des Weltalls [Brahmā] verordnet wurde,

Wort für Wort
teṣāṃ sarve suragaṇāḥ prītimanto 'bhavan mune
Alle Scharen der Götter wurden über sie erfreut, o Weiser.
sraṣṭṛtvaṃ tu yugādau yat kalpitaṃ viśvayoninā
Das Schöpferamt, das zu Beginn des Zeitalters vom Ursprung des Weltalls verordnet wurde,

adharmāṇāṃ nivṛttyarthaṃ vedānāṃ sthāpanāya ca / lokānām upakārārthaṃ dharmakāmārthasiddhaye //

zur Beendigung des Unrechts (adharma) und zur Festigung der Veden, zum Nutzen der Welten, zur Verwirklichung von Dharma, Kāma [und] Artha,

Wort für Wort
adharmāṇāṃ nivṛttyarthaṃ vedānāṃ sthāpanāya ca
zur Beendigung des Unrechts und zur Festigung der Veden,
lokānām upakārārthaṃ dharmakāmārthasiddhaye
zum Nutzen der Welten, zur Verwirklichung von Dharma, Kāma [und] Artha,

purāṇasmṛtivedārtha-dharmaśāstrārthaniścaye / sraṣṭṛtvaṃ jagatām iṣṭaṃ tādṛgrūpā bhaviṣyatha //

zur Klärung des Sinns von Purāṇas, Smṛtis, Veden und Dharmaśāstras – das erwünschte Schöpferamt über die Welten: eine solche Gestalt werdet ihr annehmen.

Wort für Wort
purāṇasmṛtivedārtha-dharmaśāstrārthaniścaye
zur Klärung des Sinns von Purāṇas, Smṛtis, Veden und Dharmaśāstras –
sraṣṭṛtvaṃ jagatām iṣṭaṃ tādṛgrūpā bhaviṣyatha
das erwünschte Schöpferamt über die Welten: eine solche Gestalt werdet ihr annehmen.

prajāpatitvaṃ teṣāṃ vai bhaviṣyati śanaiḥ kramāt / yadā hy adharmo bhavitā vedānāṃ ca parābhavaḥ //

Ihre Prajāpati-Würde wird allmählich, Schritt für Schritt, eintreten, wenn Unrecht entstehen und ein Niedergang der Veden [geschehen] wird,

Wort für Wort
prajāpatitvaṃ teṣāṃ vai bhaviṣyati śanaiḥ kramāt
Ihre Prajāpati-Würde wird allmählich, Schritt für Schritt, eintreten,
yadā hy adharmo bhavitā vedānāṃ ca parābhavaḥ
wenn Unrecht entstehen und ein Niedergang der Veden [geschehen] wird,

vedānāṃ vyasanaṃ tebhyo bhāvivyāsās tatas tu te / yadā yadā tu dharmasya glānir vedasya dṛśyate //

[wenn] Not über die Veden [kommt] – dann werden sie zu künftigen „Vyāsas“. Wann immer ein Schwinden von Dharma oder Veda sichtbar wird,

Wort für Wort
vedānāṃ vyasanaṃ tebhyo bhāvivyāsās tatas tu te
[Wenn] Not über die Veden [kommt] – dann werden sie zu künftigen „Vyāsas“.
yadā yadā tu dharmasya glānir vedasya dṛśyate
Wann immer ein Schwinden von Dharma oder Veda sichtbar wird,

tadā tadā tu te vyāsā bhaviṣyanty upakāriṇaḥ / teṣāṃ yat tapasaḥ sthānaṃ gaṅgāyās tīram uttamam //

dann, zu jener Zeit, werden jene Vyāsas zu Helfern werden. Der Ort ihrer Askese, das vorzüglichste Ufer der Gaṅgā,

Wort für Wort
tadā tadā tu te vyāsā bhaviṣyanty upakāriṇaḥ
dann, zu jener Zeit, werden jene Vyāsas zu Helfern werden.
teṣāṃ yat tapasaḥ sthānaṃ gaṅgāyās tīram uttamam
Der Ort ihrer Askese, das vorzüglichste Ufer der Gaṅgā,

tatra tatra śivo viṣṇur aham āditya eva ca / agnir āpaḥ sarvam iti tatra saṃnihitaṃ sadā //

dort, an jedem solchen Ort, sind Śiva, Viṣṇu, ich [Brahmā], ebenso die Sonne, Agni, Wasser – kurz alles – stets gegenwärtig.

Wort für Wort
tatra tatra śivo viṣṇur aham āditya eva ca
dort, an jedem solchen Ort, sind Śiva, Viṣṇu, ich [Brahmā], ebenso die Sonne,
agnir āpaḥ sarvam iti tatra saṃnihitaṃ sadā
Agni, Wasser – kurz alles – stets gegenwärtig.

naitebhyaḥ pāvanaṃ kiṃcin naitebhyas tv adhikaṃ kvacit / tattadākāratāṃ prāptaṃ paraṃ brahmaiva kevalam //

Nichts ist reiner als diese, nichts ist irgendwo größer als diese; [diese Gottheiten,] die jeweils ihre Gestalt angenommen haben, sind fürwahr allein das höchste Brahman.

Wort für Wort
naitebhyaḥ pāvanaṃ kiṃcin naitebhyas tv adhikaṃ kvacit
Nichts ist reiner als diese, nichts ist irgendwo größer als diese;
tattadākāratāṃ prāptaṃ paraṃ brahmaiva kevalam
[diese Gottheiten,] die jeweils ihre Gestalt angenommen haben, sind fürwahr allein das höchste Brahman.

sarvātmakaḥ śivo vyāpī sarvabhāvasvarūpadhṛk / viśeṣatas tatra tīrthe sarvaprāṇyanukampayā //

Śiva, das Selbst von allem, alldurchdringend, die Wesensform jedes Daseinszustandes tragend, besonders an jenem Tīrtha, aus Mitgefühl mit allen Lebewesen,

Wort für Wort
sarvātmakaḥ śivo vyāpī sarvabhāvasvarūpadhṛk
Śiva, das Selbst von allem, alldurchdringend, die Wesensform jedes Daseinszustandes tragend,
viśeṣatas tatra tīrthe sarvaprāṇyanukampayā
besonders an jenem Tīrtha, aus Mitgefühl mit allen Lebewesen,

sarvair devair anuvṛtas tadanugrahakārakaḥ / dharmavyāsās tu te jñeyā vedavyāsās tathaiva ca //

von allen Göttern begleitet, ist dort der Gnadenspender. Sie sind als „Dharma-Vyāsas“ zu erkennen, ebenso auch als „Veda-Vyāsas“.

Wort für Wort
sarvair devair anuvṛtas tadanugrahakārakaḥ
von allen Göttern begleitet, ist dort der Gnadenspender.
dharmavyāsās tu te jñeyā vedavyāsās tathaiva ca
Sie sind als „Dharma-Vyāsas“ zu erkennen, ebenso auch als „Veda-Vyāsas“.

teṣāṃ tīrthaṃ tena nāmnā vyapadiṣṭaṃ jagattraye / pāpapaṅkakṣālanāmbho mohadhvāntamadāpaham / sarvasiddhipradaṃ puṃsāṃ vyāsatīrtham anuttamam //

Ihr Tīrtha wird mit diesem Namen in den drei Welten bezeichnet – sein Wasser wäscht den Schlamm der Sünde ab, nimmt die Finsternis [und] den Rausch der Verblendung hinweg, gewährt den Menschen jede Vollkommenheit: das unübertreffliche „Vyāsa-Tīrtha“.

Wort für Wort
teṣāṃ tīrthaṃ tena nāmnā vyapadiṣṭaṃ jagattraye
Ihr Tīrtha wird mit diesem Namen in den drei Welten bezeichnet –
pāpapaṅkakṣālanāmbho mohadhvāntamadāpaham
sein Wasser wäscht den Schlamm der Sünde ab, nimmt die Finsternis [und] den Rausch der Verblendung hinweg,
sarvasiddhipradaṃ puṃsāṃ vyāsatīrtham anuttamam
gewährt den Menschen jede Vollkommenheit: das unübertreffliche „Vyāsa-Tīrtha“.

[Anm.: Dreizeiliger Vers unter einer Versmarke im Quelltext, hier als eine Einheit mit drei Wort-für-Wort-Zeilen wiedergegeben.]

Interaktive Leseansicht des ganzen Werks