Kapitel 53: puruṣottamabālarūpadarśanavarṇanam
Mārkaṇḍeyas Begegnung mit dem göttlichen Knaben Puruṣottama auf dem Banyanblatt inmitten des Ur-Ozeans
Fortsetzung von Kap.52: Gewaltige Wolken aller Farben steigen auf und ergießen zwölf Jahre lang Regen, bis die gesamte Schöpfung im Ur-Ozean (Ekārṇava) versinkt und Viṣṇu schlafend darin ruht. Mārkaṇḍeya, hilflos umhertreibend, wird von einem strahlenden göttlichen Knaben, der auf einem juwelenbesetzten Ruhelager im Banyanbaum liegt, angesprochen und 'Kind' genannt – worüber der greise Muni zunächst empört ist, dann aber, verwirrt durch dessen Māyā, den Gott nicht erkennt. Schließlich erschöpft und verzweifelt sucht er erneut Zuflucht und wird vom Knaben aufgefordert, in dessen Körper einzutreten – was er willenlos tut.
Alle Himmelsrichtungen wurden angefüllt, von Wasserfluten überströmt; dann [begannen] jene schrecklichen Wolken, oh beste der Munis, mit Wasser [die Erde zu überschwemmen] —
— der Ur[gott], dessen Wohnsitz der Lotus ist, verschluckt [ihn] und schläft, oh Brahmanen, in jenem schrecklichen Ur-Ozean (Ekārṇava), als das Unbewegliche und Bewegliche vergangen war,
naṣṭe devāsuranare yakṣarākṣasavarjite / tato muniḥ sa viśrānto dhyātvā ca puruṣottamam //
als Götter, Asuras und Menschen vergangen waren, frei von Yakṣas und Rākṣasas; dann [verweilte] jener erschöpfte Muni, nachdem er über Puruṣottama meditiert hatte —
na candrārkāgnipavanaṃ na devāsurapannagam / tasminn ekārṇave ghore tamobhūte nirāśraye //
Nicht Mond, Sonne, Feuer, Wind, nicht Götter, Asuras, Schlangenwesen — in jenem schrecklichen Ur-Ozean, der zur Finsternis geworden war, ohne jeden Halt.
Er versank da, oh Brahmanen, ohne einen Retter zu finden. Als Puruṣottama ihn so hilflos sah, sprach er da aus Mitleid, oh Tiger unter den Munis, erfreut durch [dessen] Meditation:
Wort für Wort
nimamajja
er versank
tadā
da
viprāḥ
oh Brahmanen
trātāram
einen Retter
na adhigacchati
er findet nicht
evam
so
tam vihvalam
ihn, den Hilflosen
dṛṣṭvā
gesehen habend
kṛpayā
aus Mitleid
puruṣottamaḥ
Puruṣottama
provāca
sprach
muniśārdūlāḥ
oh Tiger unter den Munis
tadā
da
dhyānena toṣitaḥ
durch [dessen] Meditation erfreut
[Anm.: Dieser Vers besteht ungewöhnlich aus drei Halbversen (sechs Pādas) statt der üblichen zwei; im Quelltext unverändert als ein Vers (53.18) belassen. Leitet die folgende direkte Rede Bhagavāns ein.]
'Kind, du bist erschöpft, du bist [wie] ein Knabe, [du bist] hier mein Anhänger [?], du mit dem guten Gelübde. Komm, komm rasch zu mir, Mārkaṇḍeya, in meine Nähe.'
Wort für Wort
vatsa
Kind
śrāntaḥ asi
du bist erschöpft
bālaḥ tvam
du bist [wie] ein Knabe
bhaktatra
[?] wohl 'bhakto 'tra' – Anhänger hier
mama
mein
suvrata
du mit dem guten Gelübde (Vok.)
āgaccha āgaccha śīghram
komm, komm rasch
tvam
du
mārkaṇḍeya
Mārkaṇḍeya
mama antikam
in meine Nähe
[Anm.: Sprecherwechsel — {śrībhagavān uvāca:}, Puruṣottama spricht direkt zu Mārkaṇḍeya.] [?: 'bhaktatra' unklare Wortform, vermutlich Kontraktion aus 'bhaktaḥ atra' ('Anhänger hier'); wörtlich übernommen und sinngemäß übersetzt.]
ko 'yaṃ nāmnā kīrtayati tapaḥ paribhavann iva / bahuvarṣasahasrākhyaṃ dharṣayann iva me vapuḥ //
'Wer ist dieser, der [mich] beim Namen ruft, gleichsam meine Askese verachtend, gleichsam meinen aus vielen tausend Jahren bestehenden Körper missachtend?'
Wort für Wort
kaḥ ayam
wer ist dieser
nāmnā kīrtayati
ruft beim Namen
tapaḥ paribhavan iva
gleichsam die Askese verachtend
bahuvarṣasahasrākhyam
der aus vielen tausend Jahren benannt/bestehend ist
kas tapo ghoraśiraso mamādya tyaktajīvitaḥ / mārkaṇḍeyeti coktvā man- mṛtyuṃ gantum ihecchati //
'Wer, das Leben aufgegeben habend, wünscht heute, „Mārkaṇḍeya“ sagend, in meinen Tod zu gehen — [er, der es wagt, mich], den an der Spitze schrecklicher Askese Stehenden, [so zu nennen]?' [?]
Wort für Wort
kaḥ
wer
tapaḥ ghoraśirasaḥ
[?] der an der Spitze schrecklicher Askese Stehende
mama
meines
adya
heute
tyaktajīvitaḥ
das Leben aufgegeben habend
mārkaṇḍeya iti uktvā
'Mārkaṇḍeya' gesagt habend
mat-mṛtyum
in meinen Tod
gantum
zu gehen
iha icchati
wünscht hier
[?: Vers schwer aufzulösen; 'tapo ghoraśirasaḥ' (etwa 'der an der Spitze schrecklicher Askese Stehende') lässt sich nicht sicher grammatisch einordnen. Sinngemäß: Mārkaṇḍeya empört sich, dass jemand es wagt, ihn beim Namen zu nennen, als würde er dessen Tod herausfordern.]
So gesprochen habend, oh Brahmanen, wurde der Muni da von Grübeln erfüllt: 'Ist dies ein Traum, den ich gesehen habe, oder ist dies eine Verblendung, die gekommen ist?'
Wort für Wort
evam uktvā
so gesprochen habend
tadā
da
viprāḥ
oh Brahmanen
cintāviṣṭaḥ abhavat
wurde von Grübeln erfüllt
muniḥ
der Muni
kim svapnaḥ ayam
ist dies ein Traum
mayā dṛṣṭaḥ
von mir gesehen
kiṃ vā
oder
mohaḥ ayam āgataḥ
ist dies eine Verblendung, die gekommen ist
[Anm.: Sprecherwechsel — {brahmovāca:}, Rückkehr zur Erzählerstimme.]
aus Diamant und Beryll gefertigt, mit Edelsteinen und Korallen geschmückt, mit Rubinen und anderen [Edelsteinen] versehen, mit weiteren Juwelen geziert.
Darauf [sah er] den Gott ruhend, dunkel [von Farbe], einen Knabenkörper tragend, gleich zehn Millionen Sonnen erscheinend, strahlend, von großem Glanz.
vierarmig, mit schönen Gliedern, mit Augen [ausgedehnt] wie Lotusblätter, das Śrīvatsa-Zeichen auf der Brust tragend, den Gott, Muschelhorn, Diskus und Keule haltend.
dessen Brust mit einem Waldblumenkranz bedeckt war, göttliche Ohrringe tragend, dessen Hals mit der Last einer Halskette versehen war, mit göttlichen Edelsteinen geschmückt.
Wort für Wort
vanamālāvṛtoraskam
dessen Brust mit einem Waldblumenkranz bedeckt war
divyakuṇḍaladhāriṇam
göttliche Ohrringe tragend
hārabhārārpitagrīvam
dessen Hals mit der Last einer Halskette versehen war
Als er da den Gott sah, [war] der Muni mit vor Staunen geweiteten Augen, mit vor Erregung gesträubten Härchen am Körper; er verneigte sich vor dem Gott und sprach dies.
'Ach, wie kann in diesem schrecklichen Ur-Ozean, als das Bewegliche und Unbewegliche vergangen war, dieser Knabe allein, ganz ohne Furcht, hier verweilen?'
bhūtaṃ bhavyaṃ bhaviṣyaṃ ca jānann api mahāmuniḥ / na bubodha tadā devaṃ māyayā tasya mohitaḥ / yadā na bubudhe cainaṃ tadā khedād uvāca ha //
Obwohl der große Muni Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges kannte, erkannte er den Gott da nicht, von dessen Māyā verblendet; als er ihn nicht erkannte, sprach er da vor Kummer:
Wort für Wort
bhūtam bhavyam bhaviṣyam ca
Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges
jānan api
obwohl kennend
mahāmuniḥ
der große Muni
na bubodha
erkannte nicht
tadā
da
devam
den Gott
māyayā tasya mohitaḥ
von dessen Māyā verblendet
yadā na bubudhe ca enam
als er ihn nicht erkannte
tadā khedāt uvāca ha
sprach er da vor Kummer
[Anm.: Sprecherwechsel — {brahmovāca:}. Vers besteht wie 53.18 ungewöhnlich aus drei Halbversen (sechs Pādas); unverändert belassen.]
vṛthā me tapaso vīryaṃ vṛthā jñānaṃ vṛthā kriyā / vṛthā me jīvitaṃ dīrghaṃ vṛthā mānuṣyam eva ca //
'Vergeblich ist die Kraft meiner Askese, vergeblich das Wissen, vergeblich das [rituelle] Handeln; vergeblich ist mein langes Leben, und vergeblich auch das Menschsein.'
tato bālārkasaṃkāśaṃ svamahimnā vyavasthitam / sarvatejomayaṃ viprā na śaśākābhivīkṣitum //
Dann konnte er, oh Brahmanen, den [Knaben], der wie die aufgehende [Morgen-]Sonne erschien, in eigener Herrlichkeit verweilend, ganz aus Glanz bestehend, nicht anblicken.
Als er jenen herannahenden Muni sah, sprach jener Knabe, gleichsam lächelnd, da, oh Tiger unter den Munis, mit einer Stimme wie das Getöse einer Wolkenmasse:
vatsa jānāmi śrāntaṃ tvāṃ trāṇārthaṃ mām upasthitam / śarīraṃ viśa me kṣipraṃ viśrāmas te mayoditaḥ //
'Kind, ich weiß, dass du erschöpft bist und zu mir gekommen bist, um Rettung [zu suchen]. Tritt rasch in meinen Körper ein; Ruhe ist dir von mir zugesprochen.'
Nachdem er dessen Wort gehört hatte, sprach er, verblendet, nichts; der Muni, [nun] willenlos, trat in dessen geöffneten Mund ein.
Wort für Wort
śrutvā
gehört habend
sa
er
vacanaṃ tasya
dessen Wort
kiṃcit na uvāca
er sprach nichts
mohitaḥ
verblendet
viveśa
er trat ein
vadanaṃ tasya
in dessen Mund
vivṛtam
geöffnet
ca avaśaḥ
und willenlos
muniḥ
der Muni
[Anm.: Sprecherwechsel — {brahmovāca:}. Schließt Kap.53; die Erzählung setzt sich in Kap.54 unmittelbar fort, wo Mārkaṇḍeya im Inneren des Knaben die gesamte Erde erblickt.]