Kapitel 85: kṣudhātīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Kṣudhā-Tīrtha (Kaṇvas Lobpreis)
Der hungernde Weise Kaṇva, in der wohlversorgten Einsiedelei Gautamas ankommend, verzichtet aus Standesstolz darauf, dort um Speise zu bitten, und begibt sich stattdessen an die Gautamī-Gaṅgā, wo er sowohl die Gaṅgā als auch die personifizierte Hungersnot (Kṣudhā) in einem ausführlichen Lobpreis anruft. Beide Göttinnen erscheinen ihm und gewähren Wünsche: Kaṇva erbittet für sich Wohlstand, Lebensdauer, Genuss und Erlösung, und verflucht zugleich die Kṣudhā, ihn und seine Nachkommen künftig zu verschonen; zudem soll jeder, der von Hunger gequält diesen Lobpreis rezitiert – sei es an der Pilgerstätte oder zuhause –, von Armutsleiden befreit werden. Seitdem heißt die Stätte 'Kāṇva', 'Gāṅga' oder 'Kṣudhā-Tīrtha'.
{Brahmā sprach:} Höre, o Nārada, mit gesammeltem Sinn, von dem als 'Kṣudhā-Tīrtha' (Hunger-Pilgerstätte) bekannten Ort, der, wenn er erzählt wird, hochheilig ist und den Menschen alle Wünsche gewährt.
Wort für Wort
kṣudhātīrtham iti khyātam śṛṇu nārada tanmanāḥ
höre, o Nārada, mit gesammeltem Sinn, von dem als 'Kṣudhā-Tīrtha' bekannten Ort
kathyamānam mahāpuṇyam sarva-kāma-pradam nṛṇām
der, wenn er erzählt wird, hochheilig ist und den Menschen alle Wünsche gewährt
Er erreichte die heilige Einsiedelei Gautamas, reich an Speise und Wasser; er sah sich selbst von Hunger geplagt, und sah Gautama dagegen wohlversorgt,
Wort für Wort
gautamasya āśramam puṇyam samṛddham ca anna-vāriṇā
die heilige Einsiedelei Gautamas, reich an Speise und Wasser
ātmānam ca kṣudhā-yuktam samṛddham ca api gautamam
sah er sich selbst von Hunger geplagt, und Gautama dagegen wohlversorgt
vīkṣya kaṇvo 'tha vaiṣamyaṃ vairāgyam agamat tadā / gautamo 'pi dvijaśreṣṭho hy ahaṃ tapasi niṣṭhitaḥ //
diesen Unterschied erblickend, gelangte Kaṇva da zur Entsagung (des Bittens): 'Gautama ist ja der vortrefflichste der Zweifachgeborenen, ich aber bin nur der Askese ergeben,'
{kaṇva uvāca:} namo 'stu gaṅge paramārtihāriṇi / namaḥ kṣudhe sarvajanārtikāriṇi / namo maheśānajaṭodbhave śubhe / namo mahāmṛtyumukhād vinisṛte //
{Kaṇva sprach:} Verehrung sei der Gaṅgā, der Nehmerin des höchsten Leides; Verehrung der Kṣudhā (dem Hunger), die allen Menschen Leid bereitet; Verehrung der aus Maheśas Locken Entstandenen, der Verheißungsvollen; Verehrung ihr, die aus dem Rachen des großen Todes entronnen ist.
Wort für Wort
namaḥ astu gaṅge parama-ārti-hāriṇi
Verehrung sei der Gaṅgā, der Nehmerin des höchsten Leides
namaḥ kṣudhe sarva-jana-ārti-kāriṇi
Verehrung der Kṣudhā, die allen Menschen Leid bereitet
namaḥ maheśāna-jaṭā-udbhave śubhe
Verehrung der aus Maheśas Locken Entstandenen, der Verheißungsvollen
namaḥ mahā-mṛtyu-mukhāt vinisṛte
Verehrung ihr, die aus dem Rachen des großen Todes entronnen ist
[Anm.: Vierzeiliger Vers in längerem Versmaß (a/b/c/d), im Original unter einer einzigen Nummer.]
in Hungergestalt aber allen Qual und Sünde verleihst – Verehrung dir! Verehrung dir, o Göttin, die du Segen bewirkst; Verehrung, die du Sünde zerspaltest; Verehrung, o Göttin, die du Frieden bewirkst; Verehrung, die du Armut vernichtest.
Wort für Wort
kṣudhā-rūpeṇa sarveṣām tāpa-pāpa-prade namaḥ
in Hungergestalt aber allen Qual und Sünde verleihst - Verehrung dir
namaḥ śreyaskari devi namaḥ pāpa-pratardini
Verehrung dir, o Göttin, die du Segen bewirkst; Verehrung, die du Sünde zerspaltest
namaḥ śāntikari devi namaḥ dāridrya-nāśini
Verehrung, o Göttin, die du Frieden bewirkst; Verehrung, die du Armut vernichtest
[Anm.: Dreizeiliger Vers unter einer einzigen Nummer im Original.]
{Brahmā sprach:} Während er so pries, erschienen vor ihm zwei Gestalten: eine, die gaṅgische, herzerfreuend, die andere von furchterregender Gestalt; wiederum, mit gefalteten Händen, verneigte sich der beste der Zweifachgeborenen.
Wort für Wort
iti evam stuvataḥ tasya purastāt abhavat dvayam
während er so pries, erschienen vor ihm zwei Gestalten
ekam gāṅgam manohāri hi aparam bhīṣaṇa-ākṛti
eine, die gaṅgische, herzerfreuend, die andere von furchterregender Gestalt
O du, die die Sünde derer bist, die alle Sünden begehen, die Dharma, Kāma und Artha vernichtest, aus Leid und Gier bestehende Göttin Kṣudhā, dir sei Verehrung, Verehrung!
Wort für Wort
sarva-pāpa-kṛtām pāpe dharma-kāma-artha-nāśini
o du Sünde derer, die alle Sünden begehen, die Dharma, Kāma und Artha vernichtest
duḥkha-lobha-mayi devi kṣudhe tubhyam namaḥ namaḥ
aus Leid und Gier bestehende Göttin Kṣudhā, dir sei Verehrung, Verehrung
'Weder bei mir noch bei meinen Nachkommen, o Kṣudhā, Durst, Armut, sollst du je wieder sein – geh fort, du Sündigere, Raue; nie mehr sollst du wiederkehren.'
Wort für Wort
mayi mad-vaṃśaje ca api kṣudhe tṛṣṇe daridriṇi
weder bei mir noch bei meinen Nachkommen, o Kṣudhā, Durst, Armut
yāhi pāpatare rūkṣe na bhūyāḥ tvam kadācana
geh fort, du Sündigere, Raue; nie mehr sollst du sein
asmiṃs tīrthe mahāpuṇye snānadānajapādikam / ye kurvanti narā bhaktyā lakṣmībhājo bhavantu te //
'Diejenigen Menschen, die an dieser hochheiligen Pilgerstätte mit Hingabe Baden, Geben, Japa und dergleichen vollziehen, sollen Anteil an Lakṣmī erhalten.'
Wort für Wort
asmin tīrthe mahāpuṇye snāna-dāna-japa-ādikam
an dieser hochheiligen Pilgerstätte Baden, Geben, Japa und dergleichen
ye kurvanti narāḥ bhaktyā lakṣmī-bhājaḥ bhavantu te
diejenigen Menschen, die dies mit Hingabe vollziehen, sollen Anteil an Lakṣmī erhalten
yas tv idaṃ paṭhate stotraṃ tīrthe vā yadi vā gṛhe / tasya dāridryaduḥkhebhyo na bhayaṃ syād varo 'paraḥ //
'Wer aber diesen Lobpreis rezitiert, sei es an der Pilgerstätte oder auch zuhause – für ihn soll es vor den Leiden der Armut keine Furcht mehr geben; dies sei noch eine weitere Gabe.'
Wort für Wort
yaḥ tu idam paṭhate stotram tīrthe vā yadi vā gṛhe
wer aber diesen Lobpreis rezitiert, sei es an der Pilgerstätte oder auch zuhause
tasya dāridrya-duḥkhebhyaḥ na bhayam syāt varaḥ aparaḥ
für ihn soll es vor den Leiden der Armut keine Furcht mehr geben; dies sei noch eine weitere Gabe
[Anm.: Im Original springt die Verszählung nach V23 direkt zu V25 – V24 fehlt in der Quelle.]
{Brahmā sprach:} 'So sei es', so zu Kaṇva gesprochen habend, gingen die beiden zu ihrem eigenen Wohnsitz zurück. Seitdem heißt jene Pilgerstätte 'Kāṇva', 'Gāṅga' und 'Kṣudhā', alle Sünde hinwegnehmend, o Sohn, und der Ahnen Freude mehrend.
Wort für Wort
evam astu iti ca uktvā te kaṇvam yāte svam ālayam
'so sei es', so zu Kaṇva gesprochen habend, gingen die beiden zu ihrem eigenen Wohnsitz zurück
tataḥ prabhṛti tat tīrtham kāṇvam gāṅgam kṣudhā-abhidham
seitdem heißt jene Pilgerstätte 'Kāṇva', 'Gāṅga' und 'Kṣudhā'
sarva-pāpa-haram vatsa pitṝṇām prīti-vardhanam
alle Sünde hinwegnehmend, o Sohn, und der Ahnen Freude mehrend
[Anm.: Dreizeiliger Vers unter einer einzigen Nummer im Original.]