Kapitel 227: vaiṣṇavānāṃ lokakramamuktivarṇanam
Die Darlegung der stufenweisen Himmelswelten und der Erlösung der Vāsudeva-Verehrer
Die Weisen fragen Vyāsa, welches Ziel die Verehrer Vāsudevas erlangen — Himmel, Erlösung oder beides (V.1-4). Vyāsa antwortet, dass schon die bloße Einweihung zu Kṛṣṇa zur Erlösung führt, und schildert in einer eindringlichen Passage die Vergänglichkeit und Unreinheit des menschlichen Körpers, den der Verehrer beim Tod verlässt (V.5-17). Sodann folgt eine ausführliche kosmologische Stufenfolge von Welten, die der Vaiṣṇava nach dem Tod der Reihe nach durchläuft, mit jeweils genannter Verweildauer in Manvantaras bzw. Jahren: Antarikṣa-, Gandharva-, Āditya-, Candra-, Nakṣatra-, Deva-, Śakra-, Prājāpatya- und Paitāmaha- (Brahmā-)Welt (V.18-31), gefolgt von wiederholten Rückkehrten zur Erde in immer vorzüglichere Brahmanenfamilien (V.32-35), und schließlich, nach zehn solchen Erdenleben, dem Aufstieg durch die Welt Haris, die Welt Varāhas, das Haus des Narasiṃha, die Vaiṣṇava-Stadt (Vaikuṇṭha), erneut Brahmaloka, die Stadt Nārāyaṇas sowie die Städte der vier Vyūha-Erscheinungsformen Aniruddha, Pradyumna und Saṃkarṣaṇa (V.36-47), bis der Verehrer schließlich in den gestaltlosen, makellosen Vāsudeva selbst eingeht und endgültige Erlösung (Mukti) erlangt (V.48-50).
Welches Ziel erlangen die Menschen, o großer Weiser, die Vāsudeva vorschriftsgemäß mit Hingabe verehrt haben und der Verehrung Vāsudevas hingegeben sind?
Wort für Wort
saṃpūjya vidhivad bhaktyā vāsudevaṃ mahāmune /
Welches Ziel erlangen die Menschen, o großer Weiser, die Vāsudeva vorschriftsgemäß mit Hingabe verehrt haben
Du sollst, Allwisser, unseren im Herzen wohnenden Zweifel zerschneiden; es gibt außer dir in dieser Welt keinen anderen, der ihn zerschneiden könnte, o Bester der Weisen.
Wort für Wort
chettum arhasi sarvajña saṃśayaṃ no hṛdi sthitam /
Du sollst, Allwisser, unseren im Herzen wohnenden Zweifel zerschneiden;
dīkṣāmātreṇa kṛṣṇasya narā mokṣaṃ vrajanti vai /
kiṃ punar ye sadā bhaktyā pūjayanty acyutaṃ dvijāḥ //
Schon durch die bloße Einweihung (Dīkṣā) zu Kṛṣṇa gelangen die Menschen wahrlich zur Erlösung — wie viel mehr erst jene, die stets mit Hingabe den Unvergänglichen verehren, ihr Zweifachgeborenen!
Wort für Wort
dīkṣāmātreṇa kṛṣṇasya narā mokṣaṃ vrajanti vai /
Schon durch die bloße Einweihung zu Kṛṣṇa gelangen die Menschen wahrlich zur Erlösung —
kiṃ punar ye sadā bhaktyā pūjayanty acyutaṃ dvijāḥ //
wie viel mehr erst jene, die stets mit Hingabe den Unvergänglichen verehren, ihr Zweifachgeborenen!
na teṣāṃ durlabhaḥ svargo mokṣaś ca munisattamāḥ /
labhante vaiṣṇavāḥ kāmān yān yān vāñchanti durlabhān //
Für sie sind weder Himmel noch Erlösung schwer erreichbar, o ihr Besten der Weisen; die Vaiṣṇavas erlangen alle Wünsche, welche schwer erreichbaren sie auch begehren.
Wort für Wort
na teṣāṃ durlabhaḥ svargo mokṣaś ca munisattamāḥ /
Für sie sind weder Himmel noch Erlösung schwer erreichbar, o ihr Besten der Weisen;
Wie ein Mensch, der einen Juwelenberg erklommen hat, nach eigenem Belieben ein Juwel nimmt, o ihr Tiger unter den Weisen, ebenso erlangt der Verehrer von Kṛṣṇa seine Herzenswünsche.
Wort für Wort
ratnaparvatam āruhya naro ratnaṃ yathādadet /
Wie ein Mensch, der einen Juwelenberg erklommen hat, nach eigenem Belieben ein Juwel nimmt,
svecchayā muniśārdūlās tathā kṛṣṇān manorathān //
o ihr Tiger unter den Weisen, ebenso erlangt der Verehrer von Kṛṣṇa seine Herzenswünsche.
Wie ein Mensch, der zum Wunschbaum (Kalpavṛkṣa) gelangt ist, nach eigenem Belieben dessen Früchte nimmt, ihr Brahmanen, ebenso erlangt er von Kṛṣṇa seine Herzenswünsche.
Wort für Wort
kalpavṛkṣaṃ samāsādya phalāni svecchayā yathā /
Wie ein Mensch, der zum Wunschbaum gelangt ist, nach eigenem Belieben dessen Früchte nimmt,
gṛhṇāti puruṣo viprāḥ tathā kṛṣṇān manorathān //
ihr Brahmanen, ebenso erlangt er von Kṛṣṇa seine Herzenswünsche.
Wenn sie jenen Herrn der Welt mit reinem inneren Selbst verehrt haben, erlangen die Menschen Wünsche, die selbst für die Götter schwer erreichbar sind.
Wort für Wort
ārādhya taṃ jagannāthaṃ viśuddhenāntarātmanā /
Wenn sie jenen Herrn der Welt mit reinem inneren Selbst verehrt haben,
prāpnuvanti narāḥ kāmān surāṇām api durlabhān //
erlangen die Menschen Wünsche, die selbst für die Götter schwer erreichbar sind.
tato 'ntarikṣaṃ lokaṃ te yānti sarvasukhapradam /
tatra bhuktvā varān bhogān daśamanvantaraṃ dvijāḥ //
Von dort gelangen sie zur Antarikṣa-Welt (Zwischenraum-Welt), die alles Glück gewährt; dort genießen sie, ihr Zweifachgeborenen, für zehn Manvantaras vorzügliche Genüsse.
Wort für Wort
tato 'ntarikṣaṃ lokaṃ te yānti sarvasukhapradam /
Von dort gelangen sie zur Antarikṣa-Welt, die alles Glück gewährt;
tatra bhuktvā varān bhogān daśamanvantaraṃ dvijāḥ //
dort genießen sie, ihr Zweifachgeborenen, für zehn Manvantaras vorzügliche Genüsse.
und genießen, frei von Alter und Tod, heilvolle Genüsse für diese Zeit. Von dort gelangen sie zur Nakṣatra-Welt (Sternen-Welt), geschmückt mit Himmelswagen,
Wort für Wort
kālaṃ bhuktvā śubhān bhogāñ jarāmaraṇavarjitāḥ /
und genießen, frei von Alter und Tod, heilvolle Genüsse für diese Zeit.
tasmān nakṣatralokaṃ tu vimānaiḥ samalaṃkṛtam //
Von dort gelangen sie zur Nakṣatra-Welt, geschmückt mit Himmelswagen,
mannigfaltige Genüsse, o Brahmanen, verbunden mit den zweimal acht Ṛg-Abteilungen; von dort gelangen sie wiederum, von den Göttern verehrt, zur Śakra-Welt (Indras Welt).
Wort für Wort
bhogān nānāvidhān viprā ṛgdvyaṣṭakasamanvitān /
mannigfaltige Genüsse, o Brahmanen, verbunden mit den zweimal acht Ṛg-Abteilungen [?];
śakralokaṃ punas tasmād gacchanti surapūjitāḥ //
von dort gelangen sie wiederum, von den Göttern verehrt, zur Śakra-Welt.
[Anm.] 'ṛgdvyaṣṭakasamanvitān' textlich unsicher, evtl. Bezug auf eine vedisch-liturgische Gliederung der Ṛg-Verse in Zweiergruppen von je acht; sinngemäß übersetzt.
und werden als Yogis geboren, Brahmanen, die den Sinn von Veda und Śāstra durchdrungen haben. So genießen sie, nachdem sie in allen Welten Genüsse nach Wunsch genossen haben,
Wort für Wort
jāyante yogino viprā vedaśāstrārthapāragāḥ /
und werden als Yogis geboren, Brahmanen, die den Sinn von Veda und Śāstra durchdrungen haben.
evaṃ sarveṣu lokeṣu bhuktvā bhogān yathepsitān //
So genießen sie, nachdem sie in allen Welten Genüsse nach Wunsch genossen haben,
ihāgatya punar yānti upary upari ca kramāt /
saṃbhave saṃbhave te tu śatavarṣaṃ dvijottamāḥ //
und kehren, hierher zurückgekehrt, wieder der Reihe nach immer höher hinauf; bei jeder einzelnen Geburt leben sie, o ihr Besten der Zweifachgeborenen, hundert Jahre,
Wort für Wort
ihāgatya punar yānti upary upari ca kramāt /
und kehren, hierher zurückgekehrt, wieder der Reihe nach immer höher hinauf;
saṃbhave saṃbhave te tu śatavarṣaṃ dvijottamāḥ //
bei jeder einzelnen Geburt leben sie, o ihr Besten der Zweifachgeborenen, hundert Jahre,
dann gelangen sie von der Brahma-Welt zur göttlichen Welt Haris; dorthin gegangen, genießen sie unvergängliche, mit allen Vollkommenheiten verbundene Genüsse
Wort für Wort
tadā lokaṃ harer divyaṃ brahmalokād vrajanti te /
dann gelangen sie von der Brahma-Welt zur göttlichen Welt Haris;
für hundert Manvantaras, frei von Geburt und Tod; danach gelangen sie, o ihr Besten der Zweifachgeborenen, zur Welt des Gottes in der Eberform (Varāha),
mit göttlichen Körpern, mit Ohrringen geschmückt, von großer Gestalt und großer Kraft; dort spielen die Fürsten der Brahmanen, nachdem sie eine vierarmige Gestalt angenommen haben,
Wort für Wort
divyadehāḥ kuṇḍalino mahākāyā mahābalāḥ /
mit göttlichen Körpern, mit Ohrringen geschmückt, von großer Gestalt und großer Kraft;
krīḍanti tatra viprendrāḥ kṛtvā rūpaṃ caturbhujam //
dort spielen die Fürsten der Brahmanen, nachdem sie eine vierarmige Gestalt angenommen haben,
Wiederum gelangen die besten der Adepten, ihr Brahmanen, zur Brahma-Welt; nachdem sie dort für lange Zeit, viele hundert Koṭi Jahre, verweilt haben,
Wort für Wort
brahmaloke punar viprā gacchanti sādhakottamāḥ /
Wiederum [?] gelangen die besten der Adepten, ihr Brahmanen, zur Brahma-Welt;
tatra sthitvā ciraṃ kālaṃ varṣakoṭiśatān bahūn //
nachdem sie dort für lange Zeit, viele hundert Koṭi Jahre, verweilt haben,
[Anm.] Der erneute Bezug auf 'Brahmaloka' hier (nach V.36) ist auffällig; möglicherweise ist ein anderer, höherer Brahmaloka innerhalb der Vaikuṇṭha-Hierarchie gemeint; sinngemäß übersetzt.
Nachdem sie dort lange Zeit geweilt und tausendfache Genüsse genossen haben, gehen sie ein in das, was Vāsudeva heißt, den unter dem Namen 'Virūpa' (Gestaltlosen) makellosen Gott.