Kapitel 112: mātṛtīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Mātṛ-Tīrtha (Entstehung der Mütter-Göttinnen im Götter-Asura-Kampf)
Brahmā erzählt: In einem schweren Kampf zwischen Göttern und Asuras erbaten die Götter Śivas Hilfe; sie priesen ihn u.a. mit Anspielungen auf das Quirlen des Milchozeans (Verschlucken des Kālakūṭa-Giftes) und die Verbrennung Kāmas. Śiva kämpfte in einer finsteren (tāmasa) Gestalt gegen die Feinde; von seiner schwitzenden Stirn fielen Tropfen, aus denen überall auf der Erde Mütter-Göttinnen (Mātṛs) in Śivas Gestalt entstanden. Diese verfolgten die fliehenden Dämonen bis in die Unterwelt (Rasātala) und vernichteten sie, kehrten dann zu den wartenden Göttern am Ufer der Gautamī zurück. Der Ort ihres Entstehens und ihrer Rückkehr wurde als Pratiṣṭhāna und einzeln als Mātṛtīrtha bekannt – ein den Göttern selbst verehrungswürdiger Ort, an dem Bad, Spende und Ahnenopfer unvergänglichen Lohn bringen.
{Brahmā sprach:} 'Bekannt als Mātṛ-Tīrtha (Mütter-Pilgerstätte), das den Menschen alle Vollkommenheiten verleiht; ein Lebewesen wird von seelischen Leiden befreit, schon allein durch das Erinnern an diese Pilgerstätte.'
Da ging ich (Brahmā) mit den Göttern zu dem dastehenden Śūlapāṇi (Śiva, dem Dreizackträger) und pries ihn langsam mit gefalteten Händen in mannigfachen Worten.
saṃmantrya devair asuraiś ca sarvair BrP_112.4a
yadāhṛtaṃ saṃmathituṃ samudram BrP_112.4b
yat kālakūṭaṃ samabhūn maheśa BrP_112.4c
tat tvāṃ vinā ko grasituṃ samarthaḥ BrP_112.4d
'Als nach Beratung mit allen Göttern und Asuras das Meer gequirlt wurde, um es aufzurühren, und jenes Kālakūṭa-Gift entstand, o Maheśa – wer außer dir wäre fähig gewesen, es zu verschlingen?'
Wort für Wort
saṃmantrya devair asuraiś ca sarvaiḥ
nach Beratung mit allen Göttern und Asuras
yad āhṛtaṃ saṃmathituṃ samudram
als das Meer aufgerührt/gequirlt wurde
yat kālakūṭaṃ samabhūt maheśa
als jenes Kālakūṭa-Gift entstand, o Maheśa
tat tvāṃ vinā ko grasituṃ samarthaḥ
wer außer dir wäre fähig gewesen, es zu verschlingen
[Anm.: Ab hier V.4-6 in besonderem, padaweise gezähltem Hymnenmetrum (a/b/c/d), jeweils als ein zusammenhängender Vers wiedergegeben; Anspielung auf das Quirlen des Milchozeans und Śivas Verschlucken des Kālakūṭa-Giftes.]
'Māra (der Liebesgott), der durch den Wurf einer Blüte die drei Welten sich gefügig zu machen vermag, der selbst von Hari und anderen Göttern verehrt wird – als er (gegen dich) ausholte, ging er unter (wurde vernichtet).'
Wort für Wort
puṣpaprahāreṇa jagattrayaṃ yaḥ
der durch den Wurf einer Blüte die drei Welten
svādhīnam āpādayituṃ samarthaḥ
sich gefügig zu machen vermag
māro hare 'py anyasurādivandyaḥ
Māra, selbst von Hari und anderen Göttern verehrt
vitāyamāno vilayaṃ prayātaḥ
als er ausholte, ging er unter
[Anm.: Anspielung auf die Verbrennung Kāmas/Māras durch Śivas Zorn.]
vimathya vārīśam anaṅgaśatro BrP_112.6a
yad uttamaṃ tat tu divaukasebhyaḥ BrP_112.6b
dattvā viṣaṃ saṃharan nīlakaṇṭha BrP_112.6c
ko vā dhartuṃ tvām ṛte vai samarthaḥ BrP_112.6d
'O Feind des Ananga (Kāma), nachdem du den Herrn der Gewässer (den Ozean) gequirlt hattest, gabst du das Erlesenste (Amṛta) den Himmlischen, während du das Gift zurückhieltest, o Blauhalsiger (Nīlakaṇṭha) – wer wäre wohl außer dir fähig gewesen, es zu bewahren?'
Wort für Wort
vimathya vārīśam anaṅgaśatro
nachdem du den Herrn der Gewässer gequirlt hattest, o Feind des Ananga
Die Götter sprachen: 'Schreckliche Furcht (herrscht) vor den Dānavas; komm dorthin, o Stierbanner-Träger (Vṛṣabhadhvaja); töte die Feinde, beschütze die Götter – durch dich, o Herr, haben wir einen Beschützer.'
Er, der die Scharen der Daityas vernichtete, hatte jene finstere Gestalt angenommen; als die Asuras diese Gestalt sahen, flohen sie vom Rücken des Meru zur Erde.
'Wohin auch immer die Feinde gehen, dorthin sollen die Mütter gehen; aus Furcht vor mir sind die Feinde jetzt zur Unterwelt gelangt – auch ihr sollt den Feinden zur Unterwelt folgen.'
Wort für Wort
yatra yatra dviṣo yānti tatra gacchantu mātaraḥ
wohin auch immer die Feinde gehen, dorthin sollen die Mütter gehen
rasātalam anuprāptā idānīṃ madbhayād dviṣaḥ
aus Furcht vor mir sind die Feinde jetzt zur Unterwelt gelangt
tāś ca jagmur bhuvaṃ bhittvā yatra te daityadānavāḥ /
tān hatvā mātaraḥ sarvān devārīn atibhīṣaṇān // BrP_112.20 //
Und sie (die Mütter) gingen, die Erde durchbrechend, dorthin, wo jene Daityas und Dānavas waren; sie töteten alle jene überaus furchtbaren Feinde der Götter.
Wort für Wort
tāś ca jagmur bhuvaṃ bhittvā
und sie gingen, die Erde durchbrechend
yatra te daityadānavāḥ
dorthin, wo jene Daityas und Dānavas waren
tān hatvā mātaraḥ sarvān devārīn atibhīṣaṇān
sie, die Mütter, töteten alle jene überaus furchtbaren Feinde der Götter
tatra tatra bilāny āsan rasātalagatāni ca /
surās tābhyo varān procur loke pūjāṃ yathā śivaḥ // BrP_112.24 //
Dort gab es überall Öffnungen, die zur Unterwelt führten; die Götter sprachen zu ihnen (den Müttern) Segenswünsche, dass ihnen Verehrung zuteilwerde wie Śiva in der Welt.
Wort für Wort
tatra tatra bilāny āsan rasātalagatāni ca
dort gab es überall Öffnungen, die zur Unterwelt führten
surās tābhyo varān procur
die Götter sprachen zu ihnen Segenswünsche
loke pūjāṃ yathā śivaḥ
dass ihnen Verehrung zuteilwerde wie Śiva in der Welt
'So wie er (Verehrung erlangt), so soll auch den Müttern immerdar Verehrung zuteilwerden' – dies sprechend, verschwanden die Götter; die Mütter aber blieben eben dort.
Wort für Wort
prāpnoti tadvan mātṛbhyaḥ pūjā bhavatu sarvadā
so wie er (Verehrung) erlangt, so soll den Müttern immerdar Verehrung zuteilwerden
yatra yatra sthitā devyo mātṛtīrthaṃ tato viduḥ /
surāṇām api sevyāni kiṃ punar mānuṣādibhiḥ // BrP_112.26 //
Wo immer die Göttinnen verweilten, dort kennt man seither das Mātṛ-Tīrtha; sogar von den Göttern verehrenswert – wie viel mehr erst von Menschen und anderen!
Wort für Wort
yatra yatra sthitā devyo mātṛtīrthaṃ tato viduḥ
wo immer die Göttinnen verweilten, dort kennt man seither das Mātṛ-Tīrtha