Kapitel 200: pradyumnaharaṇaṃ śambaravadho māyāvatīrahasyaṃ ca
Der Raub des Pradyumna, die Tötung des Śambara und das Geheimnis der Māyāvatī
Der Dämon Kālaśambara, eine Prophezeiung fürchtend, raubt den sechs Tage alten Pradyumna und wirft ihn ins Meer; ein Fisch verschlingt ihn, wird gefangen und landet in Śambaras eigener Küche, wo Śambaras Frau Māyāvatī den unversehrten Knaben findet und, von Nārada über seine wahre Herkunft als Kṛṣṇas Sohn aufgeklärt, aufzieht. Als er herangewachsen ist, empfindet sie Liebesverlangen nach ihm, was sich auflöst, als sie ihm die Wahrheit über seine Herkunft offenbart: Er stürzt sich in den Kampf, vernichtet Śambaras Heer, überwindet dessen sieben Zauberkräfte mit einer achten und tötet ihn. Mit Māyāvatī fliegt er nach Dvārakā, wo Kṛṣṇa und Nārada Rukmiṇī aufklären, dass Māyāvatī in Wahrheit Rati ist, die Gattin des von Śiva verbrannten Liebesgottes Kāma, dessen Wiedergeburt Pradyumna ist — die ganze Stadt jubelt über die Wiedervereinigung von Mutter und totgeglaubtem Sohn.
śambareṇa hṛto vīraḥ pradyumnaḥ sa kathaṃ punaḥ / śambaraś ca mahāvīryaḥ pradyumnena kathaṃ hataḥ //
Die Weisen sprachen: Wie wurde jener von Śambara geraubte Held Pradyumna wiedergewonnen, und wie wurde der überaus kraftvolle Śambara von Pradyumna getötet?
Vyāsa sprach: Am sechsten Tag [nach seiner Geburt], als er gerade geboren war, raubte Kālaśambara, o Brahmanen, den Pradyumna aus dem Wochenbett-Haus, [denkend]: 'Dieser wird mein [Töter] sein.'
Wort für Wort
ṣaṣṭhe 'hni jātamātre tu
am sechsten Tag, als er gerade geboren war
pradyumnaṃ sūtikāgṛhāt
den Pradyumna aus dem Wochenbett-Haus
mamaiṣa hanteti dvijā
'dieser wird mein [Töter] sein', o Brahmanen
hṛtavān kālaśambaraḥ
raubte Kālaśambara
[Anm.: Motiv-Parallele zu Kaṃsa und Kṛṣṇa: Śambara kennt eine Prophezeiung, dass dieses Kind ihn töten wird, und versucht, dies durch den Raub abzuwenden.]
Ihn fortgetragen habend, warf er ihn sogleich ins Salzmeer, [den Krokodilen] vor [den Rachen], in einen von Wellen erzeugten Strudel, ins überaus furchtbare, von Krokodilen bewohnte [Gewässer].
Wort für Wort
nītvā cikṣepa caivainaṃ
ihn fortgetragen habend, warf er ihn
grāho 'gre lavaṇārṇave
vor [den Rachen] eines Krokodils, ins Salzmeer
kallolajanitāvarte
in einen von Wellen erzeugten Strudel
sughore makarālaye
ins überaus furchtbare, von Krokodilen bewohnte [Gewässer]
[?: Die genaue Konstruktion 'grāho 'gre' ('vor/im Angesicht eines Krokodils') ist knapp; hier wörtlich, als Hinweis auf die unmittelbare Todesgefahr im Meer, wiedergegeben.]
Als der Fischbauch aufgeschnitten wurde, sah sie den überaus schönen Knaben — den ersten Spross des [wieder erstandenen] Liebesbaumes, [nämlich] des [einst von Śiva] verbrannten Kāma.
Wort für Wort
dārite matsyajaṭhare
als der Fischbauch aufgeschnitten wurde
dadṛśe sātiśobhanam
sah sie den überaus schönen
kumāraṃ manmathataror
Knaben, des Liebesbaumes
dagdhasya prathamāṅkuram
des verbrannten [Kāma], den ersten Spross
[Anm.: Poetische Anspielung auf den Mythos, dass Śiva den Liebesgott Kāma (Manmatha) durch sein drittes Auge verbrannte; Pradyumna wird hier als dessen 'erster Spross', also als Wiedergeburt Kāmas, gedeutet.]
Nārada sprach: 'Dieser ist Kṛṣṇas Sohn, geraubt aus dem Wochenbett-Haus von Śambara, [der scheinbar sogar] die Erschaffung und Auflösung aller Welten [zu bewirken vermag],'
Wort für Wort
ayaṃ samastajagatāṃ
dieser, [wobei] aller Welten
sṛṣṭisaṃhārakāriṇā
durch den, der Erschaffung und Auflösung bewirkt
śambareṇa hṛtaḥ kṛṣṇa-tanayaḥ
von Śambara geraubte Sohn Kṛṣṇas
sūtikāgṛhāt
aus dem Wochenbett-Haus
[?: Das Epitheton 'sṛṣṭisaṃhārakāriṇā' (Schöpfung und Auflösung aller Welten bewirkend), gewöhnlich Göttern vorbehalten, wird hier hyperbolisch auf den mächtigen Dämon Śambara angewandt.]
sa yadā yauvanābhoga-bhūṣito 'bhūd dvijottamāḥ / sābhilāṣā tadā sā tu babhūva gajagāminī //
Als er, o Beste der Zweifachgeborenen, mit der Fülle der Jugend geschmückt war, da wurde sie, die mit dem [majestätischen] Gang einer Elefantenkuh Schreitende, von Verlangen [nach ihm] erfüllt.
Wort für Wort
sa yadā yauvanābhoga-bhūṣito 'bhūd
als er mit der Fülle der Jugend geschmückt war
dvijottamāḥ
o Beste der Zweifachgeborenen
sābhilāṣā tadā sā tu
da wurde sie von Verlangen erfüllt
babhūva gajagāminī
sie, mit dem Gang einer Elefantenkuh
[Anm.: Die scheinbar anstößige Wendung — die Ziehmutter begehrt den herangewachsenen Ziehsohn — wird ab V.26 aufgelöst: Māyāvatī ist in Wahrheit Rati, die Gattin des verbrannten Liebesgottes Kāma, dessen Wiedergeburt Pradyumna ist; ihre Zuneigung gilt somit rechtmäßig ihrem eigenen Gatten.]
māyāvatī dadau cāsmai māyā sarvā mahātmane / pradyumnāyātmabhūtāya tannyastahṛdayekṣaṇā / prasajjantīṃ tu tām āha sa kārṣṇiḥ kamalalocanaḥ //
Und Māyāvatī gab dem hochgesinnten Pradyumna, [der] wie ihr eigenes Wesen [war], alle [ihre] Zauberkräfte — sie, die Herz und Augen auf ihn gerichtet hatte. Doch zu ihr, [die sich ihm] hingebend [näherte], sprach jener Sohn Kṛṣṇas, der Lotusäugige:
Wort für Wort
māyāvatī dadau cāsmai
und Māyāvatī gab ihm
māyā sarvā mahātmane
alle [ihre] Zauberkräfte, dem Hochgesinnten
pradyumnāyātmabhūtāya
dem Pradyumna, [der] wie ihr eigenes Wesen [war]
tannyastahṛdayekṣaṇā
sie, die Herz und Augen auf ihn gerichtet hatte
prasajjantīṃ tu tām āha
doch zu ihr, [die sich ihm] hingebend, sprach
sa kārṣṇiḥ kamalalocanaḥ
jener Sohn Kṛṣṇas, der Lotusäugige
[Anm.: Unregelmäßiger dreizeiliger Vers im Original.]
'Warum verhältst du dich, die Haltung einer Mutter ganz aufgebend, anders [als eine Mutter]?'
Wort für Wort
mātṛbhāvaṃ vihāyaiva
die Haltung einer Mutter ganz aufgebend
kimarthaṃ vartase 'nyathā
warum verhältst du dich anders
[Anm.: Unregelmäßiger Vers — im Quelltext ist nur eine einzige Halbzeile überliefert (mit Editionssternchen markiert); die zweite Halbzeile fehlt offenbar in der vorliegenden Ausgabe.]
kṣiptaḥ samudre matsyasya saṃprāpto jaṭharān mayā / sā tu roditi te mātā kāntādyāpy ativatsalā //
'Ins Meer geworfen, wurdest du von mir aus dem Bauch eines Fisches erlangt. Jene aber, deine Mutter, die Geliebte [Kṛṣṇas], weint noch heute, überaus liebevoll [nach dir sehnend].'
Wort für Wort
kṣiptaḥ samudre
ins Meer geworfen
matsyasya saṃprāpto jaṭharān mayā
wurdest du von mir aus dem Bauch eines Fisches erlangt
sā tu roditi te mātā
jene aber weint, deine Mutter
kāntādyāpy ativatsalā
die Geliebte [Kṛṣṇas], noch heute überaus liebevoll
Nachdem der Sohn der Mādhavī [Pradyumna] das gesamte Heer jenes Daitya vernichtet hatte, überwand er dessen sieben Zauberkräfte und wandte [seinerseits] die achte Zauberkraft an.
Und als er, zusammen mit Māyāvatī, im inneren Frauengemach ankam, wurden Kṛṣṇas Frauen, ihn erblickend, von freudiger Erwartung erfüllt, und Rukmiṇī, die Untadelige, sprach voller Liebe, mit gebanntem Blick:
Wort für Wort
antaḥpure ca patitaṃ
und im inneren Frauengemach ankommend
māyāvatyā samanvitam
zusammen mit Māyāvatī
taṃ dṛṣṭvā hṛṣṭasaṃkalpā babhūvuḥ kṛṣṇayoṣitaḥ
ihn erblickend, wurden Kṛṣṇas Frauen von freudiger Erwartung erfüllt
rukmiṇī cābravīt premṇā āsaktadṛṣṭir aninditā
und Rukmiṇī, die Untadelige, sprach voller Liebe, mit gebanntem Blick
[Anm.: Unregelmäßiger dreizeiliger Vers im Original.]
Rukmiṇī sprach: 'Fürwahr, dies ist der Sohn einer Glücklichen, [der nun] in frischer Jugend steht — wenn mein Sohn Pradyumna [noch] lebte, [wäre er] in diesem Alter.'
sabhāgyā jananī vatsa tvayā kāpi vibhūṣitā / athavā yādṛśaḥ sneho mama yādṛg vapuś ca te / harer apatyaṃ suvyaktaṃ bhavān vatsa bhaviṣyati //
'Glückhaft ist die Mutter, o Kind, die durch dich geschmückt ist. Doch — nach der Größe meiner Zuneigung zu dir und nach der Ähnlichkeit deiner Gestalt zu urteilen — wirst du, o Kind, offenkundig ein Nachkomme Haris sein.'
Wort für Wort
sabhāgyā jananī vatsa
eine glückhafte Mutter, o Kind
tvayā kāpi vibhūṣitā
ist irgendeine [Frau] durch dich geschmückt
athavā yādṛśaḥ sneho mama
oder, wie [groß] meine Zuneigung [zu dir ist]
yādṛg vapuś ca te
und wie [ähnlich] deine Gestalt [der meines Sohnes ist]
harer apatyaṃ suvyaktaṃ bhavān vatsa bhaviṣyati
wirst du, o Kind, offenkundig ein Nachkomme Haris sein
[Anm.: Unregelmäßiger dreizeiliger Vers im Original.]
eṣa te tanayaḥ subhru hatvā śambaram āgataḥ / hṛto yenābhavat pūrvaṃ putras te sūtikāgṛhāt //
Śrī-Kṛṣṇa sprach: 'Dies ist dein Sohn, o Schönbraue; er ist gekommen, nachdem er Śambara getötet hat — Śambara, von dem zuvor dein Sohn aus dem Wochenbett-Haus geraubt worden war.'
'Als aber Manmatha dem Untergang verfallen war, betörte sie, ganz auf dessen Wiedergeburt bedacht, den Śambara mit einer Zaubergestalt, o Rukmiṇī.'
Wort für Wort
manmathe tu gate nāśaṃ
als aber Manmatha dem Untergang verfallen war
tadudbhavaparāyaṇā
ganz auf dessen Wiedergeburt bedacht
śambaraṃ mohayām āsa
betörte sie den Śambara
māyārūpeṇa rukmiṇi
mit einer Zaubergestalt, o Rukmiṇī
[Anm.: Māyāvatī wird hier als Rati, die Gattin des Liebesgottes Kāma/Manmatha, enthüllt, die nach dessen Verbrennung durch Śiva auf seine Wiedergeburt (als Pradyumna) hinwirkte.]
'Bei der Hochzeit und den anderen [ehelichen] Genüssen zeigte sie, mit den berauschenden Augen, dem Daitya [nur] eine schöne, aus Zauberkraft [bestehende] Gestalt.'
'Dein Sohn ist der herabgestiegene Kāma, und diese ist seine geliebte [Gattin] Rati; kein Bedenken ist hierbei zu hegen — sie ist deine schöne Schwiegertochter.'