Kapitel 118: aśvatthapippalamandatīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Aśvattha-, Pippala- und Manda-Tīrtha (Agastya, der Vindhya-Berg und Śanis Sieg über zwei Rākṣasas)
Brahmā erzählt zwei zusammengefügte Erzählungen: zunächst die bekannte Agastya-Vindhya-Sage (der Vindhya-Berg verharrt seither in seiner Höhe, da Agastya, der ihn darum bat, nie aus dem Süden zurückkehrte), dann Agastyas Opfersitzung an der Gautamī. Zwei Rākṣasa-Söhne des Kaiṭabha, Aśvattha (in Baumgestalt) und Pippala (in Brahmanen-/Sāmaveda-Sänger-Gestalt), verschlingen dort heimlich Brahmanen. Śanaiścara (Saturn, Sohn der Sonne), von den Weisen mit zusätzlicher Askese-Kraft ausgestattet, lässt sich von beiden Rākṣasas verschlingen, erblickt sie von innen mit seinem berühmten zerstörerischen Blick (Śani-dṛṣṭi) und verbrennt sie zu Asche. Ursprung der Aśvattha-, Pippala-, Śanaiścara- und Agastya-Tīrthas sowie einer ätiologischen Erklärung für den negativen Volksglauben über Sāmaveda-Sänger.
{brahmovāca: }
aśvatthatīrtham ākhyātaṃ pippalaṃ ca tataḥ param /
uttare mandatīrthaṃ tu tatra vyuṣṭim itaḥ śṛṇu // BrP_118.1 //
Brahmā sprach: 'Das Aśvattha-Tīrtha wurde genannt, und danach das Pippala-Tīrtha; im Norden davon liegt das Manda-Tīrtha – höre nun von dessen Entstehung.'
Wort für Wort
aśvatthatīrtham ākhyātaṃ pippalaṃ ca tataḥ param
das Aśvattha-Tīrtha wurde genannt, und danach das Pippala-Tīrtha
uttare mandatīrthaṃ tu tatra vyuṣṭim itaḥ śṛṇu
im Norden davon das Manda-Tīrtha, höre nun von dessen Entstehung
zum Vindhya, der mit Meru und der Sonne wetteiferte, von hundert Gipfeln umgeben, dem überaus hohen Berg – der besonnene Weise, der Gemahl der Lopāmudrā (Agastya),
kṛtātithyo dvijaiḥ sārdhaṃ praśasya ca nagaṃ punaḥ /
idam āha muniśreṣṭho devakāryārthasiddhaye // BrP_118.5 //
nachdem ihm zusammen mit den Brahmanen Gastfreundschaft erwiesen worden war, und nachdem er den Berg wiederum gepriesen hatte, sprach der beste der Weisen dies, um das Anliegen der Götter zu erfüllen:
Wort für Wort
kṛtātithyo dvijaiḥ sārdhaṃ praśasya ca nagaṃ punaḥ
nachdem ihm mit den Brahmanen Gastfreundschaft erwiesen und der Berg gepriesen worden war
idam āha muniśreṣṭho devakāryārthasiddhaye
sprach der beste der Weisen dies, um das Anliegen der Götter zu erfüllen
dehi mārgaṃ nagapate ātithyaṃ dehi yācate /
yāvad āgamanaṃ me syāt sthātavyaṃ tāvad eva hi // BrP_118.7 //
'Gewähre den Weg, o Herr der Berge, gewähre Gastfreundschaft dem Bittenden; solange, bis ich zurückkehre, sollst du in deiner jetzigen Höhe verharren.'
Wort für Wort
dehi mārgaṃ nagapate ātithyaṃ dehi yācate
gewähre den Weg, o Herr der Berge, gewähre Gastfreundschaft dem Bittenden
nānyathā bhavitavyaṃ te tathety āha nagottamaḥ /
ākrāman dakṣiṇām āśāṃ tair vṛto munibhir muniḥ // BrP_118.8 //
'Du sollst nicht anders werden.' 'So sei es', sprach der beste der Berge. Die Südrichtung durchschreitend, zog der Weise, umgeben von jenen Weisen, fort.
Wort für Wort
nānyathā bhavitavyaṃ te
du sollst nicht anders werden
tathety āha nagottamaḥ
'so sei es' sprach der beste der Berge
ākrāman dakṣiṇām āśāṃ tair vṛto munibhir muniḥ
die Südrichtung durchschreitend, zog der Weise, umgeben von jenen Weisen, fort
[Anm.: Bekannte Agastya-Vindhya-Erzählung – der Vindhya wuchs seither nicht mehr weiter, da Agastya, der ihn zum Verharren aufforderte, nie in den Norden zurückkehrte.]
Aśvattha in Gestalt eines Aśvattha-Baumes (heiliger Feigenbaum), Pippala in Brahmanengestalt – beide, eine Gelegenheit suchend, um das Opfer zu zerstören,
Wort für Wort
aśvattho 'śvattharūpeṇa pippalo brahmarūpadhṛk
Aśvattha in Aśvattha-Baumgestalt, Pippala in Brahmanengestalt
tāv ubhāv antaraṃ prepsū yajñavidhvaṃsanāya tu
beide, eine Gelegenheit suchend, um das Opfer zu zerstören
Pippala, zum Sāmaveda-Sänger (Sāmaga) geworden, der Rākṣasa, verschlingt seine Schüler; deshalb gilt noch heute unter den Brahmanen der Sāmaga als überaus mitleidlos.
Wort für Wort
pippalaḥ sāmago bhūtvā śiṣyān aśnāti rākṣasaḥ
Pippala, zum Sāmaga geworden, der Rākṣasa, verschlingt seine Schüler
tasmād adyāpi vipreṣu sāmago 'tīva niṣkṛpaḥ
deshalb gilt noch heute unter den Brahmanen der Sāmaga als überaus mitleidlos
[Anm.: Ätiologische Erklärung für einen negativen Volksglauben über Sāmaveda-Sänger (Sāmaga).]
wo der Sohn der Sonne (Saurī), Śanaiścara (Saturn), der Langsame, gelübdetreu Askese übte; dorthin gingen alle Scharen der Weisen und berichteten von der Untat der Rākṣasas.
Wort für Wort
sauriṃ śanaiścaraṃ mandaṃ tapasyantaṃ dhṛtavratam
der Sohn der Sonne, Śanaiścara, der Langsame, gelübdetreu Askese übend
gatvā munigaṇāḥ sarve rakṣaḥkarma nyavedayan
dorthin gingen alle Weisenscharen und berichteten von der Untat der Rākṣasas
saurir munigaṇān āha pūrṇe tapasi me dvijāḥ /
rākṣasau hanmy apūrṇe tu tapasy akṣama eva hi // BrP_118.17 //
Der Sohn der Sonne sprach zu den Weisenscharen: 'Wenn meine Askese vollendet ist, o Brahmanen, werde ich die beiden Rākṣasas töten; solange meine Askese aber unvollendet ist, bin ich dazu nicht imstande.'
Wort für Wort
saurir munigaṇān āha
der Sohn der Sonne sprach zu den Weisenscharen
pūrṇe tapasi me dvijāḥ rākṣasau hanmy
wenn meine Askese vollendet ist, o Brahmanen, werde ich die beiden Rākṣasas töten
apūrṇe tu tapasy akṣama eva hi
solange meine Askese aber unvollendet ist, bin ich dazu nicht imstande
punaḥ procur munigaṇā dāsyāmas te tapo mahat /
ity ukto brāhmaṇaiḥ sauriḥ kṛtam ity āha tān api // BrP_118.18 //
Wiederum sprachen die Weisenscharen: 'Wir werden dir große Askese-Kraft übertragen.' So von den Brahmanen angesprochen, sagte der Sohn der Sonne zu ihnen ebenfalls: 'Es sei getan.'
Wort für Wort
punaḥ procur munigaṇā dāsyāmas te tapo mahat
wiederum sprachen die Weisenscharen: wir werden dir große Askese-Kraft übertragen
ity ukto brāhmaṇaiḥ sauriḥ kṛtam ity āha tān api
so von den Brahmanen angesprochen, sagte der Sohn der Sonne: es sei getan
Der Sohn der Sonne ging in Brahmanengestalt zu dem in Aśvattha-Gestalt befindlichen Rākṣasa; zum Brahmanen geworden, umschritt er ihn rechtsherum (Pradakṣiṇa).
Wort für Wort
saurir brāhmaṇaveṣeṇa prāyād aśvattharūpiṇam
der Sohn der Sonne ging in Brahmanengestalt zu dem in Aśvattha-Gestalt befindlichen (Rākṣasa)
rākṣasaṃ brāhmaṇo bhūtvā pradakṣiṇam athākarot
zum Brahmanen geworden, umschritt er den Rākṣasa rechtsherum
pradakṣiṇaṃ tu kurvāṇaṃ mene brāhmaṇam eva tam /
nityavad rākṣasaḥ pāpo bhakṣayām āsa māyayā // BrP_118.20 //
Als er die Umschreitung vollzog, hielt ihn der Rākṣasa für einen wirklichen Brahmanen; wie gewöhnlich verschlang ihn der sündige Rākṣasa durch Illusionsmacht (Māyā).
Wort für Wort
pradakṣiṇaṃ tu kurvāṇaṃ mene brāhmaṇam eva tam
als er die Umschreitung vollzog, hielt ihn (der Rākṣasa) für einen wirklichen Brahmanen
nityavad rākṣasaḥ pāpo bhakṣayām āsa māyayā
wie gewöhnlich verschlang ihn der sündige Rākṣasa durch Illusionsmacht
In dessen Körper eingedrungen, sah er (Śanaiścara) mit seinen Augen die Eingeweide von innen; jener sündige Rākṣasa wurde vom langsamen Sohn der Sonne mit seinem Blick erblickt.
Wort für Wort
tasya kāyaṃ samāviśya cakṣuṣāntrāṇy apaśyata
in dessen Körper eingedrungen, sah er mit seinen Augen die Eingeweide
dṛṣṭaḥ sa rākṣasaḥ pāpo mandena ravisūnunā
jener sündige Rākṣasa wurde vom langsamen Sohn der Sonne erblickt
[Anm.: Anspielung auf den in der Astrologie gefürchteten 'Śani-dṛṣṭi', den zerstörerischen Blick Saturns.]
Augenblicklich wurde er zu Asche, wie ein vom Blitz (Vajra) getroffener Berg; nachdem er den Aśvattha zu Asche gemacht hatte, ging er zum anderen, in Brahmanengestalt befindlichen Rākṣasa,
Wort für Wort
bhasmībhūtaḥ kṣaṇenaiva girir vajrahato yathā
augenblicklich wurde er zu Asche, wie ein vom Blitz getroffener Berg
aśvatthaṃ bhasmasāt kṛtvā anyaṃ brāhmaṇarūpiṇam
nachdem er den Aśvattha zu Asche gemacht hatte, (ging er) zum anderen, in Brahmanengestalt (befindlichen Rākṣasa)
Von ihm nur erblickt, wurde jener Rākṣasa zu Asche; nachdem er beide getötet hatte, sprach der Sohn der Sonne: 'Was ist nun meine weitere Aufgabe? Möget ihr mir sagen.'
Wort für Wort
tenālokitamātro 'sau rākṣaso bhasmasād abhūt
von ihm nur erblickt, wurde jener Rākṣasa zu Asche
ubhau hatvā bhānusutaḥ kiṃ kṛtyaṃ me vadantv atha
nachdem er beide getötet hatte, sprach der Sohn der Sonne: was ist nun meine Aufgabe, möget ihr sagen
{saurir uvāca: }
maddvāre niyatā ye ca kurvanty aśvatthalambhanam /
teṣāṃ sarvāṇi kāryāṇi syuḥ pīḍā madbhavā na ca // BrP_118.28 //
Der Sohn der Sonne sprach: 'Diejenigen, die an meinem Tor gelübdetreu den Aśvattha-Baum berühren, deren Unternehmungen sollen alle gelingen, und keine von mir verursachte Pein soll sie treffen.'
Wort für Wort
maddvāre niyatā ye ca kurvanty aśvatthalambhanam
diejenigen, die an meinem Tor gelübdetreu den Aśvattha-Baum berühren
teṣāṃ sarvāṇi kāryāṇi syuḥ pīḍā madbhavā na ca
deren Unternehmungen sollen alle gelingen, und keine von mir verursachte Pein soll sie treffen
{brahmovāca: }
tataḥ prabhṛti tat tīrtham aśvatthaṃ pippalaṃ viduḥ /
tīrthaṃ śanaiścaraṃ tatra tatrāgastyaṃ ca sāttrikam // BrP_118.31 //
Brahmā sprach: Von da an kennt man jene Pilgerstätte als Aśvattha- und Pippala-Tīrtha; dort gibt es auch das Śanaiścara-Tīrtha und das dortige, dem Opfer geweihte (sāttrika) Agastya-Tīrtha.
Wort für Wort
tataḥ prabhṛti tat tīrtham aśvatthaṃ pippalaṃ viduḥ
von da an kennt man jene Pilgerstätte als Aśvattha- und Pippala-Tīrtha
tīrthaṃ śanaiścaraṃ tatra tatrāgastyaṃ ca sāttrikam
dort gibt es das Śanaiścara-Tīrtha und das dem Opfer geweihte Agastya-Tīrtha
yājñikaṃ cāpi tat tīrthaṃ sāmagaṃ tīrtham eva ca /
ityādyaṣṭottarāṇy āsan sahasrāṇy atha ṣoḍaśa /
teṣu snānaṃ ca dānaṃ ca sattrayāgaphalapradam // BrP_118.32 //
[?] Und jene Pilgerstätte heißt auch Yājñika- und Sāmaga-Tīrtha; es gab von dieser Art eintausendundacht sowie weitere sechzehn (Tīrthas); an ihnen gewähren Bad und Spende die Frucht eines Opfer-Sattra.
Wort für Wort
yājñikaṃ cāpi tat tīrthaṃ sāmagaṃ tīrtham eva ca
und jene Pilgerstätte heißt auch Yājñika- und Sāmaga-Tīrtha
ityādyaṣṭottarāṇy āsan sahasrāṇy atha ṣoḍaśa
es gab von dieser Art eintausendundacht sowie weitere sechzehn (Tīrthas)
teṣu snānaṃ ca dānaṃ ca sattrayāgaphalapradam
an ihnen gewähren Bad und Spende die Frucht eines Opfer-Sattra
[Anm.: Vers mit drei Zeilen im Original; genaue Zählung 'aṣṭottarāṇi sahasrāṇi atha ṣoḍaśa' (,1008 und 16') unsicher.]