Kapitel 102: pañcatīrthamāhātmyavarṇanam (mṛgavyādhatīrtham)
Die Größe der fünf Tīrthas Sāvitrī, Gāyatrī, Śraddhā, Medhā, Sarasvatī (Mṛgavyādha-Tīrtha)
Brahmā beschreibt die fünf heilvollen Tīrthas seiner ältesten Töchter (Sāvitrī, Gāyatrī, Śraddhā, Medhā, Sarasvatī) und erzählt in eigener Person den bekannten Mṛgavyādha-Mythos: von Begierde nach einer weiteren, weltschönen Tochter ergriffen, verfolgt er sie in Hirschgestalt, bis Śiva als 'Hirschjäger' (Mṛgavyādha) zum Schutz des Dharma einschreitet und Brahmā mit dem Tod droht. Brahmā lässt ab, übergibt die Tochter dem Sonnengott Vivasvant, und seine fünf Töchter vereinigen sich in Flussgestalt an jenem Ort mit der Gaṅgā. Ursprung des Fünf-Tīrtha-Komplexes samt Mṛgavyādha-Tīrtha, das (wie das benachbarte Brahma-Tīrtha aus Kap.101) alle Wünsche und Erlösung gewährt.
Brahmā sprach: Diese sind meine ältesten Töchter, Ursachen der Grundlegung des Dharma. Eine gewisse, die Vortrefflichste von allen, die Weltschöne, erschuf ich.
Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
etā mama sutā jyeṣṭhā
diese sind meine ältesten Töchter
dharmasaṃsthānahetavaḥ
Ursachen der Grundlegung des Dharma
sarvāsām uttamāṃ kāṃcin
eine gewisse, die Vortrefflichste von allen
nirmame lokasundarīm
erschuf ich, die Weltschöne
[Anm.: Bezug der 'lokasundarī' ('Weltschönen') unklar – vermutlich eine weitere, hier ungenannte Tochter Brahmās, in Parallelversionen dieses bekannten Mythos oft mit Sandhyā identifiziert.]
tā madbhītāḥ pañca sutā gaṅgām īyur mahānadīm /
tato maheśvaraḥ prāyād dharmasaṃrakṣaṇāya saḥ //
Jene fünf Töchter, aus Furcht vor mir, begaben sich zur großen Flussströmung Gaṅgā; daraufhin begab sich jener Maheśvara dorthin, um den Dharma zu schützen.
Nachdem er Bogen und Pfeil ergriffen hatte, sprach der Herr zu mir, der ich Hirschgestalt hatte: 'Ich werde dich töten' – so sprach da Hara als Mṛgavyādha.
Von jener Tat abgelassen, gab ich die Tochter dem Vivasvant; Sāvitrī und die vier anderen Töchter vereinigten sich in Flussgestalt.
Wort für Wort
tatkarmaṇo nivṛtto 'ham
von jener Tat abgelassen, ich
prādāṃ kanyāṃ vivasvate
gab die Tochter dem Vivasvant
sāvitryādyāḥ pañca sutā
Sāvitrī und die (übrigen) vier Töchter
nadīrūpeṇa saṃgatāḥ
vereinigten sich in Flussgestalt
[Anm.: Die Übergabe der 'lokasundarī' an Vivasvant (den Sonnengott) erinnert an das Saṃjñā-Vivasvant-Motiv aus Kap.89; ob es sich um dieselbe Figur handelt, bleibt im Text unklar.]
das gewährt alle Wünsche und gilt, frei von weiterem Karma-Wirken, als erlösend. Dort entstand das Mṛgavyādha-Tīrtha, das den Menschen alle Ziele gewährt; ein weiteres Tīrtha dort gilt als mit der Frucht von Himmel und Erlösung ausgestattet, gleichwertig mit der Frucht des Brahma-Tīrtha.
Wort für Wort
sarvakāmapradaṃ tat syāt
das gewährt alle Wünsche
naiṣkarmyān muktidaṃ smṛtam
gilt, frei von (weiterem) Karma-Wirken, als erlösend
tatrābhavan mṛgavyādhaṃ tīrtham
dort entstand das Mṛgavyādha-Tīrtha
sarvārthadaṃ nṛṇām
das den Menschen alle Ziele gewährt
svargamokṣaphalaṃ cānyad
ein anderes (Tīrtha), mit der Frucht von Himmel und Erlösung
brahmatīrthaphalaṃ smṛtam
gilt als gleichwertig mit der Frucht des Brahma-Tīrtha