Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 200: pradyumnaharaṇaṃ śambaravadho māyāvatīrahasyaṃ ca Der Raub des Pradyumna, die Tötung des Śambara und das Geheimnis der Māyāvatī

Der Dämon Kālaśambara, eine Prophezeiung fürchtend, raubt den sechs Tage alten Pradyumna und wirft ihn ins Meer; ein Fisch verschlingt ihn, wird gefangen und landet in Śambaras eigener Küche, wo Śambaras Frau Māyāvatī den unversehrten Knaben findet und, von Nārada über seine wahre Herkunft als Kṛṣṇas Sohn aufgeklärt, aufzieht. Als er herangewachsen ist, empfindet sie Liebesverlangen nach ihm, was sich auflöst, als sie ihm die Wahrheit über seine Herkunft offenbart: Er stürzt sich in den Kampf, vernichtet Śambaras Heer, überwindet dessen sieben Zauberkräfte mit einer achten und tötet ihn. Mit Māyāvatī fliegt er nach Dvārakā, wo Kṛṣṇa und Nārada Rukmiṇī aufklären, dass Māyāvatī in Wahrheit Rati ist, die Gattin des von Śiva verbrannten Liebesgottes Kāma, dessen Wiedergeburt Pradyumna ist — die ganze Stadt jubelt über die Wiedervereinigung von Mutter und totgeglaubtem Sohn.

śambareṇa hṛto vīraḥ pradyumnaḥ sa kathaṃ punaḥ / śambaraś ca mahāvīryaḥ pradyumnena kathaṃ hataḥ //

Die Weisen sprachen: Wie wurde jener von Śambara geraubte Held Pradyumna wiedergewonnen, und wie wurde der überaus kraftvolle Śambara von Pradyumna getötet?

Wort für Wort
śambareṇa hṛto vīraḥ pradyumnaḥ
der von Śambara geraubte Held Pradyumna
sa kathaṃ punaḥ
wie [wurde er] wieder [gewonnen]
śambaraś ca mahāvīryaḥ
und der überaus kraftvolle Śambara
pradyumnena kathaṃ hataḥ
wie wurde er von Pradyumna getötet

ṣaṣṭhe 'hni jātamātre tu pradyumnaṃ sūtikāgṛhāt / mamaiṣa hanteti dvijā hṛtavān kālaśambaraḥ //

Vyāsa sprach: Am sechsten Tag [nach seiner Geburt], als er gerade geboren war, raubte Kālaśambara, o Brahmanen, den Pradyumna aus dem Wochenbett-Haus, [denkend]: 'Dieser wird mein [Töter] sein.'

Wort für Wort
ṣaṣṭhe 'hni jātamātre tu
am sechsten Tag, als er gerade geboren war
pradyumnaṃ sūtikāgṛhāt
den Pradyumna aus dem Wochenbett-Haus
mamaiṣa hanteti dvijā
'dieser wird mein [Töter] sein', o Brahmanen
hṛtavān kālaśambaraḥ
raubte Kālaśambara

[Anm.: Motiv-Parallele zu Kaṃsa und Kṛṣṇa: Śambara kennt eine Prophezeiung, dass dieses Kind ihn töten wird, und versucht, dies durch den Raub abzuwenden.]

nītvā cikṣepa caivainaṃ grāho 'gre lavaṇārṇave / kallolajanitāvarte sughore makarālaye //

Ihn fortgetragen habend, warf er ihn sogleich ins Salzmeer, [den Krokodilen] vor [den Rachen], in einen von Wellen erzeugten Strudel, ins überaus furchtbare, von Krokodilen bewohnte [Gewässer].

Wort für Wort
nītvā cikṣepa caivainaṃ
ihn fortgetragen habend, warf er ihn
grāho 'gre lavaṇārṇave
vor [den Rachen] eines Krokodils, ins Salzmeer
kallolajanitāvarte
in einen von Wellen erzeugten Strudel
sughore makarālaye
ins überaus furchtbare, von Krokodilen bewohnte [Gewässer]

[?: Die genaue Konstruktion 'grāho 'gre' ('vor/im Angesicht eines Krokodils') ist knapp; hier wörtlich, als Hinweis auf die unmittelbare Todesgefahr im Meer, wiedergegeben.]

patitaṃ caiva tatraiko matsyo jagrāha bālakam / na mamāra ca tasyāpi jaṭharānaladīpitaḥ //

Und den dort hineingefallenen Knaben verschlang ein Fisch; doch er starb nicht, obwohl er vom Feuer in dessen Magen versengt wurde.

Wort für Wort
patitaṃ caiva tatraiko matsyo
und den dort hineingefallenen, ein Fisch
jagrāha bālakam
verschlang den Knaben
na mamāra ca tasyāpi
und er starb dennoch nicht
jaṭharānaladīpitaḥ
[obwohl] vom Feuer in dessen Magen versengt

matsyabandhaiś ca matsyo 'sau matsyair anyaiḥ saha dvijāḥ / ghātito 'suravaryāya śambarāya niveditaḥ //

Und jener Fisch wurde, o Brahmanen, zusammen mit anderen Fischen von Fischern gefangen und dem Asura-Fürsten Śambara übergeben.

Wort für Wort
matsyabandhaiś ca matsyo 'sau
und jener Fisch, von Fischern
matsyair anyaiḥ saha dvijāḥ
zusammen mit anderen Fischen, o Brahmanen
ghātito 'suravaryāya
wurde gefangen, dem Asura-Fürsten
śambarāya niveditaḥ
dem Śambara übergeben

tasya māyāvatī nāma patnī sarvagṛheśvarī / kārayām āsa sūdānām ādhipatyam aninditā //

Dessen Gattin, namens Māyāvatī, die Herrin des ganzen Hauses, die Untadelige, ließ [daraufhin] die Aufsicht über die Köche [walten].

Wort für Wort
tasya māyāvatī nāma patnī
dessen Gattin, namens Māyāvatī
sarvagṛheśvarī
die Herrin des ganzen Hauses
kārayām āsa sūdānām ādhipatyam
ließ die Aufsicht über die Köche ausüben
aninditā
die Untadelige

dārite matsyajaṭhare dadṛśe sātiśobhanam / kumāraṃ manmathataror dagdhasya prathamāṅkuram //

Als der Fischbauch aufgeschnitten wurde, sah sie den überaus schönen Knaben — den ersten Spross des [wieder erstandenen] Liebesbaumes, [nämlich] des [einst von Śiva] verbrannten Kāma.

Wort für Wort
dārite matsyajaṭhare
als der Fischbauch aufgeschnitten wurde
dadṛśe sātiśobhanam
sah sie den überaus schönen
kumāraṃ manmathataror
Knaben, des Liebesbaumes
dagdhasya prathamāṅkuram
des verbrannten [Kāma], den ersten Spross

[Anm.: Poetische Anspielung auf den Mythos, dass Śiva den Liebesgott Kāma (Manmatha) durch sein drittes Auge verbrannte; Pradyumna wird hier als dessen 'erster Spross', also als Wiedergeburt Kāmas, gedeutet.]

ko 'yaṃ katham ayaṃ matsya-jaṭhare samupāgataḥ / ity evaṃ kautukāviṣṭāṃ tāṃ tanvīṃ prāha nāradaḥ //

'Wer ist dieser, wie ist dieser in den Fischbauch gelangt?' — so sprach, [als sie] von Neugier erfüllt [war], Nārada zu ihr, der Schlanken.

Wort für Wort
ko 'yaṃ katham ayaṃ
wer ist dieser, wie ist dieser
matsyajaṭhare samupāgataḥ
in den Fischbauch gelangt
ity evaṃ kautukāviṣṭāṃ
so, von Neugier erfüllt
tāṃ tanvīṃ prāha nāradaḥ
sprach Nārada zu ihr, der Schlanken

ayaṃ samastajagatāṃ sṛṣṭisaṃhārakāriṇā / śambareṇa hṛtaḥ kṛṣṇa-tanayaḥ sūtikāgṛhāt //

Nārada sprach: 'Dieser ist Kṛṣṇas Sohn, geraubt aus dem Wochenbett-Haus von Śambara, [der scheinbar sogar] die Erschaffung und Auflösung aller Welten [zu bewirken vermag],'

Wort für Wort
ayaṃ samastajagatāṃ
dieser, [wobei] aller Welten
sṛṣṭisaṃhārakāriṇā
durch den, der Erschaffung und Auflösung bewirkt
śambareṇa hṛtaḥ kṛṣṇa-tanayaḥ
von Śambara geraubte Sohn Kṛṣṇas
sūtikāgṛhāt
aus dem Wochenbett-Haus

[?: Das Epitheton 'sṛṣṭisaṃhārakāriṇā' (Schöpfung und Auflösung aller Welten bewirkend), gewöhnlich Göttern vorbehalten, wird hier hyperbolisch auf den mächtigen Dämon Śambara angewandt.]

kṣiptaḥ samudre matsyena nigīrṇas te vaśaṃ gataḥ / nararatnam idaṃ subhru viśrabdhā paripālaya //

— ins Meer geworfen, von einem Fisch verschlungen, ist er in deine Obhut gekommen. Dieses Juwel unter den Männern, o Schönbraue, beschütze getrost.'

Wort für Wort
kṣiptaḥ samudre
ins Meer geworfen
matsyena nigīrṇas
von einem Fisch verschlungen
te vaśaṃ gataḥ
in deine Obhut gekommen
nararatnam idaṃ subhru viśrabdhā paripālaya
dieses Juwel unter den Männern, o Schönbraue, beschütze getrost

nāradenaivam uktā sā pālayām āsa taṃ śiśum / bālyād evātirāgeṇa rūpātiśayamohitā //

Von Nārada so angesprochen, zog sie das Kind auf, von Kindheit an mit übergroßer Zuneigung, von seiner überaus schönen Gestalt bezaubert.

Wort für Wort
nāradenaivam uktā sā
von Nārada so angesprochen, sie
pālayām āsa taṃ śiśum
zog sie das Kind auf
bālyād evātirāgeṇa
von Kindheit an mit übergroßer Zuneigung
rūpātiśayamohitā
von seiner überaus [schönen] Gestalt bezaubert

sa yadā yauvanābhoga-bhūṣito 'bhūd dvijottamāḥ / sābhilāṣā tadā sā tu babhūva gajagāminī //

Als er, o Beste der Zweifachgeborenen, mit der Fülle der Jugend geschmückt war, da wurde sie, die mit dem [majestätischen] Gang einer Elefantenkuh Schreitende, von Verlangen [nach ihm] erfüllt.

Wort für Wort
sa yadā yauvanābhoga-bhūṣito 'bhūd
als er mit der Fülle der Jugend geschmückt war
dvijottamāḥ
o Beste der Zweifachgeborenen
sābhilāṣā tadā sā tu
da wurde sie von Verlangen erfüllt
babhūva gajagāminī
sie, mit dem Gang einer Elefantenkuh

[Anm.: Die scheinbar anstößige Wendung — die Ziehmutter begehrt den herangewachsenen Ziehsohn — wird ab V.26 aufgelöst: Māyāvatī ist in Wahrheit Rati, die Gattin des verbrannten Liebesgottes Kāma, dessen Wiedergeburt Pradyumna ist; ihre Zuneigung gilt somit rechtmäßig ihrem eigenen Gatten.]

māyāvatī dadau cāsmai māyā sarvā mahātmane / pradyumnāyātmabhūtāya tannyastahṛdayekṣaṇā / prasajjantīṃ tu tām āha sa kārṣṇiḥ kamalalocanaḥ //

Und Māyāvatī gab dem hochgesinnten Pradyumna, [der] wie ihr eigenes Wesen [war], alle [ihre] Zauberkräfte — sie, die Herz und Augen auf ihn gerichtet hatte. Doch zu ihr, [die sich ihm] hingebend [näherte], sprach jener Sohn Kṛṣṇas, der Lotusäugige:

Wort für Wort
māyāvatī dadau cāsmai
und Māyāvatī gab ihm
māyā sarvā mahātmane
alle [ihre] Zauberkräfte, dem Hochgesinnten
pradyumnāyātmabhūtāya
dem Pradyumna, [der] wie ihr eigenes Wesen [war]
tannyastahṛdayekṣaṇā
sie, die Herz und Augen auf ihn gerichtet hatte
prasajjantīṃ tu tām āha
doch zu ihr, [die sich ihm] hingebend, sprach
sa kārṣṇiḥ kamalalocanaḥ
jener Sohn Kṛṣṇas, der Lotusäugige

[Anm.: Unregelmäßiger dreizeiliger Vers im Original.]

mātṛbhāvaṃ vihāyaiva kimarthaṃ vartase 'nyathā //

'Warum verhältst du dich, die Haltung einer Mutter ganz aufgebend, anders [als eine Mutter]?'

Wort für Wort
mātṛbhāvaṃ vihāyaiva
die Haltung einer Mutter ganz aufgebend
kimarthaṃ vartase 'nyathā
warum verhältst du dich anders

[Anm.: Unregelmäßiger Vers — im Quelltext ist nur eine einzige Halbzeile überliefert (mit Editionssternchen markiert); die zweite Halbzeile fehlt offenbar in der vorliegenden Ausgabe.]

sā cāsmai kathayām āsa na putras tvaṃ mameti vai / tanayaṃ tvām ayaṃ viṣṇor hṛtavān kālaśambaraḥ //

Vyāsa sprach: Und sie erzählte ihm: 'Du bist fürwahr nicht mein Sohn — dich, den Sohn Viṣṇus, hat Kālaśambara geraubt.'

Wort für Wort
sā cāsmai kathayām āsa
und sie erzählte ihm
na putras tvaṃ mameti vai
'du bist fürwahr nicht mein Sohn'
tanayaṃ tvām ayaṃ viṣṇor
dich, den Sohn Viṣṇus
hṛtavān kālaśambaraḥ
hat Kālaśambara geraubt

kṣiptaḥ samudre matsyasya saṃprāpto jaṭharān mayā / sā tu roditi te mātā kāntādyāpy ativatsalā //

'Ins Meer geworfen, wurdest du von mir aus dem Bauch eines Fisches erlangt. Jene aber, deine Mutter, die Geliebte [Kṛṣṇas], weint noch heute, überaus liebevoll [nach dir sehnend].'

Wort für Wort
kṣiptaḥ samudre
ins Meer geworfen
matsyasya saṃprāpto jaṭharān mayā
wurdest du von mir aus dem Bauch eines Fisches erlangt
sā tu roditi te mātā
jene aber weint, deine Mutter
kāntādyāpy ativatsalā
die Geliebte [Kṛṣṇas], noch heute überaus liebevoll

ity uktaḥ śambaraṃ yuddhe pradyumnaḥ sa samāhvayat / krodhākulīkṛtamanā yuyudhe ca mahābalaḥ //

So angesprochen, forderte jener Pradyumna den Śambara zum Kampf heraus, und mit von Zorn erregtem Geist kämpfte der sehr Starke.

Wort für Wort
ity uktaḥ
so angesprochen
śambaraṃ yuddhe pradyumnaḥ sa samāhvayat
forderte jener Pradyumna den Śambara zum Kampf heraus
krodhākulīkṛtamanā
mit von Zorn erregtem Geist
yuyudhe ca mahābalaḥ
und der sehr Starke kämpfte

hatvā sainyam aśeṣaṃ tu tasya daityasya mādhaviḥ / sapta māyā vyatikramya māyāṃ saṃyuyuje 'ṣṭamīm //

Nachdem der Sohn der Mādhavī [Pradyumna] das gesamte Heer jenes Daitya vernichtet hatte, überwand er dessen sieben Zauberkräfte und wandte [seinerseits] die achte Zauberkraft an.

Wort für Wort
hatvā sainyam aśeṣaṃ tu
nachdem er das gesamte Heer vernichtet hatte
tasya daityasya mādhaviḥ
jenes Daitya, der Sohn der Mādhavī
sapta māyā vyatikramya
die sieben Zauberkräfte überwindend
māyāṃ saṃyuyuje 'ṣṭamīm
wandte er die achte Zauberkraft an

tayā jaghāna taṃ daityaṃ māyayā kālaśambaram / utpatya ca tayā sārdham ājagāma pituḥ puram //

Mit dieser Zauberkraft tötete er jenen Daitya Kālaśambara, und, emporfliegend, kam er zusammen mit ihr [Māyāvatī] zur Stadt seines Vaters.

Wort für Wort
tayā jaghāna taṃ daityaṃ
mit dieser tötete er jenen Daitya
māyayā kālaśambaram
durch [diese] Zauberkraft, Kālaśambara
utpatya ca tayā sārdham
und, emporfliegend, zusammen mit ihr
ājagāma pituḥ puram
kam er zur Stadt seines Vaters

antaḥpure ca patitaṃ māyāvatyā samanvitam / taṃ dṛṣṭvā hṛṣṭasaṃkalpā babhūvuḥ kṛṣṇayoṣitaḥ / rukmiṇī cābravīt premṇā āsaktadṛṣṭir aninditā //

Und als er, zusammen mit Māyāvatī, im inneren Frauengemach ankam, wurden Kṛṣṇas Frauen, ihn erblickend, von freudiger Erwartung erfüllt, und Rukmiṇī, die Untadelige, sprach voller Liebe, mit gebanntem Blick:

Wort für Wort
antaḥpure ca patitaṃ
und im inneren Frauengemach ankommend
māyāvatyā samanvitam
zusammen mit Māyāvatī
taṃ dṛṣṭvā hṛṣṭasaṃkalpā babhūvuḥ kṛṣṇayoṣitaḥ
ihn erblickend, wurden Kṛṣṇas Frauen von freudiger Erwartung erfüllt
rukmiṇī cābravīt premṇā āsaktadṛṣṭir aninditā
und Rukmiṇī, die Untadelige, sprach voller Liebe, mit gebanntem Blick

[Anm.: Unregelmäßiger dreizeiliger Vers im Original.]

dhanyāyāḥ khalv ayaṃ putro vartate navayauvane / asmin vayasi putro me pradyumno yadi jīvati //

Rukmiṇī sprach: 'Fürwahr, dies ist der Sohn einer Glücklichen, [der nun] in frischer Jugend steht — wenn mein Sohn Pradyumna [noch] lebte, [wäre er] in diesem Alter.'

Wort für Wort
dhanyāyāḥ khalv ayaṃ putro
fürwahr, dies ist der Sohn einer Glücklichen
vartate navayauvane
der [nun] in frischer Jugend steht
asmin vayasi putro me
in diesem Alter [wäre] mein Sohn
pradyumno yadi jīvati
Pradyumna, wenn er [noch] lebte

sabhāgyā jananī vatsa tvayā kāpi vibhūṣitā / athavā yādṛśaḥ sneho mama yādṛg vapuś ca te / harer apatyaṃ suvyaktaṃ bhavān vatsa bhaviṣyati //

'Glückhaft ist die Mutter, o Kind, die durch dich geschmückt ist. Doch — nach der Größe meiner Zuneigung zu dir und nach der Ähnlichkeit deiner Gestalt zu urteilen — wirst du, o Kind, offenkundig ein Nachkomme Haris sein.'

Wort für Wort
sabhāgyā jananī vatsa
eine glückhafte Mutter, o Kind
tvayā kāpi vibhūṣitā
ist irgendeine [Frau] durch dich geschmückt
athavā yādṛśaḥ sneho mama
oder, wie [groß] meine Zuneigung [zu dir ist]
yādṛg vapuś ca te
und wie [ähnlich] deine Gestalt [der meines Sohnes ist]
harer apatyaṃ suvyaktaṃ bhavān vatsa bhaviṣyati
wirst du, o Kind, offenkundig ein Nachkomme Haris sein

[Anm.: Unregelmäßiger dreizeiliger Vers im Original.]

etasminn antare prāptaḥ saha kṛṣṇena nāradaḥ / antaḥpuravarāṃ devīṃ rukmiṇīṃ prāha harṣitaḥ //

Vyāsa sprach: In diesem Augenblick kam Nārada zusammen mit Kṛṣṇa, und er sprach, erfreut, zu Rukmiṇī, der vortrefflichen Herrin des Frauengemachs:

Wort für Wort
etasminn antare prāptaḥ
in diesem Augenblick kam
saha kṛṣṇena nāradaḥ
zusammen mit Kṛṣṇa, Nārada
antaḥpuravarāṃ devīṃ
zur vortrefflichen Herrin des Frauengemachs
rukmiṇīṃ prāha harṣitaḥ
sprach er, erfreut, zu Rukmiṇī

eṣa te tanayaḥ subhru hatvā śambaram āgataḥ / hṛto yenābhavat pūrvaṃ putras te sūtikāgṛhāt //

Śrī-Kṛṣṇa sprach: 'Dies ist dein Sohn, o Schönbraue; er ist gekommen, nachdem er Śambara getötet hat — Śambara, von dem zuvor dein Sohn aus dem Wochenbett-Haus geraubt worden war.'

Wort für Wort
eṣa te tanayaḥ subhru
dies ist dein Sohn, o Schönbraue
hatvā śambaram āgataḥ
er ist, nachdem er Śambara getötet hat, gekommen
hṛto yenābhavat pūrvaṃ
von dem [er] zuvor geraubt worden war
putras te sūtikāgṛhāt
dein Sohn, aus dem Wochenbett-Haus

iyaṃ māyāvatī bhāryā tanayasyāsya te satī / śambarasya na bhāryeyaṃ śrūyatām atra kāraṇam //

'Diese Māyāvatī ist die tugendhafte Gattin dieses deines Sohnes — sie ist nicht [wirklich] die Gattin des Śambara [gewesen]; höre den Grund dafür.'

Wort für Wort
iyaṃ māyāvatī bhāryā
diese Māyāvatī [ist] die Gattin
tanayasyāsya te satī
dieses deines Sohnes, die Tugendhafte
śambarasya na bhāryeyaṃ
nicht ist sie die Gattin des Śambara
śrūyatām atra kāraṇam
höre den Grund dafür

manmathe tu gate nāśaṃ tadudbhavaparāyaṇā / śambaraṃ mohayām āsa māyārūpeṇa rukmiṇi //

'Als aber Manmatha dem Untergang verfallen war, betörte sie, ganz auf dessen Wiedergeburt bedacht, den Śambara mit einer Zaubergestalt, o Rukmiṇī.'

Wort für Wort
manmathe tu gate nāśaṃ
als aber Manmatha dem Untergang verfallen war
tadudbhavaparāyaṇā
ganz auf dessen Wiedergeburt bedacht
śambaraṃ mohayām āsa
betörte sie den Śambara
māyārūpeṇa rukmiṇi
mit einer Zaubergestalt, o Rukmiṇī

[Anm.: Māyāvatī wird hier als Rati, die Gattin des Liebesgottes Kāma/Manmatha, enthüllt, die nach dessen Verbrennung durch Śiva auf seine Wiedergeburt (als Pradyumna) hinwirkte.]

vivāhādyupabhogeṣu rūpaṃ māyāmayaṃ śubham / darśayām āsa daityasya tasyeyaṃ madirekṣaṇā //

'Bei der Hochzeit und den anderen [ehelichen] Genüssen zeigte sie, mit den berauschenden Augen, dem Daitya [nur] eine schöne, aus Zauberkraft [bestehende] Gestalt.'

Wort für Wort
vivāhādyupabhogeṣu
bei der Hochzeit und den anderen Genüssen
rūpaṃ māyāmayaṃ śubham
eine schöne, aus Zauberkraft [bestehende] Gestalt
darśayām āsa daityasya
zeigte sie dem Daitya
tasyeyaṃ madirekṣaṇā
sie, mit den berauschenden Augen

kāmo 'vatīrṇaḥ putras te tasyeyaṃ dayitā ratiḥ / viśaṅkā nātra kartavyā snuṣeyaṃ tava śobhanā //

'Dein Sohn ist der herabgestiegene Kāma, und diese ist seine geliebte [Gattin] Rati; kein Bedenken ist hierbei zu hegen — sie ist deine schöne Schwiegertochter.'

Wort für Wort
kāmo 'vatīrṇaḥ putras te
dein Sohn ist der herabgestiegene Kāma
tasyeyaṃ dayitā ratiḥ
und diese ist seine geliebte [Gattin] Rati
viśaṅkā nātra kartavyā
kein Bedenken ist hierbei zu hegen
snuṣeyaṃ tava śobhanā
sie ist deine schöne Schwiegertochter

tato harṣasamāviṣṭau rukmiṇīkeśavau tadā / nagarī ca samastā sā sādhu sādhv ity abhāṣata //

Vyāsa sprach: Dann waren Rukmiṇī und Keśava da von Freude erfüllt, und die ganze Stadt rief: 'Vortrefflich, vortrefflich!'

Wort für Wort
tato harṣasamāviṣṭau
dann, von Freude erfüllt
rukmiṇīkeśavau tadā
Rukmiṇī und Keśava da
nagarī ca samastā sā
und jene ganze Stadt
sādhu sādhv ity abhāṣata
rief 'vortrefflich, vortrefflich!'

ciraṃ naṣṭena putreṇa saṃgatāṃ prekṣya rukmiṇīm / avāpa vismayaṃ sarvo dvāravatyāṃ janas tadā //

Als sie Rukmiṇī, mit dem lange verlorenen Sohn wiedervereint, erblickten, gerieten da alle Menschen in Dvāravatī in Staunen.

Wort für Wort
ciraṃ naṣṭena putreṇa
mit dem lange verlorenen Sohn
saṃgatāṃ prekṣya rukmiṇīm
Rukmiṇī, wiedervereint, erblickend
avāpa vismayaṃ sarvo
geriet in Staunen jeder
dvāravatyāṃ janas tadā
die Menschen in Dvāravatī da

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