Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 190: kaṃsamantraḥ keśivadhaś ca Kaṃsas Ratschluss und die Tötung des Keśin

Kaṃsa, von Nārada über die wahre Herkunft der beiden Knaben unterrichtet, plant unter dem Vorwand eines Bogenopferfestes ihre Ermordung durch die Ringer Cāṇūra und Muṣṭika sowie den Elefanten Kuvalayāpīḍa und sendet Akrūra als Boten. Zugleich schickt er den Pferdedämon Keśin, den Kṛṣṇa mit dem eigenen Arm tötet, indem er ihn in dessen Rachen hineinwachsen lässt. Nārada erscheint, prophezeit Kṛṣṇa den Beinamen 'Keśava' und kündigt den bevorstehenden Kampf mit Kaṃsa sowie – vorausdeutend – die künftigen Erdenkriege an.

kakudmini hate 'riṣṭe dhenuke ca nipātite / pralambe nidhanaṃ nīte dhṛte govardhanācale //

Vyāsa sprach: Als der Höckertragende [Ariṣṭa] erschlagen, Dhenuka niedergestreckt, Pralamba zu Tode gebracht und der Berg Govardhana gehalten worden war,

Wort für Wort
kakudmini hate 'riṣṭe
als der Höckertragende [Ariṣṭa] erschlagen war
dhenuke ca nipātite
und Dhenuka niedergestreckt war
pralambe nidhanaṃ nīte
als Pralamba zu Tode gebracht war
dhṛte govardhanācale
als der Berg Govardhana gehalten worden war

damite kāliye nāge bhagne tuṅgadrumadvaye / hatāyāṃ pūtanāyāṃ ca śakaṭe parivartite //

als die Schlange Kāliya gebändigt, das Paar hoher Bäume gebrochen, Pūtanā getötet und der Wagen umgestürzt worden war,

Wort für Wort
damite kāliye nāge
als die Schlange Kāliya gebändigt war
bhagne tuṅgadrumadvaye
als das Paar hoher Bäume gebrochen war
hatāyāṃ pūtanāyāṃ ca
und als Pūtanā getötet war
śakaṭe parivartite
als der Wagen umgestürzt worden war

kaṃsāya nāradaḥ prāha yathāvṛttam anukramāt / yaśodādevakīgarbha-parivartādy aśeṣataḥ //

berichtete Nārada dem Kaṃsa alles Geschehene der Reihe nach, angefangen mit dem Vertauschen der Kinder Yaśodās und Devakīs, vollständig.

Wort für Wort
kaṃsāya nāradaḥ prāha
berichtete Nārada dem Kaṃsa
yathāvṛttam anukramāt
alles Geschehene der Reihe nach
yaśodādevakīgarbha-parivartādi
angefangen mit dem Vertauschen der Kinder Yaśodās und Devakīs
aśeṣataḥ
vollständig

śrutvā tat sakalaṃ kaṃso nāradād devadarśanāt / vasudevaṃ prati tadā kopaṃ cakre sa durmatiḥ //

Nachdem Kaṃsa dies alles von Nārada, dem Seher göttlicher Schau, gehört hatte, wurde jener übelgesinnte da zornig auf Vasudeva.

Wort für Wort
śrutvā tat sakalaṃ kaṃso
nachdem Kaṃsa dies alles gehört hatte
nāradād devadarśanāt
von Nārada, dem Seher göttlicher Schau
vasudevaṃ prati tadā kopaṃ cakre
wurde er da zornig auf Vasudeva
sa durmatiḥ
jener Übelgesinnte

so 'tikopād upālabhya sarvayādavasaṃsadi / jagarhe yādavāṃś cāpi kāryaṃ caitad acintayat //

Er tadelte ihn aus übergroßem Zorn in der ganzen Versammlung der Yādavas, schmähte auch die Yādavas und sann über diese Angelegenheit nach.

Wort für Wort
so 'tikopād upālabhya
er tadelte aus übergroßem Zorn
sarvayādavasaṃsadi
in der ganzen Versammlung der Yādavas
jagarhe yādavāṃś cāpi
schmähte auch die Yādavas
kāryaṃ caitad acintayat
und sann über diese Angelegenheit nach

yāvan na balam ārūḍhau balakṛṣṇau subālakau / tāvad eva mayā vadhyāv asādhyau rūḍhayauvanau //

Solange Bala und Kṛṣṇa, noch junge Knaben, nicht zu voller Kraft herangewachsen sind, so lange nur sind sie von mir zu töten – herangewachsen zur Jugendkraft wären sie unbezwingbar.

Wort für Wort
yāvan na balam ārūḍhau
solange sie nicht zu voller Kraft herangewachsen sind
balakṛṣṇau subālakau
Bala und Kṛṣṇa, noch junge Knaben
tāvad eva mayā vadhyāv
so lange nur sind sie von mir zu töten
asādhyau rūḍhayauvanau
unbezwingbar, wenn zur Jugendkraft herangewachsen

cāṇūro 'tra mahāvīryo muṣṭikaś ca mahābalaḥ / etābhyāṃ mallayuddhe tau ghātayiṣyāmi durmadau //

Cāṇūra hier, von großer Heldenkraft, und Muṣṭika, von großer Stärke – durch diese beiden werde ich jene beiden Hochmütigen im Ringkampf töten lassen.

Wort für Wort
cāṇūro 'tra mahāvīryo
Cāṇūra hier, von großer Heldenkraft
muṣṭikaś ca mahābalaḥ
und Muṣṭika, von großer Stärke
etābhyāṃ mallayuddhe
durch diese beiden im Ringkampf
tau ghātayiṣyāmi durmadau
werde ich jene beiden Hochmütigen töten lassen

dhanurmahamahāyāga-vyājenānīya tau vrajāt / tathā tathā kariṣyāmi yāsyataḥ saṃkṣayaṃ yathā //

Nachdem ich sie unter dem Vorwand des großen Bogenopferfestes aus Vraja herbeigebracht habe, werde ich es so einrichten, dass sie ihrem Untergang entgegengehen.

Wort für Wort
dhanurmahamahāyāga-vyājena
unter dem Vorwand des großen Bogenopferfestes
ānīya tau vrajāt
nachdem ich sie aus Vraja herbeigebracht habe
tathā tathā kariṣyāmi
werde ich es so einrichten
yāsyataḥ saṃkṣayaṃ yathā
dass sie ihrem Untergang entgegengehen

ity ālocya sa duṣṭātmā kaṃso rāmajanārdanau / hantuṃ kṛtamatir vīram akrūraṃ vākyam abravīt //

Vyāsa sprach: So überlegend, entschlossen, Rāma und Janārdana zu töten, sprach der übelgesinnte Kaṃsa zu dem Helden Akrūra folgende Worte.

Wort für Wort
ity ālocya sa duṣṭātmā kaṃso
so überlegend, jener übelgesinnte Kaṃsa
rāmajanārdanau hantuṃ
Rāma und Janārdana zu töten
kṛtamatir
entschlossen
vīram akrūraṃ vākyam abravīt
sprach er zu dem Helden Akrūra folgende Worte

bho bho dānapate vākyaṃ kriyatāṃ prītaye mama / itaḥ syandanam āruhya gamyatāṃ nandagokulam //

Kaṃsa sprach: He, he, Herr der Freigebigkeit, mein Wort werde ausgeführt, mir zu Gefallen: von hier aus besteige den Wagen und begib dich zu Nandas Gokula.

Wort für Wort
bho bho dānapate
he, he, Herr der Freigebigkeit
vākyaṃ kriyatāṃ prītaye mama
mein Wort werde ausgeführt, mir zu Gefallen
itaḥ syandanam āruhya
von hier aus den Wagen besteigend
gamyatāṃ nandagokulam
begib dich zu Nandas Gokula

vasudevasutau tatra viṣṇor aṃśasamudbhavau / nāśāya kila saṃbhūtau mama duṣṭau pravardhataḥ //

Dort wachsen Vasudevas beide Söhne heran, aus einem Teil Viṣṇus entstanden, die, wie es heißt, zu meinem Verderben geboren wurden – mir feindlich.

Wort für Wort
vasudevasutau tatra
dort Vasudevas beide Söhne
viṣṇor aṃśasamudbhavau
aus einem Teil Viṣṇus entstanden
nāśāya kila saṃbhūtau
die, wie es heißt, zu [meinem] Verderben entstanden sind
mama duṣṭau pravardhataḥ
mir feindlich, wachsen sie heran

dhanurmahamahāyāgaś caturdaśyāṃ bhaviṣyati / āneyau bhavatā tau tu mallayuddhāya tatra vai //

Das große Bogenopferfest wird am vierzehnten [Tag] stattfinden; jene beiden sollen von dir dorthin zum Ringkampf gebracht werden.

Wort für Wort
dhanurmahamahāyāgaś
das große Bogenopferfest
caturdaśyāṃ bhaviṣyati
wird am vierzehnten [Tag] stattfinden
āneyau bhavatā tau tu
jene beiden sollen von dir gebracht werden
mallayuddhāya tatra vai
dorthin zum Ringkampf

cāṇūramuṣṭikau mallau niyuddhakuśalau mama / tābhyāṃ sahānayor yuddhaṃ sarvaloko 'tra paśyatu //

Die Ringer Cāṇūra und Muṣṭika, mir zu Diensten, im Kampf geübt – mit ihnen soll den Kampf dieser beiden [Rāma und Kṛṣṇa] alle Welt dort sehen.

Wort für Wort
cāṇūramuṣṭikau mallau
die Ringer Cāṇūra und Muṣṭika
niyuddhakuśalau mama
mir zu Diensten, im Kampf geübt
tābhyāṃ sahānayor yuddhaṃ
mit ihnen den Kampf dieser beiden
sarvaloko 'tra paśyatu
soll alle Welt dort sehen

nāgaḥ kuvalayāpīḍo mahāmātrapracoditaḥ / sa tau nihaṃsyate pāpau vasudevātmajau śiśū //

Der Elefant Kuvalayāpīḍa, von seinem Mahut angetrieben, wird jene beiden bösen Kinder Vasudevas töten.

Wort für Wort
nāgaḥ kuvalayāpīḍo
der Elefant Kuvalayāpīḍa
mahāmātrapracoditaḥ
von seinem Mahut angetrieben
sa tau nihaṃsyate pāpau
er wird jene beiden bösen [Kinder] töten
vasudevātmajau śiśū
die Kinder Vasudevas

tau hatvā vasudevaṃ ca nandagopaṃ ca durmatim / haniṣye pitaraṃ caiva ugrasenaṃ ca durmatim //

Nachdem ich jene beiden getötet habe, und Vasudeva, und den übelgesinnten Kuhhirten Nanda, werde ich auch meinen Vater töten, den übelgesinnten Ugrasena.

Wort für Wort
tau hatvā vasudevaṃ ca
nachdem ich jene beiden getötet habe, und Vasudeva
nandagopaṃ ca durmatim
und den übelgesinnten Kuhhirten Nanda
haniṣye pitaraṃ caiva
werde ich auch [meinen] Vater töten
ugrasenaṃ ca durmatim
den übelgesinnten Ugrasena

tataḥ samastagopānāṃ godhanāny akhilāny aham / vittaṃ cāpahariṣyāmi duṣṭānāṃ madvadhaiṣiṇām //

Dann werde ich all den Kuhhirten, jenen Übeltätern, die meinen Tod wünschen, all ihren Rinderbesitz und ihr Vermögen rauben.

Wort für Wort
tataḥ samastagopānāṃ
dann all den Kuhhirten
godhanāny akhilāny aham
werde ich all ihren Rinderbesitz
vittaṃ cāpahariṣyāmi
und ihr Vermögen rauben
duṣṭānāṃ madvadhaiṣiṇām
jenen Übeltätern, die meinen Tod wünschen

tvām ṛte yādavāś ceme duṣṭā dānapate mama / eteṣāṃ ca vadhāyāhaṃ prayatiṣyāmy anukramāt //

Außer dir sind mir diese Yādavas alle feindlich, o Herr der Freigebigkeit, und für ihre Vernichtung werde ich mich der Reihe nach bemühen.

Wort für Wort
tvām ṛte yādavāś ceme
außer dir sind diese Yādavas
duṣṭā dānapate mama
mir feindlich, o Herr der Freigebigkeit
eteṣāṃ ca vadhāyāhaṃ
und für ihre Vernichtung werde ich
prayatiṣyāmy anukramāt
mich der Reihe nach bemühen

tato niṣkaṇṭakaṃ sarvaṃ rājyam etad ayādavam / prasādhiṣye tvayā tasmān matprītyā vīra gamyatām //

Dann werde ich dieses ganze Reich, unangefochten und frei von Yādavas, [mit deiner Hilfe] unterwerfen; darum geh, o Held, mir zu Gefallen.

Wort für Wort
tato niṣkaṇṭakaṃ sarvaṃ
dann [werde ich] dieses ganze unangefochtene
rājyam etad ayādavam
Reich, frei von Yādavas
prasādhiṣye tvayā
unterwerfen, mit deiner Hilfe
tasmān matprītyā vīra gamyatām
darum geh, o Held, mir zu Gefallen

yathā ca māhiṣaṃ sarpir dadhi cāpy upahārya vai / gopāḥ samānayanty āśu tvayā vācyās tathā tathā //

Und so wie die Kuhhirten Büffelbutter und Dickmilch als Abgabe rasch herbeibringen, so sollen sie von dir entsprechend angewiesen werden.

Wort für Wort
yathā ca māhiṣaṃ sarpir
und so wie Büffelbutter
dadhi cāpy upahārya vai
und Dickmilch als Abgabe
gopāḥ samānayanty āśu
die Kuhhirten rasch herbeibringen
tvayā vācyās tathā tathā
sollen sie von dir entsprechend angewiesen werden

ity ājñaptas tadākrūro mahābhāgavato dvijāḥ / prītimān abhavat kṛṣṇaṃ śvo drakṣyāmīti satvaraḥ //

Vyāsa sprach: So beauftragt, wurde Akrūra, der große Verehrer [Viṣṇus], o Zweifachgeborene, freudig, [denkend] 'morgen werde ich Kṛṣṇa sehen', und eilte.

Wort für Wort
ity ājñaptas tadākrūro
so beauftragt, da Akrūra
mahābhāgavato dvijāḥ
der große Verehrer [Viṣṇus], o Zweifachgeborene
prītimān abhavat
wurde freudig
kṛṣṇaṃ śvo drakṣyāmīti satvaraḥ
[denkend] 'morgen werde ich Kṛṣṇa sehen', und eilte

tathety uktvā tu rājānaṃ ratham āruhya satvaraḥ / niścakrāma tadā puryā mathurāyā madhupriyaḥ //

Nachdem er zum König 'so sei es' gesagt hatte, bestieg er eilig den Wagen und zog dann, dem Bezwinger Madhus zugetan, aus der Stadt Mathurā aus.

Wort für Wort
tathety uktvā tu rājānaṃ
nachdem er zum König 'so sei es' gesagt hatte
ratham āruhya satvaraḥ
bestieg er eilig den Wagen
niścakrāma tadā puryā mathurāyā
und zog dann aus der Stadt Mathurā aus
madhupriyaḥ
dem Bezwinger Madhus zugetan

[?] Bedeutung des Beinamens 'madhupriyaḥ' unsicher (‚dem Frühling/der Süße zugetan' oder ‚Kṛṣṇa, dem Bezwinger Madhus, zugetan').

keśī cāpi balodagraḥ kaṃsadūtaḥ pracoditaḥ / kṛṣṇasya nidhanākāṅkṣī vṛndāvanam upāgamat //

Vyāsa sprach: Und auch Keśin, von gewaltiger Kraft, von Kaṃsa als Bote entsandt, Kṛṣṇas Tod ersehnend, näherte sich Vṛndāvana.

Wort für Wort
keśī cāpi balodagraḥ
und auch Keśin, von gewaltiger Kraft
kaṃsadūtaḥ pracoditaḥ
von Kaṃsa als Bote entsandt
kṛṣṇasya nidhanākāṅkṣī
Kṛṣṇas Tod ersehnend
vṛndāvanam upāgamat
näherte er sich Vṛndāvana

sa khurakṣatabhūpṛṣṭhaḥ saṭākṣepadhutāmbudaḥ / punar vikrāntacandrārka-mārgo gopāntam āgamat //

Er, die Erdoberfläche mit seinen Hufen verwundend, die Wolken mit dem Schleudern seiner Mähne erschütternd, sein Lauf gar den Weg von Mond und Sonne überbietend, kam zum Rand der Kuhsiedlung.

Wort für Wort
sa khurakṣatabhūpṛṣṭhaḥ
er, die Erdoberfläche mit seinen Hufen verwundend
saṭākṣepadhutāmbudaḥ
die Wolken mit dem Schleudern seiner Mähne erschütternd
punar vikrāntacandrārka-mārgo
sein Lauf gar den Weg von Mond und Sonne überbietend
gopāntam āgamat
kam er zum Rand der Kuhsiedlung

[?] Genaue bildliche Bedeutung von 'vikrāntacandrārkamārgaḥ' unsicher, als poetische Übertreibung gedeutet.

tasya hreṣitaśabdena gopālā daityavājinaḥ / gopyaś ca bhayasaṃvignā govindaṃ śaraṇaṃ yayuḥ //

Durch den Klang seines Wieherns, des Dämonenpferdes, gingen die Kuhhirten und Kuhhirtinnen, von Furcht erschüttert, zu Govinda um Zuflucht.

Wort für Wort
tasya hreṣitaśabdena
durch den Klang seines Wieherns
gopālā daityavājinaḥ
des Dämonenpferdes, [gingen] die Kuhhirten
gopyaś ca bhayasaṃvignā
und die Kuhhirtinnen, von Furcht erschüttert
govindaṃ śaraṇaṃ yayuḥ
gingen zu Govinda um Zuflucht

trāhi trāhīti govindas teṣāṃ śrutvā tu tadvacaḥ / satoyajaladadhvāna-gambhīram idam uktavān //

'Rette, rette!' – Govinda, nachdem er diese ihre Worte gehört hatte, sprach dies, tief wie der Klang einer wasserschweren Wolke:

Wort für Wort
trāhi trāhīti
'rette, rette!'
govindas teṣāṃ śrutvā tu tadvacaḥ
Govinda, nachdem er diese ihre Worte gehört hatte
satoyajaladadhvāna-gambhīram
tief wie der Klang einer wasserschweren Wolke
idam uktavān
sprach dies

alaṃ trāsena gopālāḥ keśinaḥ kiṃ bhayāturaiḥ / bhavadbhir gopajātīyair vīravīryaṃ vilopyate //

Govinda sprach: Genug der Furcht, o Kuhhirten! Warum vor Keśin von Furcht ergriffen sein? Durch euch, die ihr von Kuhhirtengeschlecht seid, wird die Heldenkraft der Tapferen zunichte gemacht.

Wort für Wort
alaṃ trāsena gopālāḥ
genug der Furcht, o Kuhhirten
keśinaḥ kiṃ bhayāturaiḥ
warum vor Keśin von Furcht ergriffen sein
bhavadbhir gopajātīyair
durch euch, die ihr von Kuhhirtengeschlecht seid
vīravīryaṃ vilopyate
wird die Heldenkraft der Tapferen zunichte gemacht

kim anenālpasāreṇa hreṣitāropakāriṇā / daiteyabalavāhyena valgatā duṣṭavājinā //

Was [ist zu fürchten] von diesem, der nur wenig Substanz hat, der nur durch Wiehern Schrecken bewirkt, der von Dämonenkraft angetrieben wird, ein umherspringendes, böses Pferd?

Wort für Wort
kim anenālpasāreṇa
was [ist zu fürchten] von diesem, der nur wenig Substanz hat
hreṣitāropakāriṇā
der nur durch Wiehern Schrecken bewirkt
daiteyabalavāhyena
der von Dämonenkraft angetrieben wird
valgatā duṣṭavājinā
ein umherspringendes, böses Pferd

ehy ehi duṣṭa kṛṣṇo 'haṃ pūṣṇas tv iva pinākadhṛk / pātayiṣyāmi daśanān vadanād akhilāṃs tava //

Komm, komm, Böser! Ich, Kṛṣṇa, werde, wie einst der Träger des Pināka [Śiva] dem Pūṣan, alle deine Zähne aus deinem Maul schlagen!

Wort für Wort
ehy ehi duṣṭa
komm, komm, Böser
kṛṣṇo 'haṃ pūṣṇas tv iva pinākadhṛk
ich, Kṛṣṇa, wie der Träger des Pināka dem Pūṣan
pātayiṣyāmi daśanān
werde ich [deine] Zähne schlagen
vadanād akhilāṃs tava
alle aus deinem Maul

[Anm.: Anspielung auf den Mythos, wonach Śiva/Rudra (der Pināka-Bogenträger) dem vedischen Gott Pūṣan bei Dakṣas Opfer die Zähne einschlug – ein stehendes Vergleichsbild für Zahnzerschmetterung.]

ity uktvā sa tu govindaḥ keśinaḥ saṃmukhaṃ yayau / vivṛtāsyaś ca so 'py enaṃ daiteyaś ca upādravat //

Vyāsa sprach: Nach diesen Worten trat Govinda Keśin entgegen; und auch er, mit aufgerissenem Maul, der Dämon, stürmte auf ihn los.

Wort für Wort
ity uktvā sa tu govindaḥ
nach diesen Worten [trat] Govinda
keśinaḥ saṃmukhaṃ yayau
Keśin entgegen
vivṛtāsyaś ca so 'py enaṃ
und auch er, mit aufgerissenem Maul, ihn
daiteyaś ca upādravat
der Dämon stürmte los

bāhum ābhoginaṃ kṛtvā mukhe tasya janārdanaḥ / praveśayām āsa tadā keśino duṣṭavājinaḥ //

Janārdana, seinen Arm schlangengleich anschwellend machend, ließ ihn dann in das Maul Keśins, des bösen Pferdes, eindringen.

Wort für Wort
bāhum ābhoginaṃ kṛtvā
seinen Arm schlangengleich anschwellend machend
mukhe tasya janārdanaḥ
Janārdana in dessen Maul
praveśayām āsa tadā
ließ ihn dann eindringen
keśino duṣṭavājinaḥ
in Keśin, das böse Pferd

keśino vadanaṃ tena viśatā kṛṣṇabāhunā / śātitā daśanās tasya sitābhrāvayavā iva //

Durch jenen in Keśins Maul eindringenden Arm Kṛṣṇas wurden dessen Zähne zerschmettert, wie Bruchstücke einer weißen Wolke.

Wort für Wort
keśino vadanaṃ tena viśatā kṛṣṇabāhunā
durch jenen in Keśins Maul eindringenden Arm Kṛṣṇas
śātitā daśanās tasya
wurden dessen Zähne zerschmettert
sitābhrāvayavā iva
wie Bruchstücke einer weißen Wolke

kṛṣṇasya vavṛdhe bāhuḥ keśidehagato dvijāḥ / vināśāya yathā vyādhir āptabhūtair upekṣitaḥ //

Kṛṣṇas Arm, in Keśins Leib eingedrungen, o Zweifachgeborene, wuchs zu dessen Vernichtung an, wie eine Krankheit, die von den eigenen Angehörigen vernachlässigt wird.

Wort für Wort
kṛṣṇasya vavṛdhe bāhuḥ
Kṛṣṇas Arm wuchs an
keśidehagato dvijāḥ
in Keśins Leib eingedrungen, o Zweifachgeborene
vināśāya
zu dessen Vernichtung
yathā vyādhir āptabhūtair upekṣitaḥ
wie eine Krankheit, die von den eigenen Angehörigen vernachlässigt wird

vipāṭitauṣṭho bahulaṃ saphenaṃ rudhiraṃ vaman / sṛkkaṇī vivṛte cakre viśliṣṭe muktabandhane //

Mit zerrissenen Lippen, reichlich schaumiges Blut erbrechend, wurden seine beiden Mundwinkel weit aufgerissen, ausgerenkt, ihr Gelenk gelöst.

Wort für Wort
vipāṭitauṣṭho
mit zerrissenen Lippen
bahulaṃ saphenaṃ rudhiraṃ vaman
reichlich schaumiges Blut erbrechend
sṛkkaṇī vivṛte cakre
seine beiden Mundwinkel wurden weit aufgerissen
viśliṣṭe muktabandhane
ausgerenkt, ihr Gelenk gelöst

jagāma dharaṇīṃ pādaiḥ śakṛnmūtraṃ samutsṛjan / svedārdragātraḥ śrāntaś ca niryatnaḥ so 'bhavat tataḥ //

Er sank mit den Beinen zu Boden, Kot und Urin entleerend, seine Glieder von Schweiß nass, und wurde erschöpft und dann kraftlos.

Wort für Wort
jagāma dharaṇīṃ pādaiḥ
er sank mit den Beinen zu Boden
śakṛnmūtraṃ samutsṛjan
Kot und Urin entleerend
svedārdragātraḥ śrāntaś ca
seine Glieder von Schweiß nass und erschöpft
niryatnaḥ so 'bhavat tataḥ
und wurde dann kraftlos

vyāditāsyo mahāraudraḥ so 'suraḥ kṛṣṇabāhunā / nipapāta dvidhābhūto vaidyutena yathā drumaḥ //

Mit aufgerissenem Maul, überaus schrecklich, fiel jener Dämon, durch Kṛṣṇas Arm entzweigespalten, wie ein von einem Blitz [gespaltener] Baum.

Wort für Wort
vyāditāsyo mahāraudraḥ
mit aufgerissenem Maul, überaus schrecklich
so 'suraḥ kṛṣṇabāhunā
jener Dämon, durch Kṛṣṇas Arm
nipapāta dvidhābhūto
fiel entzweigespalten
vaidyutena yathā drumaḥ
wie ein von einem Blitz [gespaltener] Baum

dvipādapṛṣṭhapucchārdha-śravaṇaikākṣanāsike / keśinas te dvidhā bhūte śakale ca virejatuḥ //

Jene beiden Hälften Keśins, entzweigespalten, [je] mit zwei Beinen, halbem Rücken, halbem Schwanz, einem Ohr, einem Auge und [halber] Nase, lagen sichtbar da.

Wort für Wort
dvipādapṛṣṭhapucchārdha-
mit zwei Beinen, halbem Rücken, halbem Schwanz
śravaṇaikākṣanāsike
einem Ohr, einem Auge und [halber] Nase
keśinas te dvidhā bhūte śakale ca
jene beiden entzweigespaltenen Hälften Keśins
virejatuḥ
lagen sichtbar da

[Anm.: groteske anatomische Aufzählung der beiden Hälften des erschlagenen Pferdedämons, hier bewusst wörtlich wiedergegeben.]

hatvā tu keśinaṃ kṛṣṇo muditair gopakair vṛtaḥ / anāyastatanuḥ svastho hasaṃs tatraiva saṃsthitaḥ //

Nachdem er Keśin getötet hatte, blieb Kṛṣṇa, von erfreuten Kuhhirten umgeben, mit unangestrengtem Körper, wohlbefindlich, lachend, eben dort stehen.

Wort für Wort
hatvā tu keśinaṃ kṛṣṇo
nachdem er Keśin getötet hatte, Kṛṣṇa
muditair gopakair vṛtaḥ
von erfreuten Kuhhirten umgeben
anāyastatanuḥ svastho
mit unangestrengtem Körper, wohlbefindlich
hasaṃs tatraiva saṃsthitaḥ
lachend blieb er eben dort stehen

tato gopāś ca gopyaś ca hate keśini vismitāḥ / tuṣṭuvuḥ puṇḍarīkākṣam anurāgamanoramam //

Da priesen die Kuhhirten und Kuhhirtinnen, als Keśin erschlagen war, verwundert den Lotosäugigen, der ihnen durch [ihre] Zuneigung lieb war.

Wort für Wort
tato gopāś ca gopyaś ca
da die Kuhhirten und Kuhhirtinnen
hate keśini vismitāḥ
als Keśin erschlagen war, verwundert
tuṣṭuvuḥ puṇḍarīkākṣam
priesen sie den Lotosäugigen
anurāgamanoramam
der ihnen durch [ihre] Zuneigung lieb war

āyayau tvarito vipro nārado jaladasthitaḥ / keśinaṃ nihataṃ dṛṣṭvā harṣanirbharamānasaḥ //

Der Weise Nārada kam eilends, in einer Wolke stehend, herbei, nachdem er Keśin erschlagen gesehen hatte, sein Geist voller Freude.

Wort für Wort
āyayau tvarito vipro nārado
der Weise Nārada kam eilends herbei
jaladasthitaḥ
in einer Wolke stehend
keśinaṃ nihataṃ dṛṣṭvā
nachdem er Keśin erschlagen gesehen hatte
harṣanirbharamānasaḥ
sein Geist voller Freude

sādhu sādhu jagannātha līlayaiva yad acyuta / nihato 'yaṃ tvayā keśī kleśadas tridivaukasām //

Nārada sprach: Wohlgetan, wohlgetan, o Herr der Welt! Weil, o Acyuta, dieser Keśin, der Plage der Himmelsbewohner, von dir im bloßen Spiel erschlagen wurde,

Wort für Wort
sādhu sādhu jagannātha
wohlgetan, wohlgetan, o Herr der Welt
līlayaiva yad acyuta
weil, o Acyuta, im bloßen Spiel
nihato 'yaṃ tvayā keśī
dieser Keśin von dir erschlagen wurde
kleśadas tridivaukasām
der Plage der Himmelsbewohner

sukarmāṇy avatāre tu kṛtāni madhusūdana / yāni vai vismitaṃ cetas toṣam etena me gatam //

sind in [dieser] Herabkunft, o Madhusūdana, gute Taten vollbracht worden; durch diese ist mein verwundertes Gemüt zur Zufriedenheit gelangt.

Wort für Wort
sukarmāṇy avatāre tu kṛtāni
sind in [dieser] Herabkunft gute Taten vollbracht worden
madhusūdana
o Madhusūdana
yāni vai vismitaṃ cetas
durch diese ist mein verwundertes Gemüt
toṣam etena me gatam
zur Zufriedenheit gelangt

turagasyāsya śakro 'pi kṛṣṇa devāś ca bibhyati / dhutakesarajālasya hreṣato 'bhrāvalokinaḥ //

Vor diesem Pferd, o Kṛṣṇa, fürchten sich selbst Śakra und die Götter – dessen Mähnengeflecht sich schüttelt, das wiehert und bis zu den Wolken blickt.

Wort für Wort
turagasyāsya śakro 'pi
vor diesem Pferd selbst Śakra
kṛṣṇa devāś ca bibhyati
und die Götter, o Kṛṣṇa, fürchten sich
dhutakesarajālasya hreṣato
dessen Mähnengeflecht sich schüttelt, das wiehert
'bhrāvalokinaḥ
das bis zu den Wolken blickt

yasmāt tvayaiṣa duṣṭātmā hataḥ keśī janārdana / tasmāt keśavanāmnā tvaṃ loke geyo bhaviṣyasi //

Weil dieser übelgesinnte Keśin von dir erschlagen wurde, o Janārdana, wirst du deshalb unter dem Namen 'Keśava' in der Welt besungen werden.

Wort für Wort
yasmāt tvayaiṣa duṣṭātmā
weil dieser übelgesinnte
hataḥ keśī janārdana
Keśī von dir erschlagen wurde, o Janārdana
tasmāt keśavanāmnā
deshalb unter dem Namen 'Keśava'
tvaṃ loke geyo bhaviṣyasi
wirst du in der Welt besungen werden

[Anm.: volksetymologische Herleitung des Beinamens Keśava, hier ausdrücklich von der Tötung Keśins abgeleitet (andernorts z.B. von keśa, ‚Haar').]

svasty astu te gamiṣyāmi kaṃsayuddhe 'dhunā punaḥ / paraśvo 'haṃ sameṣyāmi tvayā keśiniṣūdana //

Heil sei dir, ich werde gehen; beim Kampf mit Kaṃsa werde ich übermorgen wieder mit dir zusammentreffen, o Bezwinger Keśins.

Wort für Wort
svasty astu te gamiṣyāmi
Heil sei dir, ich werde gehen
kaṃsayuddhe 'dhunā punaḥ
beim Kampf mit Kaṃsa wieder
paraśvo 'haṃ sameṣyāmi
übermorgen werde ich zusammentreffen
tvayā keśiniṣūdana
mit dir, o Bezwinger Keśins

ugrasenasute kaṃse sānuge vinipātite / bhārāvatārakartā tvaṃ pṛthivyā dharaṇīdhara //

Wenn Kaṃsa, Ugrasenas Sohn, samt seinem Gefolge niedergestreckt sein wird, wirst du, o Träger der Erde, der Vollbringer der Erdlast-Abnahme sein.

Wort für Wort
ugrasenasute kaṃse
wenn Kaṃsa, Ugrasenas Sohn
sānuge vinipātite
samt seinem Gefolge niedergestreckt sein wird
bhārāvatārakartā tvaṃ
wirst du der Vollbringer der Erdlast-Abnahme sein
pṛthivyā dharaṇīdhara
der Erde, o Träger der Erde

tatrānekaprakāreṇa yuddhāni pṛthivīkṣitām / draṣṭavyāni mayā yuṣmat-praṇītāni janārdana //

Dort werde ich auf vielfache Weise die Kämpfe der Herrscher der Erde noch zu sehen bekommen, die von dir veranlasst sind, o Janārdana.

Wort für Wort
tatrānekaprakāreṇa
dort auf vielfache Weise
yuddhāni pṛthivīkṣitām
die Kämpfe der Herrscher der Erde
draṣṭavyāni mayā
werde ich noch zu sehen bekommen
yuṣmat-praṇītāni janārdana
die von dir veranlasst sind, o Janārdana

[Anm.: Vorverweis auf den künftigen Mahābhārata-Krieg, ähnlich der Prophezeiung in Kap.188.]

so 'haṃ yāsyāmi govinda devakāryaṃ mahat kṛtam / tvayā sabhājitaś cāhaṃ svasti te 'stu vrajāmy aham //

So werde ich gehen, o Govinda; ein großes Werk für die Götter ist vollbracht, und ich, von dir geehrt – Heil sei dir, ich gehe.

Wort für Wort
so 'haṃ yāsyāmi govinda
so werde ich gehen, o Govinda
devakāryaṃ mahat kṛtam
ein großes Werk für die Götter ist vollbracht
tvayā sabhājitaś cāhaṃ
und ich, von dir geehrt
svasti te 'stu vrajāmy aham
Heil sei dir, ich gehe

nārade tu gate kṛṣṇaḥ saha gopair avismitaḥ / viveśa gokulaṃ gopī-netrapānaikabhājanam //

Vyāsa sprach: Als Nārada gegangen war, betrat Kṛṣṇa, zusammen mit den Kuhhirten, unbeeindruckt [vom Lob], Gokula – er, das alleinige Gefäß, an dem sich die Augen der Gopīs laben.

Wort für Wort
nārade tu gate
als Nārada gegangen war
kṛṣṇaḥ saha gopair avismitaḥ
betrat Kṛṣṇa, zusammen mit den Kuhhirten, unbeeindruckt [vom Lob]
viveśa gokulaṃ
Gokula
gopī-netrapānaikabhājanam
er, das alleinige Gefäß, an dem sich die Augen der Gopīs laben

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