Kapitel 7: saptamo 'dhyāyaḥ
Die Sonnendynastie: Ilā/Sudyumna, die Śaryāta-Linie und Dhundhumāra
Die neun Söhne des Manu Vaivasvata und ihre Nachkommen: die wundersame Geschlechtswandel-Geschichte der Ilā, die zugleich als Tochter (für Mitra-Varuṇa) und als Sohn Sudyumna (Stammvater des Purūravas) existiert; die Nebenlinien Nābhāgas, Dhṛṣṭas, Karūṣas, Prāṃśus und Nariṣyantas; die Śaryāti-Linie mit der Kakudmī/Revatī-Episode (Zeitdehnung in Brahmaloka, Verheiratung Revatīs mit Baladeva) und Pṛṣadhras Śūdra-Fluch; die Hauptlinie Ikṣvākus über Vikukṣi/Śaśāda, Kakutstha bis Bṛhadaśva und Kuvalāśva, der als Dhundhumāra ("Dhundhu-Töter") mit Viṣṇus Kraft den apokalyptischen Sand-Dämon Dhundhu vernichtet; und schließlich, über Māndhātā und Trayyāruṇa, die Vorgeschichte des Satyavrata (des späteren Triśaṅku), der wegen eines Frauenraubs verstoßen unter Caṇḍālas lebt, dort während einer zwölfjährigen Dürre Viśvāmitras Familie rettet und dessen Sohn (den späteren Gālava) aus der Schuldknechtschaft befreit.
nariṣyantaś ca ṣaṣṭho vai prāṃśū riṣṭaś ca saptamaḥ / karūṣaś ca pṛṣadhraś ca navaite munisattamāḥ // BrP_7.2 //
Nariṣyanta als sechster, Prāṃśu und Riṣṭa als siebter, Karūṣa und Pṛṣadhra – diese neun, o beste der Weisen.
Wort für Wort
nariṣyantaḥ ca ṣaṣṭhaḥ vai
und Nariṣyanta als sechster
prāṃśū riṣṭaḥ ca saptamaḥ
Prāṃśu (und) Riṣṭa als siebter
karūṣaḥ ca pṛṣadhraḥ ca
Karūṣa und Pṛṣadhra
nava ete munisattamāḥ
diese neun, o beste der Weisen
[Anm.: Nariṣyanta wird als "sechster" gezählt, obwohl er als fünfter genannt Name in der Aufzählung erscheint – eine der puranatypischen Unstimmigkeiten in Ordnungszahlen, wie sie bereits bei den Manu-Söhnen in Kap. 5 auffiel; womöglich fehlt ein namentlich nicht genannter Sohn.]
akarot putrakāmas tu manur iṣṭiṃ prajāpatiḥ / mitrāvaruṇayor viprāḥ pūrvam eva mahāmatiḥ // BrP_7.3 //
Der nach einem (weiteren) Sohn verlangende Manu, der Herr der Geschöpfe, der Hochsinnige, vollzog aber zuvor, o Brahmanen, ein Opfer für Mitra und Varuṇa,
Wort für Wort
akarot
er vollzog
putrakāmaḥ tu manuḥ
Manu aber, der nach einem Sohn verlangte
iṣṭim prajāpatiḥ
ein Opfer, der Herr der Geschöpfe
mitrāvaruṇayoḥ viprāḥ
für Mitra und Varuṇa, o Brahmanen
pūrvam eva mahāmatiḥ
zuvor, der Hochsinnige
Vorgeschichte der Geburt der Ilā/des Sudyumna: Manus Opfer für die Götter Mitra und Varuṇa, noch bevor die neun genannten Söhne geboren waren.
brachte Manu die Opfergabe für den Anteil von Mitra und Varuṇa dar; da (entstand eine Gestalt,) himmlische Gewänder tragend, mit himmlischem Schmuck geschmückt,
divyasaṃhananā caiva ilā jajña iti śrutiḥ / tām ilety eva hovāca manur daṇḍadharas tadā // BrP_7.6 //
mit himmlischem Körperbau – Ilā wurde geboren, so die Überlieferung. Sie nannte da Manu, der Stabträger (der Herrscher, der den Rechtsstab führt), eben ‚Ilā‘,
Wort für Wort
divya-saṃhananā caiva
und mit himmlischem Körperbau
ilā jajñe iti śrutiḥ
"Ilā wurde geboren", so die Überlieferung
tām ilā iti eva
sie, eben "Ilā"
ha uvāca manuḥ
nannte Manu
daṇḍadharaḥ tadā
der Stabträger, da
"Daṇḍadhara" ("Stabträger") ist ein Epitheton für den Herrscher/Richter, der die Strafgewalt (daṇḍa) innehat.
Nachdem sie dies zum göttlichen Manu gesagt hatte, ging Ilā, die Schönhüftige, zu Mitra und Varuṇa hin und sprach dort, mit gefalteten Händen, dieses Wort:
{mitra und varuṇa sprachen:} anena tava dharmeṇa praśrayeṇa damena ca / satyena caiva suśroṇi prītau svo varavarṇini // BrP_7.12 //
„Durch diese deine Rechtschaffenheit, Bescheidenheit und Selbstbeherrschung sowie durch Wahrhaftigkeit, o Schönhüftige, o Schönfarbige, sind wir beide erfreut.
Du, o Hochgesegnete, wirst bei uns beiden als ‚Tochter‘ Berühmtheit erlangen.
Wort für Wort
āvayoḥ tvam mahābhāge
bei uns beiden wirst du, o Hochgesegnete
khyātim kanyā iti yāsyasi
als "Tochter" Berühmtheit erlangen
[Anm.: Dieser Halbvers steht im Original mit einer editorischen Markierung (*) versehen, vermutlich ein Hinweis auf eine Textvariante; die zweite Vershälfte fehlt oder ist mit dem folgenden Vers verschmolzen.]
der Welt lieb, von rechtschaffenem Wesen, ein Mehrer des Geschlechts des Manu.“ – Nachdem sie dies gehört hatte, aber, kehrte sie um, während sie sich von ihrem Vater entfernte,
Wort für Wort
jagatpriyaḥ dharmaśīlaḥ
der Welt lieb, von rechtschaffenem Wesen
manoḥ vaṃśavivardhanaḥ
ein Mehrer des Geschlechts des Manu
nivṛttā sā tu
sie aber kehrte um
tat śrutvā
nachdem sie dies gehört hatte
gacchantī pituḥ antikāt
während sie sich von der Nähe des Vaters entfernte
und traf, eine Gelegenheit findend, auf Budha, der sie zur Vereinigung einlud; von Budha, dem Sohn des Soma, wurde ihr, o Brahmanen, Purūravas geboren.
dik pūrvā muniśārdūlā gayasya tu gayā smṛtā / praviṣṭe tu manau viprā divākaram ariṃdamam // BrP_7.19 //
die östliche Richtung, o Tiger unter den Weisen, ist aber als (Land) des Gaya, als Gayā, bekannt. Als aber Manu, o Brahmanen, in die feindebezwingende Sonne einging,
Wort für Wort
dik pūrvā muniśārdūlā
die östliche Richtung, o Tiger unter den Weisen
gayasya tu gayā smṛtā
des Gaya aber ist als Gayā bekannt
praviṣṭe tu manau viprāḥ
als aber Manu einging, o Brahmanen
divākaram ariṃdamam
in die feindebezwingende Sonne
[?] "praviṣṭe manau divākaram" – unklare Wendung; möglicherweise ein Hinweis auf Manus Rückzug/Heimgang zur Sonne (seinem Vater Vivasvant) nach getaner Herrscherpflicht, hier ohne nähere Erläuterung im Text.
kanyābhāvāt tu sudyumno naitad rājyam avāptavān / vasiṣṭhavacanāt tv āsīt pratiṣṭhāne mahātmanaḥ // BrP_7.21 //
Sudyumna aber erlangte, weil er einst ein Mädchen gewesen war, dieses Königreich nicht; auf Vasiṣṭhas Wort hin aber wurde dem Hochgesinnten Pratiṣṭhāna (zuteil),
Wort für Wort
kanyābhāvāt tu sudyumnaḥ
Sudyumna aber, weil er (einst) ein Mädchen gewesen war
als Wohnsitz des rechtschaffenen Königs Sudyumna, o beste der Zweifachgeborenen; dieses Königreich übergab er, nachdem er es erlangt hatte, dem hochberühmten Purūravas,
Wort für Wort
pratiṣṭhā dharmarājasya
als Wohnsitz des rechtschaffenen Königs
sudyumnasya dvijottamāḥ
Sudyumnas, o beste der Zweifachgeborenen
tat purūravase prādāt
dieses übergab er dem Purūravas
rājyam prāpya mahāyaśāḥ
nachdem er das Königreich erlangt hatte, der Hochberühmte
mānaveyo muniśreṣṭhāḥ strīpuṃsor lakṣaṇair yutaḥ / dhṛtavāṃs tām ilety evaṃ sudyumneti ca viśrutaḥ // BrP_7.23 //
Der Sohn des Manu(-Geschlechts), o beste der Weisen, mit den Merkmalen von Frau und Mann zugleich versehen, trug so sowohl den Namen Ilā als auch Sudyumna, beide wohlbekannt.
Wort für Wort
mānaveyaḥ muniśreṣṭhāḥ
der Sohn des Manu-Geschlechts, o beste der Weisen
strīpuṃsoḥ lakṣaṇaiḥ yutaḥ
mit den Merkmalen von Frau und Mann versehen
dhṛtavān tām ilā iti evam
trug so den Namen Ilā
sudyumna iti ca viśrutaḥ
und (als) Sudyumna wohlbekannt
Abschluss der Ilā/Sudyumna-Episode: Zusammenfassung des doppelten (weiblich-männlichen) Wesens dieser Gestalt.
Die Söhne Nariṣyantas sind die Śakas; von Nābhāga aber, o Brahmanen, war der Sohn Ambarīṣa, der beste der Fürsten-Stiere.
Wort für Wort
nāriṣyantāḥ śakāḥ putrāḥ
die Söhne Nariṣyantas (sind) die Śakas
nābhāgasya tu bho dvijāḥ
von Nābhāga aber, o Brahmanen
ambarīṣaḥ abhavat putraḥ
war der Sohn Ambarīṣa
pārthiva-ṛṣabha-sattamaḥ
der beste der Fürsten-Stiere
[Anm.: Die Gleichsetzung "Nariṣyantas Söhne = die Śakas" ist ein puranatypischer ethnogenetischer Vermerk, der eine spätere fremde Völkerschaft (Skythen) in die eigene Genealogie einordnet.]
Und die (weiteren) Söhne von Nābhāga und Dhṛṣṭa, obwohl Kṣatriyas, gingen in den Vaiśya-Stand über; von Prāṃśu aber war ein einziger Sohn, bekannt unter dem Namen Prajāpati.
Wort für Wort
nābhāgadhṛṣṭaputrāḥ ca
und die Söhne von Nābhāga (und) Dhṛṣṭa
kṣatriyāḥ vaiśyatām gatāḥ
obwohl Kṣatriyas, in den Vaiśya-Stand übergegangen
Nariṣyantas Erbe war der König Yama, der Stabträger; von Śaryāti aber gab es ein Zwillingspaar: einen wohlbekannten Sohn namens Ānarta,
Wort für Wort
nariṣyantasya dāyādaḥ
Nariṣyantas Erbe
rājā daṇḍadharaḥ yamaḥ
der König Yama, der Stabträger
śaryāteḥ mithunam tu āsīt
von Śaryāti aber gab es ein Zwillingspaar
ānartaḥ nāma viśrutaḥ
einen wohlbekannten (Sohn) namens Ānarta
[Anm.: Dieser König „Yama, der Stabträger“ ist ein sterblicher Nachkomme Nariṣyantas und nicht identisch mit dem Totengott Yama, Sohn Vivasvants aus Kap. 6 – vermutlich Namensgleichheit, da beide das Epitheton „Daṇḍadhara“ (Stabträger, Richter) tragen.]
und verweilte, was ihm wie ein Augenblick des Gottes (Brahma) erschien, in Wahrheit viele Yugas lang, o Brahmanen. Dann kehrte er zu seiner eigenen Stadt zurück, die (inzwischen) von Yādavas bewohnt war,
die (inzwischen) zur vieltorigen, reizenden Stadt namens Dvāravatī gemacht worden war, bewacht von den Bhojas, Vṛṣṇis und Andhakas, angeführt von Vasudeva.
Dort erkannte Raivata, o beste der Zweifachgeborenen, den wahren Sachverhalt, und (übergab) jene Tochter, die schöngesegnete, namens Revatī, dem Baladeva,
Wort für Wort
tatra eva raivataḥ jñātvā
dort erkannte Raivata
yathātattvam dvijottamāḥ
den wahren Sachverhalt, o beste der Zweifachgeborenen
dattvā jagāma śikharaṃ meros tapasi saṃsthitaḥ / reme rāmo 'pi dharmātmā revatyā sahitaḥ sukhī // BrP_7.34 //
nachdem er sie gegeben hatte, ging er zum Gipfel des Meru, in Askese verweilend. Auch Rāma (Baladeva), der Rechtschaffene, erfreute sich glücklich zusammen mit Revatī.
Wort für Wort
dattvā jagāma śikharam meroḥ
nachdem er sie gegeben hatte, ging er zum Gipfel des Meru
und wie konnte die Nachkommenschaft jenes Śaryāti, der zum Meru gegangen war, bis heute auf der Erde fortbestehen? Wir möchten dies der Wahrheit gemäß hören.“
{lomaharṣaṇa sprach:} na jarā kṣutpipāsā vā na mṛtyur munisattamāḥ / ṛtucakraṃ prabhavati brahmaloke sadānaghāḥ / kakudminaḥ svarlokaṃ tu raivatasya gatasya ha // BrP_7.37 //
„Weder Alter, noch Hunger und Durst, noch der Tod, o beste der Weisen, noch der Kreislauf der Jahreszeiten hat Macht in der Brahma-Welt, ihr stets Makellosen. Als aber Kakudmī Raivata zur Himmelswelt gegangen war,
Wort für Wort
na jarā kṣutpipāsā vā
weder Alter noch Hunger und Durst
na mṛtyuḥ munisattamāḥ
noch der Tod, o beste der Weisen
ṛtucakram prabhavati
der Kreislauf der Jahreszeiten hat Macht
brahmaloke sadā-anaghāḥ
in der Brahma-Welt, ihr stets Makellosen
kakudminaḥ svarlokam tu
als aber Kakudmī zur Himmelswelt
raivatasya gatasya ha
(als) Raivata gegangen war
Dreipadiger Vers (Ausnahme von der üblichen Zweipada-Form); erklärt das Zeitdehnungs-Motiv: in Brahmaloka herrscht keine Zeit im irdischen Sinn.
tad vadhyamānaṃ rakṣobhir diśaḥ prākrāmad acyutāḥ / vidrutasya ca viprendrās tasya bhrātṛśatasya vai // BrP_7.39 //
die, von den Rākṣasas bedrängt, in alle Himmelsrichtungen auseinanderliefen, ihr Unfehlbaren. Und von diesem geflohenen Hundert an Brüdern, o Fürsten der Brahmanen,
Wort für Wort
tat vadhyamānam rakṣobhiḥ
dieses (Hundert), von den Rākṣasas bedrängt
diśaḥ prākrāmat acyutāḥ
lief in die Himmelsrichtungen auseinander, ihr Unfehlbaren
anvavāyas tu sumahāṃs tatra tatra dvijottamāḥ / teṣāṃ hy ete muniśreṣṭhāḥ śaryātā iti viśrutāḥ // BrP_7.40 //
entstand hier und dort eine sehr große Nachkommenschaft, o beste der Zweifachgeborenen; diese sind es, die, o beste der Weisen, als ‚Śaryātas‘ bekannt sind,
Die beiden Söhne von Nābhāga und Riṣṭa, (obwohl) Vaiśyas, gingen in den Brahmanen-Stand über; von Karūṣa aber (stammen) die Kārūṣas, im Kampf unbezähmbare Kṣatriyas.
Wort für Wort
nābhāgariṣṭaputrau dvau
die beiden Söhne von Nābhāga (und) Riṣṭa
vaiśyau brāhmaṇatām gatau
(obwohl) Vaiśyas, in den Brahmanen-Stand übergegangen
karūṣasya tu kārūṣāḥ
von Karūṣa aber die Kārūṣas
kṣatriyāḥ yuddhadurmadāḥ
Kṣatriyas, im Kampf unbezähmbar
[Anm.: Wiederholt mit leichter Variation den Stände-Wechsel-Vermerk aus v.25f. (dort Nābhāga/Dhṛṣṭa→Vaiśya, Karūṣa-Linie), hier mit Riṣṭa statt Dhṛṣṭa und dem weiteren Schritt Vaiśya→Brahmane – vermutlich eine der puranatypischen Dopplungen/Varianten innerhalb der Kompilation.]
Pṛṣadhra aber, nachdem er die Kuh seines Lehrers getötet hatte, o beste der Zweifachgeborenen, verfiel durch einen Fluch in den Śūdra-Stand. Diese neun (Söhne des Manu) sind hiermit verkündet.
Wort für Wort
pṛṣadhraḥ hiṃsayitvā tu
Pṛṣadhra aber, nachdem er getötet hatte
guroḥ gām dvijasattamāḥ
die Kuh des Lehrers, o beste der Zweifachgeborenen
śāpāt śūdratvam āpannaḥ
verfiel durch einen Fluch in den Śūdra-Stand
nava ete parikīrtitāḥ
diese neun sind verkündet
Abschluss der Schilderung der Nachkommen der acht Nebenlinien der Manu-Söhne (außer Ikṣvāku); ab dem nächsten Vers wendet sich der Text der Hauptlinie Ikṣvākus zu.
vaivasvatasya tanayā muner vai munisattamāḥ / kṣuvatas tu manor viprā ikṣvākur abhavat sutaḥ // BrP_7.44 //
Dies waren die Söhne des weisen Vaivasvata, o beste der Weisen. Als Manu aber nieste, o Brahmanen, da entstand daraus der Sohn Ikṣvāku.
Wort für Wort
vaivasvatasya tanayāḥ
die Söhne des Vaivasvata
muneḥ vai munisattamāḥ
des Weisen, o beste der Weisen
kṣuvataḥ tu manoḥ viprāḥ
als aber Manu nieste, o Brahmanen
ikṣvākuḥ abhavat sutaḥ
entstand der Sohn Ikṣvāku
Volksetymologische Nebenüberlieferung: Ikṣvāku wird hier von "kṣu-" ("niesen") abgeleitet, nicht von der geläufigeren Ableitung von "īkṣ-" ("sehen/erblicken"). Ab hier wendet sich der Text der Hauptlinie der Sonnendynastie über Ikṣvāku zu.
tasya putraśataṃ tv āsīd ikṣvākor bhūridakṣiṇam / teṣāṃ vikukṣir jyeṣṭhas tu vikukṣitvād ayodhatām // BrP_7.45 //
Dieser, Ikṣvākus, hatte hundert Söhne, reich an Opfergaben; von ihnen war Vikukṣi der älteste, und kraft seines Erstgeburtsrechts als Vikukṣi (gelangte er zur Herrschaft über Ayodhyā).
Wort für Wort
tasya putraśatam tu āsīt
dieser aber hatte hundert Söhne
ikṣvākoḥ bhūridakṣiṇam
Ikṣvākus, reich an Opfergaben
teṣām vikukṣiḥ jyeṣṭhaḥ tu
von ihnen war Vikukṣi der älteste
vikukṣitvāt ayodhatām
kraft seines Vikukṣi-Seins (zur Herrschaft über Ayodhyā, [?])
[?] Die Wendung "vikukṣitvād ayodhatām" ist grammatisch unklar (möglicherweise verderbte Lesart, die auf "ayodhyām" anspielt); die Übersetzung folgt dem durch v.46 nahegelegten Sinn.
erlangte er, der höchste Kenner des Dharma, die Herrschaft, er, der Gebieter von Ayodhyā; seine Söhne, angeführt von Śakuni, waren als fünfhundert bekannt,
Wort für Wort
prāptaḥ paramadharmajñaḥ
erlangte (die Herrschaft), der höchste Kenner des Dharma
„Bring Fleisch für das Totenopfer, indem du Wildtiere tötest, du Starkarmiger!“ Und (er ging), zum Totenritus beauftragt, noch bevor das Totenritual vollzogen war,
auf die Jagd, und nachdem er dort, o Brahmanen, (aus Hunger) einen Hasen verzehrt hatte, (wurde er) ‚Śaśāda‘ (Hasenfresser genannt); er, der Gebieter, wurde von Ikṣvāku auf Vasiṣṭhas Wort hin verstoßen,
Wort für Wort
bhakṣayitvā śaśam viprāḥ
nachdem er einen Hasen verzehrt hatte, o Brahmanen
śaśādaḥ mṛgayām gataḥ
"Śaśāda", auf die Jagd gegangen
ikṣvākuṇā parityaktaḥ
von Ikṣvāku verstoßen
vasiṣṭhavacanāt prabhuḥ
auf Vasiṣṭhas Wort hin, der Gebieter
Ätiologie des Beinamens "Śaśāda" ("Hasenfresser", von śaśa "Hase" + ad "essen") für Vikukṣi.
ārdras tu yuvanāśvas tu śrāvastas tatsuto dvijāḥ / jajñe śrāvastako rājā śrāvastī yena nirmitā // BrP_7.53 //
Ārdras (Sohn) aber war Yuvanāśva, dessen Sohn war Śrāvasta, o Brahmanen; es wurde der König Śrāvastaka geboren, von dem die Stadt Śrāvastī erbaut wurde,
putrasaṃkrāmitaśrīs tu vanaṃ rājā viveśa ha / tam uttaṅko 'tha viprarṣiḥ prayāntaṃ pratyavārayat // BrP_7.59 //
und der König, nachdem er den Glanz (der Herrschaft) auf den Sohn übertragen hatte, ging in den Wald. Ihn aber, als er aufbrach, hielt der Brahmanen-Weise Uttaṅka auf.
Wort für Wort
putrasaṃkrāmitaśrīḥ tu
nachdem er den Glanz auf den Sohn übertragen hatte, aber
tvaṃ hi tasya vadhāyaikaḥ samarthaḥ pṛthivīpate / viṣṇunā ca varo datto mahyaṃ pūrvayuge nṛpa // BrP_7.68 //
Denn du allein bist fähig zu seiner Tötung, o Herrscher der Erde; und von Viṣṇu wurde mir in einem früheren Zeitalter ein Gnadengeschenk gewährt, o König:
vīryaṃ ca sumahat tasya devair api durāsadam / sa evam ukto rājarṣir uttaṅkena mahātmanā / kuvalāśvaṃ sutaṃ prādāt tasmai dhundhunibarhaṇe // BrP_7.71 //
und seine Kraft ist sehr gewaltig, selbst für die Götter unangreifbar.“ Er, der königliche Weise, so von dem hochgesinnten Uttaṅka angesprochen, übergab diesem seinen Sohn Kuvalāśva zur Vernichtung des Dhundhu.
Nachdem er, der königliche Weise, seinen Sohn zur Tötung des Dhundhu beauftragt hatte, zog der Herrscher, von geschärftem Gelübde, eben zum Berge fort.
Mit dem aus seinem Maul entstehenden Feuer, wie im Zorn die Welten aufwühlend, ergoss er mit heftiger Kraft Wasser, wie das große Weltmeer bei seinem Aufsteigen.
gewaltig, mit trefflichen Wogen bewegt, gleich dem Meer des Soma, o Tiger unter den Weisen. Von diesem Rākṣasa wurden die hundert Söhne (Kuvalāśvas), bis auf drei, verbrannt,
Wort für Wort
saumasya muniśārdūlāḥ
des Soma(-Meeres), o Tiger unter den Weisen
varormikalilaḥ mahān
gewaltig, mit trefflichen Wogen bewegt
tasya putraśatam dagdham
von diesem wurden die hundert Söhne verbrannt
tribhiḥ ūnam tu rakṣasā
bis auf drei, von dem Rākṣasa
[?] "saumasya" ("des Soma") bleibt unklar – möglicherweise ein Vergleich mit dem mythischen Milchmeer (Kṣīrasāgara), an dem Viṣṇu ruht; hier als Fortführung des Fluss-/Meeres-Gleichnisses aus v.80 gedeutet.
und nachdem er jenen riesenleibigen Wasser-Rākṣasa mit Kraft erschlagen hatte, zeigte sich der Herrscher der Menschen, die Tat vollbracht, dem Uttaṅka.
Wort für Wort
nihatya tam mahākāyam
nachdem er jenen riesenleibigen erschlagen hatte
balena udakarākṣasam
mit Kraft, den Wasser-Rākṣasa
uttaṅkam darśayām āsa
zeigte sich dem Uttaṅka
kṛtakarmā narādhipaḥ
die Tat vollbracht habend, der Herrscher der Menschen
dharme ratiṃ ca satataṃ svarge vāsaṃ tathākṣayam / putrāṇāṃ cākṣayāṃl lokān svarge ye rakṣasā hatāḥ // BrP_7.86 //
beständige Freude an der Rechtschaffenheit, ebenso einen unerschöpflichen Aufenthalt im Himmel, und für die Söhne, die vom Rākṣasa getötet worden waren, unerschöpfliche Welten im Himmel.
Wort für Wort
dharme ratim ca satatam
und beständige Freude an der Rechtschaffenheit
svarge vāsam tathā akṣayam
ebenso einen unerschöpflichen Aufenthalt im Himmel
der von böser Gesinnung ein Hindernis für die Ehe-Sprüche (der Trauungszeremonie) schuf, indem er die bereits verheiratete Gattin eines anderen raubte,
bālyāt kāmāc ca mohāc ca sāhasāc cāpalena ca / jahāra kanyāṃ kāmārtaḥ kasyacit puravāsinaḥ // BrP_7.99 //
aus Kindischkeit, aus Begierde, aus Verblendung, aus Vermessenheit und aus Unbeständigkeit; von Begierde gequält, raubte er die Braut eines gewissen Stadtbewohners.
Wort für Wort
bālyāt kāmāt ca mohāt ca
aus Kindischkeit, aus Begierde und aus Verblendung
so 'bravīt pitaraṃ tyaktaḥ kva gacchāmīti vai muhuḥ / pitā ca tam athovāca śvapākaiḥ saha vartaya // BrP_7.101 //
Er, verstoßen, fragte den Vater wiederholt: „Wohin soll ich gehen?“ Der Vater aber sprach zu ihm darauf: „Lebe zusammen mit den Hundekochern (Caṇḍālas)!“
Wort für Wort
saḥ abravīt pitaram tyaktaḥ
er, verstoßen, sprach zum Vater
kva gacchāmi iti vai muhuḥ
"wohin soll ich gehen", wiederholt
pitā ca tam atha uvāca
der Vater aber sprach darauf zu ihm
śvapākaiḥ saha vartaya
"lebe zusammen mit den Hundekochern"
"Śvapāka" ("Hundekocher") bezeichnet die Caṇḍālas, eine der niedrigsten sozialen Gruppen der altindischen Gesellschaft.
samā dvādaśa bho viprāḥ tenādharmeṇa vai tadā / dārāṃs tu tasya viṣaye viśvāmitro mahātapāḥ // BrP_7.105 //
zwölf Jahre lang, o Brahmanen, wegen jenes Unrechts, damals; die Gattin aber jenes (Viśvāmitra), in dessen Gebiet der von großer Askese Erfüllte, Viśvāmitra,
Wort für Wort
samāḥ dvādaśa bho viprāḥ
zwölf Jahre lang, o Brahmanen
tena adharmeṇa vai tadā
wegen jenes Unrechts, damals
dārān tu tasya viṣaye
die Gattin aber jenes, in dessen Gebiet
viśvāmitraḥ mahātapāḥ
Viśvāmitra, der von großer Askese Erfüllte
Beginn der berühmten Gālava-Episode: Während der zwölfjährigen Dürre, verursacht durch Satyavratas Untat, gerät Viśvāmitras zurückgelassene Familie in Not.
saṃnyasya sāgarānte tu cakāra vipulaṃ tapaḥ / tasya patnī gale baddhvā madhyamaṃ putram aurasam // BrP_7.106 //
nachdem er sie zurückgelassen hatte, übte am Rande des Meeres große Askese; dessen Gattin aber, nachdem sie ihrem mittleren, leiblichen Sohn (einen Strick) um den Hals gebunden hatte,
Wort für Wort
saṃnyasya sāgarānte tu
nachdem er (sie) zurückgelassen hatte, am Rande des Meeres
cakāra vipulam tapaḥ
übte er große Askese
tasya patnī gale baddhvā
dessen Gattin, nachdem sie um den Hals gebunden hatte
śeṣasya bharaṇārthāya vyakrīṇād gośatena vai / taṃ ca baddhaṃ gale dṛṣṭvā vikrayārthaṃ nṛpātmajaḥ // BrP_7.107 //
verkaufte ihn für hundert Kühe, um den Unterhalt der übrigen (Kinder) zu bestreiten; und als der Königssohn (Satyavrata) ihn, am Hals gebunden, zum Verkauf (bestimmt) sah,
viśvāmitrasya tuṣṭyartham anukampārtham eva ca / so 'bhavad gālavo nāma gale bandhān mahātapāḥ / maharṣiḥ kauśiko dhīmāṃs tena vīreṇa mokṣitaḥ // BrP_7.109 //
um Viśvāmitras Zufriedenheit und aus Mitleid; und jener (Sohn), der große Asket, wurde wegen der Fessel am Hals unter dem Namen ‚Gālava‘ bekannt. Der hochweise große Weise Kauśika (Viśvāmitra) wurde durch jenen Helden (von seiner Sorge um die Familie) befreit.
Wort für Wort
viśvāmitrasya tuṣṭyartham
um Viśvāmitras Zufriedenheit
anukampārtham eva ca
und eben aus Mitleid
saḥ abhavat gālavaḥ nāma
er wurde unter dem Namen "Gālava" bekannt
gale bandhāt mahātapāḥ
wegen der Fessel am Hals, der große Asket
maharṣiḥ kauśikaḥ dhīmān
der hochweise große Weise Kauśika
tena vīreṇa mokṣitaḥ
wurde durch jenen Helden befreit
Ätiologie des Namens Gālava ("der am Halse Gebundene", vom Strick gale, "am Hals"), des später berühmten Schülers Viśvāmitras. Dreipadiger Schlussvers des Kapitels; das folgende Kapitel (8) wird mit derselben Erzählung (Satyavratas Dienst an Viśvāmitras Familie) fortgesetzt.