Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 238: kṣetrakṣetrajñavicāraḥ mokṣopāyavarṇanaṃ ca Die Untersuchung von Feld und Feldkenner und die Darlegung des Mittels zur Befreiung

{vyāsa uvāca:} sṛjate tu guṇān sattvaṃ kṣetrajñas tv adhitiṣṭhati / guṇān vikriyataḥ sarvān udāsīnavad īśvaraḥ //

Vyāsa sprach: Das Sattva (die Urnatur) aber erzeugt die Guṇas, der Kṣetrajña aber überwacht sie; über alle sich wandelnden Guṇas waltet er wie ein gleichgültiger Herrscher.

Wort für Wort
sṛjate tu guṇān sattvam
das Sattva aber erzeugt die Guṇas
kṣetrajñaḥ tu adhitiṣṭhati
der Kṣetrajña aber überwacht
guṇān vikriyataḥ sarvān
über alle sich wandelnden Guṇas
udāsīnavat īśvaraḥ
wie ein gleichgültiger Herrscher

svabhāvayuktaṃ tat sarvaṃ yad imān sṛjate guṇān / ūrṇanābhir yathā sūtraṃ sṛjate tad guṇāṃs tathā //

Alles das, was diese Guṇas erzeugt, ist mit der Eigennatur verbunden; wie die Spinne den Faden erzeugt, so erzeugt es die Guṇas.

Wort für Wort
svabhāvayuktam tat sarvam
alles das ist mit der Eigennatur verbunden
yat imān sṛjate guṇān
was diese Guṇas erzeugt
ūrṇanābhiḥ yathā sūtram
wie die Spinne den Faden
sṛjate tat guṇān tathā
so erzeugt es die Guṇas

pravṛttā na nivartante pravṛttir nopalabhyate / evam eke vyavasyanti nivṛttim iti cāpare //

'Die einmal in Bewegung Gesetzten kehren nicht zurück, Aktivität wird nicht mehr wahrgenommen' — so urteilen die einen, 'Enthaltung' aber die anderen.

Wort für Wort
pravṛttāḥ na nivartante
die in Bewegung Gesetzten kehren nicht zurück
pravṛttiḥ na upalabhyate
Aktivität wird nicht wahrgenommen
evam eke vyavasyanti
so urteilen die einen
nivṛttim iti ca apare
'Enthaltung' aber die anderen

[?] Knapp formulierte Gegenüberstellung zweier Lehrmeinungen; sinngemäß wiedergegeben.

ubhayaṃ saṃpradhāryaitad adhyavasyed yathāmati / anenaiva vidhānena bhaved vai saṃśayo mahān //

Beides erwägend soll man dies nach eigenem Ermessen entscheiden; eben durch diese Verfahrensweise entsteht freilich ein großer Zweifel.

Wort für Wort
ubhayam saṃpradhārya etat
beides erwägend
adhyavasyet yathāmati
soll man nach eigenem Ermessen entscheiden
anena eva vidhānena
eben durch diese Verfahrensweise
bhavet vai saṃśayaḥ mahān
entsteht freilich ein großer Zweifel

anādinidhano hy ātmā taṃ buddhvā viharen naraḥ / akrudhyann aprahṛṣyaṃś ca nityaṃ vigatamatsaraḥ //

Denn das Selbst ist ohne Anfang und Ende; nachdem er dies erkannt hat, soll der Mensch frei wandeln, ohne Zorn und ohne übermäßige Freude, stets frei von Neid.

Wort für Wort
anādinidhanaḥ hi ātmā
denn das Selbst ist ohne Anfang und Ende
tam buddhvā viharet naraḥ
dies erkannt habend soll der Mensch wandeln
akrudhyan aprahṛṣyan ca
ohne Zorn und ohne übermäßige Freude
nityam vigatamatsaraḥ
stets frei von Neid

ity evaṃ hṛdaye sarvo buddhicintāmayaṃ dṛḍham / anityaṃ sukham āsīnam aśocyaṃ chinnasaṃśayaḥ //

So, fest im Herzen, aus dem Denken der Erkenntniskraft bestehend, das weltliche Glück als unbeständig erkennend, untrauernd, den Zweifel abgeschnitten habend —

Wort für Wort
iti evam hṛdaye sarvaḥ
so im Herzen, ganz
buddhicintāmayam dṛḍham
fest aus dem Denken der Buddhi bestehend
anityam sukham āsīnam
das Glück als unbeständig erkennend
aśocyam chinnasaṃśayaḥ
untrauernd, den Zweifel abgeschnitten

[Anm.] Der Satz setzt sich in V.7 fort.

tarayet pracyutāṃ pṛthvīṃ yathā pūrṇāṃ nadīṃ narāḥ / avagāhya ca vidvāṃso viprā lolam imaṃ tathā //

— soll er das Leben überqueren, wie Menschen einen vollen Fluss überqueren, indem sie hineintauchen; ebenso überqueren die Wissenden, oh Brahmanen, diese wankende Welt.

Wort für Wort
tarayet pracyutām pṛthvīm
er soll die wankende Erde überqueren [?]
yathā pūrṇām nadīm narāḥ
wie Menschen einen vollen Fluss
avagāhya ca vidvāṃsaḥ
hineintauchend, die Wissenden
viprāḥ lolam imam tathā
oh Brahmanen, ebenso diese wankende (Welt)

[?] 'pracyutāṃ pṛthvīṃ' ('die entfallene/wankende Erde') ist syntaktisch unsicher; sinngemäß als Bild vom Durchqueren der wankenden Welt wiedergegeben.

na tu tapyati vai vidvān sthale carati tattvavit / evaṃ vicintya cātmānaṃ kevalaṃ jñānam ātmanaḥ //

Der Wissende aber leidet nicht, der Wahrheitskenner wandelt auf festem Grund; so das Selbst betrachtend, erkennt er die reine Erkenntnis des Selbst.

Wort für Wort
na tu tapyati vai vidvān
der Wissende aber leidet nicht
sthale carati tattvavit
der Wahrheitskenner wandelt auf festem Grund
evam vicintya ca ātmānam
so das Selbst betrachtend
kevalam jñānam ātmanaḥ
die reine Erkenntnis des Selbst

tāṃ tu buddhvā naraḥ sargaṃ bhūtānām āgatiṃ gatim / samaceṣṭaś ca vai samyag labhate śamam uttamam //

Nachdem der Mensch aber jene Erkenntnis erlangt hat — die Schöpfung, das Kommen und Gehen der Wesen — und gleichmütig in seinem Tun geworden ist, erlangt er wahrhaft den höchsten Frieden.

Wort für Wort
tām tu buddhvā naraḥ
nachdem der Mensch jene erkannt hat
sargam bhūtānām āgatim gatim
die Schöpfung, das Kommen und Gehen der Wesen
samaceṣṭaḥ ca vai samyak
und gleichmütig im Tun, wahrhaft
labhate śamam uttamam
erlangt er den höchsten Frieden

etad dvijanmasāmagryaṃ brāhmaṇasya viśeṣataḥ / ātmajñānasamasneha-paryāptaṃ tatparāyaṇam //

Dies ist die Vollkommenheit des Zweifachgeborenen, besonders des Brahmanen — erfüllt von gleichmäßiger Liebe zur Selbsterkenntnis, ganz dieser hingegeben.

Wort für Wort
etat dvijanmasāmagryam
dies ist die Vollkommenheit des Zweifachgeborenen
brāhmaṇasya viśeṣataḥ
besonders des Brahmanen
ātmajñānasamasneha-paryāptam
erfüllt von gleichmäßiger Liebe zur Selbsterkenntnis [?]
tatparāyaṇam
ganz dieser hingegeben

[?] Der Kompositum 'ātmajñānasamasneha-' ist ungewöhnlich zusammengesetzt; sinngemäß aufgelöst.

tattvaṃ buddhvā bhaved buddhaḥ kim anyad buddhalakṣaṇam / vijñāyaitad vimucyante kṛtakṛtyā manīṣiṇaḥ //

Nachdem er die Wahrheit erkannt hat, wird er zum Erwachten — was anderes wäre das Kennzeichen des Erwachten? Nachdem sie dies erkannt haben, werden die Weisen befreit, ihr Werk vollbracht habend.

Wort für Wort
tattvam buddhvā bhavet buddhaḥ
die Wahrheit erkannt habend wird er zum Erwachten
kim anyat buddhalakṣaṇam
was anderes ist das Kennzeichen des Erwachten
vijñāya etat vimucyante
dies erkannt habend werden sie befreit
kṛtakṛtyāḥ manīṣiṇaḥ
die Weisen, ihr Werk vollbracht habend

na bhavati viduṣāṃ mahad bhayaṃ / yad aviduṣāṃ sumahad bhayaṃ paratra / nahi gatir adhikāsti kasyacid / bhavati hi yā viduṣaḥ sanātanī //

Nicht gibt es für die Wissenden jene große Furcht, die für die Unwissenden im Jenseits eine überaus große Furcht ist; denn es gibt für niemanden ein höheres Ziel als jenes, das dem Wissenden ewig zuteil wird.

Wort für Wort
na bhavati viduṣām mahat bhayam
nicht gibt es für die Wissenden große Furcht
yat aviduṣām sumahat bhayam paratra
die für die Unwissenden im Jenseits überaus große Furcht ist
na hi gatiḥ adhikā asti kasyacit
denn es gibt für niemanden ein höheres Ziel
bhavati hi yā viduṣaḥ sanātanī
als jenes, das dem Wissenden ewig zuteil wird

[Anm.] Vierzeiliger Hymnenvers (V.12-14), im Quelltext ohne Daṇḍa-Zeichen zwischen den Padas überliefert, hier der Einheitlichkeit halber mit Schrägstrichen versehen.

loke mātaram asūyate naras / tatra devam anirīkṣya śocate / tatra cet kuśalo na śocate / ye vidus tad ubhayaṃ kṛtākṛtam //

In der Welt grollt der Mensch seinem Ursprung [?], und trauert dort, das Schicksal nicht erkennend; wer aber dort geschickt ist, trauert nicht — diejenigen, die beides erkennen, das Getane und Ungetane.

Wort für Wort
loke mātaram asūyate naraḥ
in der Welt grollt der Mensch (seiner) Mutter/seinem Ursprung [?]
tatra devam anirīkṣya śocate
und trauert dort, das Göttliche/Schicksal nicht erblickend
tatra cet kuśalaḥ na śocate
wer aber dort geschickt ist, trauert nicht
ye viduḥ tat ubhayam kṛtākṛtam
die beides erkennen, das Getane und Ungetane

[?] Dunkler Vers; 'mātaram asūyate' (wörtlich 'grollt der Mutter') bleibt in seinem genauen Sinn unsicher und wird hier sinngemäß auf den eigenen Ursprung/das Schicksal bezogen übertragen.

yat karoty anabhisaṃdhipūrvakaṃ / tac ca nindayati yat purā kṛtam / yat priyaṃ tad ubhayaṃ na vāpriyaṃ / tasya taj janayatīha kurvataḥ //

Was man ohne bewusste Absicht tut, und was man an früher Getanem tadelt — sei es angenehm oder unangenehm, beides bringt es dem hervor, der es hier tut.

Wort für Wort
yat karoti anabhisaṃdhipūrvakam
was man ohne bewusste Absicht tut
tat ca nindayati yat purā kṛtam
und was man an früher Getanem tadelt
yat priyam tat ubhayam na vā apriyam
sei es angenehm oder unangenehm, beides
tasya tat janayati iha kurvataḥ
bringt es dem hervor, der es hier tut

[?] Dicht und knapp formulierter Vers zur Karma-Wirkung unbewusster Handlungen; sinngemäß wiedergegeben.

{munaya ūcuḥ:} yasmād dharmāt paro dharmo vidyate neha kaścana / yo viśiṣṭaś ca bhūtebhyas tad bhavān prabravītu naḥ //

Die Weisen sprachen: Welcher Dharma höher ist als aller anderer Dharma, so dass es hier keinen höheren gibt, und der vor allen Wesen ausgezeichnet ist — das sollst du uns verkünden.

Wort für Wort
yasmāt dharmāt paraḥ dharmaḥ
welcher Dharma, höher als der Dharma
vidyate na iha kaścana
es gibt hier keinen (höheren)
yaḥ viśiṣṭaḥ ca bhūtebhyaḥ
und der vor den Wesen ausgezeichnet ist
tat bhavān prabravītu naḥ
das sollst du uns verkünden

{vyāsa uvāca:} dharmaṃ ca saṃpravakṣyāmi purāṇam ṛṣibhiḥ stutam / viśiṣṭaṃ sarvadharmebhyaḥ śṛṇudhvaṃ munisattamāḥ //

Vyāsa sprach: Ich werde den alten, von den Weisen gepriesenen Dharma verkünden, ausgezeichnet vor allen anderen Dharmas — hört, oh ihr Besten der Weisen.

Wort für Wort
dharmam ca saṃpravakṣyāmi
den Dharma werde ich verkünden
purāṇam ṛṣibhiḥ stutam
den alten, von den Weisen gepriesenen
viśiṣṭam sarvadharmebhyaḥ
ausgezeichnet vor allen Dharmas
śṛṇudhvam munisattamāḥ
hört, oh Beste der Weisen

indriyāṇi pramāthīni buddhyā saṃyamya tattvataḥ / sarvataḥ prasṛtānīha pitā bālān ivātmajān //

Die aufwühlenden Sinne, die sich überallhin ausbreiten, soll man mit der Erkenntniskraft der Wahrheit gemäß zügeln, wie ein Vater seine kindlichen Söhne zügelt.

Wort für Wort
indriyāṇi pramāthīni
die aufwühlenden Sinne
buddhyā saṃyamya tattvataḥ
mit der Buddhi der Wahrheit gemäß zügelnd
sarvataḥ prasṛtāni iha
die sich überallhin ausbreiten
pitā bālān iva ātmajān
wie ein Vater seine kindlichen Söhne

manasaś cendriyāṇāṃ cāpy aikāgryaṃ paramaṃ tapaḥ / vijñeyaḥ sarvadharmebhyaḥ sa dharmaḥ para ucyate //

Die Einspitzigkeit von Geist und Sinnen ist die höchste Askese; als vor allen Dharmas ausgezeichnet gilt jener höchste Dharma.

Wort für Wort
manasaḥ ca indriyāṇām ca api
von Geist und auch Sinnen
aikāgryam paramam tapaḥ
die Einspitzigkeit ist die höchste Askese
vijñeyaḥ sarvadharmebhyaḥ
als vor allen Dharmas (ausgezeichnet) zu erkennen
sa dharmaḥ paraḥ ucyate
jener höchste Dharma wird genannt

tāni sarvāṇi saṃdhāya manaḥṣaṣṭhāni medhayā / ātmatṛptaḥ sa evāsīd bahucintyam acintayan //

Nachdem er all diese, mit dem Geist als sechstem, durch Weisheit gesammelt hat, verweilt er, im Selbst befriedigt, ohne über das Vielfältige nachzudenken.

Wort für Wort
tāni sarvāṇi saṃdhāya
all diese gesammelt habend
manaḥṣaṣṭhāni medhayā
mit dem Geist als sechstem, durch Weisheit
ātmatṛptaḥ sa eva āsīt
im Selbst befriedigt verweilt er
bahucintyam acintayan
ohne über das Vielfältige nachzudenken

gocarebhyo nivṛttāni yadā sthāsyanti veśmani / tadā caivātmanātmānaṃ paraṃ drakṣyatha śāśvatam //

Wenn die Sinne, von ihren Wirkungsbereichen zurückgezogen, im eigenen Haus verweilen, dann werdet ihr das höchste, ewige Selbst durch das Selbst erblicken.

Wort für Wort
gocarebhyaḥ nivṛttāni
von den Wirkungsbereichen zurückgezogen
yadā sthāsyanti veśmani
wenn sie im (eigenen) Haus verweilen
tadā ca eva ātmanā ātmānam
dann durch das Selbst das Selbst
param drakṣyatha śāśvatam
werdet ihr das höchste, ewige (Selbst) erblicken

sarvātmānaṃ mahātmānaṃ vidhūmam iva pāvakam / prapaśyanti mahātmānaṃ brāhmaṇā ye manīṣiṇaḥ //

Das Allselbst, das große Selbst, wie ein rauchloses Feuer — dieses große Selbst erblicken die Brahmanen, die weisen.

Wort für Wort
sarvātmānam mahātmānam
das Allselbst, das große Selbst
vidhūmam iva pāvakam
wie ein rauchloses Feuer
prapaśyanti mahātmānam
erblicken das große Selbst
brāhmaṇāḥ ye manīṣiṇaḥ
die Brahmanen, die weisen

yathā puṣpaphalopeto bahuśākho mahādrumaḥ / ātmano nābhijānīte kva me puṣpaṃ kva me phalam //

Wie ein großer, mit Blüten und Früchten versehener, vielverzweigter Baum von sich selbst nicht weiß, 'wo ist meine Blüte, wo meine Frucht',

Wort für Wort
yathā puṣpaphalopetaḥ
wie ein mit Blüten und Früchten versehener
bahuśākhaḥ mahādrumaḥ
vielverzweigter großer Baum
ātmanaḥ na abhijānīte
von sich selbst nicht weiß
kva me puṣpam kva me phalam
wo ist meine Blüte, wo meine Frucht

evam ātmā na jānīte kva gamiṣye kuto 'nv aham / anyo hy asyāntarātmāsti yaḥ sarvam anupaśyati //

ebenso weiß das Selbst nicht, 'wohin werde ich gehen, woher komme ich' — denn ein anderes, das innere Selbst, ist in ihm, welches alles erschaut.

Wort für Wort
evam ātmā na jānīte
ebenso weiß das Selbst nicht
kva gamiṣye kutaḥ anu aham
wohin werde ich gehen, woher (komme) ich
anyaḥ hi asya antarātmā asti
denn ein anderes, sein inneres Selbst, ist
yaḥ sarvam anupaśyati
welches alles erschaut

jñānadīpena dīptena paśyaty ātmānam ātmanā / dṛṣṭvātmānaṃ tathā yūyaṃ virāgā bhavata dvijāḥ //

Mit der entzündeten Lampe der Erkenntnis erblickt man das Selbst durch das Selbst; nachdem ihr das Selbst erblickt habt, werdet ebenso leidenschaftslos, oh Zweifachgeborene.

Wort für Wort
jñānadīpena dīptena
mit der entzündeten Lampe der Erkenntnis
paśyati ātmānam ātmanā
erblickt man das Selbst durch das Selbst
dṛṣṭvā ātmānam tathā yūyam
das Selbst erblickt habend, so ihr
virāgāḥ bhavata dvijāḥ
werdet leidenschaftslos, oh Zweifachgeborene

vimuktāḥ sarvapāpebhyo muktatvaca ivoragāḥ / parāṃ buddhim avāpyehāpy acintā vigatajvarāḥ //

Von aller Sünde befreit, wie Schlangen, die ihre Haut abgestreift haben, die höchste Erkenntniskraft hier erlangend, sorgenfrei, frei von Fieber.

Wort für Wort
vimuktāḥ sarvapāpebhyaḥ
von aller Sünde befreit
muktatvacaḥ iva uragāḥ
wie Schlangen mit abgestreifter Haut
parām buddhim avāpya iha
die höchste Buddhi hier erlangend
api acintāḥ vigatajvarāḥ
sorgenfrei, frei von Fieber

sarvataḥsrotasaṃ ghorāṃ nadīṃ lokapravāhiṇīm / pañcendriyagrāhavatīṃ manaḥsaṃkalparodhasam //

Den schrecklichen, allseits strömenden Fluss, der die Welt mit sich fortreißt, mit den fünf Sinnen als Krokodilen, mit dem begehrenden Geist als Ufer,

Wort für Wort
sarvataḥsrotasam ghorām nadīm
den schrecklichen, allseits strömenden Fluss
lokapravāhiṇīm
der die Welt fortreißt
pañcendriyagrāhavatīm
mit den fünf Sinnen als Krokodilen
manaḥsaṃkalparodhasam
mit dem begehrenden Geist als Ufer

[Anm.] Die ausgedehnte Fluss-Metapher für den Saṃsāra zieht sich über V.26-29.

lobhamohatṛṇacchannāṃ kāmakrodhasarīsṛpām / satyatīrthānṛtakṣobhāṃ krodhapaṅkāṃ saridvarām //

überwuchert von Gier und Verblendung als Gras, mit Begierde und Zorn als Kriechtieren, mit Wahrheit als Furt und Lüge als Aufruhr, mit Zorn als Schlamm — diesen vorzüglichen Fluss,

Wort für Wort
lobhamohatṛṇacchannām
überwuchert von Gier und Verblendung als Gras
kāmakrodhasarīsṛpām
mit Begierde und Zorn als Kriechtieren
satyatīrthānṛtakṣobhām
mit Wahrheit als Furt, Lüge als Aufruhr
krodhapaṅkām saridvarām
mit Zorn als Schlamm, diesen vorzüglichen Fluss

avyaktaprabhavāṃ śīghrāṃ kāmakrodhasamākulām / prataradhvaṃ nadīṃ buddhyā dustarām akṛtātmabhiḥ //

entsprungen aus dem Unmanifesten, reißend, von Begierde und Zorn erfüllt — diesen für die Ungeläuterten schwer zu durchquerenden Fluss durchquert mit der Erkenntniskraft.

Wort für Wort
avyaktaprabhavām śīghrām
entsprungen aus dem Unmanifesten, reißend
kāmakrodhasamākulām
von Begierde und Zorn erfüllt
prataradhvam nadīm buddhyā
durchquert den Fluss mit der Buddhi
dustarām akṛtātmabhiḥ
schwer zu durchqueren für die Ungeläuterten

saṃsārasāgaragamāṃ yonipātāladustarām / ātmajanmodbhavāṃ tāṃ tu jihvāvartadurāsadām //

— der in den Ozean des Saṃsāra mündet, schwer zu durchqueren durch den Abgrund der Wiedergeburt, aus dem eigenen Werden entsprungen, mit der Zunge als schwer zu bezwingendem Wirbel,

Wort für Wort
saṃsārasāgaragamām
der in den Ozean des Saṃsāra mündet
yonipātāladustarām
schwer zu durchqueren durch den Abgrund der Geburt
ātmajanmodbhavām tām tu
aus dem eigenen Werden entsprungen, diesen
jihvāvartadurāsadām
mit der Zunge als schwer zu bezwingendem Wirbel

yāṃ taranti kṛtaprajñā dhṛtimanto manīṣiṇaḥ / tāṃ tīrṇaḥ sarvato mukto vidhūtātmātmavāñ śuciḥ //

— diesen durchqueren die an Erkenntnis Vollendeten, die Standhaften, die Weisen; wer ihn durchquert hat, ist gänzlich befreit, geläuterten Selbst, sich selbst besitzend, rein.

Wort für Wort
yām taranti kṛtaprajñāḥ
den die an Erkenntnis Vollendeten durchqueren
dhṛtimantaḥ manīṣiṇaḥ
die Standhaften, die Weisen
tām tīrṇaḥ sarvataḥ muktaḥ
wer ihn durchquert hat, ist gänzlich befreit
vidhūtātmā ātmavān śuciḥ
geläuterten Selbst, sich selbst besitzend, rein

uttamāṃ buddhim āsthāya brahmabhūyāya kalpate / uttīrṇaḥ sarvasaṃkleśān prasannātmā vikalmaṣaḥ //

Nachdem er die höchste Erkenntniskraft erlangt hat, wird er zum Zustand des Brahman fähig, alle Bedrängnisse überwunden habend, mit geklärtem Selbst, makellos.

Wort für Wort
uttamām buddhim āsthāya
die höchste Buddhi erlangt habend
brahmabhūyāya kalpate
wird er zum Zustand des Brahman fähig
uttīrṇaḥ sarvasaṃkleśān
alle Bedrängnisse überwunden habend
prasannātmā vikalmaṣaḥ
mit geklärtem Selbst, makellos

bhūyiṣṭhānīva bhūtāni sarvasthānān nirīkṣya ca / akrudhyann aprasīdaṃś ca nanṛśaṃsamatis tathā //

Nachdem er die Wesen, größtenteils, an allen Orten betrachtet hat, ohne Zorn und ohne parteiische Zuneigung, ebenso ohne grausame Gesinnung —

Wort für Wort
bhūyiṣṭhāni iva bhūtāni
die Wesen, größtenteils
sarvasthānān nirīkṣya ca
an allen Orten betrachtet habend
akrudhyan aprasīdan ca
ohne Zorn und ohne (parteiische) Zuneigung [?]
anṛśaṃsamatiḥ tathā
ebenso ohne grausame Gesinnung

[?] 'aprasīdan' ('nicht gnädig/nicht wohlwollend') ist an dieser Stelle ungewöhnlich; sinngemäß als 'ohne parteiische Zuneigung' wiedergegeben.

tato drakṣyatha sarveṣāṃ bhūtānāṃ prabhavāpyayam / etad dhi sarvadharmebhyo viśiṣṭaṃ menire budhāḥ //

— dann werdet ihr das Entstehen und Vergehen aller Wesen erblicken; denn dies hielten die Weisen für ausgezeichnet vor allen anderen Dharmas.

Wort für Wort
tataḥ drakṣyatha sarveṣām
dann werdet ihr aller (Wesen)
bhūtānām prabhavāpyayam
der Wesen Entstehen und Vergehen erblicken
etat hi sarvadharmebhyaḥ
denn dies vor allen Dharmas
viśiṣṭam menire budhāḥ
hielten die Weisen für ausgezeichnet

dharmaṃ dharmabhṛtāṃ śreṣṭhā munayaḥ satyadarśinaḥ / ātmāno vyāpino viprā iti putrānuśāsanam //

Diesen Dharma verkündeten die Besten der Dharmaträger, die wahrheitsschauenden Weisen: 'Die Selbste sind alldurchdringend, oh Brahmanen' — so lautet die Unterweisung des Sohnes.

Wort für Wort
dharmam dharmabhṛtām śreṣṭhāḥ
diesen Dharma die Besten der Dharmaträger
munayaḥ satyadarśinaḥ
die wahrheitsschauenden Weisen
ātmānaḥ vyāpinaḥ viprāḥ
'die Selbste sind alldurchdringend, oh Brahmanen'
iti putrānuśāsanam
so lautet die Unterweisung des Sohnes

prayatāya pravaktavyaṃ hitāyānugatāya ca / ātmajñānam idaṃ guhyaṃ sarvaguhyatamaṃ mahat //

Dem Selbstbeherrschten ist sie mitzuteilen, dem Wohlgesinnten und Folgsamen; diese Selbsterkenntnis ist geheim, das Geheimste von allem, groß.

Wort für Wort
prayatāya pravaktavyam
dem Selbstbeherrschten ist sie mitzuteilen
hitāya anugatāya ca
dem Wohlgesinnten und Folgsamen
ātmajñānam idam guhyam
diese Selbsterkenntnis ist geheim
sarvaguhyatamam mahat
das Geheimste von allem, groß

abravaṃ yad ahaṃ viprā ātmasākṣikam añjasā / naiva strī na pumān evaṃ na caivedaṃ napuṃsakam //

Was ich, oh Brahmanen, mit dem Selbst als Zeugen unmittelbar verkündet habe: es ist weder Frau noch Mann, und ebenso ist es kein Geschlechtsloses,

Wort für Wort
abravam yat aham viprāḥ
was ich, oh Brahmanen, verkündet habe
ātmasākṣikam añjasā
mit dem Selbst als Zeugen unmittelbar
na eva strī na pumān
es ist weder Frau noch Mann
evam na ca eva idam napuṃsakam
und ebenso ist es kein Geschlechtsloses

aduḥkham asukhaṃ brahma bhūtabhavyabhavātmakam / naitaj jñātvā pumān strī vā punarbhavam avāpnuyāt //

— das Brahman ist ohne Leid und ohne Freude, aus Gewesenem, Zukünftigem und Gegenwärtigem bestehend; wer dies erkannt hat, sei es Mann oder Frau, erlangt keine Wiedergeburt.

Wort für Wort
aduḥkham asukham brahma
das Brahman ist ohne Leid und ohne Freude
bhūtabhavyabhavātmakam
aus Gewesenem, Zukünftigem, Gegenwärtigem bestehend
na etat jñātvā pumān strī vā
wer dies erkannt hat, Mann oder Frau
punarbhavam avāpnuyāt
erlangt keine Wiedergeburt

yathā matāni sarvāṇi tathaitāni yathā tathā / kathitāni mayā viprā bhavanti na bhavanti ca //

Wie alle Lehrmeinungen sind, so sind auch diese, wie sie sind; von mir dargelegt, oh Brahmanen, mögen sie zutreffen oder nicht zutreffen.

Wort für Wort
yathā matāni sarvāṇi
wie alle Lehrmeinungen sind
tathā etāni yathā tathā
so sind auch diese, wie sie sind
kathitāni mayā viprāḥ
von mir dargelegt, oh Brahmanen
bhavanti na bhavanti ca
mögen sie zutreffen oder nicht zutreffen

[?] Ungewöhnlich zurückhaltender, fast agnostischer Schlusskommentar Vyāsas zu seiner eigenen Lehrdarlegung.

tatprītiyuktena guṇānvitena / putreṇa satputradayānvitena / dṛṣṭvā hitaṃ prītamanā yadarthaṃ / brūyāt sutasyeha yad uktam etat //

Von einem mit Zuneigung dazu verbundenen, mit guten Eigenschaften ausgestatteten Sohn, der die Güte eines guten Sohnes besitzt — wenn er den Nutzen erkannt hat, soll er mit erfreutem Sinn, wozu es dient, dies, was hier gesagt wurde, dem eigenen Sohn sagen.

Wort für Wort
tatprītiyuktena guṇānvitena
von einem damit verbundenen, mit guten Eigenschaften ausgestatteten
putreṇa satputradayānvitena
Sohn, der die Güte eines guten Sohnes besitzt
dṛṣṭvā hitam prītamanā yadartham
den Nutzen erkannt habend, mit erfreutem Sinn, wozu es dient
brūyāt sutasya iha yat uktam etat
soll er dem Sohn sagen, was hier gesagt wurde

[Anm.] Vierzeiliger, syntaktisch stark verdichteter Hymnenvers zum Abschluss der Lehrrede; im Quelltext ohne Daṇḍa-Zeichen zwischen den Padas überliefert.

{munaya ūcuḥ:} mokṣaḥ pitāmahenokta upāyān nānupāyataḥ / tam upāyaṃ yathānyāyaṃ śrotum icchāmahe mune //

Die Weisen sprachen: Die Befreiung wurde vom Großvater als durch Mittel, nicht ohne Mittel erreichbar verkündet; jenes Mittel wünschen wir der Ordnung gemäß zu hören, oh Weiser.

Wort für Wort
mokṣaḥ pitāmahena uktaḥ
die Befreiung wurde vom Großvater verkündet
upāyāt na anupāyataḥ
durch Mittel, nicht ohne Mittel
tam upāyam yathānyāyam
jenes Mittel der Ordnung gemäß
śrotum icchāmahe mune
wünschen wir zu hören, oh Weiser

{vyāsa uvāca:} asmāsu tan mahāprājñā yuktaṃ nipuṇadarśanam / yadupāyena sarvārthān mṛgayadhvaṃ sadānaghāḥ //

Vyāsa sprach: Es ziemt sich für uns, oh ihr höchst Weisen, eine feinsinnige Betrachtung, wodurch ihr, oh stets Makellose, mit rechtem Mittel alle Ziele erjagt.

Wort für Wort
asmāsu tat mahāprājñāḥ
bei uns, oh höchst Weise
yuktam nipuṇadarśanam
ziemt sich eine feinsinnige Betrachtung
yadupāyena sarvārthān
wodurch (ihr) alle Ziele
mṛgayadhvam sadā anaghāḥ
erjagt, oh stets Makellose

ghaṭopakaraṇe buddhir ghaṭotpattau na sā matā / evaṃ dharmādyupāyārthe nānyadharmeṣu kāraṇam //

Die Erkenntnis richtet sich auf das Werkzeug des Topfes, nicht wird sie auf die Entstehung des Topfes selbst bezogen; ebenso liegt beim Mittel zum Dharma die Ursache nicht in anderen Dharmas.

Wort für Wort
ghaṭopakaraṇe buddhiḥ
die Erkenntnis (richtet sich) auf das Werkzeug des Topfes
ghaṭotpattau na sā matā
nicht wird sie auf die Topf-Entstehung bezogen
evam dharmādyupāyārthe
ebenso beim Mittel zum Dharma
na anyadharmeṣu kāraṇam
liegt die Ursache nicht in anderen Dharmas

[?] Analogie von Werkzeug und Wirkung, sinngemäß auf die rechte Anwendung des Dharma-Mittels übertragen.

pūrve samudre yaḥ panthā na sa gacchati paścimam / ekaḥ panthā hi mokṣasya tac chṛṇudhvaṃ mamānaghāḥ //

Der Weg, der zum östlichen Ozean führt, führt nicht zum westlichen; einen einzigen Weg gibt es zur Befreiung — hört diesen von mir, oh Makellose.

Wort für Wort
pūrve samudre yaḥ panthāḥ
der Weg zum östlichen Ozean
na sa gacchati paścimam
führt nicht zum westlichen
ekaḥ panthāḥ hi mokṣasya
einen einzigen Weg gibt es zur Befreiung
tat śṛṇudhvam mama anaghāḥ
hört diesen von mir, oh Makellose

kṣamayā krodham ucchindyāt kāmaṃ saṃkalpavarjanāt / sattvasaṃsevanād dhīro nidrām ucchettum arhati //

Durch Geduld soll man den Zorn ausrotten, die Begierde durch Aufgeben des Vorsatzes; durch die Pflege des Sattva vermag der Standhafte den Schlaf zu vertreiben.

Wort für Wort
kṣamayā krodham ucchindyāt
durch Geduld soll man den Zorn ausrotten
kāmam saṃkalpavarjanāt
die Begierde durch Aufgeben des Vorsatzes
sattvasaṃsevanāt dhīraḥ
durch die Pflege des Sattva der Standhafte
nidrām ucchettum arhati
vermag den Schlaf zu vertreiben

apramādād bhayaṃ rakṣed rakṣet kṣetraṃ ca saṃvidam / icchāṃ dveṣaṃ ca kāmaṃ ca dhairyeṇa vinivartayet //

Durch Wachsamkeit soll man sich vor Furcht schützen und das Feld samt dem Bewusstsein bewahren; Begehren, Hass und Verlangen soll man durch Standhaftigkeit abwenden.

Wort für Wort
apramādāt bhayam rakṣet
durch Wachsamkeit soll man sich vor Furcht schützen
rakṣet kṣetram ca saṃvidam
und das Feld samt dem Bewusstsein bewahren
icchām dveṣam ca kāmam ca
Begehren, Hass und Verlangen
dhairyeṇa vinivartayet
soll man durch Standhaftigkeit abwenden

nidrāṃ ca pratibhāṃ caiva jñānābhyāsena tattvavit / upadravāṃs tathā yogī hitajīrṇamitāśanāt //

Schlaf und trügerische Visionen soll der Wahrheitskenner durch die Übung der Erkenntnis überwinden; ebenso überwindet der Yogin die Hindernisse durch zuträgliche, verdauliche, gemäßigte Nahrung.

Wort für Wort
nidrām ca pratibhām ca eva
Schlaf und (trügerische) Visionen
jñānābhyāsena tattvavit
durch die Übung der Erkenntnis der Wahrheitskenner
upadravān tathā yogī
die Hindernisse ebenso der Yogin
hitajīrṇamitāśanāt
durch zuträgliche, verdauliche, gemäßigte Nahrung

lobhaṃ mohaṃ ca saṃtoṣād viṣayāṃs tattvadarśanāt / anukrośād adharmaṃ ca jayed dharmam upekṣayā //

Gier und Verblendung besiegt man durch Zufriedenheit, die Sinnesobjekte durch die Schau der Wahrheit; Unrecht durch Mitleid, übermäßigen Ritualeifer durch Gleichmut.

Wort für Wort
lobham moham ca saṃtoṣāt
Gier und Verblendung durch Zufriedenheit
viṣayān tattvadarśanāt
die Sinnesobjekte durch die Schau der Wahrheit
anukrośāt adharmam ca
Unrecht durch Mitleid
jayet dharmam upekṣayā
man besiege (übermäßigen) Dharma-Eifer durch Gleichmut [?]

[?] 'jayed dharmam upekṣayā' ('man besiege den Dharma durch Gleichmut') ist eine ungewöhnliche Formulierung; vermutlich auf übertriebenen, äußerlichen Ritualeifer bezogen, sinngemäß übertragen.

āyatyā ca jayed āśāṃ sāmarthyaṃ saṅgavarjanāt / anityatvena ca snehaṃ kṣudhāṃ yogena paṇḍitaḥ //

Durch Weitblick auf die Zukunft besiegt man die Hoffnung, die eigene Fähigkeit durch Aufgeben der Anhaftung; die Zuneigung durch das Bewusstsein der Vergänglichkeit, den Hunger durch Yoga — so der Gelehrte.

Wort für Wort
āyatyā ca jayet āśām
durch Weitblick besiegt man die Hoffnung
sāmarthyam saṅgavarjanāt
die Fähigkeit durch Aufgeben der Anhaftung
anityatvena ca sneham
die Zuneigung durch Vergänglichkeit
kṣudhām yogena paṇḍitaḥ
den Hunger durch Yoga, der Gelehrte

kāruṇyenātmanātmānaṃ tṛṣṇāṃ ca paritoṣataḥ / utthānena jayet tandrāṃ vitarkaṃ niścayāj jayet //

Durch Mitgefühl bezähmt man durch das Selbst das eigene Selbst, den Durst durch Genügsamkeit; durch Tatkraft besiegt man die Mattigkeit, den Zweifel besiegt man durch Entschlossenheit.

Wort für Wort
kāruṇyena ātmanā ātmānam
durch Mitgefühl durch das Selbst das Selbst
tṛṣṇām ca paritoṣataḥ
und den Durst durch Genügsamkeit
utthānena jayet tandrām
durch Tatkraft besiegt man die Mattigkeit
vitarkam niścayāt jayet
den Zweifel besiegt man durch Entschlossenheit

maunena bahubhāṣāṃ ca śauryeṇa ca bhayaṃ jayet / yacched vāṅmanasī buddhyā tāṃ yacchej jñānacakṣuṣā //

Durch Schweigen besiegt man das Vielreden, durch Tapferkeit die Furcht; Rede und Geist soll man durch die Erkenntniskraft zügeln, diese wiederum durch das Auge der Erkenntnis.

Wort für Wort
maunena bahubhāṣām ca
durch Schweigen das Vielreden
śauryeṇa ca bhayam jayet
und durch Tapferkeit die Furcht besiegt man
yacchet vāṅmanasī buddhyā
Rede und Geist soll man durch die Buddhi zügeln
tām yacchet jñānacakṣuṣā
diese durch das Auge der Erkenntnis

jñānam ātmā mahān yacchet taṃ yacchec chāntir ātmanaḥ / tad etad upaśāntena boddhavyaṃ śucikarmaṇā //

Die Erkenntnis soll das große Selbst zügeln, dieses wiederum soll der Friede des Selbst zügeln; dies ist vom Friedvollen, dem mit reinem Handeln, zu erkennen.

Wort für Wort
jñānam ātmā mahān yacchet
die Erkenntnis soll das große Selbst zügeln
tam yacchet śāntiḥ ātmanaḥ
dieses soll der Friede des Selbst zügeln
tat etat upaśāntena
dies ist vom Friedvollen
boddhavyam śucikarmaṇā
zu erkennen, dem mit reinem Handeln

yogadoṣān samucchidya pañca yān kavayo viduḥ / kāmaṃ krodhaṃ ca lobhaṃ ca bhayaṃ svapnaṃ ca pañcamam //

Nachdem er die fünf Fehler des Yoga ausgerottet hat, die die Weisen kennen — Begierde, Zorn, Gier, Furcht und als fünftes den Schlaf —

Wort für Wort
yogadoṣān samucchidya
die Fehler des Yoga ausgerottet habend
pañca yān kavayaḥ viduḥ
die fünf, die die Weisen kennen
kāmam krodham ca lobham ca
Begierde, Zorn und Gier
bhayam svapnam ca pañcamam
Furcht und als fünftes den Schlaf

parityajya niṣeveta yathāvad yogasādhanāt / dhyānam adhyayanaṃ dānaṃ satyaṃ hrīr ārjavaṃ kṣamā //

— nachdem er diese aufgegeben hat, soll er der Ordnung gemäß durch die Mittel des Yoga pflegen: Meditation, Studium, Freigebigkeit, Wahrheit, Scham, Aufrichtigkeit, Geduld,

Wort für Wort
parityajya niṣeveta
aufgegeben habend soll er pflegen
yathāvat yogasādhanāt
der Ordnung gemäß durch die Mittel des Yoga
dhyānam adhyayanam dānam
Meditation, Studium, Freigebigkeit
satyam hrīḥ ārjavam kṣamā
Wahrheit, Scham, Aufrichtigkeit, Geduld

śaucam ācārataḥ śuddhir indriyāṇāṃ ca saṃyamaḥ / etair vivardhate tejaḥ pāpmānam upahanti ca //

Reinheit, Läuterung durch rechten Wandel, und die Bezähmung der Sinne — durch diese wächst der Glanz, und er vernichtet die Sünde.

Wort für Wort
śaucam ācārataḥ śuddhiḥ
Reinheit, Läuterung durch (rechten) Wandel
indriyāṇām ca saṃyamaḥ
und die Bezähmung der Sinne
etaiḥ vivardhate tejaḥ
durch diese wächst der Glanz
pāpmānam upahanti ca
und er vernichtet die Sünde

sidhyanti cāsya saṃkalpā vijñānaṃ ca pravartate / dhūtapāpaḥ sa tejasvī laghvāhāro jitendriyaḥ //

Und dessen Vorsätze gelingen, und die Erkenntnis kommt zur Entfaltung — von Sünde gereinigt, glanzvoll, mit leichter Nahrung, mit bezähmten Sinnen ist er.

Wort für Wort
sidhyanti ca asya saṃkalpāḥ
und dessen Vorsätze gelingen
vijñānam ca pravartate
und die Erkenntnis entfaltet sich
dhūtapāpaḥ sa tejasvī
von Sünde gereinigt, glanzvoll (ist) er
laghvāhāraḥ jitendriyaḥ
mit leichter Nahrung, mit bezähmten Sinnen

kāmakrodhau vaśe kṛtvā nirviśed brahmaṇaḥ padam / amūḍhatvam asaṅgitvaṃ kāmakrodhavivarjanam //

Nachdem er Begierde und Zorn bezwungen hat, soll er in den Zustand des Brahman eingehen: Unverblendetsein, Unabhängigkeit, das Meiden von Begierde und Zorn,

Wort für Wort
kāmakrodhau vaśe kṛtvā
Begierde und Zorn bezwungen habend
nirviśet brahmaṇaḥ padam
soll er in den Zustand des Brahman eingehen
amūḍhatvam asaṅgitvam
Unverblendetsein, Unabhängigkeit
kāmakrodhavivarjanam
das Meiden von Begierde und Zorn

adainyam anudīrṇatvam anudvego hy avasthitiḥ / eṣa mārgo hi mokṣasya prasanno vimalaḥ śuciḥ / tathā vākkāyamanasāṃ niyamāḥ kāmato 'vyayāḥ //

Nicht-Elend, Nicht-Aufgebrachtsein, Unerregtheit, Standhaftigkeit — dies ist der klare, makellose, reine Pfad der Befreiung, ebenso die aus Begierde unwandelbar befolgten Zügelungen von Rede, Körper und Geist.

Wort für Wort
adainyam anudīrṇatvam
Nicht-Elend, Nicht-Aufgebrachtsein
anudvegaḥ hi avasthitiḥ
Unerregtheit, Standhaftigkeit
eṣaḥ mārgaḥ hi mokṣasya
dies ist der Pfad der Befreiung
prasannaḥ vimalaḥ śuciḥ
klar, makellos, rein
tathā vākkāyamanasām niyamāḥ
ebenso die Zügelungen von Rede, Körper, Geist
kāmataḥ avyayāḥ
aus Begierde (befolgt), unwandelbar

[Anm.] Dieser Vers hat im Quelltext drei Pādas statt der üblichen zwei Zeilen; so überliefert übernommen.

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