Kapitel 190: kaṃsamantraḥ keśivadhaś ca
Kaṃsas Ratschluss und die Tötung des Keśin
Kaṃsa, von Nārada über die wahre Herkunft der beiden Knaben unterrichtet, plant unter dem Vorwand eines Bogenopferfestes ihre Ermordung durch die Ringer Cāṇūra und Muṣṭika sowie den Elefanten Kuvalayāpīḍa und sendet Akrūra als Boten. Zugleich schickt er den Pferdedämon Keśin, den Kṛṣṇa mit dem eigenen Arm tötet, indem er ihn in dessen Rachen hineinwachsen lässt. Nārada erscheint, prophezeit Kṛṣṇa den Beinamen 'Keśava' und kündigt den bevorstehenden Kampf mit Kaṃsa sowie – vorausdeutend – die künftigen Erdenkriege an.
kakudmini hate 'riṣṭe dhenuke ca nipātite / pralambe nidhanaṃ nīte dhṛte govardhanācale //
Vyāsa sprach: Als der Höckertragende [Ariṣṭa] erschlagen, Dhenuka niedergestreckt, Pralamba zu Tode gebracht und der Berg Govardhana gehalten worden war,
yāvan na balam ārūḍhau balakṛṣṇau subālakau / tāvad eva mayā vadhyāv asādhyau rūḍhayauvanau //
Solange Bala und Kṛṣṇa, noch junge Knaben, nicht zu voller Kraft herangewachsen sind, so lange nur sind sie von mir zu töten – herangewachsen zur Jugendkraft wären sie unbezwingbar.
Wort für Wort
yāvan na balam ārūḍhau
solange sie nicht zu voller Kraft herangewachsen sind
Nachdem ich sie unter dem Vorwand des großen Bogenopferfestes aus Vraja herbeigebracht habe, werde ich es so einrichten, dass sie ihrem Untergang entgegengehen.
Kaṃsa sprach: He, he, Herr der Freigebigkeit, mein Wort werde ausgeführt, mir zu Gefallen: von hier aus besteige den Wagen und begib dich zu Nandas Gokula.
tau hatvā vasudevaṃ ca nandagopaṃ ca durmatim / haniṣye pitaraṃ caiva ugrasenaṃ ca durmatim //
Nachdem ich jene beiden getötet habe, und Vasudeva, und den übelgesinnten Kuhhirten Nanda, werde ich auch meinen Vater töten, den übelgesinnten Ugrasena.
Wort für Wort
tau hatvā vasudevaṃ ca
nachdem ich jene beiden getötet habe, und Vasudeva
Vyāsa sprach: So beauftragt, wurde Akrūra, der große Verehrer [Viṣṇus], o Zweifachgeborene, freudig, [denkend] 'morgen werde ich Kṛṣṇa sehen', und eilte.
Wort für Wort
ity ājñaptas tadākrūro
so beauftragt, da Akrūra
mahābhāgavato dvijāḥ
der große Verehrer [Viṣṇus], o Zweifachgeborene
prītimān abhavat
wurde freudig
kṛṣṇaṃ śvo drakṣyāmīti satvaraḥ
[denkend] 'morgen werde ich Kṛṣṇa sehen', und eilte
sa khurakṣatabhūpṛṣṭhaḥ saṭākṣepadhutāmbudaḥ / punar vikrāntacandrārka-mārgo gopāntam āgamat //
Er, die Erdoberfläche mit seinen Hufen verwundend, die Wolken mit dem Schleudern seiner Mähne erschütternd, sein Lauf gar den Weg von Mond und Sonne überbietend, kam zum Rand der Kuhsiedlung.
Wort für Wort
sa khurakṣatabhūpṛṣṭhaḥ
er, die Erdoberfläche mit seinen Hufen verwundend
saṭākṣepadhutāmbudaḥ
die Wolken mit dem Schleudern seiner Mähne erschütternd
punar vikrāntacandrārka-mārgo
sein Lauf gar den Weg von Mond und Sonne überbietend
gopāntam āgamat
kam er zum Rand der Kuhsiedlung
[?] Genaue bildliche Bedeutung von 'vikrāntacandrārkamārgaḥ' unsicher, als poetische Übertreibung gedeutet.
Govinda sprach: Genug der Furcht, o Kuhhirten! Warum vor Keśin von Furcht ergriffen sein? Durch euch, die ihr von Kuhhirtengeschlecht seid, wird die Heldenkraft der Tapferen zunichte gemacht.
Wort für Wort
alaṃ trāsena gopālāḥ
genug der Furcht, o Kuhhirten
keśinaḥ kiṃ bhayāturaiḥ
warum vor Keśin von Furcht ergriffen sein
bhavadbhir gopajātīyair
durch euch, die ihr von Kuhhirtengeschlecht seid
vīravīryaṃ vilopyate
wird die Heldenkraft der Tapferen zunichte gemacht
kim anenālpasāreṇa hreṣitāropakāriṇā / daiteyabalavāhyena valgatā duṣṭavājinā //
Was [ist zu fürchten] von diesem, der nur wenig Substanz hat, der nur durch Wiehern Schrecken bewirkt, der von Dämonenkraft angetrieben wird, ein umherspringendes, böses Pferd?
Wort für Wort
kim anenālpasāreṇa
was [ist zu fürchten] von diesem, der nur wenig Substanz hat
Komm, komm, Böser! Ich, Kṛṣṇa, werde, wie einst der Träger des Pināka [Śiva] dem Pūṣan, alle deine Zähne aus deinem Maul schlagen!
Wort für Wort
ehy ehi duṣṭa
komm, komm, Böser
kṛṣṇo 'haṃ pūṣṇas tv iva pinākadhṛk
ich, Kṛṣṇa, wie der Träger des Pināka dem Pūṣan
pātayiṣyāmi daśanān
werde ich [deine] Zähne schlagen
vadanād akhilāṃs tava
alle aus deinem Maul
[Anm.: Anspielung auf den Mythos, wonach Śiva/Rudra (der Pināka-Bogenträger) dem vedischen Gott Pūṣan bei Dakṣas Opfer die Zähne einschlug – ein stehendes Vergleichsbild für Zahnzerschmetterung.]
Kṛṣṇas Arm, in Keśins Leib eingedrungen, o Zweifachgeborene, wuchs zu dessen Vernichtung an, wie eine Krankheit, die von den eigenen Angehörigen vernachlässigt wird.
Wort für Wort
kṛṣṇasya vavṛdhe bāhuḥ
Kṛṣṇas Arm wuchs an
keśidehagato dvijāḥ
in Keśins Leib eingedrungen, o Zweifachgeborene
vināśāya
zu dessen Vernichtung
yathā vyādhir āptabhūtair upekṣitaḥ
wie eine Krankheit, die von den eigenen Angehörigen vernachlässigt wird
dvipādapṛṣṭhapucchārdha-śravaṇaikākṣanāsike / keśinas te dvidhā bhūte śakale ca virejatuḥ //
Jene beiden Hälften Keśins, entzweigespalten, [je] mit zwei Beinen, halbem Rücken, halbem Schwanz, einem Ohr, einem Auge und [halber] Nase, lagen sichtbar da.
Wort für Wort
dvipādapṛṣṭhapucchārdha-
mit zwei Beinen, halbem Rücken, halbem Schwanz
śravaṇaikākṣanāsike
einem Ohr, einem Auge und [halber] Nase
keśinas te dvidhā bhūte śakale ca
jene beiden entzweigespaltenen Hälften Keśins
virejatuḥ
lagen sichtbar da
[Anm.: groteske anatomische Aufzählung der beiden Hälften des erschlagenen Pferdedämons, hier bewusst wörtlich wiedergegeben.]
Nārada sprach: Wohlgetan, wohlgetan, o Herr der Welt! Weil, o Acyuta, dieser Keśin, der Plage der Himmelsbewohner, von dir im bloßen Spiel erschlagen wurde,
nārade tu gate kṛṣṇaḥ saha gopair avismitaḥ / viveśa gokulaṃ gopī-netrapānaikabhājanam //
Vyāsa sprach: Als Nārada gegangen war, betrat Kṛṣṇa, zusammen mit den Kuhhirten, unbeeindruckt [vom Lob], Gokula – er, das alleinige Gefäß, an dem sich die Augen der Gopīs laben.
Wort für Wort
nārade tu gate
als Nārada gegangen war
kṛṣṇaḥ saha gopair avismitaḥ
betrat Kṛṣṇa, zusammen mit den Kuhhirten, unbeeindruckt [vom Lob]
viveśa gokulaṃ
Gokula
gopī-netrapānaikabhājanam
er, das alleinige Gefäß, an dem sich die Augen der Gopīs laben