{vyāsa uvāca:} sṛjate tu guṇān sattvaṃ kṣetrajñas tv adhitiṣṭhati / guṇān vikriyataḥ sarvān udāsīnavad īśvaraḥ //
Vyāsa sprach: Das Sattva (die Urnatur) aber erzeugt die Guṇas, der Kṣetrajña aber überwacht sie; über alle sich wandelnden Guṇas waltet er wie ein gleichgültiger Herrscher.
anādinidhano hy ātmā taṃ buddhvā viharen naraḥ / akrudhyann aprahṛṣyaṃś ca nityaṃ vigatamatsaraḥ //
Denn das Selbst ist ohne Anfang und Ende; nachdem er dies erkannt hat, soll der Mensch frei wandeln, ohne Zorn und ohne übermäßige Freude, stets frei von Neid.
So, fest im Herzen, aus dem Denken der Erkenntniskraft bestehend, das weltliche Glück als unbeständig erkennend, untrauernd, den Zweifel abgeschnitten habend —
— soll er das Leben überqueren, wie Menschen einen vollen Fluss überqueren, indem sie hineintauchen; ebenso überqueren die Wissenden, oh Brahmanen, diese wankende Welt.
Wort für Wort
tarayet pracyutām pṛthvīm
er soll die wankende Erde überqueren [?]
yathā pūrṇām nadīm narāḥ
wie Menschen einen vollen Fluss
avagāhya ca vidvāṃsaḥ
hineintauchend, die Wissenden
viprāḥ lolam imam tathā
oh Brahmanen, ebenso diese wankende (Welt)
[?] 'pracyutāṃ pṛthvīṃ' ('die entfallene/wankende Erde') ist syntaktisch unsicher; sinngemäß als Bild vom Durchqueren der wankenden Welt wiedergegeben.
tāṃ tu buddhvā naraḥ sargaṃ bhūtānām āgatiṃ gatim / samaceṣṭaś ca vai samyag labhate śamam uttamam //
Nachdem der Mensch aber jene Erkenntnis erlangt hat — die Schöpfung, das Kommen und Gehen der Wesen — und gleichmütig in seinem Tun geworden ist, erlangt er wahrhaft den höchsten Frieden.
Dies ist die Vollkommenheit des Zweifachgeborenen, besonders des Brahmanen — erfüllt von gleichmäßiger Liebe zur Selbsterkenntnis, ganz dieser hingegeben.
Wort für Wort
etat dvijanmasāmagryam
dies ist die Vollkommenheit des Zweifachgeborenen
brāhmaṇasya viśeṣataḥ
besonders des Brahmanen
ātmajñānasamasneha-paryāptam
erfüllt von gleichmäßiger Liebe zur Selbsterkenntnis [?]
tatparāyaṇam
ganz dieser hingegeben
[?] Der Kompositum 'ātmajñānasamasneha-' ist ungewöhnlich zusammengesetzt; sinngemäß aufgelöst.
Nachdem er die Wahrheit erkannt hat, wird er zum Erwachten — was anderes wäre das Kennzeichen des Erwachten? Nachdem sie dies erkannt haben, werden die Weisen befreit, ihr Werk vollbracht habend.
na bhavati viduṣāṃ mahad bhayaṃ / yad aviduṣāṃ sumahad bhayaṃ paratra / nahi gatir adhikāsti kasyacid / bhavati hi yā viduṣaḥ sanātanī //
Nicht gibt es für die Wissenden jene große Furcht, die für die Unwissenden im Jenseits eine überaus große Furcht ist; denn es gibt für niemanden ein höheres Ziel als jenes, das dem Wissenden ewig zuteil wird.
Wort für Wort
na bhavati viduṣām mahat bhayam
nicht gibt es für die Wissenden große Furcht
yat aviduṣām sumahat bhayam paratra
die für die Unwissenden im Jenseits überaus große Furcht ist
na hi gatiḥ adhikā asti kasyacit
denn es gibt für niemanden ein höheres Ziel
bhavati hi yā viduṣaḥ sanātanī
als jenes, das dem Wissenden ewig zuteil wird
[Anm.] Vierzeiliger Hymnenvers (V.12-14), im Quelltext ohne Daṇḍa-Zeichen zwischen den Padas überliefert, hier der Einheitlichkeit halber mit Schrägstrichen versehen.
loke mātaram asūyate naras / tatra devam anirīkṣya śocate / tatra cet kuśalo na śocate / ye vidus tad ubhayaṃ kṛtākṛtam //
In der Welt grollt der Mensch seinem Ursprung [?], und trauert dort, das Schicksal nicht erkennend; wer aber dort geschickt ist, trauert nicht — diejenigen, die beides erkennen, das Getane und Ungetane.
Wort für Wort
loke mātaram asūyate naraḥ
in der Welt grollt der Mensch (seiner) Mutter/seinem Ursprung [?]
tatra devam anirīkṣya śocate
und trauert dort, das Göttliche/Schicksal nicht erblickend
tatra cet kuśalaḥ na śocate
wer aber dort geschickt ist, trauert nicht
ye viduḥ tat ubhayam kṛtākṛtam
die beides erkennen, das Getane und Ungetane
[?] Dunkler Vers; 'mātaram asūyate' (wörtlich 'grollt der Mutter') bleibt in seinem genauen Sinn unsicher und wird hier sinngemäß auf den eigenen Ursprung/das Schicksal bezogen übertragen.
yat karoty anabhisaṃdhipūrvakaṃ / tac ca nindayati yat purā kṛtam / yat priyaṃ tad ubhayaṃ na vāpriyaṃ / tasya taj janayatīha kurvataḥ //
Was man ohne bewusste Absicht tut, und was man an früher Getanem tadelt — sei es angenehm oder unangenehm, beides bringt es dem hervor, der es hier tut.
Wort für Wort
yat karoti anabhisaṃdhipūrvakam
was man ohne bewusste Absicht tut
tat ca nindayati yat purā kṛtam
und was man an früher Getanem tadelt
yat priyam tat ubhayam na vā apriyam
sei es angenehm oder unangenehm, beides
tasya tat janayati iha kurvataḥ
bringt es dem hervor, der es hier tut
[?] Dicht und knapp formulierter Vers zur Karma-Wirkung unbewusster Handlungen; sinngemäß wiedergegeben.
{munaya ūcuḥ:} yasmād dharmāt paro dharmo vidyate neha kaścana / yo viśiṣṭaś ca bhūtebhyas tad bhavān prabravītu naḥ //
Die Weisen sprachen: Welcher Dharma höher ist als aller anderer Dharma, so dass es hier keinen höheren gibt, und der vor allen Wesen ausgezeichnet ist — das sollst du uns verkünden.
Vyāsa sprach: Ich werde den alten, von den Weisen gepriesenen Dharma verkünden, ausgezeichnet vor allen anderen Dharmas — hört, oh ihr Besten der Weisen.
Die aufwühlenden Sinne, die sich überallhin ausbreiten, soll man mit der Erkenntniskraft der Wahrheit gemäß zügeln, wie ein Vater seine kindlichen Söhne zügelt.
Nachdem er all diese, mit dem Geist als sechstem, durch Weisheit gesammelt hat, verweilt er, im Selbst befriedigt, ohne über das Vielfältige nachzudenken.
Wenn die Sinne, von ihren Wirkungsbereichen zurückgezogen, im eigenen Haus verweilen, dann werdet ihr das höchste, ewige Selbst durch das Selbst erblicken.
Mit der entzündeten Lampe der Erkenntnis erblickt man das Selbst durch das Selbst; nachdem ihr das Selbst erblickt habt, werdet ebenso leidenschaftslos, oh Zweifachgeborene.
überwuchert von Gier und Verblendung als Gras, mit Begierde und Zorn als Kriechtieren, mit Wahrheit als Furt und Lüge als Aufruhr, mit Zorn als Schlamm — diesen vorzüglichen Fluss,
entsprungen aus dem Unmanifesten, reißend, von Begierde und Zorn erfüllt — diesen für die Ungeläuterten schwer zu durchquerenden Fluss durchquert mit der Erkenntniskraft.
saṃsārasāgaragamāṃ yonipātāladustarām / ātmajanmodbhavāṃ tāṃ tu jihvāvartadurāsadām //
— der in den Ozean des Saṃsāra mündet, schwer zu durchqueren durch den Abgrund der Wiedergeburt, aus dem eigenen Werden entsprungen, mit der Zunge als schwer zu bezwingendem Wirbel,
Wort für Wort
saṃsārasāgaragamām
der in den Ozean des Saṃsāra mündet
yonipātāladustarām
schwer zu durchqueren durch den Abgrund der Geburt
— diesen durchqueren die an Erkenntnis Vollendeten, die Standhaften, die Weisen; wer ihn durchquert hat, ist gänzlich befreit, geläuterten Selbst, sich selbst besitzend, rein.
Nachdem er die höchste Erkenntniskraft erlangt hat, wird er zum Zustand des Brahman fähig, alle Bedrängnisse überwunden habend, mit geklärtem Selbst, makellos.
Diesen Dharma verkündeten die Besten der Dharmaträger, die wahrheitsschauenden Weisen: 'Die Selbste sind alldurchdringend, oh Brahmanen' — so lautet die Unterweisung des Sohnes.
— das Brahman ist ohne Leid und ohne Freude, aus Gewesenem, Zukünftigem und Gegenwärtigem bestehend; wer dies erkannt hat, sei es Mann oder Frau, erlangt keine Wiedergeburt.
Wort für Wort
aduḥkham asukham brahma
das Brahman ist ohne Leid und ohne Freude
bhūtabhavyabhavātmakam
aus Gewesenem, Zukünftigem, Gegenwärtigem bestehend
Von einem mit Zuneigung dazu verbundenen, mit guten Eigenschaften ausgestatteten Sohn, der die Güte eines guten Sohnes besitzt — wenn er den Nutzen erkannt hat, soll er mit erfreutem Sinn, wozu es dient, dies, was hier gesagt wurde, dem eigenen Sohn sagen.
Wort für Wort
tatprītiyuktena guṇānvitena
von einem damit verbundenen, mit guten Eigenschaften ausgestatteten
putreṇa satputradayānvitena
Sohn, der die Güte eines guten Sohnes besitzt
dṛṣṭvā hitam prītamanā yadartham
den Nutzen erkannt habend, mit erfreutem Sinn, wozu es dient
brūyāt sutasya iha yat uktam etat
soll er dem Sohn sagen, was hier gesagt wurde
[Anm.] Vierzeiliger, syntaktisch stark verdichteter Hymnenvers zum Abschluss der Lehrrede; im Quelltext ohne Daṇḍa-Zeichen zwischen den Padas überliefert.
Die Weisen sprachen: Die Befreiung wurde vom Großvater als durch Mittel, nicht ohne Mittel erreichbar verkündet; jenes Mittel wünschen wir der Ordnung gemäß zu hören, oh Weiser.
Vyāsa sprach: Es ziemt sich für uns, oh ihr höchst Weisen, eine feinsinnige Betrachtung, wodurch ihr, oh stets Makellose, mit rechtem Mittel alle Ziele erjagt.
Die Erkenntnis richtet sich auf das Werkzeug des Topfes, nicht wird sie auf die Entstehung des Topfes selbst bezogen; ebenso liegt beim Mittel zum Dharma die Ursache nicht in anderen Dharmas.
Wort für Wort
ghaṭopakaraṇe buddhiḥ
die Erkenntnis (richtet sich) auf das Werkzeug des Topfes
ghaṭotpattau na sā matā
nicht wird sie auf die Topf-Entstehung bezogen
evam dharmādyupāyārthe
ebenso beim Mittel zum Dharma
na anyadharmeṣu kāraṇam
liegt die Ursache nicht in anderen Dharmas
[?] Analogie von Werkzeug und Wirkung, sinngemäß auf die rechte Anwendung des Dharma-Mittels übertragen.
Durch Geduld soll man den Zorn ausrotten, die Begierde durch Aufgeben des Vorsatzes; durch die Pflege des Sattva vermag der Standhafte den Schlaf zu vertreiben.
apramādād bhayaṃ rakṣed rakṣet kṣetraṃ ca saṃvidam / icchāṃ dveṣaṃ ca kāmaṃ ca dhairyeṇa vinivartayet //
Durch Wachsamkeit soll man sich vor Furcht schützen und das Feld samt dem Bewusstsein bewahren; Begehren, Hass und Verlangen soll man durch Standhaftigkeit abwenden.
Wort für Wort
apramādāt bhayam rakṣet
durch Wachsamkeit soll man sich vor Furcht schützen
Schlaf und trügerische Visionen soll der Wahrheitskenner durch die Übung der Erkenntnis überwinden; ebenso überwindet der Yogin die Hindernisse durch zuträgliche, verdauliche, gemäßigte Nahrung.
Wort für Wort
nidrām ca pratibhām ca eva
Schlaf und (trügerische) Visionen
jñānābhyāsena tattvavit
durch die Übung der Erkenntnis der Wahrheitskenner
lobhaṃ mohaṃ ca saṃtoṣād viṣayāṃs tattvadarśanāt / anukrośād adharmaṃ ca jayed dharmam upekṣayā //
Gier und Verblendung besiegt man durch Zufriedenheit, die Sinnesobjekte durch die Schau der Wahrheit; Unrecht durch Mitleid, übermäßigen Ritualeifer durch Gleichmut.
Wort für Wort
lobham moham ca saṃtoṣāt
Gier und Verblendung durch Zufriedenheit
viṣayān tattvadarśanāt
die Sinnesobjekte durch die Schau der Wahrheit
anukrośāt adharmam ca
Unrecht durch Mitleid
jayet dharmam upekṣayā
man besiege (übermäßigen) Dharma-Eifer durch Gleichmut [?]
[?] 'jayed dharmam upekṣayā' ('man besiege den Dharma durch Gleichmut') ist eine ungewöhnliche Formulierung; vermutlich auf übertriebenen, äußerlichen Ritualeifer bezogen, sinngemäß übertragen.
āyatyā ca jayed āśāṃ sāmarthyaṃ saṅgavarjanāt / anityatvena ca snehaṃ kṣudhāṃ yogena paṇḍitaḥ //
Durch Weitblick auf die Zukunft besiegt man die Hoffnung, die eigene Fähigkeit durch Aufgeben der Anhaftung; die Zuneigung durch das Bewusstsein der Vergänglichkeit, den Hunger durch Yoga — so der Gelehrte.
Durch Mitgefühl bezähmt man durch das Selbst das eigene Selbst, den Durst durch Genügsamkeit; durch Tatkraft besiegt man die Mattigkeit, den Zweifel besiegt man durch Entschlossenheit.
maunena bahubhāṣāṃ ca śauryeṇa ca bhayaṃ jayet / yacched vāṅmanasī buddhyā tāṃ yacchej jñānacakṣuṣā //
Durch Schweigen besiegt man das Vielreden, durch Tapferkeit die Furcht; Rede und Geist soll man durch die Erkenntniskraft zügeln, diese wiederum durch das Auge der Erkenntnis.
Die Erkenntnis soll das große Selbst zügeln, dieses wiederum soll der Friede des Selbst zügeln; dies ist vom Friedvollen, dem mit reinem Handeln, zu erkennen.
— nachdem er diese aufgegeben hat, soll er der Ordnung gemäß durch die Mittel des Yoga pflegen: Meditation, Studium, Freigebigkeit, Wahrheit, Scham, Aufrichtigkeit, Geduld,
sidhyanti cāsya saṃkalpā vijñānaṃ ca pravartate / dhūtapāpaḥ sa tejasvī laghvāhāro jitendriyaḥ //
Und dessen Vorsätze gelingen, und die Erkenntnis kommt zur Entfaltung — von Sünde gereinigt, glanzvoll, mit leichter Nahrung, mit bezähmten Sinnen ist er.
Nachdem er Begierde und Zorn bezwungen hat, soll er in den Zustand des Brahman eingehen: Unverblendetsein, Unabhängigkeit, das Meiden von Begierde und Zorn,
adainyam anudīrṇatvam anudvego hy avasthitiḥ / eṣa mārgo hi mokṣasya prasanno vimalaḥ śuciḥ / tathā vākkāyamanasāṃ niyamāḥ kāmato 'vyayāḥ //
Nicht-Elend, Nicht-Aufgebrachtsein, Unerregtheit, Standhaftigkeit — dies ist der klare, makellose, reine Pfad der Befreiung, ebenso die aus Begierde unwandelbar befolgten Zügelungen von Rede, Körper und Geist.
Wort für Wort
adainyam anudīrṇatvam
Nicht-Elend, Nicht-Aufgebrachtsein
anudvegaḥ hi avasthitiḥ
Unerregtheit, Standhaftigkeit
eṣaḥ mārgaḥ hi mokṣasya
dies ist der Pfad der Befreiung
prasannaḥ vimalaḥ śuciḥ
klar, makellos, rein
tathā vākkāyamanasām niyamāḥ
ebenso die Zügelungen von Rede, Körper, Geist
kāmataḥ avyayāḥ
aus Begierde (befolgt), unwandelbar
[Anm.] Dieser Vers hat im Quelltext drei Pādas statt der üblichen zwei Zeilen; so überliefert übernommen.