Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 198: vāruṇīpānaṃ yamunākarṣaṇaṃ revatīvivāhaś ca Der Weingenuss, das Herbeiziehen der Yamunā und die Heirat mit Revatī

Varuṇa sendet die Weingöttin Vāruṇī zum Genuss des Balarāma (Śeṣa/Ananta in Menschengestalt). Berauscht vom in einer Kadamba-Baumhöhle entsprungenen Wein, ruft Balarāma die Yamunā zum Baden herbei; als der Fluss seinem Ruf nicht folgt, zieht er ihn zornig mit seinem Pflug aus dem Flussbett und überschwemmt den Wald, bis die erschrockene Flussgöttin ihn um Gnade bittet und er sie freilässt. Nach dem Bad wird er von Varuṇa und Lakṣmī mit Schmuck, Girlande und Gewändern beschenkt und erstrahlt in neuem Glanz. Nach zwei Monaten kehrt er nach Mathurā zurück und heiratet Revatī, die Tochter des Königs Raivata, mit der er die Söhne Niśaṭha und Ulmuka zeugt.

vane viharatas tasya saha gopair mahātmanaḥ / mānuṣacchadmarūpasya śeṣasya dharaṇībhṛtaḥ //

Vyāsa sprach: Während sich jener Hochgesinnte, [nämlich] Śeṣa, der Erdträger, der die Gestalt eines Menschen als Verkleidung angenommen hatte, zusammen mit den Hirten im Wald vergnügte —

Wort für Wort
vane viharatas tasya
während sich jener im Wald vergnügte
saha gopair mahātmanaḥ
zusammen mit den Hirten, des Hochgesinnten
mānuṣacchadmarūpasya
der die Gestalt eines Menschen als Verkleidung angenommen hatte
śeṣasya dharaṇībhṛtaḥ
des Śeṣa, des Erdträgers

[Anm.: Balarāma gilt als Inkarnation der Weltenschlange Śeṣa (auch Ananta genannt), die die Erde trägt.]

niṣpāditorukāryasya kāryeṇaivāvatāriṇaḥ / upabhogārtham atyarthaṃ varuṇaḥ prāha vāruṇīm //

— [er], der [seine] große Aufgabe vollbracht hatte, der eben wegen [dieser] Aufgabe [als Avatāra] herabgestiegen war, zu ihm sprach Varuṇa, zum Zweck seines überaus [großen] Genusses, zu Vāruṇī:

Wort für Wort
niṣpāditorukāryasya
der [seine] große Aufgabe vollbracht hatte
kāryeṇaivāvatāriṇaḥ
der eben wegen [dieser] Aufgabe herabgestiegen war
upabhogārtham atyarthaṃ
zum Zweck [seines] überaus großen Genusses
varuṇaḥ prāha vāruṇīm
sprach Varuṇa zu Vāruṇī

abhīṣṭāṃ sarvadā hy asya madire tvaṃ mahaujasaḥ / anantasyopabhogāya tasya gaccha mude śubhe //

Varuṇa sprach: 'Stets erwünscht diesem von großer Kraft, o Wein[göttin] — geh zum Genuss des Ananta, zu seiner Freude, o Holde.'

Wort für Wort
abhīṣṭāṃ sarvadā hy asya
stets erwünscht diesem
madire tvaṃ mahaujasaḥ
o Wein[göttin], du, dem von großer Kraft
anantasyopabhogāya
zum Genuss des Ananta
tasya gaccha mude śubhe
geh zu ihm, zur Freude, o Holde

ity uktā vāruṇī tena saṃnidhānam athākarot / vṛndāvanataṭotpanna-kadambatarukoṭare //

Vyāsa sprach: So von ihm angesprochen, begab sich Vāruṇī in die Höhlung eines am Ufer von Vṛndāvana gewachsenen Kadamba-Baumes.

Wort für Wort
ity uktā vāruṇī tena
so von ihm angesprochen, Vāruṇī
saṃnidhānam athākarot
begab sich [dorthin]
vṛndāvanataṭotpanna-
am Ufer von Vṛndāvana gewachsen
kadambatarukoṭare
in der Höhlung eines Kadamba-Baumes

vicaran baladevo 'pi madirāgandham uddhatam / āghrāya madirāharṣam avāpātha purātanam //

Auch Baladeva, umherwandelnd, erschnupperte den [dort] aufsteigenden Weinduft und empfand die uralte Weinfreude.

Wort für Wort
vicaran baladevo 'pi
auch Baladeva, umherwandelnd
madirāgandham uddhatam
den [dort] aufsteigenden Weinduft
āghrāya madirāharṣam
erschnuppernd, die Weinfreude
avāpātha purātanam
erlangte er, die uralte

tataḥ kadambāt sahasā madyadhārāṃ sa lāṅgalī / patantīṃ vīkṣya munayaḥ prayayau paramāṃ mudam //

Dann, als er, der Pflugträger, plötzlich den vom Kadamba[baum] herabfallenden Weinstrom erblickte, geriet er, o Weise, in höchste Freude.

Wort für Wort
tataḥ kadambāt sahasā
dann, plötzlich, vom Kadamba[baum]
madyadhārāṃ sa lāṅgalī
den Weinstrom, er, der Pflugträger
patantīṃ vīkṣya munayaḥ
herabfallend erblickend, o Weise
prayayau paramāṃ mudam
geriet er in höchste Freude

papau ca gopagopībhiḥ samaveto mudānvitaḥ / upagīyamāno lalitaṃ gītavādyaviśāradaiḥ //

Und er trank, mit den Hirten und Hirtinnen versammelt, von Freude erfüllt, während die in Gesang und Musik Kundigen ihn lieblich besangen.

Wort für Wort
papau ca gopagopībhiḥ
und er trank, mit den Hirten und Hirtinnen
samaveto mudānvitaḥ
versammelt, von Freude erfüllt
upagīyamāno lalitaṃ
besungen auf liebliche Weise
gītavādyaviśāradaiḥ
von den in Gesang und Musik Kundigen

śramato 'tyantagharmāmbhaḥ-kaṇikāmauktikojjvalaḥ / āgaccha yamune snātum icchāmīty āha vihvalaḥ //

Von der Anstrengung [erschöpft], glänzend von zahlreichen Schweißtröpfchen wie Perlen, sprach er, [schon] berauscht: 'Komm her, Yamunā, ich möchte baden!'

Wort für Wort
śramato 'tyantagharmāmbhaḥ-kaṇikāmauktikojjvalaḥ
von der Anstrengung glänzend von zahlreichen Schweißtröpfchen wie Perlen
āgaccha yamune
komm her, Yamunā
snātum icchāmi
ich möchte baden
ity āha vihvalaḥ
so sprach er, berauscht

tasya vācaṃ nadī sā tu mattoktām avamanya vai / nājagāma tataḥ kruddho halaṃ jagrāha lāṅgalī //

Jene Worte aber missachtete der Fluss, [sie] als von einem Berauschten gesprochen [ansehend], und kam nicht; da ergriff der zornige Pflugträger den Pflug.

Wort für Wort
tasya vācaṃ nadī sā tu
jene Worte aber, der Fluss
mattoktām avamanya vai
[als] von einem Berauschten gesprochen missachtend
nājagāma
kam er/sie nicht
tataḥ kruddho halaṃ jagrāha lāṅgalī
da ergriff der zornige Pflugträger den Pflug

gṛhītvā tāṃ taṭenaiva cakarṣa madavihvalaḥ / pāpe nāyāsi nāyāsi gamyatām icchayānyataḥ //

Er ergriff sie [die Flussgöttin] am Ufer, und zog, vom Rausch taumelnd: 'Du Sünderin, du kommst nicht, du kommst nicht — so gehe eben, wohin du willst, anderswohin!'

Wort für Wort
gṛhītvā tāṃ taṭenaiva
sie am Ufer ergreifend
cakarṣa madavihvalaḥ
zog er, vom Rausch taumelnd
pāpe nāyāsi nāyāsi
du Sünderin, du kommst nicht, du kommst nicht
gamyatām icchayānyataḥ
so gehe, wohin du willst, anderswohin

sā kṛṣṭā tena sahasā mārgaṃ saṃtyajya nimnagā / yatrāste baladevo 'sau plāvayām āsa tad vanam //

Sie, plötzlich von ihm gezogen, verließ, der Strom, ihr Flussbett, und überschwemmte den Wald, wo jener Baladeva sich befand.

Wort für Wort
sā kṛṣṭā tena sahasā
sie, plötzlich von ihm gezogen
mārgaṃ saṃtyajya nimnagā
ihr Flussbett verlassend, der Strom
yatrāste baladevo 'sau
wo jener Baladeva sich befand
plāvayām āsa tad vanam
überschwemmte sie jenen Wald

śarīriṇī tathopetya trāsavihvalalocanā / prasīdety abravīd rāmaṃ muñca māṃ muśalāyudha //

Dann, ihm in verkörperter Gestalt nahend, mit vor Angst verwirrten Augen, sprach sie zu Rāma: 'Sei gnädig, lass mich los, o du mit der Keule als Waffe!'

Wort für Wort
śarīriṇī tathopetya
[ihm] in verkörperter Gestalt so nahend
trāsavihvalalocanā
mit vor Angst verwirrten Augen
prasīdety abravīd rāmaṃ
sprach sie zu Rāma: 'sei gnädig'
muñca māṃ muśalāyudha
lass mich los, o du mit der Keule als Waffe

so 'bravīd avajānāsi mama śauryabalaṃ yadi / so 'haṃ tvāṃ halapātena nayiṣyāmi sahasradhā //

Er sprach: 'Wenn du meine heldenhafte Kraft verachtest, werde ich dich mit einem Pflugschlag in tausend [Teile] zerteilen.'

Wort für Wort
so 'bravīd avajānāsi
er sprach: 'verachtest du'
mama śauryabalaṃ yadi
meine heldenhafte Kraft, wenn [du sie verachtest]
so 'haṃ tvāṃ halapātena
dann werde ich dich mit einem Pflugschlag
nayiṣyāmi sahasradhā
in tausend [Teile] zerteilen

ity uktayātisaṃtrastas tayā nadyā prasāditaḥ / bhūbhāge plāvite tatra mumoca yamunāṃ balaḥ //

Vyāsa sprach: So von der überaus erschrockenen Flussgöttin angesprochen und besänftigt, ließ Bala dort, wo das Land überschwemmt war, die Yamunā los.

Wort für Wort
ity uktayātisaṃtrastas
so angesprochen, die überaus Erschrockene
tayā nadyā prasāditaḥ
durch jenen Fluss, besänftigt
bhūbhāge plāvite tatra
dort, wo das Land überschwemmt war
mumoca yamunāṃ balaḥ
ließ Bala die Yamunā los

tataḥ snātasya vai kāntir ājagāma mahāvane / avataṃsotpalaṃ cāru gṛhītvaikaṃ ca kuṇḍalam //

Dann kam dem im großen Wald Gebadeten fürwahr [neuer] Glanz zu, indem er ein schönes Lotos-Ohrornament und einen einzelnen Ohrring erhielt,

Wort für Wort
tataḥ snātasya vai kāntir ājagāma
dann kam dem Gebadeten fürwahr Glanz zu
mahāvane
im großen Wald
avataṃsotpalaṃ cāru
ein schönes Lotos-Ohrornament
gṛhītvaikaṃ ca kuṇḍalam
und einen einzelnen Ohrring ergreifend

varuṇaprahitāṃ cāsmai mālām amlānapaṅkajām / samudrārhe tathā vastre nīle lakṣmīr ayacchata //

und [dazu] eine von Varuṇa ihm gesandte, unverwelkliche Lotus-Girlande, sowie zwei meerwürdige blaue Gewänder gab ihm Lakṣmī.

Wort für Wort
varuṇaprahitāṃ cāsmai
und von Varuṇa ihm gesandt
mālām amlānapaṅkajām
eine Girlande aus unverwelklichen Lotusblüten
samudrārhe tathā vastre nīle
und ebenso zwei meerwürdige blaue Gewänder
lakṣmīr ayacchata
gab Lakṣmī [ihm]

kṛtāvataṃsaḥ sa tadā cārukuṇḍalabhūṣitaḥ / nīlāmbaradharaḥ sragvī śuśubhe kāntisaṃyutaḥ //

Da, mit dem Ohrschmuck versehen, mit dem schönen Ohrring geziert, das blaue Gewand tragend und bekränzt, erstrahlte er, von Glanz erfüllt.

Wort für Wort
kṛtāvataṃsaḥ sa tadā
mit dem Ohrschmuck versehen, er da
cārukuṇḍalabhūṣitaḥ
mit dem schönen Ohrring geschmückt
nīlāmbaradharaḥ sragvī
das blaue Gewand tragend, bekränzt
śuśubhe kāntisaṃyutaḥ
erstrahlte er, von Glanz erfüllt

itthaṃ vibhūṣito reme tatra rāmas tadā vraje / māsadvayena yātaś ca punaḥ sa mathurāṃ purīm //

So geschmückt, vergnügte sich Rāma dann dort in Vraja, und nach zwei Monaten ging er wieder zur Stadt Mathurā.

Wort für Wort
itthaṃ vibhūṣito reme
so geschmückt, vergnügte sich
tatra rāmas tadā vraje
dort Rāma dann in Vraja
māsadvayena yātaś ca
und nach zwei Monaten ging er
punaḥ sa mathurāṃ purīm
wieder zur Stadt Mathurā

revatīṃ caiva tanayāṃ raivatasya mahīpateḥ / upayeme balas tasyāṃ jajñāte niśaṭholmukau //

Und Revatī, die Tochter des Königs Raivata, heiratete Bala; in ihr wurden Niśaṭha und Ulmuka geboren.

Wort für Wort
revatīṃ caiva tanayāṃ
und Revatī, die Tochter
raivatasya mahīpateḥ
des Königs Raivata
upayeme balas tasyāṃ
heiratete Bala; in ihr
jajñāte niśaṭholmukau
wurden Niśaṭha und Ulmuka geboren

Interaktive Leseansicht des ganzen Werks