Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 53: puruṣottamabālarūpadarśanavarṇanam Mārkaṇḍeyas Begegnung mit dem göttlichen Knaben Puruṣottama auf dem Banyanblatt inmitten des Ur-Ozeans

Fortsetzung von Kap.52: Gewaltige Wolken aller Farben steigen auf und ergießen zwölf Jahre lang Regen, bis die gesamte Schöpfung im Ur-Ozean (Ekārṇava) versinkt und Viṣṇu schlafend darin ruht. Mārkaṇḍeya, hilflos umhertreibend, wird von einem strahlenden göttlichen Knaben, der auf einem juwelenbesetzten Ruhelager im Banyanbaum liegt, angesprochen und 'Kind' genannt – worüber der greise Muni zunächst empört ist, dann aber, verwirrt durch dessen Māyā, den Gott nicht erkennt. Schließlich erschöpft und verzweifelt sucht er erneut Zuflucht und wird vom Knaben aufgefordert, in dessen Körper einzutreten – was er willenlos tut.

samuttasthur mahāmeghā nabhasy adbhutadarśanāḥ //

Dann erhoben sich am Himmel gewaltige Wolken von wundersamer Erscheinung.

Wort für Wort
samuttasthuḥ
sie erhoben sich
mahāmeghāḥ
gewaltige Wolken
nabhasi
am Himmel
adbhutadarśanāḥ
von wundersamer Erscheinung

[Anm.: Fortsetzung von Brahmās Erzählrahmen. Beginn der berühmten Schilderung der Pralaya-Wolken und der Sintflut.]

kecin nīlotpalaśyāmāḥ kecit kumudasaṃnibhāḥ / kecit kiñjalkasaṃkāśāḥ kecit pītāḥ payodharāḥ //

Manche [Wolken waren] dunkel wie blaue Lotusblüten, manche gleich weißen Nachtlotusblüten, manche gleich [gelben] Blütenstaubfäden, manche gelb.

Wort für Wort
kecit
manche
nīlotpalaśyāmāḥ
dunkel wie blaue Lotusblüten
kecit
manche
kumudasaṃnibhāḥ
gleich [weißen] Kumuda-Lotusblüten
kecit
manche
kiñjalkasaṃkāśāḥ
gleich Blütenstaubfäden
kecit
manche
pītāḥ
gelb
payodharāḥ
Wolken

kecid dharitasaṃkāśāḥ kākāṇḍasaṃnibhās tathā / kecit kamalapattrābhāḥ kecid dhiṅgulasaṃnibhāḥ //

Manche grün wie Gras erscheinend, ebenso manche gleich Krähen-Eiern, manche wie Lotusblätter schimmernd, manche gleich Zinnober.

Wort für Wort
kecit
manche
haritasaṃkāśāḥ
grün erscheinend
kākāṇḍasaṃnibhāḥ
gleich Krähen-Eiern
tathā
ebenso
kecit
manche
kamalapattrābhāḥ
wie Lotusblätter schimmernd
kecit
manche
hiṅgulasaṃnibhāḥ
gleich Zinnober

kecit puravarākārāḥ kecid girivaropamāḥ / kecid añjanasaṃkāśāḥ kecin marakataprabhāḥ //

Manche in Gestalt prächtiger Städte, manche gleich herrlichen Bergen, manche gleich [schwarzer] Augensalbe, manche im Glanz von Smaragden.

Wort für Wort
kecit
manche
puravarākārāḥ
in Gestalt prächtiger Städte
kecit
manche
girivaropamāḥ
gleich herrlichen Bergen
kecit
manche
añjanasaṃkāśāḥ
gleich [schwarzer] Augensalbe
kecit
manche
marakataprabhāḥ
im Glanz von Smaragden

vidyunmālāpinaddhāṅgāḥ samuttasthur mahāghanāḥ / ghorarūpā mahābhāgā ghorasvananināditāḥ //

Mit Blitzkränzen umschlungenen Leibern erhoben sich die großen Wolken, von schrecklicher Gestalt, gewaltig, von schrecklichem Getöse widerhallend.

Wort für Wort
vidyunmālāpinaddhāṅgāḥ
mit Blitzkränzen umschlungenen Leibern
samuttasthuḥ
sie erhoben sich
mahāghanāḥ
die großen Wolken
ghorarūpāḥ
von schrecklicher Gestalt
mahābhāgāḥ
gewaltig, mächtig
ghorasvananināditāḥ
von schrecklichem Getöse widerhallend

tato jaladharāḥ sarve samāvṛṇvan nabhastalam / tair iyaṃ pṛthivī sarvā saparvatavanākarā //

Dann bedeckten alle Wolken die Fläche des Himmels; durch sie [wurde] diese ganze Erde samt Bergen, Wäldern und Minen [verhüllt].

Wort für Wort
tataḥ
dann
jaladharāḥ sarve
alle Wolken
samāvṛṇvan
sie bedeckten
nabhastalam
die Himmelsfläche
taiḥ
durch sie
iyam pṛthivī sarvā
diese ganze Erde
saparvatavanākarā
samt Bergen, Wäldern und Minen

āpūritā diśaḥ sarvāḥ salilaughapariplutāḥ / tatas te jaladā ghorā vāriṇā munisattamāḥ //

Alle Himmelsrichtungen wurden angefüllt, von Wasserfluten überströmt; dann [begannen] jene schrecklichen Wolken, oh beste der Munis, mit Wasser [die Erde zu überschwemmen] —

Wort für Wort
āpūritāḥ
angefüllt
diśaḥ sarvāḥ
alle Himmelsrichtungen
salilaughapariplutāḥ
von Wasserfluten überströmt
tataḥ
dann
te jaladāḥ ghorāḥ
jene schrecklichen Wolken
vāriṇā
mit Wasser
munisattamāḥ
oh beste der Munis

sarvataḥ plāvayām āsuś coditāḥ parameṣṭhinā / varṣamāṇā mahātoyaṃ pūrayanto vasuṃdharām //

— überschwemmten sie [die Erde] von allen Seiten, angetrieben vom Höchsten (Brahmā), gewaltige Wassermengen regnend, die Erde füllend.

Wort für Wort
sarvataḥ
von allen Seiten
plāvayām āsuḥ
sie überschwemmten
coditāḥ
angetrieben
parameṣṭhinā
vom Höchsten (Brahmā)
varṣamāṇāḥ
regnend
mahātoyam
gewaltige Wassermenge
pūrayantaḥ
füllend
vasuṃdharām
die Erde

sughoram aśivaṃ raudraṃ nāśayanti sma pāvakam / tato dvādaśa varṣāṇi payodāḥ samupaplave //

Sie vernichteten das überaus schreckliche, unheilvolle, wilde Feuer; dann [regneten] zwölf Jahre lang die Wolken während der [großen] Überflutung —

Wort für Wort
sughoram
überaus schrecklich
aśivam
unheilvoll
raudram
wild, grimmig
nāśayanti sma
sie vernichteten
pāvakam
das Feuer
tataḥ
dann
dvādaśa varṣāṇi
zwölf Jahre lang
payodāḥ
die Wolken
samupaplave
während der [großen] Überflutung

dhārābhiḥ pūrayanto vai codyamānā mahātmanā / tataḥ samudrāḥ svāṃ velām atikrāmanti bho dvijāḥ //

— mit Regengüssen füllend, fürwahr, angetrieben vom Hochherzigen; dann, oh Brahmanen, überschreiten die Ozeane ihre eigene Küstengrenze.

Wort für Wort
dhārābhiḥ
mit Regengüssen
pūrayantaḥ
füllend
vai
fürwahr
codyamānāḥ
angetrieben
mahātmanā
vom Hochherzigen (Brahmā)
tataḥ
dann
samudrāḥ
die Ozeane
svāṃ velām
ihre eigene Ufergrenze
atikrāmanti
überschreiten
bho dvijāḥ
oh Brahmanen

parvatāś ca vyaśīryanta mahī cāpsu nimajjati / sarvataḥ sumahābhrāntās te payodā nabhastalam //

Und die Berge zerbröckelten, und die Erde versank in den Wassern; von allen Seiten gewaltig umherziehend, [durchzogen] jene Wolken die Himmelsfläche.

Wort für Wort
parvatāḥ ca vyaśīryanta
und die Berge zerbröckelten
mahī ca apsu nimajjati
und die Erde versank in den Wassern
sarvataḥ
von allen Seiten
sumahābhrāntāḥ
gewaltig umherziehend
te payodāḥ
jene Wolken
nabhastalam
die Himmelsfläche

saṃveṣṭayitvā naśyanti vāyuvegasamāhatāḥ / tatas taṃ mārutaṃ ghoraṃ sa viṣṇur munisattamāḥ //

einhüllend, vergehen sie, vom Ansturm des Windes getroffen; dann, oh beste der Munis, [verschlang] jener Viṣṇu jenen schrecklichen Wind —

Wort für Wort
saṃveṣṭayitvā
eingehüllt habend
naśyanti
sie vergehen
vāyuvegasamāhatāḥ
vom Ansturm des Windes getroffen
tataḥ
dann
tam mārutaṃ ghoram
jenen schrecklichen Wind
sa viṣṇuḥ
jener Viṣṇu
munisattamāḥ
oh beste der Munis

ādipadmālayo devaḥ pītvā svapiti bho dvijāḥ / tasminn ekārṇave ghore naṣṭe sthāvarajaṅgame //

— der Ur[gott], dessen Wohnsitz der Lotus ist, verschluckt [ihn] und schläft, oh Brahmanen, in jenem schrecklichen Ur-Ozean (Ekārṇava), als das Unbewegliche und Bewegliche vergangen war,

Wort für Wort
ādipadmālayaḥ
der ursprüngliche, dessen Wohnsitz der Lotus ist
devaḥ
der Gott
pītvā
verschluckt habend
svapiti
schläft
bho dvijāḥ
oh Brahmanen
tasmin ekārṇave ghore
in jenem schrecklichen Ur-Ozean
naṣṭe sthāvarajaṅgame
als das Unbewegliche und Bewegliche vergangen war

naṣṭe devāsuranare yakṣarākṣasavarjite / tato muniḥ sa viśrānto dhyātvā ca puruṣottamam //

als Götter, Asuras und Menschen vergangen waren, frei von Yakṣas und Rākṣasas; dann [verweilte] jener erschöpfte Muni, nachdem er über Puruṣottama meditiert hatte —

Wort für Wort
naṣṭe devāsuranare
als Götter, Asuras und Menschen vergangen waren
yakṣarākṣasavarjite
frei von Yakṣas und Rākṣasas
tataḥ
dann
muniḥ saḥ
jener Muni
viśrāntaḥ
erschöpft
dhyātvā
meditiert habend
ca
und
puruṣottamam
über Puruṣottama

dadarśa cakṣur unmīlya jalapūrṇāṃ vasuṃdharām / nāpaśyat taṃ vaṭaṃ norvīṃ na digādi na bhāskaram //

— sah er, die Augen öffnend, die wasserangefüllte Erde; er sah weder jenen Banyanbaum, noch die Erde, noch die Himmelsrichtungen usw., noch die Sonne.

Wort für Wort
dadarśa
er sah
cakṣuḥ unmīlya
die Augen geöffnet habend
jalapūrṇāṃ vasuṃdharām
die wasserangefüllte Erde
na apaśyat
er sah nicht
tam vaṭam
jenen Banyanbaum
na urvīm
noch die Erde
na digādi
noch die Himmelsrichtungen usw.
na bhāskaram
noch die Sonne

na candrārkāgnipavanaṃ na devāsurapannagam / tasminn ekārṇave ghore tamobhūte nirāśraye //

Nicht Mond, Sonne, Feuer, Wind, nicht Götter, Asuras, Schlangenwesen — in jenem schrecklichen Ur-Ozean, der zur Finsternis geworden war, ohne jeden Halt.

Wort für Wort
na candrārkāgnipavanam
nicht Mond, Sonne, Feuer, Wind
na devāsurapannagam
nicht Götter, Asuras, Schlangenwesen
tasmin ekārṇave ghore
in jenem schrecklichen Ur-Ozean
tamobhūte
der zur Finsternis geworden war
nirāśraye
ohne jeden Halt

nimajjan sa tadā viprāḥ saṃtartum upacakrame / babhrāmāsau muniś cārta itaś cetaś ca saṃplavan //

Versinkend begann er da, oh Brahmanen, zu schwimmen; jener geplagte Muni trieb umher, hierhin und dorthin schwimmend.

Wort für Wort
nimajjan
versinkend
sa tadā
er da
viprāḥ
oh Brahmanen
saṃtartum upacakrame
er begann zu schwimmen
babhrāma
er trieb umher
asau muniḥ
jener Muni
ārtaḥ
geplagt
itaś ca itaś ca
hierhin und dorthin
saṃplavan
schwimmend

nimamajja tadā viprās trātāraṃ nādhigacchati / evaṃ taṃ vihvalaṃ dṛṣṭvā kṛpayā puruṣottamaḥ / provāca muniśārdūlās tadā dhyānena toṣitaḥ //

Er versank da, oh Brahmanen, ohne einen Retter zu finden. Als Puruṣottama ihn so hilflos sah, sprach er da aus Mitleid, oh Tiger unter den Munis, erfreut durch [dessen] Meditation:

Wort für Wort
nimamajja
er versank
tadā
da
viprāḥ
oh Brahmanen
trātāram
einen Retter
na adhigacchati
er findet nicht
evam
so
tam vihvalam
ihn, den Hilflosen
dṛṣṭvā
gesehen habend
kṛpayā
aus Mitleid
puruṣottamaḥ
Puruṣottama
provāca
sprach
muniśārdūlāḥ
oh Tiger unter den Munis
tadā
da
dhyānena toṣitaḥ
durch [dessen] Meditation erfreut

[Anm.: Dieser Vers besteht ungewöhnlich aus drei Halbversen (sechs Pādas) statt der üblichen zwei; im Quelltext unverändert als ein Vers (53.18) belassen. Leitet die folgende direkte Rede Bhagavāns ein.]

vatsa śrānto 'si bālas tvaṃ bhaktatra mama suvrata / āgacchāgaccha śīghraṃ tvaṃ mārkaṇḍeya mamāntikam //

'Kind, du bist erschöpft, du bist [wie] ein Knabe, [du bist] hier mein Anhänger [?], du mit dem guten Gelübde. Komm, komm rasch zu mir, Mārkaṇḍeya, in meine Nähe.'

Wort für Wort
vatsa
Kind
śrāntaḥ asi
du bist erschöpft
bālaḥ tvam
du bist [wie] ein Knabe
bhaktatra
[?] wohl 'bhakto 'tra' – Anhänger hier
mama
mein
suvrata
du mit dem guten Gelübde (Vok.)
āgaccha āgaccha śīghram
komm, komm rasch
tvam
du
mārkaṇḍeya
Mārkaṇḍeya
mama antikam
in meine Nähe

[Anm.: Sprecherwechsel — {śrībhagavān uvāca:}, Puruṣottama spricht direkt zu Mārkaṇḍeya.] [?: 'bhaktatra' unklare Wortform, vermutlich Kontraktion aus 'bhaktaḥ atra' ('Anhänger hier'); wörtlich übernommen und sinngemäß übersetzt.]

mā tvayaiva ca bhetavyaṃ saṃprāpto 'si mamāgrataḥ / mārkaṇḍeya mune dhīra bālas tvaṃ śramapīḍitaḥ //

'Du sollst dich keineswegs fürchten; du bist vor mich gelangt. Mārkaṇḍeya, standhafter Muni, [wie] ein Knabe bist du, von Erschöpfung geplagt.'

Wort für Wort
mā bhetavyam
du sollst dich nicht fürchten
tvayā eva ca
gerade auch von dir (verstärkend: keineswegs)
saṃprāptaḥ asi
du bist gelangt
mama agrataḥ
vor mich (mein Angesicht)
mārkaṇḍeya
Mārkaṇḍeya
mune dhīra
standhafter Muni
bālaḥ tvam
[wie] ein Knabe bist du
śramapīḍitaḥ
von Erschöpfung geplagt

tasya tad vacanaṃ śrutvā muniḥ paramakopitaḥ / uvāca sa tadā viprā vismitaś cābhavan muhuḥ //

Nachdem er jenes Wort von ihm gehört hatte, wurde der Muni höchst erzürnt; er sprach da, oh Brahmanen, und war zugleich wiederholt erstaunt.

Wort für Wort
tasya tad vacanam
jenes Wort von ihm
śrutvā
gehört habend
muniḥ
der Muni
paramakopitaḥ
höchst erzürnt
uvāca
er sprach
sa tadā
er da
viprāḥ
oh Brahmanen
vismitaḥ ca abhavat
und war erstaunt
muhuḥ
wiederholt

[Anm.: Sprecherwechsel — {brahmovāca:}, Rückkehr zur Erzählerstimme Brahmās.]

ko 'yaṃ nāmnā kīrtayati tapaḥ paribhavann iva / bahuvarṣasahasrākhyaṃ dharṣayann iva me vapuḥ //

'Wer ist dieser, der [mich] beim Namen ruft, gleichsam meine Askese verachtend, gleichsam meinen aus vielen tausend Jahren bestehenden Körper missachtend?'

Wort für Wort
kaḥ ayam
wer ist dieser
nāmnā kīrtayati
ruft beim Namen
tapaḥ paribhavan iva
gleichsam die Askese verachtend
bahuvarṣasahasrākhyam
der aus vielen tausend Jahren benannt/bestehend ist
dharṣayan iva
gleichsam missachtend
me vapuḥ
meinen Körper

[Anm.: Sprecherwechsel — {mārkaṇḍeya uvāca:}, Mārkaṇḍeyas erzürnter Ausbruch.]

na hy eṣa samudācāro deveṣv api samāhitaḥ / māṃ brahmā sa ca deveśo dīrghāyur iti bhāṣate //

'Denn diese Anrede ist nicht einmal bei den Göttern üblich; mich nennt sogar Brahmā, jener Herr der Götter, den Langlebigen.'

Wort für Wort
na hi eṣa samudācāraḥ
denn dies ist keine [übliche] Anrede/Umgangsweise
deveṣu api
selbst bei den Göttern
samāhitaḥ
gebräuchlich
mām
mich
brahmā
Brahmā
sa ca deveśaḥ
und jener Herr der Götter
dīrghāyuḥ iti bhāṣate
nennt 'den Langlebigen'

kas tapo ghoraśiraso mamādya tyaktajīvitaḥ / mārkaṇḍeyeti coktvā man- mṛtyuṃ gantum ihecchati //

'Wer, das Leben aufgegeben habend, wünscht heute, „Mārkaṇḍeya“ sagend, in meinen Tod zu gehen — [er, der es wagt, mich], den an der Spitze schrecklicher Askese Stehenden, [so zu nennen]?' [?]

Wort für Wort
kaḥ
wer
tapaḥ ghoraśirasaḥ
[?] der an der Spitze schrecklicher Askese Stehende
mama
meines
adya
heute
tyaktajīvitaḥ
das Leben aufgegeben habend
mārkaṇḍeya iti uktvā
'Mārkaṇḍeya' gesagt habend
mat-mṛtyum
in meinen Tod
gantum
zu gehen
iha icchati
wünscht hier

[?: Vers schwer aufzulösen; 'tapo ghoraśirasaḥ' (etwa 'der an der Spitze schrecklicher Askese Stehende') lässt sich nicht sicher grammatisch einordnen. Sinngemäß: Mārkaṇḍeya empört sich, dass jemand es wagt, ihn beim Namen zu nennen, als würde er dessen Tod herausfordern.]

evam uktvā tadā viprāś cintāviṣṭo 'bhavan muniḥ / kiṃ svapno 'yaṃ mayā dṛṣṭaḥ kiṃ vā moho 'yam āgataḥ //

So gesprochen habend, oh Brahmanen, wurde der Muni da von Grübeln erfüllt: 'Ist dies ein Traum, den ich gesehen habe, oder ist dies eine Verblendung, die gekommen ist?'

Wort für Wort
evam uktvā
so gesprochen habend
tadā
da
viprāḥ
oh Brahmanen
cintāviṣṭaḥ abhavat
wurde von Grübeln erfüllt
muniḥ
der Muni
kim svapnaḥ ayam
ist dies ein Traum
mayā dṛṣṭaḥ
von mir gesehen
kiṃ vā
oder
mohaḥ ayam āgataḥ
ist dies eine Verblendung, die gekommen ist

[Anm.: Sprecherwechsel — {brahmovāca:}, Rückkehr zur Erzählerstimme.]

itthaṃ cintayatas tasya utpannā duḥkhahā matiḥ / vrajāmi śaraṇaṃ devaṃ bhaktyāhaṃ puruṣottamam //

Während er so nachdachte, entstand in ihm ein leidvertreibender Gedanke: 'Ich will voller Hingabe zum Gott Puruṣottama Zuflucht gehen.'

Wort für Wort
ittham cintayataḥ tasya
während er so nachdachte
utpannā
entstand
duḥkhahā matiḥ
ein leidvertreibender Gedanke
vrajāmi śaraṇam
ich will Zuflucht gehen
devam
zum Gott
bhaktyā
mit Hingabe
aham
ich
puruṣottamam
zu Puruṣottama

sa gatvā śaraṇaṃ devaṃ munis tadgatamānasaḥ / dadarśa taṃ vaṭaṃ bhūyo viśālaṃ salilopari //

Er, zum Gott Zuflucht genommen habend, der Muni, dessen Geist darauf gerichtet war, sah jenen weiten Banyanbaum wiederum über dem Wasser.

Wort für Wort
sa gatvā śaraṇam
er, Zuflucht genommen habend
devam
zum Gott
muniḥ
der Muni
tadgatamānasaḥ
dessen Geist darauf gerichtet war
dadarśa
er sah
tam vaṭam
jenen Banyanbaum
bhūyaḥ
wiederum
viśālam
weit, ausgedehnt
salilopari
über dem Wasser

śākhāyāṃ tasya sauvarṇaṃ vistīrṇāyāṃ mahādbhutam / ruciraṃ divyaparyaṅkaṃ racitaṃ viśvakarmaṇā //

An seinem [des Baumes] weit ausgedehnten Ast [sah er] ein goldenes, überaus wunderbares, herrliches göttliches Ruhelager, von Viśvakarman gefertigt.

Wort für Wort
śākhāyām tasya
an seinem Ast
sauvarṇam
golden
vistīrṇāyām
weit ausgedehnt
mahādbhutam
überaus wunderbar
ruciram
herrlich
divyaparyaṅkam
göttliches Ruhelager
racitam
gefertigt
viśvakarmaṇā
von Viśvakarman

vajravaidūryaracitaṃ maṇividrumaśobhitam / padmarāgādibhir juṣṭaṃ ratnair anyair alaṃkṛtam //

aus Diamant und Beryll gefertigt, mit Edelsteinen und Korallen geschmückt, mit Rubinen und anderen [Edelsteinen] versehen, mit weiteren Juwelen geziert.

Wort für Wort
vajravaidūryaracitam
aus Diamant und Beryll gefertigt
maṇividrumaśobhitam
mit Edelsteinen und Korallen geschmückt
padmarāgādibhiḥ juṣṭam
mit Rubinen und anderen [Edelsteinen] versehen
ratnaiḥ anyaiḥ alaṃkṛtam
mit weiteren Juwelen geziert

nānāstaraṇasaṃvītaṃ nānāratnopaśobhitam / nānāścaryasamāyuktaṃ prabhāmaṇḍalamaṇḍitam //

mit vielerlei Decken umhüllt, mit vielerlei Edelsteinen geschmückt, mit vielerlei Wundern versehen, mit einem Strahlenkranz geziert.

Wort für Wort
nānāstaraṇasaṃvītam
mit vielerlei Decken umhüllt
nānāratnopaśobhitam
mit vielerlei Edelsteinen geschmückt
nānāścaryasamāyuktam
mit vielerlei Wundern versehen
prabhāmaṇḍalamaṇḍitam
mit einem Strahlenkranz geziert

tasyopari sthitaṃ devaṃ kṛṣṇaṃ bālavapurdharam / sūryakoṭipratīkāśaṃ dīpyamānaṃ suvarcasam //

Darauf [sah er] den Gott ruhend, dunkel [von Farbe], einen Knabenkörper tragend, gleich zehn Millionen Sonnen erscheinend, strahlend, von großem Glanz.

Wort für Wort
tasya upari sthitam
darauf befindlich
devam
den Gott
kṛṣṇam
dunkel [von Farbe]
bālavapurdharam
einen Knabenkörper tragend
sūryakoṭipratīkāśam
gleich zehn Millionen Sonnen erscheinend
dīpyamānam
strahlend
suvarcasam
von großem Glanz

caturbhujaṃ sundarāṅgaṃ padmapattrāyatekṣaṇam / śrīvatsavakṣasaṃ devaṃ śaṅkhacakragadādharam //

vierarmig, mit schönen Gliedern, mit Augen [ausgedehnt] wie Lotusblätter, das Śrīvatsa-Zeichen auf der Brust tragend, den Gott, Muschelhorn, Diskus und Keule haltend.

Wort für Wort
caturbhujam
vierarmig
sundarāṅgam
mit schönen Gliedern
padmapattrāyatekṣaṇam
mit Augen [lang] wie Lotusblätter
śrīvatsavakṣasam
mit dem Śrīvatsa-Zeichen auf der Brust
devam
den Gott
śaṅkhacakragadādharam
Muschelhorn, Diskus und Keule haltend

vanamālāvṛtoraskaṃ divyakuṇḍaladhāriṇam / hārabhārārpitagrīvaṃ divyaratnavibhūṣitam //

dessen Brust mit einem Waldblumenkranz bedeckt war, göttliche Ohrringe tragend, dessen Hals mit der Last einer Halskette versehen war, mit göttlichen Edelsteinen geschmückt.

Wort für Wort
vanamālāvṛtoraskam
dessen Brust mit einem Waldblumenkranz bedeckt war
divyakuṇḍaladhāriṇam
göttliche Ohrringe tragend
hārabhārārpitagrīvam
dessen Hals mit der Last einer Halskette versehen war
divyaratnavibhūṣitam
mit göttlichen Edelsteinen geschmückt

dṛṣṭvā tadā munir devaṃ vismayotphullalocanaḥ / romāñcitatanur devaṃ praṇipatyedam abravīt //

Als er da den Gott sah, [war] der Muni mit vor Staunen geweiteten Augen, mit vor Erregung gesträubten Härchen am Körper; er verneigte sich vor dem Gott und sprach dies.

Wort für Wort
dṛṣṭvā
gesehen habend
tadā
da
muniḥ
der Muni
devam
den Gott
vismayotphullalocanaḥ
mit vor Staunen geweiteten Augen
romāñcitatanuḥ
mit vor Erregung gesträubten Härchen am Körper
devam
vor dem Gott
praṇipatya
sich verneigt habend
idam abravīt
sprach dies

aho caikārṇave ghore vinaṣṭe sacarācare / katham eko hy ayaṃ bālas tiṣṭhaty atra sunirbhayaḥ //

'Ach, wie kann in diesem schrecklichen Ur-Ozean, als das Bewegliche und Unbewegliche vergangen war, dieser Knabe allein, ganz ohne Furcht, hier verweilen?'

Wort für Wort
aho
ach!
ca ekārṇave ghore
und in dem schrecklichen Ur-Ozean
vinaṣṭe sacarācare
als das Bewegliche und Unbewegliche vergangen war
katham
wie
ekaḥ hi ayaṃ bālaḥ
dieser Knabe allein
tiṣṭhati atra
verweilt hier
sunirbhayaḥ
ganz ohne Furcht

[Anm.: Sprecherwechsel — {mārkaṇḍeya uvāca:}.]

bhūtaṃ bhavyaṃ bhaviṣyaṃ ca jānann api mahāmuniḥ / na bubodha tadā devaṃ māyayā tasya mohitaḥ / yadā na bubudhe cainaṃ tadā khedād uvāca ha //

Obwohl der große Muni Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges kannte, erkannte er den Gott da nicht, von dessen Māyā verblendet; als er ihn nicht erkannte, sprach er da vor Kummer:

Wort für Wort
bhūtam bhavyam bhaviṣyam ca
Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges
jānan api
obwohl kennend
mahāmuniḥ
der große Muni
na bubodha
erkannte nicht
tadā
da
devam
den Gott
māyayā tasya mohitaḥ
von dessen Māyā verblendet
yadā na bubudhe ca enam
als er ihn nicht erkannte
tadā khedāt uvāca ha
sprach er da vor Kummer

[Anm.: Sprecherwechsel — {brahmovāca:}. Vers besteht wie 53.18 ungewöhnlich aus drei Halbversen (sechs Pādas); unverändert belassen.]

vṛthā me tapaso vīryaṃ vṛthā jñānaṃ vṛthā kriyā / vṛthā me jīvitaṃ dīrghaṃ vṛthā mānuṣyam eva ca //

'Vergeblich ist die Kraft meiner Askese, vergeblich das Wissen, vergeblich das [rituelle] Handeln; vergeblich ist mein langes Leben, und vergeblich auch das Menschsein.'

Wort für Wort
vṛthā
vergeblich
me tapasaḥ vīryam
die Kraft meiner Askese
vṛthā jñānam
vergeblich das Wissen
vṛthā kriyā
vergeblich das [rituelle] Handeln
vṛthā me jīvitaṃ dīrgham
vergeblich mein langes Leben
vṛthā mānuṣyam eva ca
und vergeblich auch das Menschsein

[Anm.: Sprecherwechsel — {mārkaṇḍeya uvāca:}.]

yo 'haṃ suptaṃ na jānāmi paryaṅke divyabālakam //*

'[Ich], der ich den auf dem [Ruhelager] schlafenden göttlichen Knaben nicht erkenne.'

Wort für Wort
yaḥ aham
[ich], der ich
suptam
den schlafenden
na jānāmi
nicht erkenne
paryaṅke
auf dem Ruhelager
divyabālakam
den göttlichen Knaben

[Anm.: Halbvers, im Original mit eigenem Sternchen-Vermerk ('//*') als unvollständiger Vers markiert; unverändert übernommen.]

evaṃ saṃcintayan vipraḥ plavamāno vicetanaḥ / trāṇārthaṃ vihvalaś cāsau nirvedaṃ gatavāṃs tadā //

So nachdenkend, umhertreibend, von Sinnen, verfiel der Brahmane, hilflos wegen der [ausbleibenden] Rettung, da in Weltüberdruss.

Wort für Wort
evaṃ saṃcintayan
so nachdenkend
vipraḥ
der Brahmane
plavamānaḥ
umhertreibend
vicetanaḥ
von Sinnen
trāṇārtham
wegen der Rettung
vihvalaḥ ca asau
und jener hilflos
nirvedaṃ gatavān
verfiel in Weltüberdruss
tadā
da

[Anm.: Sprecherwechsel — {brahmovāca:}, Rückkehr zur Erzählerstimme.]

tato bālārkasaṃkāśaṃ svamahimnā vyavasthitam / sarvatejomayaṃ viprā na śaśākābhivīkṣitum //

Dann konnte er, oh Brahmanen, den [Knaben], der wie die aufgehende [Morgen-]Sonne erschien, in eigener Herrlichkeit verweilend, ganz aus Glanz bestehend, nicht anblicken.

Wort für Wort
tataḥ
dann
bālārkasaṃkāśam
der wie die aufgehende Morgensonne erschien
svamahimnā vyavasthitam
in eigener Herrlichkeit verweilend
sarvatejomayam
ganz aus Glanz bestehend
viprāḥ
oh Brahmanen
na śaśāka
er konnte nicht
abhivīkṣitum
anblicken

dṛṣṭvā taṃ munim āyāntaṃ sa bālaḥ prahasann iva / provāca muniśārdūlās tadā meghaughanisvanaḥ //

Als er jenen herannahenden Muni sah, sprach jener Knabe, gleichsam lächelnd, da, oh Tiger unter den Munis, mit einer Stimme wie das Getöse einer Wolkenmasse:

Wort für Wort
dṛṣṭvā
gesehen habend
tam munim āyāntam
jenen herannahenden Muni
sa bālaḥ
jener Knabe
prahasan iva
gleichsam lächelnd
provāca
sprach
muniśārdūlāḥ
oh Tiger unter den Munis
tadā
da
meghaughanisvanaḥ
mit einer Stimme wie das Getöse einer Wolkenmasse

vatsa jānāmi śrāntaṃ tvāṃ trāṇārthaṃ mām upasthitam / śarīraṃ viśa me kṣipraṃ viśrāmas te mayoditaḥ //

'Kind, ich weiß, dass du erschöpft bist und zu mir gekommen bist, um Rettung [zu suchen]. Tritt rasch in meinen Körper ein; Ruhe ist dir von mir zugesprochen.'

Wort für Wort
vatsa
Kind
jānāmi
ich weiß
śrāntam tvām
dass du erschöpft bist
trāṇārtham
um Rettung [zu suchen]
mām upasthitam
zu mir gekommen bist
śarīraṃ viśa me
tritt in meinen Körper ein
kṣipram
rasch
viśramaḥ te
Ruhe [ist] dir
mayā uditaḥ
von mir zugesprochen

[Anm.: Sprecherwechsel — {śrībhagavān uvāca:}.]

śrutvā sa vacanaṃ tasya kiṃcin novāca mohitaḥ / viveśa vadanaṃ tasya vivṛtaṃ cāvaśo muniḥ //

Nachdem er dessen Wort gehört hatte, sprach er, verblendet, nichts; der Muni, [nun] willenlos, trat in dessen geöffneten Mund ein.

Wort für Wort
śrutvā
gehört habend
sa
er
vacanaṃ tasya
dessen Wort
kiṃcit na uvāca
er sprach nichts
mohitaḥ
verblendet
viveśa
er trat ein
vadanaṃ tasya
in dessen Mund
vivṛtam
geöffnet
ca avaśaḥ
und willenlos
muniḥ
der Muni

[Anm.: Sprecherwechsel — {brahmovāca:}. Schließt Kap.53; die Erzählung setzt sich in Kap.54 unmittelbar fort, wo Mārkaṇḍeya im Inneren des Knaben die gesamte Erde erblickt.]

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