Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 72: vālakhilyotpattigaṅgākamaṇḍalusthāpanavarṇanam Die Hochzeit von Śiva und Pārvatī, die Entstehung der Vālakhilyas und die Gaṅgā im Wasserkrug

Brahmā beschreibt die prächtige Hochzeit Śivas und Pārvatīs auf dem Himavat, bei der er selbst beim Anblick der Zehe der Göttin unwillkürlich Samen vergießt; aus dem zerriebenen Samen entstehen die winzigen Vālakhilya-Weisen. Von Scham überwältigt entfernt sich Brahmā, doch Śiva ruft ihn zurück, entzieht Erde und Wasser ihre reinigende Essenz und übergibt Brahmā einen geweihten Wasserkrug (Kamaṇḍalu) als Sühnemittel. Der abschließende Vers (V38, nach einer Lücke in der Verszählung V36-37) identifiziert das im Kamaṇḍalu ruhende heilige Wasser mit der Gaṅgā selbst – der Auflösung der in Kap.71 von Nārada gestellten Frage nach der 'Tridaivatya'-Gaṅgā.

himavatparvate śreṣṭhe nānāratnavicitrite / nānāvṛkṣalatākīrṇe nānādvijaniṣevite /

Auf dem herrlichen Berg Himavat, bunt geschmückt mit vielerlei Juwelen, überwuchert von vielerlei Bäumen und Schlingpflanzen, von vielerlei Vögeln bewohnt –

Wort für Wort
himavat-parvate
auf dem Himavat-Berg
śreṣṭhe
dem vortrefflichsten
nānā-ratna-vicitrite
bunt geschmückt mit vielerlei Juwelen
nānā-vṛkṣa-latā-kīrṇe
überwuchert von vielerlei Bäumen und Schlingpflanzen
nānā-dvija-niṣevite
von vielerlei Vögeln (Zweifach-Geborenen) bewohnt

nadīnadasaraḥkūpataḍāgādibhir āvṛte / devagandharvayakṣādisiddhacāraṇasevite /

bedeckt mit Flüssen, Strömen, Seen, Brunnen, Teichen und dergleichen, aufgesucht von Göttern, Gandharvas, Yakṣas, Siddhas und Cāraṇas –

Wort für Wort
nadī-nada-saraḥ-kūpa-taḍāga-ādibhiḥ
mit Flüssen, Strömen, Seen, Brunnen, Teichen und dergleichen
āvṛte
bedeckt
deva-gandharva-yakṣa-ādi-siddha-cāraṇa-sevite
von Göttern, Gandharvas, Yakṣas usw., Siddhas und Cāraṇas aufgesucht

śubhamārutasaṃpanne harṣotkarṣaikakāraṇe / merumandarakailāsamainākādinagair vṛte /

ausgestattet mit wohltuendem Wind, alleiniger Ursache höchster Freude, umgeben von den Bergen Meru, Mandara, Kailāsa, Mainaka und anderen –

Wort für Wort
śubha-māruta-saṃpanne
mit wohltuendem Wind ausgestattet
harṣa-utkarṣa-eka-kāraṇe
alleinige Ursache höchster Freude
meru-mandara-kailāsa-maināka-ādi-nagaiḥ
mit den Bergen Meru, Mandara, Kailāsa, Mainaka und anderen
vṛte
umgeben

vasiṣṭhāgastyapaulastyalomaśādibhir āvṛte / mahotsave vartamāne vivāhaḥ samajāyata //

dort, umringt von Vasiṣṭha, Agastya, Paulastya, Lomaśa und anderen, fand inmitten eines großen Festes die Hochzeit statt.

Wort für Wort
vasiṣṭha-agastya-paulastya-lomaśa-ādibhiḥ
von Vasiṣṭha, Agastya, Paulastya, Lomaśa und anderen
āvṛte
umringt
mahā-utsave vartamāne
während ein großes Fest im Gange war
vivāhaḥ
die Hochzeit
samajāyata
fand statt

tatra vedī ratnamayī śobhitā svarṇabhūṣitā / vajramāṇikyavaidūryatanmayastambhaśobhitā /

Dort [stand] ein Opferaltar aus Juwelen, geschmückt und mit Gold verziert, prächtig durch Säulen, die ganz aus Diamant, Rubin und Beryll gefertigt waren,

Wort für Wort
tatra
dort
vedī
der Altar
ratna-mayī
aus Juwelen bestehend
śobhitā
geschmückt
svarṇa-bhūṣitā
mit Gold verziert
vajra-māṇikya-vaidūrya-tanmaya-stambha-śobhitā
prächtig durch Säulen ganz aus Diamant, Rubin und Beryll

jayālakṣmīśubhākṣāntikīrtipuṣṭyādisaṃvṛtā / merumandarakailāsaraivataiḥ pariśobhitaiḥ //

umgeben von [den personifizierten] Jayā, Lakṣmī, Śubhā, Kṣānti, Kīrti, Puṣṭi und anderen, geschmückt durch [die als Gäste anwesenden Berge] Meru, Mandara, Kailāsa und Raivataka.

Wort für Wort
jayā-lakṣmī-śubhā-kṣānti-kīrti-puṣṭi-ādi-saṃvṛtā
umgeben von Jayā, Lakṣmī, Śubhā, Kṣānti, Kīrti, Puṣṭi und anderen
meru-mandara-kailāsa-raivataiḥ
durch Meru, Mandara, Kailāsa, Raivataka
pariśobhitaiḥ
geschmückt

[Anm.: Jayā, Lakṣmī, Śubhā, Kṣānti, Kīrti, Puṣṭi u.a. sind personifizierte günstige Kräfte/Göttinnen (Sieg, Glück, Güte, Geduld, Ruhm, Gedeihen); die Berge erscheinen personifiziert als Festgäste, vgl. V7 zu Mainaka.]

pūjito lokanāthena viṣṇunā prabhaviṣṇunā / mainākaḥ parvataśreṣṭho reje 'tīva hiraṇmayaḥ //

Geehrt vom Herrn der Welt, dem mächtigen Viṣṇu, erstrahlte Mainaka, der vortrefflichste der Berge, überaus golden.

Wort für Wort
pūjitaḥ
geehrt
loka-nāthena
vom Herrn der Welt
viṣṇunā prabhaviṣṇunā
vom mächtigen Viṣṇu
mainākaḥ
Mainaka
parvata-śreṣṭhaḥ
der vortrefflichste der Berge
reje
erstrahlte
atīva hiraṇmayaḥ
überaus golden

ṛṣayo lokapālāś ca ādityāḥ samarudgaṇāḥ / vivāhe vedikāṃ cakrur devadevasya śūlinaḥ //

Die Ṛṣis, die Weltenhüter, die Ādityas zusammen mit den Marut-Scharen richteten bei der Hochzeit den Opferaltar für den Gott der Götter, den Dreizackträger [Śiva], her.

Wort für Wort
ṛṣayaḥ
die Weisen
loka-pālāḥ ca
und die Weltenhüter
ādityāḥ sa-marud-gaṇāḥ
die Ādityas samt den Marut-Scharen
vivāhe
bei der Hochzeit
vedikām cakruḥ
richteten den Altar her
deva-devasya śūlinaḥ
für den Gott der Götter, den Dreizackträger

viśvakarmā svayaṃ tvaṣṭā vedīṃ cakre satoraṇām / surabhī nandinī nandā sunandā kāmadohinī /

Viśvakarman selbst, der Bildner [Tvaṣṭṛ], errichtete den mit Torbögen versehenen Altar; Surabhī, Nandinī, Nandā, Sunandā, die Wunschkuh,

Wort für Wort
viśvakarmā svayam tvaṣṭā
Viśvakarman selbst, der Bildner
vedīm cakre
errichtete den Altar
sa-toraṇām
mit Torbögen versehen
surabhī nandinī nandā sunandā
Surabhī, Nandinī, Nandā, Sunandā (Wunschkühe)
kāma-dohinī
die Wunschkuh (alle Wünsche gewährend)

ābhis tu śobhiteśānyā vivāhaḥ samajāyata / samudrāḥ sarito nāgā oṣadhyo lokamātaraḥ /

durch diese [Kühe] geschmückt fand die Hochzeit der Herrin [Pārvatī] statt; die Ozeane, die Flüsse, die Nāgas, die Heilkräuter, die Weltenmütter [kamen alle herbei],

Wort für Wort
ābhiḥ tu
durch diese aber
śobhita-īśānyā
als die Herrin (Īśānī, Pārvatī) geschmückt war
vivāhaḥ samajāyata
fand die Hochzeit statt
samudrāḥ sаritaḥ nāgāḥ
die Ozeane, die Flüsse, die Nāgas
oṣadhyaḥ loka-mātaraḥ
die Heilkräuter, die Weltenmütter

savanaspatibījāś ca sarve tatra samāyayuḥ / bhuvaḥ karma ilā cakre oṣadhyas tv annakarma ca //

kamen zusammen mit den Bäumen und Samen dort alle herbei; Ilā [die Erdgöttin] verrichtete die Arbeit der Erde, die Heilkräuter aber die Arbeit der Speise,

Wort für Wort
sa-vanaspati-bījāḥ ca
und samt Bäumen und Samen
sarve tatra samāyayuḥ
kamen alle dort zusammen
bhuvaḥ karma
die Arbeit der Erde
ilā cakre
Ilā verrichtete
oṣadhyaḥ tu anna-karma ca
die Heilkräuter aber die Arbeit der Speise

varuṇaḥ pānakarmāṇi dānakarma dhanādhipaḥ / agniś cakāra tatrānnaṃ yac ceṣṭaṃ lokanāthayoḥ //

Varuṇa [verrichtete] die Arbeit der Getränke, der Herr der Reichtümer [Kubera] die Arbeit der Gaben; Agni bereitete dort die Speise, was immer den beiden Weltherren [Śiva und Pārvatī] beliebte.

Wort für Wort
varuṇaḥ pāna-karmāṇi
Varuṇa die Arbeit der Getränke
dāna-karma dhana-adhipaḥ
die Arbeit der Gaben der Herr der Reichtümer
agniḥ cakāra tatra annam
Agni bereitete dort die Speise
yat ca iṣṭam loka-nāthayoḥ
was immer den beiden Weltherren beliebte

tatra tatra pṛthak pūjāṃ cakre viṣṇuḥ sanātanaḥ / vedāś ca sarahasyā vai gāyanti ca hasanti ca /

Dort und dort verrichtete der ewige Viṣṇu je gesonderte Verehrung; die Veden samt ihren Geheimlehren sangen und lachten,

Wort für Wort
tatra tatra
dort und dort (an jeder Stelle)
pṛthak pūjām cakre
verrichtete gesonderte Verehrung
viṣṇuḥ sanātanaḥ
der ewige Viṣṇu
vedāḥ ca sa-rahasyāḥ
und die Veden samt ihren Geheimlehren
gāyanti ca hasanti ca
sangen und lachten

nṛtyanty apsarasaḥ sarvā jagur gandharvakiṃnarāḥ / lājādhṛk cāpi maināko babhūva munisattama //

alle Apsaras tanzten, die Gandharvas und Kiṃnaras sangen, und auch Mainaka, o Bester der Weisen, wurde zum Träger der gerösteten Körner [für das Hochzeitsritual].

Wort für Wort
nṛtyanti apsarasaḥ sarvāḥ
alle Apsaras tanzten
jaguḥ gandharva-kiṃnarāḥ
die Gandharvas und Kiṃnaras sangen
lāja-adhṛk ca api maināakaḥ
und auch Mainaka wurde zum Träger der gerösteten Körner
babhūva
wurde
muni-sattama
o Bester der Weisen (Anrede an Nārada)

puṇyāhavācanaṃ vṛttam antarveśmani nārada / vedikāyām upāviṣṭau daṃpatī surasattamau /

Die Verkündigung des günstigen Tages fand im Inneren des Hauses statt, o Nārada; auf dem Altar ließen sich die beiden Göttergatten nieder,

Wort für Wort
puṇya-aha-vācanam vṛttam
die Verkündigung des günstigen Tages fand statt
antaḥ-veśmani
im Inneren des Hauses
nārada
o Nārada
vedikāyām upāviṣṭau
auf dem Altar niedergelassen
daṃpatī sura-sattamau
die beiden Gatten, die trefflichsten der Götter

pratiṣṭhāpyāgniṃ vidhivad aśmānaṃ cāpi putraka / hutvā lājāṃś ca vidhivat pradakṣiṇam athākarot //

nachdem [Śiva] das Feuer und auch den Stein [für die Zeremonie] vorschriftsgemäß aufgestellt hatte, o Söhnchen, und die gerösteten Körner vorschriftsgemäß dargebracht hatte, vollzog er darauf die Umschreitung.

Wort für Wort
pratiṣṭhāpya agnim vidhivat
nachdem er das Feuer vorschriftsgemäß aufgestellt hatte
aśmānam ca api
und auch den Stein
putraka
o Söhnchen (Anrede an Nārada)
hutvā lājān ca vidhivat
nachdem er die gerösteten Körner vorschriftsgemäß dargebracht hatte
pradakṣiṇam atha akarot
vollzog darauf die Umschreitung

aśmanaḥ sparśahetoś ca devyaṅguṣṭhaṃ kare 'spṛśat / viṣṇunā preritaḥ śaṃbhur dakṣiṇasya padasya ca //

Um den Stein zu berühren, ergriff Śambhu [Śiva], von Viṣṇu dazu angehalten, mit der Hand die große Zehe der Göttin, [und zwar] des rechten Fußes.

Wort für Wort
aśmanaḥ sparśa-hetoḥ ca
und um den Stein zu berühren
devyāḥ aṅguṣṭham
die große Zehe der Göttin
kare 'spṛśat
berührte er mit der Hand
viṣṇunā preritaḥ
von Viṣṇu angehalten
śaṃbhuḥ
Śambhu (Śiva)
dakṣiṇasya padasya ca
und zwar des rechten Fußes

tām adarśam ahaṃ tatra homaṃ kurvan harāntike / dṛṣṭe 'ṅguṣṭhe duṣṭabuddhyā vīryaṃ susrāva me tadā //

Ich [Brahmā] erblickte sie dort, während ich in der Nähe Haras [Śiva] das Feueropfer vollzog; als ich die Zehe mit unreinem Sinn erblickte, entströmte mir damals der Same.

Wort für Wort
tām adarśam aham tatra
ich erblickte sie dort
homam kurvan hara-antike
während ich in der Nähe Haras das Feueropfer vollzog
dṛṣṭe 'ṅguṣṭhe
als die Zehe erblickt war
duṣṭa-buddhyā
mit unreinem/getrübtem Sinn
vīryam susrāva me tadā
entströmte mir damals der Same

[Anm.: Brahmā berichtet hier selbst in Ich-Form (er ist der Erzähler des gesamten Werks gegenüber Nārada) ein bekanntes puranisches Motiv: der unwillkürliche Samenerguss beim Anblick der Zehe der Göttin, aus dem in V19 die Vālakhilya-Weisen entstehen.]

lajjayā kaluṣībhūtaḥ skannaṃ vīryam acūrṇayam / madvīryāc cūrṇitāt sūkṣmād vālakhilyās tu jajñire //

Beschämt und getrübt zermalmte ich den vergossenen Samen zu Staub; aus meinem zu feinem Staub zermalmten Samen aber entstanden die Vālakhilyas [eine Schar winziger Weiser].

Wort für Wort
lajjayā kaluṣī-bhūtaḥ
beschämt und getrübt/befleckt geworden
skannam vīryam acūrṇayam
ich zermalmte den vergossenen Samen zu Staub
mad-vīryāt cūrṇitāt sūkṣmāt
aus meinem zu feinem Staub zermalmten Samen
vālakhilyāḥ tu jajñire
die Vālakhilyas aber entstanden

[Anm.: Die Vālakhilyas sind eine Gruppe daumengroßer Weiser, deren Ursprung hier auf Brahmās zerriebenen Samen zurückgeführt wird – ein bekanntes, an anderen Stellen der Purāṇa-Literatur variierend erzähltes Motiv.]

tato mahān abhūt tatra hāhākāraḥ suroditaḥ / lajjayā paribhūto 'haṃ nirgatas tu tadāsanāt //

Da erhob sich dort ein großes Wehgeschrei der Götter; von Scham überwältigt erhob ich mich von jenem Sitz und entfernte mich.

Wort für Wort
tataḥ mahān abhūt tatra
da erhob sich dort ein großes
hāhā-kāraḥ sura-uditaḥ
Wehgeschrei, von den Göttern ausgestoßen
lajjayā paribhūtaḥ aham
von Scham überwältigt, ich
nirgataḥ tu tadā āsanāt
entfernte mich aber von jenem Sitz

paśyatsu devasaṃgheṣu tūṣṇīṃbhūteṣu nārada / gacchantaṃ māṃ mahādevo dṛṣṭvā nandinam abravīt //

Während die Scharen der Götter zusahen und verstummt waren, o Nārada, sah der große Gott [Śiva] mich weggehen und sprach zu Nandin:

Wort für Wort
paśyatsu deva-saṃgheṣu
während die Scharen der Götter zusahen
tūṣṇīṃ-bhūteṣu
während sie verstummt waren
nārada
o Nārada
gacchantam mām mahādevaḥ dṛṣṭvā
als der große Gott mich weggehen sah
nandinam abravīt
sprach er zu Nandin

{śiva uvāca:} brahmāṇam āhvayasveha gatapāpaṃ karomy aham / kṛtāparādhe 'pi jane santaḥ sakṛpamānasāḥ / mohayanty api vidvāṃsaṃ viṣayāṇām iyaṃ sthitiḥ //

{Śiva sprach:} 'Rufe Brahmā hierher, ich will ihn von seiner Verfehlung befreien; selbst gegenüber einem, der ein Vergehen begangen hat, sind die Guten mitleidsvollen Sinnes – dies ist die Beschaffenheit der Sinnesobjekte, dass sie selbst den Weisen verwirren.'

Wort für Wort
brahmāṇam āhvayasva iha
rufe Brahmā hierher
gata-pāpam karomi aham
ich will ihn frei von Sünde machen
kṛta-aparādhe 'pi jane
selbst gegenüber einem, der ein Vergehen begangen hat
santaḥ sa-kṛpa-mānasāḥ
sind die Guten mitleidsvollen Sinnes
mohayanti api vidvāṃsam
sie verwirren selbst den Weisen
viṣayāṇām iyam sthitiḥ
dies ist die Beschaffenheit der Sinnesobjekte

[Anm.: Dieser Vers umfasst im Original drei Zeilen (sechs Pādas), von denen nur die letzte durch // markiert ist – eine metrisch unregelmäßige Struktur, wie bereits in früheren Kapiteln vereinzelt belegt.]

{brahmovāca:} evam uktvā sa bhagavān umayā sahitaḥ śivaḥ / mamānukampayā caiva lokānāṃ hitakāmyayā /

{Brahmā sprach:} Nachdem er so gesprochen hatte, [kam] jener erhabene Śiva, zusammen mit Umā, aus Mitleid mit mir und aus Wunsch nach dem Wohl der Welten,

Wort für Wort
evam uktvā
nachdem er so gesprochen hatte
saḥ bhagavān umayā sahitaḥ śivaḥ
jener erhabene Śiva, zusammen mit Umā
mama anukampayā ca eva
aus Mitleid mit mir
lokānām hita-kāmyayā
aus Wunsch nach dem Wohl der Welten

etac cakāra lokeśaḥ śṛṇu nārada yatnataḥ / pāpināṃ pāpamokṣāya bhūmir āpo bhaviṣyati //

und der Herr der Welt tat Folgendes – höre aufmerksam, Nārada: 'Zur Befreiung der Sünder von ihrer Sünde soll Erde [und] Wasser entstehen –'

Wort für Wort
etat cakāra lokeśaḥ
tat dies der Herr der Welt
śṛṇu nārada yatnataḥ
höre aufmerksam, Nārada
pāpinām pāpa-mokṣāya
zur Befreiung der Sünder von ihrer Sünde
bhūmiḥ āpaḥ bhaviṣyati
sollen Erde [und] Wasser entstehen

tayoś ca sārasarvasvam āhariṣyāmi pāvanam / evaṃ niścitya bhagavāṃs tayoḥ sāraṃ samāharat //

'und ich will die gesamte reinigende Essenz von beiden [Erde und Wasser] herbeiholen.' Nachdem der Erhabene dies beschlossen hatte, zog er die Essenz von beiden zusammen.

Wort für Wort
tayoḥ ca sāra-sarvasvam
und die gesamte Essenz von beiden
āhariṣyāmi pāvanam
will ich herbeiholen, die reinigende
evam niścitya bhagavān
nachdem der Erhabene dies beschlossen hatte
tayoḥ sāram samāharat
zog er die Essenz von beiden zusammen

bhūmiṃ kamaṇḍaluṃ kṛtvā tatrāpaḥ saṃniveśya ca / pāvamānyādibhiḥ sūktair abhimantrya ca yatnataḥ /

Er formte aus Erde einen Wasserkrug [Kamaṇḍalu], füllte darin Wasser ein und weihte es sorgfältig mit den Pāvamānī- und anderen [vedischen] Hymnen,

Wort für Wort
bhūmim kamaṇḍalum kṛtvā
nachdem er aus Erde einen Wasserkrug geformt hatte
tatra āpaḥ saṃniveśya ca
und darin Wasser eingefüllt hatte
pāvamānī-ādibhiḥ sūktaiḥ
mit den Pāvamānī- und anderen Hymnen
abhimantrya ca yatnataḥ
und sorgfältig weihte

trijagatpāvanīṃ śaktiṃ tatra sasmāra pāpahā / mām uvāca sa lokeśo gṛhāṇemaṃ kamaṇḍalum //

[und] der Sündenvernichter [Śiva] rief dort die die drei Welten reinigende Kraft [Śakti] herbei; jener Herr der Welt sprach zu mir: 'Nimm diesen Wasserkrug entgegen!'

Wort für Wort
tri-jagat-pāvanīm śaktim
die die drei Welten reinigende Kraft
tatra sasmāra pāpahā
rief dort der Sündenvernichter herbei
mām uvāca saḥ lokeśaḥ
zu mir sprach jener Herr der Welt
gṛhāṇa imam kamaṇḍalum
nimm diesen Wasserkrug entgegen

āpo vai mātaro devyo bhūmir mātā tathāparā / sthityutpattivināśānāṃ hetutvam ubhayoḥ sthitam //

'Die Wasser sind wahrlich Muttergöttinnen, und die Erde ist ebenso eine andere Mutter; das Verursachen von Bestand, Entstehen und Vergehen liegt bei beiden.'

Wort für Wort
āpaḥ vai mātaraḥ devyaḥ
die Wasser sind wahrlich Muttergöttinnen
bhūmiḥ mātā tathā aparā
die Erde ist ebenso eine andere Mutter
sthiti-utpatti-vināśānām hetutvam
das Verursachen von Bestand, Entstehen und Vergehen
ubhayoḥ sthitam
liegt bei beiden

atra pratiṣṭhito dharmo hy atra yajñaḥ sanātanaḥ / atra bhuktiś ca muktiś ca sthāvaraṃ jaṅgamaṃ tathā //

'Hierin ist die Rechtsordnung gegründet, hierin auch das ewige Opfer; hierin sind Genuss und Erlösung sowie das Unbewegliche und das Bewegliche [begründet].'

Wort für Wort
atra pratiṣṭhitaḥ dharmaḥ
hierin ist Dharma gegründet
hi atra yajñaḥ sanātanaḥ
hierin ja auch das ewige Opfer
atra bhuktiḥ ca muktiḥ ca
hierin Genuss und Erlösung
sthāvaram jaṅgamam tathā
ebenso das Unbewegliche und das Bewegliche

smaraṇān mānasaṃ pāpaṃ vacanād vācikaṃ tathā / snānapānābhiṣekāc ca praṇaśyaty api kāyikam //

'Durch bloßes Gedenken vergeht die geistige Sünde, durch Aussprechen ebenso die sprachliche, und durch Baden, Trinken und Besprengen vergeht auch die körperliche.'

Wort für Wort
smaraṇāt mānasam pāpam
durch Gedenken die geistige Sünde
vacanāt vācikam tathā
durch Aussprechen ebenso die sprachliche
snāna-pāna-abhiṣekāt ca
und durch Baden, Trinken und Besprengen
praṇaśyati api kāyikam
vergeht auch die körperliche

etad evāmṛtaṃ loke naitasmāt pāvanaṃ param / mayābhimantritaṃ brahman gṛhāṇemaṃ kamaṇḍalum //

'Eben dies ist der Nektar der Unsterblichkeit in der Welt, nichts Reinigenderes gibt es als dies; von mir geweiht, o Brahmane – nimm diesen Wasserkrug entgegen!'

Wort für Wort
etat eva amṛtam loke
eben dies ist der Nektar der Unsterblichkeit in der Welt
na etasmāt pāvanam param
nichts Reinigenderes als dies
mayā abhimantritam brahman
von mir geweiht, o Brahmane
gṛhāṇa imam kamaṇḍalum
nimm diesen Wasserkrug entgegen

atratyaṃ vāri yaḥ kaścit smared api paṭhed api / sa sarvakāmān āpnoti gṛhāṇemaṃ kamaṇḍalum //

'Wer auch immer sich des darin befindlichen Wassers erinnert oder [dies] auch nur ausspricht, der erlangt alle Wünsche – nimm diesen Wasserkrug entgegen!'

Wort für Wort
atratyam vāri
des darin befindlichen Wassers
yaḥ kaścit smaret api paṭhet api
wer auch immer sich erinnert oder auch nur ausspricht
saḥ sarva-kāmān āpnoti
der erlangt alle Wünsche
gṛhāṇa imam kamaṇḍalum
nimm diesen Wasserkrug entgegen

bhūtebhyaś cāpi pañcabhya āpo bhūtaṃ mahoditam / tāsām utkṛṣṭam etasmād gṛhāṇemaṃ kamaṇḍalum //

'Auch unter den fünf [Grob-]Elementen ist das Element Wasser als das erhabene bezeichnet; das Erhabenste von diesen [Gewässern] ist eben dies – nimm diesen Wasserkrug entgegen!'

Wort für Wort
bhūtebhyaḥ ca api pañcabhyaḥ
auch unter den fünf Elementen
āpaḥ bhūtam mahā-uditam
ist das Element Wasser als erhaben bezeichnet
tāsām utkṛṣṭam etasmāt
das Erhabenste von diesen ist eben dies
gṛhāṇa imam kamaṇḍalum
nimm diesen Wasserkrug entgegen

atra yad vāri śobhiṣṭhaṃ puṇyaṃ pāvanam eva ca / spṛṣṭvā smṛtvā ca dṛṣṭvā ca brahman pāpād vimokṣyase //

'Das Wasser, das hierin das herrlichste, verdienstvollste und reinigendste ist – durch Berühren, Gedenken und Erblicken wirst du, Brahmane, von Sünde befreit werden.'

Wort für Wort
atra yat vāri śobhiṣṭham
das Wasser, das hierin das herrlichste ist
puṇyam pāvanam eva ca
verdienstvoll und reinigend
spṛṣṭvā smṛtvā ca dṛṣṭvā ca
durch Berühren, Gedenken und Erblicken
brahman pāpāt vimokṣyase
wirst du, Brahmane, von Sünde befreit werden

evam uktvā mahādevaḥ prādān mama kamaṇḍalum / tataḥ suragaṇāḥ sarve bhaktyā procuḥ sureśvaram / āhlādaś ca mahāṃs tatra jayaśabdo vyavartata //

Nachdem der große Gott so gesprochen hatte, überreichte er mir den Wasserkrug; darauf sprachen alle Scharen der Götter voll Hingabe zum Götterherrn, und großer Jubel [erhob sich] dort, ein Ausruf des Sieges erscholl.

Wort für Wort
evam uktvā mahādevaḥ
nachdem der große Gott so gesprochen hatte
prādāt mama kamaṇḍalum
überreichte er mir den Wasserkrug
tataḥ sura-gaṇāḥ sarve
darauf alle Scharen der Götter
bhaktyā procuḥ sura-īśvaram
sprachen voll Hingabe zum Götterherrn
āhlādaḥ ca mahān tatra
und großer Jubel dort
jaya-śabdaḥ vyavartata
ein Ausruf des Sieges erscholl

[Anm.: Auch dieser Vers umfasst im Original drei Zeilen (sechs Pādas), von denen nur die letzte durch // markiert ist.]

devotsave mātur ajaḥ padāgraṃ / samīkṣya pāpāt patitatvam āpa / prādāt kṛpāluḥ smaraṇāt pavitrāṃ / gaṅgāṃ pitā puṇyakamaṇḍalusthām //

Beim Götterfest erblickte der Ungeborene [Brahmā] die Fußspitze der Mutter [Pārvatī] und verfiel dadurch in Sünde; [doch] der barmherzige Vater [Śiva] gab ihm auf sein bloßes Gedenken hin die reine, im heilvollen Wasserkrug befindliche Gaṅgā.

Wort für Wort
deva-utsave
beim Götterfest
mātuḥ ajaḥ pada-agram
der Ungeborene [Brahmā] die Fußspitze der Mutter
samīkṣya pāpāt patitatvam āpa
erblickte und verfiel dadurch in Sünde
prādāt kṛpāluḥ smaraṇāt
gab der Barmherzige auf bloßes Gedenken hin
pavitrām gaṅgām
die reine Gaṅgā
pitā puṇya-kamaṇḍalu-sthām
der Vater, die im heilvollen Wasserkrug befindliche

[Anm.: Im Original springt die Verszählung von V35 direkt zu V38 (die Verse 36-37 fehlen in der überlieferten Textgrundlage) – hier ohne Ergänzung wiedergegeben. Der Vers selbst hat vier Halbzeilen (a/b/c/d) in einem längeren Versmaß, wie bereits in Kap.71 (V9-10) belegt. 'Mātuḥ' bezieht sich auf Pārvatī, 'pitā' auf Śiva; dieser Vers stellt die entscheidende Verbindung zur Kapitelüberschrift her: die Gaṅgā, die im Kamaṇḍalu ruht, ist eben jene 'Tridaivatya'-Gaṅgā, nach der Nārada in Kap.71 gefragt hatte.]

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