Kapitel 136: viṣṇutīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Viṣṇu- (Maudgalya-)Tīrtha (Der Weise Maudgalya, seine Frau Jābālā und die Lehre von Karma, Spende und Hingabe)
Der Weise Maudgalya ruft täglich Viṣṇu durch Meditation an die Gautamī, worauf dieser leibhaftig auf Garuḍa erscheint, mit ihm verweilt und Geschichten erzählt. Seine Gattin Jābālā fragt sich, warum trotz dieser täglichen göttlichen Gegenwart ihre Armut fortbesteht, und drängt Maudgalya, Viṣṇu danach zu fragen. Viṣṇu erklärt die unausweichliche Wirkung des eigenen Karmas (wie die Saat, so die Frucht) und weist darauf hin, dass Maudgalya nie etwas gespendet habe; nur mit Gedenken an Viṣṇu gegebene Spenden seien unvergänglich, während gewöhnliche Werke nur begrenzten Lohn brächten. In einem kurzen Streitgespräch über das Verhältnis von Genuss (bhukti) und Erlösung (mukti) durch Hingabe bittet Viṣṇu selbst um eine kleine Gabe; da Maudgalya nichts mehr zu geben hat, lässt Viṣṇu durch Garuḍa eine einzige Getreideähre holen, die Maudgalya darbringt. Daraufhin gewährt Viṣṇu durch Viśvakarman sieben Generationen von Maudgalyas Nachkommen alle Wünsche (Kühe, Gold, Getreide, Gewänder, Schmuck); Maudgalya und seine Familie erlangen sowohl Genuss als auch Erlösung. Ursprung des Viṣṇu- bzw. Maudgalya-(Vaiṣṇava-)Tīrtha mit 11000 weiteren Tīrthas.
tasya bhāryā tathā khyātā nāmnā bhāgīrathī śubhā / sa maudgalyaḥ prātar eva gaṅgāṃ snāti yatavrataḥ //
Dessen [Mudgalas] Gattin war ebenso unter dem Namen Bhāgīrathī bekannt, eine verheißungsvolle. Jener Maudgalya badete stets frühmorgens in der Gaṅgā, mit gezügeltem Gelübde.
Wort für Wort
tasya bhāryā tathā khyātā nāmnā bhāgīrathī śubhā
Dessen Gattin war ebenso unter dem Namen Bhāgīrathī bekannt, eine verheißungsvolle
sa maudgalyaḥ prātar eva gaṅgāṃ snāti yatavrataḥ
Jener Maudgalya badete stets frühmorgens in der Gaṅgā, mit gezügeltem Gelübde
tenāhūtas tvarann eti lakṣmībhartā jagatpatiḥ / vainateyam athāruhya śaṅkhacakragadādharaḥ //
Von ihm gerufen, kommt eilends der Gemahl Lakṣmīs, der Weltenherr, nachdem er den Vainateya [Garuḍa] bestiegen hat, den Muschelhorn, Diskus und Keule Tragenden.
Wort für Wort
tenāhūtas tvarann eti lakṣmībhartā jagatpatiḥ
Von ihm gerufen, kommt eilends der Gemahl Lakṣmīs, der Weltenherr
vainateyam athāruhya śaṅkhacakragadādharaḥ
nachdem er den Vainateya bestiegen hat, den Muschelhorn, Diskus und Keule Tragenden
evam uktaḥ sa devena viṣṇunā yāti sa dvijaḥ / jagatprabhus tato yāti devair yuktaḥ svamandiram //
So von dem Gott Viṣṇu angesprochen, geht jener Zweifachgeborene nach Hause; der Weltenherr geht darauf, von den Göttern begleitet, in seine eigene Wohnstatt.
Wort für Wort
evam uktaḥ sa devena viṣṇunā yāti sa dvijaḥ
So von dem Gott Viṣṇu angesprochen, geht jener Zweifachgeborene nach Hause
jagatprabhus tato yāti devair yuktaḥ svamandiram
der Weltenherr geht darauf, von den Göttern begleitet, in seine eigene Wohnstatt
dattvā tu bhojanaṃ tebhyaḥ paścād bhuṅkte yatavratā / bhuktavatsv atha sarveṣu rātrau nityaṃ sa maudgaliḥ //
...nachdem sie ihnen die Speise gegeben hatte, aß sie, mit gezügeltem Gelübde, danach selbst. Nachdem alle gegessen hatten, erzählte darauf jener Maudgalya, nachts, stets...
Wort für Wort
dattvā tu bhojanaṃ tebhyaḥ paścād bhuṅkte yatavratā
nachdem sie ihnen die Speise gegeben hatte, aß sie, mit gezügeltem Gelübde, danach selbst
bhuktavatsv atha sarveṣu rātrau nityaṃ sa maudgaliḥ
Nachdem alle gegessen hatten, erzählte darauf jener Maudgalya, nachts, stets
...die wunderbaren, von Viṣṇu gehörten Geschichten, freudig. Als so eine lange Zeit vergangen war, sprach, überaus erstaunt, Maudgalyas Gattin im Geheimen zu ihrem Gatten dieses Wort:
tat pṛccha tvaṃ mahāprājña yadāsau viṣṇur eti ca / yasmiṃś ca smṛtamātre tu jarājanmarujo mṛtiḥ / nāśaṃ yānti kuto dṛṣṭe tasmāt pṛccha jagatpatim //
Frage danach, du Hochweiser, wenn jener Viṣṇu kommt; und wenn schon durch das bloße Erinnern an ihn Alter, Geburt, Krankheit und Tod vergehen, wie kommt es dann, dass unsere Not nicht vergeht, obwohl wir ihn sogar sehen? Frage deshalb den Weltenherrn.
Wort für Wort
tat pṛccha tvaṃ mahāprājña yadāsau viṣṇur eti ca
Frage danach, du Hochweiser, wenn jener Viṣṇu kommt
yasmiṃś ca smṛtamātre tu jarājanmarujo mṛtiḥ
und wenn schon durch das bloße Erinnern an ihn Alter, Geburt, Krankheit und Tod
nāśaṃ yānti kuto dṛṣṭe tasmāt pṛccha jagatpatim
vergehen, wie kommt es dann, dass unsere Not nicht vergeht, obwohl wir ihn sehen? Frage deshalb den Weltenherrn
{brahmovāca:} tathety uktvā priyāvākyān maudgalyo nityavad dharim / pūjayitvā vinītaś ca papraccha sa kṛtāñjaliḥ //
Brahmā sprach: 'So sei es', sprechend auf die Worte der Geliebten, verehrte Maudgalya, wie gewohnt, Hari; und demütig, mit gefalteten Händen, fragte er.
Maudgalya sprach: Wenn man sich deiner erinnert, o Herr der Welt, vergehen Kummer, Armut und üble Tat - warum aber besteht mein Unglück fort, obwohl ich dich sehe?
Der erhabene Viṣṇu sprach: Das selbst Getane wird von allen Wesen überall und immer erfahren; niemand bewirkt hierbei für einen anderen irgendetwas, sei es zum Vor- oder Nachteil.
na kṛtā gautamīsevā nārcitau hariśaṃkarau / na dattaṃ yaiś ca viprebhyas te kathaṃ bhājanaṃ śriyaḥ //
Von wem der Dienst an der Gautamī nicht geleistet, Hari und Śaṃkara nicht verehrt und den Brahmanen nichts gegeben wurde, wie sollte der ein Gefäß des Glücks sein?
Wort für Wort
na kṛtā gautamīsevā nārcitau hariśaṃkarau
Von wem der Dienst an der Gautamī nicht geleistet, Hari und Śaṃkara nicht verehrt wurde
na dattaṃ yaiś ca viprebhyas te kathaṃ bhājanaṃ śriyaḥ
und den Brahmanen nichts gegeben wurde, wie sollte der ein Gefäß des Glücks sein?
Wer stets mit Lehm, Wasser, Kuśa-Gras und Mantras die reinigende Handlung vollzieht, wird dadurch von reiner Seele - allein durch das Auszehren des Körpers.
vinā dānena na kvāpi bhogāvāptir nṛṇāṃ bhavet / satkarmācaraṇāc chuddho viraktaḥ syāt tato naraḥ //
Ohne Spende gibt es für die Menschen nirgends das Erlangen von Genuss; durch das Ausüben guter Handlungen wird der Mensch rein, und dadurch wird er leidenschaftslos.
Wort für Wort
vinā dānena na kvāpi bhogāvāptir nṛṇāṃ bhavet
Ohne Spende gibt es für die Menschen nirgends das Erlangen von Genuss
satkarmācaraṇāc chuddho viraktaḥ syāt tato naraḥ
durch das Ausüben guter Handlungen wird der Mensch rein, und dadurch wird er leidenschaftslos
tato 'pratihatajñāno jīvanmuktas tato bhavet / sarveṣāṃ sulabhā muktir madbhaktyā ceha pūrtataḥ //
Darauf, von ungehindertem Wissen, wird er darauf zu Lebzeiten befreit; für alle ist die Erlösung leicht erreichbar, nämlich durch Hingabe an mich und durch Werke der Wohltätigkeit.
Wort für Wort
tato 'pratihatajñāno jīvanmuktas tato bhavet
Darauf, von ungehindertem Wissen, wird er darauf zu Lebzeiten befreit
sarveṣāṃ sulabhā muktir madbhaktyā ceha pūrtataḥ
für alle ist die Erlösung leicht erreichbar, nämlich durch Hingabe an mich und durch Werke der Wohltätigkeit
Genuss (Bhukti) erlangt man durch Spenden und dergleichen, durch das Beseitigen des Leids aller Wesen; oder aber du wirst durch Hingabe die Erlösung erlangen - den Genuss aber wirst du dann nicht erlangen.
Wort für Wort
bhuktir dānādinā sarvabhūtaduḥkhanibarhaṇāt
Genuss erlangt man durch Spenden und dergleichen, durch das Beseitigen des Leids aller Wesen
athavā lapsyase muktiṃ bhaktyā bhuktiṃ na lapsyase
oder aber du wirst durch Hingabe die Erlösung erlangen - den Genuss aber wirst du dann nicht erlangen
Maudgalya sprach: Wie sollte durch Hingabe Erlösung entstehen, wenn doch Erlösung durch Genuss überaus schwer erreichbar ist? Wenn den Verkörperten einmal Erlösung zuteilwird, wozu bräuchte es dann noch anderes?
Viṣṇu sprach: Gerade dies ist der entscheidende Unterschied, o Brahmane: Was, meiner gedenkend, einem Brahmanen oder Bittstellern gegeben wird, das allein wird unvergänglich.
mām adhyātvātha yad dadyāt tat tanmātraphalapradam / tat punar dattam eveha na bhogāyātra kalpate //
Was aber, ohne an mich zu denken, gegeben wird, das gewährt nur genau diese begrenzte Frucht; das hier Gegebene taugt dann wiederum nicht zum höheren Genuss.
Wort für Wort
mām adhyātvātha yad dadyāt tat tanmātraphalapradam
Was aber, ohne an mich zu denken, gegeben wird, das gewährt nur genau diese begrenzte Frucht
tat punar dattam eveha na bhogāyātra kalpate
das hier Gegebene taugt dann wiederum nicht zum höheren Genuss
{brahmovāca:} maudgalyaḥ prāha taṃ viṣṇuṃ deyaṃ mama na vidyate / nānyat kiṃcana dehādi yat tat tvayi samarpitam //
Brahmā sprach: Maudgalya sprach zu jenem Viṣṇu: Es gibt bei mir nichts zu Gebendes; nichts anderes, sei es der Körper oder dergleichen, das dir nicht schon dargebracht wäre.
Wort für Wort
{brahmovāca:} maudgalyaḥ prāha taṃ viṣṇuṃ deyaṃ mama na vidyate
Brahmā sprach: Maudgalya sprach zu jenem Viṣṇu: Es gibt bei mir nichts zu Gebendes
nānyat kiṃcana dehādi yat tat tvayi samarpitam
nichts anderes, sei es der Körper oder dergleichen, das dir nicht schon dargebracht wäre
{viṣṇur uvāca:} yāvac cāsya kule sapta puruṣās tāvad eva tu / bhavitāro mahābuddhe tāvat kāmā manīṣitāḥ / gāvo hiraṇyaṃ dhānyāni vastrāṇy ābharaṇāni ca //
Viṣṇu sprach: Solange in dessen Geschlecht sieben Generationen von Menschen sein werden, o Hochweiser, so lange sollen die gewünschten Wünsche erfüllt sein: Kühe, Gold, Getreide, Gewänder und Schmuckstücke.
Wort für Wort
{viṣṇur uvāca:} yāvac cāsya kule sapta puruṣās tāvad eva tu
Viṣṇu sprach: Solange in dessen Geschlecht sieben Generationen von Menschen sein werden
bhavitāro mahābuddhe tāvat kāmā manīṣitāḥ
o Hochweiser, so lange sollen die gewünschten Wünsche erfüllt sein
{brahmovāca:} yac ca kiṃcin manaḥprītyai loke bhavati bhūṣaṇam / tat sarvam āpa maudgalyo viṣṇugaṅgāprabhāvataḥ //
Brahmā sprach: Und was immer in der Welt zur Freude des Herzens als Schmuck existiert, das alles erlangte Maudgalya durch die Macht Viṣṇus und der Gaṅgā.
Wort für Wort
{brahmovāca:} yac ca kiṃcin manaḥprītyai loke bhavati bhūṣaṇam
Brahmā sprach: Und was immer in der Welt zur Freude des Herzens als Schmuck existiert
tat sarvam āpa maudgalyo viṣṇugaṅgāprabhāvataḥ
das alles erlangte Maudgalya durch die Macht Viṣṇus und der Gaṅgā
'Geh nach Hause', so von Viṣṇu angesprochen, ging Maudgalya darauf heim; als er in seiner Einsiedelei all den Reichtum sah, sprach der Weise [Mudgala]:
Wort für Wort
gṛhaṃ gaccheti maudgalyo viṣṇunoktas tato yayau
'Geh nach Hause', so von Viṣṇu angesprochen, ging Maudgalya darauf heim
āśrame svasya sarvarddhiṃ dṛṣṭvā ṛṣir abhāṣata
als er in seiner Einsiedelei all den Reichtum sah, sprach der Weise
Der Weise sprach: Ah, dies ist die Macht des Spendens! Ah, das Sich-Erinnern an Viṣṇu! Ah, die Macht der Gaṅgā! Von wem sollte diese Größe je vollständig erfasst werden?
{brahmovāca:} maudgalyo bhāryayā sārdhaṃ putraiḥ pautraiś ca bandhubhiḥ / pitṛbhyāṃ bubhuje bhogān bhuktiṃ muktim avāpa ca //
Brahmā sprach: Maudgalya genoss zusammen mit seiner Gattin, seinen Söhnen und Enkeln, seinen Verwandten und seinen beiden Eltern die Genüsse, und er erlangte sowohl Genuss als auch Erlösung.
Wort für Wort
{brahmovāca:} maudgalyo bhāryayā sārdhaṃ putraiḥ pautraiś ca bandhubhiḥ
Brahmā sprach: Maudgalya genoss zusammen mit seiner Gattin, seinen Söhnen und Enkeln, seinen Verwandten
pitṛbhyāṃ bubhuje bhogān bhuktiṃ muktim avāpa ca
und seinen beiden Eltern die Genüsse, und er erlangte sowohl Genuss als auch Erlösung
Wer auch immer irgendwie nur vom Hören oder Erinnern dieses Tīrtha Kunde erlangt - dem wird Viṣṇu wohlgesinnt sein, er wird von Sünden befreit und glücklich werden.
Wort für Wort
tatra śrutiḥ smṛtir vāpi tīrthasya syāt kathaṃcana
Wer auch immer irgendwie nur vom Hören oder Erinnern dieses Tīrtha Kunde erlangt