Kapitel 72: vālakhilyotpattigaṅgākamaṇḍalusthāpanavarṇanam
Die Hochzeit von Śiva und Pārvatī, die Entstehung der Vālakhilyas und die Gaṅgā im Wasserkrug
Brahmā beschreibt die prächtige Hochzeit Śivas und Pārvatīs auf dem Himavat, bei der er selbst beim Anblick der Zehe der Göttin unwillkürlich Samen vergießt; aus dem zerriebenen Samen entstehen die winzigen Vālakhilya-Weisen. Von Scham überwältigt entfernt sich Brahmā, doch Śiva ruft ihn zurück, entzieht Erde und Wasser ihre reinigende Essenz und übergibt Brahmā einen geweihten Wasserkrug (Kamaṇḍalu) als Sühnemittel. Der abschließende Vers (V38, nach einer Lücke in der Verszählung V36-37) identifiziert das im Kamaṇḍalu ruhende heilige Wasser mit der Gaṅgā selbst – der Auflösung der in Kap.71 von Nārada gestellten Frage nach der 'Tridaivatya'-Gaṅgā.
Auf dem herrlichen Berg Himavat, bunt geschmückt mit vielerlei Juwelen, überwuchert von vielerlei Bäumen und Schlingpflanzen, von vielerlei Vögeln bewohnt –
Wort für Wort
himavat-parvate
auf dem Himavat-Berg
śreṣṭhe
dem vortrefflichsten
nānā-ratna-vicitrite
bunt geschmückt mit vielerlei Juwelen
nānā-vṛkṣa-latā-kīrṇe
überwuchert von vielerlei Bäumen und Schlingpflanzen
tatra vedī ratnamayī śobhitā svarṇabhūṣitā / vajramāṇikyavaidūryatanmayastambhaśobhitā /
Dort [stand] ein Opferaltar aus Juwelen, geschmückt und mit Gold verziert, prächtig durch Säulen, die ganz aus Diamant, Rubin und Beryll gefertigt waren,
Wort für Wort
tatra
dort
vedī
der Altar
ratna-mayī
aus Juwelen bestehend
śobhitā
geschmückt
svarṇa-bhūṣitā
mit Gold verziert
vajra-māṇikya-vaidūrya-tanmaya-stambha-śobhitā
prächtig durch Säulen ganz aus Diamant, Rubin und Beryll
umgeben von [den personifizierten] Jayā, Lakṣmī, Śubhā, Kṣānti, Kīrti, Puṣṭi und anderen, geschmückt durch [die als Gäste anwesenden Berge] Meru, Mandara, Kailāsa und Raivataka.
Wort für Wort
jayā-lakṣmī-śubhā-kṣānti-kīrti-puṣṭi-ādi-saṃvṛtā
umgeben von Jayā, Lakṣmī, Śubhā, Kṣānti, Kīrti, Puṣṭi und anderen
meru-mandara-kailāsa-raivataiḥ
durch Meru, Mandara, Kailāsa, Raivataka
pariśobhitaiḥ
geschmückt
[Anm.: Jayā, Lakṣmī, Śubhā, Kṣānti, Kīrti, Puṣṭi u.a. sind personifizierte günstige Kräfte/Göttinnen (Sieg, Glück, Güte, Geduld, Ruhm, Gedeihen); die Berge erscheinen personifiziert als Festgäste, vgl. V7 zu Mainaka.]
Die Ṛṣis, die Weltenhüter, die Ādityas zusammen mit den Marut-Scharen richteten bei der Hochzeit den Opferaltar für den Gott der Götter, den Dreizackträger [Śiva], her.
durch diese [Kühe] geschmückt fand die Hochzeit der Herrin [Pārvatī] statt; die Ozeane, die Flüsse, die Nāgas, die Heilkräuter, die Weltenmütter [kamen alle herbei],
savanaspatibījāś ca sarve tatra samāyayuḥ / bhuvaḥ karma ilā cakre oṣadhyas tv annakarma ca //
kamen zusammen mit den Bäumen und Samen dort alle herbei; Ilā [die Erdgöttin] verrichtete die Arbeit der Erde, die Heilkräuter aber die Arbeit der Speise,
Varuṇa [verrichtete] die Arbeit der Getränke, der Herr der Reichtümer [Kubera] die Arbeit der Gaben; Agni bereitete dort die Speise, was immer den beiden Weltherren [Śiva und Pārvatī] beliebte.
alle Apsaras tanzten, die Gandharvas und Kiṃnaras sangen, und auch Mainaka, o Bester der Weisen, wurde zum Träger der gerösteten Körner [für das Hochzeitsritual].
Wort für Wort
nṛtyanti apsarasaḥ sarvāḥ
alle Apsaras tanzten
jaguḥ gandharva-kiṃnarāḥ
die Gandharvas und Kiṃnaras sangen
lāja-adhṛk ca api maināakaḥ
und auch Mainaka wurde zum Träger der gerösteten Körner
nachdem [Śiva] das Feuer und auch den Stein [für die Zeremonie] vorschriftsgemäß aufgestellt hatte, o Söhnchen, und die gerösteten Körner vorschriftsgemäß dargebracht hatte, vollzog er darauf die Umschreitung.
Wort für Wort
pratiṣṭhāpya agnim vidhivat
nachdem er das Feuer vorschriftsgemäß aufgestellt hatte
aśmānam ca api
und auch den Stein
putraka
o Söhnchen (Anrede an Nārada)
hutvā lājān ca vidhivat
nachdem er die gerösteten Körner vorschriftsgemäß dargebracht hatte
tām adarśam ahaṃ tatra homaṃ kurvan harāntike / dṛṣṭe 'ṅguṣṭhe duṣṭabuddhyā vīryaṃ susrāva me tadā //
Ich [Brahmā] erblickte sie dort, während ich in der Nähe Haras [Śiva] das Feueropfer vollzog; als ich die Zehe mit unreinem Sinn erblickte, entströmte mir damals der Same.
Wort für Wort
tām adarśam aham tatra
ich erblickte sie dort
homam kurvan hara-antike
während ich in der Nähe Haras das Feueropfer vollzog
dṛṣṭe 'ṅguṣṭhe
als die Zehe erblickt war
duṣṭa-buddhyā
mit unreinem/getrübtem Sinn
vīryam susrāva me tadā
entströmte mir damals der Same
[Anm.: Brahmā berichtet hier selbst in Ich-Form (er ist der Erzähler des gesamten Werks gegenüber Nārada) ein bekanntes puranisches Motiv: der unwillkürliche Samenerguss beim Anblick der Zehe der Göttin, aus dem in V19 die Vālakhilya-Weisen entstehen.]
Beschämt und getrübt zermalmte ich den vergossenen Samen zu Staub; aus meinem zu feinem Staub zermalmten Samen aber entstanden die Vālakhilyas [eine Schar winziger Weiser].
Wort für Wort
lajjayā kaluṣī-bhūtaḥ
beschämt und getrübt/befleckt geworden
skannam vīryam acūrṇayam
ich zermalmte den vergossenen Samen zu Staub
mad-vīryāt cūrṇitāt sūkṣmāt
aus meinem zu feinem Staub zermalmten Samen
vālakhilyāḥ tu jajñire
die Vālakhilyas aber entstanden
[Anm.: Die Vālakhilyas sind eine Gruppe daumengroßer Weiser, deren Ursprung hier auf Brahmās zerriebenen Samen zurückgeführt wird – ein bekanntes, an anderen Stellen der Purāṇa-Literatur variierend erzähltes Motiv.]
{Śiva sprach:} 'Rufe Brahmā hierher, ich will ihn von seiner Verfehlung befreien; selbst gegenüber einem, der ein Vergehen begangen hat, sind die Guten mitleidsvollen Sinnes – dies ist die Beschaffenheit der Sinnesobjekte, dass sie selbst den Weisen verwirren.'
Wort für Wort
brahmāṇam āhvayasva iha
rufe Brahmā hierher
gata-pāpam karomi aham
ich will ihn frei von Sünde machen
kṛta-aparādhe 'pi jane
selbst gegenüber einem, der ein Vergehen begangen hat
santaḥ sa-kṛpa-mānasāḥ
sind die Guten mitleidsvollen Sinnes
mohayanti api vidvāṃsam
sie verwirren selbst den Weisen
viṣayāṇām iyam sthitiḥ
dies ist die Beschaffenheit der Sinnesobjekte
[Anm.: Dieser Vers umfasst im Original drei Zeilen (sechs Pādas), von denen nur die letzte durch // markiert ist – eine metrisch unregelmäßige Struktur, wie bereits in früheren Kapiteln vereinzelt belegt.]
{Brahmā sprach:} Nachdem er so gesprochen hatte, [kam] jener erhabene Śiva, zusammen mit Umā, aus Mitleid mit mir und aus Wunsch nach dem Wohl der Welten,
'und ich will die gesamte reinigende Essenz von beiden [Erde und Wasser] herbeiholen.' Nachdem der Erhabene dies beschlossen hatte, zog er die Essenz von beiden zusammen.
trijagatpāvanīṃ śaktiṃ tatra sasmāra pāpahā / mām uvāca sa lokeśo gṛhāṇemaṃ kamaṇḍalum //
[und] der Sündenvernichter [Śiva] rief dort die die drei Welten reinigende Kraft [Śakti] herbei; jener Herr der Welt sprach zu mir: 'Nimm diesen Wasserkrug entgegen!'
'Die Wasser sind wahrlich Muttergöttinnen, und die Erde ist ebenso eine andere Mutter; das Verursachen von Bestand, Entstehen und Vergehen liegt bei beiden.'
Wort für Wort
āpaḥ vai mātaraḥ devyaḥ
die Wasser sind wahrlich Muttergöttinnen
bhūmiḥ mātā tathā aparā
die Erde ist ebenso eine andere Mutter
sthiti-utpatti-vināśānām hetutvam
das Verursachen von Bestand, Entstehen und Vergehen
atra pratiṣṭhito dharmo hy atra yajñaḥ sanātanaḥ / atra bhuktiś ca muktiś ca sthāvaraṃ jaṅgamaṃ tathā //
'Hierin ist die Rechtsordnung gegründet, hierin auch das ewige Opfer; hierin sind Genuss und Erlösung sowie das Unbewegliche und das Bewegliche [begründet].'
smaraṇān mānasaṃ pāpaṃ vacanād vācikaṃ tathā / snānapānābhiṣekāc ca praṇaśyaty api kāyikam //
'Durch bloßes Gedenken vergeht die geistige Sünde, durch Aussprechen ebenso die sprachliche, und durch Baden, Trinken und Besprengen vergeht auch die körperliche.'
'Eben dies ist der Nektar der Unsterblichkeit in der Welt, nichts Reinigenderes gibt es als dies; von mir geweiht, o Brahmane – nimm diesen Wasserkrug entgegen!'
Wort für Wort
etat eva amṛtam loke
eben dies ist der Nektar der Unsterblichkeit in der Welt
atratyaṃ vāri yaḥ kaścit smared api paṭhed api / sa sarvakāmān āpnoti gṛhāṇemaṃ kamaṇḍalum //
'Wer auch immer sich des darin befindlichen Wassers erinnert oder [dies] auch nur ausspricht, der erlangt alle Wünsche – nimm diesen Wasserkrug entgegen!'
Wort für Wort
atratyam vāri
des darin befindlichen Wassers
yaḥ kaścit smaret api paṭhet api
wer auch immer sich erinnert oder auch nur ausspricht
'Auch unter den fünf [Grob-]Elementen ist das Element Wasser als das erhabene bezeichnet; das Erhabenste von diesen [Gewässern] ist eben dies – nimm diesen Wasserkrug entgegen!'
atra yad vāri śobhiṣṭhaṃ puṇyaṃ pāvanam eva ca / spṛṣṭvā smṛtvā ca dṛṣṭvā ca brahman pāpād vimokṣyase //
'Das Wasser, das hierin das herrlichste, verdienstvollste und reinigendste ist – durch Berühren, Gedenken und Erblicken wirst du, Brahmane, von Sünde befreit werden.'
evam uktvā mahādevaḥ prādān mama kamaṇḍalum / tataḥ suragaṇāḥ sarve bhaktyā procuḥ sureśvaram / āhlādaś ca mahāṃs tatra jayaśabdo vyavartata //
Nachdem der große Gott so gesprochen hatte, überreichte er mir den Wasserkrug; darauf sprachen alle Scharen der Götter voll Hingabe zum Götterherrn, und großer Jubel [erhob sich] dort, ein Ausruf des Sieges erscholl.
Wort für Wort
evam uktvā mahādevaḥ
nachdem der große Gott so gesprochen hatte
prādāt mama kamaṇḍalum
überreichte er mir den Wasserkrug
tataḥ sura-gaṇāḥ sarve
darauf alle Scharen der Götter
bhaktyā procuḥ sura-īśvaram
sprachen voll Hingabe zum Götterherrn
āhlādaḥ ca mahān tatra
und großer Jubel dort
jaya-śabdaḥ vyavartata
ein Ausruf des Sieges erscholl
[Anm.: Auch dieser Vers umfasst im Original drei Zeilen (sechs Pādas), von denen nur die letzte durch // markiert ist.]
Beim Götterfest erblickte der Ungeborene [Brahmā] die Fußspitze der Mutter [Pārvatī] und verfiel dadurch in Sünde; [doch] der barmherzige Vater [Śiva] gab ihm auf sein bloßes Gedenken hin die reine, im heilvollen Wasserkrug befindliche Gaṅgā.
Wort für Wort
deva-utsave
beim Götterfest
mātuḥ ajaḥ pada-agram
der Ungeborene [Brahmā] die Fußspitze der Mutter
samīkṣya pāpāt patitatvam āpa
erblickte und verfiel dadurch in Sünde
prādāt kṛpāluḥ smaraṇāt
gab der Barmherzige auf bloßes Gedenken hin
pavitrām gaṅgām
die reine Gaṅgā
pitā puṇya-kamaṇḍalu-sthām
der Vater, die im heilvollen Wasserkrug befindliche
[Anm.: Im Original springt die Verszählung von V35 direkt zu V38 (die Verse 36-37 fehlen in der überlieferten Textgrundlage) – hier ohne Ergänzung wiedergegeben. Der Vers selbst hat vier Halbzeilen (a/b/c/d) in einem längeren Versmaß, wie bereits in Kap.71 (V9-10) belegt. 'Mātuḥ' bezieht sich auf Pārvatī, 'pitā' auf Śiva; dieser Vers stellt die entscheidende Verbindung zur Kapitelüberschrift her: die Gaṅgā, die im Kamaṇḍalu ruht, ist eben jene 'Tridaivatya'-Gaṅgā, nach der Nārada in Kap.71 gefragt hatte.]